Samstag, 13. Oktober 2012

Zitat des Tages: Letzte Reise


Ohne Koffer, möglichst leise
Machst du eine kleine Reise
Ganz allein.
Sitzt bequem im Speisewagen,
Lässt vorbei die Felder jagen
Und trinkst Wein.
Fährst durch Städte, fremde Orte,
Schreibst mal eine Ansichtskarte
Nach zu Haus.
Denkst gerührt an die Verwandtschaft,
Und gefällt dir eine Landschaft,
Steigst du aus.
Wandelst fremd durch fremde Gassen,
Kannst das Glück noch gar nicht fassen,
Dass dich nichts mehr hält.
Keine Briefe, keine Zeitung,
Abgeschnitten ist die Leitung
Mit der Welt!
Legst dich im Hotel zu Bette,
Rauchst die letzte Zigarette,
Freust dich noch des Lichts,
Schluckst ein Pulver, lächelst leise,
Und trittst an die letzte Reise
In das Nichts.

(Siegfried von Vegesack [1888-1974], in "Simplicissimus", Heft 13 vom 27.06.1927)


(Bild: www.von-vegesack.de)

Kommentare:

darkmoon hat gesagt…

Hey, kommen jetzt suizidale Tendenzen bei dir zum Vorschein? Das wolln wir dochmal nicht hoffen... Ich weiß daß alles zum Kotzen ist, aber es gibt auch nette Leute, vergiß das nicht.

Charlie hat gesagt…

Keine Sorge, mein Lieber - das ist ein rein lyrischer Text, der allerdings heute wie damals leider immer größere Relevanz für eine zunehmende Anzahl von Menschen hat(te).

Der Autor selbst hat sein Gedicht ja noch fast 50 Jahre überlebt - ob ich das von heute an gerechnet auch schaffe oder schaffen will, ist eher ungewiss. ;-)

Die völlige Abwesenheit von Traurigkeit in dem Text, an deren Stelle Ruhe, Befreiung und sogar Freude treten - das ist der Punkt, über dessen Ursachen die Leserinnen und Leser nachdenken und ggf. erschrecken sollten.

darkmoon hat gesagt…

Es kommt immer drauf an ob man Angst vor dem Tod hat oder nicht. Ich habe keine. Deshalb schreckt mich die "letzte Reise in das Nichts" auch nicht.

Aber gut zu wissen daß dich derartige Gedanken gerade nicht umtreiben!

Charlie hat gesagt…

Angst vor dem Tod ... nun, ich denke, dass man darüber erst dann wirklich eine Bewertung abgeben kann, wenn der Tod tatsächlich an die eigene Türe klopft. Vorher ist das wohl eher eine theoretische Diskussion.

Der großartige Thomas Bernhard hat mal in einer Rede anlässlich einer literarischen Preisverleihung (die natürlich, wie bei Bernhard üblich, zum Skandal wurde) gesagt: "Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt." Dem kann man nicht viel hinzufügen, finde ich.