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Meine Angst, wurde mir ausgerichtet, lasse grüßen, sie erfreue sich bester Gesundheit. Ich hatte sie, aber das ist schon fast zwei Wochen her, zwischen Lausanne und Fribourg aus dem Zug geworfen. Warum, fiel mir damals plötzlich ein, sollte man sich einer so lästigen Klette nicht entledigen können? Da außer mir gerade niemand im Abteil war, die gute Gelegenheit mir aufmunternd zunickte, hab' ich's dann also getan. Soweit mir bekannt, ist eine solche Handlung nicht strafbar. Nur vergaß ich natürlich im Überschwang meines Entschlusses, dass Ängste überaus zäh sind. Sie überleben alles, sie überleben auch uns. Meine Angst zum Beispiel ist, bevor sie auf mich kam, die meiner Mutter gewesen. Und meine Mutter hat sie vielleicht schon von einer Tante gekriegt, das weiß ich schon nicht mehr. Wie auch immer: Wir Menschen kommen und gehen, doch ungerührt bleiben die Ängste am Leben und wählen sich neue Träger aus. Kein Wunder, dass es einer Angst überhaupt nichts ausmacht, aus dem fahrenden Zug geworfen zu werden. Deshalb ist meine euphorische Handlung ein sinnloser Akt gewesen. Wie zu erwarten war, stellt sich nunmehr heraus, dass die würzige Waldluft des Waadtlandes meine Angst erst recht gekräftigt hat. Schon also lässt sie mich grüßen. Bald wird sie wiederum da sein, ausgeruht und erholt für ihren Erwählten, für mich. Treue, hört man heute oft klagen, sei selten geworden. So kann nur reden, wer für einen Augenblick seine Angst vergessen hat, vielleicht hat vergessen wollen. Aber niemand bleibt uns so unentwegt treu wie die Angst.
(Kurt Marti [* 1921], aus: Silvio Blatter et al.: "Szene 81. Beispiele Schweizer Gegenwartsliteratur", 1981)
Anmerkung: Wer kennt sie nicht, diese nicht auszumerzende Angst, die gerade in dieser furchtbaren Zeit des kapitalistischen Niederganges letzlich jeden Menschen betrifft - ganz egal, ob nun befürchtete, drohende, begonnene oder bereits abschließende Verarmung, Verfolgung, Kriminalisierung, staatlicher Terror oder gar Krieg bzw. anderweitig betriebener staatlicher Mord die Ursachen sein mögen. In jedem Falle gilt heute wieder einmal: Die Angst ist vollkommen berechtigt und weit entfernt davon, ein Gegenstand psychologischer oder gar psychiatrischer Behandlungen zu sein. Das Gegenteil ist der Fall: Wer heute keine Angst vor dem offensichtlich erneut kommenden Unheil hat, sollte dringend ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.
Alfred Kubin hat das in seiner unten abgebildeten Zeichnung "Weltangst", die 1934 irgendwie an den braunen Zensoren vorbeigerutscht ist, vorzüglich zum Ausdruck gebracht, wie ich finde - man könnte das Bild heute auch problemlos mit "Hartz-Terror", "Geheimdienstverfolgung" oder "Kriegslüsternheit" überschreiben. Ich persönlich kann mich gar nicht entscheiden, vor welcher dieser staatlichen Terrorarten ich mehr Angst habe.

(Zeichnung von Alfred Kubin [1877-1959], in "Simplicissimus", Heft 4 vom 22.04.1934)
Die britische Regierung beschließt eine Beschränkung der Sozialleistungen für Bürger anderer EU-Staaten
(...) Nach den neuen Regeln haben [Migrantinnen und Migranten aus der Europäischen Union] keinen Anspruch auf Wohngeld und müssen drei Monate in Großbritannien ansässig sein, bevor sie Arbeitslosengeld beantragen können. Der bisher leicht zu bestehende und über die Vergabe von Sozialleistungen entscheidende Habitual Residency Test soll erschwert werden und die Bedingung einschließen, dass Neuankömmlinge die englische Sprache beherrschen. Das Arbeitslosengeld kann dann nur für sechs Monate bezogen werden, wenn nicht überzeugend dargelegt wird, dass die Aussicht auf ein Arbeitsverhältnis besteht. Das Gehalt von arbeitenden Migrantinnen und Migranten muss eine Mindestgrenze überschreiten, wenn diese Zuschusszahlungen zur Sicherung des Lebensunterhalts beantragen wollen. Obdachlose EU-Bürger sollen abgeschoben werden und zwölf Monate lang nicht wieder einreisen können. Ziel dieser Maßnahmen ist es Cameron zufolge, "Wohlfahrtstourismus" zu vermeiden.
(Weiterlesen)
Anmerkung: Die britischen Regierungsterroristen gehen in Sachen Menschenfeindlichkeit mal wieder forsch voran, wie es nicht erst seit Thatcher Gewohnheit ist - und wie immer dauert es auch nicht lange, bis deutsche Menschenfeinde der neoliberalen Einheitspartei (NED) auf den Zug aufspringen und ins selbe widerliche Horn stoßen. Wer angesichts solcher rauchender Ruinen der Sozialstaatlichkeit, wie sie beispielsweise in Britannien oder Deutschland heute anzutreffen sind, noch den ohnehin merkbefreiten und völlig indiskutablen Begriff des "Wohlfahrtstourismus'" bemüht, muss entweder vollkommen degeneriert in einer realitätsfernen Blase vor sich hin vegetieren - oder aber wirklich bösen Willens sein.
