Samstag, 22. Juni 2013

Bild des Tages: Dönüşüm - die Verwandlung



(Bild: imgur.com; zum Vergrößern draufklicken)

Anmerkung: Im Rahmen des Protestes in Istanbul in den vergangen Tagen ist auch dieses Foto entstanden, das eine Frau zeigt, die mit verhüllten Augen die Erzählung "Die Verwandlung" von Franz Kafka aus dem Jahre 1912 zu lesen scheint bzw. daran offensichtlich durch die Augenbinde gehindert wird. Für mich ist das eine ganz außerordentlich starke, aussagekräftige Form des Protestes, die ich sehr bewundere.

Ich kann und will an dieser Stelle keine Analyse des Kafka-Textes anbieten - zu diesem Thema sind unzählige Bücher geschrieben worden und es herrscht bis heute kein Konsens in der Literaturwissenschaft. Dennoch möchte ich auf den Interpretationsansatz von Peter-André Alt zumindest hinweisen, den dieser in seiner Kafka-Biographie aus dem Jahr 2005 ("Franz Kafka: Der ewige Sohn. Eine Biographie") formuliert hat: Danach ist "die Gestalt des Ungeziefers ein drastischer Ausdruck der von Deprivation geprägten Existenz Gregor Samsas [des Protagonisten]. Reduziert auf die Erfüllung seiner beruflichen Pflichten, ängstlich um sein Fortkommen bemüht, gepeinigt von der Angst vor geschäftlichen Fehlern, ist er die Kreatur eines funktionalistischen Erwerbslebens."

Es war schon ein genialer Einfall dieser Frau aus Istanbul, ausgerechnet dieses Buch für ihren ungewöhnlichen, stummen Protest auszuwählen.

Das gesamte Werk Kafkas ist übrigens inzwischen gemeinfrei (d.h. endlich befreit von sämtlichen Urheberschutzgelderpressungen habgieriger "Rechteverwerter") und legal im Internet abrufbar. "Die Verwandlung" findet Ihr beispielsweise hier. Es gibt meines Erachtens nur wenige Erzählungen, deren Beginn bereits eine so extreme Lust zum Weiterlesen erzeugt:

"Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen."

Donnerstag, 20. Juni 2013

Song des Tages: So Did We




(Isis: "So Did We", aus dem Album "Panopticon", 2004)

Our skin worn thin
Our bones exposed
Life reduced to ticks

From forest caves and azure skies
We crashed upon this earth
The years they passed, and so did we
Yet resistance would be formed


Anmerkung: Lasst Euch nicht von den ersten Takten dieses Songs abschrecken - diese Band hat weitaus mehr zu bieten als wilde Gitarren und dumpfes Gegröle. Das ist Musik für Gewitternächte mit Donnern, Blitzen, Regengüssen, Pausen, Stille, ausufernder Melancholie und Untergangsgedanken - was angesichts des Albumtitels auch nicht weiter verwundert. Heute ist die Assoziation, zu einem Wort wie "Panopticon" - also zu einem "perfekten Überwachungsgefängnis" - das Luftbild einer gewöhnlichen Kleinstadt zu zeigen, ja nicht mehr so ungewöhnlich - 2004 war das aber noch regelrecht prophetisch-dystopisch.

Mittwoch, 19. Juni 2013

Zur ewigen Gebetsmühle der "politischen Fehlentscheidungen"


Die Welt befindet sich im Krieg, im Finanzkrieg. Davon ist Wolfgang Hetzer überzeugt. Er war bis 2011 beim europäischen Amt für Korruptionsbekämpfung OLAF tätig. Was er dort erlebt hat, lässt für den Juristen nur einen Schluss zu: Der Kapitalismus ist eine Kriegserklärung an die bürgerliche Welt. In seinem ersten Buch "Finanzmafia" schreibt Hetzer über die "Korruption als Leitkultur". Die derzeitige Wirtschaftskrise ist demnach ein Produkt aus politischen Fehlentscheidungen, wirtschaftlicher Inkompetenz und krimineller Energie.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Lest Euch dieses Interview sorgfältig durch. Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie unter dem umgehängten Mäntelchen der Scheinkritik am Kapitalismus letztlich wieder nur die alten Floskeln und Gebetsmühlen heruntergeleiert werden. Selbstverständlich ist auch diesem Herrn Hetzer klar, dass der katastrophale Zustand dieser Welt nichts mit "politischen Fehlentscheidungen", die auf "wirtschaftlicher Inkompetenz" beruhen, zu tun hat - wenn er das tatsächlich glaubte, wäre er ebenso dumm wie jeder dumpfe CDU- oder FDP-Wähler aus Hinterfurzingen.

