Ich möchte [...] in vollem Ernst erklären, dass in der heutigen Welt sehr viel Unheil entsteht aus dem Glauben an den überragenden Wert der Arbeit an sich, und dass der Weg zu Glück und Wohlfahrt in einer organisierten Arbeitseinschränkung zu sehen ist. [...] Hätte man nach Kriegsende die wissenschaftliche Organisation, die geschaffen worden war, um die Menschen für die Front und die Rüstungsarbeiten freizustellen, beibehalten und die Arbeitszeit auf vier Stunden herabgesetzt, dann wäre alles gut und schön gewesen. Statt dessen wurde das alte Chaos wiederhergestellt; diejenigen, deren Leistungen gefragt waren, mussten viele Stunden arbeiten, und der Rest durfte unbeschäftigt bleiben und verhungern. Warum? [...]
Der Gedanke, dass die Unbemittelten [Besitzlosen, Anm.d.Kap.] eigentlich auch Freizeit und Muße haben sollten, hat die Reichen stets empört. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war ein fünfzehnstündiger Arbeitstag für den Mann das Normale; Kinder arbeiteten zuweilen ebenso lange und sehr häufig zwölf Stunden täglich. [...] Ich höre noch eine alte Herzogin sagen: "Was wollen denn die Habenichtse mit Freizeit anfangen? Arbeiten sollen sie!" So offen äußern sich die Leute heute nicht mehr, aber die Gesinnung ist noch die gleiche geblieben und hat weitgehend unsere chaotische Wirtschaftslage verschuldet. [...]
Guten Mutes zu sein, ist die sittliche Eigenschaft, deren die Welt vor allem und am meisten bedarf und Gutmütigkeit ist das Ergebnis von Wohlbehagen und Sicherheit, nicht von anstrengendem Lebenskampf. Mit den modernen Produktionsmethoden ist die Möglichkeit gegeben, dass alle Menschen behaglich und sicher leben können; wir haben es statt dessen vorgezogen, dass sich manche überanstrengen und die andern verhungern. Bisher sind wir noch immer so energiegeladen arbeitsam wie zur Zeit, da es noch keine Maschinen gab; das war sehr töricht von uns, aber sollten wir nicht auch irgendwann einmal gescheit werden?
(Auszüge aus: Bertrand Russell [1872-1970]: "Lob des Müßiggangs", London 1935)
Es ist immer wieder lustig, wenn sich systemtreue Kapitalisten über die "extreme Linke" auslassen. Der unfreiwillige Slapstick, der dabei logischerweise entsteht, ist ganz besonders in Deutschland zur höchsten Kunstform aufgestiegen: "Stammtische" (oder das, was zu diesem Boulevardthema medial verbreitet wird) können das ebenso gut wie pseudolinke Blogger (Lapuente, Berger, Sasse & Co.) und natürlich Journalisten.
Kürzlich habe ich bei Zeit Online wieder einmal ein solches Stück der Blut und Wasser schwitzenden Realsatire entdeckt. Dort lässt sich der Zeit-Autor Alexander Tieg über Antikapitalismus, Antifaschismus und generell "radikale" Kritik am vorherrschenden Katastrophensystem aus und macht das – wie sollte es in diesen grausigen Tagen auch anders sein – ausgerechnet am Aufhänger "Trump" fest. Um den nächsten amerikanischen Präsidenten geht es im Artikel aber gar nicht, auch wenn die Überschrift – wie so oft – etwas anderes suggeriert.
Tieg beschränkt sich in diesem Text darauf, einige wenige Positionen der "extremen Linken" herauszugreifen, sie zu wiederholen und in einen gewollt süffisanten Kontext zu stellen. Das ist seine "Kritik". Da wird inhaltlich nichts diskutiert, widerlegt oder auch nur ansatzweise irgendwelchen Gegenpositionen gegenübergestellt. Eine solche Mühe macht sich ein heutiger Propagandist gar nicht mehr, denn es ist aus seiner verqueren Sicht ja ohnehin klar, dass der Kapitalismus das beste aller möglichen Systeme sei, so dass es für solche Figuren schon völlig ausreicht zu schreiben: "Hihi ... er hat 'Antikapitalismus' gesagt! Wie lustig! Was für ein dummer Radikaler!"
Dabei ist bereits der Begriff der "extremen Linken" eine absurde, kapitalistische Neusprech-Verzerrung. Kapitalismuskritik ist also bereits "extrem" oder gar "radikal"? – Es verwundert nicht, dass Tieg hier stattdessen die reißerische, boulevardeske Formulierung "Sturz des Systems" benutzt – schließlich soll dem Leser eingebläut werden, dass "Linksradikale" nicht nur "der Omma ihr klein' Häuschen" wegnehmen, sondern selbstredend den "freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat" gleich komplett abschaffen wollen: Das sind alles Stalinisten!
Es lohnt sich, dieses Pamphlet aufmerksam zu lesen, sofern ein großer Brecheimer bereitsteht und die Fähigkeit und der Wille zu einem sehr schwarzen Humor vorhanden sind – ansonsten könnte die Lektüre böse intellektuelle und emotionale Auswirkungen haben. Tieg schreibt beispielsweise:
In den Pausen zwischen den Veranstaltungen werden im Foyer Flyer verteilt, auf denen vor der Gefahr eines weltweiten Faschismus gewarnt wird. Es gibt Buch- und T-Shirt-Stände, Kaffee gegen eine Spende und zu Mittag Kartoffeln mit Spinat.
Das ist ein repräsentatives Beispiel für seine Art der "Kritik" an "Linksextremen": Sie verteilen Flyer und bieten nur vegetarisches Essen an. Das muss reichen, um sie als weltfremde Spinner zu identifizieren – inhaltlich gibt es dazu aus der Sicht des sesselpupsenden Autors nichts weiter anzumerken. Dafür bemängelt er umso strenger:
Donald Trump? Ist nicht das eigentliche Ziel. Es geht Möller um das System, das große Ganze, nicht um einzelne Personen. Dass er und seine Mitstreiter damit vielleicht eine Chance verspielen? Egal, es geht ihnen um eine globale Revolution.
Wie können diese Kommunisten denn auch bloß auf den lächerlichen Gedanken kommen, dass es tatsächlich nicht um Trump oder andere Einzelpersonen geht – obwohl die versammelte Mainstreampresse doch seit Wochen wie irrsinnig auf dieser Personalie herumreitet wie Lucky Luke auf seinem albernen Gaul? Das kann der Autor beim besten Willen nicht fassen – da gibt es tatsächlich ein paar (leider viel zu wenige!) Menschen, die etwas weiter denken als von zwölf bis mittags und sich nicht einspannen lassen in das Themen-Setting der hiesigen Propaganda! Sapperlot – das müssen Extremisten, Putin-Freunde, Stalinverehrer, Terroristen, Kinderschänder sein! – Merke: Antikapitalismus ist Ketzerei, wenn es nach semi-religiotischen Kuhjournalisten wie Tieg geht.
Ich hatte beim Lesen dieses Artikels jedenfalls ebenso viel Spaß wie beim Ansehen einer blutigen Folge von "The Walking Dead". Andere Menschen müssen sicherlich kotzen, wenn sie das tun – und zu allem Überfluss soll es sogar – manchmal dumme, manchmal korrumpierte – Geister geben, die dem Gefasel dieses Schreiberlings tatsächlich zustimmen: Von der Lektüre der Kommentare bei Zeit Online rate ich daher dringend ab.
Eine Zeit, in der bereits das bloße Infragestellen des kapitalistischen Systems als "linksextrem" gebrandmarkt wird, muss logischerweise eine Zeit des aufkommenden bzw. bereits erblühenden Faschismus' sein. Und das ist ganz gewiss keine Zeit, in der irgendein halbwegs vernunftbegabter Mensch leben möchte – bzw. lange überleben kann. Der Irrsinn feiert einmal mehr braun-stinkende Triumphe.
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Lager
(Gemälde von Sigmar Polke [1941-2010] aus dem Jahr 1982, Dispersion und gestreute Pigmente auf Dekostoff und Wolldecke, Privatbesitz [sic!])
Der Umstand, dass es in der letzten Zeit hier im Blog etwas ruhiger war, sollte nicht drüber hinwegtäuschen, dass es nichts zu schreiben gegeben hätte. Tatsächlich hat mich im letzten Jahr vor allem die Debatte über die Äußerungen von Sahra Wagenknecht umgetrieben. Leider hatte ich arbeitsbedingt wenig Zeit, dazu etwas zu schreiben. Das will ich nun nachholen.
Mir ist natürlich bewusst, dass alle, die nicht sonderlich von einer "sozialen" Politik angetan sind, jede Unstimmigkeit aus dem "linken" Lagen freudig aufgreifen, um eben eine Partei, die auf eine "soziale" Politik hinwirken möchte, zu diskreditieren. Aber eingedenk dieses teils sehr offensichtlichen Umstands stört mich ehrlich gesagt mindestens ebenso, wie unkritisch und polarisiert die Debatte auch von "linker" Seite geführt wird, ganz so, als ob völlig auszuschließen sei, dass Wagenknecht selbst ziemlich weit daneben greift. Offen gestanden finde ich manche ihrer Argumente ziemlich fragwürdig und bisweilen auch dreist in dem Versuch, Leute wie mich für dumm zu verkaufen.
Seitens Wagenknechts heißt es dann vereinzelt, sie hätte sich "unglücklich" (offenbar aber nicht falsch) ausgedrückt, es wären Missverständnisse entstanden. Komisch nur, dass diese Missverständnisse in einem bestimmten Kontext ziemlich häufig und geradezu systematisch vorkommen. Mely Kiyak bringt das wie folgt auf den Punkt:
Sahra Wagenknecht fühlt sich missverstanden. Ausgerechnet sie, deren Popularität sich auch aus ihrer Gabe speist, komplizierte ökonomische Verhältnisse talkshowgerecht zu servieren. Bei einem Thema wie Bankenregulierung hat sie bislang nie damit kämpfen müssen, dass jemand sie falsch versteht. Ihre Einstellung zur Riesterrente kann sie ebenfalls in einer halben Minute präsentieren. Das Verzocken der Renten auf den Kapitalmärkten über Mario Draghi und die EZB ist schon fast ein geflügeltes Wort. Nichts davon musste Sahra Wagenknecht jemals korrigieren. Nie fühlte sie Erklärungsbedarf. Das Ganze noch einmal in anderen Worten erklären? Niemals! (Mely Kiyak, ZEIT, 3.08.2016)
Gastrecht und Silvester
Nehmen wir die Debatte um die Silvester-Nacht in Köln 2016: In diesem Zusammenhang sprach Wagenknecht davon, dass jene, die ein Gastrecht missbrauchen, dieses verwirkt hätten (siehe z.B. taz, 13.01.2016). Ein Gastrecht ist nun aber eine eher informelle Idee, dazu gibt es kein Gesetz. Was es gibt, das ist ein Asylrecht, das als universelles Menschenrecht gilt. Und genau dort liegt der rhetorische Trick: Das "Gastrecht" sollte als "Asylrecht" gelesen und verstanden werden, ohne auch nur Letzteres auszusprechen. Auf diesem Wege ließ sich die Einschränkung eines universellen Menschenrechts fordern, ohne es direkt auszusprechen.
Der Ehrlichkeit halber ist aber darauf hinzuweisen, dass diese Wortwahl in der Partei "Die Linke" als "unglücklich" empfunden (RND, 8.08.2016) wurde, was Wagenknecht dann in einem Interview im Sommer 2016 einräumte, wobei sie auch betonte, diese Wortwahl nicht mehr verwenden zu wollen (ZEIT, 4.8.2016).
Kapazitätsgrenzen
Wäre die Diskussion um die Silvesternacht ein Einzelfall, dann könnte ich sagen "Schwamm drüber". Tatsächlich wilderte Wagenknecht angesichts der Flüchtlinge zusätzlich im rechtspopulistischen Spielfeld, als sie von "natürlichen Kapazitätsgrenzen" sprach und vor einem "Zerreißen der Gesellschaft" warnte, sollte noch eine Million Flüchtlinge nach Deutschland kommen (RND, 14.01.2016, und RND, 14.01.2016).
Auch hier wieder ein rhetorischer Kniff, der aber reichlich plump als Spitzfindigkeit daherkommt. Natürlich hatte Wagenknecht nicht von "Obergrenzen", sondern von "Kapazitätsgrenzen" gesprochen (LVZ, 17.03.2016). Lassen wir das mal so im Raum stehen, dann bleibt das Sprechen von "Kapazitätsgrenzen" dennoch problematisch und zwar aus mindestens zwei Gründen.
