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Mittwoch, 18. Oktober 2017

Popcorn: "Die Partei, die Partei, die hat immer ..."


Stehen Popcorn, Bier und Zigarren bereit? Es ist wieder einmal soweit: Die selbsternannte "Linke", die aus strammen Fanboys und -girls (wobei letztere da eher selten auftauchen) der Linkspartei besteht, lädt wieder ein zum großen Kino der Selbstzerfleischung. Es geht – natürlich – wieder einmal um die "Neulandsozialdemokraten" – diesmal allerdings nicht um den rechtsgewendeten, unsäglichen Lapuente oder den bedauernswerten Nostalgiker Wellbrock, sondern um das lustige Kommentariat, das aus größtenteils alten, sich "links" wähnenden Männern besteht, die dem Internet und der restlichen Welt eben jene Welt erklären wollen, während sie brav und bieder Parteifähnchen schwenken.

Der Anlass ist zu vernachlässigen – ich habe mir den Podcast, der als Auslöser für das Kinoerlebnis dient, nicht angehört. Irgendein Erkenntnisgewinn ist da ohnehin nicht zu erwarten. Stattdessen habe ich begierig die Kommentare dazu gelesen – und wurde natürlich nicht enttäuscht.

Da geben sich die Fähnchenschwenker die Klinke in die Hand: Während die eine Fraktion der Obergrenzen-Apologetin Wagenknecht nicht nur die Schuhe, sondern jedes erdenkliche Körperteil küsst, heult die andere ausschweifend herum, dass diese Opposition gegen die Machtansprüche von Kipping und Riexinger ja kontraproduktiv sei und letzten Endes nur den Nazis in die Hand spiele. Was soll man dazu noch sagen – ich habe mit offenem, freilich grinsendem Mund vor dem Monitor gesessen und wähnte mich auf einer Titanic-Seite.

Keiner (wirklich nicht ein einziger) dieser parteihörigen Schwerdenker – ob nun Wagenknecht- oder Kipping-Fan – kommt auf den naheliegenden Gedanken, dass die Linkspartei längst angekommen ist im politischen Einheitsbrei des Kapitalismus, obwohl das so offensichtlich ist, dass ich mich schon in Grund und Boden schäme, erneut darauf hinweisen zu müssen. Diese Gesellen nehmen das einfach nicht zur Kenntnis und bleiben weiterhin bei ihrer felsenfesten Überzeugung, dass einzig die Linkspartei in der einen oder anderen Form dem kapitalistischen Terror ein Ende bereiten könne. Das sind geballte esoterisch-religiöse Überzeugungen, wie sie kafkaesker gar nicht sein könnten – Wasser brennt eben lichterloh, wenn man nur daran glaubt, gelle?

Mich erinnert das an die Diskussion der Feuerwehrleute, die vor einem brennenden Haus stehen und beratschlagen, ob man die lodernden Flammen nun besser mit Benzin, Kerosin oder doch eher mit flüssigem Sauerstoff bekämpfen solle. Derweil schwenken die Deppen weiter rote Parteifähnchen und wundern sich, dass der Faschismus dennoch eine neue Blüte erlebt – an dem ihre geliebte Partei nicht ganz unschuldig ist, was man aber nicht sagen darf, denn das ist böse, "spaltende" Ketzerei. Deshalb darf ich das nur hier schreiben – im Land der Linkspartei-Fetischisten werde ich dafür ganz menschenfreundlich gehasst, ignoriert und sogar per Mail bedroht: Irgendein Mensch, der sich "Sahra-Team" nannte, hat mir kürzlich in einer Mail nahegelegt: "Wenn du einfach stirbst wird dir keiner eine Träne nachweinen!! Dein scheiss Kommunismus ist tod [sic]!" – Und das ist noch ein eher harmloses Beispiel von vielen.

Ich lege also jedem, der sich dem Humanismus verpflichtet fühlt, nahe, dieses Güllebecken bei den "Neulandsozialdemokraten" aufzusuchen, den Schmonzes dort zu lesen und sich danach möglichst nicht irre kreischend von der nächsten Klippe ins Meer zu stürzen. Ich habe das geschafft, also kann es auch jede/r andere.

Mein Popcorn ist alle.

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(Zeichnung von Jiří Georg Dokoupil [*1954] aus dem Jahr 1985, Tinte auf Papier, Groninger Museum, Niederlande)

Donnerstag, 5. Januar 2017

Zitat des Tages: Gewissheit


Einmal werden wir die Städte, die Häfen und Meere haben
und alles Land für uns und die Menschen!
Mögen sich unsere Feinde an halben Triumphen laben.
Stärker als sie ist unser Sehnen und Wünschen.

Freund, über die unendlichen Ozeane hin
grüßen wir uns wie von Kind auf bekannt!
Längst ist vergessen der einstige Sinn
von einer Grenze und einem gewesenen Vaterland.

Jeder wird lächeln über das Märchen: Jude und Christ
und wird nur noch ein Mitmensch sein!
Lang ist begraben die schmähliche List,
dass sich jeder nur selber der Nächste ist.

Einmal, ja, einmal wird die Welt unsere Heimat sein,
und Dummheit und Knechtschaft wird's nicht mehr geben.
Einmal werden nur unsere Opfer noch ewige Beispiele sein
für unser stolzes, gereinigtes Leben!

(Oskar Maria Graf [1894-1967], in: "Der Simpl", Nr. 5 vom Juni 1946)

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Anmerkung: Tja, so klingt das, wenn ein Sozialist, der von den Nazis verfolgt und vertrieben wurde und den Terror überlebt hat, im Jahre 1946 in einer westdeutschen satirischen Zeitschrift seine Gewissheit zur fernen Zukunft kundtut. Damals hat man darüber milde gelächelt (und vielleicht insgeheim doch sehnsüchtig gehofft) - heute wird man nur noch müde verspottet und lächerlich gemacht oder gleich ignoriert, wenn man solchen ketzerischen Gedanken nachhängt.

I love to entertain you.


Mittwoch, 4. Januar 2017

Zur "radikalen Kritik am kapitalistischen System"


Ein Gastkommentar des kritischen Beobachters

Die radikale Kritik am kapitalistischen System ist notwendig. Denn es ist ein falsches System, welches eigenlogisch in die Barbarei und Destruktion führt. / Das ist eine Erkenntnis, die bereits vor über einem Jahrhundert ausgesprochen wurde und nach wie vor wahr ist und Gültigkeit besitzt. Immer wieder muss diese Erkenntnis ausgesprochen werden, damit die Menschen nicht das Bewusstsein über den Zustand des Ganzen verlieren.

Zugleich wird diese Wahrheit über die Realität der Gesellschaft kollektiv verdrängt, weil sie Angst und Ohnmacht hervorruft. / Der psychoanalytisch Gebildete versteht, dass sich daraus eine kollektive Neurose entwickelt hat, deren Symptomatik Realitätsverleugnung, Wunschdenken, Projektionen usf. enthält. / Die Ängste bleiben, aber sie werden durch Rationalisierungen und wirklichkeitsferne Realitätskonstruktionen aus dem Bewusstsein verdrängt.

Genau dies kennzeichnet die heutigen Linken. Die sozialdemokratischen Linken glauben gegen jegliche historische Erfahrung, man könne den Kapitalismus "zähmen" und streben parlamentarische Mehrheiten an. Andere verschieben die Realkonflikte auf "Nebenkriegsschauplätze", wie z.B. auf Genderfragen, Homoehe etc. / Andere konstruieren sich Phantome ("Neo-Faschisten"), die sie durch idiotische Antifa-Aktionen bekämpfen, so als stünde eine Machtübernahme durch die "nationalen Rechten" vor der Tür. Dabei verleugnen sie, dass das System schon längst ein Faschismus in pseudo-demokratischer und pseudo-liberaler Verkleidung worden ist. Der Rechtsstaat ist eine Ruine wie auch die freiheitlich-demokratische Grundordnung.