Reagan, Thatcher und ihre NachfolgerInnen samt den Strippenziehern im Hintergrund wussten und wissen selbstredend, was sie da anrichten - das waren keine "Versehen" oder "Fehlentscheidungen", sondern es war das konsequente Abarbeiten einer zuvor erstellten "Agenda", die eben diese zunehmenden katastrophalen Zustände, die wir seit einigen Jahrzehnten beobachten müssen, bewusst in Kauf genommen hat, um den Superreichtum und die Macht einer kleiner Minderheit zu mehren und zu betonieren. Man kann das alles nachlesen, wenn man sich die Mühe machen will - auf Deutschland bezogen reicht ein Blick in das so genannte "Lambsdorff-Papier" aus den 80er Jahren, das als Grundlage für das "Schröder-Blair-Papier" 1999 und die nachfolgende "Agenda 2010" diente. Da ist nichts "versehentlich" passiert - es war alles ausformuliert und vorgedacht und die Halunken haben es schlicht böswillig in die Tat umgesetzt. Das einzige Versehen, das ich dieser Bande zugestehen mag, ist die Tatsache, dass es in Deutschland trotz dieser Zerstörungen noch immer manchen Menschen wirtschaftlich einigermaßen gut geht. Das war so sicher nicht vorgesehen - und es wird sich in Bälde zunehmend ändern.

Derweil wollen uns Propaganda-Experten mit Texten wie dem verlinkten Standard-Interview beruhigen, indem sie nach alarmistischen Phrasen beruhigend resümieren, dass alles doch gar nicht so schlimm und die Umkehr im Übrigen schon eingeleitet sei. Sicher, Solarzellen auf den Dächern der Behausungen von Besserverdienern oder Car-Sharing werden die kapitalistische Katastrophe gewiss aufhalten. So naiv kann dieser Mann gar nicht sein, dass er einen solchen Stumpfsinn allen Ernstes glaubt. Vielleicht ist es kein Zufall, dass er "Hetzer" heißt.

Den oben zitierten Eingangstext zum Interview möchte ich abschließend so korrigieren: "Der Kapitalismus ist eine Kriegserklärung an die Menschheit und die Natur. (...) Die derzeitige Wirtschaftskrise ist ein Produkt aus bewusst getroffenen politischen Entscheidungen, Korruption, Habgier, Menschenfeindlichkeit, Verlogenheit, gewollter Verarmung der Massen zugunsten einer kleinen Minderheit - mithin ein glasklares Spiegelbild der üblichen kriminellen Energie der politischen 'Elite' in einem derart verkommenen System wie dem Kapitalismus." - Solche Binsenweisheiten werden wir indes in den Propagandamedien niemals zu lesen bekommen.

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Kabinett und Volk


"Alle Macht geht vom Volke aus!"
"Durch den Mund des Reichstags kommen seine Wünsche an das Ohr der Regierung."
"Aber - wichtige Dinge bleiben nach wie vor der geheimen Kabinettsberatung vorbehalten."
"Die allerwichtigsten Entscheidungen freilich behält sich der Ressortminister vor."
"Dafür darf das ganze Volk zahlen."

(Zeichnungen von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 33 vom 14.11.1927)

Montag, 17. Juni 2013

Zitat des Tages: Die Idiotie des Stadtlebens [im kapitalistischen Untergangszeitalter]


Während die Reichen, Schönen und sonstwie Doofen ihre Metropolen für sich haben und sie in aller Seelenruhe (sofern "Seele" da nicht das falsche Wort ist) zu eben dem "Hochpreis-Slum" machen können, das der New Yorker SZ-Korrespondent am Hudson bereits ausgemacht hat, gehen wir nach wasweißich Lüneburg, ziehen die Kinder groß und machen es uns gemütlich. Sollen sie doch unter sich bleiben und sich in ihren scheiß Kreativ-Eliteschulen die Ellbogen ins Gesicht drücken, im Café für den Cappuccino sechs Euro bezahlen und für einen Trendkinderwagen 1000, das geht dann voll in Ordnung und uns nichts mehr an.

(Stefan Gärtner in seiner Kolumne "Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück" im Titanic-Magazin Online vom 09.06.2013)

Anmerkung: Der gesamte Text ist wieder einmal ein Highlight, das mir in der letzten Woche den tristen Sonntag erheblich versüßt hat. Wenn es den Gärtner nicht gäbe, müsste man ihn erfinden. Seine Texte gehören allerdings nicht nur in die Titanic, sondern sollten an prominenter Stelle in der Süddeutschen, in der FAZ oder in der Zeit stehen. Dort könnte er zumindest das schaurige Publikum erreichen, das sich diese Texte - um es pädagogisch auszudrücken: "erkenntnisgewinnend" - wiederholt zu Gemüte führen sollte.

Es ist schon bezeichnend für den erbärmlichen "Zustand dieser Zeit" (Kästner), wenn es ausgerechnet und fast ausschließlich Satiriker wie eben Gärtner, Schramm und andere sind, die den Nagel auf den Kopf treffen und ihn somit tief ins blutige, vermodernde Holz jagen. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, in denen beispielsweise ein völlig humorlos agierender Klaus Bednarz - also ein Journalist - diese Rolle innig und vollblütig wahrgenommen hat. Das ist heute gänzlich undenkbar.

Nehmen wir Gärtner beim Wort: Auf in die Provinz, auf in ein neues Leben ohne Konkurrenz, Wettbewerb, Konsumismus, Konzerne, Kapitalismus und Ich-will-das-Beste-für-mein-Kind-auch-wenn-andere-Kinder-darunter-elendig-leiden-mir-doch-egal - es muss ja nicht unbedingt Lüneburg oder Hessen sein. ;-) - Ja, ich weiß, ich bin ein hoffnungsloser Utopist oder wahlweise ein übles Schandmaul. Was aber bleibt sonst übrig?