Erstens: Wenn Wagenknecht von Kapazitätsgrenzen sprach und davon, dass die Flüchtlingsbewegungen die Gesellschaft auseinanderreißen könnten, mag das gerne als "Realismus" ausgelegt werden (übrigens auch eine Strategie der Neu-Rechten und Rechts-Populisten: man/frau sieht die "Realität", die anderen sehen sie nicht oder wollen sie nicht sehen). Stillschweigend werden aber mit diesem "Realismus" die vorherrschenden sozialen Verhältnisse einfach so akzeptiert (inkl. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit). Dabei hätte es Wagenknechts Aufgabe als "linke" Politikerin sein können, darauf hinzuweisen, dass die Menschen, die nach Europa kommen, letztlich ebenso "Globalisierungsverlierer" sind wie die Menschen, die bereits hier am Rande der Gesellschaft leben. Natürlich steigt mit mehr Menschen auch die Zahl der Erwerbsfähigen, so dass die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt zunimmt. Aber davon sind alle betroffen. Das hätte eine "linke" Politikerin auch zum Anlass nehmen können, um an die Solidarität zu appellieren, neue Allianzen und Möglichkeiten für sozialen Protest aufzuzeigen und auf diese Weise die bestehenden Ängste abzubauen. Stattdessen steigt sie mit "Kapazitätsgrenzen" in die Diskussion ein, mit der die Frontstellung "Wir gegen die" bedient wird und damit auch noch in eine völlig falsche Richtung: Denn die eigentlichen Probleme liegen doch in der Vernachlässigung und im Schleifen des Sozialstaats.
Es ist nicht so, dass Wagenknecht diese Aspekte völlig ignoriert hätte - sie könnte immer darauf verweisen, dass sie auf den mangelnden sozialen Wohnungsbau, die Situation der Flüchtlinge vor Ort usw. aufmerksam machte. Aber das steht dann eben neben provokativen Äußerungen, die ein konfrontatives "Wir gegen die" bedienen, statt Solidarität zu fördern und Ängste abzubauen. Anders formuliert: Wenn es mir darum geht, soziale Spaltung zu vermeiden, dann sollte ich doch alles vermeiden, was einer "Wir gegen die"-Rhetorik Nahrung gibt. Verschärft wird das dadurch, dass sie ganz klar AfD-Argumente und -Motive bedient, wenn sie z.B. meint, es müsse das Ziel sein, dass Flüchtlinge wieder heimkehren (RND, 14.01.2016). (Kritisch lässt sich hier anmerken, dass in dieser Forderung ein Mangel an Empathie für Flüchtlinge aufkommt: Können wir überhaupt verlangen, dass die Menschen wieder dorthin zurückkehren, wo sie herkommen? Existiert diese "Heimat" denn überhaupt noch? Ich kann mir jedenfalls gut vorstellen, dass es manchen Flüchtlingen aus verschiedenen Gründen nicht zuzumuten ist, wieder zurückzukehren - selbst dann, wenn dort Demokratie, Rechtsstaat usw. Einzug halten.)
Zweitens ist die Debatte um Kapazitätsgrenzen schlicht unnötig – außer natürlich für die, die am "rechten Rand" fischen wollen. Zwar wird wohl niemand bestreiten, dass es theoretisch "Kapazitätsgrenzen" für die Aufnahme von anderen Menschen geben kann. Aber sind wir denn schon an einer solchen Grenze angelangt? Dass Wagenknecht immer wieder an der Behauptung festhält, es gebe "natürliche Kapazitätsgrenzen", wirkt reichlich absurd angesichts jener Länder, die gemessen an ihrer Einwohnerzahl, ihrer im BIP gemessenen Wirtschaftsleistung usw. viel mehr Flüchtlinge z.B. aus Syrien aufnehmen als Deutschland und dabei wohl noch viel eher an Grenzen stoßen müssten (Beispiel Libanon via ZEIT, 7.05.2015). Interessant ist in diesem Kontext, was die UNO-Flüchtlingshilfe unmissverständlich feststellt:
Selbst in Zeiten stark ansteigender Zahlen sind Flüchtlinge global sehr ungleich verteilt. Reichere Länder nehmen weit weniger Flüchtlinge auf als weniger reiche. Knapp neun von zehn Flüchtlingen (86 Prozent) befanden sich 2015 in Ländern, die als wirtschaftlich weniger entwickelt gelten. (UNO-Flüchtlingshilfe, Globale Trends – Jahresbericht 2015).
Nun kommt also eine als "links" bekannte Spitzenpolitikerin und spricht ohne Not (!) über hypothetische Kapazitätsgrenzen von reicheren Ländern wie Deutschland. Dass in diesem Kontext gerade linke Politikerinnen und Politiker ein ziemliches Problem mit den entsprechenden Äußerungen von Wagenknecht haben, das ist mehr als verständlich.
Fazit
Es handelt sich bei Wagenknechts Äußerungen also um alles andere als bedauerliche Einzelfälle. Dahinter steckt etwas Systematisches. Die konkrete Strategie besteht offenbar darin, zunächst entsprechende Äußerungen zu tätigen, sie danach zu relativieren und/oder als "missverstanden" darzustellen. Das war übrigens bereits bei Wagenknechts Mann Oskar Lafontaine schon so, als er den Begriff "Fremdarbeiter" benutzte, ihn danach erst verteidigte und sich davon distanzierte (Standard, 18.06.2005; Stern, 9.10.2005). Wagenknecht verfährt ähnlich und verliert sich in Spitzfindigkeiten wie die Diskussion um "Kapazitätsgrenzen" zeigt, bei der aber für jeden und jede sichtbar ist, dass Wagenknecht damit an die "Obergrenzen-Debatte" anschließen will. Es kommt nicht von ungefähr, wenn sie mit diesen Äußerungen auch Beifall von der AfD erhält.
Im Übrigen hat Wagenknecht selbst gesagt, dass sie auch diejenigen erreichen will,
die zurzeit aus Frust, aus Verärgerung über die bisherige Politik darüber nachdenken, AfD zu wählen, aber nicht, weil sie deren Parolen unbedingt gut finden, sondern wirklich nur, weil sie sagen: "Ich will deutlich machen, dass sich was ändern muss" (zitiert nach Stern, 7.01.2017).
Das ist natürlich etwas schräg. Denn wenn es nur danach ginge, "Protest" abzuholen (es muss sich etwas ändern), dann könnte Wagenknecht das auch mit "linken" Parolen machen. Da sie aber auf Wechselwählerinnen und Wechselwähler der AfD abzielt, muss (!) sie sich begrifflich in die Nähe der Neu-Rechten und Rechtspopulisten begeben.
Angesichts der Kritik sieht sich Wagenknecht einer Kampagne ausgesetzt (Tagesspiegel, 8.01.2017; siehe auch Telepolis, 10.01.2017). Die NachDenkSeiten (NDS) springen ihr zur Seite und schreiben von einer "Neujahrskampagne" (NDS, 9.01.2017). Kein Wunder, gehen die NDS doch schon länger von einer Kampagne gegen Wagenknecht aus (z.B. 28.07.2016 oder 30.09.2016, hier zur Nominierung der SpitzenkandiatInnen des Bundestagswahlkampfs 2017) und sehen "Die Linke" von außen gesteuert, fremdbestimmt oder als Opfer einer antideutschen Kampagne.
Nun kann es tatsächlich sein, dass Wagenknecht mit einer Kampagne konfrontiert ist. Und natürlich will ich auch nicht unterschätzen, was z.B. seitens antideutscher Kritik regelrecht ins Kraut schießt. Aber erstens heißt das nicht, dass jede Kritik an ihr automatisch unberechtigt sei. Und zweitens liefert sie selbst reichlich Material für die Kritik an ihr. Letzteres ist eine zwangsläufige Konsequenz daraus, dass sie die AfD-Wechselwähler erreichen will. Damit steht sie aber zielsicher bestimmten als "links" angesehen Grundwerten entgegen.
Nun ist es so, dass Wagenknecht auch oft Dinge sagt, die vernünftig klingen und die durchaus in den Kanon einer linken Politik passen. Nur ist das schon seit längerer Zeit in einen Kontext eingebettet, der mich nachdenklich stimmt. Mag am Anfang noch das Bild einer taffen, intellektuellen und versierten linken Politikerin im Raum gestanden haben, sieht es derzeit für mich danach aus, dass Wagenknecht schlicht auf ihren eigenen politischen Vorteil aus ist, indem sie u.a. rechtspopulistischen Trends hinterherjagt. Dabei scheint sie den eigentlichen linken Werten immer mehr entgegen zu stehen, was in der Folge die entsprechende Kritik in der Linken selbst auslöst. Das hat zunächst nichts mit Kampagne oder Verschwörung zu tun (obwohl diese Kritik dafür genutzt werden kann), sondern schlicht mit dem Umstand, dass Wagenknecht knallhart auf Wahlstimmenmaximierung aus ist und dabei das als "links" angesehene Wertefundament verlässt.
Vermutlich werden die einen oder anderen ähnliche Gedanken mit sich herumtragen. Es ist schlicht so, dass es irritiert und misstrauisch macht, wenn zwischen "linken" Forderungen und dem "rechten" Spielfeld herumgewuselt wird. Eine soziale Politik möchte ich ungern von Leuten umsetzen lassen, die eine "Wir gegen die"- und nationale AfD-Rhetorik bedienen.
Ob Wagenknecht mit ihrem Kurs tatsächlich Erfolg hat und viele Wahlstimmen abholt, das werden wir sehen. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass das nach hinten losgeht. Ob das dann aber im erfolgreichen Falle zu einer "linken" Politik führt, das steht für mich ebenfalls in den Sternen. Jedenfalls erwarte ich von ihr keine "linke" Politik. Aber ich lasse mich auch gerne überraschen.
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Dieser Text erschien zuerst im Blog "Krautism" und wird hier mit freundlicher Genehmigung des Verfassers wiedergegeben.
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Deutsche Demokratie
"Ein hübsches Kind, von vorn geseh'n -
Aber hinten der Zopf ist gar nicht schön!"
(Zeichnung von Helmut Beyer [1908-1962], in: "Der Simpl", Nr. 9 vom August 1946)
Einmal werden wir die Städte, die Häfen und Meere haben
und alles Land für uns und die Menschen!
Mögen sich unsere Feinde an halben Triumphen laben.
Stärker als sie ist unser Sehnen und Wünschen.
Freund, über die unendlichen Ozeane hin
grüßen wir uns wie von Kind auf bekannt!
Längst ist vergessen der einstige Sinn
von einer Grenze und einem gewesenen Vaterland.
Jeder wird lächeln über das Märchen: Jude und Christ
und wird nur noch ein Mitmensch sein!
Lang ist begraben die schmähliche List,
dass sich jeder nur selber der Nächste ist.
Einmal, ja, einmal wird die Welt unsere Heimat sein,
und Dummheit und Knechtschaft wird's nicht mehr geben.
Einmal werden nur unsere Opfer noch ewige Beispiele sein
für unser stolzes, gereinigtes Leben!
Anmerkung: Tja, so klingt das, wenn ein Sozialist, der von den Nazis verfolgt und vertrieben wurde und den Terror überlebt hat, im Jahre 1946 in einer westdeutschen satirischen Zeitschrift seine Gewissheit zur fernen Zukunft kundtut. Damals hat man darüber milde gelächelt (und vielleicht insgeheim doch sehnsüchtig gehofft) - heute wird man nur noch müde verspottet und lächerlich gemacht oder gleich ignoriert, wenn man solchen ketzerischen Gedanken nachhängt.
Die radikale Kritik am kapitalistischen System ist notwendig. Denn es ist ein falsches System, welches eigenlogisch in die Barbarei und Destruktion führt. / Das ist eine Erkenntnis, die bereits vor über einem Jahrhundert ausgesprochen wurde und nach wie vor wahr ist und Gültigkeit besitzt. Immer wieder muss diese Erkenntnis ausgesprochen werden, damit die Menschen nicht das Bewusstsein über den Zustand des Ganzen verlieren.
Zugleich wird diese Wahrheit über die Realität der Gesellschaft kollektiv verdrängt, weil sie Angst und Ohnmacht hervorruft. / Der psychoanalytisch Gebildete versteht, dass sich daraus eine kollektive Neurose entwickelt hat, deren Symptomatik Realitätsverleugnung, Wunschdenken, Projektionen usf. enthält. / Die Ängste bleiben, aber sie werden durch Rationalisierungen und wirklichkeitsferne Realitätskonstruktionen aus dem Bewusstsein verdrängt.
