Mittwoch, 1. Februar 2017

Philosophie heute: Weltschmerzgeschwurbel und Eigenverantwortungspropaganda


Es ist ja stets mit unfreiwilligem Slapstickhumor verbunden, wenn heutige kapitalistische Massenmedien sich dem Thema Philosophie widmen - die Beispiele dafür sind längst Legion (ich erinnere nur ungern an Peter Schlotterschwanz). Dass es aber ebenfalls in oberflächliche, geradezu lächerliche Küchentischweisheiten ausartet, wenn beispielsweise Zeit Online ein Interview mit einer Philosophieprofessorin bringt, läutet eine neue Stufe der Dämlichkeit ein, die sich gewaschen hat.

Die Rede ist von diesem Interview mit Prof. Sabine Döring, die "Praktische Philosophie" an der Uni Tübingen lehrt. Ich weiß freilich nicht, wie authentisch bzw. vollständig der wiedergegebene Text ist - was da aber zu lesen ist, muss jedem Geisteswissenschaftler und jedem denkfähigen Menschen aufgerollte Fußnägel und blutende Augen bescheren. Gerade zum Thema "Weltschmerz", das in Untergangszeiten wie heute nicht ohne Grund sehr aktuell ist, bekommt man dort hanebüchenen Unsinn zu lesen, der - wäre es nicht so ernst - karnevalistische Lachsalven zur Folge hätte. Döring vergleicht den "Weltschmerz" der Literatur der Jahrhundertwende, also ebenfalls einer Zeit des kapitalistischen Unterganges, einfach mal mit einer persönlichen "Spinnenphobie" [sic!] und negiert damit ganze Jahrzehnte der literaturwissenschaftlichen Erkenntnis gänzlich. Man könnte tonnenweise Regalwände aus literaturwissenschaftlichen Bibliotheken in die Müllverbrennungsanlage kippen, nähme man diesen grotesken Unfug ernst.

Des weiteren offenbart die Dame ein äußerst elitäres, geradezu faschistoides Menschenbild, wenn sie sagt:

Ob ich die Welt als unzulänglich erlebe oder nicht, hängt davon ab, welche Wünsche, Ziele oder Bedürfnisse ich habe. Ein Handwerker, der glücklich ist, wenn die Ziegel, mit denen er das Dach decken will, pünktlich ankommen, wird weniger Weltschmerz erleiden als jemand, der sich dafür verantwortlich fühlt, wie die Welt sich insgesamt entwickelt.

Ich weiß nicht, wie ich eine solche widerliche Aussage kommentieren soll, ohne ausfällig zu werden. Ich versuche es mal so: Eine Professorin, die im Rahmen des bestehenden und nicht angetasteten Systems bis zu ihrem Lebensende ohne materielle Sorgen leben darf, verspürt gewiss weniger Weltschmerz als ein prekärer Kollege, der sich mit unterbezahlten Zeitverträgen und zusätzlichen Taxischichten mühsam über Wasser zu halten versucht und von Monat zu Monat hangelt. Die Dame scheint aus ihrer eigenen rosafarbenen Filterblase nicht herauszukommen, wenn sie nachzudenken versucht.

Selbstverständlich darf in diesem bizarren Reigen auch die heute gängige Proklamation der "Eigenverantwortung" nicht fehlen. Frau Professor Dr. phil. meint:

Ich würde umgekehrt aus einer liberalen Tradition sagen, man macht es sich zu einfach, wenn man sagt: Jetzt ist die Politik verantwortlich dafür, dass eine Zukunftsperspektive entwickelt wird. Da sind alle verantwortlich. Wir sollten nicht in so eine Versorgungsmentalität verfallen.

Wer sich an dieser Stelle noch nicht erbricht, hat nicht verstanden, was die Frau da von sich gibt. Merkel & Co. sind entlastet - stattdessen haut die Olle den BürgerInnen, insbesondere natürlich den Ärmsten, den Kranken, den Alten, den Schwächsten den mit rostigen Nägeln gespickten Baseballschläger mit Schmackes in die Fresse, dass das Blut nur so spritzt. Das ist praktische Philosophie in Kapitalistan 2017.