(Klaus Bednarz: Seriös, humorlos, Demokrat mit dezenter modischer Sehhilfe)

Samstag, 15. Juni 2013

Paranoia oder berechtigtes Misstrauen? - Über "verpflichtende Ortungstechnik" in PKWs


Die EU-Kommission will, dass neue Autos ab 2015 verpflichtend mit dem sogenannten "eCall"-System ausgestattet werden. Es verbindet die Insassen bei einem Unfall automatisch mit Notfalldiensten und übermittelt den Standort an die Retter.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Als ich diesen kurzen, wenig aussagekräftigen Bericht des Boulevardsenders WDR gelesen hatte, begannen sofort sämtliche Alarmglocken in meinem Hirn laut zu schrillen und ich sah ein übles Szenario von noch mehr staatlicher Überwachung vor mir, dem man nicht mehr so einfach wie noch heute - nämlich indem man, wie ich, konsequent auf dämliche Handys, "Navis" und ähnlichen Tand verzichtet - entkommen kann.

Wieder einmal wird hier ein weiterer Meilenstein der zunehmenden Überwachung in ein hübsches, humanitäres Mäntelchen gehüllt, denn wer könnte schon etwas dagegen haben, dass Unfallopfern in Zukunft schneller Hilfe zuteil wird? Ich weiß nicht, wie oft es wohl geschieht, dass Menschen bei Verkehrsunfällen zu Schaden kommen, nur weil die medizinische Hilfe zu spät am Unfallort erscheint. Ich habe auch keine Zahlen darüber, wieviele solcher Personenschäden durch das tolle "eCall"-System wohl vermieden werden könnten. Allerdings sehe ich, dass hier einmal mehr eine kleine Minderheit instrumentalisiert wird, um der überwältigenden Mehrheit etwas aufs Auge zu drücken, was diese ansonsten niemals widerstandslos akzeptieren würde.

Da kann die Bande drei- oder auch dreißigmal beteuern, dass dieses Ortungssystem einzig im "Falle eines Unfalls" ("wenn Airbags auslösen") aktiv werden und dann selbstverständlich auch nur "Rettern" die Position des Fahrzeugs verraten soll. Auf solche Beteuerungen - mit Verlaub - scheiße ich inzwischen im Übermaß. Es ist ja altbekannte Tradition der neoliberalen Bande, dass Überwachungsstrukturen, die zunächst zur angeblichen "Verfolgung schwerster Straftaten" geschaffen wurden, bereits nach kurzer Zeit auch für Bagatelldelikte, die man oft sogar im Vorfeld ausdrücklich ausgeschlossen hatte, eifrig genutzt werden. Dieser Bande ist schlicht nicht zu trauen.

Im Rahmen dieses kriminellen, menschenfeindlichen Systems ist jede Art der Überwachung fatal für die Bevölkerung - ganz egal, aus welchen vorgeschobenen "humanitären" oder anderen Gründen sie auch beworben wird.

Nein - ich will keinen staatlich vorgeschriebenen Sender in meinem Auto haben, über dessen Aktivitäten ich keinerlei Kontrolle habe, ebensowenig wie ich zum Beispiel einen Chip implantiert bekommen möchte, der mich in eine Orwell'sche Alptraumwelt führt. Und wenn ich beim WDR dann noch Sätze wie den folgenden lese, habe ich den Kaffee endgültig auf und weiß, in welche finstere Hölle die Reise der Habgierigen gehen soll, wenn dieses kapitalistische Regime nicht endlich gestoppt wird: "Allerdings schließt die EU-Kommission nicht aus, dass es zusätzliche kostenpflichtige Dienste geben könnte: Suche nach gestohlenen Fahrzeugen oder Einsatz für Versicherungen und Mautgebühren." Da ist plötzlich von "auslösenden Airbags" und "Rettern" keine Rede mehr - ein Paranoiker, wer Böses dabei denkt.

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(Element of Crime: "Finger weg von meiner Paranoia", aus dem Album "Mittelpunkt der Welt", 2005)

Donnerstag, 13. Juni 2013

"Schlanker Staat": Hungertod für unsere Demokratie


Der Sprach- und Medienkritiker Holdger Platta nimmt einen weiteren Kampfbegriff der Neoliberalen unter die Lupe. "Schlanker Staat" meint: Alles, was Bürger dieses Staates wirklich brauchen, ist überflüssiger Speck. Man sieht ja, wohin die abschmelzenden Pfunde wandern: Zu reichen Privatleuten.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Einmal mehr möchte ich einen Text von Holdger Platta empfehlen, der uns diesmal sehr anschaulich das neoliberale Monster des "schlanken Staates", gerne auch euphemistisch "Nachtwächterstaat" genannt, vorführt. Die Parallelen zur Reklame, die der Autor dabei zieht, treffen voll ins Schwarze - denn nichts anderes tun PolitikerInnen und Parteien heute: Sie verkaufen und verbreiten Werbebotschaften, die das beworbene "Produkt" unters Volk bringen sollen - und dabei werden bekanntlich alle verfügbaren Möglichkeiten ausgeschöpft: von der Ablenkung, Verzerrung und Beschönigung bis hin zur dreisten, schamlosen Lüge ist alles dabei. Was in derlei Reklamebotschaften allerdings niemals - unter keinen Umständen - vorkommt, das sind seriöse, gar wissenschaftlich fundierte Informationen.

