Montag, 26. Dezember 2016

Weihnachtliche Mitmenschlichkeit (1): Die Rassisten aus Dresden


In Dresden gibt es einen neuen Verein, der sich - gerade zu Weihnachten - vorbildlich um Obdachlose kümmert und ihnen aus der Obdachlosigkeit heraushilft ein leckeres Mittagessen spendiert. Das müssen wahre Menschenfreunde sein, die sich gerade in dieser nicht nur saisonal bedingten eiskalten Zeit um die Schwächsten der Gesellschaft kümmern, für die der korrupte, kapitalistische Staat sich längst nicht mehr zuständig fühlt. Über die warmherzigen Humanisten aus Ostdeutschland berichtete vorgestern die Zeit:

In Dresden kümmert sich ein Verein um Obdachlose – aber nur deutsche. Auch andere Sozialvereine kooperieren mit den Flüchtlingsfeinden, nur einer hält dagegen. / (...) Man muss nicht lange suchen, um die Motivation dieses Vereins [Dresdner Bürger helfen Dresdner Obdachlosen und Bedürftigen e.V., gegründet am 21. Juli 2016, vom Finanzamt als mildtätig anerkannt] zu entschlüsseln. Er rekrutiert sich aus der islamfeindlichen Pegida-Bewegung, die hier in Dresden ihre Wurzeln hat. [Vereinschef Ingolf Knajder] lief nicht nur bei den Montagsaufzügen mit, er stand neben Pegida-Mitgründer Lutz Bachmann auf der Bühne, trat als Ordner in Erscheinung, er ist fest mit dem rechten Milieu verwachsen. In seiner Wortwahl gegen "Gutmenschen" und Rassismusgegner ist er menschenfeindlich, auf der Straße wird er handfest. Andersdenkende beschimpft er als "elende Kommunisten Votze", die Linken-Vorsitzende Katja Kipping beleidigte er als "rote verlogene Stasi-Hexe", der erkrankten Oberbürgermeisterin Helma Orosz schrieb er: "Möge Sie der Krebs endlich holen".

Da geht einem doch das Herz auf vor lauter weihnachtlicher Mildtätigkeit und man möchte dem Herrn Knajder und seinen SpießgesellInnen ebenfalls genüsslich in die Weichteile treten, bevor man sie dekorativ an den Weihnachtsbaum neben einen posaunenden Engel oder einen kotenden Elefanten hängt. --- Doch halt: diesem durchaus verständlichen Impuls sollte man mit ebensolchem Ekel begegnen wie den Pegioten und ihrem rassistischen Irrsinn selbst. Ich muss mich zwar arg beherrschen, wenn ich einen solchen Bericht lese, der geradewegs aus dem Jahr 1933 stammen könnte; allerdings vermag ich dies auch zu tun - ein Umstand, der mich hoffentlich deutlich von den widerlichen Pegioten unterscheidet. Wenn irgendetwas auf diesem verkommenen Planeten alternativlos ist, dann ist es nach meiner Überzeugung der Pazifismus.

Wie soll man solchen Gestalten, die ganz offen rassistisch agieren, also begegnen? Diese Frage stelle ich mir schon so lange, ohne eine wirklich befriedigende Antwort darauf gefunden zu haben. Es ist deutlich erkennbar, dass der Rassismus sich wieder einmal wie ein Krebsgeschwür - nicht bloß in Deutschland - ausbreitet und festsetzt, und es ist dringend nötig, hier endlich ein Konzept zu finden, wie diesem Wahnsinn Einhalt geboten werden kann, ohne dieselben dumpfen und letztlich kontraproduktiven Gewaltstrategien der hirnlosen Menschenfeinde zu bemühen. Gespräche, Diskussionen oder Fakten helfen hier ebensowenig wie Ignorieren oder Aussitzen. Bleibt am Ende doch nur die Wahl zwischen Gewalt, Resignation und Emigration?

In der ostdeutschen Bastion der Rechtsradikalen scheint der Rassismus jedenfalls auf breite Zustimmung zu stoßen, wenn man der Zeit folgt:

Die Beschränkung der Hilfe auf deutsche Bedürftige hat in Dresden eine gewaltige Hilfsbereitschaft freigesetzt: Am Telefon erzählt Knajder von sieben Mercedes Sprinter-Transportern voll mit Kleiderspenden, die vor dem Weihnachtsessen zusammenkamen.

Mir fällt dazu - nach einem weihnachtlichen Kotzgelage, das sich wahrlich gewaschen hat - nur noch dieses schauderhafte Brett vorm Kopf ein:

Hoffnungsloser Fall



(Zeichnung von Helmut Beyer [1908-1962], in: "Der Simpl", Nr. 7 vom Juli 1946)

Kommentare:

altautonomer hat gesagt…

Wie schreien die Neonazis auf ihren Demos? Sozial und national. Das ist doch in Dresden eine reine PR-Masche. Letztes verbindendes Kriterium zwischen Nazis und Obdachlosen ist die Nationalität.
Ansonsten fallen Obdachlose bei Nazis in die Kategorien "unnütze Esser", "gesellschaftsschädigend", "arbeitsscheu" und asozial. Diese Personengruppe sollte sich vielleicht mal Gedanken machen, was ihre Wohltäter traditionell mit Ihnen anstellen wrden, wenn sie (die Pegidioten) Macht übe sie erlangen.