Aktuell sind's also mal wieder die fiesen klauenden Zigeuner Rumänen und Bulgaren, die in der Darstellung dieser verkommenen Schlips-Borg den bröckelnden Wohlstand der kapitalistischen Glitzerwelt bedrohen - und nicht etwa die immer reicher werdenden Ultraminderheiten der Superreichen, von denen gerade mal 85 Individuen heute so viel Reichtum "besitzen" wie die Hälfte der gesamten Weltbevölkerung zusammen. Da ist es sonnenklar, dass diesen "Sozialschmarotzern" Beine gemacht und die nur noch spärlich tröpfelnden Hähne zugedreht werden müssen - wo kämen wir denn auch hin, wenn beispielsweise ein Multimilliardär ein paar Millionen, also einige Promille, abgeben müsste, um das Essen und die Unterkunft für solche "Parasiten" zu bezahlen?!? Das geht aber gar nicht, wenn man "Elite"-Diener bzw. Schlips-Borg ist und sich seinen Platz am Fleischtopf, der zwar beileibe keine Milliarden, oft auch keine vielen Millionen, dafür aber ein vergleichsweise fürstliches Leben jenseits der vollmundig propagierten Armut ermöglicht, erhalten möchte.
Thatchers üble Taten aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts haben nach einer gewissen Karenzzeit bekanntermaßen ganz Europa erreicht und vergiftet - dasselbe gilt für spätere "Reform"-Projekte der kapitalistschen Extremisten, die eigentlich Deformierungen genannt werden müssen, ebenfalls. Die Zeit zwischen den Einschlägen wird jedoch drastisch kürzer: Jetzt hat es nur wenige Tage gedauert, bis die in England beschlossenen asozialen Verwerfungen und menschenfeindlichen Ablenkungen von den tatsächlichen Verursachern der staatlichen Geldnot auch in Deutschland einen politischen Widerhall - selbstredend zuerst (aber keineswegs exklusiv) in der CSU, wo auch sonst - erhalten haben. Gleichzeitig ist es extrem erhellend zu bemerken, dass trotz dieser widerlichen Behandlung und aller "Flüchtlingsbekämpfungsmaßnahmen" von MigrantInnen und Asylsuchenden noch immer einige Menschen den Weg nach Deutschland oder sogar England finden - wie grauenhaft schlimm muss es also in den Regionen sein, aus denen sie geflüchtet bzw. ausgewandert sind? Wer würde denn gerne an einen Ort ziehen, an dem es beispielsweise so

oder so

aussieht? - Wohlgemerkt: in einem der reichsten Länder des gesamten Planeten, in dem der Superreichtum einiger Weniger das Maß aller Dinge ist und sich die völlig desinformierte Bevölkerung teilweise immer noch an einen schwindenden Wohlstand klammert - sogar dann, wenn er gar nicht mehr vorhanden ist -, der aber stetig weiter auf die Konten jener Superreichen übertragen wird, ohne dass diese Umverteilung zugunsten der Superreichen überhaupt zur Kenntnis genommen oder gar erkannt wird.
Aber wir werden es erleben müssen: Ich bin leider ziemlich sicher, dass diese widerliche Bande es auch diesmal schafft, wieder unbeteiligte Minderheiten zu instrumentalisieren und den berechtigten Zorn der von Banken und Kapital ausgeplünderten Bevölkerung auf diese zu lenken - seien es nun diesmal Rumänen, Bulgaren, Zigeuner, Juden, Arbeitslose, Behinderte, Kranke, Alte, Junge, Schwarzhaarige, Muslime, Raucher, Linkshänder oder wen zur Hölle sie auch immer zu dieser perversen Opferrolle auswählen mögen. Die perversen Ideen gehen diesen Menschenfeinden und Eigennutzmehrern leider niemals aus. Die Beispiele der ersten Versuche können wir heute hautnah miterleben.
"Wohlfahrtstourismus ist das Problem!", wiederholen die in den überquellenden Geldspeichern Hockenden gebetsmühlenartig und krallen ihr Gold an sich bzw. lassen ihre gekauften Vasallen das stellvertretend für ihre HerrInnen tun - und ich wiederhole ebenso regelmäßig: "Geldspeicher, gekaufte Vasallen und HerrInnen sind das Problem!" Deshalb weiß ich, dass auch mir von diesen widerwärtigen Gesellen schon jetzt ein Platz in einem der Lager zugewiesen ist, die noch gar nicht wieder neu gebaut sind. Das aber geht schnell, wenn der systemimmanente gesellschaftliche, soziale und finanzielle Zusammenbruch einmal mehr naht.
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Das allmächtige Gold

(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 32 vom 05.11.1923)
(Friedrich Nietzsche [1844-1900]: "Verwelkt", aus: "Sieben Lieder", komponiert 1864; Text von Sándor Petőfi [1823-1849]; Dietrich Fischer-Dieskau: Gesang, Aribert Reimann: Piano)
Du warst ja meine einz'ge Blume,
verwelkt bist du, kahl ist mein Leben.
Du warst für mich die strahlende Sonne -
du schied'st, ich bin von Nacht umgeben.
Warst meiner Seele leichteste Schwinge -
du brachst - ich kann nun nimmer fliegen.
Du warst die Wärme meines Blutes -
du flohst - ich muss dem Frost erliegen.
Anmerkung: Es ist weithin unbekannt, dass Nietzsche sich auch als Komponist betätigt hat und eine ganze Reihe von Liedern und Klavierwerken geschrieben hat, die heute leider weitgehend vergessen sind. Dieses Lied über den Tod eines geliebten Menschen, geschrieben im Alter von nur 20 Jahren auf ein Gedicht des ungarischen Revolutions-Dichters Sándor Petőfi, ist ein schönes Beispiel für die zarte, musikalische Seite Nietzsches - zu einer Zeit, als er Richard Wagner, dessen Musik er später sehr schätzte, persönlich noch gar nicht kannte.
Ich persönlich denke in diesem Zusammenhang sehr gern an die Zeit zurück, in der ich - ebenfalls im Alter von zarten 20 Jahren - auf den Spiegel im Bad meiner damaligen Studentenbude in großen, knallroten Buchstaben den Schlusssatz aus Nietzsches "Zarathustra" geschrieben hatte und ihn jeden Morgen neu lesen musste:
"Also sprach Zarathustra und verließ seine Höhle, glühend und stark, wie eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt."

(...) Es ist deshalb nicht einfach nur ein ästhetisches Ärgernis, dass unsere Journalisten wie die Wurstel schreiben, die sie meistens auch sind: Die endlos reproduzierte Formatierung der Erfahrung von Welt zerstört bereits die Möglichkeit von Erfahrung.