Neurotiker kann man nicht argumentativ überzeugen. Denn es macht das Wesen der Neurose aus, dass ein falsches Bewusstsein konstruiert wurde und wird, welches sich gegen die Realität immunisiert hat. / Bereits Horkheimer wies darauf hin: Der Kapitalismus tendiert aus ureigenstem Prinzip zur Verbrecherherrschaft. Und diese ist heute Realität.

Die heutigen Linken sind ängstliche Menschen und haben mit den revolutionären Linken aus der Vergangenheit nichts mehr gemein. Denn diese waren starke Persönlichkeiten, mutige Kämpfer und große Denker.

Auch wenn ihre gesellschaftliche Wirksamkeit begrenzt ist, so ist es wichtig, dass die [heutigen] radikalen Kritiker des kapitalistischen Systems nicht verstummen. Denn mit ihren Beiträgen im Internet zeigen sie anderen Menschen, die zur gleichen Erkenntnis gekommen sind, dass sie nicht allein sind und helfen ihnen, nicht den Verstand zu verlieren und in resignativer Depression zu verkümmern. / Insofern besitzen die linken Schrebergärten und Schwatzbuden im Internet eine psychosoziale Funktion.

Sachlich fundierte, radikale Kritik am kapitalistischen System findet sich in unserer heutigen Gesellschaft eher "oben" als "unten". Das war auch früher nicht anders. / Marx, Engels, Luxemburg, Lenin, Trotzki, Reich, Adorno, Horkheimer, Fromm, Marcuse etc. waren Angehörige einer gebildeten Elite. / Eine systemtransformative Opposition wird sich quer zu den gegenwärtigen Klassen und Schichten entwickeln. Darauf hat übrigens auch Robert Kurz hingewiesen.

Die Verschärfung der gesellschaftlichen Widersprüche und die offenkundig de-zivilisierenden und autodestruktiven Tendenzen werden zwangläufig dazu führen, dass Teile des Establishments – und zwar die intelligentesten und kompetentesten aus dem Bereich der Funktionseliten – immer mehr in Opposition zum System geraten. Das war auch in der APO-Zeit so. Die meisten werden es heimlich tun, aber es werden mehr werden, die den Mut, das Rückgrat, das Wissen und Können sowie – last not least – die gesicherte Position und das Vermögen besitzen, öffentlich Systemkritik zu äußern. Wolfgang Streeck ist ein Beispiel dafür.

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Anmerkung von Charlie: Vielen Dank an den Urheber dieser trefflichen Analyse und Zusammenfassung! Ich stimme dem Text weitestgehend zu - einzig in der Schlussfolgerung kann ich der beschriebenen Hoffnung auf eine "systemtransformative Opposition" von "oben" nicht folgen, so gerne ich das auch täte. Dies beruht allerdings auf keinerlei wissenschaftlichen oder sonstwie belegbaren Erkenntnissen, sondern stellt lediglich mein ganz subjektives Fazit eines kapitalistischen Katastrophenjahrhunderts dar, das so viel Zerstörung, Elend, Leid, Not und Tod gebracht hat wie keines zuvor in der (relativ kurzen) Menschheitsgeschichte.

Ich halte es leider für wahrscheinlicher, dass am Ende dieses Zerstörungsprozesses ein dystopisches Staatengebilde stehen wird, das letztlich wieder in totaler Vernichtung endet bzw. enden muss - und wie diese angesichts der heute verfügbaren Waffentechnik im Vergleich zum Zweiten Weltkrieg aussehen wird, lässt sich leicht ausmalen. Doch das ist, wie gesagt, nur meine persönliche Einschätzung - es gibt viele weitere theoretische Entwicklungsmöglichkeiten, von denen allerdings aus meiner Sicht viele negativ und nur wenige positiv zu bewerten sind.

Gerade deshalb ist nach meiner Meinung eine radikale Kritik gerade in Bezug auf reformistische, pseudolinke Kreise auch in Kleinbloggersdorf so notwendig, auch wenn sie nur von wenigen zur Kenntnis genommen wird. Der Kiezschreiber hat in seinem jüngsten Beitrag aus einem Text von Trotzki aus dem Jahr 1932 zitiert: "Es gibt kein tragischeres und gleichzeitig abstoßenderes historisches Schauspiel als die bösartige Fäulnis des Reformismus inmitten der Trümmer all seiner Errungenschaften und Hoffnungen." - Treffender kann man das kaum formulieren, wie ich finde. Karl Kraus meinte 1915 in seinen "Aphorismen" gewohnt lapidar: "Der Parlamentarismus ist die Kasernierung der politischen Prostitution."

Herzlichen Dank für diesen Beitrag, wer auch immer sich hinter diesem Pseudonym verbergen mag.

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Gottvertrauen


"Halb sechs - sie muss kommen, die Weltrevolution!"

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 15 vom 08.07.1919)

Samstag, 20. August 2016

Die dramatische Wende


Ich bin kein Naturwissenschaftler. Dennoch stelle ich immer wieder eine angsterfüllte Gänsehaut bei mir fest, wenn ich wieder einmal Berichte über die Entwicklungen gerade in der Gentechnik lese. Aktuell war das wieder einmal bei n-tv der Fall, wo zu lesen war:

Noch nie war ein Eingriff ins Erbgut so einfach wie heute. Mit dem Wunderwerkzeug für Gene namens Crispr-Cas lässt sich Erbmaterial auf viele Arten verändern. Seit vier Jahren erobert es die Labore. "Der Menschheit steht wahrscheinlich eine dramatische Wende bevor", sagt Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats.

Worum geht es hier also? Der kleine Text klärt die Lesenden natürlich nicht auf, vermittelt aber immerhin ein paar wenige Informationsbröckchen, weshalb die Lektüre empfohlen ist. Besonders herausheben möchte ich diese Passagen:

Ein US-Forscher stellte 2014 ein Viruskonstrukt vor, mit dem nach Inhalation über eine Crispr-Sequenz Mäuse mit Lungenkrebs geschaffen wurden. Nicht nur der Crispr-Pionierin Doudna soll es eiskalt den Rücken heruntergelaufen sein: Beim kleinsten Fehler könnte ein solches Crispr-Molekül auch in der menschlichen Lunge wirken. Immer wieder warnten Doudna und Charpentier vor einem blauäugigen Vorpreschen, mahnten an, das System erst einmal grundlegend zu erforschen - mit mäßigem Erfolg. Und Dabrock bemerkt: Potenziell gefährliche Manipulationen von Erregern seien bisher nur in bestens ausgestatteten Labors möglich gewesen. "Dort bleibt ein Supervirus auch wirklich im Hochsicherheitstrakt." Mit Crispr werde das anders, weil die Technik keiner komplexen Ausstattung bedürfe. "Der Schutz vor missbräuchlicher Anwendung scheint mir derzeit der ethisch relevanteste Bereich und die wichtigste Sicherheitsfrage zu sein." [...]

Doch die Technik geht noch weiter: Im vergangenen Jahr verlautbarte ein Team aus Guangzhou (China), Dutzende in einer Fruchtbarkeitsklinik aussortierte Embryonen manipuliert zu haben. Der Genaustausch per Crispr war nur bei einigen Zellhäufchen erfolgreich - aber das weltweite Entsetzen gigantisch. Die Schreckensvision eines im Labor gezüchteten Menschen wirkte näher denn je. "Solche Versuche halte ich für extrem problematisch", sagt Puchta. / Goldgräberstimmung auf der einen Seite, die Angst vor einer geöffneten Büchse der Pandora auf der anderen: Welchen Weg Crispr-Cas nimmt, wird sich erst in Jahren zeigen.

Soweit der Text von n-tv. Was gestern noch Science Fiction war, ist heute längst Realität und befindet sich nicht mehr im diskursiven, sondern im experimentellen, angewandten Bereich der Wissenschaft - was der verlinkte Text, wenn auch vermutlich unfreiwillig, sehr schön illustriert, wenn von "Goldgräberstimmung" gefaselt wird: Denn das bedeutet nichts anderes als dass gewisse Leute hier eine Menge Kohle scheffeln wollen. So ist das eben im Kapitalismus: Es wird nicht das getan, was logisch oder notwendig ist, sondern das, was einer kleinen Gruppe Profit einbringt. So simpel kann manchmal die Definition eines Systems sein, wenn man nicht Jens Berger heißt und einen Job bei Spiegel Online oder der BLÖD-"Zeitung" anstrebt.

