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Montag, 13. Februar 2017

Obdachlosigkeit im kapitalistischen Paradies: Medienpropaganda


Es ist inzwischen kein Geheimnis mehr, dass in Deutschland die Obdachlosigkeit massiv zugenommen hat und dass diese unheilvolle Tendenz ungebremst andauert. Gelegentlich wird sogar in der Propagandapresse – auf Seite 17 in der Rubrik "Panorama" – darüber berichtet; dies allerdings oft in einer Weise, die mit dem Begriff "perfide" nur unzulänglich bezeichnet ist. Kürzlich war bei n-tv wieder einmal ein solches Beispiel zu finden. Unter der reißerischen Überschrift "Berlin wird Hauptstadt der Obdachlosen" war dort in ebenjener Boulevard-Rubrik zu lesen:

Die Zahl der Menschen ohne Wohnung erreicht in der Millionenmetropole Rekorde. Das Problem ist inzwischen überall sichtbar. Dahinter stecken dramatisch steigende Mieten, Wohnungsmangel und Einwanderung.

Der Text ist es nicht wert gelesen zu werden; zum Verständnis dieses Kommentars ist die Lektüre aber dennoch sinnvoll. Dort finden sich nämlich sämtliche Propagandamerkmale, die in Kapitalistan zu beachten sind, wenn ein so unschönes Thema, das am dünnen Glitzerlack der kapitalistischen Wohlfühl- und "Uns geht es so gut wie nie"-PR kratzen könnte, unbedingt medial behandelt werden muss. Ich zähle einige auf (und erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit):

  1. Es gibt keine belastbaren Zahlen zur Anzahl der Obdachlosen, sondern lediglich ominöse Schätzungen. Diese fallen entsprechend moderat aus.
  2. Obdachlose seien unsäglich faul – sie liegen "Tag und Nacht" einfach tatenlos herum, anstatt ihr "Glück zu schmieden".
  3. Der Staat sowie "private Stellen" kümmerten sich bereits – das Problem sei also gar nicht so schlimm.
  4. Obdachlose seien selbst schuld, wenn ihnen nicht geholfen wird – im Zweifel sind "viele" gleich "psychisch krank".
  5. Insbesondere "Osteuropäer" und "Flüchtlinge" seien schuld an der Misere – Deutsche tauchen in diesem perversen Argumentationsstrang gar nicht auf. In diesem Zusammenhang werden auch logische Brüche unverblümt zur Schau gestellt, wie etwa: "Sie kamen fast alle in die Bundesrepublik mit der Hoffnung auf Arbeit, mussten aber feststellen, nicht im Schlaraffenland gelandet zu sein. Wenn sie nie in Deutschland gearbeitet haben, besitzen sie keinerlei Ansprüche auf soziale Unterstützung (...). Etliche wollen dennoch nicht nach Hause, da das umfassende Hilfsangebot in der Bundeshauptstadt weit besser ist als in ihren Heimatländern." – Das Hilfsangebot ist so umfassend und gut, dass sie eben nun obdachlos sind.
  6. Das "Schlaraffenland" gilt in der medialen Lügenerzählung merkwürdigerweise dennoch weiterhin – allerdings nur für Deutsche. Für "Ausländer" ist es trotz der "umfassenden Hilfsangebote" ein Märchen.
  7. Schuld seien auch die "massiv gestiegenen Mieten" – wobei geflissentlich vermieden wird, die Ursachen dafür zu benennen. Auch die sinkenden, bestenfalls stagnierenden Löhne in Deutschland finden hier keine Erwähnung, ebenso wie die politisch inszenierten Gründe (u.a. "Agenda 2010") dafür. Mieten steigen eben, Löhne nicht – das ist in Kapitalistan ein Naturgesetz, das nicht in Frage gestellt werden darf.
  8. Es gebe einen "Wohnungsmangel". Unerwähnt bleiben dabei regelmäßig die Themen der Gentrifizierung und des (unterlassenen bzw. gar abgewickelten) sozialen Wohnungsbaus. Der "Wohnungsmangel" ist demnach vom Himmel gefallen oder bestenfalls "dem Markt" geschuldet – man kann also nichts dagegen tun. Leerstehende Häuser und Wohnungen, die es in Deutschland zuhauf gibt, finden hier ebenfalls keine sinnvolle Erwähnung. Wieso sollte man Obdachlosen auch in "unattraktiven" Städten eine Wohnung anbieten, wenn sie in Berlin, Köln oder Frankfurt doch im U-Bahn-Schacht hausen können?
  9. Ein wesentlicher Punkt wird regelmäßig nicht einmal am Rande erwähnt: Nämlich der unsägliche Hartz-Terror, durch den deutschlandweit Millionen von Menschen tagtäglich, ohne Unterbrechung, von Obdachlosigkeit bedroht sind – und niemand weiß, wieviele inzwischen tatsächlich ihr Dach über dem Kopf verloren haben, weil fleißige Menschenfeinde in den "Jobcentern" ihre sadistischen Vorlieben ausleben, indem sie "Sanktionen" verhängen und Menschen das "Existenzminimum" verweigern. Dazu gehören junge Menschen und Kinder ebenso wie Ältere, Kranke, Behinderte und Rentner. – Steinmeier findet das toll.

Diese Propaganda, die sich aus einem fiesen Mix aus Menschenfeindlichkeit, Rassismus, Unterschlagung und bizarrer Zurechtbiegung von Fakten zusammensetzt, beherrscht die Berichterstattung zu diesem Thema. Denn wir wissen ja: Es ging "uns" nie so gut wie heute – und wem es vielleicht doch nicht so gut geht, der ist eben selber schuld.

Es ist ein Skandal sondergleichen, dass es in diesem Land überhaupt einen einzigen Menschen gibt, der unfreiwillig obdachlos ist. Und der kapitalistische Staat forciert das, anstatt es rigoros zu unterbinden.

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Diesen kleinen Text widme ich der sehr netten, obdachlosen Person, mit der ich kürzlich vor den Pforten des Billig-Supermarktes, in dem ich meinen kärglichen Lebensmitteleinkauf tätigen wollte, ein längeres Gespräch führte. Es tut mir heute noch leid, dass ich nicht mehr als ein paar Zigaretten, ein paar Euro und meine Flaschenpfandbons abgegeben habe. Ich hätte mehr geben können – war aber viel zu ängstlich, weil erst Monatsanfang war.

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Garantierte Grundrechte


"Jeder hat Anspruch auf eine angemessene Wohnung!"

(Zeichnung von Otto Nückel [1888-1955], in: "Der Simpl", Nr. 10 vom Juni 1947)

Samstag, 4. Februar 2017

Integrations- und Arbeitsparadies Deutschland


Ein Bericht aus französischer Sicht von Tina B.

Heimatliche Gefühle

Ich habe Deutschland zwei Jahre nach der Wiedervereinigung – meine Tochter war noch nicht geboren – verlassen. Über viele Jahre und mit viel bürokratischem Aufwand (Aufenthaltsrecht, Arbeitsgenehmigungen etc.) habe ich mir eine selbstständige Existenz in Frankreich aufgebaut. Meine Tochter ist hier aufgewachsen, hat die Schule bis zum Gymnasium durchlaufen und kannte Deutschland nur aus den Besuchen von Freunden und Verwandten. Diese hat sie in schöner Erinnerung behalten und nach dem Abitur war es ein großer Wunsch von ihr, in Deutschland zu studieren.

Da ich meine Tochter nicht unbegleitet lassen wollte, habe ich meine selbstständige Arbeit ruhen lassen, um meiner Tochter den Einstieg in das Land ihrer Eltern zu erleichtern. Ich hatte mich bereits auf Stellen beworben und eine Zusage für eine Beschäftigung als Integrationslehrerin  in der Tasche, so dass  wir finanziell eigentlich nichts zu befürchten hatten. Allerdings hatte ich trotz zwölfjähriger Erfahrung in der Erwachsenenbildung nur eine eingeschränkte Zulassung vom Bundesamt für Flüchtlinge (BAMF) erhalten. Das bedeutete, dass ich für 700 Euro Kurskosten eine 70stündige Weiterbildung hätte ableisten müssen, die natürlich weiter entfernt angeboten wird, während ich alle Aufwendungen dafür (Hotel, Anfahrt etc.) selber hätte tragen müssen – es sei denn, ich hätte mich verpflichtet, für ein ganzes Jahr Integrationskurse zu geben – dafür hätte es dann Zuschüsse gegeben.

Andere müssen für 1.400 Euro eine verlängerte Weiterbildung absolvieren – da war ich schon etwas besser gestellt.

Also trotz allem: Koffer gepackt und zurück mit guten Gefühlen nach Deutschland, wo uns Freunde zunächst einmal Gastrecht gewährt haben. Was wir dann erlebt haben, hat sich allerdings eher als Albtraum herausgestellt denn als Perspektive.

Die erste große Überraschung war nicht unbedingt mein Arbeitsvertrag als Scheinselbstständige – ohne finanzielle Absicherung im Falle von Krankheit, Urlaub, von Feiertagen oder bei Ferien sowie die aus eigener Tasche zu bezahlende Sozial- und Krankenversicherung – sondern der immense Arbeitsumfang, den ich täglich abzuliefern hatte, um auf ein Einkommen zu kommen, das uns erlauben würde, nicht nur zu überleben, sondern davon auch halbwegs gut zu leben. Was die Arbeitsstunden betraf, so wurden diese weitgehend eingehalten, nur in der Vergütung gab es erhebliche Unterschiede. Das bedeutete für mich Arbeitstage, die um 8:00 Uhr begannen und häufig erst um 20:00 Uhr endeten.

Während die Integrationskurse einigermaßen korrekt bezahlt wurden, war eine 35-Stunden-Woche dennoch nicht ausreichend, um davon seinen Lebensunterhalt zu sichern, denn andere Kurse – wie beispielsweise Einzelunterricht für Firmen, B2-Kurse etc. – wurden mit lediglich 16 Euro vergütet. Die notwendige Unterrichtsvorbereitung ist in den 35 Stunden nicht enthalten und wird auch nicht anderweitig bezahlt. Trotzdem erhielt ich permanent Angebote für viele verschiedene Kurse, kurzfristig angesetzt, die ich von einem auf den anderen Tag und auch an unterschiedlichen Veranstaltungsorten wahrnehmen sollte.

Nachdem der erste Schock überwunden war, haben wir uns auf die Wohnungssuche begeben, denn wir konnten ja nicht ewig bei unseren Freunden bleiben. Also hieß es: jeden Tag die Zeitungsanzeigen anschauen und im Internet suchen!

Die Wohnungssuche

Der Besuch beim Immobilienmakler hinterließ folgende Bilanz: Horrende Mietpreise für drittklassige Unterkünfte; Nichtraucher erwünscht; ohne Kinder; mit gesichertem Einkommen; wenn möglich Wochenendheimfahrer – und natürlich ohne Haustier. Schufa-Auskunft inklusive. Beim Makler sollten wir eine schöne Bewerbungsmappe vorlegen – aber der Hund ...: "Können Sie den nicht woanders lassen???"

Nur nicht den Mut verlieren! Ich stoße auf eine Anzeige bei Ebay: "Zwischenmieter gesucht, Zweizimmerwohnung – Hund kein Hindernis!" – Sofort reagiert, und siehe da, wir dürfen die Wohnung besichtigen.

Bereits beim Betreten des Treppenhauses umgibt mich ein mulmiges Gefühl – es mieft und stinkt. Die Wohnung ist möbliert, aber die Einrichtung ist selbst für den Flohmarkt nicht mehr geeignet. Trotzdem haben wir keine andere Wahl: Der Mietpreis ist horrend und die Vermieterin, die mich fatal an ein "Nazi-Girl" erinnert, äußerst unsympathisch. Am nächsten Tag unterschreibe ich den Mietvertrag – drei Monate Kündigungsfrist.

Ich fühle mich, als hätte ich mein (Todes-)Urteil unterschrieben. Mittlerweile hatte ich fast täglich acht Stunden zu unterrichten – morgens fünf Stunden und nachmittags von siebzehn bis zwanzig Uhr. Die Teilnehmer der Kurse waren glücklich, denn bei anderen Lehrern ging es ihnen immer zu schnell – der Lehrplan musste ja eingehalten werden. Ob die Leute etwas verstehen oder nicht, ist schließlich egal ...

Was man in Deutschland unter Integration versteht

Wie gründe ich meine eigene Existenz, wie fülle ich Formulare für Ämter aus, wie trenne ich meinen Müll, was ist Heimat, was ist das Oktoberfest und was gibt es über andere deutsche Bräuche zu lernen – all das ist aus Behördensicht ungemein wichtig für die Integration von Ausländern in Deutschland. Es verlangt schon einiges pädagogisches Talent und Geschick, damit nicht sehr schnell eine allgemeine Ermüdung eintritt.