Das wissen wir (hoffentlich) alle. Umso erstaunlicher ist es, dass es tatsächlich noch Menschen geben soll, die das haltlose Geblubber von PolitkerInnen - zumal in Wahlk(r)ampfzeiten! - in irgendeiner Form ernst nehmen. Genauso wie uns die Konzerne in ihren unerträglichen, abgrundtief dämlichen Werbeclips unentwegt die Hucke volllügen, tun dasselbe auch die werten Damen und Herren in politischen Ämtern bzw. solche, die jene Ämter ergattern wollen, wenn sie die in irgendwelchen Propaganda-"Think Tanks" ersonnenen Neusprech-Phrasen dreschen, die wir zur Genüge kennen. Der "schlanke Staat" ist dafür nur ein Beispiel von sehr vielen.

Dennoch ist es eine wirklich gute Sache, wenn wir beispielhaft einmal näher ausgeleuchtet bekommen, was sich hinter einem solchen Neusprech-Begriff tatsächlich verbergen kann. Wer weitere Beispiele nachlesen möchte, kann das u.a. im Neusprech-Blog tun - auch wenn ich persönlich nicht immer jeder Argumentation dort folgen kann.

Sprache ist ein mächtiges Werkzeug - in positiver, aber leider auch in negativer Hinsicht.

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Das Schlafmittel


Im Radio hört man jetzt nur noch Wahlreden.

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 33 vom 10.11.1924)

Dienstag, 11. Juni 2013

Song des Tages: In Places On The Run




(The Dream Academy: "In Places On The Run", aus dem Album "The Dream Academy", 1985)

All alone in bridge of silence
I suppose you shouldn't stay
All alone in dream's asylum
Don't you know we've come a long way

I suppose we were
Somewhere in the sun
We walked in colored fields
In places on the run

What a dream I had
Dressed in colored shawls
Though the night was so warm
And a nightingale
Sat on a castle wall
While the river ran on

Calling, hearing you call
The river ran on
Running
The river ran on

It felt as if we were
In places yet unknown
We walked through the bazaars
In places on the run

What a dream I had
Walking by the wall
Oh, the raiment and all
The stars flickered by
Soon to be replaced
If I asked them they'd fall

Calling, hearing you call
The river ran on
Running
The river ran on

What a dream I had
Dressed in colored shawls
Though the night was so warm
And in the darkness I
Tried to take your hand
But it was nothing at all

Nothing at all
The river ran on
Nothing at all
The river ran on

The river ran on
The river ran on



Anmerkung: Ich weiß nicht, wie andere Menschen das erleben - aber bei mir erzeugte dieser Song schon damals ungeheure Gänsehautgefühle, die bis heute nicht nachgelassen haben, sondern durch die inzwischen untrennbar mit diesen Klängen verknüpften Erinnerungen noch etwas intensiver geworden sind. Wenn ich das Lied höre, denke ich unweigerlich an eine bestimmte sternklare Nacht im Herzen des Burgund - ebenso wie an eine chaotische Irrfahrt durch die verregnete englische Provinz, die nicht enden wollte.

In jedem Fall ist das extrem atmosphärische Musik, die in den Charts, in die sich einige Songs der Band dennoch böse verirrt haben, nichts verloren hat. Der Komponist der Band, Nick Laird-Clowes, hat u.A. den grandiosen, ebenfalls atmosphärisch sehr dichten Soundtrack zu dem wundervollen melancholischen Film "The Invisible Circus" (2001) geschrieben, in dem Moritz Bleibtreu eine seiner ersten internationalen Rollen spielte.

Montag, 10. Juni 2013

Zitat des Tages: Kühe


Wie in der ersten Frühe
Der Nebel feig
Sich dünn macht, stehn auf der Wiese Kühe.
Und eine davon klackst jenen erstaunlich viel grünen Teig.

Als wie im Paradiese!
Warme Mastbäuche rauchen.
Rührende Rotzmäuler tauchen
In die Champagnerbläschen der Wiese.

Sie wandeln mit viehischer Majestät
Innerhalb ihrer Grenze,
Schieben das Restchen von Nervosität
In die Quaste ihrer Schwänze,

Und ihre Euter schwappeln und schlenkern
So hunds-glücklich gemein.
Auch unter den Fürsten und ersten Künstlern und Denkern
Benehmen sich manche wie ein Schwein.

(Joachim Ringelnatz [1883-1934], in "Simplicissimus", Heft 26 vom 22.09.1924)

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Zur Metamorphose der Pflanzen



(Zeichnung von Toni Bichl [1906-??] in "Simplicissimus", Heft 15 vom 08.07.1934)

Anmerkung: Auch im finsteren Jahr 1934 rutschte offensichtlich gelegentlich etwas am braunen Zensor vorbei, was dieser entweder nicht bemerkt oder aber nicht bzw. falsch verstanden hatte ...

Aus dem Leben gegriffen: "Deutsche lehnen Rechtsextremismus ab"


Einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach zufolge wird Rechtsextremismus in der deutschen Bevölkerung mehrheitlich abgelehnt. 57% der Befragten sehen darin eine große Gefahr für die Demokratie, 85% möchten nicht in der Nachbarschaft von Rechtsextremisten leben.

