Samstag, 4. Februar 2017

Integrations- und Arbeitsparadies Deutschland


Ein Bericht aus französischer Sicht von Tina B.

Heimatliche Gefühle

Ich habe Deutschland zwei Jahre nach der Wiedervereinigung – meine Tochter war noch nicht geboren – verlassen. Über viele Jahre und mit viel bürokratischem Aufwand (Aufenthaltsrecht, Arbeitsgenehmigungen etc.) habe ich mir eine selbstständige Existenz in Frankreich aufgebaut. Meine Tochter ist hier aufgewachsen, hat die Schule bis zum Gymnasium durchlaufen und kannte Deutschland nur aus den Besuchen von Freunden und Verwandten. Diese hat sie in schöner Erinnerung behalten und nach dem Abitur war es ein großer Wunsch von ihr, in Deutschland zu studieren.

Da ich meine Tochter nicht unbegleitet lassen wollte, habe ich meine selbstständige Arbeit ruhen lassen, um meiner Tochter den Einstieg in das Land ihrer Eltern zu erleichtern. Ich hatte mich bereits auf Stellen beworben und eine Zusage für eine Beschäftigung als Integrationslehrerin  in der Tasche, so dass  wir finanziell eigentlich nichts zu befürchten hatten. Allerdings hatte ich trotz zwölfjähriger Erfahrung in der Erwachsenenbildung nur eine eingeschränkte Zulassung vom Bundesamt für Flüchtlinge (BAMF) erhalten. Das bedeutete, dass ich für 700 Euro Kurskosten eine 70stündige Weiterbildung hätte ableisten müssen, die natürlich weiter entfernt angeboten wird, während ich alle Aufwendungen dafür (Hotel, Anfahrt etc.) selber hätte tragen müssen – es sei denn, ich hätte mich verpflichtet, für ein ganzes Jahr Integrationskurse zu geben – dafür hätte es dann Zuschüsse gegeben.

Andere müssen für 1.400 Euro eine verlängerte Weiterbildung absolvieren – da war ich schon etwas besser gestellt.

Also trotz allem: Koffer gepackt und zurück mit guten Gefühlen nach Deutschland, wo uns Freunde zunächst einmal Gastrecht gewährt haben. Was wir dann erlebt haben, hat sich allerdings eher als Albtraum herausgestellt denn als Perspektive.

Die erste große Überraschung war nicht unbedingt mein Arbeitsvertrag als Scheinselbstständige – ohne finanzielle Absicherung im Falle von Krankheit, Urlaub, von Feiertagen oder bei Ferien sowie die aus eigener Tasche zu bezahlende Sozial- und Krankenversicherung – sondern der immense Arbeitsumfang, den ich täglich abzuliefern hatte, um auf ein Einkommen zu kommen, das uns erlauben würde, nicht nur zu überleben, sondern davon auch halbwegs gut zu leben. Was die Arbeitsstunden betraf, so wurden diese weitgehend eingehalten, nur in der Vergütung gab es erhebliche Unterschiede. Das bedeutete für mich Arbeitstage, die um 8:00 Uhr begannen und häufig erst um 20:00 Uhr endeten.

Während die Integrationskurse einigermaßen korrekt bezahlt wurden, war eine 35-Stunden-Woche dennoch nicht ausreichend, um davon seinen Lebensunterhalt zu sichern, denn andere Kurse – wie beispielsweise Einzelunterricht für Firmen, B2-Kurse etc. – wurden mit lediglich 16 Euro vergütet. Die notwendige Unterrichtsvorbereitung ist in den 35 Stunden nicht enthalten und wird auch nicht anderweitig bezahlt. Trotzdem erhielt ich permanent Angebote für viele verschiedene Kurse, kurzfristig angesetzt, die ich von einem auf den anderen Tag und auch an unterschiedlichen Veranstaltungsorten wahrnehmen sollte.

Nachdem der erste Schock überwunden war, haben wir uns auf die Wohnungssuche begeben, denn wir konnten ja nicht ewig bei unseren Freunden bleiben. Also hieß es: jeden Tag die Zeitungsanzeigen anschauen und im Internet suchen!