Die Teilnehmer der Kurse sind oftmals noch hoffnungsfroh und voller Dankbarkeit der Frau Merkel gegenüber, die sie "vor ihrem Elend gerettet" hat, aber auch schon häufig resigniert. Manche von ihnen leben in Lagern, andere bereits in eigenen Wohnungen.

Beim Arbeits- oder Sozialamt sind sie dann alle gleich und werden nur noch als Kundennummer geführt. Für die so genannten Bildungsträger gibt's nur dann Geld, wenn die Anwesenheit der Teilnehmer gesichert, also dokumentiert ist. Deshalb wird mit pedantischer Sorgfalt die Anwesenheit kontrolliert und es werden Entschuldigungen bei Abwesenheit verlangt (Krankmeldungen etc.).

Teilweise müssen die Kosten für diese Integrationskurse von den Teilnehmern selbst aufgebracht werden, denn was unter Integration allgemein verstanden wird, das beschränkt sich weitgehend auf Flüchtlinge. Integriert werden müssen in Deutschland aber nicht nur Flüchtlinge, sondern z.B. auch eine italienische Krankenschwester, die zunächst mal 600 Euro für die Anerkennung ihrer Krankenschwesterausbildung in Italien hinlegen muss, und zusätzlich, obwohl sie zwar sehr gut deutsch spricht, aber darüber noch keine offizielle Bescheinigung vorweisen kann, einen Kurs belegen muss, der sie noch einmal schlappe 1.500 Euro kostet, während sie vom Arbeitsamt in der Zwischenzeit nur als Praktikantin eingestuft wird.

Was für eine gute Lernatmosphäre nötig wäre, wird konsequent vernachlässigt und einzig der ökonomischen Devise geopfert: Es gilt, mit möglichst geringem Aufwand einen möglichst hohen Ertrag zu erzielen: Zwei Damen- und zwei Herrentoiletten für 60 Schüler samt Lehrpersonal und Angestellte; die Unterrichtsräume so eng bemessen, die Tische so eng gestellt, dass ich mir bei den Ausflügen zu den hinteren Tischen stets blaue Flecken geholt habe.

Die Wohnung

Zunächst waren wir sehr glücklich, unsere "eigenen" vier Wände zu haben – doch dann mussten wir sehr schnell feststellen, dass bei minus 10° C Außentemperatur nachts weder die Heizung im Badezimmer, noch die in der Küche funktionierte – im Wohnzimmer machte die Heizung einen Höllenlärm und wurde nur mäßig warm. Die Waschmaschine lief lediglich auf zwei Programmen und musste manuell weitergestellt werden.

Der Wäscheständer war schief und bereits mit Isolierband "repariert worden". Nach einer Woche musste ich in der Küche feststellen, dass sich an der gesamten Wand, die nach außen geht, ein widerlicher grün-schwarzer Schimmel bildete. Als wir das der Vermieterin mitteilten, machte sie uns dafür verantwortlich. Dann die böse Überraschung – mitten in der Nacht ein furchtbarer Lärm: der Küchenschrank war zur Hälfte zusammengebrochen. Ab dem Moment hatten wir richtig Panik, etwas anzufassen.

Krankheit

Ich weiß nicht, ob ich es dem Schimmel zu verdanken hatte oder einfach der Tatsache, dass ich ziemlich überarbeitet war – jedenfalls wurde ich ziemlich heftig krank. Fieber, Kopfschmerzen, Halsschmerzen, vereiterte Mandeln. Um keinen Verdienstausfall zu haben, bin ich weiterhin zur Arbeit gegangen mit dem Resultat, dass ich über mehrere Tage fast keine Stimme mehr hatte. Piepsiger Anruf beim Arbeitgeber, dass ich nicht unterrichten kann – mit der Antwort, ob ich das nicht früher hätte sagen können, ich wüsste doch, wie schwer Ersatz zu finden ist. Da kein Ersatz gefunden wurde, fielen die Kurse dann aus – selbstverständlich aber nicht die Integrationskurse, mit denen Geld zu verdienen ist.

Die Flucht

Da ich eigentlich nur Geld übrig hatte, um einigermaßen gut essen zu können – unser einziger Luxus –, beschloss ich, dem Ganzen ein Ende zu setzen. Zum Glück konnte ich vorzeitig die wunderbare Wohnung kündigen. Die Wohnungsübergabe ist mir noch immer in traumatischer Erinnerung. Die Vermieterin kam, durchschritt die 58-qm-Wohnung mehrere Male, so dass man die Erschütterung ihrer Schritte geradezu bis in Mark und Bein verspürte. Bei minus 5° C riss sie alle Fenster auf – wir saßen wie zwei Schwerverbrecher auf dem verdreckten Sofa und nun wurden alle Schränke geöffnet, der Lattenrost des Bettes inspiziert, unter das Bett geschaut, die Waschmaschine in Gang gesetzt – nichts entging ihren Argusaugen. Am Wohnzimmerfenster entdeckte sie etwas Schimmel und an den Fenstern Feuchtigkeit – merkwürdig, dass sie alle "Stellen" bereits kannte.

Alle Mängel an Inventar und Wohnung lastete sie uns an und weigerte sich deshalb, die geleistete Kaution zurückzahlen. Das Ganze eskalierte und wir wussten keinen anderen Ausweg, als unseren Freund anzurufen, damit er uns hilft. Dieser drohte ihr dann mit einer Anzeige, da er den Eindruck hatte, sie wolle sich an uns bereichern.

Nach langem Hin und Her bekamen wir endlich unsere Kaution – bis auf 20 Euro, die sie unbedingt behalten wollte für die "Reparatur" des Küchenschrankes. Es folgte noch eine Nacht bei unseren Freunden und am nächsten Tag ging es endlich zurück nach Frankreich.

Meine Tochter hat nun doch Abstand von der Idee genommen, in Deutschland studieren zu wollen, wobei ich in diesen Bericht nichts von den Erfahrungen meiner Tochter habe einfließen lassen.

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Dieser Text wurde dem "Narrenschiff" freundlicherweise von Troptard zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!

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Symphonie in Müll



(Zeichnung von Otto Nückel [1888-1955], in: "Der Simpl", Nr. 8 vom Juni 1947)

Samstag, 12. November 2016

Soziopathische Partei Deutschlands


Ach ja, die SPD. Eigentlich mag ich gar nicht mehr über diese widerliche Partei schreiben, die nachhaltig im Enddarm des Kapitals verschwunden ist und nur noch durch gelegentliche feuchte Fürze auf sich aufmerksam macht, mittels derer ihre Ergüsse in die Welt entlassen werden. Das Nahles-Monstrum macht den Kranken, Behinderten, Armutsrentnern und Erwerbslosen Feuer unterm Hintern, der Seidenklops-Gorilla Gabriel pimpt die "Industrie" mit satten "Rabatten" beim Klimaschutz, und vor einigen Tagen wurde auf tagesschau.de das neuste AfD-Konzept zum Thema Einwanderung vorgestellt, das selbstverständlich ebenfalls von der SPD stammt:

Fachkräftemangel durch demographischen Wandel: Diesem Problem will die SPD durch ein neues Einwanderungsgesetz begegnen, das qualifizierten Fachkräften aus dem Ausland einen leichteren und schnelleren Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt verschaffen soll. / Das Konzept, das die Partei in Berlin vorstellte, orientiert sich an dem kanadischen Zuwanderungsmodell. Es schlägt vor, dass Fachkräfte, die ein Jobangebot aus Deutschland haben, sich bei einem noch zu errichtenden Internetportal registrieren lassen. Dort werden unterschiedliche Kriterien abgefragt und mit Punkten bewertet: berufliche Qualifikation, Sprachkenntnisse, Jobangebot und ähnliches.

Wie gewohnt wird hier das lächerliche Märchen vom "Fachkräftemangel" aufgrund des "demographischen Wandels" bemüht, um einen widerwärtigen, rassistischen Plan in die Tat umzusetzen, in dem Menschen nach ihrer industriellen "Verwertbarkeit" in verschiedene "Klassen" eingeteilt werden. Mit anderen Worten: Wer sich willig für einen Appel und ein Ei ausbeuten lassen möchte, ist laut diesem geplanten Gesetz vielleicht willkommen in Deutschland, alle anderen können der SPD mal gepflegt den Buckel herunterrutschen und sollen bleiben, wo der Pfeffer wächst. Das ist ehrliche, gelebte Sozialdemokratie in Deutschland 2016.

Selbstverständlich ist der rechtsradikalen CSU dieses Konzept nicht menschenfeindlich genug: "Denn der Koalitionspartner CSU hat soeben ein Grundsatzprogramm verabschiedet, das deutlich schärfere Kriterien bei der Zuwanderung vorsieht. / So will die CSU auch 'die Nähe zum Kulturkreis' berücksichtigen." - Ich bin aber sicher, dass die Partner in der Großen Kotzkoalition zu einer Einigung kommen werden - irgendwie werden sie es auch weiterhin schaffen, das stetig wachsende Heer der "Freigesetzten" mit weiterer Konkurrenz zu versorgen. Dass es auch in dieser Geschichte nicht einmal im Ansatz um das Wohlergehen der Menschen - mit und ohne deutschen Pass - geht, hat inzwischen wohl jeder halbwegs Intelligente bemerkt - vielleicht mit Ausnahme der Kuhjournalisten von tagesschau & Co.

Sie wollen Menschen mittels eines "Punktesystems" bewerten! Klassifizieren! Für die Industrie! Und so etwas verkaufen diese Widerlinge allen Ernstes als "neues Einwanderungsgesetz"?!? - Vielleicht ist das auch eine gute, neue SPD-Strategie für den behördlichen Hartz-Terror im Inland: Wer zukünftig devot und fleißig Ärsche in den Amtsstuben leckt, erhält Punkte und ein wenig mehr Geld - wer sich aber komplett weigert, wird flugs in die "Freiheit" der Obdachlosigkeit und des Verhungerns entlassen.

Dieser endlose Albtraum ist nicht mehr auszuhalten.

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Update 12.11.16: Nach einem Hinweis des Altautonomen ist zu ergänzen: Am vergangenen Mittwoch, als Medien und Öffentlichkeit wie irre Lemminge in Richtung Washington starrten, hat die korrupte Bande in Berlin Nägel mit Köpfen gemacht. In der Süddeutschen war zu lesen:

Die Abgeordneten des Bundestages haben sich am Mittwoch nach intensiver Debatte dafür ausgesprochen, dass Demenzkranke und andere, die nicht mehr einwilligungsfähig sind, in Zukunft auch dann an Arzneimitteltests teilnehmen können, wenn die Studienteilnahme ihnen selbst keinen Nutzen in Aussicht stellt. Dabei sollen zwei wesentliche Voraussetzungen erfüllt sein: Zum einen muss die betroffene Person ihren Willen einer Studienteilnahme noch in geistig gesundem Zustand abgegeben haben und zudem von einem Arzt zwingend über die möglichen Risiken aufgeklärt worden sein. Die Reform geht auf die Initiative von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) zurück.

Die Bande hätte sich keinen günstigeren Zeitpunkt aussuchen können: Die Kakophonie der Trump-Hysterie hat erfolgreich gewirkt und fast niemand hat diesen eklatanten Dammbruch zur Kenntnis genommen. Geplant war das indes schon länger - allerdings ist auch dies im allgemeinen präfaschistischen Rauschen unserer zerbröckelnden Zeit weitgehend untergegangen.

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Der Mensch ist gut



(Aquarell von George Grosz [1893-1959] aus dem Jahr 1919, in: "Ecce Homo", Malik 1923; Verbleib des Originals unbekannt)

Montag, 9. Mai 2016

Wenn der Stumpfsinn zweimal klingelt: Die schrumpfende Mittelschicht


Die kapitalistische Mainstreampresse hat wieder einmal ein Glanzstück abgeliefert, das keine Fragen mehr offen lässt, ob es sich bei vielen Verlautbarungen aus jenen Kreisen nun um Dummheit und gnadenlose Inkompetenz oder doch eher um Vernebelung und bewusste Propaganda handelt. Am vergangenen Freitag im Jahre des Spaghettimonsters 2016 - satte elf Jahre nach der Einführung des Hartz-Terrors - verkündeten n-tv & Co. melodramatisch:

Mittelschicht schrumpft in Deutschland / Wenn man Mittelschicht sagt, schwingt in Wahlkampfzeiten schnell das Wort Abstiegsangst mit. Eine neue Studie zeigt: Deutsche und US-amerikanische Verhältnisse sind nicht mehr so weit voneinander entfernt.

Beim Barte des Propheten, dachte ich beim Lesen dieser Überschrift, haben die Enddarm-JournalistInnen nun doch endlich verstanden, wie Kapitalismus funktioniert und beginnen womöglich mit der so dringend notwendigen Aufklärung? - Okay, ich dachte das nicht wirklich, und selbstverständlich fand auch diesmal nichts dergleichen statt - dafür wirft der Autor des Beitrages mit albernen Plattitüden, Dummheiten und Nebelkerzen um sich, dass es nur so knallt und zischt. Er ist sich nicht einmal zu blöde, aus der - offenbar ebenso dämlichen Studie des "Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung" (DIW) - knallhart zu zitieren und diese Entwicklungen - ich musste arg an mich halten beim Lesen - gar "überraschend" zu nennen.

