Montag, 30. Januar 2012

Italien: Und jetzt soll die Mittelschicht bluten

"Deregulierung" lautet der neue Slogan der Regierung Monti, Taxifahrer, Ärzte und Rechtsanwälte protestieren

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Anmerkung: Lest Euch den verlinkten Artikel genau durch und achtet darauf, wie gezielt dort die "Interessen der Konsumenten" gegen die "Interessen der Mittelschicht" ausgespielt werden. Beispielhaft sind im Text die Taxiunternehmer (nicht die Taxifahrer, wie der Subtitel suggeriert), Ärzte, Notare und Rechtsanwälte genannt bzw. gemeint.

Es ist nur noch perfide, wie hier einzelne Bevölkerungs- und Berufsgruppen - offensichtlich ganz gezielt - gegeneinander aufgehetzt werden. Natürlich haben "Konsumenten" im Kapitalismus - insbesondere dann, wenn sie zunehmend verarmt werden - ein Interesse an niedrigen Preisen. Was bleibt ihnen auch anderes übrig, wenn sie nicht am Wohlstandswachstum beteiligt werden? Ebenso haben Selbstständige und Kleinunternehmen ein Interesse daran, dass die bisherigen Preise zumindest halbwegs stabil bleiben, denn auch sie müssen irgendwie überleben. Die Zeiten, in denen eine Arztpraxis, eine Rechtsanwaltskanzlei oder ein kleines Taxiunternehmen per definitionem schon für einen gewissen Wohlstand standen, sind nicht nur in Italien längst vorbei. Von den Angestellten dieser Kleinstunternehmen will ich in diesem Zusammenhang gar nicht reden - es versteht sich von selbst, dass diese natürlich zu den Niedriglöhnern zählen, die noch dazu kaum arbeitsrechtlich geschützt sind.

Wir sehen hier ein mustergültiges Beispiel für eine beginnende Deflation, die geradezu bewusst vom neuen, demokratisch nicht legitimierten Regime in Italien in Gang zu setzen versucht wird. Und der Standard begleitet das mit einem solchen unkritischen, geradezu verschleiernden Text, der die "Deregulierung" ins Zentrum stellt.

Es ist gut, dass es diesbezüglich zunehmenden Protest in Italien gibt - allerdings sollte der sich eher gegen das gesamte - durch das undemokratische Regime noch verstärkte - kapitalistische System und die neoliberale Strategie richten, da er ansonsten wirkungslos verpuffen wird. Ich kann nur hoffen, dass sich endlich einmal flächendeckend herumspricht, dass es keinen "Kampf" zwischen Unter- und Mittelschicht oder zwischen "Konsumenten" und "Selbstständigen" gibt, denn die sitzen alle im selben Boot. Die Trennlinie verläuft klar erkennbar zwischen der Bevölkerung auf der einen und den schamlosen Superreichen auf der anderen Seite - das ist die "Front", an der es zu kämpfen gilt.

Es ist extrem fatal, dass weite Teile der Mittelschicht das nach wie vor nicht erkennen (möchten) und von den Medien darauf auch nicht aufmerksam gemacht werden. Ich finde es einfach nur bizarr, wenn noch Wohlhabende ihre Pfründe schwinden sehen und auf nicht Wohlhabende und Arme blind eindreschen, während einige Superreiche vollkommen unbehelligt in ihren aus allen Nähten platzenden und täglich weiter wachsenden Geldspeichern lächelnd in einem Geldmeer baden, das völlkommen aus dem Ruder läuft.


(Bild: Wikipedia - Vermögensverteilung in Deutschland 2007 - in Italien sieht's nicht wesentlich anders aus. Wo müsste man das fehlende Geld wohl abschöpfen? Ist das wirklich so schwierig zu erkennen?)

Kommentare:

Mo331 hat gesagt…

Schön zusammengefasst Charlie, okkupy läßt grüßen. Diese scheiß Bonzen müßte man einfach mal so richtig in den Axxxx treten und ein bischen von der kohle wegnehmen, das würd doch schon reichen. Sie holens aber immer wieder nur von den ärmeren. Das kotzt mich so an.

Iss in Italien nicht anders wie hier, da sitzt der Berluscony jetzt auch in eine von seine vielen Villen u. vergnüvt sich mit Mädels u. hat immer noch die Macht über die ganzen Medien und Kohle ohne Ende.

Wo soll das hinführen.

Charlie hat gesagt…

Lieber Mo,

mit Occupy ist das so eine Sache - dazu schreibe ich bald vielleicht auch mal etwas. Ein paar Gedanken dazu habe ich schon hier zum Besten gegeben.

Was Berlusconi betrifft, hast Du sicherlich recht.

Liebe Grüße
Charlie

Anonym hat gesagt…

Hallo Charlie, ich BIN selbständig und ich kann dir versichern dass ich genau weiss, wohin das Geld, das mir jedes Jahr wieder fehlt, verschwunden ist. Die Graphik zeigt das ja deutlich.

Das Problem dabei ist: Unser Gesellschafstsystem ZWINGT jeden ja geradezu dazu, an sich selbst zu denken und egoistisch zu sein, anders kann man doch gar nicht überleben. Mir tun die ganzen Leute die nichts haben auch leid und ich würd gerne !! was dran ändern. Nur was und wie? Man fühlt sich so ausgeliefert und hilflos!

Eins ist mir klar, grade wenn ich an meine Kinder denke: SO KANN DAS NICHT WEITERGEHEN!

Und danke für das Narrenaschiff, du sprichst mir oft aus der Seele!

MfG, Klaus

Charlie hat gesagt…

Lieber Klaus,

die Frage, wie sich das System (zum Positiven) verändern ließe, ist nicht leicht zu beantworten, das weiß ich selber. Der allerwichtigste Schritt wäre dabei wohl die Überwindung der verkrusteten, korrupten politischen Altparteien (CDU/CSU, SPD, Grüne und FDP), die schon seit so vielen Jahrzehnten gegen das Wohl der Menschen handeln und diese Tendenz immer weiter verschärfen.

Darauf aufbauend könnte man ein neues gesellschaftliches und wirtschaftliches System erstellen, das endlich den Menschen und die Natur ins Zentrum allen Handelns stellt und nicht mehr die albernen Konten irgendeines elitären superrreichen Gesindels.

Wenn man mit Kindern zu tun hat, sollte man vor allem eines tun: Sie das kritische Denken, Solidarität und Humanismus lehren.

Liebe Grüße,
Charlie