Es ist nur eine Lachnummer am Rande, dass der Vorsitzende des aktuellen Ethikrates in Deutschland - Herr Prof. Dabrock - ausgerechnet Theologe [sic!] ist. Wer sollte denn auch besser für diesen Job geeignet sein als ein Kerl, der an die Existenz irgendwelcher wissenschaftlich nicht nachweisbaren "höheren Wesen" glaubt? Da nimmt man ihm seine Kritik an der profitorientierten Gentechnik, die schließlich in "göttliche Bereiche" vordringt, doch gleich dreimal eher ab. Wir leben im finstersten, gruseligsten Mittelalter.

Ich möchte nicht missverstanden werden: Die Gentechnik könnte auch aus meiner - laienhaften! - Sicht durchaus sinnvoll und auf vielen Gebieten erfreulich sein. Es könnten sich hier immense Perspektiven und Chancen für die ganze Menschheit ergeben - wenn, ja: WENN! da nicht wieder der widerliche Kapitalismus wäre, der jede wissenschaftliche Entwicklung und Entdeckung unverzüglich pervertiert und in das widerliche Korsett der Profitinteressen einer kleinen Minderheit zwängt: "Das muss Geld einbringen, sonst ist es wertlos."

Mit anderen Worten: Im Rahmen des kapitalistischen Systems müssen wir allesamt furchtbare Angst haben vor wissenschaftlichem Fortschritt - denn er wird unweigerlich und in fast jedem Falle gegen die Mehrheit der Menschen und nur zum Wohle einer superkleinen Minderheit eingesetzt. Dieses schlichte Fazit ist so sicher wie der unvermeidliche sprachliche Fehler und die intellektuelle Leere in einem Lapuente-Text.

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Der Neandertaler auf der GeSoLei


"Siehste, Lydia, so hammer angefangen. Da war der Mensch noch keen Ebenbild Gottes."

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 14 vom 05.07.1926)

Samstag, 7. Mai 2016

Song des Tages: Yesterday is Dead and Gone





"No gods, no masters!"

(Arch Enemy: "Yesterday is Dead and Gone", aus dem Album "Khaos Legions", 2011)

The fire's inside us tonight
These bridges will burn so bright
Tomorrow bears our name
No more power games

Reaching for the light beyond
We will rise through the dark again
Ready to fight for what we believe to be right
Yesterday is dead and gone

Rattling the chains, shaking the cage
Heed our war cry
Let there be no doubt, we want out
This is reckoning day

We are standing in the flames
Reaching for the sky
Fight until the end
Yesterday is dead and gone

Under a blood red sky
Our voice will be heard in a world
Where compassion is lost
You try to control us
This is so absurd
Freedom will be won at any cost

Breaking the chains, shaking the cage
Heed our war cry
Let there be no doubt, we walked out
This is reckoning time

We are standing in the flames
Reaching for the sky
Fight until the end
Yesterday is dead and gone

This is reckoning day
Yesterday is dead and gone


Samstag, 9. Januar 2016

Lesetipp: Auflösung. Ein Nekrolog auf den Humanismus


Zum Wochenende möchte ich einen dringenden Lesetipp loswerden, der dabei hilft, so manche dunkle Gedankenwolke zu erhellen und die aktuellen Katastrophen und Untergangsszenarien im sich auflösenden Europa ein wenig besser zu verstehen. Dieser Text von Rainer Trampert sei jedem ans Herz gelegt, der sich verzweifelt fragt, warum diese Welt heuer einmal mehr - wie stets begleitet von populistischen, allzu schrillen, grotesk-stumpfsinnigen Erklärungsversuchen, die allesamt nichts mit der Realität zu tun haben - am Abgrund hängt.

Das ist keine leichte und erst recht keine erfreuliche Lektüre - aber sie hilft ungemein beim Verständnis. Ich könnte gleich abschnittsweise aus diesem Text zitieren, und auch wenn in wenigen Detailfragen durchaus die eine oder andere Kritik angebracht ist, beschränke ich mich hier auf das Fazit des Verfassers und hoffe, dass auch der sehr lesens- und bedenkenswerte, äußerst informative Rest von möglichsten vielen Menschen gelesen wird. Trampert resümiert:

Durch die historischen Niederlagen und Deformationen der kommunistischen, anarchistischen, sozialistischen und emanzipatorischen Visionen und Kämpfe fehlt heute das Korrektiv, das die religiös-fanatischen, nationalen, marktkonformen, ethnischen, tribalen, männerkultigen, rassistischen und faschistischen Wucherungen bremsen könnte.

Linke haben mitgeholfen, sich zu demontieren. Postmodern Gewordene ersetzten die Kritik an der Klassengesellschaft durch den Konsum und den positiven Geist, Linkskeynesianer erzählten, ein böser Neoliberalismus sei über die Menschheit gekommen. Demnach müsste es vorher einen guten Kapitalismus gegeben haben, zum Beispiel den in den "sozial-staatlichen keynesianisch geprägten sozialdemokratischen Jahrzehnten nach 1945" (Altvater), zu dem auch Helmut Kohl mit seiner geistig-moralischen Wende zurück wollte. In der Krise flüchteten Linke sich in die Kritik der Finanzen, adelten so die Ausbeutung und Entfremdung der Menschen im Mehrwertbetrieb und schoben alle Schuld auf New York, Finanzen, Banken, Spekulanten und benutzten auch all die anderen antisemitisch konnotierten Begriffe.

Hier ist prägnant zusammengefasst, was all die kurzsichtigen, durch ihren jeweiligen (durchaus unterschiedlichen) Tellerrand eingesperrten Pseudokritiker des kapitalistischen Wahnsinns - von "Pegida" über "Propagandaschau", "Ken Jebsen" und "Nachdenkseiten" bis hin zu den aktuellen politischen Karikaturen von den Grünen, der SPD und der Linkspartei - eint. Selbst den esoterischen Realitätsverweigerern bzw. Sektierern ist ein kleiner Nebensatz gewidmet.

Ich habe zwar wenig Hoffnung, dass dieser gute Text, der auch in der Jungle World erschienen ist, die richtigen bzw. eigentlich erforderlichen LeserInnen finden wird, möchte aber trotzdem meinen bescheidenen Beitrag zur Verbreitung leisten. Wenn auch nur ein Depp der "Pegida"-, "Jebsen"- oder "Propagandaschau"-Fraktion oder ein Fanboy/-girl der "Nachdenkseiten", des "Spiegelfechters" oder der Linkspartei zum eigenständigen Denken und Verstehen auch jenseits des individuellen Horizontes angeregt wird, wäre schon etwas - wenn auch nicht viel - gewonnen.

Das rassistische Hohlkopfvirus erlebt momentan quer durch alle genannten Fraktionen eine widerwärtige Renaissance, die ich selbst in meinen schlimmsten Albträumen nicht für möglich gehalten habe.

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Der letzte Demokrat


"Der liebste Platz, den ich auf Erden hab', das ist die Rasenbank am Elterngrab."

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 27 vom 05.10.1931)

Dienstag, 14. April 2015

Nachrichten aus Kapitalistan: "Weil überall Geld fehlt"?


Wer kennt ihn nicht, diesen dusseligen Spruch, der sich unter Anderem in absurden Feststellungen niederschlägt wie XY "muss den Gürtel enger schnallen" oder XY "hat über seine Verhältnisse gelebt"? Die angebliche Geldknappheit - ein systemisches Wesensmerkmal des eigentlich laut offizieller Propaganda ja "Wohlstand bringenden" Kapitalismus - wird immerzu als alternativloses Totschlagargument angeführt, wenn wieder einmal in großem Stil gekürzt, also verarmt (sprich: von unten nach oben umverteilt) werden soll.

Ein unscheinbarer Text bei n-tv klärt den so gebeutelten Verarmten oder von Armut Bedrohten nun lapidar auf:

42 Milliarden Euro für Aktionäre / Deutsche AGs zahlen Rekord-Dividenden / Nicht nur im Dax regnet es derzeit Geld für Anleger - in Summe zahlen alle börsennotierten deutschen Unternehmen laut einer Studie so viel Dividende wie noch nie zuvor.