Jedem, der sich auch nur rudimentär mit den kapitalistischen Verwerfungen der Weimarer Endzeit und ihren heutigen Parallelen beschäftigt hat, ist seit langem klar, dass die Verarmung der unteren Schichten (und dazu gehört aus elitär-kapitalistischer Sicht selbstredend auch die so genannte Mittelschicht) eine logische und unausweichliche Konsequenz in diesem fatalen System sein muss. Selbst wer nur für 10 Cent kurz nachdenkt, muss angesichts der Faktenlage unweigerlich zu diesem Schluss kommen. Die abstürzende bzw. sich auflösende Mittelschicht - selbstverständlich in zunehmendem Maße insbesondere bei jungen Menschen, wie sollte das denn auch anders sein - in dieser Endphase des Kapitalismus ist ungefähr so überraschend wie unmittelbar auftretender Gehirnkrebs nach der Lektüre eines esoterischen Textes.

Aber damit nicht genug. Der "wissenschaftliche Mitarbeiter" Markus Grabka, der die in Rede stehende Studie beim DIW "begleitet" hat, plärrt laut n-tv allen Ernstes ins Mikrofon, dass die verarmten Menschen (in den USA) "verstärkt in den unteren Einkommensbereich abgewandert" seien. - Abgewandert. Sie haben also die Koffer gepackt, fröhlich "Adieu, Mittelstand!" gesagt und sind einfach verschwunden. Vollkommen freiwillig natürlich. Wahrscheinlich hatten sie keinen Bock mehr auf ein "Eigenheim", ein Auto, genug zu essen oder eine Krankenversicherung. Sie sind eben abgewandert, da kann man nichts machen.

Nach den tatsächlichen Ursachen für die selbstverständlich grassierende Verarmung auch in der Mittelschicht fragt in diesem Text niemand - das ganze liest sich wie ein Bericht aus dem göttlichen Reich des Sonnenkönigs, der nichts weiter als die alternativlosen, gottgewollten Entwicklungen beschreibt, die nun gefälligst zu ertragen seien, da es keine Gründe und damit auch keine Möglichkeiten zur Gegenwehr gibt. Ich frage mich ernsthaft, wer so etwas lesen kann, ohne sich die Haare bis zur Glatze oder gar bis auf die blutige Kopfhaut zu raufen.

Die radikale Zwangsverarmung der breiten Masse ist das erklärte, nicht einmal leicht verschleierte Konzept der neoliberalen Einheitspartei, um der grenzenlosen Profit- und Hortungsgier der selbsternannten "Elite" auch in der Endphase des kollabierenden Kapitalismus devot Rechnung zu tragen. Das war vor 90 Jahren so und findet heute in derselben Weise wieder statt.

Und morgen lesen wir in der Mainstreampresse auf Seite 13: "Unglaublich - Konzerne und Geheimdienste überwachen und kontrollieren alle Bürger! Welch ein obszöner Skandal!", während auf Seite 1 die Überschrift prangt: "Irre: So pimpt Heidi Klumpfuß ihre Brüste - mit diesen Wearables schaffen Sie das auch!"

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Der deutsche Mittelstand



(Radierung von Kurt Meyer-Eberhardt [1895-1977], in "Simplicissimus", Heft 39 vom 27.12.1922)

Mittwoch, 2. März 2016

Armut im Kapitalismus, oder: Wasser ist nass


Ach, wie überraschend: Die Armut nimmt in Deutschland, dem es laut Merkel und ähnlichen Stiefelleckern der "Elite" ja "gut" gehe, kontinuierlich zu. Potzblitz, wie kann das inmitten des "besten aller möglichen Systeme" denn bloß sein, fragt sich da der verzweifelte Michel und bekommt die Antwort ohne Umwege von ganz rechts (AfD, NPD, CDU etc.), jüngst noch verstärkt durch das braune Megaphon der SPD: Der böse Flüchtling ist es, der "uns" alles wegnimmt. Im Kindergarten kann es wahrlich nicht infantiler zugehen.

Die Propaganda wird entsprechend nicht müde, immer neue Grotesken aus dem Hut zu zaubern. So behauptete der WDR unter Bezugnahme auf den jüngsten Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes vor einigen Tagen ganz dreist: "Demnach ging bundesweit die Armutsquote im Jahr 2014 um 0,1 Prozentpunkte auf 15,5 Prozent zurück." - Wer sich den Bericht etwas genauer ansieht, erkennt sofort den Bullshit-Faktor dieser Behauptung, die nur durch statistische Tricksereien ("Wir nehmen als Bezugspunkt 2013 und blenden den Rest einfach mal aus!") zustande kommen kann. Das wissen freilich auch die gut bezahlten Autoren des WDR und ergänzen hilflos:

Seit 2006 nimmt die Armut [in NRW] stetig zu - von 13,9 Prozent auf jetzt 17,5 Prozent. Ein Anstieg von 26 Prozent, den es so in keinem anderen Bundesland gegeben hat. Zum Vergleich: Bundesweit stieg die Quote um zehn Prozent.

Selbstverständlich ist auch das statistischer Schwachsinn, der aber immerhin der Realität etwas näher kommt. Nicht einmal die im Beitrag präsentierte Grafik, die ebenso zum Bullshit-Bingo gehört, belegt die anfängliche Behauptung eines bundesweiten angeblichen Rückgangs der Armut, die zynischerweise auch noch unter dem Titel "Zahl der Woche" veröffentlicht wurde:



Etwas ehrlicher - wenn auch immer noch weit von der Realität entfernt und ebenso zynisch - präsentiert sich zu diesem Thema n-tv, wo kürzlich zu lesen war:

Arm trotz guter Wirtschaftslage / Das Ruhrgebiet ist der neue Osten [sic!] / (...) Forscher und Sozialverbände stellen fest: Der Osten ist nicht mehr das Armenhaus Deutschlands und die Freude auf ein sorgloses Leben im Alter ist ein Trugbild.

Wer hier aber nach Informationen sucht, weshalb die bittere Armut zukünftig immer mehr Rentner betrifft oder welche Rolle das perverse Hartz-Zwangsverarmungssystem in diesem bösen Spiel innehat, wird selbstverständlich enttäuscht. Den deutlichen Knick nach 2005 (Einführung des Hartz-Terrors) in der obigen Grafik muss der geneigte Leser selbst interpretieren. Es gibt auch hier keine Informationen, geschweige denn Hintergrundberichte - gehen Sie bitte weiter und akzeptieren Sie das Fiasko als gottgegeben und nicht etwa von asozialen Elementen aus der Politik verursacht: "Schuld sind die Flüchtlinge, die faulen Arbeitslosen, die Kranken und die Rentner." Das wird zwar in keinem der beiden Texte so gesagt, schwingt aufgrund der fehlenden Information über die wirklichen Hintergründe aber stets mit. Wer das für einen Zufall oder ein Versehen hält, darf in Kürze gemeinsam mit meinen Kindern den Osterhasen jagen.

Wenn ein Journalist oder Politiker auch nur eine einzige Stunde seiner belanglosen Lebenszeit damit verbrächte, in einer Bibliothek einschlägige Texte zum Thema zu lesen, wüsste er oder sie sofort, wieso es in der Endphase des Kapitalismus selbstverständlich zu vermehrter, tendenziell stark zunehmender Verarmung der Massen kommen muss. Den größtenteils akademisch gebildeten Herr- und Frauschaften aus diesen illustren Kreisen darf also guten Gewissens unterstellt werden, hier ganz bewusst - und natürlich aus purem Eigeninteresse - zu verschleiern und zu lügen.

Es ist schlicht hirnzersetzend, dass es der elitären Bande im 21. Jahrhundert immer noch gelingt, irgendwelche arme Schlucker, denen es noch drei- oder gar zehnmal mieser geht als den verarmten "Volksgenossen", für den Niedergang der hiesigen "Mittelschicht" verantwortlich zu machen. Die superreichen Arschlöcher, die tatsächlich verantwortlich sind, lachen sich derweil einen Ast und freuen sich vermutlich diebisch auf den kommenden Faschismus, der ihnen erneut riesige Profite verspricht. Das "Perpetuum Mobile" der absurden Perfidie soll sich schließlich weiter drehen - auch nach dem kommenden Zusammenbruch.

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Das neue Proletariat


"Ein armer geistiger Arbeiter bittet um einen warmen Löffel."

(Zeichnung von Eduard Thöny [1866-1950], in "Simplicissimus", Heft 7 vom 12.05.1920 [Beiblatt])

Freitag, 4. September 2015

Kapitalistischer Zynismus, nächstes Level


Gestern las ich bei n-tv einen kurzen Text, der mich wieder einmal ziemlich schockiert zurückgelassen hat. Dort wird unter anderem berichtet:

Der Spitzenverband der 295 deutschen Landkreise schlägt vor, den Mindestlohn für Asylbewerber vorübergehend zu senken. Die ankommenden Menschen sollen so schneller zu Lohn und Brot gelangen.

Zum einen ist es ja so, dass Asylsuchende und sogenannte "Geduldete" in den ersten drei Monaten ihres Aufenthaltes in Dunkeldeutschland ohnehin keine Ausbildung beginnen bzw. nicht arbeiten dürfen. Eine Ausnahme stellt hier lediglich die Schulpflicht für Kinder dar - wobei auch diese bereits in gewohnt asozialer Weise in Frage gestellt wird. Auch staatlich "anerkannte" Flüchtlinge müssen zunächst eine behördliche "Arbeitserlaubnis" beantragen, bevor sie sich um einen Job oder einen Ausbildungsplatz bemühen dürfen - dabei gilt für "Arbeitgeber" allerdings, dass "bevorrechtigte Arbeitnehmer" (also Deutsche und EU-Bürger) stets zu bevorzugen sind. Für Menschen, deren Asylverfahren sich in die Länge zieht oder die in diesem Land nur "geduldet" sind, endet das staatlich verordnete Arbeitsverbot erst nach ganzen 15 Monaten - erst dann dürfen auch diese Menschen eine "Arbeitserlaubnis" beantragen.

Dies als generelle Info vorweg, da sie im n-tv-Artikel vollständig fehlt. Im Text ist zunächst nur von "Asylbewerbern" die Rede, also von Menschen, die einen Asylantrag gestellt haben, über den noch nicht entschieden wurde. Später wird als Synonym plötzlich das Wort "Flüchtling" benutzt, das ja weitaus umfassender als der Begriff "Asylbewerber" ist. Ob das schlicht journalistische und/oder politische Schluderei ist oder ob hier ganz bewusst Konfusion erzeugt bzw. verstärkt werden soll, vermag ich nicht zu entscheiden.

Im Kern zielt auch dieser Vorstoß klar erkennbar darauf ab, das allgemeine Lohnniveau weiter massiv zu drücken und den ohnehin lächerlichen und längst nicht "flächendeckend" gültigen Mindestlohn noch weiter ad absurdum zu führen. Es geht hier natürlich nicht darum, einen "guten Beitrag zur Integration" von Flüchtlingen zu leisten, sondern um möglichst billige Arbeitssklaven, die sich zum Zwecke der Profitmaximierung der Unternehmen willig und umfassend ausbeuten lassen.

Das Geheul des DGB und der SPD, das im Text zitiert wird, ist indes genauso infam und verlogen wie der Vorschlag selbst - schließlich gibt es längst "Arbeitnehmer zweiter und sogar dritter Klasse", für die der Mindestlohn nicht gilt und die ständig von (teils sogar völlig entgeltlos zu leistender) Zwangsarbeit bedroht sind, nämlich die Millionen Opfer des staatlichen Hartz-Terrors, für den DGB und insbesondere SPD und Grüne hauptverantwortlich sind. Wenn DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell nun also in die Pressemikrofone plärrt, einzelne Beschäftigungsgruppen vom Mindestlohn auszunehmen und das als Beitrag zur Integration zu bezeichnen sei "reiner Zynismus", ist die zynische Kafkaeske komplett und ich kann nur noch irre schreiend und wild die Haare raufend davonrennen.

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Das letzte Bad



(Lithografie von Honoré Daumier [1808-1879], aus der Serie "Sentiments et passions", in: "Le Charivari", 1840)

Montag, 1. Juni 2015

Männer, Sex und Kapitalismus: Vom Irrsinn der "Erotikchats"


Es gab einmal eine Zeit, in der meine finanzielle Situation als "selbstständig" tätiger Musiker und Journalist äußerst prekär war. "Selbstständig" war indes auch damals schon lediglich meine andauernde Geldnot, während die "Arbeitgeber", für die ich umfangreich tätig war, stets recht gut verdient haben. Aber das soll heute nicht mein Thema sein.

