Donnerstag, 29. Dezember 2011

Obdachlos in der Hochburg der Reichen

Maria und Josef im Ghetto des Geldes

Die wohlhabendsten Deutschen mit den teuersten Häusern leben im Taunus bei Frankfurt: Banker, Manager, Industrielle. Was passiert, wenn man sie um Hilfe bittet? Die Schauspielerin Viola Heeß und unser Redakteur Henning Sußebach haben sich – als obdachloses Paar verkleidet – kurz vor Weihnachten auf den Weg gemacht.

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Anmerkung: Diesen Bericht sollte man - auch wenn er recht lang ist - unbedingt lesen (hier gibt es ein Interview mit einem der Autoren dazu). Es wird hier sehr deutlich, wie die "Oberschicht" Deutschlands zum Thema Armut steht - und wie verlogen und dekadent diese ganze luxuriöse Existenz ist. Wenn man zudem noch bedenkt, dass die beiden Autoren sicherlich auf die gutbürgerliche Leserschaft der Zeit Rücksicht genommen haben (oder nehmen mussten), kann man erahnen, dass die widerlichsten Erlebnisse dieses Undercover-Versuchs in den Text gar nicht oder nur sehr abgeschwächt eingeflossen sind - einige Nebensätze lassen das durchaus erahnen.

Die elitären Damen und Herren präsentieren sich hier exakt so, wie man es auch von ihnen erwartet - asozial, menschenfeindlich und über alle Maßen heuchlerisch und arrogant. Ich kann es mir nicht verkneifen und zitiere einfach aus dem Schluss des Berichtes - für diejenigen, die sich von der Länge des Textes abschrecken lassen:

"Es gibt zahllose Charity-Zirkel in Kronberg, aufwendig inszeniert und dokumentiert. Im Internet finden sich Bilder von Vorstandschefs in karger Krankenhauskulisse und Managern mit dunkelhäutigen Babys auf dem Arm. Die Konkurrenz scheint so groß zu sein, dass man schon Mehrfachbetroffenen helfen muss, um überhaupt aufzufallen. Nur Kinder in Bangladesch reichen nicht, sie müssen auch noch blind sein. Indirekte Hilfe wird bevorzugt – also verbunden mit Festlichkeit und Spenden nach möglichst weit weg. Bangladesch, Sri Lanka, Peru. Wer sich in die Nähe wagt, würde sich statt Dankbarkeit womöglich eine Verteilungsdebatte einfangen. So aber bleibt’s bei einem schönen Foto mit Riesenscheck.(...)

Heute gibt es dieses gute Gefühl schon zum Eintrittspreis von 35 Euro.

Mit Sack und Pack treten wir ein. Im Foyer hilft ein Page den Gästen aus ihren Mänteln. Überall Kellner, mit jedem Schritt auf spiegelndem Marmor um Würde bemüht. In einer Vitrine ein Füller von Faber-Castell für 3200 Euro. Klingen von Gläsern. Freudiges Gemurmel. Viel Haut. Viel Anmut. Viel Schwarz. Viel Weiß. Und dazwischen plötzlich wir, die poor, direkt vorm Weihnachtsbaum. Gesichtsmuskeln, auf zig Empfängen auf Contenance trainiert, geraten außer Kontrolle. Getuschel. Gezischel. Endlich einmal trennt uns keine Tür, kein Zaun, keine Windschutzscheibe von den Studienobjekten! Wir suchen nach bekannten Gesichtern, nach den Koppers, Ackermanns und Blessings. Aber dazu bleibt keine Gelegenheit, nach dreißig Sekunden ist der Manager on Duty da, ein junger Mann mit alter Guttenberg-Frisur und tadellosen Türstehermanieren. Mit der Showtreppen-Eleganz eines Entertainers schiebt er uns durch ein schweigendes Spalier ins Freie.

'Das ist wirklich unpassend heute', sagt er mit hochgezogenen Augenbrauen. 'Wir haben hier nämlich eine Wohltätigkeitsveranstaltung.'

Draußen im Regen schauen wir uns um. Wie konnten wir das nur vergessen."

