Dienstag, 27. Dezember 2016

Weihnachtliche Mitmenschlichkeit (2): Propaganda und Verrohung


Eigentlich hatte ich vor, an dieser Stelle ein paar Worte zu dem Mordanschlag auf den schlafenden Obdachlosen in Berlin zu schreiben - allerdings ist mir der Altautonome in seinem letzten Kommentar schon zuvorgekommen, so dass ich mich nun lieber auf ein kleines Detail beschränken möchte.

Selbstverständlich sind solche unschönen Nachrichten aus dem paradiesischen Reich des kapitalistischen Wohlstandes, in dem es allen Menschen so unsäglich gut geht, wenig hilfreich für das verkündete Märchen. Daher werden solche Fälle in den Propagandamedien zwar gerne gemeldet (sie bringen schließlich "Klicks" und damit Profit), werden aber ebenso regelmäßig als bedauerliche, nicht repräsentative Einzelfälle dargestellt. Im vorliegenden Fall hat die n-tv-Redaktion das auf eine besonders perfide, gleichermaßen aber beliebte Art und Weise getan, die kaum jemandem auffallen dürfte, der den Artikel unbedarft liest.

In der - hübsch fett gedruckten - Zwischenüberschrift im Text heißt es lapidar: "Keine Zunahme von Angriffen auf Obdachlose", und schon kann der geneigte, womöglich humanistisch denkende Leser wieder erleichtert aufatmen. Sucht man im Text allerdings nach belastbaren Belegen für diese Behauptung, findet man lediglich eine statistische, unbelegte Zahl, die sich einzig auf Bahnhöfe bezieht, sowie dies:

Angriffe auf Berliner Obdachlose hätten nicht zugenommen, sagte Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofsmission, die in der Hauptstadt vielen Menschen auf der Straße hilft. "Was passiert ist, tut mir sehr leid. Aber aus meiner Sicht häuft sich das nicht."

Wir lernen also: Angriffe auf Obdachlose gibt es offenbar einzig auf Bahnhöfen, nirgends sonst; außerdem ist die Videoüberwachung äußerst erfolgreich; und nicht zuletzt versichert der Leiter der Bahnhofsmission ganz ohne irgendwelche Statistiken oder andere Zahlen, dass "aus seiner Sicht" alles gut sei. Das ist zusammengenommen so aussagekräftig wie der Spruch "In der Nacht ist alles Grüne auch rot, blau oder schwarz." Der Informationswert dieses Artikels tendiert gegen null - der Propagandagehalt dagegen dürfte ganz im Sinne der korrupten Bande sein: Ein wenig Sensationsgeifer, eine unmittelbare, doppelte Relativierung und selbstverständlich ein Verweis auf das Erfolgsmodell der staatlichen Totalüberwachung lassen keine reaktionären Wünsche mehr offen. - Es überrascht nicht, dass weder n-tv, noch andere Massenmedien diesen Vorfall zum Anlass nehmen, über das furchtbare, wahrhaft existenzielle Thema der zunehmenden Obdachlosigkeit sowie die zunehmende Verrohung der Gesellschaft ausführlich und hintergründig zu berichten - gerade zu Weihnachten ziemt es sich nicht, an der heuchlerischen, zynischen Fassade des kapitalistischen Verelendungssystems zu kratzen.

Eben jene Verrohung, die sich in plumpestem Rassismus äußert, lässt sich übrigens - sofern der Kotzeimer bereit steht und die Nerven stahlhart genug sind - bei Zeit Online nachlesen. Die Kommentare zu einem dortigen Bericht über "plötzlich verschärfte Regeln für Obdachlose in Hamburg" bieten einen wenig erquicklichen Einblick in die dumpfe Denkwelt einer angeblich gebildeten Mittelschicht. Die brutale Menschenfeindlichkeit und die bodenlose, geradezu schmerzhafte Dummheit, die sich dort offenbaren, machen mir regelrecht Angst. Da wundert es den Bibbernden schon nicht mehr, dass zur heiligen Weihnachtszeit aus der SPD auch gleich Rufe nach neuen Konzentrationslagern für Flüchtlinge laut werden:

Nach dem Berliner Anschlag geht die SPD in der Flüchtlingspolitik auf die Union zu. Anstelle von Transitzonen schlägt Innenexperte Lischka "spezielle" Einrichtungen vor.