(Weiterlesen)
Anmerkung: Nach dem ersten Lesen dieser bissigen, ziemlich verschwurbelten sonntäglichen Gärtnerei konnte ich mir ein gewisses Grinsen und Frohlocken nicht verkneifen - nach einer gewissen Zeit setzte jedoch (man mag es kaum glauben) ein Denkprozess ein, dessen Ende mich nun zu dieser Anmerkung geführt hat: Für den Maßstab einer nur noch von wenigen verstandenen Kritik in der Tradition Kafkas oder Kraus' ist der Text ein Juwel - für alle anderen Menschen dieses bildungsfernen und gewollt verdummten Landes ist er aber nichts weiter als ein Buch mit sieben Siegeln, das nicht mehr verstanden wird und daher auch keine Wirkung entfalten kann.
Zu den Zeiten von Kafka oder Kraus war das - zumindest noch in einem unter argen Schmerzen ertragenen und mit einem schlimmen elitärem Gesellschaftsbild verbundenen Maßstab - anders. Heute aber kann fast kein jüngerer Mensch, ganz egal aus welcher "Bildungsschicht" er stammen mag, mehr etwas mit Kant, Karl Kraus oder einem Kafka-Zitat ohne Quellenangabe und damit ohne Einordnungsmöglichkeit anfangen. Auch ich, der ich bekennender, glühender Kafka-Verehrer bin, kannte den zitierten Satz Kafkas bislang noch nicht und habe ihn nach einer kurzen Suche auch nur insoweit nachverfolgen können, dass er irgendeinem Text aus dem zweiten Band der "nachgelassenen Schriften und Fragmente" entstammt. Meine Kafka-Ausgabe ist eine andere, so dass ich aufgrund der fehlenden Quellenangabe hier zunächst kapitulieren musste. Auf die Suche nach der Quelle des Kraus-Bezuges habe ich mich gar nicht mehr begeben, weil gleich jedwede Angabe dazu fehlt.
Sicherlich kann und soll man diesen kapitalistisch gewollten und durchaus absichtlich herbeigeführten Verfall der humanistischen, literarischen, philosophischen und historischen Bildung der Menschen anklagen - ihn zu ignorieren bringt aber überhaupt nichts. Diese Gratwanderung zwischen einem einigermaßen anspruchsvollen Text und einer einigermaßen allgemeinen Verständlichkeit wird zunehmend schwieriger, wenn die nachwachsenden Generationen immer dümmer und kapitalismuskonformer gehalten werden - was angesichts der vorhergehenden Ergebnisse aus den 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ja schon mehr als nur ein Verbrechen ist. Auch ich habe mich jahrelang mit dem damals scheinbar unlösbaren, aus heutiger Sicht grotesken intellektuellen Widerspruch herumgeärgert: Hier befindet sich die "freiheitlich-demokratische" Welt, in der alles nach "Volkes Wille", nach "Recht und Gesetz" und somit zugunsten aller Menschen in diesem Land abläuft, während der Großteil des Planeten weiter im Irrsinn, in der Korruption, im Krieg, im Unrecht und in der Unfreiheit und bittersten Armut - bis hin zum Tod - versinkt. Es hat sehr lange gedauert, bis ich diese Zusammenhänge begriffen hatte - und Lehrer, Schulen und Universitäten hatten auf diesen Erkenntnisprozess einen eher geringen Einfluss. Auf diesem Gebiet befindet sich die kapitalistische, westliche Welt schon seit vielen Jahrzehnten nach der bösen Zäsur 1945 auf einem ganz üblen, bitteren Weg, der weit hinter das Niveau aus der Zeit vor den beiden Weltkriegen zurückfällt.
Vielleicht ist diese Überspitzung der Gärtnerischen Zitierhaltung ja auch ein Teil der Satire, den ich nur nicht richtig verstanden habe? Diese Idee ist mir mehrfach durchs Hirn geschossen, aber letzten Endes wäre das, wenn es der Fall wäre, doch auch nur eine Bestätigung meiner obigen Kritik.
Lieber Herr Gärtner, auch wenn Du diesen Text sicher nie lesen wirst: Gib Deinen LeserInnen doch bitte mehr Anhaltspunkte, anhand derer sie Deinen Gedankengängen folgen können! Sonst sind nämlich nicht nur die Gedankengänge, sondern gerade auch die Intention, die Du (vielleicht / hoffentlich) beim Schreiben hattest, für die berühmte Tonne. Das Prahlen mit solchem Wissen mag Dir einen sehr steifen Penis oder ein pulsierendes Hirn bescheren - aber sonst bringt es niemanden in irgendeiner Form etwas.
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"Wir leben im Zeitalter der Überarbeiteten und Unterbildeten: dem Zeitalter, in dem die Menschen so tüchtig sind, dass sie völlig verdummen."
(Oscar Wilde [1854-1900]: "Der Kritiker als Künstler". Essay, 1890)
In Deutschland ist die "Millionärswahl" eine TV-Show, in den USA Realität. Zum ersten Mal sind mehr als die Hälfte aller US-Abgeordneten Millionäre. Amerikas Volksvertreter sind schon lange viel reicher als ihre Wähler: Ihnen gehört ein Milliardenvermögen.
(Weiterlesen)
Anmerkung: Wieso der n-tv-Autor die amerikanischen "Abgeordneten" dennoch weiter beharrlich als "Volksvertreter" bezeichnet, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Es liegt ja auf der Hand, dass diese Gesellen nicht "das Volk" bzw. dessen Interessen, sondern ihre eigenen und insbesondere die der Reichen und Superreichen vertreten. In Deutschland sind wir von solchen Zuständen allerdings auch nicht mehr so weit entfernt - beispielsweise der Adel, also die schmierigen, unansehnlichen Hinterlassenschaften des Feudalismus vergangener Zeiten, ist völlig überrepräsentiert im Bundestag, und von den korrupten Gesellen, die gerade aufgrund ihrer "politischen Arbeit" erst zu Millionären werden - wie beispielsweise Steinbrück - will ich hier besser gar nicht reden.