Ich möchte stattdessen aus einem anderen zwielichtigen Bereich der kapitalistischen Wirtschaft berichten, in dem es ebenso betrügerisch zugeht wie im gesamten Rest dieser profitorientierten Farce - nämlich aus der Blase der sogenannten Erotikchats.

Ich bin seinerzeit über diverse Umwege zu diesem "Job" gekommen, den ich aus reiner Geldnot einige Jahre innehatte und der sich wie folgt beschreiben lässt: Auf einer vorgeblich als "Erotikchat" ausgewiesenen Website ist man als Operator dafür da, eine Vielzahl von "sexwilligen Damen" für die sich vereinzelt einfindenden Herren zu spielen. Für die Erstellung der "Profile" jener fiktiven Damen einschließlich geklauter Fotos ist der jeweilige Operator zuständig (es handelt sich dabei um bis zu 1.000 und mehr Scheinprofile), und je nach Tageszeit werden entsprechend viele (tagsüber) oder auch wenige (nachts) davon "eingeloggt", um den Anschein eines echten Chats - so absurd das Außenstehenden auch erscheinen mag - zu erwecken.

Da kann der zahlungswillige Heinz_58 mal locker mit der natürlich sehr willigen Sina_19 in Kontakt treten und auch die extremsten, absurdesten Sexfantasien zunächst virtuell ausleben - stets aber mit dem Hintergedanken, dass es sich bei jenen Damen um reale Personen handelt, die letzten Endes ebenso an einem realen Treffen interessiert sind wie der zahlende Chatter. Die Preise für einen solchen Fakechat bewegen sich dabei in sehr gehobenen Sphären - hier nur ein Beispiel:

15 EUR für 30 Chatminuten
30 EUR für 60 Chatminuten
42 EUR für 100 Chatminuten
100 EUR für 250 Chatminuten
187 EUR für 500 Chatminuten
315 EUR für 1.000 Chatminuten
570 EUR für 2.000 Chatminuten
822 EUR für 3.500 Chatminuten
950 EUR für 5.000 Chatminuten
1.450 EUR für 10.000 Chatminuten


Es versteht sich von selbst, dass der jeweilige Operator, der den sexhungrigen Herren diese absurden Unsummen durch seine Arbeit abschwätzt, lediglich mit einem lächerlichen Almosen im Cent-Bereich "entlohnt" wird: Für eine Vollzeit-Tätigkeit (also ca. 40 Stunden pro Woche) erhält man, je nach Kundenandrang, zwischen 100 und 300 Euro monatlich. Diese Entlohnung erfolgt natürlich "schwarz", denn angestellt wird in diesen "Chats" niemand. Stattdessen existiert dort eine perverse Hierarchie von Scheinselbstständigkeiten: Den "erfolgreicheren" älteren Hasen und Häsinnen wird die Verantwortung für einen oder mehrere "Chats" anvertraut; diese wiederum beschäftigen mehrere Personen, die die jeweiligen "Chats" im Schichtdienst rund um die Uhr betreuen - natürlich ebenfalls als Scheinselbstständige. Am Ende eines Monats erhält der prekär Augebeutete eine Mail vom Betreiber, in der detailliert ausformuliert ist, wie die "Rechnung", die er für seine Tätigkeit an den Betreiber zu schreiben hat, auszusehen hat, um an seine paar albernen Kröten zu kommen.

Es gibt von ein und demselben Betreiber nicht nur drei oder vier, sondern hunderte dieser Fakechats, die sich zunehmend auf bestimmte, immer extremere sexuelle Vorlieben konzentrieren, und ein Operator betreut dabei mehrere dieser Fakeplattformen gleichzeitig - zu meiner Zeit waren das immerhin fünf "Chats", inklusive der jeweils zu erstellenden Damenprofile, zur selben Zeit.

Dabei werben diese Fakechats mit lächerlichen Slogans wie "Kontakt-Chat No. 1", "Anonymes Kennenlernen ohne Hemmungen", "Single-Treff und Kontaktbörse für den besonderen Anspruch", "Mehr als Chatten" und ähnlichem Bullshit. Ein wesentliches Merkmal dieser widerlichen Abzocke ist es eben, den zahlenden Herren möglichst authentisch vorzugaukeln, dass die Damen, mit denen sie im jeweiligen Chat in Kontakt treten, nicht nur an "dirty talk", sondern eben auch an realen Treffen zum Ausleben eben jener Absonderlichkeiten interessiert sind. Das ist glatter Betrug in mehrfacher Hinsicht, nicht nur am Kunden, sondern auch am Mitarbeiter - Kapitalismus wie er leibt und lebt, eben.

Allerdings möchte ich den Skandal doch ein wenig eindämmen, denn wenn Gestalten wie Heinz_58 tatsächlich glauben, dass eine blutjunge Frau wie Sina_19 ein wie auch immer geartetes Interesse daran hat, sich mit dem alten Sack zu treffen, um wild mit ihm zu poppen, ihn anzupinkeln, ihn in Windeln zu wickeln oder ihm eine Gurke oder etwas noch Größeres in den Arsch zu rammen (was nicht ausnahmsweise, sondern regelmäßig der Fall war), dann hat der Realitätsverlust absurde Dimensionen angenommen, die nicht mehr in Worten fassbar sind. Ich könnte hier ganze Romane aus dem Nähkästchen der sexuellen Fantasien der älteren Generation dieses Landes ausplaudern ... aber ich verkneife mir das an dieser Stelle besser. Viel erschreckender fand ich während dieser widerlichen Tätigkeit, dass es mindestens ebenso viele jüngere bis sehr junge Männer gibt, die ganz ähnlichen Fantasien nachhängen bzw. diese kopieren (was erst einmal nicht weiter verwerflich ist) und bereit sind, für den "Verfügbarkeitschat" ordentlich Kohle abzudrücken, in dem es nach der Bezahlung für jede auch noch so absurde Fantasie sofort die passende "Dame" - oder manchmal auch den passenden Herrn - gibt. Der Kapitalismus hat sich längst in die tiefste Psyche der Menschen gegraben und sie nachhaltig vergiftet - und es dürfte so gut wie unmöglich sein, ihn dort wieder herauszubekommen.

Es bleibt eine Randnotiz, dass der Großteil der Männer - unabhängig vom Alter -, die in diesen Chats nach zunächst virtuellen, dann aber bitte auch realen Kontakten suchen, verheiratet oder sonstwie in einer Partnerschaft gebunden sind. Ein nicht unübliches Beispiel war hier der alte, verbeamtete Sack (50), der seine Gattin extra in den Wellness-Urlaub ins tiefste Bayern geschickt hat, um zuhause freie Bahn für seine 18jährige "Chatbekanntschaft" zu haben. Allein für die wiederholte Verabredung zu diesem "Termin", der natürlich nie zustande kam, hat er innerhalb einiger Monate mehrmals knapp 1.000 Euro Chatgebühren verbraten (von denen sein virtuelles, sich prostituierendes - und keineswegs 18jähriges - Gegenüber, wie gesagt, nur einige herabrieselnde Brotkrumen-Cents erhalten hat).

Nun höre ich schon die empörten Stimmen, die sich echauffieren: Wie kann man denn naive, sexhungrige Menschen bloß derartig abzocken? Das ist doch skandalös! - Denen entgegne ich einfach: Stimmt - aber ihr alle, die ihr im kapitalistischen System arbeiten müsst, tut doch nichts anderes - und je näher eure Tätigkeit dem Vertrieb ist, desto näher seid ihr höchstpersönlich exakt demselben perversen Betrug. It's simply capitalism - face it.

Dennoch ist mir dieses finstere Kapitel meiner Geschichte heute sehr peinlich - obwohl es mich seinerzeit vor der drohenden Obdachlosigkeit gerade noch bewahrt hat. Heute könnte ich das nicht mehr tun, und das nicht nur wegen der vielen Kontakte zu den Irren und Perversen dieses Landes und den damit verbundenen widerlichen Dialogen: Sogar ein Mensch in akuter Geldnot kann zuweilen das Richtige lernen. Und trotzdem bleiben schnöde Habgier und purer Egoismus weiterhin die zentralen, allseits geförderten und zur religiösen Monstranz aufgeblähten Elemente dieser kapitalistisch konditionierten und damit unweigerlich dem Untergang geweihten Menschheit.

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Entgötterte Welt


"Amor ist tot. Es lebe das Schwein!"

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 1 vom 01.04.1921)

Freitag, 20. Februar 2015

Zunehmende Armut: Und ewig grüßt der Zynismus


Es ist bereits zu einem jährlich wiederkehrenden Ritual geworden, dass die zunehmende Verarmung immer breiterer Bevölkerungsteile in Deutschland vom "Paritätischen Gesamtverband" medienwirksam aufbereitet in die Gazetten und damit unters Volk gebracht wird. So konnte man auch gestern beispielhaft bei n-tv wieder einmal lesen:

12,5 Millionen Deutsche sind arm / Der Paritätische Gesamtverband äußert sich besorgt. Es gebe einen "armutspolitischen Erdrutsch", noch nie sei die Kluft zwischen armen und reichen Ländern so groß gewesen. Dabei macht der Verband gleich mehrere Risikogruppen aus.

Dieser Bericht ist gleich in mehrfacher Hinsicht eine ebensolche Farce wie das zugrundeliegende Thema selbst. Einerseits wird durch die genannte Zahl von 12,5 Millionen Menschen suggeriert, es gebe bundesweit tatsächlich belastbare Zahlen, anhand derer ermittelt werden könne, wieviele Menschen in diesem Land tatsächlich arm sind. Die gibt es schlechterdings nicht - da fallen all jene ebenso durchs Raster, die eigentlich Anspruch auf staatliche Leistungen hätten, ohne diese in Anspruch zu nehmen, wie auch diejenigen, die nur über ein geringes Einkommen verfügen, das minimal oberhalb der willkürlich festgelegten "Armutsgrenze" liegt. Obdachlose bleiben ebenfalls unberücksichtigt, genau wie beispielsweise Studierende, die sich mühsam von einem prekären Semesterjob zum nächsten hangeln, oder auch allein und prekär arbeitende "Selbstständige". Meines Wissens - aber da kann ich mich irren - sind auch sämtliche in Deutschland lebende Flüchtlinge, denen bekanntermaßen noch weniger Geld als Erwerbslosen zugestanden wird, in dieser ominösen Zahl nicht enthalten.

Wie man angesichts dieser Datenlage in Verbindung mit einer absurden "absoluten Armutsgrenze" auf eine solche Zahl kommen und diese auch noch in Relation zu den Zahlen vergangener Jahre bringen kann, bleibt ein unlösbares, geradezu groteskes Rätsel. Die tatsächliche Armut in Deutschland dürfte wesentlich größer als dort berichtet sein.

Davon abgesehen betreiben der "Paritätische" und dessen Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider, die sich gerne als "Vorkämpfer gegen die Armut" gerieren, mir aber schon lange ein böser Dorn im Auge sind, hier ohnehin blanken Zynismus. Zur Lösung dieses gigantischen, unsäglichen und weiter zunehmenden Armutsproblems fordert der Verband nämlich tatsächlich - man lese und staune:

Als Gegenmittel verlangte der Paritätische eine Anhebung des Hartz-IV-Regelsatzes von 399 auf 485 Euro, Mindestsätze auch beim Arbeitslosengeld I sowie Beschäftigungsprogramme für Langzeitarbeitslose und "einen Masterplan für alleinerziehende Frauen".

Beim Barte des Propheten: eine so radikale, geradezu revolutionäre Forderung habe ich nun schon lange nicht mehr gelesen! Da sollen den Zwangsverarmten doch glatt stolze 86 Euro mehr ausgezahlt werden, und das Monat für Monat! Man kann sich gar nicht ausmalen, in welchem schillernden Luxus diese vielen Millionen Menschen plötzlich schwelgen könnten, wenn diese kommunistische Forderung Gehör fände! Ansonsten solle aber bitte alles so bleiben, wie es ist - den Hartz-Terror an sich findet der "Paritätische" offenbar ebenso toll wie "Beschäftigungsprogramme". Die faulen Säcke sollen offenbar ruhig für ihre paar Brotkrumen malochen müssen - auch dann, wenn es sich um sinnlose Arbeit (also "Beschäftigung") oder pure, schamlose Ausbeutung handelt. Der "Paritätische" nimmt selbst ja auch sehr gern die Dienste von Ein-Euro-Sklaven in Anspruch und will auf diese hübschen, kostenlosen und zur Arbeit gezwungenen Fachkräfte sicherlich nicht mehr verzichten. Immerhin verdient der Hauptgeschäftsführer dort, der besagte Herr Dr. Schneider, gewiss recht gut.