LeserInnen-Kommentare zu dieser Meldung:

(Weiterlesen)

Anmerkung: Die Redaktion der Titanic hat sich zu dieser Meldung einige Kommentare ausgedacht, die allerdings einen kleinen Makel haben: Sie werden als Satire der ekelhaften Realität leider nicht gerecht, da sie keine Überspitzung darstellen, sondern lediglich den tatsächlich vorhandenen braunen Stumpfsinn in den Kommentarspalten der "Qualitätsmedien" und sogar einiger seriöserer Nachrichtenportale widerspiegeln. Ich persönlich weiß auch gar nicht, wie man das, was man - sofern man sich jene Kommentarspalten noch antut - dort nicht selten zu lesen bekommt, überhaupt noch satirisch überspitzen sollte.

Kommentarspalten sind nun nicht repräsentativ, und es ist auch kein Geheimnis mehr, dass es längst "Agenturen" gibt, die im Auftrag bestimmter Gruppierungen gezielt Kommentare im Netz posten (lassen) - denen ist es egal, ob sie für eine Automarke, für bestimmte Gesetzesvorhaben, für Folterinstrumente oder für eine braune Gesinnung Propaganda betreiben, solange sie bezahlt werden. Jeder Blog-Betreiber, der Kommentare zulässt, kann beispielsweise ein Lied von der stets steigenden Spamflut singen, die tagtäglich in die Kommentarspalte dringt und glücklicher Weise meist im Spamfilter hängen bleibt. Dennoch bleibt ein übler Geschmack zurück, wenn man immer wieder an verschiedensten Stellen derartigen braunen Unrat lesen muss.

Die Saat, die die neoliberale Bande gesät hat und bis heute liebevoll hegt und pflegt, gedeiht prächtig und stinkt entsprechend obszön. Der Überwachungsfetisch-Minister H.P. "Schweinelocke" Friedrich hat kürzlich ja erst wieder in die Mikrofone geplärrt, dass er "Sozialbetrüger" und "Armutsflüchtlinge" aus Deutschland "rausschmeißen" wolle und damit zum wiederholten Male rassistische Hetz-Propaganda für die NPD betrieben - was will man von Menschen auch erwarten, die solche Widerlinge nicht nur widerspruchslos dulden, sondern sie sogar wählen?

Wenn der Fisch vom Kopf her stinkt, wird letzten Endes der ganze Teich zur versumpften Kloake.

Samstag, 8. Juni 2013

Die planetarische Herrschaft der Superreichen


(...) Reden wir, wenn wir über Superreiche sprechen, über die unersättlichen Bank- und Industriemanager, deren Millionengehälter gedeckelt werden sollten? Sicher auch. Aber das sind angesichts der Dimensionen, die sich uns heute erschließen, immer noch kleine Fische. Chrystia Freeland, Geschäftsführerin und Redakteurin der Abteilung "Verbrauchernachrichten" bei Reuters, regelmäßiger Gast des Weltwirtschaftsforums in Davos, hat im Oktober 2012 ein Buch unter dem Titel "Plutocrats. The Rise of the New Global Super Rich and the Fall of Everyone Else" (Die Plutokraten. Der Aufstieg der neuen, globalen Superreichen und der Absturz von allen anderen) veröffentlicht, in dem sie die Dinge auf den Punkt bringt: "Zivilisten – das heißt alle diejenigen, die nicht an der Wall Street oder in Silicon Valley arbeiten – denken wohl, dass die 68 Millionen Dollar Jahreseinkommen des Chefs von Goldman Sachs, Lloyd Blankfein, kurz vor der Bankenkrise oder der 100-Millionen-Dollar-Bonus im Jahre 2008 von Andrew Hall, dem Derivate-Spitzenhändler von Citigroup, fürstliche Einkommen sind. Auf der Wall Street selbst aber betrachten sich sogar solche Topangestellten börsennotierter Unternehmen als kleine Mitläufer im Vergleich zu den Chefs von Hedge-Fonds, Venture-Kapital-Firmen und nicht öffentlich gelisteten Privatunternehmen."

(Weiterlesen)

Anmerkung: Schon wieder ein etwas längerer Text, der es aber einmal mehr in sich hat und den ich zur allgemeinen Pflichtlektüre erheben möchte: Der Soziologe Hans Jürgen Krysmanski hat damit die Quintessenz seines Buches "0,1% – Das Imperium der Milliardäre" geschrieben, die mich ängstlich und ratlos zurücklässt. Die Zukunftsszenarien, die in diesem Text angerissen werden und größtenteils bereits im vollem Gange sind, sind pure Dystopien, die von Faschismus, Not, Elend, Leid und Tod erzählen und in dem Fazit münden:

"In dieser Lage versuchen die Geldeliten sich zu verselbstständigen. Sie beginnen im wahrsten Sinne des Wortes, auf eigene Faust mit Söldnerarmeen sowie privaten Polizei- und Geheimdiensten zu operieren, denn Klimawandel, Ressourcenprobleme und wachsende, unumkehrbare Arbeitslosigkeit deuten auf ein kommendes globales Szenario nackter Überlebenskämpfe. In einer solchen Rette-sich-wer-kann-Welt werden neue und neuartige Klassenkonflikte entstehen. Und wir alle kommen letztlich nicht darum herum, an ihnen teilzunehmen."