Genau dies kennzeichnet die heutigen Linken. Die sozialdemokratischen Linken glauben gegen jegliche historische Erfahrung, man könne den Kapitalismus "zähmen" und streben parlamentarische Mehrheiten an. Andere verschieben die Realkonflikte auf "Nebenkriegsschauplätze", wie z.B. auf Genderfragen, Homoehe etc. / Andere konstruieren sich Phantome ("Neo-Faschisten"), die sie durch idiotische Antifa-Aktionen bekämpfen, so als stünde eine Machtübernahme durch die "nationalen Rechten" vor der Tür. Dabei verleugnen sie, dass das System schon längst ein Faschismus in pseudo-demokratischer und pseudo-liberaler Verkleidung worden ist. Der Rechtsstaat ist eine Ruine wie auch die freiheitlich-demokratische Grundordnung.
Neurotiker kann man nicht argumentativ überzeugen. Denn es macht das Wesen der Neurose aus, dass ein falsches Bewusstsein konstruiert wurde und wird, welches sich gegen die Realität immunisiert hat. / Bereits Horkheimer wies darauf hin: Der Kapitalismus tendiert aus ureigenstem Prinzip zur Verbrecherherrschaft. Und diese ist heute Realität.
Die heutigen Linken sind ängstliche Menschen und haben mit den revolutionären Linken aus der Vergangenheit nichts mehr gemein. Denn diese waren starke Persönlichkeiten, mutige Kämpfer und große Denker.
Auch wenn ihre gesellschaftliche Wirksamkeit begrenzt ist, so ist es wichtig, dass die [heutigen] radikalen Kritiker des kapitalistischen Systems nicht verstummen. Denn mit ihren Beiträgen im Internet zeigen sie anderen Menschen, die zur gleichen Erkenntnis gekommen sind, dass sie nicht allein sind und helfen ihnen, nicht den Verstand zu verlieren und in resignativer Depression zu verkümmern. / Insofern besitzen die linken Schrebergärten und Schwatzbuden im Internet eine psychosoziale Funktion.
Sachlich fundierte, radikale Kritik am kapitalistischen System findet sich in unserer heutigen Gesellschaft eher "oben" als "unten". Das war auch früher nicht anders. / Marx, Engels, Luxemburg, Lenin, Trotzki, Reich, Adorno, Horkheimer, Fromm, Marcuse etc. waren Angehörige einer gebildeten Elite. / Eine systemtransformative Opposition wird sich quer zu den gegenwärtigen Klassen und Schichten entwickeln. Darauf hat übrigens auch Robert Kurz hingewiesen.
Die Verschärfung der gesellschaftlichen Widersprüche und die offenkundig de-zivilisierenden und autodestruktiven Tendenzen werden zwangläufig dazu führen, dass Teile des Establishments – und zwar die intelligentesten und kompetentesten aus dem Bereich der Funktionseliten – immer mehr in Opposition zum System geraten. Das war auch in der APO-Zeit so. Die meisten werden es heimlich tun, aber es werden mehr werden, die den Mut, das Rückgrat, das Wissen und Können sowie – last not least – die gesicherte Position und das Vermögen besitzen, öffentlich Systemkritik zu äußern. Wolfgang Streeck ist ein Beispiel dafür.
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Anmerkung von Charlie: Vielen Dank an den Urheber dieser trefflichen Analyse und Zusammenfassung! Ich stimme dem Text weitestgehend zu - einzig in der Schlussfolgerung kann ich der beschriebenen Hoffnung auf eine "systemtransformative Opposition" von "oben" nicht folgen, so gerne ich das auch täte. Dies beruht allerdings auf keinerlei wissenschaftlichen oder sonstwie belegbaren Erkenntnissen, sondern stellt lediglich mein ganz subjektives Fazit eines kapitalistischen Katastrophenjahrhunderts dar, das so viel Zerstörung, Elend, Leid, Not und Tod gebracht hat wie keines zuvor in der (relativ kurzen) Menschheitsgeschichte.
Ich halte es leider für wahrscheinlicher, dass am Ende dieses Zerstörungsprozesses ein dystopisches Staatengebilde stehen wird, das letztlich wieder in totaler Vernichtung endet bzw. enden muss - und wie diese angesichts der heute verfügbaren Waffentechnik im Vergleich zum Zweiten Weltkrieg aussehen wird, lässt sich leicht ausmalen. Doch das ist, wie gesagt, nur meine persönliche Einschätzung - es gibt viele weitere theoretische Entwicklungsmöglichkeiten, von denen allerdings aus meiner Sicht viele negativ und nur wenige positiv zu bewerten sind.
Gerade deshalb ist nach meiner Meinung eine radikale Kritik gerade in Bezug auf reformistische, pseudolinke Kreise auch in Kleinbloggersdorf so notwendig, auch wenn sie nur von wenigen zur Kenntnis genommen wird. Der Kiezschreiber hat in seinem jüngsten Beitrag aus einem Text von Trotzki aus dem Jahr 1932 zitiert: "Es gibt kein tragischeres und gleichzeitig abstoßenderes historisches Schauspiel als die bösartige Fäulnis des Reformismus inmitten der Trümmer all seiner Errungenschaften und Hoffnungen." - Treffender kann man das kaum formulieren, wie ich finde. Karl Kraus meinte 1915 in seinen "Aphorismen" gewohnt lapidar: "Der Parlamentarismus ist die Kasernierung der politischen Prostitution."
Herzlichen Dank für diesen Beitrag, wer auch immer sich hinter diesem Pseudonym verbergen mag.
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Gottvertrauen
"Halb sechs - sie muss kommen, die Weltrevolution!"
Ich bin im Laufe meines Lebens sehr gerne und sehr viel verreist. Es hat mich schon immer in die "weite Welt" gezogen, und ich durfte schon in jungen Jahren weite Teile von Europa kennen lernen. Später folgten der nahe Osten, Teile von Afrika und Südamerika, und in ganz besonderer Erinnerung wird mir stets die lange Reise mit der transsibirischen Eisenbahn bleiben, die mich von Moskau bis in die weit entlegenen Gebiete des nordöstlichen Russlands geführt hat. Darüber ließe sich ein ganzes Buch schreiben.
Entsprechend gerne lese ich hin und wieder Reiseberichte oder Reiseempfehlungen, die ich im Internet finde. So stieß ich kürzlich auf einen n-tv-Artikel, in dem eine Dame ihre Erlebnisse in Moskau beschrieb - und musste gleich mehrmals schlucken, als ich den folgenden Absatz las:
Wer auch einmal abseits der touristischen Orte links und rechts schaut, der erkennt in Moskau aber nicht nur Prunk und Luxus. Auch Armut ist an vielen Ecken sichtbar - hochschwangere Frauen betteln am Wegesrand, alte Mütterchen verkaufen Pilze und Gemüse, um ein paar Rubel einzunehmen. Sie sitzen direkt auf der Straße neben den Metrostationen. Nur wenige Kilometer vom Prachtzentrum scheint die Zeit im Kommunismus stehen geblieben zu sein, zumindest im manchen Teilen der Region Moskau. Verarmte Gegenden, Betonklötze, die man nur als ziemlich hässlich beschreiben kann. Sie stehen im krassen Gegensatz zur Schönheit, die Moskau an vielen Stellen bietet.
"Beim Barte des Propheten!", dachte ich mir - und fragte mich, ob die Dame entsprechende Passagen wohl auch über New York, Seattle, Paris, Madrid oder Essen geschrieben hätte? Denn dort gibt es selbstverständlich auch Armuts- oder gar Obdachlosenviertel, in denen Menschen tagtäglich ums pure Überleben kämpfen müssen, während ein paar Straßenzüge nebenan der architektonische Prunk vergangener Jahrhunderte zu bestaunen ist und gut situierte BürgerInnen im perversen Konsumrausch zombiegleich durch die kapitalistischen Glitzerfassaden schwanken. Wie kommt die Dame darauf, in Moskau sei der seit vielen Jahren abgeschaffte "Kommunismus" (den es ohnehin nie wirklich gab) daran schuld, während in New York - streng nach der neoliberalen Glaubenslehre - die betroffenen Menschen selbst schuld an ihrem Los und am Zerfall ihrer Stadtviertel seien?
Man kann in diesem propagandistisch verseuchten Land nicht einmal mehr einen albernen Reisebericht lesen, ohne immer und immer wieder auf dieselben antikommunistischen Dogmen zu treffen. Es wird nicht einmal mehr hinterfragt, ob das "alte Mütterchen" oder die "hochschwangere Frau" (*oh, diese Schmerzen!*), die da in emotionaler, eindimensionaler Hollywood-Manier bemüht werden, im Kommunismus vielleicht doch etwas besser gestellt gewesen wären - und ob nicht viel eher der menschenfressende Kapitalismus als Ursache für deren heutiges Elend zu benennen sei.
Solche Fragen stellt man im Propagandistan der kapitalistischen Heilslehre nicht.
"Liberal heißt im liberalen Sinne nicht nur liberal!" (Loriot)
Ein Gastbeitrag des Altautonomen
Nicht alles an der Agenda 2010 war schlecht. Aber es gibt zentrale Elemente, die den sozialen Zusammenhalt in Deutschland zerstört oder gefährdet haben, und da muss man ran. Die ganze prekäre Beschäftigung, das demütigende Hartz-System zum Beispiel. Hier sind Veränderungen dringend nötig.
(Dietmar Bartsch im Interview mit rp-online vom 28.10.2016)
Es ist nicht irgendein Hinterbänkler oder namenloses MdB aus der Provinz, der so etwas sagt, sondern der von der Basis auf den Schild gehobene Fraktionsvorsitzende der Partei DIE LINKE im Bundestag, der den Startschuss gibt für den Run auf die Futtertröge unter Aufgabe von bisher als "unverhandelbar" deklarierten Programmeckpfeilern. "Hartz IV" abzuschaffen, ist schließlich nicht mehr en vouge, wenn man sich inszestuös mit dessen Eltern ins Bett zu legen gedenkt. Mit "Veränderungen" könnte Bartsch höchstens den Verzicht auf Sanktionen meinen. Von der SPD und den Grünen ist allerdings nicht zu erwarten, dass sie es sich mit den Gönnern, Protegees und Lobbyisten, die sie bisher üppigst bedient haben, plötzlich wieder verscherzen.
Eitelkeit korrumpiert und führt nicht selten auch zum Positionswechsel
Was sich bei Bartsch verbal zugespitzt herauskristallisiert, ist die Einlösung der Tickets vieler Reform- und anderer Halblinker, auf diesen langsam anrollenden Zug "heim ins System" aufspringen zu dürfen. Wer sich als Publizist, Taschenträger, Schulterklopfer, Plakatekleber, Flugblattverteiler und fleißiger Blogger geschmeidig bei den Parteihäuptlingen anbiederte, sich entsprechend hartnäckig als pseudo-konstruktiver Kritiker des Systems oder als „schwerdenkender Parteisympathisant“ und Klugscheißer profilierte, hofft nun offenbar, dass mit dem sich intensivierenden, verlockenden Duft künftiger Diäten in einer rot-rot-grünen Koalition das Ende der eigenen Bedeutungslosigkeit und materiellen Zwangsbescheidenheit naht.
Schließlich haben linksliberale Schleimer ("Lilis") doch schon immer zu beweisen versucht, dass das kapitalistische System nicht abgeschafft werden könne, und sich gleichzeitig stets von all denjenigen dogmatisch distanziert, die bürgerliche Konservative als politisch pseudolinke Schmuddelkinder definierten: Antifa, Autonome, Anarchisten, Veganer, Feministen, Anarchisten und undogmatische radikale Linke. Völlig anders und damit nicht zu vergleichen ist ihr Umgang mit "Querfrontlern" aller Richtungen: Berührungsängste mit prominenten Vertretern diverser rechtsdrehender Grüppchen kennen sie nicht, da es angeblich so viele inhaltliche Übereinstimmungen (nicht aber mit den radikalen Linken) gebe. Beispielsweise halten sich einige Blogger offenkundig für tolerant und liberal, wenn sie auf ihren Plattformen Videos und Texte von Interviews mit Rechtspopulisten oder deren öffentlichen Reden publizieren.
Dieses Liebäugeln mit rechtspopulistischen Strömungen und die penetrante Tendenz, die Unterschiede zwischen Rechts und Links aufzuheben, zielen somit in Richtung "Querfront". Kritiker dieser unheilvollen Allianzen werden als "Spalter" und Zyniker diffamiert.