Das widerliche Gesindel der Superreichen, das im Kapitalismus in diesem Zusammenhang gern euphemistisch als "Anleger" oder gar "Investoren" bezeichnet wird, füllt sich unverdrossen, kontinuierlich und nach wie vor völlig hemmungslos die schon lange aus allen Nähten platzenden, überquellenden Taschen, während zeitgleich das offizielle Gejammere über die angebliche Geldknappheit munter weiter aufrechterhalten wird.

So geht Orwell im 21. Jahrhundert. Und wie wir tagtäglich beobachten können, funktioniert der irrsinnige Schwindel auch heute noch immer - oder, korrekter gesagt, besser als jemals zuvor: Fast die gesamte Bevölkerung trabt grunzend wie eine Horde hirntoter Zombies im Propagandastrom mit, schuftet brav für den steten Vermögenszuwachs der feudalen Herrschaften und bemerkt nicht einmal, welche Sklavendienste sie überhaupt leistet. Es gibt massenhaft ZeitgenossInnen, die perfekt konditioniert sind und das infantile Märchen von der "Eigenverantwortung" schon so weit verinnerlicht haben, dass sie nicht einmal im Traum auf die Idee kämen, es angesichts der herrschenden Verhältnisse auch nur kurz in Frage zu stellen - während zeitgleich das "elitäre" Pack leistungs- und verantwortungslos die Milliarden auf Kosten aller anderer Menschen unaufhaltsam an sich rafft.

Dieser perversen Welt fehlt kein Geld, und zwar nirgends - dieser Welt fehlt lediglich eine ausgewachsene Revolution. - Darauf können wir im obrigkeitshörigen Dumm-Deutschland indes warten, bis der Bart gleich dreimal um den Erdball reicht und die Sonne verdunkelt.

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Gottvertrauen


"Halb sechs - sie muss kommen, die Weltrevolution!"

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 15 vom 08.07.1919)

Mittwoch, 27. November 2013

Was die Überwachungsfetischisten der neoliberalen Bande mit uns vorhaben


Verschiedene Medien haben in der vergangenen Woche über ein Forderungspapier des Bundesinnenministeriums für die gerade laufenden Koalitionsverhandlungen berichtet. Darin findet sich eine Wunschliste für mehr Überwachung, angefangen bei den Mautdaten bis hin zur flächendeckenden Überwachung unserer gesamten Internetkommunikation. Da ist wohl unser Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich neidisch auf das, was die NSA und der GCHQ können und will auch unsere Leben mehr überwachen können.

(Weiterlesen)

Anmerkung: netzpolitik.org hat die erwähnte "Wunschliste" des Ministeriums der Friedrich-Hohlbirne dankenswerter Weise ins Netz gestellt - das sollte sich wirklich jeder durchlesen, der in den vergangenen Wochen auch nur sekundenweise in Erwägung gezogen hat, dass diese widerliche Bande tatsächlich "überrascht" oder gar "empört" gewesen sei wegen der nun nicht mehr zu leugnenden Überwachungsorgien der gesamten Bevölkerung durch die so genannten "Five Eyes". Inzwischen ist es ja offensichtlich, dass diese Gestalten das nicht nur gewusst, sondern auch tatkräftig gefördert haben. Was ist das bloß für ein Volk, das solche Enthüllungen nicht zur Kenntnis nimmt und die Urheber dieser klaren Grundgesetzverletzungen nicht lautstark dahin befördert, wo der Pfeffer wächst?

Ich möchte Leute wie Merkel, Friedrich, gar den Spinner Uhl oder andere Ekelvisagen aus diesem faschistoiden Dunstkreis nun wirklich, wirklich nicht nackt sehen müssen - angesichts ihrer Taten müsste man aber genau das von ihnen fordern. Über die SPD, die sich mit dieser "Wunschliste" im Rahmen der noch laufenden "Koalitionsverhandlungen" mit den Schwesterparteien CDU und CSU auch noch "auseinandersetzen" muss, will ich in diesem Zusammenhang besser gar nicht erst nachdenken (Stichworte: "Gabriel", "Nahles" etc.). Ich weiß gar nicht, was ich schlimmer fände und was mehr prall gefüllte Kotztüten verursachen würde: Eine nackte neoliberale Bande - oder ein noch datengeilerer Staat als heute, der uns alle bis auf die Knochen durchleuchtet und alles fein säuberlich speichert. Beides wäre extrem ungesund und führte zu schlimmen Folgeerkrankungen.

Ich weiß, ich weiß - es ist billig und letztlich nicht weniger dämlich, auf die Äußerlichkeiten der genannten Marionetten so ausführlich einzugehen. Aber was bleibt denn sonst noch übrig? Die üblen, widerwärtigen Fakten liegen - frei für jedermann zugänglich - auf dem Tisch. Dennoch rührt sich nichts im Land. Offensichtlich können diese korrupten, menschenfeindlichen Figuren tun, was sie wollen - irgendeine Konsequenz hat das nicht. Welche Schlüsse soll man daraus also ziehen?

Ich weiß nicht mehr weiter - ich verstehe die Menschen in diesem Land nicht, und ich verstehe die kriminelle Bande in der Politik nicht - ich bin doch wahrlich nicht der einzige Mensch auf dieser Welt, der so etwas wie ein (soziales) Gewissen hat. Die Anlässe häufen sich, zu denen ich mich fast zwanghaft an den Film "Brazil" von Terry Gilliam erinnert fühle. Damals, 1985, war das eine satirische Dystopie, über die wir herzlich gelacht haben. Heute beschreibt dieser Film unsere anstehende, teilweise längst erreichte und von den pervertierten "Eliten" sehnlichst erwünschte Zukunft so treffend, dass mir die nach alter Kotze schmeckende Spucke am Gaumen gefriert.

Es ist nicht zehn vor zwölf, nicht fünf vor zwölf, auch nicht zwei vor zwölf. Den donnernden Schlag der vollen Stunde haben wir taumelnd zwölfmal vernommen - jetzt wäre die Zeit zu handeln.

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Und Charlie klappte das Märchenbuch zu und schloss mit den Worten: "Und wenn sie nicht gestorben sind, werden sie den Terror eben erneut durchleben müssen und erst dann sterben - und mit demselben perversen Spiel einmal mehr von vorn beginnen."

Freitag, 20. September 2013

Song des Tages: Blue Collar Man




(Styx: "Blue Collar Man", aus dem Album "Pieces of Eight", 1978)

Give me a job, give me security
Give me a chance to survive
I'm just a poor soul in the unemployment line
My God, I'm hardly alive

My mother and father, my wife and my friends
You've seen them laugh in my face
But I've got the power and I've got the will
I'm not a charity case

I'll take those long nights, impossible odds
Keeping my eye on the keyhole
If it takes all that to be just what I am
Well, I'm gonna be a blue collar man

Make me an offer that I can't refuse
Make me respectable man
This is my last time in the unemployment line
So like it or not -

I'll take those long nights, impossible odds
Keeping my back to the wall
If it takes all that to be just who I am
Well, I'm gonna be a blue collar man

Keeping my mind on a better life
Where happiness is only a heartbeat away
Paradise - can it be all I heard it was?
I close my eyes ... and maybe I'm already there ...

I'll take those long nights, impossible odds
Keeping my back to the wall
If it takes all night to be just who I am
Well, I'm gonna be a blue collar man.