Die Wohnungssuche

Der Besuch beim Immobilienmakler hinterließ folgende Bilanz: Horrende Mietpreise für drittklassige Unterkünfte; Nichtraucher erwünscht; ohne Kinder; mit gesichertem Einkommen; wenn möglich Wochenendheimfahrer – und natürlich ohne Haustier. Schufa-Auskunft inklusive. Beim Makler sollten wir eine schöne Bewerbungsmappe vorlegen – aber der Hund ...: "Können Sie den nicht woanders lassen???"

Nur nicht den Mut verlieren! Ich stoße auf eine Anzeige bei Ebay: "Zwischenmieter gesucht, Zweizimmerwohnung – Hund kein Hindernis!" – Sofort reagiert, und siehe da, wir dürfen die Wohnung besichtigen.

Bereits beim Betreten des Treppenhauses umgibt mich ein mulmiges Gefühl – es mieft und stinkt. Die Wohnung ist möbliert, aber die Einrichtung ist selbst für den Flohmarkt nicht mehr geeignet. Trotzdem haben wir keine andere Wahl: Der Mietpreis ist horrend und die Vermieterin, die mich fatal an ein "Nazi-Girl" erinnert, äußerst unsympathisch. Am nächsten Tag unterschreibe ich den Mietvertrag – drei Monate Kündigungsfrist.

Ich fühle mich, als hätte ich mein (Todes-)Urteil unterschrieben. Mittlerweile hatte ich fast täglich acht Stunden zu unterrichten – morgens fünf Stunden und nachmittags von siebzehn bis zwanzig Uhr. Die Teilnehmer der Kurse waren glücklich, denn bei anderen Lehrern ging es ihnen immer zu schnell – der Lehrplan musste ja eingehalten werden. Ob die Leute etwas verstehen oder nicht, ist schließlich egal ...

Was man in Deutschland unter Integration versteht

Wie gründe ich meine eigene Existenz, wie fülle ich Formulare für Ämter aus, wie trenne ich meinen Müll, was ist Heimat, was ist das Oktoberfest und was gibt es über andere deutsche Bräuche zu lernen – all das ist aus Behördensicht ungemein wichtig für die Integration von Ausländern in Deutschland. Es verlangt schon einiges pädagogisches Talent und Geschick, damit nicht sehr schnell eine allgemeine Ermüdung eintritt.

Die Teilnehmer der Kurse sind oftmals noch hoffnungsfroh und voller Dankbarkeit der Frau Merkel gegenüber, die sie "vor ihrem Elend gerettet" hat, aber auch schon häufig resigniert. Manche von ihnen leben in Lagern, andere bereits in eigenen Wohnungen.

Beim Arbeits- oder Sozialamt sind sie dann alle gleich und werden nur noch als Kundennummer geführt. Für die so genannten Bildungsträger gibt's nur dann Geld, wenn die Anwesenheit der Teilnehmer gesichert, also dokumentiert ist. Deshalb wird mit pedantischer Sorgfalt die Anwesenheit kontrolliert und es werden Entschuldigungen bei Abwesenheit verlangt (Krankmeldungen etc.).

Teilweise müssen die Kosten für diese Integrationskurse von den Teilnehmern selbst aufgebracht werden, denn was unter Integration allgemein verstanden wird, das beschränkt sich weitgehend auf Flüchtlinge. Integriert werden müssen in Deutschland aber nicht nur Flüchtlinge, sondern z.B. auch eine italienische Krankenschwester, die zunächst mal 600 Euro für die Anerkennung ihrer Krankenschwesterausbildung in Italien hinlegen muss, und zusätzlich, obwohl sie zwar sehr gut deutsch spricht, aber darüber noch keine offizielle Bescheinigung vorweisen kann, einen Kurs belegen muss, der sie noch einmal schlappe 1.500 Euro kostet, während sie vom Arbeitsamt in der Zwischenzeit nur als Praktikantin eingestuft wird.

Was für eine gute Lernatmosphäre nötig wäre, wird konsequent vernachlässigt und einzig der ökonomischen Devise geopfert: Es gilt, mit möglichst geringem Aufwand einen möglichst hohen Ertrag zu erzielen: Zwei Damen- und zwei Herrentoiletten für 60 Schüler samt Lehrpersonal und Angestellte; die Unterrichtsräume so eng bemessen, die Tische so eng gestellt, dass ich mir bei den Ausflügen zu den hinteren Tischen stets blaue Flecken geholt habe.