Hinweisen muss ich in diesem Zusammenhang aber auf ein bezeichnendes Propagandastück westlicher Mainstreammedien: Irgendjemand (ich habe die ursprüngliche Quelle bislang noch nicht gefunden) hat vor einiger Zeit mal behauptet, dass im "Volkskongress" in China größtenteils Superreiche säßen. Belastbare Quellen für diese Behauptung gibt es nicht - und trotzdem taucht sie in schöner Regelmäßigkeit in den westlichen Medien immer wieder auf: Auch n-tv wiederholt sie in diesem Text einmal mehr und verlinkt sogar auf den entsprechenden Artikel des eigenen Hauses, der sich auf einen ominösen Bericht eines Shanghaier "Hurun"-Magazins beruft - dort allerdings ohne Verlinkung. Was diese Behauptung bezwecken soll, bleibt schleierhaft - selbst wenn das Szenario der Wahrheit entspräche: Schließlich ist der chinesische "Volkskongress" ein nicht einmal mit scheindemokratischer Farbe angepinselter Verein, der noch dazu keinerlei Machtbefugnisse - erst recht keine "demokratischen" - besitzt; er ist also eine reine Show-Veranstaltung. Das ist zwar in den USA auch nicht anders, dort allerdings tut man noch immer so als handele es sich um eine Demokratie - so etwas behauptet in China wohl niemand.
Ich kann mir das eigentlich nur so erklären, dass von interessierter Seite auch weiterhin alles in Bausch und Bogen verdammt wird oder werden muss, was sich auch nur entfernt "kommunistisch" nennt - auch dann, wenn es sich, wie beispielsweise China, nun um alles andere als ein kommunistisches Land handelt. Offiziell wird es so noch immer bezeichnet, also muss es von westlichen Medien offensichtlich bekämpft werden. Man kann das benennen, wie man möchte - Schaumschlägerei beispielsweise oder auch die Hochkultur der potemkinschen Dörfer - irgendeine gehaltvolle Sinnhaftigkeit darf man darin jedoch nicht suchen.
Es verbleibt also die Erkenntnis, dass es zunehmend die Reichen sind, die die Geschicke der Welt leiten. Das freilich war im Kapitalismus schon immer so und ist auch heute nicht anders, "nomen est omen" sozusagen. Geändert hat sich nur der Habitus: Heute schickt die "Elite" immer öfter keine gekauften Marionetten mehr, sondern Leute aus den eigenen (untersten) Reihen. Man kann über die Gründe nur spekulieren: Vielleicht werden sie allmählich immer schamloser und merken, dass sie sich nicht mehr so arg zu verstecken brauchen; vielleicht wollen sie auch verhindern, dass weitere habgierige "Aufsteiger" aus dem "Plebs" an ihrem Luxus rudimentär teilhaben, die sie wie Schröder und so viele, viele andere korrupte Pfeifen letztlich mit etwas Gold eindecken müssen, um ihr schändliches Tun im Nachhinein zu bezahlen; und vielleicht sind es auch ganz andere Gründe.
Die kleine Clique der Superreichen bestimmt, was geschieht - und das, was geschieht, hat als einziges Ziel, deren Superreichtum auf unser aller Kosten stetig zu vermehren und zu sichern. Insofern sind die USA das wahrlich perfekteste Vorbild für den Weg in die perverse, absurde und permanente Theateraufführung der "freiheitlichen Demokratie", das man sich ausdenken kann. Deutschland ist bislang nur ein Plagiat - allerdings eines, das man schon fast nicht mehr vom Vorbild unterscheiden kann: Der Weg zum System der kapitalistischen Einheitspartei nebst angeschlossenen Propagandamedien und riesiger Lobby bzw. Korruptionsmaschinerie ist fast vollendet, und wirklich alles, das in diesem pervertierten Politiksystem noch Bedeutung beigemessen wird, hat mit schnödem Geld zu tun - anderes kommt schlicht nicht mehr vor.
Die Zeche zahlen - wie sollte es auch anders sein - wir alle, egal ob Angestellte(r), Arbeitslose(r), Asylsuchende(r), Führungskraft, Beamte(r) oder Selbstständige(r) ... und zwar stets an jene Clique der Superreichen, die in diesem wahnsinnigen System des schrill kreischenden Irrsinns immer profitiert und nie bezahlt.
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Der Herr der Welt

"Der rüstet nicht ab!"
(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 26 vom 22.09.1924)
(Peter Hammill: "Shingle Song", aus dem Album "Nadir's Big Chance", 1975)
You can see in the last light that's graced as dawn
that there's nothing in my heart but pain.
As I stand, facing sea, knowing that you're gone
all the elements rage to explain,
that I should really be on my way;
but there is something which ensures I must stay.
Against the roar of the seething surf,
against the caterwaul of scattered call wind
thoughts and gestures unspoken, unheard -
and now the dance of rapture begins.
As the waves rush along across the beach:
Like you, like your love forever out of reach.
Look at the sky, but it's empty now;
look at the sea, it holds nothing but despair.
I raise my eyes but my head stays bower ...
I look to my side, but you're not there.
And I can't get you out of my mind,
no, no, no, no, I just can't get you from my mind.

Anmerkung: Zu diesem beeindruckenden Song des Masterminds der britischen Progressiv-Legende Van der Graaf Generator und gleichzeitigem Wegbereiter des Punk-Rocks, Peter Hammill, muss ich nicht viele Worte verlieren, denn das Lied spricht selbst in dieser lausigen youtube-Tonqualität für sich selbst. Ich erinnere mich aber noch gut an meine erste Begegnung mit Van der Graaf, die ausgerechnet an der Uni im Rahmen eines Seminars zum Thema "Progressives in der populären Musik" stattgefunden hat. Danach habe ich auf jeder Plattenbörse (gibt's so etwas eigentlich noch?) jeden Vinylschatz von dieser Band wie von Sinnen an mich gerissen, den ich nur finden konnte.
