Montag, 15. Dezember 2014

Zitat des Tages: Nocturne


Die Türglocke schrillt! Durchtrennt
die Nacht. Kein Licht, doch die Tapete
grünt, der Regen weiß den Weg
in unser Seegras. Uhrenparadoxon:
die totgeschlagne Zeit
tickt schmerzhaft in der Schläfe.

Schrillt! Leg, einen Bann,
auf die Schwelle dein Hemd.
Holzauge, trüb vom grauen Star.
In Chacabuco, sagst du,
legen sie Elektroden an. Zum Glück
ist hier alles menschlicher.

Die Glocke! Wir nehmen
die Zahnbürsten aus dem Glas,
gehen die Gartentür öffnen

und lassen das Gras herein.

(Harald Gerlach [1940-2001], in: "Mauerstücke. Gedichte", Aufbau 1979)


Anmerkung: Dieses wichtige Gedicht beschreibt sehr eindrucksvoll die eigentlich pompöse und für jedermann wahrnehmbare Ankunft des schnöden Vergessens der faschistischen Schrecken der Vergangenheit. Unüberhör- und unübersehbar macht sich diese verschlagene Gestalt des "grünenden Grases", das bekanntlich zum Zwecke des Vergessens über die Dinge wächst, allerorten breit - allerdings bleibt jede Gegenwehr aus und das "Gras" wird von allzu vielen Menschen offenbar in derselben devot-unbeteiligten Haltung hingenommen wie zu anderen Zeiten, als staatliche Häscher - gerne zu nachtschlafener Zeit - die Türglocke schrillen ließen und die Betroffenen gerade mal ihre Zahnbürste einpacken durften, bevor die böse Reise ins finstere Ungewisse begann.

Diese Anklage des Vergessens oder Vergessen-Wollens finde ich sehr bemerkenswert - gerade auch vor dem Hintergrund der Zeit und dem Ort (erschienen ist das Gedicht schon 1979 in der DDR). Gewiss ist in diesen Zeilen auch eine gehörige Portion Systemkritik an der totalitären Pervertierung des Sozialismus enthalten - der Autor hat in der frühen DDR so manch böses Erwachen durchleben müssen. Dennoch blieb er diesem Staat - trotz aller Kritik - treu, obwohl er 1979 und danach jederzeit hätte auswandern können. 1997, dann längst im "goldenen Westen" angekommen, formulierte er in seinem Roman "Windstimmen" das denkwürdige Resümee: "Wir leben bloß in dem Moment, in dem wir begreifen, dass es das Leben nicht geben wird, auf das wir gewartet haben."

Was es aber geben wird - und da war sich Gerlach offensichtlich schon 1979 länderübergreifend sicher -, ist das dumpfe Vergessen und die damit zwingend verbundene Wiederholung des menschenfeindlichen Terrors. Wir müssen das heute noch viel bedrohlicher empfinden und verängstigter bestätigen - angesichts der faschistoiden neoliberalen Politik für die "Elite", der totalen Überwachung der BürgerInnen und damit einhergehenden staatlichen Repression, der stetig steigenden Kriegsgeilheit, der zunehmenden Verarmung immer größerer Teile der Bevölkerungen, der daraus bekanntermaßen resultierenden zunehmenden Ausländer- und generellen Minderheitenfeindlichkeit und nicht zuletzt der bereits existenten Geheimpolizeien, Lager und Foltermaßnahmen im "Namen der Freiheit und Demokratie", von denen gewiss erst ein Bruchteil wirklich bekannt ist.

Wenn Gras über die vergangenen Menschenfeindlichkeiten wächst, werden die neuen nur umso üppiger darauf blühen. Wir leben in einer äußerst grünenden, wahrlich schlimmen Zeit, die den verwesenden Geruch ihres braunen Untergangs meilenweit vor sich her trägt.

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Wer von uns wacht hier [bei den grünenden Trümmern von Auschwitz] und warnt uns, wenn die neuen Henker kommen? Haben sie wirklich ein anderes Gesicht als wir? Irgendwo gibt es noch Kapos, die Glück hatten, Prominente, für die sich wieder Verwendung fand, Denunzianten, die unerkannt blieben; gibt es noch all jene, die nie daran glauben wollten - oder nur von Zeit zu Zeit.

Und es gibt uns, die wir beim Anblick dieser Trümmer aufrichtig glauben, der Rassenwahn sei für immer darunter begraben, uns, die wir dieses Bild entschwinden sehen und tun, als schöpften wir neue Hoffnung, als glaubten wir wirklich, dass all das nur EINER Zeit und nur EINEM Land angehört, uns, die wir vorbeisehen an den Dingen neben uns und nicht hören, dass der Schrei nicht verstummt.

(Jean Cayrol [1911-2005]: Schlusskommentar in der Dokumentation "Nacht und Nebel" [1955], übersetzt von Paul Celan [1920-1970])

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