Die Wohnung

Zunächst waren wir sehr glücklich, unsere "eigenen" vier Wände zu haben – doch dann mussten wir sehr schnell feststellen, dass bei minus 10° C Außentemperatur nachts weder die Heizung im Badezimmer, noch die in der Küche funktionierte – im Wohnzimmer machte die Heizung einen Höllenlärm und wurde nur mäßig warm. Die Waschmaschine lief lediglich auf zwei Programmen und musste manuell weitergestellt werden.

Der Wäscheständer war schief und bereits mit Isolierband "repariert worden". Nach einer Woche musste ich in der Küche feststellen, dass sich an der gesamten Wand, die nach außen geht, ein widerlicher grün-schwarzer Schimmel bildete. Als wir das der Vermieterin mitteilten, machte sie uns dafür verantwortlich. Dann die böse Überraschung – mitten in der Nacht ein furchtbarer Lärm: der Küchenschrank war zur Hälfte zusammengebrochen. Ab dem Moment hatten wir richtig Panik, etwas anzufassen.

Krankheit

Ich weiß nicht, ob ich es dem Schimmel zu verdanken hatte oder einfach der Tatsache, dass ich ziemlich überarbeitet war – jedenfalls wurde ich ziemlich heftig krank. Fieber, Kopfschmerzen, Halsschmerzen, vereiterte Mandeln. Um keinen Verdienstausfall zu haben, bin ich weiterhin zur Arbeit gegangen mit dem Resultat, dass ich über mehrere Tage fast keine Stimme mehr hatte. Piepsiger Anruf beim Arbeitgeber, dass ich nicht unterrichten kann – mit der Antwort, ob ich das nicht früher hätte sagen können, ich wüsste doch, wie schwer Ersatz zu finden ist. Da kein Ersatz gefunden wurde, fielen die Kurse dann aus – selbstverständlich aber nicht die Integrationskurse, mit denen Geld zu verdienen ist.

Die Flucht

Da ich eigentlich nur Geld übrig hatte, um einigermaßen gut essen zu können – unser einziger Luxus –, beschloss ich, dem Ganzen ein Ende zu setzen. Zum Glück konnte ich vorzeitig die wunderbare Wohnung kündigen. Die Wohnungsübergabe ist mir noch immer in traumatischer Erinnerung. Die Vermieterin kam, durchschritt die 58-qm-Wohnung mehrere Male, so dass man die Erschütterung ihrer Schritte geradezu bis in Mark und Bein verspürte. Bei minus 5° C riss sie alle Fenster auf – wir saßen wie zwei Schwerverbrecher auf dem verdreckten Sofa und nun wurden alle Schränke geöffnet, der Lattenrost des Bettes inspiziert, unter das Bett geschaut, die Waschmaschine in Gang gesetzt – nichts entging ihren Argusaugen. Am Wohnzimmerfenster entdeckte sie etwas Schimmel und an den Fenstern Feuchtigkeit – merkwürdig, dass sie alle "Stellen" bereits kannte.

Alle Mängel an Inventar und Wohnung lastete sie uns an und weigerte sich deshalb, die geleistete Kaution zurückzahlen. Das Ganze eskalierte und wir wussten keinen anderen Ausweg, als unseren Freund anzurufen, damit er uns hilft. Dieser drohte ihr dann mit einer Anzeige, da er den Eindruck hatte, sie wolle sich an uns bereichern.

Nach langem Hin und Her bekamen wir endlich unsere Kaution – bis auf 20 Euro, die sie unbedingt behalten wollte für die "Reparatur" des Küchenschrankes. Es folgte noch eine Nacht bei unseren Freunden und am nächsten Tag ging es endlich zurück nach Frankreich.

Meine Tochter hat nun doch Abstand von der Idee genommen, in Deutschland studieren zu wollen, wobei ich in diesen Bericht nichts von den Erfahrungen meiner Tochter habe einfließen lassen.

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Dieser Text wurde dem "Narrenschiff" freundlicherweise von Troptard zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!

