Montag, 23. Januar 2017

Hartz-Terror: Kafka lebt!


Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.
(Franz Kafka: "Der Prozess")

Wusstet Ihr schon, dass Arbeitslose "Anspruch auf Urlaub" haben? Das ist kein Witz, sondern geltendes Hartz-Terror-Gesetz: Wer erwerbslos ist und sein Domizil für länger als einen Tag verlassen möchte, muss beim Amt "Urlaub" beantragen und darf erst nach erfolgter Genehmigung zum Freund in den Nachbarort oder zur Omi in den Bergen reisen - sofern man sich die Fahrt leisten kann, versteht sich, denn "Urlaubsgeld" gibt es selbstverständlich nicht.

Der Grund für diese von der neoliberalen Bande erdachte Regelung ist aber nicht etwa pure Schikane und Gängelung (wer dächte auch an so etwas Absurdes im Zusammenhang mit dem Hartz-Terror), sondern die Prämisse der ständigen Erreichbarkeit des Delinquenten. Schließlich könnte sich jederzeit (!) die ultimative "Chance" auf eine "Eingliederung" in den "ersten Arbeitsmarkt" ergeben, für die der Schmarotzer binnen 24 Stunden auf der Arbeitgebermatte zu stehen und Schuhe zu lecken hat, um sie wahrnehmen zu können.

Solch irrsinnige Begründungen glauben freilich nur Menschen, die statt eines Gehirnes einen verwesten Fleischbrei im Schädel pflegen - wenn überhaupt. Selbstredend wird diese Regelung von den "Jobcentern" auch sehr gerne als weiteres Instrument benutzt, um Menschen das "Existenzminimum" kürzen oder streichen zu können - da wird entweder eine angebliche "Ortsabwesenheit" des Betroffenen unterstellt oder auch nur vage "vermutet" (das reicht für eine Sanktion im Hartz-Terror-Alltag völlig aus), oder man lehnt das "Urlaubsgesuch" aus irgendwelchen, nicht näher benannten Gründen einfach ab und verschickt danach einen Gestellungsbefehl um zu überprüfen, ob der Betroffene auch wirklich daheim geblieben ist und den willkürlich anberaumten, ansonsten sinnfreien Termin wahrnimmt - stets in der Hoffnung auf mögliche Sanktionen. Es gibt in den "Jobcentern" sogar ganz offiziell Sanktionsquoten, die zu erfüllen sind - da bleibt es nicht aus, dass die SachbearbeiterInnen "fantasievoll" agieren müssen, um diese zu erreichen und ihren schmutzigen Job behalten zu dürfen.

Allein die verwendeten Begriffe wie "Urlaub", "Antrag", "Genehmigung" oder "Eingliederung" sind in diesem Zusammenhang schon derart kafkaesk, dass ich die übrigen Orwell'schen Neusprechbegriffe aus dem sprachlichen Amtsterrorrepertoire wie "Kunde", "Einladung" oder "Angemessenheit" gar nicht weiter erwähnen möchte. Die Liste wäre auch viel zu lang. Dennoch wird dieser sprachlich wie inhaltlich perverse Blödsinn völlig selbstverständlich benutzt und auf den Gipfel der Absurdität getrieben - und kaum jemand regt sich mehr darüber auf.

Wenn in Deutschland irgendetwas in böser, alter Tradition stets perfekt funktioniert, dann ist es die möglichst menschenfeindliche, herrschaftshörige und vollkommen absurde Bürokratie samt ihrer Fantasiesprache und ihren willig vollstreckenden Eichmännern und -frauen.

K. starrte den Aufseher an. Schulmäßige Lehren bekam er hier von einem vielleicht jüngeren Menschen? Für seine Offenheit wurde er mit einer Rüge bestraft? Und über den Grund seiner Verhaftung und über deren Auftraggeber erfuhr er nichts? Er geriet in eine gewisse Aufregung, ging auf und ab, woran ihn niemand hinderte, schob seine Manschetten zurück, befühlte die Brust, strich sein Haar zurecht, kam an den drei Herren vorüber, sagte: "Es ist ja sinnlos", worauf sich diese zu ihm umdrehten und ihn entgegenkommend, aber ernst ansahen und machte endlich wieder vor dem Tisch des Aufsehers halt.
(Franz Kafka, ebd.)