Reformistische Träume oder doch nur schnödes Eigeninteresse?
Hierarchische Verhältnisse, strukturelle Gewalt, repressive Intoleranz und das Gewaltmonopol des Staates werden von solchen "Lilis" nicht infrage gestellt, sondern als naturgegeben und verfassungskonform angebetet. Sie vergöttern die parlamentarische Demokratie als Ausdruck des Mehrheitswillens der Wählerschaft, sehen in den Gewerkschaften ein reformistisches Potenzial und träumen von der Übernahme des Staates "auf legalem Wege" anstelle sozialer Kämpfe. Die protestantische Arbeitsethik nebst der damit verbundenen Unfreiheit, Abhängigkeit und Ausbeutung ist für "Lilis" so etwas wie ein Naturgesetz. Ihre Vorstellungen vom "ökologischen und sozialen Gleichgewicht" entsprechen daher Ihrer Forderung nach "gerechter Umverteilung" statt rigoroser Enteignung (Abschaffung des privaten Eigentums an Produktionsmitteln) bzw. sozialer Revolution (Generalstreik).
Dem unvermeidlichen Vorwurf des Opportunismus' begegnen solche Leute reflexhaft mit dem Gegenvorwurf eines angeblichen Dogmatismus' der linken Kritiker, indem sie diese überheblich-spöttisch wahlweise als Vertreter der "reinen Lehre" oder als "die wahren Linken" verhöhnen. Ihre systemkonforme Liberalität mit pseudolinkem Feigenblatt bedeutet jedoch nichts anderes als dass sich diese Leute mit den Herrschenden über den Typus und die Anzahl der Opfer Ihrer "Reformen" endlich einigen möchten. Wer den unbändigen Willen der "Lilis" zur Macht bezweifelt, kann sich anhand exemplarischer Statements, Publikationen und nicht zuletzt auch Bloggertexte der letzten Zeit davon überzeugen. Diese Behauptung hier und jetzt zu dokumentieren, möchte ich mir wegen der zu erwartenden Kommentare einiger argumentationsbefreiter und kritikresistenter Leser meiner Texte ersparen.
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Anmerkung von Charlie: Es ist sehr schade, dass der Altautonome hier ganz bewusst auf die Nennung von Namen und illustrierenden Beispielen verzichtet. Mir fallen da auf Anhieb gleich reihenweise Hohlköpfe, Opportunisten, Schulterklopfer, Dampfplauderer, Papageien, esoterische Spinner und selbstverständlich ganze Legionen korrupter PolitikerInnen von der kommunalen bis zur Bundesebene ein, die man hier benennen könnte bzw. müsste - aber selbstverständlich respektiere ich die Entscheidung des Gastautors und halte mich hier entsprechend zurück.
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Lokalpolitiker
(Gemälde von George Caleb Bingham [1811-1879] aus dem Jahr 1849: "Country Politician", Öl auf Leinwand, Fine Arts Museum of San Francisco, USA.)
Die Preisverleihungsmafia in Kapitalistan ist höchst aktiv: Ob nun ein Kriegs-, Morddrohnen- und Folterpräsident wie Obama den Friedensnobelspreis verliehen bekommt oder ein Klampfen- und Sprachlegastheniker wie Bob Dylan, der nie eine einzige Zeile Literatur zu Papier gebracht hat, sich in der verwesenden Sonne des Literaturnobelpreises sonnen darf: Für eine schamlos zu unterbietende Untergrenze ist sich dieses System nie zu schade.
Vergewaltigungen sind in dieser gruseligen Szene an der Tagesordnung. Eine solche fand am 14. Oktober auch in Lübeck statt, als der Erich-Mühsam-Preis ausgerechnet an den esoterischen Schmalzbarden Konstantin Wecker verliehen wurde (einen dauerhaft gültigen Link gibt's dazu auf der Seite der Erich-Mühsam-Gesellschaft leider nicht). Man muss sich das, wie im kapitalistischen Preisverleihungswahn üblich, auf der schmelzenden Hirnrinde zergehen lassen: Ausgerechnet Wecker, der mit seinem sektiererischen Eso-Kampfblog "Jenseits der Realität" aktiv linke Spaltung betreibt und den von Erich Mühsam angestrebten anarchistischen Zielen in jeglicher Hinsicht einen esoterischen Dildo nach dem anderen in den blutigen After treibt, erhält den Erich-Mühsam-Preis.
Bob Dylans dummes Gebrabbel und Obamas Kriegsgeilheit werden hier mühelos durch Weckers schlichte Musik und Texte, die sich allzu gerne in spinnerten Eso-Sphären verlieren, ergänzt. Besonders erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die Laudatio von Christian Schwandt, die - natürlich - einzig in Weckers Eso-Blog dokumentiert wurde. Wer sollte einen solchen Bockmist denn auch sonst veröffentlichen? Es ist nun ein Wesensmerkmal einer Laudatio, dass sie keine Kritik enthält, sondern den Preisträger in allen - gerne auch absurden - Farben zu loben hat. Aber wer sich das durchliest und Mühsams Werk kennt, bekommt dennoch zuerst Pickel, dann üblen Hautausschlag, Kopfschmerzen, Durchfall, Brechreiz und muss sich zuletzt in die nächste Notaufnahme eines möglichst noch nicht privatisierten Krankenhauses begeben, um schlimmere Folgeschäden zu vermeiden.
Erich Mühsam rotiert derweil wie ein Zombie im Grabe und wünscht sich, diese verkommene, esoterisch verbrämte Welt niemals betreten zu haben.
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Lumpenlied
Kein Schlips am Hals, kein Geld im Sack.
Wir sind ein schäbiges Lumpenpack,
auf das der Bürger speit.
Der Bürger blank von Stiebellack,
mit Ordenszacken auf dem Frack,
der Bürger mit dem Chapeau claque,
fromm und voll Redlichkeit.
Der Bürger speit und hat auch recht.
Er hat Geschmeide, gold und echt. –
Wir haben Schnaps im Bauch.
Wer Schnaps im Bauch hat, ist bezecht,
und wer bezecht ist, der erfrecht
zu Dingen sich, die jener schlecht
und niedrig findet auch.
Der Bürger kann gesittet sein,
er lernte Bibel und Latein. –
Wir lernen nur den Neid.
Wer Porter trinkt und Schampus-Wein,
lustwandelt fein im Sonnenschein,
der bürstet sich, wenn unserein
ihn anrührt mit dem Kleid.
Wo hat der Bürger alles her:
den Geldsack und das Schießgewehr?
Er stiehlt es grad wie wir.
Bloß macht man uns das Stehlen schwer.
Doch er kriegt mehr als sein Begehr.
Er schröpft dazu die Taschen leer
von allem Arbeitstier.
Oh, wär ich doch ein reicher Mann,
der ohne Mühe stehlen kann,
gepriesen und geehrt.
Träf ich euch auf der Straße dann,
ihr Strohkumpane, Fritz, Johann,
ihr Lumpenvolk, ich spie euch an. –
Das seid ihr Hunde wert!
Ich habe keine Lust mehr, Blogbeiträge zu kommentieren. Ich bin diesbezüglich inzwischen so unendlich müde und gewinne mehr und mehr den Eindruck, dass die demokratisch domestizierte Linke auf fundamentale Kritik an den kapitalistischen Verhältnissen nur noch im Abwehrmodus reagieren kann und rigoros versucht, all diejenigen auszugrenzen, die nicht bereit sind, ihren Vorstellungen von einem reformistisch veränderbaren Kapitalismus zu folgen.
Die Unfähigkeit, den Kapitalismus in einem historischen Zusammenhang zu analysieren und in seinem jetzigen Stadium adäquat darzustellen, um daraus die richtigen Schlüsse für politisches Handeln zu ziehen, ist dafür typisch.
So wie ich das einschätze, ohne auf individuelle Motive ihrer Protagonisten einzugehen, haben sie ihren Kapitalismus doch unendlich lieb. Sie sind zwar nicht unbedingt blind für die sozialen Verwerfungen, aber im Sinne einer Auferstehung des Keynesianismus oder einer Variante à la Wagenknecht im Sinne des "guten alten" Ordoliberalismus nach Ludwig Erhard sind sie ernsthaft der Meinung, dass sich diese Verwerfungen bezüglich der Lohnarbeit wieder "erträglicher" gestalten ließen.
Dass der Kapitalismus aber nicht hinter eine einmal erreichte Entwicklungsstufe zurücktreten kann - z.B. Exklusion der Arbeit aus der Produktion durch konkurrenzinduzierten Produktionsfortschritt und damit einhergehend einem ständig wachsenden Ressourcenverbrauch und zunehmender Umweltbelastung -, darauf gibt es von reformistischen Linken immer nur die gleichen Antworten: Das alles sei mit dem und im herrschenden System regulierbar.
Der "Altautonome" hat hier kürzlich einen Link zu einem Beitrag von Thomas Ebermann gepostet. Ich habe ebenfalls schon einmal beim Flatter einen Link zu einem Textbeitrag von Ebermann eingestellt (siehe unten) und einiges daraus auch zitiert. Die Reaktionen darauf waren entsprechend: Gerade von linker Seite hagelte es überwiegend Abwehrreaktionen. Selbst Flatter wehrte die Kritik geschickt ab mit dem Hinweis, dass vieles von Ebermann ja zutreffend sei, dieser aber doch "wie immer krampfhaft" hinter allem nach Antisemitismus und Antiamerikanismus suche, wo keiner sei, und den er selbst nirgendwo entdecken könne.
Sorry, ich bleibe erstmal für lange Zeit bedient.
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Ein Zeitkind
[Oder: Realpolitik]
"Lasst mich aus mit Idealismus, Ehrlichkeit und so weiter. Die jetzige Zeit verlangt Politiker."
(Zeichnung von Rudolf Grieß [1863-1949], in "Simplicissimus", Heft 49 vom 04.03.1919)
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Anmerkung von Charlie: Es ist bewundernswert, dass Troptard bei diesem hässlichen Thema so sachlich bleibt. Es ist aus meiner Sicht noch hinzuzufügen, dass reformistische Kreise damals wie heute der wesentliche Grund für eine öffentlich wahrgenommene bzw. inszenierte "Spaltung der Linken" waren und sind - obgleich es diese Spaltung de facto gar nicht gibt, denn wer sich - in welcher Form auch immer - dem kapitalistischen System unterwirft, kann nach meiner Definition nicht mehr als "links" bezeichnet werden. Zur Inszenierung gehört auch der infantile Vorwurf ausgerechnet jener sich dem Kapital anbiedernden Kreise gegen antikapitalistische Linke, eben jene "Spaltung" zu forcieren, die sie tatsächlich höchstselbst betreiben. Der unsägliche Lapuente ist ein beredtes Beispiel dafür.
Wer das allen Ernstes für „linke“ Politik hält, darf sich getrost den Eselshut aufsetzen und sich zu „Berufsverbot“-Lapuente und Berger in die Schamecke gesellen. Es ist nicht zu ertragen, mit welcher Penetranz hier die Positionen der elitären, superreichen Bande (Macht-, Besitz- und Klassenerhalt um jeden Preis) vertreten und dennoch schamlos als „links“ ausgegeben werden.
Wer hier Optimismus verkündet, sitzt in drei Monaten auch debil unterm Weihnachtsbaum und wundert sich augenreibend, dass das „Christkind“ merkwürdiger Weise gar nicht kommt.
Karl Kraus ist seinerzeit noch deutlicher geworden, als er 1909 lapidar schrieb:
„Sozialpolitik ist der verzweifelte Entschluss, an einem Krebskranken eine Hühneraugenoperation vorzunehmen.“
Bergers jauchzendes Gebelle könnte glatt lustig sein, wenn es nicht gleichzeitig so traurig, anbiedernd systemkonform, intelligenzfeindlich und absolut fatal wäre. Die Quandts und Mohns klopfen ihm hämisch grinsend und wohlwollend auf die Schulter: „Weiter so, Stiefelknecht!“
@ Heldentasse: Du hast das hirnschmelzende Wort „Realpolitik“ vergessen. Schließlich wusste schon der „linke“ Helmut Schmidt, dass, wer Visionen hat, zum Arzt gehen solle.
Merkt denn tatsächlich niemand hier, dass das Herumdoktern am kapitalistischen System genauso sinnvoll ist wie das „Organisieren“ eines Stückchen Brotes im Gefangenenlager? Das hilft einer kleinen Gruppe womöglich, die nächsten Tage weiter durchzuhalten – geht aber auf Kosten aller anderen Gefangenen, während die hochwohlgeborene Herrschaft – wie immer – völlig unberührt bleibt.