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Symphonie in Müll



(Zeichnung von Otto Nückel [1888-1955], in: "Der Simpl", Nr. 8 vom Juni 1947)

Kommentare:

Arbo Moosberg hat gesagt…

Danke für den Beitrag. Besonders gut gefallen hat mir folgende Stelle: „Die erste große Überraschung war nicht unbedingt mein Arbeitsvertrag als Scheinselbstständige […] sondern der immense Arbeitsumfang, den ich täglich abzuliefern hatte, um auf ein Einkommen zu kommen, das uns erlauben würde, nicht nur zu überleben, sondern davon auch halbwegs gut zu leben.“ Weil das mE das Grundproblem auf den Punkt bringt – Du sollst heute maximal „leben“, aber nicht (halbwegs) „gut“ leben. Was die Arbeitsbedingungen betrifft, da könnte ich auch ein Lied von singen – auch im Vergleich. Da hatten wir damit entsprechende Vergleichserfahrungen sammeln dürfen – im Vgl. zu andere Ländern weniger Gehalt, oft befristet, Arbeitszeiten auch nicht unbedingt so geregelt.

Ein Bereich, der dem nahe kommt, was die Autorin gemacht hat, ist ja der Bereich der Lehrkräfte an Spracheninstituten, Volkshochschulen usw. Und da weiß ich, dass die Situation extrem schlecht ist – eine echte Sauerei. Mich wundert es daher nicht, was die Autorin schildert.

Auf der anderen Seite juckt es mir in den Fingern, den Beitrag nicht unkommentiert dastehen zu lassen, da meines Erachtens der Eindruck entsteht, es wäre z.B. in Frankreich viel besser. Ich selbst hatte das Vergnügen, ca. fünf Jahre immer wieder nach Paris zu pendeln, wo ich dann auch die einen oder anderen nicht gerade schönen Erfahrungen machen konnte.

Klar, das Gesundheitssystem in Frankreich ist im Vergleich zu DE nicht schlecht. Aber die Bürokratie dort im System hat mich fast schon an arabische Staaten erinnert. Und vom Hochschulsystem ist auch bekannt, dass es da diese „Elite-Hochschulen“ gibt, unterhalb derer dann eher das Fußvolk studiert. In DE wird zwar auch ausgesiebt (der Hochschultrichter des Studentenwerkes spricht dazu eine eindeutige Sprache), doch scheint mir das im Vergleich etwas besser. Dann gibt es übrigens auch noch diese Deutsch-Französischen Hochschulpartnerschaften. Das wäre vielleicht auch eine interessante Option für die Tochter der Autorin. An meiner Hochschule gab es das auch. Ich selbst habe es zwar nicht gemacht, konnte aber aus nächster Nähe erleben, dass die Kooperation in meinen Fach alles andere als optimal lief: Da sind dann einige bürokratische Sachen auf französischer Seite ewig verschleppt worden…

Und zu den Arbeitsverhältnissen – eine Bekannte (Französin) arbeitet in Frankreich im Medienbereich und hat mir ebenfalls über üble Arbeitsbedingungen berichtet. Da ist es eher so, dass sie schon überlegte, (wieder) nach DE oder ins deutschsprachige Ausland zu gehen. Kurz: Das, was die Autorin an Erfahrungen beschreibt, scheint mir auch sehr stark von dem, was jemand beruflich macht abzuhängen (also ob jemand selbständig oder angestellt ist, in welcher Branche jemand arbeitet, ob es sich um einen inländischen oder ausländischen Arbeitgeber handelt, das Arbeitsumfeld multikulturell oder stärker inländisch geprägt ist etc.).

Arbo Moosberg hat gesagt…

Fortsetzung...

Wohnsituation: Gerade was das Auflösen von Mietverhältnissen betrifft, scheint mir das eher eine „kapitalistische Mentalität“ zu sein. Dieses Tricksen, per Schuldzuweisung die Kaution behalten wollen und dazu auch die entsprechenden Inspektionen, das wirst Du überall antreffen. Und da ist es dem „kapitalistischen Geist“ egal, ob die Kohle aus einem verschimmelten Schuhkarton oder aus einer Wohnung in gehobener Lage rausgepresst wird. Der einzige Unterschied mag sein, dass die, die im Schuhkarton leben müssen, es sich nicht leisten können, das als „Lehrgeld“ anzusehen. Jedenfalls habe ich ähnliches – was die Autorin hinsichtlich Kündigung und Wohnungsübergabe schreibt – in Paris erlebt, Freunde haben mir sowas auch aus Österreich geschildert.

Und dann ist es auch nicht so, dass es zB in Paris ganz einfach wäre, an bezahlbaren Wohnraum zu kommen. Da bist Du dann als Franzose froh, wenn Du nach einer gefühlten Ewigkeit so eine Wohnung aus dem Sozialprogramm bekommst – und selbst wenn die ein wenig klein wird, bleibst Du drin, so lange es nur irgendwie geht, weil Du weißt, das kommt nie wieder.