Der Weg zur "Sonderbehandlung" ist offenbar nur noch ein sehr kurzer.

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Wort zur Zeit

Schon mal'n sie wieder Sprüche an die Zäune
und bohren kleine Löcher ins Gesetz
und ritzen ihre krummen Hakenkreuze
in alle nur erreichbaren Klosetts.

Sie grüßen sich mit neu erfund'nen Zeichen
und helfen sich mit kriegserworb'nem Geld,
und alle Tage bringen ihre Weiber
ein frischgebackenes Gerücht zur Welt.

Sie schenken ihren Kindern Bleisoldaten
und falten heimlich Helme aus Papier
und tragen aus Prinzip nur Reiterhosen,
damit man merkt, sie waren Offizier.

Sie reißen nachts Plakate von den Säulen
und kratzen neue Straßennamen ab
und nennen unsre altgeword'ne Jugend,
die sie auf dem Gewissen haben, "schlapp".

Sie spotten über Kunst, die sie nicht fassen,
und lügen über Männer, die sich müh'n,
den nur von ihnen so verfahr'nen Karren
so langsam wieder aus dem Dreck zu zieh'n.

Sie führen sicherlich schon schwarze Listen
und denken an ein gut vergrab'nes Beil,
und da sie wieder Morgenlüfte wittern,
so sag'n sie (aus Versehen) manchmal "Heil".

Ihr haltet sie, wie einst, für große Kinder,
für harmlos irr - für geistig ausgebombt ...
Ihr solltet wirklich nicht so schnell vergessen
und dies Gewürm zertreten und zerpressen,
damit es nicht noch einmal soweit kommt!

(Heinz Hartwig, in: "Der Simpl", Nr. 13 vom November 1946)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das sollte man gesehen haben: "Herr Dinse wird obdachlos"

http://www.dailymotion.com/video/xcn56s_herr-dinse-wird-obdachlos_news

Die Eichmänner machen ihren Job wie gehabt.

altautonomer hat gesagt…

Die sieben jungen Männer, die verdächtigt werden, den Obdachlosen in Berlin angezündet zu haben, stammen aus Syrien und Libyen. Der Hauptverdächtige ist 21 Jahre alt. Ich fass es nicht. Motiv??????????

https://www.youtube.com/watch?v=3cq_NDmweAo

So eine Tat dürfte wieder mal einige tausend Wählerstimmen ins Lager der AfD spülen.

Martin Däniken hat gesagt…

Die Angst zuverbrennen genauer verbranntt zuwerden war meine Hauptangst in der Zeit meiner Obdachlosigkeit,deshalb habe ich kein Alk zu mir genommen(fit inner Birne sein) und hatte wollene Unterwäsche an im Sommer ,ständig meinen Platz gewechselt-ein bewegliches Ziel ist nicht leicht zutreffen.
Mir waren als Tätergruppen nur 2 Abarten klar:
Besofffnene Scherzbolde,die mal schauen wollen,was passiert und
"Stadtreiniger",die Stadt von "Abschaum"befreien wollten...

frei-blog hat gesagt…

Das Thema ansteigender Obdachlosenzahlen darf kein öffentlich diskutiertes Thema sein, und wenn, nur unter schwammiger Berichterstattung, welche die Gründe dazu ebensowenig benennen wird, wie das eigentliche Ziel einer Sozialpolitik, die existenzbedrohliche Armut nicht verhindert, sondern erst ermöglicht. Grundsicherung für alle und keine weiteren Ansprüche, wobei die realen Lebensbedingungen noch heruntergerechnet werden, ganz übel bei der Bewilligung "angemessener" Wohnkosten zu erkennen.
In Jobcenter und Sozialämter sitzen Sachbearbeiter, die es eben nicht zu interessieren hat, ob jemand aufgrund einer Mieterhöhung seinen Nahrungsbedarf reduzieren muß, um seine Wohnung behalten zu dürfen. So richtig brutal wird es in der Erkenntnis, dass jeder Amtsrichter eine Räumungsklage befürworten kann, weil Vermieter soziale Umstände nicht beachten müssen (Aussage eines Anwalts). Im Klartext bedeutet dies eine ständige Bedrohung durch grundgesicherter Abhängigkeit.
Seit ich Hartz IV beantragen mußte, danach durch Zwangsverrentung endgültig aussortiert wurde, seitdem verfestigte sich auch diese Angst.

jakebaby hat gesagt…

"Ihr haltet sie, wie einst, für große Kinder,
für harmlos irr - für geistig ausgebombt ...
Ihr solltet wirklich nicht so schnell vergessen
und dies Gewürm zertreten und zerpressen,
damit es nicht noch einmal soweit kommt!"

