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Samstag, 6. Januar 2018

Der Austrofaschismus, der ein europäischer Faschismus ist


Ich habe seit Wochen darauf gehofft, dass der Blogger-Kollege Arbo etwas darüber schreibt, der sich ja südlich der Alpen aufhält, bin aber leider bislang enttäuscht worden: Also muss ich nun heute selber etwas über den wirklich schlimmen und gefährlichen Rechtsruck im Nachbarland Österreich erbrechen, der vollkommen symptomatisch für diese untergehende Zeit ist, wie sie unter vielem anderen auch an dem Empfang des ungarischen Rechtsextremen Orbán bei der ebenfalls rechtsrextremen CSU klar erkannt werden kann.

Fangen wir also an. Die FR berichtete einen Tag nach Weihnachten:

Die Asylpläne der neuen rechtspopulistischen Regierung in Österreich zwingen Schutzsuchende unter das Existenzminimum und sind voll von surrealen Verboten.

Da Österreich bekanntlich vor allem unter einer nicht einzudämmenden Asylflut zu leiden und mitnichten, wie der Rest der Welt, mit dem kapitalistischen Untergang zu kämpfen hat und zudem vor lauter "Fremden" gar in Kürze unterzugehen droht, stürzen sich Kurz und Strache mit wehenden Schlipsen schon zu Beginn ihres Zerstörungswerkes auf die Schwächsten, nämlich die Flüchtlinge, um sie brutal niederzuknüppeln und aus dem Alpenland möglichst fernzuhalten. Was liegt da näher als schutzsuchenden Menschen das "Existenzminimum" zu kürzen? So handeln eben echte Christen, Demokraten und schmutzige Kapitalhuren. Die CSU dürfte ebenso interessiert zugehört haben wie die CDU, die FDP, die SPD und die Grünen, während sich die Faschisten von der AfD nur ins braune Fäustchen lachten. Davon ist in der FR freilich nicht die Rede, denn irgendeinen sinnvollen politisch-gesellschaftlichen Hintergrund für diese üble Schmierenkomödie bietet die Zeitung nicht – es ist halt alles aus dem heiteren Himmel gefallen und niemand konnte etwas ahnen. Die bösen Ösis aber auch – sie sollten sich mal ein Beispiel am großen Bruder mit ihrer Merkel-Kaiserin oder zumindest der "funktionierenden Demokratie" nehmen, meint zumindest die FR.

In den österreichischen Medien wurde derweil klar benannt, wofür die Austrofaschisten stehen:

Als wichtige Themenpakete beschrieben Kurz und Strache vor allem jene Themen, die auch schon im Wahlkampf im Fokus gestanden waren. Geplant seien ein Sicherheitspaket und zahlreiche Verschärfungen im Asylrecht, wesentliche Änderungen gibt es etwa bei der Grundversorgung. Für Gewalt- und Sexualverbrechen soll es härtere Strafen geben, der Kampf gegen den politischen Islam soll zu den Prioritäten der neuen Regierung gehören.

Mit anderen Worten: Der überlebende Mittelmeerflüchtling, der Muselmann und der böse Neger sind schuld; andere Schuldige gibt es nicht, und faules, arbeitsscheues Pack wird künftig heftig in den Hintern getreten mithilfe eines Hartz-Terror-Gesetzes, das aus Deutschland importiert wird. Dort kennt man sich schließlich sehr gut aus mit Menschenfeindlichkeit. Gleichzeitig muss natürlich die komplette Bevölkerung rigoros überwacht werden, denn diese zwielichtigen GesellInnen sind alle arg verdächtig. Wie in Deutschland und in weiten Teilen Resteuropas folgt auch die Schlips-Borg-Bande in Österreich damit dem albernsten von allen erdenklichen Märchen – und wird dennoch ernst genommen. Ich kann Leuten, die derartigen Schmonzes immer noch glauben, nur noch mitleidig gegenübertreten, um nicht ausfällig zu werden. Die widerlichen Arschlöcher wissen, dass sie stumpfsinnigen Mumpitz erzählen, und ihnen wird dennoch geglaubt???

Kürzlich hat der Oberfaschist Strache auch noch diesen Kothaufen abgesetzt – auch wenn der stramme Hitlerknabe inzwischen medial wieder zurückgerudert ist, ohne allerdings seine menschenfeindlichen Ansichten in irgendeiner Weise zu revidieren:

Ausgangssperre vorgeschlagen / Strache will Asylbewerber kasernieren

Auf genau diesem äffischen Niveau, das intelligente Menschen eigentlich nur mit schallendem Gelächter beantworten können und das sich irgendwo zwischen 1932 und 1933 befindet, bewegen wir uns heute. Österreich ist leider nur ein Beispiel – ich könnte einen fast gleichlautenden Text über Deutschland, Frankreich, England oder die USA schreiben. Der Faschismus ist heute keine diffuse Bedrohung mehr, sondern sitzt fest im Sattel aller wesentlichen Institutionen in Kapitalistan – und er ist im Begriff, das vermoderte, kapitalistische Ruder einmal mehr zu übernehmen.

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Aus der guten alten Zeit



(Paul Konewka [1841-1871], Scherenschnitt, in: "Das schwarze Bilderbuch", hg.v. Rolf von Hoerschelmann, 1911)

Dienstag, 2. Januar 2018

Das braune Jahr beginnt: Barbaren, kriminelle Kinder und muslimische Vergewaltiger allerorten


Das Jahr fängt erwartungsgemäß genauso irrsinnig an, wie das vorangegangene endete. Noch an Silvester schwappte der angeblich adeligen und seltsamerweise trotzdem "volksnahen" AfD-Fregatte Beatrix von Storch eine braune, übelriechende Kotwelle aus dem entzückenden, anatomisch sehr merkelähnlichen Mund, wie u.a. n-tv berichtet:

Von Storch hatte sich in dem Kurznachrichtendienst [Twitter] am Silvesterabend über einen Tweet der Kölner Polizei aufgeregt, die Neujahrsgrüße in mehreren Sprachen veröffentlicht hatte, darunter Arabisch. "Was zur Hölle ist in diesem Land los? Wieso twittert eine offizielle Polizeiseite aus NRW auf Arabisch. Meinen Sie, die barbarischen, muslimischen, gruppenvergewaltigenden Männerhorden so zu besänftigen?", schrieb von Storch.

Da sprüht der glühende Humanismus aus jedem Buchstaben – und man möchte der Dame, die in meinen subversiven Augen stets so aussieht, als habe ihr gerade jemand gewaltsam den Lieblingslolli weggenommen, beruhigend über das schmollende Haupt streicheln und ihr versichern, dass es auf diesem Planeten sicherlich so einige Perverse gibt, von denen aber nur sehr wenige ein Interesse daran haben dürften, sich an einem (solchen) Storch zu vergehen. (Asche auf mein Haupt für diese Entgleisung.)

Der Boulevard meldet unterdessen gewissenhaft:

Die Kölner Polizei zeigt die AfD-Politikerin Beatrix von Storch an: Es werde ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Volksverhetzung eingeleitet, sagte eine Polizeisprecherin dem Portal "faz.net".

Man kann indes sicher sein, dass dieses medial aufgebauschte Ermittlungsverfahren – wie fast immer in solchen Fällen – still und leise im Sand versickern wird und die Störchin mit dem blauen braunen Blut keinerlei ernsthafte Konsequenzen zu befürchten hat. Die im gewohnt rassistischen Jargon beschworenen "barbarischen, muslimischen, gruppenvergewaltigenden Männerhorden" sind derweil allerdings in der Welt und befeuern die rassistischen Stammtische landauf, landab weiter.

Auf derselben braunen Welle reiten aber auch weitere politische Geistes- und Gewissensgrößen, von denen an Neujahr in den Medien die Rede war: Der bayerische Innenminister Herrmann (CSU) will beispielsweise "jugendliche Flüchtlinge konsequent abschieben, wenn diese straffällig werden. Ein schwieriger Vorsatz, mit dem Joachim Herrmann da ins neue Jahr startet: Mit europäischem Recht ist die Forderung nämlich nicht zu vereinbaren." Auch hier blinkt die pure Menschenfreundlichkeit und christliche Nächstenliebe samt postweihnachtlicher Barmherzigkeit – gerade in Bezug auf Kinder und Jugendliche – aus allen braunen Löchern. Kapitalistische Faschisten aus der CSU und der AfD (und anderen politischen Parteien der rechtsradikalen "Mitte") kommen gar nicht erst auf den absonderlichen Gedanken, dass man Menschen zunächst einmal helfen sollte – sogar dann, wenn sie "straffällig" geworden sein sollten. Ob Herrmann seine eigenen Kinder bzw. Enkel mit derselben faschistischen Haltung behandelt und entsorgt, ist bislang leider unbekannt.

In die gleiche braune Kerbe haut auch Christian Lindner (FDP): "Der Vorsitzende der FDP, Lindner, spricht sich für einen harten Kurs gegenüber minderjährigen kriminellen Asylbewerbern aus. Es müsse möglich sein, diese auch abzuschieben." Auch hier findet sich die stets gleiche, sattsam bekannte Menschenfeindlichkeit Kapitalistans, die mir regelmäßig die kalte Kotze aus dem Gesicht treibt. Fiese, korrupte GesellInnen wie diese schmierigen Schlips-Borg kloppen mit Vorliebe vehement auf die Schwächsten ein – immer in der (leider allzu berechtigten) Hoffnung, dass die etwas weniger Schwachen den miesen Trick nicht durchschauen und fleißig mitkloppen. Das perverse Prinzip Kapitalistans funktioniert aus Sicht der "Elite" auch nach hunderten von Jahren noch immer vorzüglich.

Wenn ein Jahr schon am Neujahrstag so beginnt, kann man eigentlich nur noch sehnsüchtig auf einen baldigen Kometeneinschlag hoffen.

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Dead Planet


Mittwoch, 20. Dezember 2017

Profit- und kriegslüsterne Schlips-Borg: Unser täglicher Horror


Die hochseriösen "PolitikerInnen der Mitte" (*glucks*) denken stets nur an das Wohl der gesamten Bevölkerung – dafür sind sie ja schließlich da, glaubt zumindest das Schlachtvieh. Ein hübsches Beispiel für diese (*doppelglucks*) These war kürzlich bei n-tv zu lesen, wo es in einem Text zum "Eurofighter" [sic! - Wer denkt sich bloß solch irrsinnige Bezeichnungen aus?] hieß:

Bund debattiert Tornado-Nachfolge / Die in den 70er-Jahren gebauten Tornado-Jets der Bundeswehr sollen bald ausgemustert werden. Doch welches Modell tritt die Nachfolge an? Die neuen Jets müssen besondere Fähigkeiten haben – etwa die Möglichkeit, Atomwaffen zu transportieren.

Gemeint sind hier natürlich US-amerikanische Atomwaffen, die im "Krisenfalle" im Auftrag der NATO auch von der Bundeswehr "transportiert" werden müssen, weil die Amerikaner das offensichtlich selber nicht bewerkstelligen können oder wollen (*dreifachglucks*). Das alles dient natürlich nur der "Verteidigung" des christlichen Abendlandes, das bekanntermaßen von wilden Horden und Armeeverbänden aus Russland, dem Nahen Osten, China, Nordkorea, vom Mars und neuerdings womöglich sogar von außerhalb des irdischen Sonnensystems angegriffen wird und somit kurz vor der totalen Kapitulation steht.

Um den unmittelbar drohenden Einmarsch dieser unmenschlichen Angreifer zu verhindern, muss also kräftig aufgerüstet werden, was leider ein paar Milliarden Euro kostet und den entsprechenden Rüstungskonzernen sprudelnde Profite über viele Jahre hinaus garantiert – aber was will man angesichts der offensichtlichen Bedrohungen denn sonst auch machen? Da bleibt den wohlmeinenden Schlips-Borg doch gar keine andere Wahl, als Sozialleistungen zu kürzen, Schulen verrotten zu lassen, RentnerInnen zu verarmen, Krankenhäuser zu "privatisieren" und die Rüstungsausgaben zu erhöhen! (*unendlichkeitsglucks*)

So ist es nur folgerichtig, dass dies nicht bloß in Deutschland, sondern EU-weit geschieht:

Die EU-Staaten haben erstmals eine ständige militärische Zusammenarbeit beschlossen. Daran werden sich neben Deutschland 24 weitere EU-Länder beteiligen. Sie soll mittelfristig zum Aufbau einer echten europäischen Verteidigungsunion führen.