Also insgesamt: Die geschilderte Situation in DE ist tatsächlich nur zum Wegrennen. Danke dafür, dass einem das so noch einmal vor Augen geführt wird. Aber wir sollten uns nichts vormachen. Die Inseln der Glückseeligen gibt es nicht mehr. Auch in Frankreich ist nicht alles Gold, was glänzt.

Arbo Moosberg hat gesagt…

Und weil ich's vergessen hatte, darauf einzugehen: Integration. Es ist natürlich eine Sauerei, was da - wie die Autorin schreibt - hinsichtlich Integration offenbar auch nochmal an Abzocke betrieben wird. Wobei das mit der Anerkennung fremder Qualifikationen usw. ohnehin nochmal ein Thema für sich wäre... Einfach grauslich. Aber die Autorin hat schon Recht: In einem sind wir uns dann alle gleich, wenn auch wieder sehr individuell - in der Nummer, die wir vom System aufgedrückt bekommen. Dummerweise sorgt das aber nicht dafür, dass sich die Nummern zusammenfinden...

Troptard hat gesagt…

@ Arbo Moosberg,

Danke für Ihre ausführlichen Einlassungen. Von mir ein wenig zur (Auf)Klärung: Der Bericht hatte nicht zur Absicht, einen Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich
anzustellen.

Häufig erlebe ich persönlich zwei für mich typische Reaktionen von meinen deutschen Freunden, die für mich nicht zusammenpassen:

Einerseits ist Frankreich ein Patient, der kuriert werden muss, weil er "viel zu sozial" sei (35-Stunden-Woche, zu frühes Renteneintrittsalter) und es ihm deshalb ökonmisch auch nicht gut gehen kann, andererseits wird auf Kritik an den deutschen Verhältnissen mit Gleichsetzung reagiert.

Was bei dem Bericht von Tina B, meiner Besten, nicht rübergekommen ist und wohl auch schwer zu vermitteln ist, ist die soziale Kälte und die Gleichgültigkeit in den zwischenmenschlichen Beziehungen, die sie dort empfunden hat. Das fing wohl schon bei den Freunden an mit Aussagen: Was erwartest Du denn..., das ist heute so...., man muss froh sein, wenn... , und hat sich fortgesetzt bei den Kolleginnen.

Als meine Beste ihren Abschied aus den Integrationskursen bekannt gegeben hat, haben viele dort geweint und moslemische Männer haben sie umarmt, was also äusserst ungewöhnlich ist und es gab Abschiedsgeschenke.

Was meine Tochter betrifft, so ist das Thema Deutschland endgültig durch: Da ist zu viel auf sie eingestürzt. Ich versuche das in Stichworten:

Minijob angenommen, 1 Stunde täglich für 160 Euro Monat, Voraussetzung Handy.
Steuernummer beantragt und Konto bei einer Bank eröffnet. Kontoeröffnung nur möglich, wenn Wohnsitz in Deutschland, also Wohnsitz in Deutschland deklariert. Wohnsitz in Frankreich wurde ausradiert, zwei Wohnsitze ( Erst-und Zweitwohnsitz) geht nicht.

Eine Woche später Rechnung von der GEZ. Lohn 3 Wochen später erhalten und erst nach Anmahnung. Ihr Konto kann sie von Frankreich aus nicht benutzen, kommt also nicht an ihr Geld (viele Anrufe ohne Ergebnis).

Berufs-/Studienberatung nur möglich, wenn sie sich arbeitslos meldet und vorher Lebenslauf, Zeugnisse etc. einreicht. Anerkennung ihres Abiturzeugnisses aus Frankreich ca. 4 Wochen Bearbeitung und 600 Euro.

Vieles, was Sie geschrieben haben ist selbstverständlich richtig. Paris ist für's Leben eine ganz andere Nummer. Ich weiss das von französischen Bekannten, die in unserer Nähe Leben.

Liebe Grüsse, Troptard







Arbo hat gesagt…

@troptard:

kein Problem. Ich wollte übrigens selbst auch nicht wie SchlaubiSchlumpf rüberkommen und in Abrede stellen, was geschildert wurde. Die Dinge, die Sie über Ihre Tochter berichten, die kann ich gut nachvollziehen. Das sind ja auch Dinge, die einem als "Einheimischen" oft das Leben schwer machen. Zwar gibt es hier und da Unterstützung, aber das muss mensch erstmal wissen...