Das ist in einem kapitalistisch pervertierten Sinne durchaus "paritätisch" - allerdings darf sich ein solcher Verein bitte nicht "Wohlfahrtsverband" nennen. Eine Bezeichnung wie "Verband zur Sicherung des kapitalistischen Ausbeutersystems" wäre passender und vor allem etwas weniger zynisch.

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Habt Erbarmen mit den Sorgen eines armen alten Mannes



(Lithographie von Théodore Géricault [1791-1824] aus dem Jahr 1821)

Mittwoch, 19. November 2014

Das neoliberale Märchen vom "Wohlstand durch Bildung"


Es ist eine der Lieblingsphrasen der neoliberalen Räuberbande und wird in kurzen Abständen von der versammelten Riege der Politmarionetten und Propagandahuren der Medien in die zerbröckelnde Welt posaunt: Das hochnotpeinliche Märchen vom "Wohlstand durch Bildung". Bildung, so werden sie nicht müde dem staunenden Publikum zu erklären, sei der "Schlüssel" und das einzig wirksame Instrument gegen die unaufhaltsam grassierende Armut. Wie absurd dieses Märchen ist, dürfte ein Großteil der Mitlesenden aus eigener Erfahrung oder anhand einiger Beispiele aus dem eigenen Umfeld bereits erkannt haben, aber die Bande trommelt dennoch munter weiter und vollzieht den mystischen Voodoo-Tanz um die "heilige Bildung" in immer groteskeren Ausformungen, während sie tatsächlich eifrig daran arbeitet, die Bildungsmöglichkeiten in diesem Land nachhaltig zu zerstören.

Zu diesem Thema habe ich kürzlich beim Freitag einen äußerst anschaulichen Text gelesen, den ich heute ausdrücklich empfehlen will, auch wenn er etwas länger ist und etwas mehr Zeit als üblich zum Lesen beansprucht:

"Drum prüfe, wer sich ewig bildet" / Bildungsaufstieg - Arbeits- und Obdachlosigkeit trotz Hochschulabschluss: Für Akademiker wie mich entlarvt sich der propagierte "Fahrstuhleffekt der Bildung" als leere Worthülse.

Die Lektüre lohnt sich sehr. Der junge Autor nimmt das kapitalistische Bildungsmärchen anhand eigener Erfahrungen unter die Lupe und demontiert es in Bezug auf junge Menschen in diesem furchtbaren System nachhaltig. Ich beneide wahrlich niemanden, der in der heutigen Zeit die Universität erfolgreich verlässt und danach gezwungen ist, sich ins kapitalistische Haifischbecken der profitmaximierenden Arbeitskraftverwertung zu werfen.

Allerdings betrifft dieses Problem nicht nur junge Menschen - es gehören zunehmend auch ältere und alte Personen mit guter oder auch sehr guter Bildung zu den "Aussortierten" und "Prekären", völlig unabhängig davon, wie lange sie zuvor als brave Arbeitssklaven den Profit der "Elite" erwirtschaftet haben. Im Rahmen meiner Mitarbeit in einem Bürgerverein, der Hartz-Terror-Opfer unterstützt, sind mir unzählige solcher Menschen begegnet, die aus einem "sicheren" bürgerlichen Leben urplötzlich in die existenzielle Not der staatlich verordneten Zwangsverarmung, Zwangsarbeit und behördlichen Willkür gerutscht sind und daran regelmäßig zerbrechen.

Anders als junge Menschen hat beispielsweise ein Fünfzigjähriger, der zuvor als Ingenieur, angestellter Lehrer oder Verwaltungsangestellter in diesem System tätig war, keinerlei Chance mehr, einen neuen, gleichwertigen Arbeitsplatz zu finden - die Perspektiven dieser Menschen beschränken sich regelmäßig darauf, sich in der staatlich verordneten Armut und dem damit einhergehenden behördlichen Terror der "Jobcenter" dauerhaft einrichten zu müssen. Was im Text, bezogen auf junge Menschen, beschrieben wird, gilt erst recht für Ältere: Es kommt in der Regel schlicht nicht vor, dass einem Fünfzigjährigen vom "Jobcenter" ein seiner Ausbildung und Erfahrung angemessener Arbeitsplatz "vermittelt" wird - die "Arbeit" der "Jobcenter" beschränkt sich (gewollt) auf Schikane, Drangsalierung, Überwachung und das statistische Verstecken der Betroffenen, indem sie fortlaufend zu lächerlichen "Maßnahmen" und "Fortbildungen" gezwungen werden. Erst vor ein paar Monaten habe ich einen ehemals in einem großen Betrieb als Systemadministrator tätigen Menschen kennen gelernt, der vom "Jobcenter" dazu genötigt werden sollte, an einem "Grundkurs Office-Anwendungen" (Dauer: drei Monate) teilzunehmen. Es war, wie immer in solchen Fällen, eine Anrufung des Sozialgerichtes notwendig, um diesen Irrsinn zu stoppen. Ein anderes Beispiel ist der ehemalige Leiter der Werbeabteilung einer großen Firma, der nach dem Konkurs des Betriebes schließlich ebenfalls beim "Jobcenter" landete, sich auf dessen Geheiß bei einer kleinen Werbeagentur als (unbezahlter) Praktikant bewerben sollte, dies wortgewaltig verweigerte und daraufhin totalsanktioniert wurde. Auch diesen Irrsinn musste ein Sozialgericht beenden. Das sind keine Einzel-, sondern Regelfälle.

Eine gute Bildung ist in diesem kranken System weder für junge, noch für ältere Menschen ein Garant für Wohlstand oder materielle Sicherheit - und die Zahl derer, die aufgrund ihrer Bildung auch heute noch einen halbwegs guten Platz im perversen Ausbeutersystem ergattern können, nimmt genauso ab wie die Qualität der Bildungsmöglichkeiten. Die Zahl der grotesken Fälle wächst dafür stetig - und all das ist kein Zufall und auch kein "Versehen", sondern eines der nicht öffentlich erklärten Ziele des neoliberalen Hartz-Terrors.

Im Kapitalismus war, ist und bleibt einzig die Ausprägung der rücksichtslosen, eigenwohlorientierten, kriminellen Energie das Maß der Dinge, das vielleicht zum perversen Wohlstand auf Kosten aller anderen führt. Bildung hat damit nichts zu tun.

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Folgen der Teuerung


"Ich kann mir keine Zeitung mehr leisten. Ich lese jeden Tag ein Kapitel aus dem Buche Hiob ... da habe ich dasselbe."

(Zeichnung von Wilhelm Schulz [1865–1952], in "Simplicissimus", Heft 5 vom 27.04.1921)

Freitag, 14. November 2014

Absurdistan live: "Sittenwidrige Löhne"


Kürzlich las ich im Lawblog die folgende knappe Meldung:

Ein Stundenlohn von 1,53 bzw. 1,64 Euro ist doch sittenwidrig. Mit dieser Entscheidung kippt das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg ein früheres Urteil des Arbeitsgerichts Cottbus. Dort hatte ein Rechtsanwalt noch Erfolg, der seinen Bürohilfen lediglich die mageren Stundensätze zahlte. / Wegen des geringen Lohnes hatte das Jobcenter das Gehalt der Arbeitskräfte aufgestockt und verlangte nun Geld von dem Arbeitgeber, einem Rechtsanwalt. Das Arbeitsgericht Cottbus hielt den Lohn noch für vertretbar, das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg nicht mehr. Deshalb muss der Rechtsanwalt nun dem Jobcenter Ersatz leisten – und künftig angemessene Löhne zahlen.

Ganz ehrlich: Ich wusste beim Lesen nicht, ob ich hysterisch lachen, irre schreien oder doch eher zu einem kräftigen Seil greifen sollte, um mich endlich aufzuhängen. Eigentlich ist das eine Meldung, wie sie üblicher Weise beim Postillon oder in der Titanic zu finden ist - das Lawblog allerdings ist über derlei satirische Ansprüche leider erhaben, so dass ich davon ausgehen muss, es hier mit einer ernsthaften Nachricht zu tun zu haben.

Die ist allerdings so grotesk, dass ich befürchte, mich lächerlich zu machen, wenn ich sie tatsächlich ernst nehme. Aber sei's drum. Wenn in einem Land, das laut dem stetig wiederholten Propagandageschrei auf allen Kanälen zu den reichsten Ländern dieses Planeten zählt und das zudem unablässig immer reicher wird, ein Arbeitsgericht entscheidet, dass Stundenlöhne in Höhe von 1,53 bzw. 1,64 Euro nicht sittenwidrig seien und es erst der nächsten Instanz bedarf, um diese Entscheidung zu revidieren, dann hat der Irrsinn in seiner vollen Pracht längst gewonnen. Diesen Richter, der das seinerzeit entschieden hat, nähme ich mir herzlich gerne einmal zur Brust und könnte ihm auf diese Weise so einiges beibringen, das unter dem Schlagwort "sittenwidrig" einzuordnen wäre.

Allerdings ist mit der Revision dieses Urteils ja ebenfalls nichts gewonnen, denn ich gehe nicht davon aus, dass das genannte Landesarbeitsgericht hier belastbare Grenzen für die Sittenwidrigkeit von Löhnen formuliert hat. Die Spanne zwischen 1,53 Euro und dem ebenso lächerlichen schwarz-roten Möchtegern-Mindestlohn von 8,50 Euro ist verdammt groß - da verbleibt genügend Spielraum für kreative, habgierige Menschenschinder und Sklavenausbeuter, um den Begriff des "angemessenen Lohnes" auch weiterhin ad absurdum zu führen.

Derweil häuft die winzig kleine "Elite" weiterhin, Tag für Tag, Millionen und Abermillionen in ihren Geldspeichern an. Was gäbe ich für eine tatsächlich gerechte Justiz, die endlich diese absurde Hortung und Konzentration von irrsinnigem Reichtum als sittenwidrig verurteilte! Darauf kann ich in diesem System allerdings warten bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag - und noch weit darüber hinaus.

Ich harre nun bloß noch des Tages, an dem irgendein Gericht in diesem verkommenen, fauligen Land die geplante Zwangsarbeit der "Null-Euro-Jobs" für sittenkompatibel und grundgesetzkonform erklärt. Lange kann's wohl nicht mehr dauern.

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Die Zukunft Europas


"Wenn niemand mehr etwas anzuziehen hat, ist das dann das Paradies?"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 21 vom 18.08.1920)

Freitag, 31. Oktober 2014

Immer weiter in den Abgrund: Die "Agenda 2020" der CDU


Ich weiß, es ist ein alter, übelriechender Hut - zur Kenntnis nehmen muss man ihn aber trotzdem, auch in der gefühlt 184. Wiederholung und Verschärfung. Die neoliberale Bande vertritt klar erkennbar nicht die Interessen der großen Mehrheit der Menschen in diesem Land, sondern agiert stets zugunsten des Großkapitals. Diese menschenfeindliche, kapitalhörige Politik ist allerdings kein statischer Zustand, sondern ein Prozess, der die ohnehin schon furchtbare Lage mit jedem weiteren Schritt noch furchtbarer macht.

So passt diese Meldung aus dem Neuen Deutschland vom 13.10. wunderbar ins kranke Weltbild der Habgierigen:

Die knapp 50 jüngeren Politiker hatten am Sonntag in Berlin mit dem Düsseldorfer Ökonomieprofessor Justus Haucap diskutiert, mit welchem Wirtschaftskurs die Union bei der Bundestagswahl 2017 Erfolg haben kann. Die nach der Bundestagswahl 2013 initiierte Gruppe drängt Merkel zu einer wirtschaftsfreundlichen "Agenda 2020" und denkt dabei etwa an eine Weiterentwicklung der von SPD-Kanzler Gerhard Schröder durchgesetzten Sozialreformen der "Agenda 2010".

Liest man den gesamten Text, passt da wieder einmal alles wie "Arsch auf Eimer": Es werden die immer gleichen asozialen, neoliberalen Mantras heruntergebetet, die allesamt lediglich dem einen Ziel der weiter an Fahrt aufzunehmenden Umverteilung von Arm zu Reich verpflichtet sind, da wird ein alter neoliberaler Zombie wie Friedrich Merz aus seiner vermodernden Anwaltsgruft ausgebuddelt, und natürlich wird das große Zerstörungswerk von Schröder und Fischer - die "Agenda 2010" - wie eine goldkälbische, perverse Monstranz herumgetragen. Da fällt es schon fast nicht mehr auf, dass es ein einziger schriller Irrsinn ist, Merkel zu einer "wirtschaftsfreundlicheren" Politik aufzufordern.