Ja, "Verteidigung": hier taucht das hübsche, vergewaltigte Wort schon wieder auf. Es geht selbstverständlich nicht um Angriffskriege, die aus wirtschaftlichen, geopolitischen oder puren ideologischen Interessen geführt werden, sondern nur um "Verteidigung": Wie gesagt, die Horden der mordenden Barbaren lagern ja längst vor den Toren Europas, so dass den lieben Menschenfreunden in Brüssel, Berlin, Paris etc. gar keine andere Wahl bleibt. Wer Europa auf den Zeh tritt oder die Zunge herausstreckt, muss schließlich damit rechnen, dass er eine Atombombe in den Vorgarten geliefert bekommt – so geht "christliches Abendland" auf Kapitalistisch.

Gibt es eigentlich irgendwo einen geistig zurückgebliebenen Menschen in ganz Europa, der diese infantile Erzählung für vertrocknete Topfpflanzen noch glaubt (vielleicht abgesehen von Claus Kleber & Co.)? Ich kann mir das beim besten Willen nicht vorstellen. Selbst der Dümmste müsste inzwischen doch begriffen haben, dass es hier nicht um "Verteidigung", sondern um Aufrüstung zur Generierung von Profiten sowie um militärische Dominanz, Macht, Geopolitik und böse Angriffskriege aufgrund privatwirtschaftlicher Interessen geht, die zumindest auf Deutschland bezogen zutiefst verfassungswidrig sind.

Die einzig logischen Schlussfolgerungen aus dem vergangenen 20. Jahrhundert, das als das Mörderischste seit dem Aufbruch der "intelligenten Menschheit" in der Steinzeit angesehen werden muss, können nur sein:

  1. Die Abschaffung der Bundeswehr sowie jeder anderen militärischen Organisation (einschließlich sämtlicher "Geheimdienste") und Überführung des Personals, technischen Wissens und Equipments in das Technische Hilfswerk oder vergleichbare humanitäre, gemeinwohlorientierte Organisationen,
  2. das Verbot der Entwicklung, Herstellung und des Vertriebs von Waffen und Waffensystemen jeder Art,
  3. eine konsequent pazifistische Ausrichtung der Politik und damit letzlich auch der Gesellschaft,
  4. eine gerichtliche Aufarbeitung der Machenschaften von Rüstungskonzernen (samt ihren Managern, Angestellten und natürlich Eigentümern), PolitikerInnen, LobbyistInnen und anderen Beteiligten, sowie
  5. ein striktes Verbot von Anzügen, Schlipsen, Aktenkoffern, BWL-Leerhirnen und anderen Uniformen.

Ich weiß, ich träume zu viel. Leider ist Europa stattdessen lieber wieder in die Weimarer Zeit zurückgesprungen und damit auf dem furchtbaren Weg, dieselben fatalen "Fehler" – die auch damals schon keine waren, da sie "systemkonform", systemimmanent und von interessierter Seite durchaus gewollt waren und es auch heute noch sind – zu wiederholen. Unser schöner Kapitalismus wird uns auch diesmal wieder ein Feuerwerk der Extraklasse bescheren – da können wir ganz sicher sein. Ich bete jeden Abend zum Spaghettimonster, dass die wahnsinnigen Schlipsgewürgten bzw. Knopfleisten- und Hosenanzuggemarterten sich noch etwas gedulden und ihre Mordlust bändigen können, damit meine Töchter das nicht mehr erleben müssen.

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Der Krieg, wie ich ihn sah



(Zeichnung von Fritz Arnold [1883-1921], in "Simplicissimus", Heft 50 vom 11.03.1919)

Montag, 11. Dezember 2017

Der WDR, der "Verfassungsschutz" und die "Linksextremen"


Falls sich jemand schon einmal gefragt hat, welches eines der drängendsten Probleme des germanischen Teils Kapitalistans ist: Dazu gab es am Wochenende beim WDR eine passende, ohrenklatschende Antwort, die man sich genüsslich und in unverfälschter, realsatirischer Reinform einverleiben sollte, bevor hier weitergelesen wird.

Ein nicht namentlich genannter Redakteur, ein abhängiger, bedauernswerter Praktikant oder ein entlaufener Irrer aus einer geschlossenen Anstalt durfte dort, wo neuerdings das bislang schon grausige Webdesign nun durch ein dumpf-phone-ähnliches "Kachellayout" das ästhetische Empfinden eines jeden Besuchers böse beleidigt, mal so richtig vom braunen Leder ziehen. Unter dem vielsagenden bzw. hanebüchenen und durch das boulevardeske Fragezeichen erst recht irreführenden Titel "Linke Gewalt – blind auf dem linken Auge?" war dort zu lesen:

2014 gab es 1.261 linksextreme Straftaten. Im vergangenen Jahr waren es 1.576. Die Zahl der gewaltorientierten Linksextremisten stieg von 740 (2014) auf 970 (2016). Den Verfassungsschützern fällt auf, dass sich die Gewalttäter zunehmend vernetzen. Dadurch gebe es eine stärkere Mobilisierung auch mit ausländischen linksextremen Gruppen.

Sapperlot – da weiß man gar nicht, was man dazu sagen soll! Diese Terroristen wollen uns alle umbringen! – Oder vielleicht doch nicht? Gibt es möglicherweise einen klitzekleinen Unterschied zwischen "linksextremen" und rechtsextremen Straftaten oder gar "Mobilisierungen" bezüglich des Widerstandes? Als "linksextremistische Gewalttat" wird in Kapitalistan beispielsweise schon der passive (!) Widerstand gegen polizeiliche Räumungen (Sitzblockaden etc.) – beispielsweise bei Demonstrationen – gewertet, ebenso wie "Vermummungen", "ziviler Ungehorsam" oder andere strafrechtlichen Lächerlichkeiten. In welchem Verhältnis steht das bitte zur dumpfen rechten Gewalt, die sich fast immer ganz direkt gegen Menschen und deren Gesundheit bzw. Leben richtet? Sind in der WDR-Redaktion nun auch die "Verfassungsschützer", die selbstverständlich nicht die Verfassung, sondern den kapitalistischen Faschismus – also die Superreichen – schützen, maßgeblich am Werke?

Eine mögliche Antwort findet sich gleich im ersten Absatz des unsäglichen Textes, in dem ein ebensolcher "Verfassungsschützer", nämlich Burkhard Freier (Leiter des "Verfassungsschutzes" NRW), mit einer geradezu anklagenden, mahnenden Aussage zitiert wird: Das Ziel der "Linksextremen" sei

auch die Abschaffung des Systems, des kapitalistischen Systems.

"Nein!" – "Doch!" – "Oh!" – Da brat mir doch einer eine(n) Storch! Ja, Herr Freier, genau das ist ein essenzielles Kernthema linken Protestes gegen den Kapitalismus – es ist erfreulich, dass Sie das nach 200 Jahren nun auch endlich herausgefunden haben. Das hat jedoch nichts mit der "Verfassung" der BRD zu tun, denn die ist weder kapitalistisch, noch kommunistisch oder sonstwie politisch instrumentierbar – dafür aber strikt sozial, wenn auch heute nur noch auf dem vergilbten Papier und nicht mehr realiter. Wer handelt hier also seit Jahrzehnten verfassungswidrig? Vielleicht sollte der Mann seinen Job wechseln und Parteisprecher der AfD, der CDU, der FDP oder der SPD werden – dort wäre er gewiss besser aufgehoben und könnte seinen wirren, devoten Wahn, das absurde Vermögen der Superreichen unbedingt beschützen zu wollen, viel besser ausleben. Ein weisere Wahl wäre wiederum eine geschlossene psychiatrische Anstalt.

Dem WDR schlage ich indes eine Namensänderung vor: Eine Bezeichnung wie "WDK" ("Westdeutscher Kapitalfunk") oder "WEN" ("Willfährige Erfüllungsgehilfen der Niedertracht") wäre angesichts dieses Propagandatextes, der in der Tat jeden tolerierbaren Rahmen sprengt, nur allzu angemessen.

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[Rechter] Terror



(Zeichnung von Rudolf Schlichter [1890-1955], in: "Der Simpl", Nr. 1 vom 28.03.1946)

Mittwoch, 6. Dezember 2017

Alle Jahre wieder: Advent, Advent, Gehirnchen brennt


"Alle Wochen wieder kommt das Propagandakind ..."

Ich kann es nicht mehr zählen, wie oft ich mich in den vergangenen Wochen, Monaten und Jahren über die stets überschwenglich herausposaunten "Verbesserungen" auf dem kapitalistischen "Arbeitsmarkt" ausgelassen habe. Die Propagandakanone der Kapitalhuren hört damit jedoch nicht auf, so dass auch ich dazu gezwungen bin, die ewige Wiederholung immer und immer wieder zu praktizieren. Gerade durfte ich bei n-tv (und gleichlautend in fast allen anderen Qualitätsmedien) lesen:

Engpässe in ersten Branchen: Arbeitslosenzahl sinkt auf historisches Tief / Der Aufschwung der deutschen Wirtschaft geht ins achte Jahr – und auch auf dem Arbeitsmarkt hält der Boom an. Nie zuvor waren im wiedervereinigten Deutschland weniger Menschen ohne Job.

Das muss man erst einmal verdauen: Seit nunmehr mindestens acht Jahren geht es "uns" also so gut wie "nie zuvor". Das sitzt. Was soll ein linksgrün-versiffter Kommunist wie ich dagegen bloß haben können, wenn es nun sogar schon "Engpässe" in gewissen Branchen gibt? Ob das wohl an der mangelhaften Qualifikation des zur Verfügung stehenden Schröder'schen Heers der verzweifelt nach Erwerbsarbeit Suchenden oder doch eher am ungenügenden Angebot der Ausbeuter liegt? Solch dumme Fragen stellt in Kapitalistan aber niemand mehr, denn hier herrscht der "Eigenverantwortungs-" und "Konkurrenz"-Wahn: Wenn Du keinen Porsche, keine Villa und keine Segeljacht besitzt, bist Du eben selber schuld!

"... auf die Erde nieder, wo wir Schafe sind"

Da fällt auch niemandem mehr auf, dass in derselben Kuhpresse – meist auf Seite 39ff unter "Ferner liefen" und nach den Lokalnachrichten über den Taubenzuchtverein – immer wieder Meldungen wie diese an die braune Oberfläche ploppen wie auf der gärenden Oberfläche eines vulkanischen Sees:

Das ist Volksverdummung / (...) Zunächst einmal fehlt die eine Million Menschen, die von Fremdfirmen vermittelt werden oder zum Zeitpunkt der Erfassung krank sind. Auch Hartz-IV-Empfänger über 58 Jahre und Ein-Euro-Jobber werden nicht als arbeitslos registriert. Das weist die Statistik als Unterbeschäftigte aus, im Kleingedruckten. Dann sind wir statt bei 2,4 Millionen Arbeitslosen in Deutschland schon bei 3,3 Millionen. Aber das ist auch noch nicht die volle Wahrheit. Da fehlen noch die Teilzeitangestellten, die gerne 30 Stunden in der Woche arbeiten würde, aber nur zehn oder 20 Stunden arbeiten können, weil sie keine andere Möglichkeit finden. Von den zwölf Millionen Teilzeitbeschäftigten sind das sechs Millionen. (...) Wenn Sie alle mitrechnen, von denen ich gerade gesprochen habe und dann noch die stille Reserve derjenigen dazurechnen, die sich nicht bei der Arbeitsagentur melden, sind Sie schnell bei fünf bis sechs Millionen und nicht mehr bei 2,4 Millionen.

Nun, das wissen "wir" ja alles seit geraumer Zeit und glauben dem albernen Schmonzes daher nicht mehr, nicht wahr. Es ist zwar dumm, dass die aktuelle Politik sich nach wie vor auf diese in penetranter Vehemenz wiederholenden Falschmeldungen bezieht und die Regionalseiten des Blätterwaldes nicht beachtet, aber Schafe revoltieren nicht, sondern blöken bloß und folgen brav den Anweisungen der Herrschaft. Die versorgt "uns" unablässig mit weiteren Wohlfühlmeldungen (zitiert nach n-tv):

Deutsche gerade sehr entspannt: Kaum Sorgen bei der "Generation Mitte" / Den 30- bis 59-Jährigen in Deutschland geht es gut, so gut wie noch nie sogar. Das sorgt für Gelassenheit und Zufriedenheit.

"Kehrt mit seinem Segen ein in jedes Haus ..."

Da haben wir es schwarz auf weiß: Wenn Du noch immer nicht "gelassen" und "zufrieden" bist, machst Du wohl etwas falsch – wir leben mitten im Paradies und können bzw. dürfen uns nichts besseres vorstellen als diese göttliche Segnung des kapitalistischen Ausbeutersystems. Merke: Du lebst, um Profit für Reiche zu erwirtschaften – wenn Du das nicht kannst oder ("Jessusmaria!") nicht willst, hast Du Deine Existenzberechtigung verwirkt.