Es ist im Übrigen ein wirkliches Hammerargument, dass man keine kommunistischen Veränderungen anstreben sollte, da solche vaterlandslose Gesellen „politisch gar nichts zu melden“ haben. Wann, bitte, war das in der gruseligen Geschichte des Kapitalismus denn anders? Und wie sollte das im Rahmen dieses Systems auch anders sein? Genau deshalb muss doch gerade heute endlich wieder in diese Richtung gedacht und gehandelt werden.
Das (ohnehin nicht ernst gemeinte) linke Märchen von der „Überwindung des Kapitalismus“ auf politischem Weg ist so dermaßen infantil und dumm, dass ich mir lieber tagelang Serienfolgen der „Biene Maja“ reinziehe.
Da sprüht der Optimismus doch feuerwerksgleich aus allen Poren – die Linkspartei oder Gestalten wie der greise Herr Corbyn werden es gewiss richten.
Und jetzt schauen wir wieder dem Sandmännchen, dem Dauergast in den vernebelten Hirnwindungen der Bergers und Lapuentes, zu.
Der "Sozialdemokrat" Corbyn wird bejubelt, der Linke Ebermann wird ignoriert oder gar niedergemacht - allein diese kleine Anekdote erzählt schon weite Teile des gruseligen Märchens von der "Spaltung der Linken".
Ich bedaure es zutiefst, dass Menschen wie Troptard oder auch der Altautonome beschlossen haben, sich künftig in Kleinbloggersdorf nicht mehr oder nur noch selten zu Wort zu melden. Es war in den letzten Jahrzehnten doch nie so wichtig wie heute, gerade diese kritischen Stimmen zu hören und dem zunehmenden Abdriften der Linken in den übelriechenden, kapitalistischen Einheitsbrei etwas Substanzielles - also etwas Linkes - entgegenzusetzen.
Die heutige Buchempfehlung der Gebrüder Arkadi und Boris Strugazki, auf die ich an anderer Stelle schon Bezug genommen habe, gehört heute längst zum Fundus der Weltliteratur. Der Suhrkamp-Verlag beschreibt diese ausgesprochen aktuelle Erzählung im Klappentext mit den folgenden Worten:
Die erste Invasion der Marsianer fand bekanntlich in H.G. Wells Roman "Krieg der Welten" (1898) statt. Wells' Marsianer überfielen die Menschheit mit Hitzestrahlen und Kampffahrzeugen, und sie ernährten sich vampirisch von menschlichem Blut. Die "Marsianer" der Strugazgis gehen weit weniger gewaltsam, dafür aber noch heimtückischer vor. Ihre Invasion vollzieht sich unversehens, heimlich und leise. Durch Flüsterpropaganda und eine Flut von Gerüchten geht der Mensch seiner Rolle als "Krone der Schöpfung" verlustig, und aus rein opportunistischen Erwägungen lässt er sich die Herrschaft der "Marsianer" willig gefallen.
Die Kölnische Rundschau resümierte - freilich, wie sollte es auch anders sein, viel zu kurz und simpel gedacht - über diese Erzählung:
Eine Groteske in Science-Fiction-Manier, eine Parabel der Feigheit und Anpassung. Die beiden Russen knüpfen in ihrer Erzählweise an die große Tradition ihres Landes an, an Gogol zum Beispiel.
Es versteht sich von selbst, dass - in guter Science-Fiction-Tradition - mit den "Marsianern" hier gewiss keine grünen Männchen vom Nachbarplaneten gemeint sind - das Büchlein ist nichts anderes als eine wunderbare Parabel auf die absurden Verwerfungen und Deformierungen, die der Kapitalismus unweigerlich und äußerst logisch in der menschlichen Gesellschaft unserer Zeit produziert. Bei der Lektüre dieser Erzählung drängen sich die hohlen Phrasen der Merkels, Gabriels, Petrys, Özdemirs et al. förmlich und schmerzhaft auf - es lässt sich hier Wort für Wort nachlesen, wie eine Gesellschaft sich vollkommen ohne Zwang und Not willfährig einem zerstörerischen Katastrophen-Regime ausliefert und dabei nicht müde wird, immer wieder unbeteiligte Dritte für das allmählich immer stärker werdende Fiasko und den zunehmenden Verfall verantwortlich zu machen.
Auch Wells' Vorlage war bereits eine deutliche Kapitalismuskritik, was von den vorhandenen, schaurigen Hollywood-Adaptionen dieses Buches konsequent verschwiegen und sogar ins - teilweise gar patriotisch verbrämte - Gegenteil verkehrt wurde. Diese Version der Strugazkis aber lässt keinen Zweifel mehr zu und hält der vom Kapitalismus verblendeten Menschheit standhaft den Spiegel vors egoistisch verzerrte Gesicht und beschreibt detailliert den Niedergang und Verfall einer eigentlich empathischen, zu sozialem Verhalten fähigen Spezies.
Dieses Buch sollte eine Pflichtlektüre an den Schulen sein - ein Wunsch, der inmitten des kapitalistischen Untergangs mindestens ebenso utopisch anmutet wie die allgemeine Erkenntnis, dass es schlicht und ergreifend der Kapitalismus ist, der unseren Planeten in Terror, Krieg, Hunger, Agonie, Religiotismus und letztlich gewiss in die Auslöschung führt.
(Arkadi und Boris Strugazki [1925/1933-1991/2012]: "Die zweite Invasion der Marsianer", Erzählung, 1967; dt. 1973)
Gestern vor 60 Jahren - am 17. August 1956 - hat das kapitalistische Nachkriegsregime eindrucksvoll gezeigt, welchen Weg es einschlagen wird. Gut versteckt beim WDR war dazu gestern ein hübscher Text zu lesen, den ich sehr empfehlen will. Es geht darin um das Verbot der KPD in Westdeutschland und die Entwicklung, die bis zum besagten Datum dahin geführt hat. Die braune, kapitalistische Gülle quoll schon damals aus allen Nähten - und selbstverständlich war neben der CDU auch die SPD maßgeblich daran beteiligt. - Ich zitiere in Auszügen:
Kaum hat sich die junge Bundesrepublik eine Verfassung gegeben, setzt sie Grenzen, wer von der darin festgeschriebenen Meinungsfreiheit Gebrauch machen darf. Im September 1950 schürt Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) in seiner Regierungserklärung die Angst vor der Roten Gefahr: "Sie werden gleich einen Kabinettsbeschluss hören, den wir heute Morgen gefasst haben und der zum Ziele hat, alle Anhänger des Kommunismus aus den Stellen der Bundesrepublik - seien sie als Arbeiter, als Angestellte oder Beamte tätig - rücksichtslos zu entfernen."
Der "Erlass gegen Verfassungsfeinde" ist zwar neutral formuliert, aber seine Stoßrichtung ist klar: Von den darin genannten Organisationen sind elf kommunistisch, aber nur zwei rechtsextrem. Der Erlass bildet den Auftakt zu weiteren juristischen Maßnahmen gegen die linke Opposition. Im Visier hat Adenauer nicht nur die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) und deren Sympathisanten, sondern auch den Widerstand der Bevölkerung gegen die von ihm angestrebte Remilitarisierung der Bundesrepublik. (...)
Um Linke im eigenen Land zu bekämpfen, beschließt der Bundestag im August 1951 mit den Stimmen der SPD das erste Strafrechtsänderungsgesetz. Nun kann neben "Hochverrat" und "Landesverrat" auch "Staatsgefährdung" geahndet werden. (...)
Am 17. August 1956 ist es schließlich soweit: Am Vormittag erklärt das Bundesverfassungericht die KPD für verfassungswidrig und verbietet die Partei. In allen großen westdeutschen Städten stehen Polizeikommandos bereit, um das schon lange vermutete Urteil umzusetzen. Bis zum Nachmittag werden 199 Parteibüros durchsucht und geschlossen, Druckereien beschlagnahmt, Propagandamaterial sichergestellt, Zeitungen verboten, das Parteivermögen eingezogen und Funktionäre verhaftet. Max Reimann, der KPD-Vorsitzende und andere Führungskader haben sich bereits in die DDR abgesetzt, um ihrer Festnahme zu entgehen. KPD-Mitglieder, die in der Bundesrepublik bleiben, haben auch finanzielle Sanktionen zu befürchten. So wird zum Beispiel Heinz Renner - der wie Reimann als Mitglied des Parlamentarischen Rates an der Ausarbeitung des Grundgesetzes beteiligt gewesen ist - seine Rente als NS-Geschädigter wegen seiner KPD-Zugehörigkeit rückwirkend aberkannt.
Das KPD-Verbot trifft nicht nur Kommunisten: "Alles, was nicht in die Richtung der Adenauerschen Politik passte, wurde in den kommunistischen Verdacht gebracht", sagt Rechtsanwalt Hannover. Der Gummiparagraph "Verstoß gegen das KPD-Verbot" sei auf alle möglichen, vermeintlich linksmotivierten Tatbestände angewendet worden. Bis 1968 gibt es über 125.000 staatsanwaltschaftliche Ermittlungen und rund 10.000 Verurteilungen. Im Kalten Krieg habe es allerdings nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in der DDR politische Justiz und Unrechtsurteile gegeben, sagt Jurist Hannover. Während aber die Opfer der DDR-Justiz per Gesetz entschädigt worden seien, sei das in der Bundesrepublik nicht geschehen.
Es versteht sich fast von selbst, dass die SPD unter Willy Brandt mit dem "Radikalenerlass" sechzehn Jahre später in dieselbe gruselige Kerbe gehauen und kommunistische Tendenzen im "Wirtschaftswunderland" (oh, diese Schmerzen!) damit nachhaltig ausgemerzt hat. Es ist genau diese Freiheit, die sie seit spätestens 1950 meinen: Die Freiheit des Kapitals - und wer dagegen opponiert, ist ein Feind, wird verboten und im Zweifel inhaftiert.
Es ist ist äußerst erhellend, sich diese kleine Geschichtslektion zu gönnen und ausführlich darüber nachzudenken - das gilt ganz besonders für all die Unterstützer und Fans der Nachdenkseiten und ähnlicher pseudolinker Blogs, die den zerstörerischen Kapitalismus allenfalls "regulieren", nicht aber rückhaltlos abschaffen wollen. Merkt ihr etwas, ihr Müllers, Bergers und Lapuentes?
Es ist höchste Zeit für eine Revolution. Stattdessen beschäftigt sich die Mehrheit der hiesigen Bevölkerung aber ständig - und ausschließlich! - mit "Pokemon Go", den "kriminellen Flüchtlingen" und - wie immer - mit Fußball & Co. Kann mir jemand nachvollziehbar erklären, weshalb diese Menschheit nicht dem Untergang geweiht sein sollte? Mir fällt nämlich zur Entlastung allmählich nichts mehr ein.
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(Titelblatt der "Roten Fahne" vom 22. Februar 1919 anlässlich der Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs)
Schon lange wollte ich mal etwas über mein Lieblings-Universum aus der Science-Fiction-Welt schreiben, dem durch die vergifteten Sargnägel der jüngsten drei Kinofilme endgültig das Leben entzogen schien. Spielfilme waren ja - bis auf wenige Ausnahmen - ohnehin eher eine minderwertige Randerscheinung in diesem Universum, aber seit dem "Reboot" 2009 kann man diesen Teil ohnehin nicht mehr ernst nehmen, sondern getrost in der Hollywood-Akte "Profit ist unser Gott, Halleluja" abheften bzw. in den Müll schmeißen.
Bezüglich der Serien war das - zumindest zu Beginn - noch anders. Die erste Serie will ich hier nicht weiter besprechen, dazu gibt es haufenweise lesenswerte Betrachtungen. Der erste Neustart mit der "nächsten Generation" und dem Captain Jean-Luc Picard in den 80er Jahren hat ein neues Zeitalter - und eine neue Qualität - in die Welt der Föderation der vereinten Planeten gebracht, die es zuvor in keiner anderen populären Nischenwelt gegeben hat. Sicherlich gab es auch hier manch redundante Folge und die eine oder andere Nerverei (beispielsweise den aalglatten Aktenkofferträger Wesley Crusher), unterm Strich aber kann man reinen Gewissens behaupten, dass die Charaktere und Geschichten dieser Serie wegweisend waren. Die Episoden, die sich beispielsweise mit den Menschenrechten des Androiden Data, mit den kapitalistischen Ferengi, mit den philosophisch-humorvollen Dialogen zwischen Picard und "Q" oder mit der Entwicklung des martialischen Klingonen Worf befassen, gehören zum besten, was Star Trek hervorgebracht hat.