Meine Frage wäre nur, ob mir insb. das Verwaltende (Steuern, GEZ usw.) als Ausländer in FR nicht in ähnlicher Weise hätte passieren können. Ich meine, es gibt große Unternehmen, die unterstützen einen. Aber was ist bei Leuten, denen das nicht zur Verfügung steht? Mir selbst sind die Probleme als Ausländer auch erst aufgefallen, seit dem ich im Ausland bin. (Was übrigens zu der Kälte, die beschrieben wird, noch hinzukommt: es wird ja noch zwischen "guten" und "schlechten" Ausländern unterschieden...)

Insofern finde ich das ausgesprochen gut, dass das mal so geschildert wird. Weil die meisten Menschen kommen damit ja gar nicht in Berührung. Da muss ich - wie eben angedeutet - auch vor der eigenen Haustüre kehren. Selbst jemanden wie mir, den das Thema nicht kalt lässt, ist die Problematik - wie zB Deutschland im Alltag auf "Ausländer" wirkt - (in der Tragweite) nicht immer bewusst.

>>Einerseits ist Frankreich ein Patient, der kuriert werden muss, weil er "viel zu sozial" sei (35-Stunden-Woche, zu frühes Renteneintrittsalter) und es ihm deshalb ökonmisch auch nicht gut gehen kann, andererseits wird auf Kritik an den deutschen Verhältnissen mit Gleichsetzung reagiert.<<

Stimmt, da sitzt ich wohl in der eigenen Filterblase. Weil ich mit solchen Leuten wenig zu tun habe. Ich kann "lustigerweise" eher vom Gegenteil berichten: Ich und meine bessere Hälfte sitzen vor ein paar Jahren in einem kleinen Restaurant in Paris, werden angesprochen. Wie das so ist, herantastender Smalltalk. Als unser Gegenüber mitbekommt, dass wir aus Deutschland sind, gibt's übel viel Lob für Merkel und die deutsche Wirtschaft - ich und Madam Mäusele schauen uns schon verwundert an - und klären auf, dass das ja alles überhaupt nicht rosig ist (Fake-Arbeitslosigkeit, miese Arbeitsbedingungen usw.), dagegen in Frankreich in Sachen Sozialstaat manches offenbar auch besser/humaner läuft. Daraufhin wiederum wir ziemlich komisch angeschaut wurden (wie sich herausstellte, hatte unser Gegenüber für Sarkozy Wahlwerbung gemacht... = berühmt berüchtigte Fettnäpfchen).


LG
Arbo

Troptard hat gesagt…

@Arbo Moosberg,

das , was sie in ihrem letzten Absatz beschrieben haben, das sind die positiven Vorurteile, die sich ganz hartnäckig, auch hier im Süden Frankreichs halten. Mit Deutschland wird oft verbunden, dass es den Bürgern dort gut geht, dass die Einkommen hoch sind, die Arbeitslosigkeit und die Preise niedrig.

Das wird auch über die Medien so vermittelt und die deutsche Politik als nachahmenswertes Modell angepriesen.

Inzwischen geht das auch hier nicht mehr unwidersprochen durch, weil die Arbeitsbedingungen, unter welchen Bedingungen der Lohnarbeiter in Deutschland zu leiden hat, Zwangsarbeit bei Arbeitslosigkeit und Kürzung des Existenzminimums überhaupt nicht gut ankommen.

LG, Troptard




Charlie hat gesagt…

@ Troptard: Ich möchte mich ja nicht verschwörungstheoretisch äußern - aber hier drängt sich die Frage auf, wieso auch in französischen Medien dieselben absurden Märchen zum Besten gegeben werden, die der geplagte Geist schon aus Deutschland kennt.

Karl Kraus hatte wohl recht, als er in der "Fackel" schrieb: "Kein Zweifel, der Hund ist treu. Aber sollen wir uns deshalb ein Beispiel an ihm nehmen? Er ist doch dem Menschen treu und nicht dem Hund."

Liebe Grüße!

Arbo hat gesagt…

@Troptard: da schließe ich mich Charlie an, das würde mich auch interessieren. Wenn es mehr Infos/Gedanken dazu gäbe, wäre ich sehr verbunden.