Der kapitalistische Segen macht sich für jeden bemerkbar in diesem verkommenen Land breit:

422.000 Menschen haben keine Wohnung / Die Zahl der Menschen in Deutschland ohne Wohnung schnellt nach oben. Mehr als jeder zehnte Wohnungslose lebt auf der Straße. Ein Wohnungslosenverband macht vor allem die Privatisierungswut der öffentlichen Hand verantwortlich (...).

Diese Menschen sind eben selber schuld, dass sie kein Dach mehr über dem Kopf haben, gelle. Der gnadenvolle Segen des kapitalistischen Wohlstandes hat ihnen die Hand gereicht, diese VerräterInnen haben sie aber dreist ausgeschlagen! Erst letztes Jahr – wiederum zu Weihnachten – durfte ich im Rahmen eines sehr bürgerlichen, geradzu spießigen Weihnachtsfestes den Ausführungen eines SUV-Fahrers und ehemaligen DDR-Bürgers lauschen, der damals bemerkte: "Rausschmeißen sollte man das Gesocks. Ab nach Rumänien, da können sie betteln und schmarotzen!" – Zuvor saßen wir brav gemeinsam in der Dorfkirche und lauschten mehr oder weniger andächtig den Klängen des christlichen Weihnachtsmärchens, während draußen, was ich erst später erfuhr, ein Mann in der Kälte erfror – er war nicht in die warme Kirche gelassen worden, weil er "betrunken" oder sonstwie nicht "angemessen" aufgestellt war. Wieviele Menschen in Deutschland müssen wohl dieses Jahr sterben, weil auch der Staat bzw. seine bürokratischen ErfüllungsgehilfInnen ihnen mit festen Stahlstiefeln ins Gesicht tritt, anstatt ihnen zu helfen?

"... geht auf allen Wegen mit uns ein und aus"

Die Zahlen sind umstritten – bei Zeit Online war beispielsweise zu lesen:

Die Zahl der wohnungslosen Menschen ist in Deutschland im vergangenen Jahr stark gestiegen: Insgesamt waren 2016 etwa 860.000 Menschen ohne Wohnung, wie die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) mitteilte.

Aber auch das ändert nichts daran, dass sowohl die Politik, als auch die "bürgerliche" Meinung bei ihrer vehement menschenfeindlichen Linie verbleibt. Wann hat man zuletzt davon gehört, dass irgendein Politiker oder "Bürger der Mitte" den Kapitalismus kritisiert habe? Ist das 50, 70 oder schon 100 Jahre her? Wer spricht heute noch davon, dass es ein ausgemachter Skandal ist, wenn es einerseits ein paar wenige GesellInnen gibt, die Millionen und Milliarden horten, während so viele, viele andere sogar im Herzen Kapitalistans nicht wissen, wie sie die nächste Woche ohne Hunger, Stromsperre und/oder den Verlust der Wohnung überstehen sollen?

Immerhin wissen wir dank der Kuhpresse, was Madame Merkel und die übrigen Polithuren in Berlin ganz und gar nicht interessiert:

In Berlins Straßen wächst das Elend / Die Temperaturen nähern sich dem Gefrierpunkt. Der bevorstehende Winter bringt Tausende Menschen in Berlin in Lebensgefahr.

Es sind ja bloß "Nutzlose". Die dürfen ruhig verrecken, auch wenn das niemand öffentlich sagt. So denkt man in Kapitalistan – nicht bloß in der "Regierung", sondern auch im faschistischen Umfeld der Bevölkerung. Es wird endlich wieder Zeit für braune und schwarze Uniformen und rote Armbinden unterm Weihnachtsbaum. – Wenn ich soviel kotzen würde wie ich müsste, wäre mein Klo seit Langem verstopft und mein Wohnort nicht mehr nur eine intellektuelle Kloake.

Es geht uns so gut wie nie zuvor, sagen sie.

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Abseits



(Zeichnung von Anton Hansen [1891-1960], in "Simplicissimus", Heft 42 vom 12.01.1925)

Freitag, 1. Dezember 2017

Realitätsflucht (39): BioShock Infinite


Es ist wieder einmal Zeit für eine wilde Flucht aus der bösen Realität, die immer bizarrer und unerträglicher wird. Mein heutiges Ziel ist erneut die Spielwelt von "BioShock": Es geht um den dritten und bislang letzten Teil des Werkes, das vom amerikanischen Entwicklerstudio "Irrational Games" entwickelt und im Jahr 2013 veröffentlicht wurde (über den zweiten Teil habe ich vor knapp zehn Monaten berichtet), nämlich um "BioShock Infinite".



Um eine "richtige" Flucht handelt es sich hier allerdings nicht, denn auch dieses Science-Fiction-Spiel bezieht sich inhaltlich auf die heutige Zeit, ganz gemäß der groben literaturwissenschaftlichen Definition:

"Science Fiction [in ihrer nicht rein auf kommerzielle Interessen ausgerichteten Form, Anm.d.Kap.] entwirft keineswegs Zukunft, sondern Alternative; sie springt in die andere Wirklichkeit und meint nicht die Zukunft, sondern die Gegenwart." (Dieter Wuckel: "Science Fiction. Eine illustrierte Literaturgeschichte", 1986)

Zur Geschichte möchte ich aus Spoilergründen nicht allzu viel schreiben. Anders als in den ersten beiden Teilen spielt man hier einen typischen Antihelden – den Herrn Booker DeWitt –, der sich 40 Jahre vor den Ereignissen in den Vorgängerteilen aus zunächst mysteriösen Gründen aufmacht, eine junge Frau namens Elizabeth aus der "fliegenden Stadt" Columbia zu befreien, wo sie gefangen gehalten wird. Wie auch zuvor entblättert sich die Geschichte im Verlauf des Spieles nur langsam – und auch nur dann, wenn man Augen und Ohren offenhält, sich in der Spielwelt aufmerksam – auch abseits des meist vorgezeichneten Weges – umschaut und all die Ton- und Bildaufzeichnungen, die sich überall finden lassen, aufmerksam anhört bzw. anschaut. Es geht – und das ist nicht übertrieben oder überinterpretiert – um die Geißel des Kapitalismus', um religiösen Wahn, Nationalismus, Rassismus und dumpfen Faschismus. Dieses unappetitliche, tiefbraune Szenario wird extrem anschaulich und unmissverständlich am Beispiel eines ins Extreme bzw. Absurde überzeichneten "American Exceptionalism" – also der in den USA bis heute weit verbreiteten Vorstellung von der "Einzigartigkeit der amerikanischen Nation" [*glucks*] – dargestellt.

Dabei ist die Überzeichnung – beispielsweise bezüglich des religiösen Fanatismus' oder des Rassismus' – heute erschreckenderweise gar nicht mehr so realitätsfern, und das bezieht sich keineswegs bloß auf die USA.


("For God and Country")

Diese Geschichte, die dieses dramaturgisch vorzüglich inszenierte Spiel erzählt, ist ein wirkliches Highlight aus der kompletten, genreübergreifenden Branche. Dennoch bleibt das Werk weit hinter seinen Möglichkeiten zurück, denn letzten Endes bleibt es ein "Shooter", wenn es auch angereichert ist durch einige (wenige) Rollenspielelemente. Neben der Geschichte und dem grafisch entwaffnend gut umgesetzen Szenario der "fliegenden Stadt" besteht der Großteil des Spieles nach wie vor daraus, mithilfe verschiedenster Waffen, Spezialfertigkeiten und taktischer Vorgehensweise haufenweise Gegner niederzumetzeln, ohne dabei selber ins Gras zu beißen. – Was für ein wegweisendes Spiel hätte "Infinite" werden können, wenn die Entwickler sich dazu entschlossen hätten, stattdessen ein tiefsinniges Rollenspiel ohne dauerndes Herumgeballere daraus zu machen!

Die Atmosphäre einer amerikanischen Stadt aus dem Jahr 1912, die sich dank "moderner Technik" vom "ketzerischen, liberalen und demokratischen" Rest der USA in die Wolken verabschiedet hat, um dort das kapitalistische, gottgewollte Paradies der weißen Herrenrasse zu errichten, ist jedenfalls perfekt umgesetzt worden. Ich wüsste nicht, wie man das noch besser machen könnte. Dazu zählen neben der Architektur und all den kleinen und großen Details – wie beispielsweise Schallplatten statt Tonbändern, die es 1912 in der bekannten Form noch gar nicht gab – auch die Musik, die ganz im Zeichen des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts (in den USA) steht. Ein Beispiel:


(Garry Schyman: "Elizabeth", aus dem Soundtrack zum Spiel)

Einen weiteren Kritikpunkt will ich nicht verschweigen: Man merkt dem Spiel an allen Ecken und Enden an, dass es für die Konsolenpest konzipiert bzw. optimiert wurde. So gibt es kein wirkliches Inventar, keine Karte, die Steuerung per Maus und Tastatur ist extrem eintönig und wenig intuitiv, die eingeblendeten Symbole sind so groß wie Mühlräder (auf dass man sich als Spieler wie ein infantiler Hampelmann fühle), und vor allem gibt es nicht nur keine Schnellspeicherung, sondern überhaupt keine freie Speichermöglichkeit mehr: Man muss also warten, bis das Spiel automatisch einen "Sicherungspunkt" anlegt, bevor man es beendet – ansonsten darf man bei der nächsten Spielsession wieder beim letzten erreichten Punkt beginnen. Was treibt Entwickler dazu, einen solchen Mumpitz auch für den PC zu kreieren? Die Konsolenkacke ist eine wahre Seuche.

Dafür lief "Infinite" auf meinem Win7/64-System völlig stabil und ohne jeden Absturz. Bugs sind mir nicht aufgefallen. Die deutsche Sprachausgabe ist professionell und ohne jeden Makel – dass sich die optional einblendbaren Texte gelegentlich vom gesprochenen Wort unterschieden, kann man leicht verschmerzen. Leider ist das Werk genretypisch sehr kurz: Selbst ein "Alles-Erforscher" und Langsamspieler wie ich hatte es in weniger als 30 Stunden durch.


(Der Antiheld "Booker DeWitt" auf einem Plakat aus Columbia)

Das Ende der Geschichte – manch einer mag sich fragen, wieso DeWitt angesichts dieser Abbildung ein "Antiheld" sei – verliert sich leider in allzu peinlichen, fast schon absurden SF-Klischeegefilden, die dem brisanten Thema und seiner Auflösung gekonnt ausweichen (was auch schon beim ansonsten so grandiosen "The Moment of Silence" der Fall war). So ein alberner Schluss verdirbt so vieles. Da hat wieder einmal der "Markt" bzw. der angestrebte Profit seinen Duft hinterlassen und vieles zerstört. Man vergleiche dazu einmal den offiziellen, ganz oben eingebetteten Trailer zum Spiel mit dem älteren Gameplay-Trailer aus dem Jahr 2012, bevor das Spiel veröffentlicht wurde (siehe unten): Nahezu keine der dort so wunderbar ausgewalzten systemkritischen Szenen hat es ins fertige Spiel geschafft. Hier war offensichtlich ein (vermutlich kapitalistisch motivierter) Zensor am Werk:



Es gibt (meinens Wissens) drei Addons zu diesem Spiel, von denen ich jedoch nur eines gespielt habe, nämlich "Seebestattung" ("Burial at Sea", zwei Episoden). Hier verschlägt es den Spieler wieder in die aus den ersten beiden BioShock-Teilen bekannte Unterwasserstadt "Rapture", was zwar für viel nostalgischen Flair sorgt, ansonsten aber wenig erwähnenswert ist: Dort geht es nur noch um Ballerei, während das Unterwasser-Szenario zur bloßen Kulisse verkommt. Eine tiefgründige Geschichte sucht man hier vergebens.

Als Resümee kann ich festhalten: "BioShock Infinite" erzählt eine hochaktuelle, beklemmende dystopische Geschichte, kleidet diese jedoch in ein allzu oberflächliches, manchmal gar infantiles Gewand, das dem Thema nicht gerecht werden kann. Damit steht es auf derselben, leider wenig erbaulichen Stufe wie "The Last of Us" (das ich mangels Konsole nicht selber gespielt, sondern nur teilweise angesehen habe). Einen zweiten Durchlauf habe ich vor einigen Wochen nach der Hälfte des Spieles abgebrochen, weil ich die Geschichte schon kannte und mir das ständige, stumpfsinnige Ballern schlicht langweilig wurde.