Ein erster Dämpfer war dann bei "Deep Space Nine" zu spüren: Auch hier gibt es sehr viele gute, aber leider auch fast ebenso viele dämliche Folgen, die sich mit religiösem Tand und einer der uninteressantesten Spezies des Star-Trek-Universums, nämlich den Bajoranern und der gähnend langweiligen Figur der Kira befassen. Was haben dieses unsägliche Thema und diese religiöse, dumme Tusnelda samt allen mystischen Verklärungen hier verloren? Zum Glück gibt es aber auch hier genügend alternative Folgen - insbesondere die Stellvertreter unserer heutigen lächerlichen Welt, die Ferengi, haben hier wahre Glanzmomente, die man auf jedem "Wirtschaftstreffen" den albernen Schlips-Borg in Davos zeigen sollte.
Diese Fehler bügelt die nachfolgende Serie "Voyager" aber wieder aus und sie reiht sich uneingeschränkt wieder in die Qualitätsgeschichte ein. Hier gibt es aus meiner Sicht nur ganz wenige Folgen, die zu kritisieren wären - der überwiegende Teil greift wiederum - manchmal ernst, manchmal humorvoll, manchmal sehr subtil - bedeutende Themen auf, die ansonsten in solchen Serien und Filmen nicht vorkommen. Nervige Figuren wie Neelix kann man getrost ausblenden. Ich kann mir die gesamte Serie heute immer noch mit viel Gewinn ansehen.
Dann kam lange Zeit nichts - bis Captain Archer in der Serie "Enterprise" wieder auf große Fahrt ging. Das war ein Fehlstart, der sich gewaschen hat: Diese Crew ist viel zu "amerikanisch" und hat - völlig zu recht - am Anfang viele ZuschauerInnen vergrault. Erst ab der dritten Staffel wurde das Szenario besser und steigerte sich kontinuierlich - aber die vorzeitige Absetzung war trotzdem nicht mehr aufzuhalten. Hier hätten die Macher, sofern sie über ein gewisses Maß an Weitsicht verfügten, bereits erkennen können, was geschieht, wenn sie das kosmopolitische Konzept von Star Trek über Bord werfen. Von der Verballhornung der Vulkanier, die in dieser Serie fast schon absurde Ausmaße annimmt, will ich lieber schweigen.
Und nun gibt es also Pläne für eine weitere Serie, von der aber noch nicht sonderlich viel bekannt ist. 2017 soll es soweit sein. In der Süddeutschen war beispielsweise im November 2015 zu lesen:
Die Voyager-Kapitänin Kathryn Janeway war eine frühe weibliche Führungsfigur und der Klingone Worf gab über zwei Serien hinweg ein spannendes Beispiel für gelungene Integration. / Das war nicht alles, was Star Trek utopisch [sic! - gemeint ist wohl eher vorbildlich, Anm.d.Kap.] gemacht hat. Auch gesellschaftlich hatte es den großen Entwurf parat: Jeder Mangel ist überwunden, Geld abgeschafft, das Essen kommt aus dem Replikator, und in der Freizeit kann man auf dem Holodeck alle nur denkbaren Fantasien ausleben. Die Welt der Vereinigten Föderation der Planeten ist eine Art Luxus-Kommunismus [sic!], in der jeder seine Leidenschaft zum Beruf machen kann. Nur der Wissensdurst der Menschen ist nicht stillbar. Jede andere Form von Gier hat ihren Sinn verloren. / Utopien zu entwickeln, heißt, der Welt noch eine Chance zu geben. Sich für sie zu interessieren und darüber nachzudenken, wie man sie besser machen könnte. Star Trek hat das immer getan. Nicht nur mit Technik, sondern in seinen besten Momenten immer auch durch Begegnungen mit dem Fremden, das das Eigene herausfordert, in Frage stellt oder auch seinen Wert unterstreicht.
Das sind starke Worte. Den hirnzersetzenden Begriff "Luxus-Kommunismus" lasse ich hier mal unkommentiert - er dürfte von geneigten LeserInnen ohnehin als systemkonformes Bullshit-Bingo erkannt werden. - Ob die Star-Trek-Macher diesem formulierten Anspruch tatsächlich einmal mehr gerecht werden können, wird sich zeigen - ich habe leider arge Zweifel daran, lasse mich aber höchst gerne eines Besseren belehren.
Den Beginn des heute gar nicht mehr so furchtbar utopischen Romans "Die Kuppel der Hoffnung", den der sowjetische, nicht unumstrittene Autor Aleksandr Kazancev im Jahre 1980 (dt. 1984) veröffentlicht hat, zieren gleich mehrere bedenkenswerte Vorbemerkungen und Zitate - ich konzentriere mich hier jedoch auf das Zitat Goethes, das dem unmittelbaren Beginn des vom Autor als "Traumbuch" bezeichneten Science-Fiction-Romans, nämlich dem ersten Kapitel ("Ein Feind des Hungers - Unser tägliches Eiweiß") vorangestellt ist:
Es gibt nur wenige Menschen, deren Fantasie auf die Wahrheit der realen Welt gerichtet ist. Gewöhnlich ziehen sie es vor, in unerforschte Länder zu entweichen und in Verhältnisse, von denen sie nicht die geringste Vorstellung haben und welche die Fantasie auf die wunderlichste Weise ausschmücken kann.
Dies ist in der Tat das Programm dieses ungewöhnlichen Romans, der sich mit dem Hunger in der Welt, seiner Bekämpfung und damit - wen wundert's angesichts der Herkunft des Autors und der Zeit der Entstehung - selbstverständlich auch mit den bösen Auswirkungen des Kapitalismus beschäftigt: Kazancev hat nämlich eine sehr genaue Vorstellung vom Thema seines Romanes und präsentiert dem geneigten Leser ein profundes Wissen über Zusammenhänge und Selbstverständlichkeiten, die unseren heutigen Massenmedien ferner sind als die übernächste Galaxie.
Im Klappentext heißt es:
"Den Wissenschaftlern aller Länder ist klar, dass es keine Raumfahrt, keinen Flug zu den Sternen geben wird, solange die Probleme der Erde nicht gelöst sind, allen voran Problem Nummer eins: der Hunger. Auf nationaler Ebene jedoch lässt es sich nicht lösen, internationale Zusammenarbeit ist dazu nötig, und die Forscher müssen dem Zugriff und dem Einfluss der Getreidemultis und anderer Privatinteressen entzogen sein, die mit dem Hunger der Welt ihre Geschäfte machen.
Einer Gruppe internationaler Wissenschaftler gelingt es, die UNO für ein gigantisches Projekt zu interessieren und es in Angriff zu nehmen: Eine Forschungsstation im Eis der Antarktis, geschützt durch eine riesige Kuppel, in der Forscher aus allen Ländern der Erde (...) an der Herstellung künstlicher Nahrung auf der Basis von Kasein, Soja-Öl und Candida-Hefen arbeiten sollen.
Doch was als geschütztes Refugium geplant war, erweist sich als verletzliches Gebilde, das die Gegner des Projekts mit allen Mitteln zu sabotieren und zu vernichten bestrebt sind: Die Kuppel der Hoffnung."
Wir können heute, 36 Jahren nach der Erstveröffentlichung dieses Buches, allenthalben verfolgen, wie "Getreidemultis und andere Privatinteressen" den Hunger in der Welt geflissentlich zu ihrem eigenen Profit zementieren und ausbauen - sogar gänzlich ohne ein ehrgeiziges, wenn auch nicht unumstrittenes Projekt wie die "Kuppel der Hoffnung".
Der Roman regt in vielerlei Hinsicht zum Nachdenken an - beispielsweise ob es tatsächlich eine Lösung sein kann oder sollte, künstliche Nahrung, wie sie heute ja schon vielfach industriell produzierte Grusel-Realität im Sog des Profitzwangs ist, zu präferieren - und bietet darüber hinaus viel Spielraum für gedankliche Alternativen zum zerstörerischen Kapitalismus. Auch über den Schluss des "Traumbuches" kann man trefflich streiten - aber ich will nicht spoilern und verrate hier nichts weiter.
Fakt bleibt aber: Im Jahre 2016 gibt es nichts, das auch nur annähernd eine Bezeichnung wie "Kuppel der Hoffnung" verdiente - heute müssen wir uns längst wieder mit Begriffen wie "Szenario der möglichst wenigen Toten" oder "Wenn schon Hunderttausende Hunger leiden und sterben, soll das wenigstens nicht vor meiner Haustür geschehen" zufrieden geben. Und der grausige Abgrund rückt unaufhaltsam näher, für uns alle.
Und die "Elite" schlemmt und lacht weiter in ihren Luxusvillen an den schönsten, für alle anderen Menschen selbstredend verbotenen Orten dieses sterbenden, schreienden, traumlosen Planeten.
(Aleksandr Kazancev [1906-2002]: "Die Kuppel der Hoffnung", 1980, dt. Heyne 1984)
Gestern hat der Gärtner in seiner "Sonntagsfrühstücks"-Kolumne mal wieder ordentlich vom Leder gezogen: Thema waren diesmal die jüngsten, nur noch als völkisch zu betrachtenden Äußerungen von Fleischtopfschöpfer Sigmar Gabriel und die nicht minder widerwärtige Kommentierung der jüngsten, wie immer grotesken Ergüsse des Freiheitsapostels Gauck durch die ebenso fürstlich entlohnte Kuhjournalistin Constanze v. Bullion in der Süddeutschen. Der scharfzüngige Text ist, wie fast immer, äußerst empfehlenswert und erhellend.
Gärtner resümiert - und dieses Zitat muss einfach sein, weil es wie kaum ein anderes ein grelles, aufklärendes Licht auf die schauderhafte Gedanken- bzw. Propagandawelt der Neoliberallalas aus der Politik und der Journaille wirft:
Dass die Volksgenossen in dieser wunderbar nationalen Stimmung ("Asylpaket II") dann ganz konkret zur Supergefährlichkeit neigen, schiebt unsere linksliberale, dem Standort Deutschland ebenso treu ergebene Qualitätspresse dann vorsorglich auf einen Sozialismus, der, statt wie üblich die Menschen brutal dem gleichmacherischen Kollektiv zu unterwerfen, neuerdings den Glauben ans Teilen verhöhnt (!), und wieder stimmt das Wort des völkischen Antibolschewisten Goebbels: dass nämlich die unverschämtesten Flunkereien am ehesten geglaubt werden. / Und eben die sind die supergefährlichsten. Wer nicht gerade Sigmar Gabriel, Constanze v. Bullion oder sonst eine korrupte Figur ist, weiß das.
Mir fällt zu diesen völlig durchgeknallten Paralleluniversumsbewohnern nichts mehr ein - außer der Feststellung, dass sie keineswegs allesamt so unsäglich dumm sein können, dass sie gar nicht bemerken, wie weit sie sich inzwischen von jeder auch nur mühsam zu konstruierenden Realität entfernt haben. Mit anderen Worten: Die tun das mit voller Absicht und wider besseres Wissen.
Gärtner hat vergessen zu erwähnen, dass die übrige rechte Bande von CDU/CSU die völkisch-nationalen Pseudoforderungen Gabriels, die dieser als Vorsitzender der maßgeblichen Hartz-Terror-Partei selbstverständlich nicht ernst meint (es ist schließlich Wahlkrampf), strikt zurückgewiesen hat - für das asoziale Pack Merkel, Seehofer, "die Misere", Schäuble & Co. kommt eine pervertierte Menschenfreundlichkeit nicht einmal dann in Betracht, wenn sie nur Arier "deutsche Volksgenossen" betreffen soll.
Was ist das bloß für eine widerliche Bagage, quer durch die komplette kapitalistische Einheitspartei samt der begleitenden Propagandapresse!
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Dichter und Denker
"Wenn sich ein Minister bloß satt isst, ist er ein Sparer. Und wenn ich nicht verhungere, bin ich ein Verschwender."
Zum Wochenende möchte ich einen dringenden Lesetipp loswerden, der dabei hilft, so manche dunkle Gedankenwolke zu erhellen und die aktuellen Katastrophen und Untergangsszenarien im sich auflösenden Europa ein wenig besser zu verstehen. Dieser Text von Rainer Trampert sei jedem ans Herz gelegt, der sich verzweifelt fragt, warum diese Welt heuer einmal mehr - wie stets begleitet von populistischen, allzu schrillen, grotesk-stumpfsinnigen Erklärungsversuchen, die allesamt nichts mit der Realität zu tun haben - am Abgrund hängt.