Ich selbst hatte mehr oder minder eher zu "kritischen" Leuten Kontakt oder eben zu welchen, die irgendwie in einem positiven Zusammenhang zu Deutschland stehen und die Lebensart hier so mögen, wie manche Deutsche die französische Lebensart (wie auch immer mensch die oder das fassen möchte). Oder halt Leute, die selbst prekär beschäftigt sind. Da habe ich eher differenzierte Antworten zu hören bekommen.

LG
Arbo

Troptard hat gesagt…

Hallo Charlie,

"aber hier drängt sich die Frage auf, wieso auch in französischen Medien dieselben absurden Märchen zum Besten gegeben werden, die der geplagte Geist schon aus Deutschland kennt."

Die Antwort darauf dürfte eigentlich nicht so schwer fallen. Möglicherweise hat das dann eine Konsequenz, die mir persönlich gefallen würde und in allen Blogs, die ich bisher kenne immer mehr unterbelichtet ist.

Mechthild hat das mal kurz und sehr berechtigt eingebracht, dieses Desinteresse an Ökonomie, als das zu verstehen, als das, wie wir uns Menschen miteinander vermitteln. Beim Flatter war das mal eine ganze Zeit Thema und ist inzwischen ziemlich verflacht, weil mit seinen Restbeständen wie Wat und Peinhard, lässt sich diese Zwei-Zeilen-Ökonomie nicht mehr aufhalten.

Also empfehle ich Dir, mach was draus. Mit Arbo hast Du besimmt einen intellektuellen Zugewinn.

Arbo hat gesagt…

@Troptard: Sorry, wenn ich mal so blöd nachfrage.

"Ökonomie" im Sinne von Wirtschaft oder im Sinne von Wirtschaftswissenschaft (= Ökonomik)?

Ansonsten muss ich mal knallhart sagen, dass das Desinteresse daran zum Teil auch sehr gut begründet sein mag. ;-)

LG
Arbo

Troptard hat gesagt…

@Charlie,

ich bereue es bereits, dass ich Dir die Eindrücke meiner beiden Besten in Deinem Blog überlassen habe. Ich hatte bereits diese Befürchtung, dass das schiefgehen könnte, weil ich diese Reaktionen aus Schland ja bereits kenne und auch Dir meine Bedenken vorab mitgeteilt hatte.

Dass ich hier jetzt so offen ins Messer laufe, das habe ich bereits befürchtet.

Arbo dazu: "Ich selbst hatte mehr oder minder eher zu "kritischen" Leuten Kontakt oder eben zu welchen, die eben in einem positivem Zusammenhang zu Deutschland stehen..." Hallo Arbo! Merkst Du noch was? Muss man das noch kommentieren, Deinen nationalen Chauvenismus?

Na ja! Ich ziehe mir auch noch noch gerne den Schuh des Antideutschen rein. Macht mir auch nichts aus welcher Ecke er kommt, von links oder von rechts.

Ich ziehe mich zurück und überlasse denen das Feld, die das besser wissen als ich.
Viel Erfolg.





Charlie hat gesagt…

@ Troptard: Deine Reaktion lässt mich völlig ratlos zurück.

Liebe Grüße!

Troptard hat gesagt…

Hallo Charlie, dass muss Dich keinesfalls ratlos zurücklassen.

Ich bin immer dieser Idiot, der sich einspannen lässt, wie in seinem ganzen Leben.

Für seine Weiber die Texte schreibt und anschliessend dafür noch eine auf die Nuss bekommt und wenn ich das kritisiere, noch einmal ne volle Ladung dazu.

LG Troptard

Troptard hat gesagt…

@ Charlie,
denkst Du etwa, das da was von denen gekommen ist ?
Aber anschliessend auf mich einprügeln. Nimm es mir bitte nicht übel, aber ich werde davon so müde.

Troptard hat gesagt…

@ Charlie,
bevor ich jetzt in meine Kiste reinspringe und mir einen Sci-Fi anschaue gilt immer noch etwas, was auch über marginale Differenzen Bestand haben wird.
LG Troptard

altautonomer hat gesagt…

Mir hat der Text gefallen, so dass es mich wunderte, innerhalb kurzer Zeit 15 Kommentare darunter zu finden.

Um sich nicht der heimlichen Häme irendwelcher stiller Mitleser auszusetzen, schlage ich vor, dass Charlie, Arbo und Troptard ihren Dissens per e-Mail klären. Ich blicke da übrigens nicht durch.