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Bonmot am Rande, zitiert nach Wikipedia:

Im Dezember 2013 verwendete die der US-amerikanischen "Tea-Party"-Bewegung nahestehende "The National Liberty Foundation" ein Artwork des Spiels, u.a. mit der Inschrift "For God and Country – It Is Our Holy Duty To Guard Against The Foreign Hordes", als Ausdruck ihrer Ablehnung von Zuwanderung. Das Artwork dient im Spiel zur Illustration der rassistischen Einstellung der Gründer und wurde mancherorts auch als karikative Anspielung des Entwicklerteams auf die "Tea Party" interpretiert. 2014 verwendete der konservative US-Fernsehsender "Fox News" das Logo-Artwork von "BioShock Infinite" mit dem Schriftzug "Defending the Homeland" zur Illustration eines Interviews mit dem texanischen Gouverneur Rick Perry, unter anderem über das Thema illegale Einwanderung. Levine [einer der Entwickler des Spiels, Anm.d.Kap.] bezeichnete die Verwendung des Logos in diesem Zusammenhang als Ironie.

Montag, 27. November 2017

Faschismus: Unsere lieben BürokratInnen


Du weißt, dass Du in einem faschistischen Land lebst, wenn Du in der Qualitätspresse solche Meldungen lesen darfst:

Ein im Internet kursierendes Schreiben des Düsseldorfer Ordnungsamtes an einen 83-jährigen Senior sorgt für heftige Diskussionen. Darin wird von dem Mann ein Verwarnungsgeld von 35 Euro dafür verlangt, [weil] er sich für einige Minuten an einer Bushaltestelle ausgeruht hat.

Bezeichnend ist hier weniger die Tatsache, dass das "Ordnungsamt" einen hochbetagten Rentner eines schlimmen Vergehens bezichtigt (Benutzung einer "Anlage des ÖPNV an der vorgenannten Örtlichkeit nicht ihrer Zweckbestimmung entsprechend"), sondern die Begründung, in der es sinngemäß heißt, dass sich selbstverständlich jeder ältere Mensch an einer Bushaltestelle niedersetzen und ausruhen könne, sofern es sich nicht um ein Mitglied der "Obdachlosen- oder Trinkerszene" handele.

Das ist sowas von hakenkreuzverdächtig, dass mir dazu entsprechende Worte fehlen. Was sind das bloß für "MitarbeiterInnen", die so etwas dem Amt melden; und was sind das für widerliche Kreaturen, die daraus allen Ernstes einen amtlichen Bußgeldbescheid machen? Das grenzt ja schon an die kruden "Jobcenter"-Praktiken – und das will etwas heißen.

Wer hier rechtsextreme staatliche Praktiken erkennt, die mit den furchtbaren Jahren ab 1933 ohne jede Einschränkung vergleichbar sind, befindet sich auf einem guten, keineswegs übertriebenen Weg der Erkenntnis: Die Unterscheidung zwischen einem "normalen" Bürger und einem "asozialen Subjekt" war damals ebenso ausgeprägt. Wir leben in einem stetig radikalisierten Albtraum der faschistischen Menschenfeindlichkeit.

(Kotzgeräusche in ohrenbetäubender Lautstärke übertönen den Rest dieses Kommentars.)

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Bekanntmachung: Todesstrafe


(Aushang der Nazibande in Warschau vom 10.11.1941)

Samstag, 25. November 2017

Schwarz-gelbe Entfesselungskünstler: Die Einheitspartei


Es ist allseits bekannt, dass es völlig einerlei ist, ob nun die kapitalistische Blockpartei SPD oder deren Schwester im Geiste CDU das Sagen in Herrschaftsfragen hat. Auch die Handlanger – ob es sich nun um Grüne, die FDP oder die Linkspartei handelt – sind egal, da die Ergebnisse stets dieselben sind.

Manchmal tun sich einige ProtagonistInnen in diesem Einheitsbrei aber ganz besonders widerlich hervor; vermutlich, um sich für noch besser bezahlte Pöstchen zu bewerben. So geschieht es gerade in NRW, wo die ehemalige (desaströse) rot-grüne Landesregierung vor einiger Zeit von einer (desaströsen) schwarz-gelben Landesregierung abgelöst wurde. Eigentlich sollte sich also für die Bevölkerung nichts ändern – aber die "christlichen" und "liberalen" GesellInnen haben andere, perfidere Pläne.

Das Entfesselungspaket

Unter dem geradezu wahnwitzigen Titel "Entfesselungspaket" – und niemand lacht bei diesem Wort in den Redaktionen – will die schwarz-gelbe Bande "wirtschaftliche Anreize" schaffen. Der WDR berichtet:

Mit mehr verkaufsoffenen Sonntagen will die schwarz-gelbe Landesregierung den Handel in NRW stärken. (...) / Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) sieht keine rechtlichen Probleme oder einen Widerspruch zum Sonntagsschutz. Er will vor allem Unsicherheiten ausräumen und den Handel beleben. "Wir wollen, dass die Geschäfte dann offen haben, wenn Familien auch Zeit haben, gemeinsam einkaufen zu gehen", sagte er im Landtag. (...) / Die von Rot-Grün eingeführte Hygiene-Ampel wird abgeschafft. Sie zeigt die Kontrollergebnisse in Lebensmittelbetrieben an.

Dazu ist anzumerken, dass die rot-grüne "Hygiene-Ampel" eine ebensolche Nebelkerze war, die keinerlei Wirkung entfalten konnte – ebenso wie die "neuen" Maßnahmen der schwarz-gelben Bande keinerlei Wirkung entfalten können. Die Summe "X", die den Menschen in NRW zum widerwärtigen Konsum zur Verfügung steht, verändert sich nicht durch alberne verkaufsoffene Sonntage. Beflügelt wird hier allenfalls die Hoffnung auf mehr Käufe auf Kreditbasis. Was das für die betroffenen Menschen, die im Einzelhandel arbeiten müssen, bedeutet, interessiert aber sowieso niemanden aus dieser marktkonformen Mischpoke.

Entfesselung ist eine Kunst

Die Entfesselungen sind damit aber noch nicht abgeschlossen, denn irgendwie muss die Bewahrung des obszönen Reichtums der Wenigen ja weiter zementiert werden. Auch dafür haben CDU und FDP in NRW eine richtig gute Idee:

Die schwarz-gelbe Regierung wird Zuschüsse zurückziehen, mit denen etwa 300.000 Menschen günstig Bus und Bahn fahren können. Das Geld soll anderweitig eingesetzt werden. / (...) Die 40 Millionen Euro, mit denen das Sozialticket bezuschusst wurde, werden 2018 zunächst auf 35 Millionen reduziert, ein Jahr später halbiert und 2020 schließlich ganz gestrichen. Das Geld wolle man besser investieren, teilte der Verkehrsminister und CDU-Politiker Henrik Wüst mit.

Was schert diese Bande denn auch die Bevölkerung? Es ist schon jetzt ein feuchter Witz, dass ein "Sozialticket" für den ÖPNV in NRW knapp 40 Euro pro Monat kostet – wer um alles in der Welt soll sich denn das leisten können, der mit gerade mal 400 Euro auskommen muss, von denen regelmäßig Stromkosten, Telefon- und Internetkosten sowie aus dem "Regelbedarf" zu bezahlende Heiz- und Mietkosten, die oftmals nicht in voller Höhe übernommen werden, zusätzlich zu Nahrungsmitteln, Hygieneartikeln und stets anfallenden Sonderausgaben gedeckt werden müssen?

Die Überflüssigen

Aber weshalb sollten Arbeitslose, Kranke, Alte oder Behinderte auch öffentliche Verkehrsmittel benutzen wollen? Nach kapitalistischer "Logik" sind das alles "Überflüssige", die am allerbesten gleich versterben sollten, da sie nur "kosten", aber nichts "einbringen". Vor diesem Hintergrund ist die neue Landesregierung in NRW schon sehr produktiv. Schlimm ist nur: Ich unterstelle diesen GesellInnen, dass sie sehr wohl wissen, welches braune Monster sie da "entfesseln" und es trotzdem tun, weil sie das wohlige Plus auf dem eigenen Konto sehr zu schätzen wissen.

Ich unterstreiche noch einmal, um nicht missverstanden zu werden: Auch die rot-grüne Landesregierung hat nichts anderes getan, sondern es nur ein wenig besser verschleiert. Das Motto hier wie dort lautet schlicht: "Haut der Bevölkerung mit Schmackes die Fresse blutig und mästet die Reichen, auf dass auch wir in unseren Blockparteien genug abbekommen."

Die Deppen

Interessiert sich außer dem Deppen Lapuente eigentlich noch irgendjemand dafür, ob Deutschland zukünftig von der CDU, der SPD, den Grünen, der FDP, der AfD oder der Linkspartei "regiert" wird? – Mir jedenfalls könnte nichts gleichgültiger sein.

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Geburt des Faschismus



(Gemälde von David Alfaro Siqueiros [1896-1974] aus dem Jahr 1936. Pyroxylin auf Masonit, Sala de Arte Publico Siqueiros, Mexiko)

Montag, 13. November 2017

CDU und AfD: Lügireuter und der braune Haufen


Es war ja abzusehen, dass es nicht lange dauern wird, bis sich die kapitalistische CDU und die kapitalistische AfD ihrer reichen Herrschaften besinnen, zu deren Stiefelleckzwecken sie existieren. Dass es allerdings so schnell gehen könnte, habe sogar ich oller Schwarz- bzw. Braunmaler nicht für möglich gehalten. In der FR war vor zwei Wochen zu lesen:

Die CDU in der erzgebirgischen Universitätsstadt Freiberg fordert laut und deutlich den Rücktritt von Parteichefin und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Außerdem, so der örtliche Vorsitzende und Baubürgermeister Holger Reuter, solle die sächsische CDU ernsthaft über Bündnisse mit der AfD nachdenken: "Wenn sich die AfD stabilisiert und zu einer Politik kommt, die dem Bürger auch wirklich Wege zeigt, wie es besser werden kann, dann halte ich persönlich auch eine Koalition mit der AfD für möglich", sagte er dem MDR.

Lügireuter und der braune Haufen

Das sitzt – und sollte nun auch dem letzten merkbefreiten "Protestwähler" deutlich die Augen öffnen, mit was für korrupten Abziehbildern sie sich da eingelassen haben. Leider wirkt das "sollte" nicht so, wie es müsste, denn noch immer liegt die AfD in der "Wählergunst" an derselben Stelle. Das legt aus meiner Sicht die Vermutung nahe, dass es sich bei diesen WählerInnen mehrheitlich gerade nicht um "ProtestlerInnen" handelt, sondern um schnöde RassistInnen und NationalistInnen, die einen ausländerfeindlichen Kurs in der Politik selbst dann gut finden, wenn sie dafür weniger Gehalt, weniger Rente, weniger Arbeitslosengeld und einige aus den Fugen quellende, überlaufende Geldspeicher einer kleinen, kriminellen "Elite" bekommen (um nur wenige Beispiele zu nennen). Mit Dummheit allein lässt sich das jedenfalls – aus meiner Sicht – längst nicht mehr erklären.

Man vergleiche diese Ungeheuerlichkeit der sächsischen CDU nur einmal mit der medialen Hinrichtungskampagne gegen Frau Ypsilanti (SPD), als diese es vor Jahren wagte, nach einer Landtagswahl über ein Bündnis mit der Linkspartei nachzudenken. Das Szenario wird nicht erst rückblickend umso lächerlicher, wenn man bedenkt, dass auch eine damalige Koalition von SPD und Linkspartei nichts anderes getan hätte als die Mafia-KollegInnen aus der CDU, FDP und den Grünen. Wer hier noch immer nicht im kristallklaren "Wasser der Erleuchtung" schwimmt und endlich bemerkt, auf welch üblem Rechtskurs mitten hinein in die Latrine der NPD sich die Politik und "freien Medien" befinden, dem ist wahrlich nicht mehr zu helfen. – Genauso verhält es sich heute bezüglich der AfD: Mir hat beispielsweise noch niemand nachvollziehbar den Unterschied zwischen den politischen Zielen der AfD und jenen der CSU erklären können. Falls sich jemand dazu berufen fühlt: Ich bin ganz und gar Ohr!

"We love to verarsch you"

Dasselbe gilt freilich auch für die übrigen kapitalistischen Blockparteien, die sich einzig durch die Balkenfarbe in den Diagrammen der Kuhmedien und den vielfältigen rhetorischen Popanz, nicht aber durch ernstzunehmende Inhalte voneinander unterscheiden. Ich bin sehr gespannt (*gähn*), wie schnell statt "Jamaika" nun die "Schwafaschampel" (CDU/CSU, AfD, FDP) ins Rennen um den schnellsten Weg in den Abgrund geht und wie lange es dauert, bis SPD, Linkspartei und Grüne den längst aufgestellten Turborekord im Umfallen und rechtsspurigen Überholen der Menschenfeinde noch einmal übertrumpfen werden.