Das klingt alternativlos - und angesichts der furchtbaren Faktenlage fällt es auch mir extrem schwer, Alternativen anzudenken. Eigentlich fällt mir da nur die Abschaffung des Superreichtums ein, also die Enteignung dieser 0,1 Prozent. Damit wären die gröbsten Probleme und Missverhältnisse im globalen Maßstab erst einmal entschärft. Wie und vor allem mit wem soll so etwas aber global umgesetzt werden? Der Autor weist ja explizit darauf hin, dass die "politischen Eliten" (womit die jeweiligen etablierten Parteien der verschiedenen Staaten samt der staatlichen Institutionen gemeint sind) ein fester, integrierter Bestandteil der "Ringburg" der Superreichen sind, die dem Reichtums- und Machterhalt dieser verschwindend kleinen Minderheit dient.

Veränderungen können also nur von außen kommen - zu diesem offensichtlichen Schluss kommen auch die im Text zitierten "Militärexperten" - und es kann nicht überraschen, dass es eben Militärs sind, die da im Regierungsauftrag "geforscht" haben und nicht etwa Soziologen oder andere Gesellschaftswissenschaftler. Und so erschließt sich auch sofort, weshalb es auch heute schon bei Demonstrationen immer wieder zu eskalierender, extremer Polizeigewalt kommt, die offenbar einzig dem Zweck dienen soll, jene Veränderungen von außen möglichst frühzeitig schon im Keim zu ersticken. Es bedarf keiner großartigen geistigen Leistung um zu erkennen, dass all dies nichts, aber auch gar nichts mehr mit Demokratie oder einer "freiheitlich-demokratischen Grundordnung" zu tun hat.


Mittwoch, 5. Juni 2013

Song des Tages: Wolves 'n' Lambs




(Labyrinth: "Wolves 'n' Lambs", aus dem Album "6 Days To Nowhere", 2007)

From the morning to the night
Breaking news of fights
All the certainties are gone
Do you get my drift?

It's another middle age
Same old fear and rage
Sneaking slowly through our feet
They are gaining ground

Comprehension for someone
Who's trying to surround us

Too many wolves in lambs' clothing,
ready to conquer and rule

"Words of Love" or "Swords of God"
Mixed and abused
Holy wars for cursed ideals
Look out, they are here

Rising deadly like a gas
Stealing our breath
Planning slaughters at the
Shadow of distorted worths

Comprehension for someone
Who's trying to surround us

Too many wolves in lambs' clothing,
ready to conquer and rule


Anmerkung: Herzlich willkommen im kriegslüsternen Mittelalter des 21. Jahrhunderts - die Rocker aus Italien haben die Zeichen der Zeit erkannt und ein leider etwas belangloses Lied daraus gemacht, das dem wegweisenden Text nicht wirklich gerecht wird. Immerhin ist es aus musikalischer Sicht trotzdem noch immer weitaus komplexer und abwechslungsreicher als das, was uns die Medienkonzerne permanent ins Ohr drücken - aber das ist nun wahrlich auch nicht schwer. Für die neoliberale Bande zählt das aber sowieso nicht, denn hier lauschen wir bösen Linksextremisten, die die heiligen, demokratischen Friedenseinsätze der glorreichen westlichen Freiheitsarmeen in den Schmutz ziehen. Und das geht gar nicht, das ist undemokratisch und verfassungsfeindlich, denn "wir" im Westen sind schließlich die Guten. Immer und überall.

Wölfe im Lammkostüm - so etwas gibt's nur drüben bei den bösen Terroristen. Hier im Westen sind wir alle Lämmer und nehmen die Wolfsrudel in ihren hochalbernen Lammkostümen im Vorgarten nicht einmal wahr.

Mäh, mäh.

Montag, 3. Juni 2013

Die weltweite Ausbeutungspyramide am Beispiel Afrika


Die Bevölkerungen der Industrieländer sind privilegiert, weil ihre Wirtschaftsräume auf die Rohstoffe und Arbeit anderer Länder zurückgreifen können

Während [es] im Zuge von Finanzmarkt- und Immobilienkrisen, einer desaströsen Wettbewerbsdoktrin im Außenhandel, drakonischen Kürzungs- und Lohnsenkungsprogrammen sowie dem europaweit verankerten Fiskalpakt in einer der Kernregionen des Kapitalismus nun wohl zu einer schwerwiegenden Wirtschaftskrise kommen wird, die weltweit massive Auswirkungen haben dürfte und Arbeitslosigkeit sowie Ungleichheit weiter explodieren lässt, läuft man Gefahr, die menschenverachtende Ungleichheit im globalen Maßstab aus dem Blick zu verlieren.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Ich weiß, dieser Text ist lang (drei Telepolis-Seiten), nicht unbedingt durchgehend leserfreundlich geschrieben und gleitet zuweilen ein bisschen zu sehr in wirtschafts-"wissenschaftliches" Geschwurbel ab - aber dennoch möchte ich ihn als Grundlagentext für Diskussionen rund um die himmelschreiende, schon so elendig lange andauernden Armut in Afrika sehr empfehlen, weil er eben auch viele Infos und Fakten enthält, von denen die Öffentlichkeit üblicher Weise nichts erfährt, wenn sie sich nicht aktiv und aufwändig selbst darum bemüht und beispielsweise Bücher zum Thema liest.