Anmerkung: Auch wenn ich die Musik der amerikanischen Band Styx aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts sehr schätze - es sind eine Menge Juwelen darunter zu finden -, beweist der Songschreiber Tommy Shaw mit diesem Lied jedoch, dass er - zumindest damals - nicht einmal im Ansatz begriffen hatte, wo das Problem liegt. So kommt es also zu dem grotesken Szenario, dass in wundervollstem 70er-Jahre-Hardrock der Protagonist des Songtextes zu einem jammernden Vollidioten mutiert, der verzweifelt nach einer "angemessen vergüteten" Fortsetzung seiner andauernden Versklavung schreit und auch einzig dort das "Paradies" sowie die "Anerkennung" seiner Mitmenschen zu sehen vermag. Dafür ist er selbstverständlich bereit, auch die übelsten Bedingungen ("Long nights, impossible odds") in Kauf zu nehmen. So wird ein vom Verfasser vermutlich kritisch gemeinter Song zu einer sanften Liebeshymne für superreiche Analbereich, ohne dass der Autor das wohl geahnt oder verstanden hat. Verknüpft wird das ganze noch mit dem neoliberalen, asozialen Credo, dass nichts auf der Welt schlimmer und verwerflicher sei, als ein "charity case" - also ein Mensch, der auf Sozialleistungen des Staates angewiesen ist - zu werden.

Da Styx sowohl vorher, als auch später ganz andere Werke veröffentlicht haben, die in eine gänzlich andere politische Richtung tendieren, gehe ich einfach ganz naiv davon aus, dass die damals noch ziemlich jungen Männer gar nicht begriffen haben, was sie da für einen intellektuellen Unsinn, gekleidet in eine tolle, kraftgeladene Musik, abgeliefert haben. Im Konzeptalbum "Kilroy Was Here", das nur 5 Jahre später erschien, entwarf die Band beispielsweise ein alptraumhaftes Szenario eines totalitären, faschistischen Überwachungsstaates, in dem die Rockmusik rigoros verboten ist und gleichzeitig die Rolle der Revolution spielt (unvergessen ist die Aufforderung des Gefängnisroboters an den inhaftierten Rockmusiker Kilroy: "Please conform and confirm!"):



(... und dann beginnt das Konzert.)

Montag, 29. Juli 2013

Zitat des Tages: Die Tragödie


"Das Spiel ist aus!" riefen in der Schlussszene die endlich siegreichen Gegenspieler den entlarvten bösen Machthabern zu, verstellten ihnen den Weg zur Flucht oder zu den Waffen, nahmen sie fest und führten sie, ohne sie noch eines Blickes zu würdigen, in die Kulisse ab, während der Vorhang fiel.

Als er aber dann zum Applaus wieder hochging, kamen die besiegten Machthaber schon Hand in Hand mit den neuen Siegern zurück, und alle verneigten sich artig vor dem Publikum, das ihnen zurief und wie von allen guten Geistern verlassen Beifall klatschte.

(Erich Fried [1921-1988], aus: "Fast alles Mögliche", Berlin 1975)

Anmerkung: Wenn es nicht so bitterernst wäre, müsste man über Frieds hübschen Theatervergleich schallend lachen. So aber bleibt nicht viel mehr als schnöde, lähmende Ohnmacht - gerade angesichts der zurückliegenden Jahrhunderte ohne wesentliche Veränderungen dieses absurden, ständig wiederholten Schauspiels, das freilich nicht nur das immer wiederkehrende Wahltheater, sondern genauso auch anders herbeigeführte "Wechsel" - also Revolutionen - abdeckt. - Um die Zeichnung unten noch etwas deutlicher (und wahrhafter) zu machen, müsste man zum Thema "Wahl" allerdings das Wort "Kampf" durch "Schaukampf" und das Wort "Ausschlafen" durch "Ausplündern" ersetzen.

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Die Neugewählten


"Das war ein harter Kampf, Herr Kollege ... aber jetzt haben wir ja ein paar Jahre Zeit zum Ausschlafen."

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 11 vom 09.06.1920)

Samstag, 22. Juni 2013

Bild des Tages: Dönüşüm - die Verwandlung



(Bild: imgur.com; zum Vergrößern draufklicken)

Anmerkung: Im Rahmen des Protestes in Istanbul in den vergangen Tagen ist auch dieses Foto entstanden, das eine Frau zeigt, die mit verhüllten Augen die Erzählung "Die Verwandlung" von Franz Kafka aus dem Jahre 1912 zu lesen scheint bzw. daran offensichtlich durch die Augenbinde gehindert wird. Für mich ist das eine ganz außerordentlich starke, aussagekräftige Form des Protestes, die ich sehr bewundere.

Ich kann und will an dieser Stelle keine Analyse des Kafka-Textes anbieten - zu diesem Thema sind unzählige Bücher geschrieben worden und es herrscht bis heute kein Konsens in der Literaturwissenschaft. Dennoch möchte ich auf den Interpretationsansatz von Peter-André Alt zumindest hinweisen, den dieser in seiner Kafka-Biographie aus dem Jahr 2005 ("Franz Kafka: Der ewige Sohn. Eine Biographie") formuliert hat: Danach ist "die Gestalt des Ungeziefers ein drastischer Ausdruck der von Deprivation geprägten Existenz Gregor Samsas [des Protagonisten]. Reduziert auf die Erfüllung seiner beruflichen Pflichten, ängstlich um sein Fortkommen bemüht, gepeinigt von der Angst vor geschäftlichen Fehlern, ist er die Kreatur eines funktionalistischen Erwerbslebens."

Es war schon ein genialer Einfall dieser Frau aus Istanbul, ausgerechnet dieses Buch für ihren ungewöhnlichen, stummen Protest auszuwählen.

Das gesamte Werk Kafkas ist übrigens inzwischen gemeinfrei (d.h. endlich befreit von sämtlichen Urheberschutzgelderpressungen habgieriger "Rechteverwerter") und legal im Internet abrufbar. "Die Verwandlung" findet Ihr beispielsweise hier. Es gibt meines Erachtens nur wenige Erzählungen, deren Beginn bereits eine so extreme Lust zum Weiterlesen erzeugt:

"Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen."

Montag, 25. März 2013

Der quadratische Kreis. Weshalb ich Sahra Wagenknecht sehr schätze und sie dennoch manchmal nicht verstehe


Sahra Wagenknecht, Literaturwissenschaftlerin, frisch promovierte Volkswirtschaftlerin, Talkshowvagabundin, Politikerin und Autorin, hat dem Blättchen ein etwas längeres Interview gegeben, das ich zur Lektüre sehr empfehlen möchte. Neben allerlei wunderbaren und erhellenden Passagen über Politik, Wirtschaft und Systemkritik ist mir beim Lesen aber ein Abschnitt besonders aufgefallen, den ich hier zitieren möchte:

"[Johann Wolfgang von Goethe] war zweifelsohne einer der frühesten und zugleich ein höchst differenzierter Kritiker des – damals erst heraufziehenden – Kapitalismus, der zugleich dessen gewaltige produktiven Potenziale nicht verkannte. Ein Blick in den 'Faust II' zeigt das deutlich. Der Titelheld ist progressiv, wo er als Großunternehmer gesellschaftlichen Reichtum schafft, indem er Eigentum erwirbt und produktiv einsetzt – nämlich zur Urbarmachung von Land mittels Dampfkraft und moderner Technologie. Zugleich wird er darüber zum Barbaren, der über Leichen geht – im Stück hat er unter anderem die Ermordung von Philemon und Baucis zu verantworten –, weil sein Trieb zur Reichtumsvermehrung keine Grenze mehr kennt. Kapitalismus, das hat Goethe vor Marx erkannt, ist eben nie nur Tausch, nur Marktwirtschaft, sondern immer auch Raub: 'Krieg, Handel und Piraterie' sind für Goethe 'dreieinig' und 'nicht zu trennen'. / Man geht meines Erachtens nicht zu weit, wenn man Goethe bescheinigt, dass er die existenzielle Bedrohung von Kultur, Zivilisation und Humanität, die mit einer durchkommerzialisierten Gesellschaft zwangsläufig einhergeht, geradezu prophetisch vorhergesehen hat. (...) Besonders aktuell an Goethe finde ich, dass er nicht in eine zynisch-pessimistische Weltsicht auswich, sondern an dem Anspruch und der Zuversicht festhielt, dass der Mensch nicht auf Dauer eine Gesellschaft akzeptieren wird, die seine wertvollsten Eigenschaften – Mitgefühl, soziale Verantwortung, Liebesfähigkeit und Sehnsucht nach Würde und Schönheit – verkümmern lässt und seine unsympathischsten – Habgier, Egoismus und soziale Ignoranz – an die Spitze des gesellschaftlichen Wertekanons setzt." [Hervorhebung von mir, Anm.d.Kap.]