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Diener des Volkes



(Zeichnung von Franz Bleyer, in: "Der Simpl", Nr. 15 vom September 1947)

Kommentare:

Martin Däniken hat gesagt…

Nein Kafka passt nicht!
Denn der "Hartzer" weiss genau was er verbrochen hat:
Er ist arm!
Die ganze Hartzerei dient dazu wieder den gemütlichen Urzustand herzustellen wo es hiess:
Arm = Kriminell
Das habe ich erst richtig kapiert als ich "Den grossen Eisenbahnraub"von Michael Crichton gelesen hab
-vorher war es reines Kopfwissen!

Charlie hat gesagt…

@ Martin: Eben deswegen "passt" Kafka ja so gut. Die Zwangsverarmung ist durch den Hartz-Terror schließlich staalich organisiert und damit minutiös geplant - und keine "gottgegebene" Ausgangssituation. Selbstverständlich sagt die kapitalistische Bagage das nicht, sondern schwadroniert stattdessen von "Eigenverantwortung", wenn sie die "Kunden" der "Jobcenter" schikaniert und sie zu ihrer bürgerliche Exekution "einlädt", während die "Elite" in ihren Geldspeichern im Gold ertrinkt.

Liebe Grüße!

frei-blog hat gesagt…

Die Verwaltung Überflüssiger funktioniert doch prächtig nach Plan. Wer in die Scheiße gestoßen wird, darf – dazu noch – darin herumwühlen, auch Dienstleistung am Kunden genannt. Dafür wird man sogar gezwungen Verträge zu unterschreiben, was nichts anderes bedeutet, als sich schrittweise diesem Entsorgungsmechanismus anzupassen. Wer dabei nicht ersticken will, wird dafür hart bestraft.

Ich erinnere mich noch an die Kloake des Wohnblocks, indem ich hineingezeugt wurde; alle paar Wochen wurde sie entleert und entsorgt.

Martin Däniken hat gesagt…

Nein Kafka passt immer noch nicht-
Man kann an einen sachkundigen menschlischen Jobcenterologen geraten oder an jemand mit Angst aber ohne Ahnung...
was stimmt das Gefühl einer Maschinarie ausgeliefert zusein!
aber die Regeln sind nicht undurchschaubar...
und man sollte die Regeln einigermassen kennen!
Si vis pacem para bellum
"Die größte Verwundbarkeit ist die Unwissenheit." Sun Zi
Sonst wird man überfahren

epikur hat gesagt…

@Martin Däniken

"Die ganze Hartzerei dient dazu wieder den gemütlichen Urzustand herzustellen wo es hiess: Arm = Kriminell"

Zustimmung! Gerade die bürgerliche Mittelschicht kann sich dann wieder bequem dem Ski-Urlaub über Weihnachten, dem eigenen großen Garten oder anderen, vergnüglichen Hobbys widmen. Sind eben alle selbst schuld. Dieses Sozialschmarotzer-Pack. Saufen zuviel oder sind einfach zu dumm gewesen. Über strukturelle Ursachen nachdenken verdirbt doch nur die Laune.

Allerdings klappt diese Einimpfungsrhetorik (noch) nicht ganz so gut. Denn gerade Kinder- und Altersarmut zeigen sehr schön auf, wie realitätsfemd das "heilige Eigenverantwortungs-Dogma" doch ist. Und darüber wird (noch) viel berichtet.

Martin Däniken hat gesagt…

Leider ist die Kinder-/Altersarmut nicht in der Blöd zu finden,
Nur wenns pitoresk,mitleidserregend ist....
wenns die Leute erreicht und es weh tut,dann ist evtll
die eigene Befindlichkeitsschranke durchbrochen.
Der Schlingensief wäre in der Lage gewesen eine entsprechende Aktion zufahren,die Mindfukking/-blowend gewesen wäre!