Eine Lanze für Merkel

Angesichts des vorgelegten Tempos aus Sachsen kann es sich hier nur um wenige Monate handeln, falls die Bleierne abgesägt wird. Insofern sollte man heute schon überaus dankbar sein, wenn das Merkelmonster trotzdem weiterhin am vermeintlichen Chefsessel klebt wie zähflüssiger, übelriechender, brauner Darmausfluss. Nichts, was da nachzufolgen gedenkt, könnte auch nur ein bisschen weniger furchtbar sein als diese Sockenpuppe der kapitalistischen Mafia aus der Uckermark.

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Charlie im Augenblick des Versuchs, eine Lanze zu brechen.

Donnerstag, 9. November 2017

Als die Synagogen brannten


Die Novemberpogrome 1938

Fast 80 Jahre sind vergangen seit den Novemberpogromen 1938. Sie sind eine der zentralen Wegmarken des Völkermords. Während die Juden in Deutschland seit der Machtübernahme bereits systematisch ausgegrenzt und ausgeplündert wurden, so zeigte sich in der sogenannten Kristallnacht offen das mörderische Gesicht der Hitlerdiktatur.

Am 9. und 10. November 1938 brannten in ganz Deutschland rund 400 Synagogen, SA-Männer verwüsteten 7.000 jüdische Geschäfte. Über neunzig Menschen wurden vom Mob ermordet, etwa 600 begingen Selbstmord. Mehr als 26.000 Männer wurden - angeblich zu ihrem eigenen Schutz - in Konzentrationslager verschleppt und dort misshandelt. Spontane Aktionen aufgebrachter Bürger seien es gewesen, behaupteten die Nazis, als sich ein Proteststurm im Ausland erhob, tatsächlich war es der Höhepunkt einer staatlich gelenkten Welle antisemitischer Gewalt in Deutschland.

Autor und Regisseur Michael Kloft hat für seine Dokumentation kaum bekanntes Material und Fotos gefunden und er hat Zeitzeugen befragt, die heute noch die damaligen schrecklichen Ereignisse vor Augen haben.



("Als die Synagogen brannten", Dokumentation von Michael Kloft, NDR 2008)

Siehe dazu auch: "Die letzten Zeugen".

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(Titelseite des Nazi-Hetzblattes "Der Stürmer. Deutsches Wochenblatt zum Kampfe um die Wahrheit", hg.v. Julius Streicher, Nr. 48 vom Dezember 1938)

Mittwoch, 8. November 2017

Die "bürgerliche Mitte": Von Ratten und Menschen


In der jüngsten Ausgabe der Satiresendung "Die Anstalt" haben die Kabarettisten Max Uthoff, Claus von Wagner und ihre Mitstreiterinnen sehr hübsch herausgearbeitet, wie der neoliberale Umbau der Welt seit 1947 gezielt und geplant von diversen LobbyistInnen und entsprechenden, für diesen Zweck gegründeten und miteinander vernetzten "Think Tanks" durchgezogen wurde. Leider wird auch dort das Wort "Kapitalismus" strikt vermieden, so dass wieder einmal die – möglicherweise gar nicht beabsichtigte – Illusion kolportiert wird, es könne im Gegensatz zum bösen, neoliberalen Kapitalismus auch einen "guten" Kapitalismus geben. Das ist freilich absurder Blödsinn.

Was diese schäbige, zerstörerische und zutiefst infantile Ideologie, die längst religiöse, fundamentalistische Züge angenommen hat, mit vielen Menschen anrichtet, ist indes allerorten zu beobachten. Ein weiteres von so vielen Beispielen las ich kürzlich in einer Kolumne von Mely Kiyak bei Zeit Online. Dort heißt es zum Thema Obdachlosigkeit in Berlin unter anderem:

Der grüne Berlin-Mitte-Bürgermeister Stephan von Dassel ließ mit großem Tamtam und flankiert von Interviews verlauten, dass "50 besonders aggressive" osteuropäische Obdachlose den Tiergarten verdrecken würden. Er forderte Abschiebungen nach Polen. (...) / "Die Ratten kann man nur bekämpfen, wenn die Menschen weg sind", sagte die Pressesprecherin des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Sie ließ eine "Räumung aus hygienischen Gründen" anordnen. (...) / Gern wäre man dabei gewesen, wenn zwei Sozialarbeiter die Menschen darauf hinwiesen, dass sie sich in einem Wärmebus einen Becher Tee abholen dürfen, derweil ihre Zelte und Matratzen und ihr letztes Hab und Gut vor ihren Augen auf den Müll wanderten. Worauf sie wohl in den kommenden Nächten schliefen? Auf nassem Laub?

So sind sie, die kapitalistisch verdorbenen Menschen – und dies ist exakt die perverse Welt, die sich Kapitalisten ("Neoliberale") herbeiträumen und die sie in weiten Teilen längst erreicht haben. Da fällt einem "Grünen" die abgrundtiefe Menschenfeindlichkeit, die er ausposaunt, gar nicht mehr auf; und für den angeschlossenen Partei- und Behördenapparat ist es offenbar eine Selbstverständlichkeit, eine wie auch immer postulierte "Rattenplage" mit – in diesem Fall etwa 50 – obdachlosen Menschen in Zusammenhang zu bringen, was an sich schon grotesk ist, und in der Folge nicht etwa diesen Menschen zu helfen, indem man ihnen beispielsweise schlicht Wohnraum anbietet, sondern sie stattdessen polizeilich vertreiben lässt.

Aus allen diesen Worten und Taten brüllt uns der Faschismus entgegen – und zwar unverhohlen und ganz ohne pseudodemokratische Maske. Man sieht: Die AfD wird gar nicht gebraucht – die Drecksarbeit der menschenfeindlichen Umsetzung der kapitalistischen Zerstörung erledigen die Parteien der "bürgerlichen Mitte" auch ganz ohne die Hilfe der offen Rechtsradikalen. Das obige Beispiel ist nur das Schneeflöckchen auf der Spitze des Eisberges.

Es führt wohl kein Weg daran vorbei endlich anzuerkennen, dass die "bürgerliche Mitte" Deutschlands mittlerweile wieder Hakenkreuzarmbinden trägt, auch wenn sie dies reflexartig sehr erbost von sich weist. Mir wird speiübel, wenn ich mir vorstelle, wohin das führen kann – bzw. zwangsläufig führen muss.

Montag, 30. Oktober 2017

Christentum und Faschismus


Pünktlich zum bevorstehenden "Reformationstag" – dem Höhepunkt der seit zehn Jahren [sic!] währenden und vom Staat mit dreistelligen Millionenbeträgen finanzierten "Lutherdekade" – haben die Macher des atheistischen Blogs Man glaubt es nicht einen hübschen Text veröffentlicht, in dem auf einen schon etwas älteren Beitrag zum Antisemiten, Frauenhasser und Obrigkeitsapostel Martin Luther eingegangen wird, der seinerzeit einen beachtlichen Shitstorm ausgelöst hat. Die AutorInnen verwenden hierfür den aus meiner Sicht nicht sonderlich gelungenen – weil allzu verharmlosenden – Begriff der "Schnullernazis" für jene fundamental-"christliche" Vollidioten, die ihren Nazi-Dreck hemmungslos ins Netz kippen und sich dabei des "göttlichen Beistandes" gewiss sind – aber das soll nun nicht weiter stören.

Ich zitiere aus dem Posting:

Okay, Luther war also wirklich ein Hassprediger, ein Vordenker für die Faschisten, der im "Dritten Reich" ausführlich gefeiert wurde. Wie äußern sich die Schnullernazis zu ihm? / "Luther war ein großartiger Mann. Heute bräuchten wir ihn – als Prediger gegen alles Linke, Zerstörende. […] Lieber noch die Ayatollahs als die linken Satanspäpste." / In einem anderen Kommentar sehnt sich ein Schnullernazi einen weiteren Hassprediger herbei: "Einen Luther bräuchten wir heute wieder: gegen Linke, Femastasen-Weiber und ausländische Invasoren." / Nicht nur Luthers Antisemitismus, sondern auch sein Frauenbild wird geteilt, es werden sogar biologische Ursachen für deren vermeintliche Unterlegenheit ermittelt: "frauen sind halt OHNE EIER GEBOREN, wobei man sich in dieser Situation schon eher einen ‚SAUDI-ARABISCHEN‘ Umgang mit Frauen wünscht, niemals das weibliche Geschlecht an irgendwelchen Machtpositionen zu setzen."

Und so geht das munter weiter. Hier findet sich fast jedes bornierte Klischee, das man rechtsradikalen Hohlbirnen – ob nun mit oder ohne pseudotheologischem Unterbau – gemeinhin zuordnet. Die Lektüre wäre sehr lustig, wenn sie nicht die böse Gefährlichkeit der Dummheit, die sich hier förmlich und äußerst bedrohlich manifestiert, so schauerlich illustrierte. Lest Euch das inklusive der Kommentare in aller Ruhe – sofern das Nervenkostüm das mitmacht – durch und beachtet auch das Ursprungsposting und die dort noch erhalten gebliebenen Kommentare. Dies sind Stimmen aus Deutschland im "Jahre des Herrn 2017", die unmittelbar erklären, weshalb Rassismus und Faschismus hier längst wieder eine heimelige, bis ins Knochenmark vergiftete Wohnstatt haben.

Mich erinnert das an meinen aussichtslosen Kampf, den ich vor Jahren mit Foristen (es waren ausschließlich Männer) des inzwischen zum Glück abgeschalteten Idiotenportals "kreuz.net" geführt habe. Dort posteten ebensolche – allerdings katholische – Nazihorden exakt denselben menschenfeindlichen Müll – bloß ohne Bezug auf Luther. Einige von diesen Gesellen belästigen mich per Mail auch heute – nach fast zehn Jahren – immer noch mit ihrer ewig gleichen braunen Kotze.

Wer nun einwendet, dies seien ja nur die "extremen Ränder" der Religioten, die man nicht weiter ernst nehmen müsse, sollte sich mit den entsprechenden Positionen der "christlichen" Parteien (CDU/CSU für die Katholen und die Grünen für die Evangelen) befassen – wobei ich damit nicht irgendwelche wohlfeilen Programme oder andere Druckwerke, sondern das konkrete Handeln meine. Anlässlich eines nicht weiter erwähnenswerten Besuchs in einem Gottesdienst erzählte mir noch vor einigen Wochen eine Pfarrerin mit belehrender Stimme von der Kanzel herab: "Wir Menschen sind alle Sünder, aber wir können etwas dagegen tun: Der Glaube ist der erste Schritt."

Yeah. Ich glaube inzwischen nur noch an den Untergang dieser Spezies und hoffe inständig, dass ich ihn nicht mehr persönlich erleben muss. Die Hoffnung darauf schwindet allerdings zunehmend.

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Passion 1932



(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 52 vom 27.03.1932)

Samstag, 28. Oktober 2017

Die Fähnchenschwenker und ihre Jeanne d'Agenknecht


Der Kollege Arbo vom Blog Krautism hat jüngst einen lesenswerten Text – eigentlich eine Aktualisierung eines älteren Beitrages – über das seltsame Fischen der Frau Wagenknecht am rechten Rand geschrieben, in dem es unter anderem heißt (Quellenangaben im Originalposting):

Zurück zur Nüchternheit: Würde Frau W. nun – eingedenk der eben geschilderten Situation – über den Libanon sprechen und sagen ‚Dort sind die Kapazitätsgrenzen (langsam) erreicht.‘, wer würde ihr widersprechen? Der Punkt ist nur, dass sie nicht vom Libanon spricht, sondern von Deutschland. Daher mal ein Vergleich: Deutschland hat laut Destatis 82 Millionen Einwohner, konnte 2016 auf ein BIP von 3.144,1 Milliarden Euro bzw. 3,466 Billionen USD blicken; im gleichen Jahr 2016 wurde über die Asylanträge von 695.733 Personen entschieden (BAMF) und zwischen Januar und September 2017 lag die Zahl der registrierten Asylsuchenden laut Bundesstelle für Politische Bildung bei 139.635 Personen (die Bundesregierung gibt für den gleichen Zeitraum 168.306 Personen an).

Dagegen liegt die Bevölkerung des Libanon aktuell bei ca. 6,2 Millionen Menschen, das BIP bei (nominal) 52 Milliarden USD (Wikipedia) und die Zahl der aufgenommenen Flüchtlinge liegt geschätzt zwischen 1 bis 2 Millionen Menschen (Zahlen laut nachrichten.at vom Dezember 2016). Die so rhetorische wie ‚nüchterne‘ Preisfrage lautet nun: Welches Land von beiden wird wohl am ehesten an ‚Kapazitätsgrenzen‘ stoßen?