Wenn diese kriminelle Bande - zu der selbstredend auch die SPD und die Grünen gehören - weiterhin am politischen Ruder verbleibt, wird der neoliberale Zerstörungsprozess unweigerlich weitergehen. Die SPD exerziert das aktuell mit ihrem lächerlichen "Mindestlohn"-Murks und dem verfassungswidrigen Versuch der weiteren Beschneidung des Streikrechts wieder einmal vor. Ich weiß, dass es zermürbend ist, immer und immer wieder über die einzelnen Bau- und Puzzleteile dieses fortschreitenden Prozesses lesen zu müssen - mir geht es da wahrlich nicht anders. Aber welche Alternative bleibt sonst? Wenn mir jemand fortdauernd in die Fresse schlägt, bringt es nichts, irgendwann nur noch abzuwinken und die Schläge still zu ertragen bzw. sie, wenn möglich, gar auszublenden - ich muss mich stattdessen weiter dagegen wehren, auch wenn das zum hundertsten, zum zweihundertsten Mal geschieht.

Noch ist Gegenwehr möglich - die Historie lehrt uns aber auch, dass dieser Zustand keinesfalls dauerhaft ist.

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Sparmaßnahmen


"Wir müssen unsere Lebenshaltung jetzt auf eine schmalere Basis stellen!"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 41 vom 07.01.1924)

Dienstag, 5. August 2014

Die Kapitaliban und der Kita-Wahn


Selbstverständlich ist es - ungeachtet des Inhalts - wichtig und richtig, stets scharfe Kritik an jedweder Maßnahme zu formulieren, die aus der CSU in die Welt blubbert. Im Falle des "Betreuungsgeldes", das momentan als aktuelle neoliberale Sau durchs verkommene Dorf getrieben wird, muss man aber wieder einmal differenzieren und genau hinschauen, um eine sinnvolle Beurteilung abgeben zu können.

Was wird uns also von den üblichen Verdächtigen der Mainstream-Journaille an Fakten genannt, die für eine Betreuung von Kleinkindern in staatlichen oder staatlich finanzierten Einrichtungen spricht? Exemplarisch zitiere ich dazu aus einem typischen Pamphlet aus der FAZ:

Das Betreuungsgeld hält benachteiligte Kinder von Bildungsangeboten fern und verringert ihre Chancen auf sozialen Aufstieg.

Aha, so ist das also: Kitas (und übrigens auch einzelne "Tagesmütter" bzw. "-väter") sollen gleichbedeutend mit "Bildungsangeboten" sein, die es zudem daheim in vergleichbarer Form nicht gebe - und das ganz besonders dort, wo der Kapitalismus bereits zugeschlagen und eine Schneise der Verarmung unter den Menschen hinterlassen hat. Das ist eine verwegene Behauptung, die zwar sicherlich durch entsprechende Auftragsstudien pseudowissenschaftlich belegt werden kann, die der einfachen Logik aber dennoch keine zwei Minuten standhält - und das gleich auf mehreren Ebenen.

Zum Einen ist es kein Geheimnis, dass gerade ausgebildete ErzieherInnen nicht gerade zu den bestbezahlten Menschen in diesem System gehören - sie befinden sich vielmehr selbst in einer meist prekären Lage und gehören zu den so genannten Niedriglöhnern, die den so gern propagierten "sozialen Aufstieg" (wohin auch immer) allein durch ihren Beruf nahezu niemals bewerkstelligen können. Zum Anderen sind in Kitas oftmals auch nicht pädagogisch ausgebildete Menschen prekär beschäftigt, so dass Kinder, die solche Einrichtungen besuchen müssen, keinerlei Vorteile in Sachen Bildung zu erwarten haben. Genauso sieht es bei den Tagesmüttern oder -vätern aus: Vom Jugendamt wird für eine solche Tätigkeit jeder erwachsene Mensch akzeptiert und auch bezahlt, völlig unabhängig davon, welche Befähigungen oder Ausbildungen er mitbringt - gerade das habe ich höchstpersönlich erlebt.

Sicherlich gibt es immer wieder auch in Kitas und bei "Tageseltern" gebildetete Menschen, die tatsächlich einen positiven Einfluss auf Kinder haben können - dasselbe gilt aber freilich verstärkt für die leiblichen Eltern, denn diese haben in der Regel ein weitaus größeres Interesse daran, dass ihre Kinder auf einen guten Weg gebracht werden, als die mit Hungerlöhnen abgespeisten Angestellten irgendwelcher Kitas oder - noch schlimmer - "freiberuflich" tätige "Tageseltern".

Es geht in diesem Falle - wie immer in diesem niederträchtigen System - nicht um das Wohl oder die Perspektiven der Kinder, sondern natürlich um Geld und Ausbeutung: Der neoliberale Ruf nach Kitaplätzen für Kleinkinder ist klar erkennbar darauf zurückzuführen, dass beide Elternteile sich nicht etwa mit der Kindererziehung befassen (und damit womöglich mündige, kritische Menschen aufziehen) sollen, sondern schnellstmöglich wieder der Ausbeutungsmaschinerie des "Arbeitsmarktes" zur Verfügung zu stehen haben. Dass Kleinkinder dabei nicht nur dem familären Umfeld entwöhnt, sondern auch systemkonform indoktriniert und konditioniert werden können, ist dabei sicher nur ein gern gesehener Nebeneffekt.

Ginge es tatsächlich um die Kinder und deren Wohlergehen und Bildung, wäre der Beruf des Erziehers bzw. der Erzieherin längst ein akademischer, der nach einer universitären Ausbildung auch entsprechend gut bezahlt wird. Das jedoch ist weder von der CSU, noch von irgendeiner anderen Partei jemals gefordert oder gar forciert worden. Dennoch werden die Systemmedien nicht müde, uns immer wieder denselben hanebüchenen Sermon zu präsentieren - hier zur Abwechslung mal ein Beispiel aus dem Tagesspiegel:

Das Betreuungsgeld lasse sich "als besonderer Anreiz für sozial eher benachteiligte Familien identifizieren, kein Angebot an frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung zu nutzen", schreibt die Autorin der Studie (...).

Das ganze steht dort unter der reißerischen Überschrift "Kohle oder Kita?" und suggeriert dem geneigten Leser nicht nur die nicht hinterfragte Behauptung, dass Kitas und "Tageseltern" für Kleinkinder gleichbedeutend mit "Bildung" seien, sondern unterstellt armen und verarmten Familien sogleich auch die in diesem System eher in "höheren" Kreisen verbreitete Habgier - frei nach dem widerwärtigen Motto: "Wenn Millionäre auch nach der 100. Million den Hals noch nicht voll haben und wie von Sinnen weitere Millionen an sich raffen wollen, gilt das für Habenichtse natürlich erst recht."

Die Vorstellung, dass es Menschen geben könne, die nicht unablässig dem Mammon hinterhergieren, kommt in diesem Narrativ gar nicht mehr vor - ebenso wie die schlimme Tatsache, dass dieses furchtbare System längst Bedingungen geschaffen hat, in denen für nicht wenige Menschen 100 Euro mehr oder weniger im Monat tatsächlich eine existenzielle Bedeutung haben.

Ich selbst bin übrigens glücklicher Weise vollkommen kita- und kindergartenfrei aufgewachsen - und habe schon in frühkindlichen Jahren Bekanntschaft mit ernsthafter Musik, Kunst und Kultur gemacht. Und das in einem nicht-akademischen Haushalt, in dem mir sehr nachhaltig kritisches Denken beigebracht wurde.

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Ein Philosoph


"Ja, Frau Meier, die Zeit is' wirklich demokratisch - jeder kriegt sein Packl Sorgen und Opfer!"

(Zeichnung von Rudolf Grieß [1863-1949], in "Simplicissimus", Heft 41 vom 07.01.1919)

Samstag, 12. Juli 2014

Kurz vorm "Finale": Das Banditenlager in Berlin füllt sich die Taschen


Bundespräsident Joachim Gauck hat das Gesetz zur umstrittene[n] Diätenerhöhung für Bundestagsabgeordnete unterschrieben. Seine Sprecherin teilte mit, Gauck habe das Gesetz auf eine Übereinstimmung mit dem Grundgesetz "intensiv geprüft". "Im Ergebnis waren die verfassungsrechtlichen Bedenken nicht so durchgreifend, dass sie den Bundespräsidenten an einer Ausfertigung gehindert hätten", erklärte die Sprecherin. (...)

Nach Gaucks Unterschrift können die Diäten nun rückwirkend zum Juli auf 8.667 von 8.252 Euro steigen. Für Januar 2015 ist eine weitere Erhöhung auf 9.082 Euro geplant.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Da jubeln nicht nur die Mitläufer und Hinterbänkler im Bundestag (wenn auch nur auf dem stillen Örtchen oder an anderen nicht öffentlichen Plätzen, um ja keine Wähler zu verschrecken): Eine satte Erhöhung der Bezüge um 415 Euro pro Monat und in fünf Monaten gleich nochmal soviel obendrauf, also ab Januar 2015 insgesamt 830 Euro mehr jeden Monat - das ist selbst für die fürstlich versorgten "Volksvertreter" ein hübsches Sümmchen, mit dem sich in Abstimmungen gewiss so manche Stimme trefflich kaufen lässt.

Und auch wenn dieses groteske Mondgehalt von 9.082 Euro monatlich für viele dieser Figuren nur ein Zubrot darstellt, da sie in ihren "eigentlichen" Berufen und/oder durch "Nebentätigkeiten" bereits ein Vielfaches dessen scheffeln, bleiben es trotzdem dieselben schmierigen Gestalten, die gerade eben ein vollkommen durchlöchertes "Mindestlohn"-Gespenst (zur Erinnerung: in Höhe von 8,50 Euro pro Stunde) beschlossen haben und zeitgleich am zwangsverarmenden Hartz-Terror für die Bevölkerung festhalten und diesen sogar noch weiter verschärfen wollen.

Über den Hampelmann Gauck und seine natürlich in fußballvernebelter Zeit kurz vorm "Finale" erfolgte Unterschrift unter dieses abstruse Gesetz möchte ich mich hier gar nicht weiter auslassen - ich denke, jede/r Leser/in besitzt genug Fantasie, um das freiheitsschwadronierende, tattrige Knautschgesicht in die ihm gebührende Kategorie der kapitalhörigen Huren einzuordnen.


Freitag, 11. April 2014

Der Eselshut, oder: Weshalb die Esos über die Narrenschiffsreling geworfen werden (müssen) ... ;-)


Über die Verrückten der Eso-Seite Hinter den Schlagzeilen habe ich mich ja schon öfter aufgeregt - jetzt kann ich Mitlesende hier aber beruhigen: Ich habe den Absprung geschafft, den Link gelöscht und werde mich künftig nicht mehr mit den dortigen Gurus sowie deren Vasallen und MitläuferInnen auseinandersetzen. Wer das nachlesen möchte, kann hier nachschauen - mein Resümee dazu lautet wie folgt:

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Ach Holdger [der aus irgendwelchen, mir unbekannten Gründen stellvertretend für Wecker geantwortet hat], gib Dir keine Mühe - wenn die Masken gefallen sind, wirkt jedes andauernde Bauchpinseln an der Wampe des Herrn Wecker (Vorsicht: Satire) gleich doppelt peinlich.

Wenn Du oder irgendein anderer Bauchpinseler an einer inhaltlichen und sinnvollen Auseinandersetzung zu diesem extrem wichtigen Thema interessiert wärst, hättest Du eine komplett andere Replik schreiben müssen - so aber wird einmal mehr allzu offensichtlich, dass wieder einmal Du - und nicht Deine "Gegner", wie Du so oft behauptest - eine Diskussion im Keim erstickst und statt dessen auf die persönliche Ebene der schnöden Denunziation abgleitest.

Was ist nun Deiner Meinung nach so falsch daran, die heutigen Gewerkschaften - und unter denen insbesondere diejenigen, die die Interessen stark privilegierter Besserverdiener in Rahmen dieses perversen Systems vertreten - als Teil des Problems zu benennen? Wieso sollte irgendein Niedrigstlohnsklave oder Hartz-Terror-Opfer so etwas wie "Solidarität" mit jemandem empfinden, der vielleicht statt 4.000 Euro monatlich, wie bislang, zukünftig 4.500 Euro erhält? Geht's eigentlich noch? In welcher absurden, spinnerten Parallelwelt leben Menschen, die so etwas in der gegenwärtigen Lage allen Ernstes zum Thema machen und dabei nicht automatisch den Eselshut aufsetzen und sich freiwillig in die Ecke stellen?

Jemandem, der, wie Herr Wecker, ein wahrscheinlich sorgenfreies Leben in der Toscana führen kann, mag das vielleicht nicht unmittelbar einleuchten, aber mir persönlich ist es scheißegal, ob Piloten ein paar hundert Euro mehr im Monat verdienen und sich so vielleicht endlich den Pool in ihren üppigen Garten bauen können - solange die vollkommene Perversion der Ausbeutung und totalen Zwangsverarmung der Menschen bei gleichzeitiger Extremmästung der wenigen Superreichen nicht endlich gestoppt ist.

Der Text ist eine schallende Ohrfeige mitten ins Gesicht aller Zwangsverarmten in diesem extrem reichen System - und es ist mehr als erschreckend, dass einige aus dieser Gruppe dazu auch noch munter applaudieren und ihn sogar "verteidigen".