Nun blickt Wagenknecht also nicht mehr 50, nicht mehr 100, nicht mehr 150 - sondern bereits 200 Jahre zurück, um einen Kapitalismuskritiker zu bemühen und ausgerechnet dessen "Optimismus" und "Glaube an das Gute im Menschen" herauszustellen, der sich ja bis einschließlich heute als reine Illusion und pures Wunschdenken herausgestellt hat. Beim Lesen habe ich mich unwillkürlich gefragt, wie weit ein solcher in die Zukunft gerichteter Optimismus denn heute wohl Bestand haben muss, damit er den ersehnten "Wandel zum Guten" tatsächlich erleben darf? 200 Jahre? 300? Und wann ist nach Wagenknecht'scher Wahrnehmung die Grenze erreicht, ab der vielleicht auch eine "zynisch-pessimistische Weltsicht" erlaubt oder zumindest nachvollziehbar ist? - Diese Frage beantwortet sie in diesem Gespräch leider nicht, da sie auch nicht gestellt wird.

Ich wiederhole aber, dass diese Kritik ein Jammern auf sehr hohem Niveau ist - das Interview und gewiss auch das in Rede stehende Buch "Freiheit statt Kapitalismus" (das ich noch nicht gelesen habe) sind sicherlich lesens- und bedenkenswert. Goethes "Faust" in Gänze ist es allemal - auch wenn ich persönlich das Werk weitaus weniger positivistisch interpretiere als die geschätzte Frau Wagenknecht.


(Bild: Faust und Mephisto)

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Ein Modell: Untergang


Im folgenden [sic!] möchte ich ein Modell vorstellen, wie sich eine Gesellschaft anders organisieren könnte als die aktuelle, und sicher auch anders als bisherige, nämlich “sozialistische”. Der Entwurf enthält vieles, was mir persönlich gefallen würde, ist aber dennoch nicht frei von Beliebigkeit. Fast sämtliche Details könnten auch anders geregelt werden. Ich skizziere das, um die Gelegenheit zu bieten, sich am Beispiel abarbeiten zu können. Im Entwurf als solchem kreuzen sich abstrakte und konkrete Momente von Alternativen zum Bestehenden.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Bullshit. Es gibt genügend alternative Entwürfe zum kapitalistischen Irrsinn, wozu braucht es einen so hingerotzten Mist in wenigen Zeilen?

So nett ich die Bloggerszene ja auch finde, dieses System verführt aber leider auch dazu, ganze Regalwände in den Bibliotheken zu ignorieren, in denen viele verschiedene Antworten auf viele Fragen schon längst ruhen. Sie müssten nur endlich ernsthaft diskutiert werden.

Dieser Beitrag ist ein Paradebeispiel dafür - er beschreibt in hochalberner Form die Neuentdeckung des Rades, während in den Wissenskammern der Menschheit eine Unzahl von dicken Bänden über dasselbe Thema leise vor sich hin modert.

So wird das nichts mit der Weiterentwicklung der Menschheit, die ich ohnehin für eine lächerliche Utopie halte. Solange der Egoismus und die Habgier nicht besiegt sind, solange wird die Menschheit im Elend verharren - und ich gehe fest davon aus, dass dieses perverse Konstrukt solange andauern wird, bis die Menschheit sich selbst erledigt hat. Man könnte das auch als "natürlich" bezeichnen, da uns eben jene Natur diesen Egoismus, aus dem die Habgier folgt, in die Gene geschrieben hat.

Es ist kein Wunder, dass bei einer solchen Ausgangslage ein mörderisches Unrechtssystem wie der Kapitalismus entstanden ist. Man kann das intellektuell verfluchen und verdammen, bis sich die Balken biegen - es ist und bleibt "natürlich" (der Natur nachempfunden). Und ich glaube angesichts der vielen Jahrhunderte des kapitalistischen Triumphes nicht daran, dass die menschliche Fähigkeit des Denkens jemals etwas an dieser schlimmen Ausgangslage verändern könnte.

In jedem bisher bekannten Alternativsystem bedarf es nur einiger weniger Ackermanns, Westerwelles, Kohls oder Schröders an den "richtigen" Stellen der Macht, um es zu pervertieren - da kann die große Mehrheit noch so sehr den Idealen des Sozialen anhängen. Keine Chance - diese Spezies ist ein evolutionärer Irrweg, wie er offensichtlicher gar nicht sein könnte. Das wird noch viele, viele Jahre andauern und sehr viel Leid und Elend produzieren - aber letzten Endes ist diese Menschheit nicht überlebensfähig.

Hier diskutieren Menschen, die in irgendwelchen gut beheizten Büros oder Zimmern am Computer sitzen und Kaffee trinken, während zeitgleich alle paar Sekunden ein Mensch an Hunger, Kälte, Wassermangel oder mangelnder Gesundheitsversorgung stirbt.

Was soll man von einer solchen Gesellschaft denn bitte erwarten. Ich erkenne da keine grundlegenden Unterschiede zu dem Horror von Auschwitz. Diese Menschheit hat eindrucksvoll und nachhaltig bewiesen, dass sie nur eines wirklich und kontinuierlich kann: Faschismus. Und den in immer perfektionierterer Form.

Heute sind wir Bürger der westlichen Welt diejenigen, die sich den bohrenden Fragen der Opfer stellen müssen: Wir konntet ihr so etwas nur zulassen? Antworten darauf haben wir natürlich keine - bis auf die allgemein bekannten, wie "Ja, was sollten wir denn auch tun ..." Und wir machen einfach immer weiter. Aber uns geht es ja auch noch relativ gut. Den meisten Menschen auf diesem Planeten ging und geht es indes nicht gut.

Und jetzt gehen wir Weihnachtsgeschenke kaufen.

[Du bist tot. Spiel neu laden - JA | NEIN]

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(Falls intelligente Lebewesen auf die Erde stoßen sollten, wird ihre Reaktion sicherlich so aussehen.)

Donnerstag, 7. Juni 2012

US Army: "Take back your medals!"




Anmerkung: Ich finde diese Aktion durchaus bemerkenswert - auch wenn sie nur den berühmten Tropfen auf dem heißen Stein darstellt. Es lohnt sich, sich wirklich alle Begründungen anzuhören, mit denen die Ex-SoldatInnen ihre albernen Orden wegwerfen. Eine vergleichbare Aktion wäre in Deutschland wohl unvorstellbar - was schon viel über die Reflektions- und Lernfähigkeit deutscher Soldaten aussagt. Als leuchtendes Beispiel ist da noch immer Jürgen Rose zu nennen, dessen Publikationen an Deutlichkeit nichts vermissen lassen. Damit ist er indes allein auf weiter Flur und damit die berühmte Ausnahme, die die Regel bestätigt.

Dennoch ist das Zeichen der ehemaligen US-Soldaten im obigen Video sehr wichtig und sollte entsprechend gewürdigt werden - auch wenn ich als Pazifist und konsequenter Kriegsdienstverweigerer nicht einmal annähernd verstehen kann, weshalb sich jemand - aus welchen Gründen auch immer - jemals dazu hinreißen lassen kann, das Handwerk des Tötens und Gehorchens zu erlernen. Doch es ist nie zu spät um zu lernen.

Ich träume von dem Tag, an dem alle Soldaten dieser Welt diesem Beispiel folgen und dem elitären Gesindel ein deutliches "Nein" entgegen schleudern. Ich werde ihn nicht erleben, ich weiß.

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Zukunftsbild


"Die letzten Menschen haben einander umgebracht. Jetzt heißt es, wieder von vorn anfangen."

(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 23 vom 06.09.1922)

Mittwoch, 4. April 2012

Buchempfehlung: "Gehwegschäden"

Thomas Frantz ist die Hauptfigur von "Gehwegschäden". Er ist freier Journalist, am Rande des Existenz-Minimums, wie so viele Kreative in Berlin. Dort geraten immer mehr Kreative wie er in Bedrängnis.