Inhaltlich habe ich dem nichts hinzuzufügen – Dank an Arbo für die gründliche Recherche. Mich treibt aber die Frage in den Wahnsinn, was zur Hölle Wagenknecht und Lafontaine mit diesen Aktionen zu bezwecken gedenken? So dumm sind diese Menschen (hoffentlich) nicht, dass sie tatsächlich daran glauben, auf diese schäbige Weise bei den "besorgten BürgerInnen" und anderen Pegidioten Wahlstimmen einsammeln zu können – andererseits möchte ich ihnen aber auch keine bösen, nationalistischen Intentionen unterstellen. Was also steckt dahinter? Naivität? Populismus? Aktionismus? Oder doch nur Dummheit, völkisches Denken – oder noch etwas ganz anderes, das mir partout nicht einfallen will?

Es ist ja kein Geheimnis, dass Wagenknecht die "Überwindung des Kapitalismus" – auch das übrigens eine offen populistische, extrem dumme und inhaltlich groteske Formulierung, die einzig dem kapitalistischen, alles indoktrinierenden Zeitgeist geschuldet ist – längst nicht mehr vertritt. Hat auch sie inzwischen von der Lapuente'schen Verdummungsdroge der "Realpolitik" gekostet und dabei ebenso ihren Verstand verloren wie all die braven FähnchenschwenkerInnen, die unbeirrt und von der Realität unberührt in der Linkspartei das Seelen- und Nationalheil sehen wollen? Ich verstehe das nicht. Und trotzdem wird diese Dame von Teilen der "Linken" nach wie vor als glühende Jeanne d'Arc angepriesen, so als sei eine Personalie – welcher Art auch immer – in einer "repräsentativen" Demokratiesimulation tatsächlich entscheidend für den "Sieg der guten Sache". Das ist so albern und bizarr, dass es mir die Sprache verschlägt.

Wie soll der kapitalistische Horror, der im Begriff ist, den kompletten Planeten zu zerstören und der für den weit überwältigenden Teil der Menschen nicht erst seit gestern ein einziger, tödlicher, nicht endender Albtraum ist, mittels einer Partei "bekämpft" werden, die sich einer solchen perfiden Rhetorik bedient wie Wagenknecht sie wiederholt bemüht?

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Jeanne d'Arc



(Illustration von Albert Lynch [1851-1912], in: "Le Figaro", 1903)

Montag, 16. Oktober 2017

Braunsumpf: Beispiel Österreich


Nach dem Wahlerfolg der ÖVP im Nachbarland Österreich, der einmal mehr den immensen, immer bedrohlicher werdenden Rechtsruck überall in Kapitalistan illustriert, ist es mir ein Bedürfnis, auf einen sehr erhellenden Text von Bernhard Torsch hinzuweisen, der bereits am 12.10. in der Jungle World veröffentlicht wurde. Dort sammelt der Autor unter Anderem einige (längst nicht alle) der übelsten während des Wahlkrampfes geäußerten Meinungen und Ankündigungen des kleinen Schlips-Borg Sebastian Kurz, zu dem der Redaktion des Postillon nur die naheliegende Frage einfiel:

Falls er Österreichs Kanzler wird: Wer folgt Sebastian Kurz als Klassensprecher der 10b nach?

Ich liste einige der dort genannten Abstrusitäten, die dieser lächerliche Hampelmann, der wohl nur von geistig Umnachteten, die auch einen Lindner oder einen Höcke ernst nehmen können, von sich gegeben hat, der besseren Lesbarkeit wegen einmal komprimiert auf:

  • Im Windschatten der Kölner Silvesternacht 2015 bliesen die österreichischen Boulevardmedien jeden realen oder vermeintlichen Fall ­sexualisierter Gewalt von Asylsuchenden zur großen Story auf, Schwimm­bäder verhängten Hausverbote für Nichtösterreicher, an den Grenzen patrouillierte das Militär und der vom ­Integrationsstaatssekretär zum Außenminister aufgestiegene Sebastian Kurz ließ eine Studie über islamische Kindergärten so überarbeiten, dass aus einer weitgehend harmlos klingenden Zustandsbeschreibung eine grelle Warnung vor islamistischer Indoktrination wurde.
  • [Das Wahlprogramm der ÖVP, für das Kurz maßgeblich verantwortlich ist,] ist ein stramm rechtes Programm. Während es Steuererleichterungen in Milliardenhöhe für Unternehmer, Konzerne und Immobilieneigentümer geben soll, wird die Übernahme der deutschen Hartz-IV-Gesetzgebung gefordert.
  • Asylsuchende sollen zu "Putzdiensten" verpflichtet werden.
  • Drogendealer sollen in jedem Fall zu einer Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt werden.
  • Die gleichgeschlecht­liche Ehe wird strikt abgelehnt.
  • NGOs, die Gelder aus dem Ausland erhalten, stehen mit einem Bein im Knast.
  • Die ÖVP fordert auch die Ausweitung der Überwachung der Bevölkerung.
  • Menschen ohne österreichische Staats­bürgerschaft will [die ÖVP] bei Sozialleistungen benachteiligen, die im Übrigen flächendeckend gekürzt werden sollen.
  • Bei jedem Auftritt spricht Kurz fast ausschließlich über "Ausländer", "Migranten" und den Islam. Er ging sogar so weit, das Zurückfallen österreichischer Schulen bei der Pisa-Studie Flüchtlingen in die Schuhe zu schieben.
  • Selbst vor der offensichtlichen Lüge, Österreicher verließen Wien wegen der vielen Ausländer, schreckte der Hoffnungsträger der Konservativen nicht zurück.
  • In Fernsehdiskussionen mit politischen Konkurrenten gibt sich Kurz streng und schneidend und imitiert dabei den Tonfall und sogar die Gestik von Jörg Haider.
  • Für Juden könnte es aber ohnehin ungemütlicher werden: Sowohl Kurz als auch Pilz [ein Ex-Grüner] sagten in den letzten Tagen, in einem Österreich unter ihrer Führung hätten "die Silbersteins" nichts mehr verloren.


("Noch am Wahlabend hatte er in einer Elefantenrunde beklagt, im Wahlkampf wiederholt mit Adolf Hitler verglichen worden zu sein.", GMX; Bild: Titanic)

Man kann also getrost resümieren: Die Mehrheit der wahlberechtigten österreichischen Bevölkerung steht der grandiosen Dämlichkeit und Menschenfeindlichkeit ihrer (nicht nur deutschsprachigen) Nachbarn in nichts nach, die sie letztlich natürlich auch selber betreffen wird. Das lässt sich im Übrigen auch an der weitergehenden Beschreibung der Wahlkampfinhalte von SPÖ und FPÖ im verlinkten Text von Torsch ablesen, die dem Kurz'schen Braunsumpf in nichts nachstehen bzw. sogar teilweise weit darüber hinaus gehen. Wer hier Ähnlichkeiten mit Deutschland, Frankreich, Ungarn, den Niederlanden, Polen und sogar Dänemark und vielen, vielen anderen pervertierten Nationen findet, ist auf einem guten Erkenntnisweg.

Menschenfeindlichkeit, Rassismus, stumpfsinniger Nationalismus und Faschismus sind wieder mehrheitsfähig im "vereinten Europa (*glucks*)", während Korruption, strikter Eigennutz, Lügen und Betrug den maßgeblichen Ton der herrschenden "Eliten" angeben. Das passt so gut zusammen. Und die Bevölkerung merkt's wieder nicht und blökt erneut munter mit im Chor des kakophonischen Untergangs. – Ich habe die kapitalistische Menschheit ja schon immer für eine bescheuerte, grunzende, hirnlose Affenhorde gehalten – aber auf solch eindrucksvollen Belege für diese These hätte ich im letzten Drittel meiner knappen Lebenszeit auch herzlich gerne verzichten können.

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Das rote Tuch



Der Stier, der lang auf rot dressiert,
wird noch vom alten Hass verführt.
Um ihn von andrem abzulenken,
genügt's, ein rotes Tuch zu schwenken.

"Das ist der Feind – der will dein Brot –
der schlachtet dich – den mach' schön tot!"
Er sticht – und steckt im Dreck so tief
und merkt zu spät: "Da ging was schief!"

Wer lächelt drob mit stillem Hohn?
Der Matador – die Reaktion!

(Zeichnung und Gedicht von Carl Sturtzkopf [1896-1973], in: "Der Simpl", Nr. 3 vom Februar 1947)

Freitag, 13. Oktober 2017

Die AfD und der Dietrich


Für all diejenigen, die vielleicht nicht wissen, um welche Person es hier geht – so etwas soll es ja leider geben –, sei angemerkt: Dietrich Bonhoeffer war "am deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt. (...) / Etwa ab 1938 schloss er sich dem Widerstand um Wilhelm Franz Canaris an. 1940 erhielt er Redeverbot und 1941 Schreibverbot. Am 5. April 1943 wurde er verhaftet und zwei Jahre später [nur wenige Tage vor dem Ende des Nazi-Terrors, Anm.d.Verf.] auf ausdrücklichen Befehl Adolf Hitlers als einer der letzten NS-Gegner, die mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 in Verbindung gebracht wurden, hingerichtet."

Kürzlich war nun beim WDR anlässlich einer eher informationsarmen Kurzmeldung ganz am Rande und daher von vielen wohl unbemerkt die folgende, unkommentierte Bemerkung zu lesen:

Am kommenden Wochenende veranstaltet die AfD ihren Landesparteitag in der Schulaula des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums in Wiehl [NRW].

Welch eine Ungeheuerlichkeit in einem solchen lapidaren Satz steckt, muss ich eigentlich nicht näher erläutern, tue es aber gleichwohl: Was zur kochenden Hölle hat ein Landesparteitag in der Schulaula eines Gymnasiums verloren? Und was denken sich die Verantwortlichen zu allem Überfluss der Idiotie dabei, ausgerechnet einer rechtsradikalen Partei Zugang zu einer Schule, die einen solchen Namen trägt, zu gewähren? Befinden sich in diesem Land inzwischen denn nur noch Irre in "führenden Entscheiderpositionen" – sogar auf Kreisebene in der Provinz?


(Zeichnung von Hauck & Bauer, in: Titanic Online vom 09.10.2017)

Freitag, 6. Oktober 2017

"Ein Fest der Freiheit"


Ein Gastbeitrag des Altautonomen anlässlich der Rede des Bundespräsidenten zum "Tag der deutschen Einheit"

Mit Spannung und hohen Erwartungen haben die Medien die Rede von Herrn Steinmeier aus dem Schloss Bellevue in Berlin am 03.10.2017 in Mainz vorab sekundiert. Was er dann in einer für Sozialdemokraten in vielen Rhetorikseminaren erworbenen, typischen Sprechweise mit gelegentlichen Blicken nach links und rechts in Richtung des ergriffen lauschenden Publikums – einer von Gerhard Schröder kopierten Körpersprache – zu sagen wagte, übertraf die schlimmsten meiner Befürchtungen. Ich möchte daher nur wenige, exemplarische Abschnitte aufgreifen und kurz kommentieren.

Liebe Jugendliche, Ihnen gehört die Zukunft dieses Landes!

Mehr als drei Millionen Kinder, die unmittelbar dem staatlich verordneten Zwangsverarmungsterror von "Hartz IV" ausgesetzt sind, sowie all jene von der immens hohen Jugendarbeitslosigkeit Betroffenen sind hier offensichtlich ausgenommen.

Meine Damen und Herren, unser Weg muss ein Weg in Frieden und Freundschaft mit den europäischen Nachbarn bleiben (...).

Spontan fällt mir zu dieser beschworenen friedlichen Freundschaft der Nachbar Griechenland ein, dessen Bevölkerung unter maßgeblicher Anleitung der deutschen Politik auf ein sogenanntes "Schwellenland"-Niveau "zurückgebombt" wurde.

Am 24. September haben deutlich mehr Menschen als in den beiden letzten Bundestagswahlen von diesem stolzen Recht [gemeint ist das Wahlrecht, Anm.d.Verf.] Gebrauch gemacht.

Man muss also "stolz" sein, das deutsche Wahlrecht benutzen zu können oder zu dürfen? Wer schreibt dem Mann bloß so etwas in eine Rede?

Die große Mauer quer durch unser Land ist weg. Aber am 24. September wurde deutlich: Es sind andere Mauern entstanden, weniger sichtbare, ohne Stacheldraht und Todesstreifen – aber Mauern, die unserem gemeinsamen "Wir" im Wege stehen.

"Wir" gegen "die". Das hatten wir schon im Wahlkampf 2013 als SPD-Parole: "Auf das WIR kommt es an". Der Mann schämt sich für nichts mehr.

Natürlich, das erfordert Kontroverse. Differenzen gehören zu uns. Wir sind ein vielfältiges Land. Aber worauf es ankommt: Aus unseren Differenzen dürfen keine Feindschaften werden – aus Unterschied nicht Unversöhnlichkeit.