Nichts ersetzt aber den tatsächlichen Musikgenuss dieses Werkes, wenn die Schallplatte auf einer angemessenen Anlage in adäquater Lautstärke abgespielt wird: Die raue Stimme Hammills, später noch fett unterstrichen vom fast triefend-klagenden Saxophon, gräbt sich dabei wie eine Rasierklinge unter die Haut und wühlt sich ihren Weg in das Zentrum des eigenen Körpers. Wenn ein geliebter Mensch stirbt, fühlt sich das genauso an, wie Hammill es hier beschreibt.
Es gibt mehrere Versionen dieses Filmes im Netz; ich habe diese aufgrund der vergleichsweise guten Bild- und Tonqualität ausgesucht. Die spanischen (oder portugiesischen?) Untertitel stören nicht, wie ich finde.
Anmerkung: Wer meint, schon alles zu diesem furchtbaren Thema gesehen zu haben, sollte sich diese Rohfassung einer nicht fertiggestellten Dokumentation aus dem Jahr 1945 erst recht ansehen, die nun endlich - wenn auch immer noch gekürzt - öffentlich zugänglich ist. Es handelt sich um vielfach ungeschnittene Filmaufnahmen von russischen und amerikanischen Kameraleuten, die das dokumentieren, was die Alliierten damals in den befreiten Lagern im ganzen Kriegsgebiet vorgefunden haben und was kurz nach den Befreiungen dort geschah. Es ist dabei völlig nebensächlich, dass der Regisseur Alfred Hitchcock an der Bearbeitung der Dokumentation beteiligt war - auch wenn genau dies der alleinige Grund gewesen ist, weshalb wenige Medien wie das neoliberale Kampfblatt Der Spiegel oder der britische, ebenfalls kapitalistisch abhängige "Independent" überhaupt über diese Restauration eines Filmdokuments berichtet haben.
Wichtig allein sind die Aufnahmen - und auch der weitgehend erhalten gebliebene englische Kommentar dazu ist zeithistorisch durchaus sehr informativ. Ich habe schon viele, mehr oder weniger gut ausgearbeitete Dokumentationen über die befreiten Konzentrationslager nach dem Krieg gesehen, aber nirgends habe ich die Situation so ungeschminkt, so deutlich und in ihrem wahnsinnigen Extrem so entwaffnend ehrlich in ihrer puren Grausamkeit und Menschenverachtung gesehen, wie das hier der Fall ist. Gerade die Tatsache, dass der Film nicht fertiggestellt worden ist, sondern nur in dieser auf youtube leider immer noch geschnittenen Rohfassung vorliegt, macht ihn zu einem noch viel eindrücklicheren, noch unmanipulierteren Dokument dieses bislang finstersten Kapitels der deutschen Geschichte.
Was Spiegel & Co. bei der ohnehin hanebüchenen, extrem dürftigen und oberflächlichen Berichterstattung über dieses Dokument - wie immer im Zusammenhang mit dem Holocaust - völlig unter den Tisch fallen lassen, sind die kapitalistischen Ursachen, die damals in letzter Konsequenz und in logischer Genauigkeit Schritt für Schritt zu diesem irrsinnigen Horror geführt haben, der für Millionen von Menschen die reale Hölle auf der Erde bedeutet hat. Selbstverständlich ziehen diese Propagandamedien auch keine weitergehenden Schlüsse daraus, die etwas mit den heutigen, in eine ganz ähnliche Richtung driftenden Entwicklungen - oder eher: Wiederholungen - des kapitalistischen Systems zu tun haben. Die Drangsalierung und Schikanierung von Menschen, die Einteilung in "wertvolle", "nutzbare" und "unnütze" Menschen ist längst wieder im vollen Gange - und sogar der offen herausposaunte Rassismus beispielsweise gegen Muslime oder "Zigeuner" gehört zu unserem gesellschaftlichen und vor allem politisch-medialen Alltag.
Während sich die "Elite" einmal mehr die teigigen Hände reibt und vor lauter aus allen Ritzen quellendem Superreichtum gar nicht mehr weiß, wie und weshalb sie denselbigen überhaupt noch vermehren soll, zerfleischen sich die restlichen 99 Prozent der stetig verarmten und ausgebeuteten Menschen wieder gegenseitig, suchen wie von Sinnen untereinander die "Schuldigen" für die Verarmung und gehen einmal mehr den verschiedensten Formen des Faschismus' auf den grenzdebilen Leim. Und die Herrschaft grinst wohlgefällig dazu, bleibt wie immer im Hintergrund und wird nicht angeklagt. Eigentlich fehlt da nur noch, dass sie wieder groteske Perücken und Kostüme statt Anzügen und Schlipsen zu tragen beginnt - der Rest unterscheidet sich vom Feudalismus der gruseligen Vergangenheit nicht mehr.
Der Film verdient einen neuen, einen treffenderen Titel. Ich nenne ihn deshalb: "Dahin führt uns der Kapitalismus - zwingend, logisch und letztlich unausweichlich". - Wer das gerne möchte, mache einfach weiter wie bisher.
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"Hier trägst Du mit"

(Plakat einer faschistischen Ausstellung des Reichnährstandes über "Rassenhygiene" mit der Aufschrift: "Hier trägst Du mit. Ein Erbkranker kostet bis zur Erreichung des 60. Lebensjahres im Durchschnitt 50.000 [Reichsmark]." In: Volk und Rasse, Illustrierte Monatszeitschrift für deutsches Volkstum [sic!], hg. v. Heinrich Himmler und Richard Walther Darré, Nr. 10, 1936)
Meine Söhne, sagt Herr Fahrenkamp, sind wortkarg genug. Ich frage sie dieses und jenes, ich bin kein Unmensch, es interessiert mich, was die Jugend denkt, schließlich war man selbst einmal jung. Wie soll nach Eurer Ansicht die Zukunft aussehen, frage ich und bekomme keine Antwort, entweder meine Söhne wissen es selber nicht oder sie wollen sich nicht festlegen, es soll alles im Fluss bleiben, ein Fluss ohne Ufer sozusagen, mir geht das auf die Nerven, offen gesagt. Darüber, was es nicht mehr geben soll, äußern sich meine Söhne freimütiger, auch darüber, wen es nicht mehr geben soll, den Lehrer, den Richter, den Unternehmer, alles Leute, die unseren Staat aufgebaut haben, in größtenteils demokratischer Gesinnung, aus dem Nichts, wie man wohl behaupten kann, und das ist jetzt der Dank. Schön und gut, sagen meine Söhne, aber Ihr habt etwas versäumt, und ich frage, was wir versäumt haben, die Arbeiter sind zufrieden, alle Leute hier sind satt und zufrieden und was gehen uns die Einwohner von Bolivien an. Ihr habt etwas versäumt, sagen meine Söhne und gehen hinunter in den Hobbyraum, den ich ihnen vor kurzem habe einrichten lassen. Was sie dort treiben, weiß ich nicht. Meine Frau meint, dass sie mit Bastelarbeiten für Weihnachten beschäftigt sind.