(Kurzrezension des Buches von Helmut Kuhn: "Gehwegschäden". Roman, 2012, aus der Sendung "Kulturzeit" von 3sat)

Anmerkung: Allmählich hält die zwangsverarmte Mittelschicht auch Einzug in die etablierte Literatur - ausgerechnet im angeblich so paradiesischen Deutschland, dem es laut Merkel ja "gut gehe". Die klaffende, sich stetig verbreiternde Lücke zwischen Reichen und Verarmten wird hier sehr deutlich sichtbar.

"Mit brillanter fragmentarischer Ästhetik, in scharfsinnigen und grotesken Miniaturen beschreibt 'Gehwegschäden' die schleichende, gewaltige Veränderung einer Gesellschaft, in der gradlinige Lebensgeschichten längst der Vergangenheit angehören. In literarischer Auseinandersetzung mit Döblins 'Berlin Alexanderplatz' und Musils 'Der Mann ohne Eigenschaften' nimmt es dieses Buch mit einem Thema auf, das keine klassische Form mehr zulässt und das evident wird in einer Stadt, in der die auf Gehwegschäden hinweisenden Schilder an jeder Ecke zur Normalität geworden sind: Es wird hier nichts mehr repariert, wir haben uns abgefunden." (Quelle: sf magazin)

Ich will und kann mich mit dieser an Fahrt aufnehmenden Katastrophe jedoch nicht abfinden und lege dieses Buch daher allen ans Herz. Vielleicht kann es ein wenig dazu beitragen, etwas von der in Deutschland so schmerzlich vermissten revolutionären, solidarischen Energie aus dem lähmenden Tiefschlaf zu wecken. Der Held des Buches macht uns schließlich ausgiebig vor, wie es ganz gewiss nicht geht ...

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"Es ist kaum zu glauben, so habe ich [vor acht Jahren] ausgesehen!"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 25 vom 21.09.1931)

Samstag, 17. Dezember 2011

Der Putsch in Europa

Es fiel kein Schuss, keine Soldaten marschierten, kein Parlament wurde von Panzern belagert. Für den weichen Staatsstreich, der jüngst in Griechenland und Italien stattgefunden hat, war nichts dergleichen notwendig. Die Finanzmärkte haben mithilfe der Parlamente geputscht. (...)

Die schnell installierten Regierungen der nationalen Einheit in Griechenland und in Italien sind deshalb ein weicher Staatsstreich, weil in der Hülle der Experten und Technokraten jetzt Statthalter der Euro-Finanzmärkte, des Bank- und Industriekapitals direkt die Macht übernommen haben. (...)

Es ist befremdlich: Nach der Finanzkrise 2008 hatte man erwartet, dass die Banken reguliert und ihre Macht eingeschränkt würde. Keine drei Jahre später haben die Banker in Italien und Griechenland die politische Macht übernommen. (...)

Die Weimarer Republik ging unter anderem deshalb unter, weil sie der Wirtschaftskrise nicht Herr werden konnte, aber vor allem wegen ihrer eigenen demokratischen Degeneration. Die Kabinette der Experten sind kein Weg aus der Krise, sondern ihr Kennzeichen. Bereits im Jahr 1925 bildete Hans Luther eine Regierung der Fachleute. Luther stand rechts, seine explizite Parteilosigkeit wertete der Historiker Heinrich-August Winkler bereits als "Symptom der Krise" des Parteienstaats.

Heute fehlt es nicht an parlamentarischen Mehrheiten wie zu Weimarer Zeiten. Die Notverordnungen, mit denen später Heinrich Brüning die Republik zu seinen drastischen Sparprogrammen zwang, werden heute über die postdemokratische Finanzkratie, die Herrschaft der Banken und der Euro-Elite, durchgesetzt. Aber die zentrifugalen Kräfte fehlender Legitimation für die Regierungspolitik haben Europa bereits jetzt an den Abgrund geführt. In Krisenzeiten werden die wahren Machtverhältnisse offengelegt. Die Kabinette der Technokraten sind die Regierungen der 1 Prozent.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Dass die taz einen solchen Gastkommentar veröffentlicht, ist bemerkenswert - auch wenn der Autor an der Oberfläche bleibt und seine Kritik zu sehr auf griechische und italienische Verhältnisse beschränkt. Die "Kabinette der Technokraten" haben mitnichten nur in diesen beiden Ländern das Ruder übernommen - auch die Regierungen Schröder und Merkel sowie die Führungsmarionetten der übrigen Euro-Staaten waren bzw. sind ein Teil dieses umfassenden Putsches der "Elite". Der einzige Unterschied zu Griechenland und Italien besteht eigentlich nur noch in dem flatternden, zerrissenen Mäntelchen der Scheindemokratie, das man in jenen beiden Staaten inzwischen abgelegt hat.

Die Interessen der Menschen haben für keine Regierung Europas mehr eine maßgebliche Bedeutung (ganz besonders gilt das für Deutschland, Frankreich und Britannien). Statt dessen gilt alles staatliche Handeln in erster Linie dem Ziel, den Reichtum der "Elite" nicht nur zu erhalten, sondern seine fortdauernde exponentielle Vermehrung zu gewährleisten - koste es, was es wolle. Mit Demokratie hat das schon lange, lange nichts mehr zu tun.

Nachtweys Vergleich der heutigen Situation mit dem Ende der Weimarer Republik trifft indes wieder des Pudels Kern (siehe dazu auch das letzte Zitat des Tages). Wäre dieses Szenario nicht so bedrohlich konkret, würde ich es als surreal empfinden - als Teil eines eher mittelmäßigen, aus dem Ruder laufenden dystopischen Romans, der die Ereignisse aus der Weimarer Zeit des Untergangs der Demokratie einfach in unsere Gegenwart verlegt. Aber das ist kein Roman - wir erleben jenen Untergang sehenden Auges - sozusagen live - mit.

Ganze Regierungen werden da von diesen Finanz-"Eliten" mit fleißiger Unterstützung der "demokratisch legitimierten" Hampelfrauen und -männer weggeputscht und durch eigene Puppen ersetzt - und unsere Medien tun größtenteils so, als sei nichts passiert und das demokratische Gefüge Europas sei nach wie vor vollkommen intakt. Es ist nicht nur "befremdlich", wie Nachtwey schreibt - das ist vollkommen wahnsinnig und ein nicht enden wollender Albtraum, der unsere nahe Zukunft in eine schwarze, extrem bedrohliche Wolke hüllt.

"So we're all going together." (Voltaire: This Ship's Going Down, 2008)


Samstag, 3. Dezember 2011

Ein etwas anderer Bericht aus Amerika

1999 gründete [Sole] das Label Anticon und revolutionierte damit die Rapmusik. Jetzt ist der Antiheld des US-Hip-Hop eine zentrale Figur der Occupy-Proteste in Denver. (...)

Sole: Anders als die USA ist die Schweiz kein Drittweltland. Wir aber haben alles verloren. Den Wohlstand. Die Moral. Den Humor. Wir haben Barack Obama gewählt. Er hat uns Hoffnung auf einen nötigen Wandel gemacht. Er hat alle Versprechen gebrochen. Obama ist ein Mann der Wall Street, ein neuer Ronald Reagan. (...)

Wir sind vor allem auch moralisch völlig am Anschlag. Ich bin kein Ökonom. Ich weiß nur, dass der Preis eines Marschflugkörpers dem Jahreslohn von vierzig Lehrern entspricht. Wir streichen Lehrerstellen, weil wir andere Länder zerbomben und dann neu aufbauen müssen. Das ist alles, was von Obamas Versprechen geblieben ist. Darum die Explosion: Die Bewegung entstand vor sechs Wochen an der Wall Street. Inzwischen protestieren in 1200 Städten Millionen von Menschen. (...)

Die USA sind die größte Macht in der Geschichte der Menschheit. Konzerne bestimmen über unser Leben. Sie bestimmen Politik, ihnen gehören die Medien. Das Occupy-Modell ist direkte Demokratie, totale Transparenz. Keine Geheimdeals, keine Absprachen in Hinterzimmern. Sie müssen wissen: Es gibt in den USA keine funktionierende Linke mehr. Die Linke hatte den Achtstundentag erkämpft. Wie lange ist das her? Siebzig Jahre? Dann wurde sie systematisch geschwächt und unter Reagan beerdigt.