Mir persönlich ist das umfänglich betrachtet deutlich zu biedere und zu zahme Kapitalismuskritik, da der Autor kritisch fast einzig auf die grotesken "Auswüchse" dieses Katastrophensystems hinweist - die freilich extrem schreckliche Folgen haben, aber dennoch eben nichts weiter sind als die konsequente und logische Fortführung eines absurden Systems, das letztlich zu einer Konzentration allen Besitzes, aller Ressourcen und aller Macht in einem kleinen Punkt strebt, während der Rest - also nahezu alle Menschen - leer ausgeht, und das aus diesem Grund selbstredend immer wieder kollabieren muss.

Trotzdem kommt es gerade in den "Kernregionen des Kapitalismus" so extrem selten vor, dass das Leid und Elend so vieler Menschen insbesondere in Afrika nicht nur benannt, sondern auch mit näheren Infos versehen wird - ich danke dem Heise-Verlag da ausdrücklich, dass er als einer der ganz wenigen solche Texte in regelmäßigen Abständen immer wieder publiziert. Wenn sich nun auch dort noch die schnöde Erkenntnis herumsprechen würde, dass die "Industrialisierung" und die "marktwirtschaftliche" Kopie des Irrsinns aus Europa und Nordamerika nun wahrlich keine Lösung für dieses massive Problem in Afrika und anderswo darstellen kann, wäre den Menschen dort noch viel mehr gedient. Es ist ja nun keine sonderlich neue Erkenntnis, dass im Kapitalismus nur Reichtümer von einigen angehäuft werden können, wenn dafür viele andere extreme Schulden machen - oder anders ausgedrückt: Wenn in einer Region ein (noch dazu starker) wirtschaftlicher "Boom" stattfindet (wie etwa in den 50er und 60er Jahren in Deutschland), dann muss es zwingend andere Regionen geben, in denen defizitär gewirtschaftet wird und in denen demnach Rezessionen stattfinden müssen - oder, wenn es wie in Afrika vielerorts nichts mehr zu "schrumpfen" gibt, eben Hungersnöte, Elend, Krankheit, Leiden, Tod die Folgen sind.

Derlei Gedankengänge scheinen sich viele (die meisten?) Politiker und vor allem Ökonomen längst nicht mehr zu leisten - anders sind die irrwitzigen "Rezepte" der aktuellen "Troika" in Bezug auf Europa gar nicht erklärbar, die ja von jedem einzelnen Land einen "Exportüberschuss" und ein wirtschaftliches "Wachstum" erwartet. Ich schreibe einen solchen Text ja nicht zum ersten Mal, und stets komme ich da wieder an den Punkt, an dem ich mich mit rollenden Augen frage, ob diese Gesellen das tatsächlich ernst meinen und ihren Stumpfsinn selber glauben - oder ob sie stets doch nur Nebelkerzen werfen, wohl wissend, dass sie Nonsense von sich geben, die brutalen Folgen ihres Katastrophenkurses aber bewusst in Kauf nehmen - oder, noch schlimmer, sogar darauf warten, denn am Kollaps, an Kriegen, Leid, Zerstörung und Tod lässt sich wunderbar neues Geld verdienen und das alptraumhafte System nebenbei und nahezu unbemerkt auch wieder neu starten. Die "Stunde Null" nach 1945 war tatsächlich der Neubeginn bei Null für die allermeisten Menschen in diesem Land - nicht aber für die wenigen, die schon vor, während und eben auch nach dem Krieg über den Großteil des Reichtums in Deutschland geherrscht hatten und dies bis heute tun (siehe dazu beispielsweise "Das Schweigen der Quandts").

Die Antwort bleibe ich schuldig - es mag sich einjede/r selbst ein Bild von den geistigen Kapazitäten unserer polititischen und ökonomischen "Führungselite" - oder wahlweise der wesentlich humaner und sozialer agierenden Gorillasippe, die hierzulande meist im örtlichen Zoo eingesperrt ein karges Dasein fristet - machen.

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Marsnähe
[Export zum Mars]



"Petroleum? Kohlen?? Waffen???"

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 22 vom 25.08.1924)

Donnerstag, 30. Mai 2013

Zitat des Tages: Was es zum Jubiläum der SPD zu sagen gab


Die ersten 50 Jahre waren interessant, da war die SPD politischer Ausdruck der Arbeiterbewegung. Der tapfere August Bebel lobte 1871 im Reichstag die Pariser Commune. Über's Erfurter Programm konnte man noch streiten. / Mit den Kriegskrediten von 1914 und dem Verrat der Novemberrevolution 1918/19 war die SPD als fortschrittliche Kraft am Ende. Es gab viele mutige Antifaschisten, aber dominant blieben Hardliner wie Noske und obrigkeitsstaatliche Kleinbürger wie Ebert – bis heute. / Nach dem Krieg spaltete und befriedete die SPD die Arbeiterbewegung per "Sozialpartnerschaft". 1959 entschied sie sich endgültig für Kapitalismus und NATO, aber – gratuliere! – mit dem Rauswurf des SDS 1961 bekam die Apo unabsichtlich eine unabhängige Organisation. / In den siebziger Jahren wurden wir AKW-Gegner_innen von der SPD-Führung als "Terroristen" beschimpft. / Seit 1998 wird die SPD für Kriege und Sozialstaatszerstörung gebraucht, im Herbst 2013 droht auch dafür wieder eine Große Koalition. / Aufrichtig gratulieren kann ich für Brandts Kniefall in Warschau.