Das ist keine leichte und erst recht keine erfreuliche Lektüre - aber sie hilft ungemein beim Verständnis. Ich könnte gleich abschnittsweise aus diesem Text zitieren, und auch wenn in wenigen Detailfragen durchaus die eine oder andere Kritik angebracht ist, beschränke ich mich hier auf das Fazit des Verfassers und hoffe, dass auch der sehr lesens- und bedenkenswerte, äußerst informative Rest von möglichsten vielen Menschen gelesen wird. Trampert resümiert:
Durch die historischen Niederlagen und Deformationen der kommunistischen, anarchistischen, sozialistischen und emanzipatorischen Visionen und Kämpfe fehlt heute das Korrektiv, das die religiös-fanatischen, nationalen, marktkonformen, ethnischen, tribalen, männerkultigen, rassistischen und faschistischen Wucherungen bremsen könnte.
Linke haben mitgeholfen, sich zu demontieren. Postmodern Gewordene ersetzten die Kritik an der Klassengesellschaft durch den Konsum und den positiven Geist, Linkskeynesianer erzählten, ein böser Neoliberalismus sei über die Menschheit gekommen. Demnach müsste es vorher einen guten Kapitalismus gegeben haben, zum Beispiel den in den "sozial-staatlichen keynesianisch geprägten sozialdemokratischen Jahrzehnten nach 1945" (Altvater), zu dem auch Helmut Kohl mit seiner geistig-moralischen Wende zurück wollte. In der Krise flüchteten Linke sich in die Kritik der Finanzen, adelten so die Ausbeutung und Entfremdung der Menschen im Mehrwertbetrieb und schoben alle Schuld auf New York, Finanzen, Banken, Spekulanten und benutzten auch all die anderen antisemitisch konnotierten Begriffe.
Hier ist prägnant zusammengefasst, was all die kurzsichtigen, durch ihren jeweiligen (durchaus unterschiedlichen) Tellerrand eingesperrten Pseudokritiker des kapitalistischen Wahnsinns - von "Pegida" über "Propagandaschau", "Ken Jebsen" und "Nachdenkseiten" bis hin zu den aktuellen politischen Karikaturen von den Grünen, der SPD und der Linkspartei - eint. Selbst den esoterischen Realitätsverweigerern bzw. Sektierern ist ein kleiner Nebensatz gewidmet.
Ich habe zwar wenig Hoffnung, dass dieser gute Text, der auch in der Jungle World erschienen ist, die richtigen bzw. eigentlich erforderlichen LeserInnen finden wird, möchte aber trotzdem meinen bescheidenen Beitrag zur Verbreitung leisten. Wenn auch nur ein Depp der "Pegida"-, "Jebsen"- oder "Propagandaschau"-Fraktion oder ein Fanboy/-girl der "Nachdenkseiten", des "Spiegelfechters" oder der Linkspartei zum eigenständigen Denken und Verstehen auch jenseits des individuellen Horizontes angeregt wird, wäre schon etwas - wenn auch nicht viel - gewonnen.
Das rassistische Hohlkopfvirus erlebt momentan quer durch alle genannten Fraktionen eine widerwärtige Renaissance, die ich selbst in meinen schlimmsten Albträumen nicht für möglich gehalten habe.
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Der letzte Demokrat
"Der liebste Platz, den ich auf Erden hab', das ist die Rasenbank am Elterngrab."
Linke verweisen - angesichts des hierzulande deutlich in Richtung eines totalitären Überwachungs- und Repressionsstaates driftenden Trends - in einigen Medien- und Blog-Kommentarspalten immer wieder gern auf die verfassungsrechtlich verbrieften Rechte wie z.B. die Meinungsfreiheit, die Versammlungsfreiheit, das Recht auf Widerstand und die unantastbare Würde des Menschen (letztere ist auch eine gern genutzte Vokabel der "politischen Elite", wenn es darum geht, Bundeswehr- bzw. Kriegseinsätze zu rechtfertigen).
Das Grundgesetz der BRD zeigt sich - einschließlich der daraus resultierenden Gesetze, Verordnungen und Satzungen - aber immer mehr als genau das Instrument, mit dem sich das kapitalistische Herrschaftssystem seine Privilegien mehr und mehr zu Lasten der Mehrheit sichert. Wer mit den Augen der 80er Jahre einen analytischen Blick auf die heutigen Zustände des "wiedervereinigten" Deutschlands wirft, wird mit Entsetzen festellen, dass die Verfassung im Kern nicht mehr das Papier wert ist, auf dem sie einst geschrieben wurde.
Zum Thema "Geschichte und Zukunft der antideutschen Linken" gab es im Jahr 2010 eine im Rahmen einer Veranstaltungsreihe geführte Podiumsdiskussion des Bündnisses "...ums Ganze", aus der ich das Statement von Thomas Ebermann hier einmal mit eigenen Worten wiedergeben und zur Diskussion stellen möchte (das komplette Gespräch ist 2 1/2 Stunden lang):
In den 80er Jahren war es nur schwer denkbar, dass Deutschland einst aus rein nationalem Interesse wieder Kriege führen wird. Wer so etwas prognostizierte, wäre als Spinner belächelt und nicht nur von Linken nicht ernst genommen worden. Das nach 1945 postulierte "Nie wieder Krieg!" wurde aber inzwischen der Lächerlichkeit preisgegeben. Einsatzbefehle erteilt das Parlament heute innerhalb weniger Tage.
Es gab so etwas wie einen "linksliberalen deutschen Stolz", als Lehre aus den Erfahrungen des Nationalsozialismus - und teilweise auch unter dem Druck der Alliierten - ein vergleichsweise humanes Asylrecht in die Verfassung aufgenommen zu haben. (In einem Gastbeitrag bei Klaus Baum habe ich versucht zu begründen, warum auch sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge historisch betrachtet als politisch Verfolgte gelten.) Dieses Recht wurde nach 1989 total geschliffen. Niemand unter den Linken hätte in den 80er Jahren auch nur im Geringsten vermutet, dass eine humane und humanistische Katastrophe im Umgang mit Flüchtlingen, wie sie heute beispielsweise mit dem Begriff "Lampedusa" öffentlich verknüpft ist, einmal Realität werden könnte. Heute haben wir ein Asylrecht, das auf dem Grund des Mittelmeeres die Leichen der Geflohenen stapelt. Hätte ein Linker vor der "Wiedervereinigung" so etwas an die schwarze Wand der Zukunft gemalt, wäre er einfach nur ausgelacht worden. Kassandra wäre dagegen eine Heilsversprecherin gewesen.
Bis Ende der 80er Jahre gab es in Deutschland faktisch keine Zwangsarbeit (Reichsarbeitsdienst), wie man sie aus der Zeit des Nationalsozialismus kannte. Niemand, der Sozialhilfe, Arbeitslosengeld oder Arbeitslosenhilfe bekam, wurde zur Arbeit gezwungen. Auch dies war nach 1945 die verfassungsrechtliche Umsetzung einer wichtigen Lehre aus dem Faschismus: Niemand, der staatlich alimentiert wurde, war zu einer "Gegenleistung" verpflichtet. Selbst bis in die CDU hinein war die feste Überzeugung gewachsen, dass es so etwas wie Zwangsarbeit nie wieder geben dürfe. Und nach der Jahrtausendwende waren es ausgerechnet die SPD und die Grünen, die mit der "Agenda 2010" - in trauter Kontinuität zum "alternativlosen" Thatcherismus und sogenannten "Lambsdorff-Papier" - den Arbeitszwang, selbst bei drohendem oder bereits vollzogenem Entzug des lächerlich geringen Existenzminimums (staatlich verordneter Hungertod?), wieder einführten.
Auch anhand weiterer Beispiele aus dem Grundgesetz (allgemeiner Gleichheitsgrundsatz, Rechtsstaatlichkeit, Einsatz der Bundeswehr ausschließlich zu Verteidigungszwecken im Angriffsfall etc.) lassen sich die vorgenannten, seinerzeit als alarmistisch und übertrieben angesehenen Prognosen anhand der heutigen Realität schlüssig belegen.
Verfassungspatriotismus ist heute die Identifikation mit dem Nationalstaat in seiner heutigen Verfasstheit [und damit eine typisch kapitalistische Perversion bzw. Degeneration - Anm.v.Charlie].
Zum "Tag der deutschen Annexion" möchte ich gerne auch etwas beisteuern und benutze dazu ein Stöckchen, das mir gar nicht zugeworfen wurde. Mechthild hat in ihrem Ein-Euro-Blog einen hübschen Fragebogen veröffentlicht, der zwar bloß dumpfe Reklame ist und sich an die BewohnerInnen der "neuen Bundesländer" richtet, zu denen ich nicht gehöre, allerdings erscheinen mir die Fragen doch ebenso relevant für einen ollen Wessi wie mich. Die vorgegebenen Antworten ignoriere ich dabei geflissentlich.
1. Wo haben Sie die Feiern zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 erlebt?
Ich erinnere mich gut an diesen schwarzen Tag - die Wochen zuvor habe ich gemeinsam mit anderen langhaarigen Bombenlegern, Autonomen und Linksradikalen damit verbracht, in der miefig-spießigen Kleinstadt, in der ich damals lebte, Plakate und Aufkleber mit dem Titel "WIDER Vereinigung!" zu verbreiten. Wir hatten viel Spaß damals - wir haben gesoffen, gekifft, Bullen verarscht und Spießern in die gepflegten Vorgärten gekotzt. Es war eine wunderbare Zeit. Der 3. Oktober war so etwas wie der Montag nach einem Partywochenende - ich war zu dieser Zeit Zivi und habe den Tag damit verbracht, völlig verkatert alten Menschen beim Essen, Anziehen und meist zähflüssigen Stuhlgang zu helfen. Das war weniger spaßig, dafür aber immerhin sinnvoll.
2. Welches Ereignis im Verlauf der Wiedervereinigung hat Sie am meisten berührt?
Äh ... keines. Ich fand die Annexion damals schon scheiße und habe bislang noch keinen Grund gefunden, diese Beurteilung zu revidieren. "Berührt" hat mich vielleicht noch das Geschleime Kohls, der sich als "Kanzler der Wiedervereinigung" feiern ließ, weil mir davon jedesmal, wenn ich es hörte, so schlecht wurde, dass ich kaum an mich halten konnte. Das war allerdings damals - bezüglich Kohl - keine Besonderheit, sondern die Regel.
3. Was ist Ihrer Meinung nach in den Neuen Bundesländern heute besser als in der DDR?
Das ist leicht zu beantworten: Den wenigen Superreichen, die es heute in den "neuen Bundesländern" gibt, geht es heute prächtig - sie werden gemästet, gebauchpinselt und verwöhnt, als gäbe es kein Morgen. Den allermeisten anderen, also der Mehrheit, geht es schlechter. Früher gab es keine "Reisefreiheit" - heute gibt es für die meisten keine "Reisemöglichkeit" mehr, weil schlicht die Kohle dafür fehlt. Jeder darf sich selber die Frage beantworten, was schlimmer zu ertragen ist: Wenn man nicht reisen darf - oder wenn man nicht reisen kann. Außerdem hat sich die Sache mit der "Reisefreiheit" inzwischen längst relativiert, denn Hartz-Terror-Opfer dürfen auch heute nicht ohne "Einwilligung der Behörde" verreisen. Aus einer großen, nicht sonderlich reichen Bevölkerungsmehrheit auf der einen und einer privilegierten "Oberschicht" der perversen Parteifunktionäre auf der anderen Seite ist heute also eine weitgehend verarmte Bevölkerungsmehrheit und eine kleine, feudale, noch perversere Oberschicht der Superreichen geworden. Welch eine grandiose Verbesserung mit reichlich Bananengeschmack!
4. War der Zeitpunkt für die Wiedervereinigung richtig gewählt?
Was soll ich dazu noch sagen? Die Frage ist bereits so grenzdebil blöde, dass mir nichts Sinnvolles dazu einfällt. "Gewählt" hat die "Wiedervereinigung" ohnehin niemand - und gefragt wurde auch kein Mensch. Sie wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit - in elitären, kapitalistischen Kreisen, wo auch sonst - schlicht beschlossen, wie das in diesem furchtbaren System der Menschenfeindlichkeit so üblich ist.