Da ist er, der ganz große Kübel mit Harmoniesauce, den er in seiner Amtsbürde über das "vielfältige" Land ausschüttet. Von Interessengegensätzen, Klassenunterschieden, Macht und Ohnmacht, Reichen und Armen hat er sichtlich nie etwas gehört.

Die Debatten werden rauer, die politische Kultur wird sich verändern.

Frau "in die Fresse hauen"-Nahles saß auch im Saal.

Doch wir werden den politisch Verfolgten nur dann auch in Zukunft gerecht werden können, wenn wir die Unterscheidung darüber zurückgewinnen, wer politisch verfolgt oder wer auf der Flucht vor Armut ist.

Dieser rhetorische (reinrassige), von der Leine gelassene Kettenhund transportiert Steinmeiers dumpfe Beschreibung der "Flüchtlingsfrage": Es geht ihm um eine strikte Unterscheidung der wenigen Geflohenen einerseits, die nach der faktischen Abschaffung des Asylrechts (Schengen etc.) überhaupt noch als Asylberechtigte in Deutschland anerkannt werden (können), von den sogenannten "Wirtschaftsflüchtlingen" andererseits.

Ehrlich machen müssen wir uns auch in der Frage, welche und wie viel Zuwanderung wir wollen, vielleicht sogar brauchen.

Hier finden wir Steinmeiers Votum für eine Obergrenze und die Bindung des Aufenthaltsstatus an die Nützlichkeit der Menschen für das deutsche Kapital in einem Satz. Volltreffer.

Nach den G20-Protesten habe ich Ladenbesitzer aus der Hamburger Schanze getroffen, die sagten: "Wir mussten mit ansehen, wie aus ganz normalen Passanten Gaffer und Plünderer geworden sind."

Richtig wäre gewesen: "Wir mussten erleben, wie unsere vermummten Freunde und Helfer in panzersicheren Uniformen wie Roboter bzw. tollwütige Kampfhunde blind auf harmlose Passanten einprügelten."

In einer längeren Passage widmet sich der Präsident dann dem Begriff "Heimat", die zu einer nicht enden wollenden Tirade, die in Freud'scher Manier subtil an das "Nationalbewusstsein der Deutschen" appelliert, gerät. Der "Heimatbegriff" dürfe nicht den Nationalisten überlassen werden:

Ich bin überzeugt, wer sich nach Heimat sehnt, der ist nicht von gestern. Im Gegenteil: je schneller die Welt sich um uns dreht, desto größer wird die Sehnsucht nach Heimat. Dorthin, wo ich mich auskenne, wo ich Orientierung habe und mich auf mein eigenes Urteil verlassen kann.

Das sagt einer, dessen momentaner Beruf hauptsächlich darin besteht, auf Kosten der Steuerzahler durch die Welt zu jetten. Neben den Themen Sehnsucht, Sicherheit, Orientierung, Zukunft und wieder dem ominösen "WIR" fehlte eigentlich nur noch der Übergang zur Kuschelnische der klassischen Klein-Familie.

Das Fest der Freiheit


("Es wird ein Fest der Freiheit!", Malu Dreyer, Bundesratspräsidentin, SPD)

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Anmerkung von Charlie: Ich gebe zu, dass ich mit diesem Text meines altautonomen Freundes einige Tage gehadert habe, da ich persönlich die Rede und die dahinter stehenden Haltungen Steinmeiers um viele, viele, sehr viele Längen kritischer sehe. Andererseits wäre es in ein wahrlich aufwändiges, kaum einlösbares Unternehmen ausgeartet, die wohlfeilen, teils regelrecht bösen Worte des asozial-antidemokratischen Heuchlers einer wirklich tiefgehenden Aufarbeitung zu unterziehen, wozu weder ich, noch der Altautonome die Zeit und die Lust haben.

Allein dem ollen, hustend-verstaubten "Heimat"-Begriff, den Steinmeier hier bemüht, könnte ich ganze Pamphlete widmen, die mir den letzten Nerv raubten, weil ich noch vor 20 Jahren nicht im Traum daran gedacht habe, dass derartig nationalistischer, offensichtlich dämlicher Schmutz mich noch einmal während meiner Lebenszeit belästigen könnte. Ich mache es mir nun einfach und zitiere dazu schlicht den – heute leider auch längst disqualifizierten und im System angekommenen – Udo Lindenberg, der um 1990 noch krächzend die "Bunte Republik Deutschland" beschwor:

Wo ich meinen Hut hinhäng', da bin ich zuhause.

Wer nach Gauck noch hoffte, dass es schlimmer vielleicht nicht mehr kommen könne, den hat Steinmeier nun eines Schlechteren belehrt. Und nur einen taubstummen Blinden kann das überraschen.

Ich danke dem Altautonomen für seinen beherzten Versuch, einer solchen Ungeheuerlichkeit etwas entgegenzusetzen!

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Zum Tag der deutschen Rassisten


Rassismus ist eine Form der absoluten menschlichen Niedertracht, mit der sich insbesondere Deutschland traditionell ganz besonders gut auskennt. Heute, im sich allmählich dem Ende zuneigenden Jahr 2017, ist er von den Stammtischen, aus den Hinterzimmern und den verdeckten politischen Phrasen der Nachkriegsjahrzehnte keck herausgetreten und wieder salonfähig geworden, woran nicht zuletzt auch die als "Wiedervereinigung" postulierte Annexion der DDR durch die damalige BRD und die politisch-mediale Begleitung dieses Ereignisses einen großen Anteil haben. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich 1989 in nächtlichen Aktionen große Plakatklebeaktionen, die den Slogan "Wider Vereinigung ohne demokratische Abstimmung" trugen, in mehreren westdeutschen Großstädten unterstützt habe, die aber bekanntlich dem aufsteigenden schwarz-rot-uringelben Sog der patriotischen Kakophonie und dem wirren Gefasel der Kohls und Genschers von den "blühenden Landschaften" und der "neuen Freiheit" leider nichts mehr entgegenzusetzen hatten.

Dazu passt auch gut eine Szene aus Volker Schlöndorffs Film "Die Stille nach dem Schuss" (2000), in dem die (fiktive) Ex-RAF-Terroristin und Protagonistin des Films, die in jener Geschichte inzwischen unter einem neuen Namen in der DDR lebt und den Umbruch dort miterlebt, ihren verständnislos dreinblickenden MitbürgerInnen sinngemäß und verzweifelt zuruft: "Wisst ihr denn eigentlich, was ihr hier habt?" – Sie wussten es offensichtlich nicht.

Nun zeigt der Kapitalismus wieder sein wirkliches, monströses Gesicht, das weder etwas mit "Freiheit" oder "blühenden Landschaften", dafür aber ausschließlich mit Ausbeutung, Abhängigkeit, Staatsterror, Überwachung, Armut, Menschenfeindlichkeit, Rassismus und Faschismus zu tun hat – und das alles wegen der Profitgier einer kleinen, "elitären" Minderheit. Früher nannte man das Feudalismus.

Vor einigen Tagen habe ich dazu ein bezeichnendes Beispiel bei Zeit Online gelesen. Dort geht es zwar um Magdeburg – allerdings ist das Phänomen keineswegs auf Ostdeutschland beschränkt, auch wenn die Massenmedien das inzwischen gerne und oft so darzustellen versuchen. Ich zitiere sehr verkürzt aus dem Bericht und empfehle die komplette Lektüre:

In einem Magdeburger Stadtteil gibt es große Aufregung um neue Nachbarn aus Rumänien. Bürgermeister und Lokalzeitung sprechen von Ghetto, Sozialbetrug, Lärm und Müll. / (...) "Die Frage ist ja: Warum sind die Rumänen alle gerade hierher gekommen?", fragt Lutz Trümper [SPD, Oberbürgermeister]. "Sicher kann man das ja nicht sagen, aber: Ich glaube, das ist organisiert." / (...) Lutz Trümper sagt, wenn die Rumänen sich von Anfang an an "unsere Regeln und Normen" gehalten hätten, dann wäre man gar nicht aufmerksam geworden auf sie. Aber jetzt will er gegen den vermuteten Sozialbetrug vorgehen. / (...) Seit einigen Wochen patrouilliert jetzt der Ordnungsdienst täglich zwischen 6 und 20 Uhr durch die Neue Neustadt. Und auch die Polizei lässt sich häufiger mal blicken. Nicht, weil die Kriminalität gestiegen wäre: Laut der Kriminalstatistik, das sagt auch Lutz Trümper, hat es keinen Anstieg an Kriminalität in dem Viertel gegeben in den letzten Jahren.

Wer den Text aufmerksam liest, wird gleich an mehreren Stellen stutzig und erkennt die üblichen, rein rassistisch motivierten Ressentiments, in diesem Fall gegenüber den Sinti und Roma, die seit Jahrhunderten allzu bekannt sind. Politik, Medien und der "Wutbürger", den man einmal mehr besser "Dummbürger" nennen müsste, reichen sich die Klinke in die Hand und bestärken sich gegenseitig, wie man das aus solchen "Filterblasen" so kennt. Irgendwelche sinnvollen oder belastbaren Fakten, die zur strikten Ablehnung dieser Menschen taugen könnten, werden mangels Vorhandenseins nicht genannt – abgesehen vom Vorwurf des "Lärms". Auch der hat allerdings nichts mit der ethnischen Zugehörigkeit eines Menschen zu tun – davon kann ich in meinem dörflichen Umfeld, in dem fast ausschließlich Deutsche (Spießer) leben, ein langes, wirklich sehr langes Lied singen. Alles andere sind diffuse Wahnvorstellungen, haltlose Verdächtigungen und schnöde Diffamierungen, wie man sie aus der finstersten Zeit Deutschlands kennt.

Dazu reicht es aus, sich das Beispiel des "vermuteten Sozialbetruges" auf der Zunge zergehen zu lassen: "Was Lutz Trümper so ärgert, ist die Tatsache, dass EU-Ausländer, die in Deutschland arbeiten, ebenso wie auch Deutsche ihr Einkommen mit Hartz 4 aufstocken können, wenn es nicht zum Leben reicht." Eigentlich muss man zu diesem ekelhaften Irrsinn nichts mehr sagen, denn er spricht für sich selbst. Die faschistische Devise des SPD-Mannes lautet: Wenn es den "Deutschen" schon so schlecht geht (weshalb das so ist und was seine Partei oder gar der Kapitalismus damit zu tun haben, fragt er gar nicht), soll es zumindest anderen, nämlich "Nicht-Deutschen" noch schlechter gehen, damit der "sozialen Gerechtigkeit" Genüge getan ist. Wenn das Geld für jene "Untermenschen" nicht mehr zum Leben reicht, ist das aus seiner Sicht "sozial gerecht". Auf diesem unterirdischen, tiefbraunen Niveau bewegt sich inzwischen nicht nur wieder die Politik der neoliberalen Bande, sondern auch die begleitende Medienpropaganda (siehe u.a. die MDR-Zitate im Bericht). Mich macht das völlig fassungslos.

Ein weiteres Beispiel aus der rechtsdrehenden Politik hat der Kollege Arbo kürzlich gepostet. Er schrieb:

Nicht nur die CDU hat am rechten Rand gefischt. Sondern, wie an anderer Stelle behandelt, auch Teile der Linken taten und tun das. Nun, nach der Wahl, hat sich Herr [Lafontaine] dazu angehalten gesehen, seiner Partei und insbesondere der Parteiführung die Leviten zu lesen: Zu viel Zurückhaltung in der Flüchtlingsfrage, d.h. dass die Ängste der Bürger hätten ernster genommen werden sollen, denn es kann ja nicht jede(r) nach Deutschland kommen; die Interessen der Geflüchteten [seien] ernster genommen worden als die der Einheimischen [Quellenangaben im verlinkten Text]. Das klingt wie bei Tillich (CDU), also nach einem Einschwören auf einen Rechtskurs.

Es ließen sich noch dutzendweise ähnliche Äußerungen aus sämtlichen etablierten Parteien (natürlich einschließlich der Linkspartei) sowie den Massenmedien zitieren, die allesamt in dieselbe, gruselige Richtung tendieren. Einmal mehr wird hier nahezu flächendeckend ein unbeteiligter, schwacher Sündenbock bemüht und übelst geschlagen, der für die Misere gar nicht verantwortlich, sondern seinerseits ein noch viel schlimmer gestraftes Opfer desselben menschenfeindlichen Systems ist – und keiner will's bemerken, zur Kenntnis nehmen oder auch nur flüsternd aussprechen. Das ist nicht nur kafkaesk, sondern die Betonierung des Rassismus' im "freiheitlich-demokratischen" System Kapitalismus.