Mir reicht das jetzt - mit "Hinter den Schlagzeilen" habe ich nun abgeschlossen, den Link entferne ich aus meinem Blog und ich werde mich hier auch nicht mehr äußern. Wenn Diskussionen nicht gewollt sind, kann ich schließlich auch wesentlich stressfreier und zielführender mit der Wand neben meinem Schreibtisch kommunizieren. ;-)

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Preisend mit viel schönen Reden ...


"Zu teuer, sagen Sie, ist das Bild?? Wo doch der Künstler voriges Jahr verhungert ist!!"

(Zeichnung von Marcel Frischmann [1900-1952], in "Simplicissimus", Heft 12 vom 18.06.1928)

Dienstag, 4. März 2014

Die Groteske des Superreichtums in den Propagandamedien: Geld über alles


Wal-Mart ist der größte Arbeitgeber der Welt. Und wie die Aldi-Kette ein Familienbetrieb: Hinter dem Handelsriesen stehen die Waltons, die reichste Familie der Erde. Sie zahlt ihren Mitarbeitern Billiglöhne. Und spendet Milliarden.

(Weiterlesen - aber bitte nur mit eingeschaltetem Gehirn)

Anmerkung: Hier haben wir wieder ein solches Beispiel, in dem nahezu sensationsheischend über den "reichsten Clan der Welt" berichtet wird - stets getreu dem absurden Motto: "Wer will und genug arbeitet, kann es ebenso 'weit' bringen" und natürlich der impliziten Umkehrung: "Wer es nicht so weit bringt, ist ein persönlicher Versager und somit selbst schuld". Ich weiß gar nicht, wo genau ich mit meiner Kritik beginnen soll, denn auch dieser Text lässt wie gewohnt jegliche Ursachenerwähnung aus und behauptet statt dessen wie immer auf dummdreiste Weise, dass es diesen Personen auf wundersame Weise gelungen sei, von "Tante-Emma-Laden-Besitzern" zu den reichsten Menschen auf diesem Globus zu mutieren, als sei nichts "normaler" und nachvollziehbarer auf der Welt. Dieses Szenario für sich genommen ist schon so grotesk, dass nicht nur jeder tatsächlich hart arbeitende Mensch auf diesem Planeten dem Verfasser einen ganzen Reigen von Ohrfeigen verpassen müsste - es genügt tatsächlich auch das schlichte Nachdenken, dass an diesem Märchen angesichts des gewaltigen globalen Elends und der gleichzeitigen Konzentration von absurden Summen Geldes in sehr wenigen Händen irgendetwas nicht stimmen kann. Und auch die einzig kritisch erwähnten Dumpinglöhne, die nicht nur Wal-Mart oder Aldi ihren "Angestellten" zahlen, können das "Wunder" eines solchen Superreichtums allein natürlich nicht erklären - der ganze Rattenschwanz von allen möglichen Abhängigkeiten, Erpressungen und sklavenähnlichen Zuständen im gesamten kapitalistischen Produktions- und Vertriebsprozess kommt im Text erst gar nicht vor. Über das Geld- und Zinssystem will ich da besser gar nicht erst beginnen zu schreiben.

Fast im gleichen Atemzug wie die zahnlose und völlig unzureichende Anklage bezüglich der Billiglöhne wird auch gleich ein entsprechender "Ausgleich" mitgereicht: Diese hochsozial denkenden Profitgeier spenden ja schließlich "Milliarden" ihres hart erworbenen Vermögens für soziale Zwecke und sind somit augenblicklich wieder rehabilitiert. Genaueres weiß man zwar nicht - der Text schwadroniert da etwas von einer "Familienstiftung" sowie von "Umweltschutz, Bildung und [der] Förderung der Region Arkansas" - das war's dann aber auch schon in Sachen Information. Mehr soll und darf der Pöbel nicht wissen, Details verwirren ihn bloß. Leider lässt allein der Begriff "Familienstiftung" bei kritischen Zeitgenossen unverzüglich alle Alarmglocken schrillen und er möchte dringend mehr wissen - aber kritische Zeitgenossen sind leider eine kleine Minderheit in unserer schönen kapitalistischen Glitzerwelt und werden daher geflissentlich ignoriert. (Randnotiz: Eine Milliarde Dollar entspricht angesichts eines Vermögens von 145 Milliarden Dollar einem Volumen von weniger als 0,7 % - eine wahrlich fürstliche Spendenbereitschaft, die man gar nicht ehrfürchtig genug bewerten kann!)

Das ganz große Highlight seines preisverdächtigen Textes hat der Autor Hannes Vogel aber ganz am Schluss versteckt, wenn er dort schreibt: "Doch nicht nur die Armen, sogar die Freunde der Wal-Mart-Brüder hat die Firma reich gemacht (...)". Nein, welch eine Offenbarung: Die Firma des reichsten Clans dieses Planeten macht nicht nur (alle?) Arme reich (!!!), sondern entfaltet sogar noch segensreichere Kräfte, indem sie die (zuvor offenbar nicht armen?) "Freunde" des Clans auch noch viel reicher macht, als sie es vorher gewesen sind! Der Segen des kapitalistischen Systems beschert uns hier also gleich eine dreifache Win-win-win-Situation, um im Orwell-Sprech der neoliberalen Bande zu bleiben - Verlierer gibt es laut diesem Text hier nicht mehr. Das Paradies ist nicht mehr jenseitig - wir erleben es hier und jetzt! Man soll den Superreichen auf Knien dafür danken, dass sie uns allen ein so wundervolles, sorgenfreies und luxuriöses Leben ermöglichen. Gebenedeit sei die Frucht eurer heiligen Geldbörsen!

Wenn man dem üblen Propagandatext bis zu diesem finalen Blattschuss tatsächlich (ohne psychische oder intellektuelle Schäden zu nehmen) gefolgt ist, weiß man allerspätestens an diesem Punkt, dass man das Leben in einem freiheitlich-demokratischen oder gar sozialen System Zeit seines Lebens voraussichtlich niemals kennenlernen wird. Aber die gütigen Waltons spenden Milliarden (Milliarden!!!) für soziale Zwecke und die Armen werden reich - und die "Freunde" der Reichen sowieso.

Die allerbitterste Pointe an der Sache bleibt aber diese: Und fast keiner merkt's. Alle rennen weiterhin wie von Sinnen dem Geld hinterher und wundern sich vielleicht gelegentlich über die perversen Auswüchse, die das selbstredend hat, kommen aber nicht auf den naheliegenden Gedanken, dass das Behandeln von Symptomen nichts an der Situation an sich ändert. Die Farce könnte aussichtsloser kaum sein. Geld, Geld, Geld über alles - ganz besonders über die Vernunft.

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Börsenpanik


"Wie meine beiden Söhne fielen, war ich nicht so verzweifelt wie Sie, da Ihre Papiere gefallen sind."

(Zeichnung von Wilhelm Schulz [1865–1952], in "Simplicissimus", Heft 31 vom 29.10.1918)

Freitag, 31. Januar 2014

Asoziales England: Die Vorbilder der NED


Die britische Regierung beschließt eine Beschränkung der Sozialleistungen für Bürger anderer EU-Staaten

(...) Nach den neuen Regeln haben [Migrantinnen und Migranten aus der Europäischen Union] keinen Anspruch auf Wohngeld und müssen drei Monate in Großbritannien ansässig sein, bevor sie Arbeitslosengeld beantragen können. Der bisher leicht zu bestehende und über die Vergabe von Sozialleistungen entscheidende Habitual Residency Test soll erschwert werden und die Bedingung einschließen, dass Neuankömmlinge die englische Sprache beherrschen. Das Arbeitslosengeld kann dann nur für sechs Monate bezogen werden, wenn nicht überzeugend dargelegt wird, dass die Aussicht auf ein Arbeitsverhältnis besteht. Das Gehalt von arbeitenden Migrantinnen und Migranten muss eine Mindestgrenze überschreiten, wenn diese Zuschusszahlungen zur Sicherung des Lebensunterhalts beantragen wollen. Obdachlose EU-Bürger sollen abgeschoben werden und zwölf Monate lang nicht wieder einreisen können. Ziel dieser Maßnahmen ist es Cameron zufolge, "Wohlfahrtstourismus" zu vermeiden.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Die britischen Regierungsterroristen gehen in Sachen Menschenfeindlichkeit mal wieder forsch voran, wie es nicht erst seit Thatcher Gewohnheit ist - und wie immer dauert es auch nicht lange, bis deutsche Menschenfeinde der neoliberalen Einheitspartei (NED) auf den Zug aufspringen und ins selbe widerliche Horn stoßen. Wer angesichts solcher rauchender Ruinen der Sozialstaatlichkeit, wie sie beispielsweise in Britannien oder Deutschland heute anzutreffen sind, noch den ohnehin merkbefreiten und völlig indiskutablen Begriff des "Wohlfahrtstourismus'" bemüht, muss entweder vollkommen degeneriert in einer realitätsfernen Blase vor sich hin vegetieren - oder aber wirklich bösen Willens sein.

Aktuell sind's also mal wieder die fiesen klauenden Zigeuner Rumänen und Bulgaren, die in der Darstellung dieser verkommenen Schlips-Borg den bröckelnden Wohlstand der kapitalistischen Glitzerwelt bedrohen - und nicht etwa die immer reicher werdenden Ultraminderheiten der Superreichen, von denen gerade mal 85 Individuen heute so viel Reichtum "besitzen" wie die Hälfte der gesamten Weltbevölkerung zusammen. Da ist es sonnenklar, dass diesen "Sozialschmarotzern" Beine gemacht und die nur noch spärlich tröpfelnden Hähne zugedreht werden müssen - wo kämen wir denn auch hin, wenn beispielsweise ein Multimilliardär ein paar Millionen, also einige Promille, abgeben müsste, um das Essen und die Unterkunft für solche "Parasiten" zu bezahlen?!? Das geht aber gar nicht, wenn man "Elite"-Diener bzw. Schlips-Borg ist und sich seinen Platz am Fleischtopf, der zwar beileibe keine Milliarden, oft auch keine vielen Millionen, dafür aber ein vergleichsweise fürstliches Leben jenseits der vollmundig propagierten Armut ermöglicht, erhalten möchte.

Thatchers üble Taten aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts haben nach einer gewissen Karenzzeit bekanntermaßen ganz Europa erreicht und vergiftet - dasselbe gilt für spätere "Reform"-Projekte der kapitalistschen Extremisten, die eigentlich Deformierungen genannt werden müssen, ebenfalls. Die Zeit zwischen den Einschlägen wird jedoch drastisch kürzer: Jetzt hat es nur wenige Tage gedauert, bis die in England beschlossenen asozialen Verwerfungen und menschenfeindlichen Ablenkungen von den tatsächlichen Verursachern der staatlichen Geldnot auch in Deutschland einen politischen Widerhall - selbstredend zuerst (aber keineswegs exklusiv) in der CSU, wo auch sonst - erhalten haben. Gleichzeitig ist es extrem erhellend zu bemerken, dass trotz dieser widerlichen Behandlung und aller "Flüchtlingsbekämpfungsmaßnahmen" von MigrantInnen und Asylsuchenden noch immer einige Menschen den Weg nach Deutschland oder sogar England finden - wie grauenhaft schlimm muss es also in den Regionen sein, aus denen sie geflüchtet bzw. ausgewandert sind? Wer würde denn gerne an einen Ort ziehen, an dem es beispielsweise so


oder so


aussieht? - Wohlgemerkt: in einem der reichsten Länder des gesamten Planeten, in dem der Superreichtum einiger Weniger das Maß aller Dinge ist und sich die völlig desinformierte Bevölkerung teilweise immer noch an einen schwindenden Wohlstand klammert - sogar dann, wenn er gar nicht mehr vorhanden ist -, der aber stetig weiter auf die Konten jener Superreichen übertragen wird, ohne dass diese Umverteilung zugunsten der Superreichen überhaupt zur Kenntnis genommen oder gar erkannt wird.

Aber wir werden es erleben müssen: Ich bin leider ziemlich sicher, dass diese widerliche Bande es auch diesmal schafft, wieder unbeteiligte Minderheiten zu instrumentalisieren und den berechtigten Zorn der von Banken und Kapital ausgeplünderten Bevölkerung auf diese zu lenken - seien es nun diesmal Rumänen, Bulgaren, Zigeuner, Juden, Arbeitslose, Behinderte, Kranke, Alte, Junge, Schwarzhaarige, Muslime, Raucher, Linkshänder oder wen zur Hölle sie auch immer zu dieser perversen Opferrolle auswählen mögen. Die perversen Ideen gehen diesen Menschenfeinden und Eigennutzmehrern leider niemals aus. Die Beispiele der ersten Versuche können wir heute hautnah miterleben.