Es versteht sich von selbst, dass ein solches Interview nicht ohne einen "Alles ist gut"-Höhepunkt auskommen kann. Den hebt sich die Schlägerin philosophiae aber bis zum Schluss auf, damit er richtig wirkt und keiner mehr aufstehen kann, um leise "Aber ..." oder gar "Nein" zu sagen:

Ich glaube, Weltschmerz wäre zum Teil schon therapiert, wenn man anerkennen würde, dass Prozesse wie Globalisierung, Digitalisierung oder Massenmigration zwar unaufhaltsam sind, wir sie aber durchaus steuern können. Wir sind nicht hilflos ausgeliefert. Wenn diese Ohnmacht wegfiele, wenn wir uns selber wieder ganz im Sinne der Aufklärung als autonome Individuen wahrnähmen, die eine gewisse Gestaltungsmacht haben. Und indem wir uns andererseits aber auch gleichzeitig klarmachen, dass unser Gestaltungsspielraum Grenzen hat und Antworten immer nur vorläufig sind. Wer erkennt, dass bestimmte Gefahren und Schmerzen unvermeidbar sind, muss nicht an Weltschmerz leiden.

Nachdem ich dieses unsägliche Interview gelesen hatte, beschloss ich, mich sinnlos zu betrinken, um dem aufklärerischen Weltschmerz in mir einen größeren Raum zu verschaffen, den er wahrlich verdient - leider scheiterte das an nicht vorhandenen Alkoholmengen. Vielleicht fahre ich demnächst mal nach Tübingen und hole das im Hörsaal der Frau Döring nach. Möglicherweise kann ich dann mit dieser Dame auf demselben intellektuellen Niveau diskutieren.

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Weltangst



(Zeichnung von Alfred Kubin [1877-1959], in "Simplicissimus", Heft 4 vom 22.04.1934)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Es wird dann interessant wenn diese Person auserkoren wird Politiker zu beraten oder den Vorsitz einer wie auch immer gearteten von Politikern geförderten "Zukunfts"Kommision wird
-weil diese Philosophin der neue heisse Shice ist....
Mist ich will auch der Zeit ein Interview geben über Dummheit und Gier als elementare Motoren des Fortschritts und wie sich diese Elemente verkleiden-
Als elendlicher Dummschwatz und hemmungslose Darwin-Award-Anwartschaft!

epikur hat gesagt…

Es ist wirklich ein Armutszeugnis, was und wer sich heute alles "Philosoph" nennen darf. Ein Hegel, Platon, Kant, Freud, Schopenhauer, Adorno und so weiter, werden für menschenverachtende Rechtfertigungsformeln und neoliberale Eigenveratnwortungsdogmatiken verscherbelt. Diese Dame agiert ganz im Sinne des Kapitals: geistig-mentale Beruhigungspillen verschreiben und dem Pöbel gleichzeitig die Grenzen aufzeigen, so dass er nie niemals aufbegehren mag. Sei doch eh alles sinnlos und mache nur unglücklich, so der gängige Tenor der Gutbetuchten.

Wer sich mal in den örtlichen Buchladen oder in die örtliche Bibliothek begibt, bekommt das Schaudern, wenn man in die -immer kleiner werdenden- Philosophie-Regale schaut. Lebensratgeber, selbsternannte Coacher für jeden Bullshit und Eso-Spinner findet man dort. Nachdenken und Hinterfragen will heute niemand mehr. Wozu auch? Es "bringt" mir ja nichts. Und alles Handeln muss ja in Neoliberalsitan einen "Vorteil" generieren.

Charlie hat gesagt…

@ Epikur: Ich möchte zu dem Armutszeugnis, das Du völlig zu Recht erwähnst, den Dichter Erich Mühsam zitieren, denn der konnte das um Längen besser auf den Punkt bringen als ich:

"Was ist der Mensch? Ein Magen, zwei Arme,
ein kleines Hirn und ein großer Mund,
und eine Seele – dass Gott erbarme! –

Was muss der Mensch? Muss schlafen und denken,
muss essen und feilschen und Karren lenken,
muss wuchern mit seinem halben Pfund.
Muss beten und lieben und fluchen und hassen,
muss hoffen und muss sein Glück verpassen –
und leiden wie ein geschundener Hund."

(Erich Mühsam, in: "Lyrik und Prosa. Sammlung 1898-1928. Erster Teil: Verse. Weltschmerz und Liebe")

Ich glaube nicht, dass Frau Döring den Herrn Mühsam und all die anderen AutorInnen der Jahrhundertwende gelesen, verstanden oder auch nur am Rande bemerkt hat.

Liebe Grüße!