(Marie Luise Kaschnitz [1901-1974]: "Steht noch dahin. Neue Prosa", 1970)
Anmerkung: Dieser beeindruckende, lakonische und trotzdem hochexplosive Text der hochverehrten Marie Luise Kaschnitz aus einer vergangenen Zeit, in der es noch eine Jugend gab, auf die man Hoffnungen setzen konnte, sei heute vor allem all jenen blinden Apologeten ans Herz gelegt, die auch heute wieder dumpfe Besitzstandswahrung betreiben und das kapitalistisch verursachte massenhafte Leid in weiter entfernten Regionen der Welt einmal mehr auszublenden versuchen, indem sie es entweder ignorieren oder einfach als "deren Problem" bezeichnen, mit dem "wir" nichts zu tun hätten. Lest dieses Buch und macht Euch den Irrsinn, den Ihr propagiert, bewusst.
Marie Kaschnitz, die zwei Weltkriege, eine Monarchie, eine faschistische Horror-Diktatur und zwei Demokratieversuche hautnah miterlebt hat, deutet den neu aufgesetzten Kapitalismus nach dem zweiten Weltkrieg kurz vor ihrem Lebensende im Jahr 1970 als eine geradezu zwingende Ursache für gewalttätigen Terrorismus, der in der Mitte der "bürgerlichen" Gesellschaft - und gerade nicht an ihren "Rändern" - entsteht. Heute sind wir in diesem bösen Spiel längst einen Akt weiter: der Terrorismus in der westlichen Welt wird nun größtenteils nur noch erfunden und herbeifabuliert bzw. staalich selbst herbeigeführt, um die Menschen stetig weiter ihrer zuvor blutig erkämpften Rechte und Freiheiten zu berauben, während der Großteil der einstmals kritischen Jugend heute längst wie der Rest der Bevölkerung in den klebrigen Netzen des kapitalistischen Konsumwahns gefangen und ruhiggestellt ist.
Ich persönlich sehne mich brennend nach einer Jugend, die sich wieder im Hobbyraum mit "Bastelarbeiten für Weihnachten" á la Kaschnitz beschäftigt, anstatt irgendwelchen hirnrissigen kapitalistischen "Trends" nachzujagen, die sie letztlich zu folgsamen Vasallen und Sklaven dieses perversen Systems machen. Die "Weiße Rose" sollte doch der Maßstab sein und nicht der kapitalistische Dreck. Der Kiezneurotiker schrieb vor einigen Wochen zu diesem Thema (den Link habe ich leider nicht parat, sorry), dass er die nächste Generation da in der Pflicht sieht und sich sinngemäß darauf verlässt, diese würde den kapitalistischen Schlips-Borg das angemessene und längst überfällige Kontra schon entgegenschleudern. Diesen recht positiven Zukunftsglauben teile ich leider nicht - ich fürchte statt dessen, dass der kapitalistische Alptraum nunmehr seiner Vollendung entgegen strebt und dass diesmal tatsächlich das dauerhafte Orwell-System installiert wird.
Ich hoffe selbst inständig, dass ich mich irre.
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Nur Optimismus bringt Rettung!

"Ewig bleibt es ja nicht Winter; sobald das Eis schmilzt, kann ich wieder schwimmen."
(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 42 vom 15.01.1933)
(Deathlike Silence: "Moonlight Shadow", aus dem Album "Saturday Night Evil", 2009)
The last that ever she saw him
Carried away by a moonlight shadow
He passed on worried and warning
Carried away by a moonlight shadow
Lost in a riddle that saturday night
Far away on the other side
He was caught in the middle of a desperate fight
And she couldn't find how to push through
The trees that whisper in the evening
Carried away by a moonlight shadow
Sing a song of sorrow and grieving
Carried away by a moonlight shadow
All she saw was a silhouette of a gun
Far away on the other side
He was shot six times by a man on the run
And she couldn't find how to push through
I stay, I pray, see you in heaven far away
I stay, I pray, see you in heaven one day
4 a.m. in the morning
Carried away by a moonlight shadow
I watched your vision forming
Carried away by a moonlight shadow
Stars move slowly in a silvery light
Far away on the other side
Will you come to talk to me this night
But she couldn't find how to push through
I stay, I pray, see you in heaven far away
I stay, I pray, see you in heaven one day
Caught in the middle of a hundred and five
The night was heavy but the air was alive
She couldn't find how to push through
I stay, I pray, see you in heaven far away
I stay, I pray, see you in heaven one day

Anmerkung: Diese wunderbar frische finnische Version des alten Mike-Oldfield-Klassikers gehört für mich zu den wenigen Ausnahmen der Coverversionen, die das Original noch übertreffen. Die Stimme dieser Sängerin und deren tonaler Bereich sind umwerfend und beeindruckend - und die metallische Instrumentierung, die eigentlich zu diesem "zarten" Song so gar nicht passen sollte, wirkt hier so stimmig, als sei das Stück nie anders konzipiert gewesen.
Über den im Grunde recht dämlichen Text kann man da schon hinwegsehen, finde ich. ;-) Das Video könnt ihr ebenfalls ignorieren - das ist offenbar rein privat und hat mit dem Song nichts zu tun.
Europas Bürokraten haben vergessen, dass auch von hier einmal Millionen Menschen vor Krieg und Verfolgung flüchteten. Jeder Migrant, der sterben muss, ist eine weitere Anklage gegen die aktuelle europäische Zuwanderungspolitik.