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo,

ich denke auch, dass die beiden wohl noch viel widerlichere Dinge erlebt haben. Aber was willst Du da machen. Giovanni di Lorenzo (der pseudo-schöngeistige Chefredakteur der ZEIT) hat nun mal den Auftrag, die soziale REALITÄT in unserem Lande bloss nicht zu nah an die gutversorgten-Sorgenlosen heranzulassen. Man kann ihn nur bedauern!

Ich selbst lebe seit langem mit Hartz IV, also Armut bis zum Abwinken und Diskriminierung von allen Seiten.

Und dieses Hartz IV, ja - das ÖFFNET DIR DIE AUGEN für die VERHÄLTNISSE im Lande, insbesondere für den neoliberalen Zerstörungswahn gegenüber allem Menschlichen und Sozialen.

Wenn ich das von diesen Reichen lese, dann geht es mir wegen ihres perversen heuchlerichen Verhaltens immer öfters so, dass sie mich zwar einerseits grenzenlos anwidern, aber sie mir dann auch irgendwo nur noch leid tun. Ja, ich habe dann nur noch Mitleid (ein seltsames Gefühl!) mit ihnen und kann ihnen plötzlich gar nicht mehr böse sein. Ich finde sie dann nur noch bedauernswert, klein, ja ARM, richtig ARM, richtig schwach, eigentlich KRANK (obwohl Krankheit ja nichts Abwertendes ist!). Denn: sie wissen immer öfter nicht mehr, was sie tun!

Für die Neoliberalen sind wir lebensunwertes Leben, überflüssig, unnütz, Last. Das können auch ihre perversen Veranstaltungen da nicht überdecken!
Wir sollten uns Dinge im Leben suchen, die uns Sinn geben, die uns Freude machen, bei denen wir solidarisch Mensch werden können, denn irgendwie müssen wir ja in dieser neoliberalen Apokalypse überleben. Das sollten wir neben der Analyse der Verhältnisse nicht vergessen!

Grüße aus dem Saarland, von dem, der seinen Mantel teilt!

Charlie hat gesagt…

Hallo Anonym,

es betrifft ja nicht nur die Zeit, dass die sozialen und gesellschaftlichen Realitäten - so wie sie wirklich sind - von der noch halbwegs gutgestellten Bevölkerung weitestgehend ferngehalten werden sollen. Dennoch ist dieser Bericht doch sehr erhellend und zeigt unmissverständlich auf, wie die "Oberschicht" in diesem Land mit der selbst produzierten Armut, auf der ihr eigener Reichtum fußt, umzugehen gedenkt. Diese Leute in ihren Villen wissen sehr genau, dass sie der Mehrheit der Menschen - nicht bloß in Sri Lanka oder Bangladesch, sondern natürlich auch im eigenen Land - die Butter vom Brot klauen, und damit wollen sie nicht konfrontiert werden. Anders ist diese Ablehnung meines Erachtens kaum erklärbar.

Ich finde das auch bemitleidenswert - allerdings hilft das ja in keiner Weise weiter. Deshalb finde ich es so wichtig, diese heuchlerischen Leute - weitaus massiver als das in der Zeit geschehen ist - als das asoziale Gesindel zu brandmarken, das sie sind: Eine Bande von Parasiten, die auf Kosten des Großteils der Menschheit ein erbärmliches, verlogenes Luxusleben führt und nicht einmal den Restanstand besitzt, dazu auch zu stehen. Statt dessen wird den Bestohlenen noch attestiert, "faul" und "feige" und für die Armut "selbst verantwortlich" zu sein. Noch dreister, verlogener und verkommener könnten sie kaum sein.

Und wie dem vorhergehenden Beitrag hier im Blog zu entnehmen ist, trägt diese neoliberale Propaganda des egoistischen Faschismus ja bereits Früchte - wir dürfen uns darauf freuen, dass immer mehr Menschen - gerade auch junge - dieses perverse Weltbild verinnerlichen.

Ich habe spätestens seit dem letzten Weihnachten (siehe mein diesbezüglicher Bericht hier - im Update, also weiter unten: http://narrenschiffsbruecke.blogspot.com/2011/12/deutsche-zustande-die-gesellschaft-ist.html) keinerlei Illusionen mehr.

Viele Grüße
Charlie