Arbo hat gesagt…

Oh, oh. "Versorgungsmentalität" ließ schon meine Allarmglocken schellen. Der O-Ton ist in der Tat elitär. Geradezu zynisch wirkt dann, wenn sie meint: "Wenn Sie ums nackte Überleben kämpfen müssen, ist da kein Platz für Weltschmerz." Tja, so ist das, der Malocher oder die Malocherin sind halt nicht dafür geschaffen, sich dafür verantwortlich zu fühlen, "wie die Welt sich insgesamt entwickelt." Verantwortungsloses Pack...

Was besonders zweifeln lässt, das ist dieses "wir": "Wir können heute nicht mehr sagen... Wir können nicht mehr die Augen ... Wir sollten nicht in so eine Versorgungsmentalität verfallen.

Charlie hat gesagt…

@ Arbo: Na, das ist doch offensichtlich: Mit "wir" meint die Frau Professorin den noch gut situierten Teil der Bevölkerung, mithin die Zielgruppe der "Zeit". Das ist "Deutschland" in dieser Filterblase. :-)

Liebe Grüße!

jakebaby hat gesagt…

Ach Charlie,

Die Sabine meints doch nur Gut.
Kontrollierte Autonomy. Kontrolle und Verantwortung. Natur und Kultur des Wollens um die Weakness of Will zu heilen, die Arbeit wieder freier zu fuehlen um den Weltschmerz zu narkotisieren.
Es geht ihr um practical rationality, ethics, aesthetics, and increasingly the philosophy of mind, with an emphasis on the philosophy of emotion/“Ästhetische Erfahrung als Erkenntnis des Ethischen", based on a particular theory of emotion, fascinating enough to ground an enduring interest into the subject for the conceptual claim that normative practical reasons are capable of motivating us towards action. .... bla bla (ich hab einfach mal kleingeballte Scheisse zusammengeschmissen) http://sabinedoering.de/research/

Solch verkappte Existenzen leiden unter schwerstem Mangel an Bier und gutem Gras. Auf Anfrage zum Wohlsein ihres Pferd 'Holly Golightly' antwortete mir Holly "I,m just fine. That dumb Bitch doesn't even know how to put a fuckin Saddle on"

Gruss
Jake




Troptard hat gesagt…

@ Charlie,

vielleicht habe ich das falsch verstanden. Wenn es um das grosse "Wir" geht, so richtet sich das meistens gegen andere und schliesst sich selbst aus dem "Wir" aus.
Kenne ich Z.B. aus der Ehebeziehung. "Wir müssten mal wieder...." und gemeint ist "Du müsstest mal wieder ...".

Die angebliche Philosophin verlässt den Pfad ihrer Wissenschaft nicht erst in dem Moment, wo sie in die Niederungen der Psychologie herabsteigt und von "therapieren" spricht. Therapie in diesem Sinne, hat ein Krankheitsbild zur Voraussetzung und zwar die Behandlung von der Abweichung zur gesellschaftlichen erwünschten Norm.

Ich behaupte mal ganz frech, dass es genau diejenigen gessellschaftlichen Gruppen in der Gesellschaft sind, die ihre Existenz lediglich den Transfers aus den Steuermitteln des Staates verdanken und davon noch ziemlich unbeschwert leben, und ,damit das für sie auch weiterhin so bleibt, schleimen sie für die liberale Ideologie.

Ich frage mich schon lange, wie es möglich ist, das die "neoliberale" Ideologie, obwohl ihr Scheitern in der Praxis offensichtlich ist, weiterhin eine so dominante Kraft über das gessellschaftliche Bewusstsein ausüben kann.




Arbo hat gesagt…

Lieber Charlie,

ich seh' schon, ich muss an meinen rhetorischen Fragen arbeiten (ich hatte bewusst nicht geschrieben, an was ich da zweifle). ;-)

In der Tat habe ich es auch so wahrgenommen wie Toptard (hier über mir). Ein ausgrenzendes "wir".

Der eigentliche Punkt, auf den ich hinaus wollte, ist ein anderer. Ich bin nämlich verwundert, dass jemand aus der Wissenschaft und dann noch mit Bezug zur Ethik so äußert. Das "wir" ist so unspezifisch und verallgemeinert auch noch ziemlich übel. In meinem Studium hätte mir das keineR durchgelassen.

Es ist halt einfach auch ein billiger Stil, sich hinter "man" und "wir" zu verstecken. Das kann mensch machen, wenn's wirklich passt. Aber so...