(...) Doch die drakonischen Maßnahmen, die Anfang Dezember in Kraft getreten sind, würde ich als den Gipfel des europäischen Zynismus beschreiben. Eurosur genannt, wird das neue europäische Grenzüberwachungssystem mit Drohnen und biometrischen Programmen gegen die illegalen Reisenden im Mittelmeerraum vorgehen. (...)
Es ist an der Zeit, dass die Europäer sich in die historische Situation zurückversetzen, in der sie selbst vor 100 oder mehr Jahren waren. Ich gehe davon aus, dass die Europäer die Migrationsgeschichte ihres Kontinentes nicht vergessen haben. Eine Geschichte, die unabänderlich mit Umsiedlungen und Vertreibungen an anderen Orten dieser Welt verknüpft ist. Die Geschichte von Millionen Europäern, die die Ozeane überquerten auf der Flucht vor Armut und Hungertod, mörderischen Kriegen, religiöser Verfolgung oder der sozialen Ungerechtigkeit. In Irland, Frankreich, Finnland, Norwegen, Italien oder England. / Dass ich die Menschen daran erinnern muss, macht mich traurig. Und ich bin entsetzt darüber, dass man die Versprechungen, die nach den 350 Toten von Lampedusa gemacht wurden, bereits verraten hat.
(Weiterlesen)
Anmerkung: Dieser Artikel des somalischen Schriftstellers Nuruddin Farah aus der Frankfurter Rundschau trifft den Nagel auf den Kopf und darf getrost als schallende Ohrfeige beispielsweise für die Schmierfinken und Gossentrompeter aus der CDU/CSU gewertet werden, die sich auch weiterhin nicht entblöden, fortdauernd gegen Flüchtlinge zu hetzen. Es ist bezeichnend und extrem beschämend, dass ein solcher notwendiger Aufruf ausgerechnet aus Afrika erfolgen muss, weil sich hier offenbar kein ähnlich prominenter Autor dafür gefunden hat.
Tatsächlich hat sich die europäische "Flüchtlingspolitik", die eher eine Bezeichnung wie "asoziale Politik zur Bekämpfung von Flüchtlingen" verdient, weiter massiv verschärft. Der Autor erwähnt dieses furchtbare Grenzüberwachungssystem namens "Eurosur" selbst, ohne es näher zu beschreiben. Wer diesen Begriff im Netz sucht, wird schnell fündig - nahezu alle Mainstreammedien haben im Dezember darüber - mehr oder meist weniger kritisch - berichtet. Dabei reicht es eigentlich schon aus, kurz das eigene Hirn anzuwerfen, um zu dem logischen Schluss zu gelangen, dass eine solche totalitaristisch anmutende Verschärfung der Grenzkontrollen, die erklärter Maßen der "Abwehr von illegalen Flüchtlingen" [sic!] dienen soll, nicht gleichzeitig auch ein Instrument zur "Rettung von Flüchtlingen" sein kann.
Das Geschwätz der Bürokraten zu diesem Thema ist schon unerträglich genug - noch schlimmer aber wird es, wie immer, wenn jemand von der extremen Rechten dazu etwas in die Welt plärrt, wie es beispielsweise der CSU-Europaabgeordnete Markus Ferber hier getan hat: "Das europäische Modell kann ja nicht heißen: Wer es schafft, möglichst in die Nähe europäischer Küsten zu kommen, der hat ein Aufenthaltsrecht in der EU, dem wird geholfen." Welch ein widerliches Menschenbild muss jemand in der begrenzten Enge seines muffigen Schädels ausgebrütet haben, um angesichts des Leids und Elends so vieler hilfesuchender Menschen einen dermaßen zynischen Satz herauszuhauen! Ich frage mich bei solchen Leuten stets, wie dieser Kerl wohl seinerzeit einem aus einem KZ geflohenen Juden begegnet wäre, wenn er ihm über den Weg gelaufen wäre; oder wie er auf die vielen, vielen Schiffsladungen voller meist völlig verarmter Menschen aus Europa reagiert hätte, die seinerzeit in Nordamerika, Australien oder Neuseeland auf der Suche nach einer besseren Zukunft angekommen sind.
Ein "modernes Überwachungssystem" wie "Eurosur" ist natürlich nicht kostenlos zu haben - Wikipedia berichtet dazu: "Mit Stand von Oktober 2013 werden 244 Millionen Euro aus dem Haushalt der Europäischen Union für Installation und Betrieb des Systems bis 2020 bereitgestellt. Kritiker befürchten hingegen, dass das Projekt eher eine Milliarde kosten wird." Da werden ohne großes politisches Schwadronieren hunderte bis eintausend Millionen aus dem Ärmel gezaubert, um möglichst viele Menschen möglichst effektiv daran zu hindern, vor Armut, Hunger, Krieg oder Verfolgung nach Europa zu flüchten - wo sie, wenn sie es dennoch schaffen, mit noch geringeren Hilfen als dem menschenunwürdigen Hartz-Terror-Satz abgespeist und noch dazu in Ghettos, Lagern oder heruntergekommen "Heimen" kaserniert werden, wenn sie nicht sofort im "Abschiebe"-Knast landen. Einen solchen Zynismus muss man in der Tat erst einmal erfinden - dazu gehört schon so viel Niedertracht und Menschenverachtung, dass ich gar nicht ermessen kann, wieviel davon die tatsächliche Umsetzung dieser perversen Strategie wohl erfordern mag.
Nebenbei sollten wir auch bedenken: Ein solches zentralisiertes Super-Überwachungssystem wie "Eurosur" wird mittelfristig selbstverständlich nicht auf die Außengrenzen Europas beschränkt bleiben - ich habe die Jubelhymnen der Überwachungsfetischisten schon im Ohr, wie wunderbar eine solche flächendeckende, zentral erfasste und gespeicherte Überwachung aller BürgerInnen Europas doch wäre, um die Millionen von Terroristen, Pädophilen oder wahlweise "Internet-Kriminellen" endlich dingfest machen zu können. Der Schritt von einem wahnwitzigen, geradezu absurden Konstrukt wie den "illegalen Flüchtlingen" zu so etwas wie "illegalen BürgerInnen" ist nur ein sehr, sehr kleiner.