Aber um meinen vorigen Post aufzugreifen-natürlich sind die Strukturen der J-Center so eingerichtet,den Leuten den Schneid abzukaufen.
Aber sich wie jemand aus ner Auswanderer-Dousoap ohne Ahnung zum J-Center zubegeben,ist auch nicht mal ansatzweise zielführend!

Anonym hat gesagt…

Wehe, dieses Abkaufen des Schneids funktioniert nicht. Dann ist ein Feind identifiziert, und alle Mittel sind erlaubt. Gewusst habe ich das zwar immer, aber es macht einen riesigen Unterschied, wenn man erlebt, was dieses System mit einem Freund anrichtet. Er ist Tauchermeister, mit 29 hat er diese zweite Karriere als Kampfschwimmer bei den Tommys gestartet, und er hat in halb Europa auf Baustellen gearbeitet. Nach einer Phase der Arbeitslosigkeit dann wieder eine Anstellung, nach 11 Monaten geht der Arbeitgeber in Konkurs, und JC und BA schieben sich die Verantwortung für die anstehenden Rezertifizierungen ( Unterwasserschweißen, Offshore, Kampfmittelräumung ) gegenseitig zu. Nicht jeder ist in so einer Situation charakterlich zur "Kooperation" geeignet. Vor Gericht mehrfach Recht zu bekommen und dem JC Fehler nachweisen zu können, ist ein kleiner Trost, nützt aber nur sehr wenig.
Jetzt arbeitet er in der Nordsee am Bau von Offshore-Windparks und Stromkabeln, und nicht als Hilfsarbeiter. Das Jobcenter hielt ihn für zu alt, die Tauchmediziner der DLR in Köln und sein Arbeitgeber in den NL sind offenbar anderer Meinung.
Eine Erfolgsgeschichte, sicher, und eine Ausnahmesituation. Helfen zu können hat gut getan, und dass das JC mir meine Auslagen erstatten muss, sogar verzinst, hellt diese Wintertage auf. Es bleibt das nagende Unbehagen, dass man dem Irrsinn im Großen so nicht bekämpfen kann.

Arbo hat gesagt…

By the way: "Urlaubsanspruch" ist in dem Zusammenhang meines Wissens nach auch deshalb schräg irreführend, weil sich normaler Urlaub auf Werktage bezieht (idR Mo-Fr), das Jobcenter aber Kalendertage meint (21 Tage sind dann genau drei Wochen).

Charlie hat gesagt…

@ Arbo: Danke für die Ergänzungen - das Detail bezüglich der Werk- bzw. Kalendertage war mir noch gar nicht bekannt.

stille G. hat gesagt…

Hallo allerseits ~)
ich habe noch ein Schmankerl zur Ortsabwesenheit im Landkreis Oder Spree ~
Öffnungszeiten der Arge Erkner Dienstag und Donnerstag
großes Einzugsgebiet ~ miserabler öffentlicher Nahverkehr

http://www.landkreis-oder-spree.de/media/custom/2426_1695_1.PDF

in der PDF auf Seite vier ein Hinweis zur Ortsabwesenheit

Ortsabwesenheit liegt vor, wenn Sie die für Sie zuständige Regionalstelle des Jobcenters nicht innerhalb einer zumutbaren Zeit (ca. 2,5 Stunden für Hin- und Rückweg) während der Öffnungszeiten erreichen können

mache sich jeder seinen eigenen Reim

Grüße von der stillen G. ~) ~)) ~)))

Charlie hat gesagt…

@ stille G.: Was soll man dazu noch anderes sagen ... als: Kafka tanzt irre und wild grinsend in deutschen Bürokratielanden. Danke für diesen zusätzlichen Hinweis!

Liebe Grüße!

flurdab hat gesagt…

Hallo,
Arm = Kriminell, passt schon.
Das hat schon bei Wilhelm Voigt funktioniert.
Bekannt als der Hauptmann von Köpenick.