"Wohlfahrtstourismus ist das Problem!", wiederholen die in den überquellenden Geldspeichern Hockenden gebetsmühlenartig und krallen ihr Gold an sich bzw. lassen ihre gekauften Vasallen das stellvertretend für ihre HerrInnen tun - und ich wiederhole ebenso regelmäßig: "Geldspeicher, gekaufte Vasallen und HerrInnen sind das Problem!" Deshalb weiß ich, dass auch mir von diesen widerwärtigen Gesellen schon jetzt ein Platz in einem der Lager zugewiesen ist, die noch gar nicht wieder neu gebaut sind. Das aber geht schnell, wenn der systemimmanente gesellschaftliche, soziale und finanzielle Zusammenbruch einmal mehr naht.

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Das allmächtige Gold



(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 32 vom 05.11.1923)

Montag, 12. August 2013

Die Sehnsucht nach dem traumlosen Land des Schlafes, oder: Die neoliberal verordnete Wahlenthaltung der nicht ganz so dummen Schafe


Ich bin momentan so träge, was das Schreiben von Blogtexten betrifft. Ich habe hier einen längeren Text vor mir, der die Anbiederungsversuche der Linken an SPD und Grüne zum Inhalt hat, um den ich mich seit Tagen immer wieder drücke ... es kommt mir alles so sinnlos vor, ich habe starke Fluchttendenzen zur Zeit und würde mich am liebsten aus dem politischen Geschehen vollkommen ausklinken, auch wenn das gar nicht geht und es zudem grundfalsch ist, wie ich weiß, wenn ich das Gehirn wieder anwerfe. Woher soll bloß die Motivation kommen, wenn das gesamte Ausgangsbild so dermaßen falsch, grotesk und verzerrt ist und unaufhaltsam weiter in die falsche Richtung driftet?

Ich weiß, gerade bei denjenigen, die hier mitlesen, renne ich damit offene Türen ein ... aber ich brauche mich nur mit "normalen BürgerInnen" zu unterhalten, wie ich das am Sonntag wieder getan habe, um zu wissen, dass der Zug längst an der Eisenwand zerschellt ist. Da ist nichts zu machen, die erkennen und wissen es nicht, und wenn entgegen jeder Vermutung tatsächlich der völlig absurde "Erdrutsch" stattfindet und der Steinbrück im September Kanzler wird, wird sich dennoch nichts verändern. Den wirklichen Erdrutsch, der stattfinden müsste, begreifen die allermeisten Menschen in diesem Land gar nicht. Denen könnte ich genauso etwas vom Aluhut, vom fliegenden Spaghettimonster oder von dem überaus schäbigen Volk der Ferengi erzählen - das hat exakt denselben Stellen- und Relevanzwert.

Den Vogel abgeschossen hat dann am Sonntagabend eine Passage im "Tatort", den ich aufgrund meines komatösen Zustandes laufen hatte, während ich (vergeblich) versucht habe, endlich ins traumlose Land des Schlafes zu wechseln: Da brüllte irgendein aufgebrachter, von der Kündigung bedrohter Mensch in die Kamera, dass Menschen, denen man "die Arbeit nehmen" wolle, ja alles (mit mindenstens drei Ausrufungszeichen) täten, um das zu verhindern. Das ist ein Paradebeispiel für die groteske und zutiefst verinnerlichte Perversion des Kapitalismus. Was diese Filmfigur wirklich meinte, war natürlich, dass ein Mensch selbstverständlich auf die Barrikaden geht, wenn man ihn der materiellen Existenzgrundlage beraubt. Soweit hatte er recht. Aber die Gleichsetzung von "Existenzgrundlage" und "Arbeit" ist so weit fortgeschritten in dieser Alptraumgesellschaft, dass es niemandem mehr einfällt, ein "gutes Leben" jenseits der Arbeit einzufordern. Und niemand stellt mehr das kapitalistische, abgrundtief perverse Grundprinzip in Frage, das da lautet: Ich muss mich, in welcher Form auch immer, prostituieren (also "arbeiten" bzw. meine Arbeitskraft ausbeuten lassen), um überhaupt erst ein Recht auf ein halbwegs angemessenes Leben zu erwerben. Das ist ein Kernelement der kritisch angestrichenen Sonntagabendunterhaltung im öffentlich-rechtlichen TV heute - untermalt von viel Gewalt, Polizeiunrecht und dem üblichen Bild des generalverdächtigen Bürgers, der sich der Obrigkeit selbstverständlich rund um die Uhr zur Verfügung zu halten hat und auch nichts dagegen unternehmen kann (bzw. soll), dass sich die Polizei zu jeder Zeit und in jeder Form Zutritt zur Wohnung und zum intimsten Umfeld verschaffen kann.

Danach hatte ich keine Lust mehr auf Opposition. Das ist nicht nur ein Kampf gegen Windmühlen, sondern ein Kampf gegen einen gewaltigen, dermaßen widerwärtigen und übermächtigen Strom, der schlicht niemals zu gewinnen ist. Die alberne Geschichte von "David gegen Goliath" steht ja nicht zufällig gerade in dem Verdummungsbuch Nr. 1 der abendländischen Welt - nämlich in der Bibel, der wir ja unter Anderem auch entnehmen dürfen, dass Jesus etwas gegen "Händler im Tempel", gegen Zinshaie und Superreiche, die niemals "ins Himmelreich gelangen", und gegen Gewalt gegen wirkliche oder vermeintliche "Sünder" hatte. Angesichts der Gesellschafts- und Kirchengeschichte kann man darüber nicht einmal mehr müde lächeln - besteht sie doch im Wesentlichen aus eben diesen Elementen, die angeblich zu bekämpfen seien.

Wenn ich irgendwo dieses erbärmliche Schauspiel miterleben muss, wie sich CDU, SPD, Grüne und FDP in so dermaßen peinlichen Wahlkampfallüren in hochalbernen Minidetails gegeneinander auspielen, während doch für jedermann offenkundig sichtbar und nicht im Entferntesten bezweifelbar ist, dass diese "Wahlkämpfer" eben "Wahlkämpfer" sind und unterm Strich alle dasselbe stinkende kapitalistische Kloakedepot anstreben ... dann bleibt mir nicht mehr viel übrig, was außer multiplen Kotzanfällen und eine sich fast zwangsläufig anschließenden Flucht in den Boykott - oder besser noch: in die geistige Ausklinkung aus diesem Theater für Irrsinnige und Dummgehaltene - noch bleibt.

Es ist nur gut, dass es den einen oder anderen lieben Menschen in meinem Umfeld gibt, der mich vor diesem fatalen, kontraproduktiven Ausstieg doch immer wieder bewahrt - tausend Dank an M. in diesem Falle. Der - keineswegs einzige, aber durchschlagendste - Grund dafür ist dieser:

"Also werde ich – auch wenn ich die Faust balle in der Tasche – zur Wahl gehen. Ich werde eine kleine Partei wählen, die wirklich links ist und das herrschende System überwinden will. Vielleicht scheitert auch sie an der 5-Prozent-Hürde. Sie ist ja auch schon unter Kohl gescheitert. Hauptsache, Rechtskonservative und Rechtsextreme bleiben unter den magischen 5 Prozent. Wenn 10 Millionen Leute wählen gehen, liegt die Hürde bei 500.000 Wahlzetteln. Wenn aber 20 Millionen Zettel abgegeben werden, liegt die Hürde bei einer Million Zetteln! Hohe Hürde für die Rechtsextremen!"

Ich höre meine innere Stimme schon wieder, die mir angesichts dieser Aussage erzählt, dass CDU, SPD, FDP und Grüne ja nichts anderes als faschistische Parteien sind bzw. dass sie ein entsprechendes faschistisches System, das sie ja längst geschaffen haben, betonieren wollen und dass sie die NPD, AfD, PdV oder wie sich die braunen Vasallen des Kapitals auch immer nennen mögen, gar nicht brauchen, aber ...

... was zum Teufel sollen Wahlboykotte oder ungültige Stimmen an dieser Totalkatastrophe denn ändern? - Wählt die MLPD, wenn es sein muss, oder "Die Partei" - das wäre ein Zeichen, das diese Schlips-Borg zur Kenntnis nähmen. Alles andere juckt sie nicht und macht ihre Schlipse und ihre Habgier nur noch geschmeidiger.

Mittwoch, 22. Mai 2013

Steinbrück, die korrupte Bande und die "sozialdemokratischen Inhalte"


Über Steinbrücks Beziehung zum Geld und seine Mühe mit sozialdemokratischen Inhalten ist viel geschrieben worden. Sein steinernes, ja stählernes Gebaren, die Befehlston-Ästhetik seiner Sprachmelodie, der stiere Blick über dem zum umgekehrten "U" gebogenen Mund waren aber noch zu wenig Gegenstand der Analyse. Zeit für eine Glosse zur Kandidatur des Sozialdemokraten Peer Steinbrück. Hobby-Psychologe Sigmund Leid schürft tief und fördert eine altbekannte Weisheit zutage: Auch das Private ist politisch.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Diesen wunderbaren Text solltet Ihr Euch nicht entgehen lassen, wenn Ihr Euch noch näher über den Merkel-Mehrheitsbeschaffungskandidaten Steinbrück informieren (oder einfach mal wieder herzhaft lachen) wollt. Über die "sozialdemokratischen Inhalte" würde ich indes mit dem Autor (nicht mit Steinbrück, um Himmels Willen) nur zu gern einmal ausführlich diskutieren und in Erfahrung bringen, was er denn genau mit diesem Begriff meint. Sind dies vielleicht der "Radikalenerlass" des Willy Brandt, der "NATO-Doppelbeschluss" des Helmut Schmidt oder die "Hartz"-Deformierungen des Gerhard Schröder? Oder muss man noch tiefer in der verstaubten und in allzu grellem, absurdem Rot angestrichenen Geschichte dieser ständigen Verräterpartei buddeln, um auf tatsächlich "sozialdemokratische Inhalte" zu stoßen?

Man weiß so wenig. Gewiss ist aber die offensichtliche Tatsache, dass der neoliberale, asoziale, demokratie- und menschenfeindliche Katastrophenkurs der Kohls, Schröders und Merkels auch dann eisern beibehalten wird, wenn wider Erwarten und wider jede nachvollziehbare Logik Steinbrück zum Kanzler gewählt würde. Ich hege ja manchmal die naive Hoffnung, dass diese Offensichtlichkeit der nicht vorhandenen Unterschiede zwischen den Blöcken der neoliberalen Einheitspartei vielleicht doch dazu führen könnte, dass im Herbst mehr Menschen den Alternativen ihre Stimme geben - und dabei nicht den braunen Rattenfängern der Menschenfeinde vom noch rechteren Rand ins Netz gehen. Diese Hoffnung wird enttäuscht werden, das weiß ich schon jetzt - aber ich darf sie doch trotzdem formulieren, oder?

Ich will es mal drastisch ausdrücken: Wenn man die Wahl hat zwischen Kotze, Scheiße, Eiter, Pisse und einem Wasser, von dem man nicht weiß, ob es gut schmeckt oder gut tut - wieso um alles in der Welt wählt die überwältigende Mehrheit dann nicht dieses Wasser? Ich werde die Gedankengänge der schwarz-gelb-rot-grünen WählerInnen wohl nie nachvollziehen können - wobei die SPD-WählerInnen da noch besonders zu bewerten sind, weil sie sich immer wieder aufs Neue verarschen und verraten lassen, und das seit über 100 Jahren schon. Sind das denn alles Masochisten?

Ich muss mir bei diesem Thema an die eigene Nase fassen, denn ich selber war seinerzeit so dämlich, den Grünen meine Stimme zu geben, weil ich der irrigen (aus heutiger Sicht geradezu irrwitzigen) Meinung war, es sei sinnvoll und hilfreich, wenn Kohls furchtbarer Dauerregentschaft samt seiner asozialen Politik endlich ein Ende gesetzt würde - mit dem Ergebnis, dass Rot-Grün noch viel umfassender, nachhaltiger und asozialer im Land gewütet hat, als Kohl sich das jemals getraut hätte. Mir ist erst ein Licht aufgegangen, als der Freitag anlässlich Schröders Agenda-Politik titelte: "Dagegen war Kohl modern".

Und nun tritt also der Agenda-Genosse mit dem umgekehrten "U" im Gesicht an, um die Katastrophen-Angela mit dem umgekehrten "U" im Gesicht abzulösen und auch ordentlich Knete zu scheffeln wie diese, wie Gaz-Gerd, Panzer-Joschka und all die anderen rot-grünen GenossInnen und schwarz-gelben Christ-Liberallas. Was haben wir gelacht.

Bis zum bitterbösen Erwachen jedenfalls - einmal mehr.

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Der Bergmann


"Sie frieren nicht, sie brauchen keine Kleider, sie haben keine Zeit zum Essen - und wollen doch mehr verdienen."

(Zeichnung von Wilhelm Schulz [1865–1952], in "Simplicissimus", Heft 32 vom 07.11.1927)