Arbo hat gesagt…

Nachtrag: Es halt schon seltsam, mit welcher Unbedarftheit diese Leute in ihrer Funktion sich derartig äußern. Beim Schlottermenschen würde ich mal noch sagen, dass das Kalkül war. Hier scheint die Dame noch nicht mal im Ansatz die Tragweite zu begreifen von dem, was sie sagt.

Sowas ähnliches ist mir im letzten Jahr bei dem Interview hier aufgefallen:
http://www.zeit.de/2016/11/chanchengleichheit-ungleichheit-persoenlichkeit-verhalten/komplettansicht

Das ist mE noch problematischer. Da wird dann weiter unten im Interview ein elitärer Paternalismus wunderbar mit Schleife als Humanismus verpackt - und dort habe ich auch nicht das Gefühl, dass der Forscher das realisiert.

Die stecken so tief drin, die merkens nicht mal.

jakebaby hat gesagt…

"Ich frage mich schon lange, wie es möglich ist, das die "neoliberale" Ideologie, obwohl ihr Scheitern in der Praxis offensichtlich ist, weiterhin eine so dominante Kraft über das gessellschaftliche Bewusstsein ausüben kann."

Ist diese, bewusst extranaiviierte, Frage ganz wirklich ernst gemeint?
Wo liegt denn dieses gessellschaftliche Bewusstsein diesbezueglich?
Existiert Es ueberhaupt?
Fuehlen tuns sicherlich Viele, aber wissen Diese, auch nur halbwegs definiert, wo denn dieser Scheiss herkommt? .... NEIN! ... Fuck No!

Ein Problem, aber was waere, wenn ploetzlich, magischer Weise wesentlich mehr Menschen, nach und nach oder explodierender Weise, ein jetzt&diesbezuegliches Bewusstsein erlangten. Zorn/Bewusstlosigkeit, Apathie, folgende Resignation, ... begleitet von, diesbezueglich vorgeplanten Oppressionen der politischindustriellen Opposition. ......................?

Man weis So wenig :-) ... ich lebe momentan an der Nature Coast, .. absolut geiles Preserve. ... und krieg den westlichglobalen Scheissgeruch nicht aus dem Zinken ...

Gruss
Jake

Fluchtwagenfahrer hat gesagt…

Moin Jake,
greets ins D.T Land.
Ja das mit dem Bewusstsein ist so eine Sache.
Habe mich selber mal fürn Schlauli gehalten, dann hat mich das Internet furchtbar radikalisiert:) little bit eye opener (thx Charles), ein kleiner Lichtspalt traf auf die 1500 gr. graue Masse und was soll ich sagen, ich hatte wohl funktionale Intelligenz mit bewusstem Nachdenken über den Tellerrand hinaus verwechselt bzw. es stellte sich die Frage erst garnicht. Aber ich denke das es auch etwas mit der Empathie der Menschen zu tun hat, sie ist vorhanden aber die geht zumeist über die Weite eines Pissestrahls nicht hinaus. Nach dem Motto, Hemd näher als Hose.
p.s. Bei dem Zinken!!:) Musst du halt so wie ich, durch den Mund atmen.
LG

jakebaby hat gesagt…

FWF,

".... durch den Mund atmen.
Geht nich. Da wuerd ich andauernd Bierflaschen und Wasserpfeifen inhalieren.

Wann auch immer du in dieser, einer von vielen irrealen Realitaeten aufschlaegst, ist egal. Der Anfangsschmerz wird sich, natuerlich und un/logischer Weise inavitably gegeben, auf taeglicher Basis verstaerken.

Mir geht das schon seit Geburt so. An Schaedel und Genick wurde ich brutal aus dem ersten und einzig wohlfuehlenden Bewusstsein gerissen. Eine brutale rechte Hand quetschte meine sensiblen Fussgelenke ineinander,(seither hasse ich Linkshaender) ... ich hing, unter kalt greller Beleuchtung, mit dem Kopf nach unten und dann kam der Impact. Haette mir schier das Genick gebrochen, da mein Hinterkopf, als die wulstige linke Hand auf meinem kleinen, zarten Arsch aufschlug, kurz auf meiner Wirbelsauele einschlug.
DA schrie ich das allererste Mal. Und der damals noch unverstaendliche Ausdruck ist auch heute weiterhin unvermeidlich "What the Fuck!"

Gruss
Jake