Ich habe mir die Statistik für die offizielle Inflation im Netz gesucht.
Von 1992 bis 2016, im Mittel betrug dies 1,728% p. a.
Dann habe ich von einer Summe X ausgehend die Inflation, inklusive des Zinseszins berechnet. Da der Mensch linear denkt, fällt die Vorstellung der Potenzierung schwer.
Weshalb man ja Achselzuckend sagen könnte 1,728% im Jahr, das ist doch nichts.

Am Ende meiner Zahlenkolonne bin ich auf einen Kaufkraftverlust von 53% in 25 Jahren gekommen!
D.h. das schon das nicht ausgleichen der Inflation bei Tarif und Lohnverhandlungen, zu einer galoppierenden Verarmung führen.
Denn von der Beteiligung an den Gewinnen durch die Produktivitätssteigerung sprechen ja selbst die Gewerkschaften nicht mehr.
Und damit dies niemanden auf fällt, gibt es ja das neoliberale "Unterhaltungsprogramm". Also HartzIV, Verblödung- TV, viele Stunden zu kleinem oder auch gar keinem Lohn. Sofern man sich dem Hamsterrad der Leih/ Zeitarbeit ausliefert.

Grüße

Martin Däniken hat gesagt…

Aber trotz dieses Kaufkraftverlustes gibt es keinen Aufschrei,keinen Aufruhr,keine Revolution.
Entweder gibt es noch andere Faktoren oder man hat sich daran gewöhnt...
oder alles kommt zusammen!
Und ich halte singuläre Kausalketten für denkvereinfachende Fanatismusvorstufen.
Din da eher einfach gestrickt ;-)

Charlie hat gesagt…

@ flurdab: Nur mal angenommen, ein gemeiner Pegidiot oder "Normalbürger" folgte Deiner schlüssigen Argumentation: Was, glaubst Du, wäre das Ergebnis dieses Denkprozesses? Wären es wohl die Superreichen oder gar das kapitalistische System, die er angriffe - oder nicht doch eher "die Flüchtlinge", "die Schmarotzer" (Arbeitslosen) oder "die Kranken"?

Ich befürchte, dass das Problem weitaus tiefer anzusiedeln ist und durch schnöde Fakten und Zahlen nicht zu bekämpfen ist - zumal der Kaufkraftverlust in der westlichen Welt ohnehin nur eine Seite der globalen Medaille ist, die den Horror des weitaus größeren Teils der Menschheit auf diesem kapitalistisch verseuchten Planeten nicht beachtet.

Es ist das Kaufen an sich, das es zu bekämpfen gilt! Ansonsten kann man auch SPD, Grüne oder Linke wählen und darauf hoffen, letzten Endes doch noch zu einer privilegierten Gruppe zu gehören, denen die gütige Herrschaft ein halbwegs auskömmliches Sklavenleben zugesteht. Das ist nicht mein Weg.

Liebe Grüße!

flurdab hat gesagt…

@ Charlie,

OK, das man den Menschen dann erstmal erklären muss das diese 53% nicht nur ihr Verlust, sondern der Gewinn eines "unbekannten" Dritten darstellt, ist wirklich schwierig und beschämend.
Man sieht es ja auch daran die Menschen selten den Widerspruch zwischen ihren eigenen finanziellen Möglichkeiten und der Aussage "Deutschland geht es gut" ansprechen bzw. einfach mal die Frage stellen, wo denn die Gewinne der 40% Produktivitätssteigerung abgeblieben sind.
Oder auch wie es zu immer neuen Spitzensteuereinnahmen kommt, und sie trotzdem immer mehr rechnen müssen.
Oder wo denn die exorbitanten Steigerungen des Privatvermögens verschwinden, denn diese steigen ja jährlich. Vermutlich werde ich nächste Jahr bereits wieder meine, dann vermutlichen 60.000 €, in meiner Wohnung suchen und sie wieder nicht finden.
Der Witz ist von Volker Pispers, das war schon ein Running Gag. Geholfen hat es nichts.
Ich glaube wirklich, die sind einfach zu blöd um das System auch nur annähernd zu begreifen. Das wird Henry Ford wohl recht behalten haben.

Grüße