(Jutta Ditfurth, in "Das Blättchen", Nr. 11 vom 27.05.2013)

Anmerkung: Und das war's dann auch, was zum Jubiläum dieser Verräterpartei zu sagen war - es fehlt vielleicht noch ein eher geheucheltes "Requiescat in pace".

Der kapitalistische Einheitsbrei der Gammelpolitik




Anmerkung: Christine Prayon läuft in der Satiresendung "Extra 3" zur Höchstform auf - wer diese kleine Darbietung noch nicht gesehen hat, sollte sich das keinesfalls entgehen lassen. Die Frau spricht mir mal wieder aus der Seele!

Montag, 27. Mai 2013

Die Antiquiertheit der Demokratie


Haben Sie schon diese neusten Wirtschaftsfakten verinnerlicht? Laut Michael Spence, dem Wirtschafts-Nobelpreisträger von 2001, soll ein "wohlwollend autoritäres System" die optimalen Voraussetzungen für langfristiges Wirtschaftswachstum bieten, da Demokratien innerhalb eines "zu kurzen Zeithorizonts" agieren. Solche vordergründig ketzerischen Ideen können inzwischen tatsächlich Ökonomen, die Hohepriester des Kapitalkultes, am ehesten öffentlich artikulieren, ohne breiten Widerspruch zu ernten.

Doch auch der kanadische Philosoph Daniel A. Bell sieht inzwischen in der repräsentativen Demokratie westlicher Prägung nicht mehr den besten "Weg, um ein politisches System zu organisieren". Stattdessen solle eine strikte Auslese der Führungselite nach "intellektuellen Fähigkeiten und moralischen Standards" stattfinden. Innerhalb einer solchen Meritokratie könnte auch eine neue Stimmgewichtung etabliert werden, erläuterte der in Peking lehrende Philosoph: "Denkbar wären mehr Stimmen für Menschen mit besserer Erziehung." Überdies seien Wahlen nur auf lokaler Ebene sinnvoll, wo "falsche Entscheidungen nicht so sehr ins Gewicht" fielen.

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Anmerkung: Ein weiterer Glanzpunkt im journalistischen Schaffen von Tomasz Konicz, den Ihr euch nicht entgehen lassen solltet - auch wenn der Inhalt einmal mehr als Brechmittel und drohendes Schreckensszenario der nahen Zukunft dient: Es macht mich nahezu sprachlos, mit welcher Schamlosigkeit und Vehemenz das faschistische Denken, das in "elitären Kreisen" sicher immer tief verankert war, nun auch wieder laut und unverblümt in die Welt geplärrt wird - nur allzu lächerlich getarnt als pseudowissenschaftlicher "Diskurs".

Solch üble Gedanken erscheinen gerade auch vor dem Hintergrund doppelt grotesk, dass die bestehenden "Demokratien westlicher Prägung" ja längst nur noch bröckelnde Ruinen sind, in welche die Merkel'sche "marktkonforme Demokratie", die gegen die Interessen der Menschen und für die Interessen der Superreichen arbeitet, Einzug gehalten hat. Wieso reicht diesen habgierigen Menschenfeinden das noch nicht? Sie haben ihr absurdes Demokratietheater mit den austauschbaren Marionetten und Blockflöten verschiedener Farbe, ihr Zerstörungswerk ist in vollem und aus ihrer Sicht erfolgreichem Gange - was sollen nun die öffentlichen Bekundungen zur "Führungselite", zur "Auslese", zu einem sprachlich-gedanklichen Irrsinn wie dem "wohlwollend autoritären System" und derlei faschistischer Unrat mehr noch zusätzlich bewirken?

Hat die Bande eine so übergroße Angst vor Revolutionen? Gehen ihre perfiden Pläne zur Ausbeutung und Verelendung der Menschen noch viel weiter als wir uns das vielleicht vorstellen mögen? Einen kleinen Vorgeschmack auf ein solches "wohlwollend autoritäres System" haben zumindest all diejenigen schon einmal bekommen, die direkt oder indirekt mit dem Hartz-Terror zu kämpfen hatten. Wenn mitten im Klassenkampf und einer massiv vorangetriebenen Zwangsverarmung der Menschen die sich selbst als "Elite" begreifende Mini-Gruppe der Superreichen die Demokratie zur "Antiquität" und den Faschismus in pseudowissenschaftlichem Neusprech zum "neuen, modernen Weg" erklären lässt, sollte uns allen angst und bange werden.

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Arm aber ehrlich!


"Keen Mann, keen Zaster, keene Bleibe - nu kann ick mir meine sojenannte Tugend uffs Brot schmier'n, wo ick nich habe."

(Zeichnung von Marcel Frischmann [1900-1952], in "Simplicissimus", Heft 46 vom 14.02.1927)