Es wäre schade, wenn Troptard hier nichts mehr kommentiern würde.

Für mich ist es jetzt auch Zeit für den Matratzenhorchdienst.

jakebaby hat gesagt…

Tja Troptard,

Mal vom Chauvenismus absehend, sind auch zu allen moeglich anderen Themen staendige Durchrelativierungen a fuckin' Bitch.

Gruss
Jake

Arbo hat gesagt…

Es kann sein, dass ich durch meinen kritisch-relativierenden Ton und einen nicht aufgelösten Gedankensprung in einer meiner letzten Beiträge missverständlich wirke. Das mit dem Chauvinismus ist allerings reichlich schräg (außer, mensch hält das Engagement von Goethe-Institut oder auch des Institut Français sowie dann folglich auch das von ihnen bediente Publikum für national-chauvinistisch).

Naja, mir ist's hier zu kryptisch geworden - ich bin bei der Diskussion draussen und werde mein Mitteilungsbedürfnis zurückschrauben.

jakebaby hat gesagt…

Was Troptard anspricht fand gleich von Anfang an statt.

"Auf der anderen Seite juckt es mir in den Fingern, den Beitrag nicht unkommentiert dastehen zu lassen, da meines Erachtens der Eindruck entsteht, es wäre z.B. in Frankreich viel besser."

Geschenkt, dass mir dieser Eindruck nicht entstand, stellte dies Troptard unverzueglich klar. "Von mir ein wenig zur (Auf)Klärung: Der Bericht hatte nicht zur Absicht, einen Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich
anzustellen.

Häufig erlebe ich persönlich zwei für mich typische Reaktionen von meinen deutschen Freunden, die für mich nicht zusammenpassen:

Einerseits ist Frankreich ein Patient, der kuriert werden muss, weil er "viel zu sozial" sei (35-Stunden-Woche, zu frühes Renteneintrittsalter) und es ihm deshalb ökonmisch auch nicht gut gehen kann, andererseits wird auf Kritik an den deutschen Verhältnissen mit Gleichsetzung reagiert."

Machte aber keinen weiterfuehrenden Sinn. ............


PS. Auch hier in den Staaten hat man von Deutschland ein wesentlich zu positives Bild, auch wenn man nicht mehr weis, wie Lederhosen&Hofbrauehaus ... etc.
Naja, allzuviele halten auch Hitler fuer ein Genie ....

Gruss
Jake


epikur hat gesagt…

Super Beitrag!

Erklärt sehr gut das ganze Elend in Deutschland. Es sind eben nicht nur die katastrophalen Arbeitsbedingungen, der Wohnungsmarkt und der Behörden-Wahnsinn: hinzu kommen eine völlig humor- und lebenlustbefreite Blockwart-und-Kontroll-Mentalität. Lebensfreude - viele Menschen in Deutschland wissen gar nicht, was das sein soll und wie das geht. Das ist in anderen Ländern (auch und vor allem in ökonomisch sehr viel ärmeren Ländern) deutlich anders.

Charlie hat gesagt…

@ Troptard: Aus meiner Sicht kannst Du völlig entspannt bleiben - ich kann beim besten Willen nicht erkennen, dass Tinas Text von irgendwem hier scharf oder gar unfair kritisiert worden ist. Konstruktive Kritik ist hier jedoch stets willkommen.

Ich finde auch, dass Arbo größtenteils über völlig andere Themen geschrieben hat, die mit dem eigentlichen Posting nichts oder nur am Rande zu tun haben - aber auch das ist hier ja nichts Ungewöhnliches. Das tun viele KommentatorInnen immer mal wieder, und solange es in einem gewissen Rahmen bleibt, habe ich auch gar nichts dagegen.

Die Zugriffszahlen belegen jedenfalls, dass dieser Bericht übers Wochenende einem regen und deutlich überdurchschnittlichen Interesse ausgesetzt war - und das sollte doch stets der Hauptzweck solcher Texte sein, oder? Wenn Du im Blog ganz nach unten scrollst, kannst Du ihn in den "beliebten [also angeklickten] Posts der letzten 30 Tage" bereits finden, was nach einer so kurzen Zeit - zumal übers Wochenende - sehr ungewöhnlich ist.

Liebe Grüße und nochmals vielen Dank!