5. Sind wir Ihrer Meinung nach heute wirklich ›ein Volk‹?
Auch diese Frage ist eine hirnschmelzende Lachnummer, die man nur satirisch beantworten kann - ganz abgesehen davon, dass eine Formulierung wie "ein Volk" selbst in Anführungszeichen noch üblen Brechreiz erregt. Solange es diesen nationalistischen Klamauk aus dem frühen Mittelalter noch gibt, wird es zwangsweise auch Kriege, Faschismus und Menschenfeindlichkeit geben - irgendwelchen anderen Zwecken dient das Märchen vom "Volk" ja nicht. Ein wie auch immer definiertes "wir" gibt es im Kapitalismus nicht, denn dort gilt einzig das "ich" - wenn auch nur für die selbsternannte "Elite", zu der sich wie von Sinnen politisch gewollt und medial gelenkt - damals wie heute - seltsamerweise nicht nur Superreiche zählen.
So bleibt für die Farce der "Feierlichkeiten" an diesem Tag neben schlichter Ignoranz nur noch das Instrument der zynischen Satire übrig, wenn man sich vom staatlich verordneten Affenzirkus distanzieren möchte. Wenn ich heute - um viele Erfahrungen und Erkenntnisse reicher - immer noch so hemmungslos saufen und kiffen könnte wie damals, wäre das der wohl sinnvollste und geeignetste Weg, diesen Tag der kapitalistischen Propaganda inmitten einer bedrohlich anschwellenden Kakophonie des faschistoiden Untergangs halbwegs unbeschadet zu überstehen.
Den nachfolgenden Text habe ich ursprünglich als Kommentar zu einem Beitrag des Duderichs, der ein Interview von Ken Jebsen mit Daniele Ganser zum Inhalt hat, geschrieben. Er ist nach meiner Meinung aber durchaus auch als generell kritischer Text zum inzwischen wiederholt auftauchenden Pseudovorwurf des "Spaltens" der Linken geeignet, weshalb ich ihn hier unverändert wiederhole. Den in Kleinbloggersdorf bekannten Apologeten des "Spaltmythos'" wie Dennis82, eb und anderen mag dieser Text eine kleine Hilfestellung bieten, das eigene Hirn nicht immer als den Nabel der Welt zu betrachten, sondern die Kunst des kritischen Infrage-Stellens zu erlernen. - Meine Hoffnung auf Erfolg hält sich derweil aber in argen Grenzen.
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Ich empfinde den infantilen Spruch "Links gegen links" in diesem Zusammenhang ebenfalls als überdeutlichen und völlig unangebrachten Vorwurf des "Spaltens", der keineswegs neu ist, sondern seit geraumer Zeit aus gewissen Kreisen immer wieder zu vernehmen ist. Das macht ihn nicht sinnvoller.
Altauto hat eigentlich bereits alles Relevante dazu gesagt - allerdings reagierst Du darauf wiederum nur mit Abwehr und Ablehnung, ohne auf den Kern seines Kommentars einzugehen, und verlangst stattdessen gar von ihm, "inhaltlich" zum verlinkten Interview Stellung zu beziehen - obwohl Du das selber ebenfalls konsequent unterlässt. Diese üble Taktik ist eigentlich symptomatisch für eine dumme Agitation der Marke "Herr Karl" oder ähnlicher Gesellen - allerdings will ich Dir hier (im Gegensatz zum Karl-Troll) keine Absicht, sondern höchstens Unachtsamkeit unterstellen.
Des weiteren ist es unseriös und eigentlich ebenfalls typisch für Verschwörungsdeppen, die an die "Hohlwelt" oder "Chem-Trails" glauben, auf irgendwelche Texte, Videos bzw. Interviews zu verlinken und dabei ausschließlich und ausdrücklich auf den jeweiligen "Inhalt" zu verweisen. Dieser Inhalt gehört aber nunmal immer in einen gewissen personellen Kontext - in diesem Falle also zu den Personen Ken Jebsen und Daniele Ganser. Es ist schlicht und ergreifend sinnfrei, einzelne Passagen, Texte oder ganze Interviews aus diesem Kontext herauslösen zu wollen. Es ist ein sehr alter Hut, dass man gleich seitenweise Texte oder Textpassagen aus Büchern, Artikeln oder Reden von sehr üblen Figuren zitieren kann, die auf Anhieb "einleuchtend", "wahr" oder anderweitig positiv klingen mögen, es bei näherer Betrachtung des Kontextes aber ganz und gar nicht mehr sind.
Wenn Du beispielsweise tatsächlich glaubst, dass Du einer Gestalt wie Elsässer auf die Schliche kommen kannst, indem Du einige Minuten (oder meinetwegen auch einige Stunden) "googelst", dann bist Du weitaus naiver, als ich das für möglich gehalten habe.
Ich muss zwar auch dem Altauto ein wenig widersprechen, denn einen Satz wie "Und es ist nun mal so, dass man hinter eine einmal gewonnene, gesicherte Erkenntnis nicht mehr zurückgehen kann" kann ich nicht unwidersprochen so stehen lassen - es gibt schließlich immer die Möglichkeit, dass ein Mensch sich irgendwann eingestehen muss, sich geirrt zu haben. Das hat allerdings nichts mit einer äußerst naiven Einstellung zu tun, wie Du sie hier vertrittst: Nein, man "muss" nicht offen für alle und alles sein, und man darf bzw. muss sogar gewisse, "gesicherte" Überzeugungen auch vehement verteidigen, wenn man dabei auch für eventuelle Gegenargumente (sofern diese denn vorgebracht werden, was vorliegend nicht der Fall ist) offen bleibt.
Das hat nun rein gar nichts mit einem absurden "in den Block diktieren" zu tun, sondern mit persönlicher Überzeugung. Das "Diktieren" übernimmst in diesem Falle ja Du, da Du anderen eben diese Überzeugungen absprichst.
Ganser ist für mich persönlich ein sehr gutes Beispiel dafür: Vor einigen Jahren fand ich den Knaben auch noch bemerkenswert, nachdem ich sein Buch "Gladio" gelesen hatte. Ich habe ihn damals sogar zwei- oder dreimal im Blog verlinkt. Mit zunehmender Auseinandersetzung kamen mir jedoch arge Zweifel - und heute bin ich an einem Punkt angelangt, an dem mir diese Entgleisung ziemlich peinlich ist. In der Pädagogik nennt man das lapidar "Erkenntnisgewinn". Und den musst Du anderen Menschen zugestehen, auch wenn Du selber ihn vielleicht noch nicht erfahren hast.
Jeder Mensch, der einigermaßen bewusst lebt und nicht nur vor sich hin vegetiert, durchlebt diesen Prozess, der oft genug mit vielerlei Irrungen, Wirrungen und auch Rückschlägen verbunden ist (ich kann davon ein langes Lied singen!). Dir könnte vielleicht der Roman "Narziss und Goldmund" von Hermann Hesse hier weiterhelfen, der mir in jungen Jahren erste, wenn auch zunächst kleine, Augen geöffnet hat. Falls Du das möchtest, schenke ich Dir das Buch.
Wenn Du heute also Ken Jebsen, Daniele Ganser und meinetwegen sogar den Elsässer gut findest, ist Dir das unbenommen - dann begründe das aber bitte auch möglichst genau und lasse Dich auf eventuelle Kritik daran ein. Das hat nicht das geringste mit "Spaltung" oder "Links gegen links" zu tun, sondern ist sogar zwingend notwendig, um irgendwann überhaupt zu einer "gesicherten" Erkenntnis zu gelangen, die man vor sich selbst und anderen guten Gewissens vertreten kann und die nicht nur - wie so oft in dieser perversen, dummgehaltenen Welt - lediglich aus nachgeplapperten Sprechblasen besteht.
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Ach, knallige Welt, du seliges Abnormitätenkabinett!
(Aquarell von George Grosz [1893-1959] aus dem Jahr 1916, in: "Ecce Homo", Malik 1923; Verbleib des Originals unbekannt)
Die heutige Spielempfehlung greift - man glaubt es kaum - noch tiefer in die schon halb vergrabene Mottenkiste als ich das zuvor gewagt habe: Heute geht es um das "Point & Click"-Adventure "Star Trek: A Final Unity". Dieses von Spectrum HoloByte entwickelte Spiel aus dem Jahr 1995 entführt den Spieler - oh Wunder - auf die Brücke des Föderationsraumschiffs U.S.S. Enterprise 1701-D, wo die Crew um Captain Picard durch allerlei heikle Missionen am Rande der "neutralen Zone" (und natürlich weit darüber hinaus) gesteuert werden muss - was selbstverständlich auch viele Außenmissionen nach sich zieht.
Eines vorweg: Dieses Spiel ist so alt, dass es auf heutigen Computersystemen längst (meines Wissens spätestens seit Windows XP) nicht mehr läuft. Allerdings ist es relativ leicht, es mittels eines virtuellen Systems, das beispielsweise ein kostenloses Programm wie DOSBox generieren kann, auch unter Windwos 7 wieder zu neuem Leben zu erwecken - zumal es freundliche Zeitgenossen dort draußen gibt, die das Spiel als direkt installierbare Version inklusive DOSBox zum Download anbieten, so dass man nichts weiter tun muss als es einfach wie gewohnt zu installieren und zu starten. Das ist zwar illegal - wenn man allerdings im Besitz der Original-CD ist, sollte niemand etwas dagegen haben können, diese modifizierte Version zu benutzen.
Zur Geschichte will ich nichts weiter spoilern - es ist eben ein Star-Trek-Abenteuer der "Next Generation"-Crew, das sich keineswegs zu verstecken braucht und auch in filmischer Umsetzung angemessen ins Bild gepasst hätte. Die englische Vertonung des Spiels haben die originalen Schauspieler Patrick Stewart, Jonathan Frakes etc. übernommen - über die deutsche Version kann ich nichts sagen, da ich sie nicht gespielt habe. Zur Grafik muss ich wohl auch keine Bemerkungen verlieren - ein 20 Jahre altes Computerspiel weckt diesbezüglich wohl nirgends sonderlich hochtrabende Erwartungen. Gerade die Hintergrundgrafiken bei Außenmissionen erinnern allzu oft an expressionistische Gemälde, da sie nur aus verschwommenen Farbmixturen bestehen. Dennoch kann ich feststellen, dass es dem Spiel auch heute noch gelingt, dem Spielenden glaubhaft zu suggerieren, er sei ein Teil der Crew von Picard, Riker, Data, Crusher, La Forge, Troi und Worf. Dazu tragen auch die wunderbar detailgetreuen Umsetzungen des Computerinterfaces, des Computerlogbuches und natürlich die originalgetreuen Sounds bei - jeder "Trekkie" weiß schließlich, wie es sich anzuhören hat, wenn ein Kommunikator berührt wird, eine Tür sich öffnet oder der Computer benutzt wird.
Das alles - vom Spiel selbst bis hin zur dadurch vermittelten Metaebene der sozialistisch konzipierten Star-Trek-Welt - ist angesichts unserer heutigen, einmal mehr aus dem Ruder laufenden Zeit natürlich pure Nostalgie, ich weiß. Nichts anderes wollte ich aber erreichen, als ich das Spiel vor einigen Monaten installierte und ausprobierte. Und diesen Zweck hat es perfekt erfüllt. Sollte die Enterprise unseren Orbit auf einer Zeitreise jemals passieren, bitte ich sehnlichst darum, mitgenommen zu werden - und wenn ich auch nur als Koch oder Kellner in "Zehn Vorne" fungieren darf. Ich kann - anders als Neelix auf der Voyager - tatsächlich gut kochen! :-)
In dieser furchtbaren Endzeit des kapitalistischen Showdowns samt aller faschistischer Auswüchse möchte ich wirklich, wirklich nicht ausharren müssen.
Ein Musik- und Literaturwissenschaftler auf der heiteren Odyssee bzw. vergeblichen Suche nach dem Humanismus.
Ich verstehe dieses Blog weder als "links", noch als "linksliberal" - es versucht, schlicht der Logik zu folgen, sucht die oft verschleierte Wahrheit und landet daher fast zwangsweise immer wieder in sozialistischen Regionen, in die es nie wollte. Die Logik lässt sich nicht so leicht austricksen wie es der interessengeleitete menschliche Geist tut.
Dennoch gilt auch weiterhin Spocks weiser Spruch: "Logik ist nur der Beginn aller Weisheit - und nicht ihr Ende."
Der Blogbetreiber stellt sich vor - auf dass NSA, "Verfassungsschutz", BKA und so viele andere nicht mehr so ausufernd suchen müssen:
Facebookfreie Zone
Das gilt selbstredend auch für alle anderen Datenkraken und "sozialen Netzwerke".
Statt Facebook lieber Ghostery :-)
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