Der militante Arm der "Bewegung" ist in diesem Sinne bereits aktiv und zeigt, was diese Menschen am Ende erwartet:

http://www.tagesspiegel.de/berlin/polizei-justiz/berlin-kreuzberg-obdachloser-angezuendet-und-gerettet/19176436.html

frei-blog hat gesagt…

Ja, ignorieren geht nicht, diese wäre nichts anderes als Zustimmung. Was aber tun, wenn ein zunehmender Bevölkerungsanteil seinen versteckten Rassismus offen ausleben kann, und dies unter Zustimmung einer nicht mehr als "Minderheit" zu bezeichnenden Entwicklung. Ich weiß es auch nicht.
In meinem Alltag reagiere ich zeitgleich auf rassistisch motivierte Äußerungen, sollte ich noch einen letzten Funken an Verstand erwarten können. Mehr an Möglichkeiten habe ich leider nicht, da ich sozialpolitisch auf Eis gelegt wurde, somit zu keiner ernsthaften Gegenwehr mehr fähig bin.
Gauck spricht über "Zusammenrücken" und meint damit wohl "Entzweiung". Und gerade dieser Zynismus ist es, der aufkommenden Hass als politisch vertretbar erscheinen lässt, wie auch den offenen Sozialrassismus seit der Agenda 2010.
Während ich wieder einmal lesen muß, dass Mietpreise für Wohnungen ansteigen werden, zukünftig jeder zweite Beitragszahler aus der gesetzlichen Rentenversicherung sich mit einer Grundsicherung zufriedengeben sollte, da er sein Beitragsziel nicht erreichte, frage ich mich, ob die Idioten von Rechts daran etwas ändern möchten.

Troptard hat gesagt…

@ Freiblog

Wenn Du Deinen letzten Absatz mit der Ansprache von Gauck in den Zusammenhang stellst, dann bleibt von dem "Zusammenrücken" des Bundespräsi nur die Aufforderung an die Volksgemeinschaft übrig, sich als nationale Notgemeinschaft zu verstehen.

Und was darunter zu verstehen ist, dass haben die "Idioten von Rechts" schon lange begriffen und der Bundespräsi braucht von denen auch keine Anleihen zu nehmen.

Wo die einen bereits Klartext reden und ihren Sozialchauwinismus vorläufig nur gegen Fremde artikulieren, da haben die Demokraten bereits alle Voraussetzungen dafür geschaffen, dass sich dieser Chauvinismus auch gegen diejenigen ausleben kann, die dem Bild der Volksgemeinschaft nicht entsprechen.

Es wird im Moment nur noch dieser religiöse und demokratische Kitsch einer angeblich toleranten und offenen Gesellschaft drübergelegt.

Und während wir uns mit dem Rechtsextremismus ausreichend und voll beschäftigen, in dieser Zeit werden bereits die nächsten Angriffe auf die Lebensverhältnisse der Menschen vorbereit.

Wir haben eine fundamentale ökonomische Krise! Und wie die Demokratie und das Kapital solchen Krisen zu lösen versucht, dazu reicht eigentlich ein Blick in die Geschichtsbücher, um die weitere Entwicklung vorherzusagen.

jakebaby hat gesagt…

"Wenn irgendetwas auf diesem verkommenen Planeten alternativlos ist, dann ist es nach meiner Überzeugung der Pazifismus."

Und da wandelt ein Charlie bewusst angewidert durch die Asche seines lieblichen Waldes welche verbrannte alternativlose Erde sauemt.

Wirklich nur eines von zahllos zunehmenden Beispielen der verfreiheitlichten westlichen Kackrutsche.
-Bewaffneter Protest zum Schutze des Fuehrers Mutter-
""Montana has extremely liberal open carry laws, so my lawyer is telling me we can easily march through the center of the town carrying high-powered rifles," the site says, adding that "we are going to be able to put together about 200 people to participate in the march, which will be against Jews, Jewish businesses and everyone who supports either.""

"As part of a campaign of intimidation against Jews, The Daily Stormer called on readers to "take action" and posted the names, photos and contact information of several Jewish leaders with a yellow star with "Jude" superimposed on their shirts."
http://www.newsmax.com/US/white-supremacist-jewish-daily-stormer-whitefish/2016/12/25/id/765556/

Nebenher bemerkt ist Trumps Stabschef der publizistische Macher dieser 'alternative Right' Jauche, welche wiederum die extrem fetten Vernetzungen der restwestlichen
Braunen bereichert.
Im krassen Gegensatz dazu existiert eine internationale Linke Vernetzung rein garnicht .... organisierte Linke existieren noch nicht mal auf nationalen Ebenen ...

Schach .. braun

Gruss
Jake

Charlie hat gesagt…

@ Jake: "Im krassen Gegensatz dazu existiert eine internationale Linke Vernetzung rein garnicht .... organisierte Linke existieren noch nicht mal auf nationalen Ebenen ..."

Das liegt meines Erachtens vor allem daran, dass - zumindest in Deutschland und einigen weiteren europäischen Staaten - noch immer eine Vielzahl von "Linken" oder jenen, die sich dafür halten, den lächerlichen Hütchenspielern auf den Leim geht und allen Ernstes davon überzeugt ist, dass eine politische Partei wie beispielsweise die "Linke" - im Rahmen des korrupten Parlamentarismus - eine adäquate Gegenwehr sei. Solange sich das nicht endlich ändert, wird es wieder einmal keine nennenswerte Opposition geben (können).

Es ist alles beim Alten.

"The same, the same! It's always quite the same.
The same intention, destination."

(aus: The Tear Garden: "You And Me And Rainbows")