Gut, dass die Warnung gleich nach Hitler rausging.
Ansonsten haetten wir zwischenzeitlich bis heute moeglicherweise kein nazifreies Deutschland.
Nie mehr wieder und wehret weiterhin den Anfaengen. ;-))

altautonomer hat gesagt…

Hier fand ich einen sehr guten Text zum Thema:

http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/gmf-obdachlosenfeindlichkeit

jakebaby hat gesagt…

Gluecklicherweise gibts hier&da Menschenrechtsbeauftragte welche sich den Noeten der Schwaechsten annehmen. http://jakester-express.blogspot.com/2008/02/soziales-europa.html

Auch die Behinderten kriegen, nicht nur in Frankreich, ihr Fett weg. https://jakester-express.blogspot.com/2008/03/gas-homeless-fuck-handicaped.html

Von Strasse bis Politik gehts ja nicht drum, was man fuer die Schwaechsten tun, sondern gegen sie unternehmen kann. .....

Jetzt hab ich wieder nix neues geblubbert. Wo das herkommt und weiterhin nicht besser wird muss ich auch nicht erklaeren.
Idiocracy (500 Jahre frueher).
Wer was schlaues sagt ist schwul oder retardet, Wissenschaft ist was fuer Spinner und Wasser ausschliesslich fuer die Klospuelung.

Der Westen/etc. ist weitehin verbloedet und wenns zu bloed wird, wird wieder zunehmend Kackbraun gewaehlt. Scheisse ist geduldig und erfreut sich des Aufpolierens. .......

Gruss
Jake


Charlie hat gesagt…

@ Altauto: Der Text ist in der Tat äußerst bedrückend. In den vergangenen sieben Jahren dürfte sich das Problem aber noch drastisch verschärft haben. Es ist wohl eine weihnachtliche Ausnahme, dass eine derartige Meldung den Weg überhaupt in die Mainstreammedien gefunden hat - ein Mordanschlag aus dem Raum Aachen hat es beispielsweise nicht über die Lokalpresse hinaus geschafft:

In der Nacht zu Heiligabend war der Obdachlose mit Messerstichen in Oberkörper und Arme attackiert worden. Er hatte sich noch einige hundert Meter bis zum Ponttor schleppen können, wo er vor einem Imbiss zusammenbrach. Der Imbiss-Besitzer hatte den Mann beobachtet. Er verständigte sogleich gegen 4.30 Uhr in der Nacht den Notruf.

Ich möchte lieber nicht wissen, wie oft so etwas geschieht, ohne dass es überhaupt in irgendwelchen Medien - und seien sie auch noch so regional begrenzt - auftaucht.

Gruselige Grüße!

Schirrmi hat gesagt…

Guten Abend, ich möchte nicht stören. Das Elternhaus sagte zu mir "ich nehme Dir den Schlüssel ab" - ich warf ihn in die Küche, nahm meinen Rucksack und ging. Meine erste Walz. Mein Vater, seit 10 im Geschäft seines Vaters, meines Opas, arbeitete sich sein ganzes Leben kaputt. Umstände zwangen ihn - auf die Straße. Nichts kriegt er, bekam er. Denn hochgesellschafftlich anerkannt starb er nach seinem Lebensweg: "Junge, ich hatte immer alles gut gemacht und jetzt habe ich keinen Pfennig in der Täsch..."

Leute, ich, und schreibe schreierisch: ICH will nicht akzeptieren wie es heutzutage zu geht..

Es mag Einigen vorkommen dass man selbst schuld ist. Doch, nein. Es ist nicht so. Es gibt Umstände. Ich habe grade mal ein Dach über den Kopf doch wer weiß wie lange? Wie lang die Mistkerle raffen dass sie auch noch ein paar Groschen aus mir rausholen können?

Sorry für die Aufregung! Ich könnte heulen!