Die einzigen Linken, die gehört werden, sind Akademiker. Noam Chomsky zum Beispiel. Diese radikalen Professoren gibt es überall, sie sind extrem populär, aber sie haben keine Macht. Zum ersten Mal, seit ich lebe, stehen in den USA Leute für ihre Rechte auf: ältere Ladys, fünfzigjährige Arbeiter, junge Anarchisten, Kids, Studentinnen, Ex-Cops und unzählige Veteranen aus dem Irak, aus Afghanistan, Vietnam, Somalia, Kolumbien, Panama. Alle sagen dasselbe. (...)

Ich bin nicht naiv. Das hier ist nicht Tunesien. Wir legen uns mit einer Macht an, die unbesiegbar ist. Der einzige Mensch in den USA, der mehr Morddrohungen erhält als George W. Bush, ist Michael Moore, der sich seit zwanzig Jahren für die Leute in diesem Land engagiert. Was sich aber extrem schnell geändert hat, ist die Art der Kommunikation. (...)

In einem Land, das regiert wird durch Geheimabsprachen und Hinterzimmerdeals, ist direkte Demokratie die totale Revolution.

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Anmerkung: Nach der bisherigen Berichterstattung über die aktuelle Situation in den USA war ich der Meinung, dass die neoliberale Propaganda und mediale Gleichschaltung dort weitestgehend funktionieren und es kaum gesellschaftlichen Protest gibt. Dieser Rapper aus Denver zeichnet nun ein etwas anderes Bild - eines, das wesentlich mehr Protestpotential in sehr vielschichtigen Bereichen der amerikanischen Gesellschaft vermuten lässt. Falls das stimmt, wäre das fantastisch ... aber vielleicht ist hier auch nur der Wunsch der Vater des Gedankens? Formulierungen wie "Alte Damen stellen sich vor uns, lassen sich für uns von Schlagstöcken die Arme brechen, und es ist ihnen egal. Das ist toll!" lassen das jedenfalls vermuten.

Andererseits ist es sicherlich hilfreich, wenn solche Meinungen (wenn auch natürlich nicht in den Mainstreammedien) verbreitet werden. Ich weiß nicht, wie populär dieser Sole ist - mit Rap-Musik habe ich nichts am Hut -, aber wenn er diese Popularität dafür nutzt, revolutionäre Samen zu streuen, ist das doch sehr zu begrüßen.

Wieder einmal fällt hier aber eine - wohl "typisch amerikanische" - Ignoranz sehr unschön auf: Selbst diesem Rapper erscheint es offenbar als völlig selbstverständlich, dass jeder Bürger die Möglichkeit hat, einen selbst angebauten Drei-Jahres-Vorrat (sic!) an Gemüse im Keller oder sonstwo einzufrieren, um "unabhängig" zu sein. Wie grotesk eine solche Vorstellung für die überwältigende Mehrheit der Menschen - sicherlich auch in den USA - ist, fällt ihm offenbar nicht einmal auf. Wer sich so viele Tiefkühltruhen samt dem notwendigen Platz und Strom dafür leisten kann, hat offenbar den Blick für die Lebenswirklichkeit der meisten Menschen völlig verloren.

Schizophren geht die Welt zugrunde.

Mittwoch, 23. November 2011

Zur Zukunft der Demokratie und Europas

Das alte Athen gilt als Wiege der europäischen Demokratie. Das moderne Athen droht zu ihrem Grab zu werden. Die Ereignisse, die Griechenland in den vergangenen Tagen erschüttert haben, sind eine Lehre und eine Warnung für ganz Europa. (...)

Die Lage erinnert an Deutschland in den 1930er Jahren. Damals wälzte Reichskanzler Heinrich Brüning, ein Zentrumspolitiker, die Auswirkungen der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise ebenfalls mittels drastischer Sparmaßnahmen auf die Bevölkerung ab. Er regierte mit Notverordnungen, stützte sich auf die Vollmachten des Reichspräsidenten sowie die parlamentarische Unterstützung der Sozialdemokratie und unterdrückte den Widerstand gegen sein Spardiktat mit brutalen Polizeieinsätzen. Brüning ebnete so den Weg für den Aufstieg und die Machtübernahme der Nationalsozialisten. (...)

Ursache der europäischen Schuldenkrise ist nicht der Mangel an Geld. Allein reiche griechische Privatleute haben nach Schätzung des Handelsblatts 560 Milliarden Euro auf ausländischen Konten gebunkert – fast doppelt so viel wie die gesamte griechische Staatsschuld. In ganz Europa lebten 2007 nach Berechnungen der US-Investmentbank Merrill Lynch mehr als 3 Millionen Millionäre mit einem Gesamtvermögen von 7,5 Billionen Euro. (...)

Ohne Eingriff in die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse kann diese Krise nicht gelöst werden. Die Banken, Großunternehmen und großen Vermögen müssen enteignet, demokratisch kontrolliert und in den Dienst der Gesellschaft gestellt werden. Statt der Profitansprüche der Kapitalbesitzer müssen die gesellschaftlichen Bedürfnisse Vorrang haben.

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Anmerkung: Dem habe ich nichts hinzuzufügen - unbedingte Leseempfehlung.

Sonntag, 6. November 2011

Die BLÖD-"Zeitung" hat's geschafft: Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein

Griechen raus!

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Anmerkung: Ich nehme die BLÖD-"Zeitung" mangels Relevanz ja nicht zur Kenntnis, bin nun aber über den Bild-Blog auf diesen Beitrag gestoßen - und kann nur noch festhalten, dass dieses nicht repräsentative, neoliberale Fischeinwickelblatt es tatsächlich geschafft hat, dass ich mich zurzeit schäme, ein Deutscher zu sein.

Lest den Bild-Blog-Beitrag, schaut euch die Screenshots an - die BLÖD-"Zeitung" gräbt selbst in den tiefsten Untiefen der Kanalisation noch Gruben, um ihr eigenes Schmierenniveau stetig zu unterbieten.

Liebe Griechen, nehmt das Geplärre dieser Gossenbande bitte nicht zu ernst - ich bin sicher, dass es auch in Griechenland ähnliche nach Fäkalien duftende Vertreter in der "Medienlandschaft" gibt, die ihr ebenfalls nicht ernst, sondern lediglich als Kartoffelschalen-sammelmappe nehmt, nicht wahr?

Gut ... es gibt noch viele andere Gründe, weswegen man sich seit einigen Jahrzehnten wieder einmal schämen sollte, Deutscher zu sein - eine vollständige Aufzählung würde den Rahmen dieses Beitrages deutlich sprengen. Kriege gehören dazu, gezielte Verarmung und Schikanierung der Bevölkerung zugunsten der Superreichen, die Missachtung der Menschenrechte, staatliche Gestapo-Überwachungsmethoden und so vieles, vieles mehr. Aber was sich diese windige Bande der Springer-"Presse" hier geleistet hat, grenzt nicht mehr nur - wie gewohnt - an grobe Volksverdummung und schlichte Lügen- und Propagandageschichten, sondern an faschistische Volksverhetzung und die völlige Verkehrung der Wirklichkeit in ein wahnhaftes Feind-Weltbild, das jeder rationalen, logischen Wahrheit entbehrt.

Wer sich über die Bankenkrise, die keine "Schuldenkrise" und auch keine "Griechenland-Krise" ist, ernsthaft informieren möchte, sei u.a. auf die Nachdenkseiten verwiesen.

Es wird offensichtlich Zeit, einem alten Ruf wieder zu neuem Leben zu verhelfen: Enteignet Springer! Diese permanenten Schmutz- und Propagandakampagnen ohne jeden Informationswert müssen endlich aufhören - das hat nichts mit "Pressefreiheit" zu tun, sondern nur noch mit der Frage, wie stark man seinen pressenden Brechreiz kontrollieren kann, wenn man solche Pamphlete tatsächlich liest.


(Bild: Charlie / onlinewahn.de)