Den aus meiner Sicht treffendsten Kommentar zum Thema hat am vergangenen Sonntag wieder einmal Stefan Gärtner verfasst, dem ich, wie so oft, nichts weiter hinzuzufügen habe (auch hier empfehle ich dringlich die komplette Lektüre):

Der "den Linken nahestehende" Kultursoziologe fand gestern, es müsse darum gehen, "auch Dinge sagen zu können, wie einem der Schnabel gewachsen ist, ohne sich sogleich außerhalb des Kreises der zur Äußerung Zugelassenen wiederzufinden". / Also eine Protestwahl gegen das Verbot, "Neger" zu sagen, gegen Neger, die nach Deutschland wollen, und dagegen, im wunderbaren Wettbewerb immer bloß der Neger zu sein. Also eine genuin faschistische Wahl, wenn auch weniger aus Überzeugung denn aus Angst mal autoritärem Charakter. Dass die AfD dann auch noch wirtschaftsfreundlich ist, macht es dem Proseminar zum Thema Faschismus aber vielleicht ein bisschen sehr einfach.

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Die weiße Rose


(Spielfilm von Michael Verhoeven aus dem Jahr 1982)

Dienstag, 26. September 2017

Die dummen Deutschen


Vor einigen Tagen habe ich bei Zeit Online den Bericht "Hab' mich verwählt" gelesen, in dem einige junge Menschen ihre zu diesem Zeitpunkt noch anstehende Wahlentscheidung erläutern. Ich habe den Link zum Text in meinem Tagebuch mit dem für dieses Blog gedachten Vermerk versehen: "Sind Deutsche wirklich so dumm?"

Mit diesem Vermerk kann ich nun nichts mehr anfangen, denn seit Sonntag wissen wir: Ja, Deutsche sind ganz offensichtlich dumm wie Bohnenstroh – und zwar gleich so dumm, dass sie gar nicht mehr bemerken, welches Unheil sie durch ihre Wahl – auch für sich selbst – angerichtet haben.

Ich kann hier nur kurze Auszüge aus dem genannten Bericht zitieren, den ich zur Lektüre unbedingt empfehle, auch wenn es sehr wehtut, was dort zu lesen ist. Ein gewisser "Michael" (22, Chemiestudent) schreibt dort beispielsweise:

Ich bin vor knapp vier Jahren in die SPD eingetreten. (...) / Zur AfD: Wirtschaftspolitisch bin ich mit der Partei oft einer Meinung. Auch bezüglich der Islam- und EU-Kritik gibt es bei der AfD viele Punkte, denen ich zustimmen kann. (...) / Jetzt habe ich vor, in die FDP einzutreten. Mir ist [sic!] Individualismus und Freiheit wichtiger als Solidarität. Es würde so viel mehr Fortschritt entstehen, wenn man die Menschen und den Markt einfach mal machen ließe und der Staat nicht überall eingreifen würde.

Man weiß hier gar nicht, wo man mit der Kritik anfangen soll, da aus jedem Satz so viel Dummheit, Missverständnis und Desinformation springt, dass man den armen Knaben nur noch bedauern und ihm gute Besserung wünschen, ihn aber nicht kritisieren mag. Andererseits wird hier aber auch deutlich, dass der kapitalistische Einheitsbrei verlässlich dafür sorgt, dass es in der Tat unerheblich ist, ob man, wie in diesem Fall, der SPD, der AfD oder der FDP anhängt: Es kommt am Ende immer dieselbe menschenfeindliche, braune, unsolidarische Sülze heraus.

Nebenbei wüsste ich gerne, was jemand wie "Michael" mit "Islamkritik" und "EU-Kritik" meint. Da er sich hierbei auf die AfD bezieht, meint er wohl eher Rassismus und Nationalismus. Was ist das überhaupt für ein bescheuertes Wort: "Islamkritik"? Gibt es in "Michaels" Welt auch Christentumkritik, Buddhismuskritik oder Judentumkritik? Das klingt alles nach nachgeplapperten, sinnfreien Phrasen, um die dahinterliegende Xenophobie und widerliche Deutschtümelei zu kaschieren.

"Timo" (23, hat BWL studiert) meint hingegen:

Ich bin eigentlich ein klassischer CSU-Wähler (...). / Meiner Meinung nach haben wir in der Gesellschaft und in der Wirtschaft seit einigen Jahren einen stetigen Linksruck – der zeigt sich auch in der Union. (...) / Da bleibt nun nicht mehr viel – im Grunde nur die AfD, deren Programm bezüglich der Steuerpolitik und einer realistischen Einschätzung der Flüchtlingskrise mich überzeugt. Ihr Wahlprogramm ist ziemlich CSU-ähnlich, außerdem kommen die Vorsitzenden meist aus einem akademisch-bürgerlichen Milieu, was sie mir sympathisch macht.

Hier wird wieder einmal sehr deutlich, dass es zwischen der CSU und der AfD kaum Unterschiede gibt. Der gehirnlose "Timo" reiht sich damit nahtlos in die von Dummheit zerfressene Bevölkerung Bayerns ein, die seit Jahrzehnten wie besinnungslos den durch und durch korrupten, menschenfeindlichen, rechtsradikalen, "christsozialen" Sumpf wählt und entsprechend keine Berührungsängste in Bezug auf die neuen Nazis von der AfD hat.

Das lächerliche Märchen vom "Linksruck", der stattgefunden haben soll, während das gesamte politische Spektrum nach rechts außen gerückt ist bzw. wurde, hat der "Timo" ebenso verinnerlicht wie die dumpfe Xenophobie. Von jemandem, der ausgerechnet BWL studiert hat und sich als "klassischer CSU-Wähler" bezeichnet, kann man wohl nichts anderes als Dummheit, Rassismus und elitäres Denken erwarten.

Dann kommt "Simon" (hat Physik und Mathematik auf Lehramt studiert und ist Referendar an einem Gymnasium) zu Wort:

Wahlentscheidungen treffe ich nicht leichtfertig: Ich diskutiere viel mit meiner Familie über Politik, lese Wahlprogramme und lasse den Wahl-O-Mat meine Ansichten mit denen der Parteien abgleichen. (...) / Ich stieß so auf die da noch recht neue Alternative für Deutschland, die damals vor allem als Euro-kritische Partei unterwegs war. Eine Weile spielte ich mit dem Gedanken, sie zu wählen, einige ihrer Punkte leuchteten mir ein (...). / Ich habe das Gefühl, dass die CDU ihre Sache in den letzten vier Jahren so gut gemacht hat, dass ich ihr zutraue, das auch die nächsten vier Jahre zu machen.

Hier ist eindrucksvoll belegt, wohin Bildungsferne bzw. das, was Kapitalisten als "Bildung" bezeichnen, führt: Wer sich selbst für einen "kritischen", politisch interessierten Menschen hält, gleichzeitig aber stupide Wahlprogramme und gar den "Wahl-o-maten" bemühen muss, um sich eine Meinung zu bilden, kann letzten Endes nur bei der kapitalistischen Einheitspartei landen – ganz egal, ob der Block nun CDU, AfD, FDP, SPD oder Grüne heißt. Auch dieser Mensch hat nicht begriffen, dass es völlig unerheblich ist, welchen dieser Blöcke er wählt.

Letztlich verlässt sich auch dieser Referendar, der wiederum Kinder und Jugendliche unterrichtet, auf sein "Gefühl", wie er schreibt. Das kommt der Bankrotterklärung des politischen Geistes gleich. Man möchte dem Kerl zurufen: "Dein Gefühl ist gänzlich irrelevant, Arschloch!" Außerdem wüsste ich sehr gerne, was von der CDU/SPD nach der Meinung dieses Trottels in den vergangenen vier Jahren "gut gemacht" gewesen sein soll. Mir fällt da – auch wenn ich lange überlege – gar nichts ein.

Danach dürfen wir der "Judith" (23, hat Politikwissenschaften studiert) lauschen:

Ich entschied mich für die Grünen. Ich war zwar nie ein großer Fan, aber mit ihren Idealen konnte ich mich identifizieren: Umweltschutz, Humanismus und Freiheit zum Beispiel. / (...) Momentan finde ich mich bei der Linken am meisten wieder. Arbeiter- und Gewerkschaftsinteressen müssen stärker berücksichtigt werden, eine andere Wirtschaftspolitik muss her. Und auch wenn ich Sahra Wagenknecht nicht in allem, was sie sagt, absolut zustimmen kann, so bleibt sie eine wichtige Person inner- und außerhalb der Partei und ihre grundlegende Haltung geht ja doch meistens konform mit jener der Partei.

Eine Politikwissenschaftlerin gibt hier also an, dass "Personen" in der Politik wichtig seien. Das muss man sich mit Hingabe auf der Zunge zergehen lassen. Gleichzeitig verband sie in der Vergangenheit Themen wie Umweltschutz, Humanismus und Freiheit [sic!] mit den Grünen. Das lässt schon tief in den Abgrund blicken. Was ist denn aus "Judiths" Sicht Freiheit? Und welche andere Wirtschaftspolitik meint sie? Soll es keine Profite für Konzerne mehr geben, oder doch nur "weniger" Profite? Wenn "Gewerkschaftsinteressen" stärker berücksichtigt werden sollen, heißt das dann, dass das Prinzip des Ausbeutens beibehalten und lediglich ein wenig "abgeschwächt" werden soll? Was für merkwürdige Leute erhalten heute eigentlich den Titel "PolitikwissenschaftlerIn"?

Kommen wir zu "Philipp" (34, arbeitet in der IT-Branche, war bis 2015 in der AfD aktiv):

Ich hatte immer schon ein Problem mit Angela Merkel: Die Pfarrerstochter aus der DDR, die promovieren konnte, wo andere Pfarrerskinder im Osten nicht mal Abitur machen durften. Sie hatte aufgrund ihrer persönlich mindestens unkritischen Haltung damals Möglichkeiten, die andere nicht hatten. / (...) Wenn 25 Prozent der Partei [AfD] eine gefährlich rechte Meinung haben, ist das eventuell noch vertretbar, wenn dann die Gesamtrichtung stimmt.

Sicher ist es richtig, Merkel zu kritisieren. Wer das aber ausgerechnet und ausschließlich an ihren vergangenen Privilegien in der DDR und nicht an ihrer aktuellen, kapitalistischen Politik festmacht, macht sich lächerlich. Und wer 25 Prozent Rechtsradikale – wobei ich diese willkürliche Schätzung für deutlich (!) untertrieben halte – in der eigenen Partei für "vertretbar" hält, ist gefährlich.

Zu guter Letzt tritt noch "Ilan" (27, arbeitet als Berater in der Start-up Branche) auf:

Vor dieser Wahl habe ich mir die Entscheidung nicht leicht gemacht. Die Linke werde ich auf jeden Fall nicht mehr wählen. Einmal wegen der personellen Frage, aber vor allem, weil sich meine Einstellung zur Politik in den letzten Jahren verändert hat. Ich stehe einer liberalen Weltordnung näher – sie hat Selbstbestimmung zum Ziel und damit auch Selbstwirksamkeit. (...) / Meine Optionen waren schließlich die FDP, Die Partei oder die Grünen. Liberalismus wird mir innerhalb der FDP noch zu oft als Besitzstandswahrung innerhalb nationaler Grenzen und nicht als weltbürgerlicher Liberalismus verstanden. Die Grünen wären dazu prädestiniert, alte Strukturen des Willensbildungsprozesses aufzubrechen und haben gewissermaßen eine traditionelle Verpflichtung dazu.

Hier treffen wir wieder auf die allseits bekannten neoliberalen Floskeln der seichten Vernebelung: "Selbstbestimmung" und, noch etwas pervertierter, "Selbstwirksamkeit". So indoktriniert sind Menschen in diesem System schon, dass sie gar nicht mehr bemerken, wie sie innerhalb eines allüberwachenden Staates und ausbeutenden, abhängig machenden Systems noch immer solche Worte bemühen, die grotesker gar nicht sein könnten. "Selbstbestimmung" gibt es im Kapitalismus nur für eine kleine "Elite", die über genügend finanzielle Mittel verfügt – alle übrigen sind so selbstbestimmt und frei wie meine Tastatur, die nur das ausgibt, was ich ihr vorgebe.

Die völlige Systemimmanenz, die aus diesen Beispielen spricht, illustriert vortrefflich die Verkommenheit und abgrundtiefe Dummheit der Menschen und ihrer Systemmedien, die nicht mehr über den kapitalistischen Rand der stinkenden Jauchegrube, in der sie sich befinden und um ihr kleines Leben kämpfen, hinausblicken können – oder wollen.

Wenn man sich vor Augen hält, dass all die vorgenannten mehr oder weniger jungen Menschen am Sonntag wählen durften, wird das katastrophale, rechtsradikale Ergebnis dieser Wahl etwas besser verstehbar.

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Parlamentarismus


"Die Stimme seines Herrn."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 37 vom 13.12.1922)