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Problem "Europa" endlich gelöst!
Nachdem die von allen Nationen beschickte Konferenz
siebenundzwanzig volle Wochen in Permanenz
getagt hatte, ohne eine Lösung der Krise zu finden,
kamen die Herren Delegierten zuletzt überein
und ließen solches durch alle Rundfunksender verkünden -:
Es würde unter den gegebenen Verhältnissen das Beste sein,
Europas Völker zögen mit Kind und Kegel von hinnen
und ließen den alten Kontinent einfach im Stich,
um irgendwo in der Welt, jeder streng für sich,
ein vollkommen neues und besseres Leben zu beginnen.
Der alte Erdteil sei eben ein so hoffnungsloses Terrain,
gedüngt mit Blut, Tränen, Hass und Geschrei,
die Luft verpestet mit kriegerischen Gesängen,
dass nach der einstimmigen Meinung aller Experten
leider nicht die geringste Aussicht vorhanden sei,
es könne hier jemals wieder besser werden.
Über die technische Durchführung des gigantischen Umzugs
habe man sich bereits bis ins kleinste verständigt
und denke sich die Sache etwa so:
Schon übermorgen werden durch Cooks Reisebüro
allen Völkern Pässe und Fahrscheine ausgehändigt.
Bei Inanspruchnahme der gesamten Weltschifffahrts-Tonnage
ist es dann ein leichtes, binnen vier Wochen
Europa völlig zu evakuieren
und die Völker nach ihren neuen Wohnsitzen zu transportieren,
deren Zuteilung wie folgt geschieht:
Die Franzosen wohnen im nördlichen Polargebiet,
die Deutschen, endlich genügend von jenen getrennt,
im großen antarktischen Kontinent,
die Italiener in der arabischen Wüste,
die Jugoslawen an der brasilianischen Küste,
die Österreicher im Feuerland,
die Tschechen am nördlichen Eismeerstrand ...
Auf diese Weise, hofft man, wird es gelingen,
die Völker endlich zur Räson zu bringen;
denn wenn sich keine Reibungsflächen mehr ergeben,
müssen sie doch schließlich in Frieden leben.
(Hans Seiffert [1898-1964], in "Simplicissimus", Heft 19 vom 10.08.1931)
Stell Dir vor, Du bist Journalist - und erfährst von der Existenz einer skurrilen "Nervenheilanstalt", die es in den USA kurz nach dem zweiten Weltkrieg unter maßgeblicher Beteiligung eines deutschen Nazi-"Wissenschaftlers" gegeben und die danach aus mysteriösen, weitgehend unbekannten Gründen als "Privatklinik" eines amerikanischen Konzerns in Zusammenarbeit mit der CIA fortgeführt worden ist, bis es zu einer unerklärlichen Schließung kam, die niemals aufgeklärt worden ist. Damit befindest Du Dich in der Ausgangslage des Computerspiels "Outlast" und machst Dich allein mit einer Videokamera bewaffnet auf den Weg, das alte Gebäude zu besuchen und das Geheimnis seiner Schließung zu ergründen.
(Es folgen jede Menge Spoiler - wer das Spiel selber noch genießen möchte, sollte hier ausdrücklich nicht weiterlesen.)
So beginnt das ultimative Horrorspiel "Outlast", dem ich als bekennender Verehrer (mein Dank gilt meinem Freund Darkmoon) des Spieles "Amnesia - The Dark Descent" hiermit den neuen Status des Maßstäbe setzenden Eckpfeilers dieses Genres verleihen muss. Wer Horrorfilme kennt, wird sich in die Hose machen. Wer Horrorspiele kennt, wird viele Windeln brauchen. Dieses Spiel hat mich an den Rand dessen gebracht, was ich ertragen kann - und verlässt dabei dennoch nie den Realitätsbezug zu unserer gruseligen, kapitalistischen Wirklichkeit, was den Horror erst wirklich glaubhaft macht.
Aber der Reihe nach: Das Spiel fängt, wie so oft, relativ harmlos an: Das Szenario ist gruselig, die Ereignisse sind es noch nicht immer. Das aber steigert sich - und zwar in einem Tempo, das ich so in Computerspielen noch nicht kannte. Die Story entwickelt sich anfangs recht schnell - man stößt immer wieder auf Fundstücke, Dokumente, Akten und Ähnliches und erfährt so nach und nach, was in diesem finsteren Gebäude sowohl kurz nach dem Krieg, als auch später geschehen ist - und es überrascht wohl niemanden, dass keines dieser Ereignisse etwas ist, was man tatsächlich miterleben möchte. Selbstverständlich wird man das meiste aber miterleben, wenn man weiterspielt - wenn auch etwas später und ohne jede Rücksicht.
Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen: Natürlich spielt der Faschismus hier eine tragende, omnipräsente Rolle - ebenso wie der Kapitalismus, der wie gewohnt auf der Suche nach endlosem Profit ist, woher auch immer er stammen mag und dabei wie gewohnt auch Wege beschreitet, die geradezu und für jeden auch problemlos sofort erkennbar pervers sind. An einer Stelle erfährt man das auch ganz ungeschminkt, wenn man ein Akte findet, in der sinngemäß dokumentiert wird, dass der Konzern die lächerlichen Investitionen für ein paar Ärzte und ein Irrenhaus angesichts der erwarteten Profite höchst gerne getätigt hat. Selbstverständlich werden hier systematisch Menschen gequält, verstümmelt und ermordet, und natürlich geschieht das auch hier aufgrund von dümmlichen Kapitalinteressen - andere nachvollziehbare Gründe gibt es dafür schließlich nicht. Den wirklichen Horror generiert das Spiel aber - abgesehen von den jeweiligen Szenarien, die teilweise extrem gut gelungen sind - aus der zunächst undurchsichtigen Verquickung der Geschehnisse mit einer angeblich "übernatürlichen" Macht aus einem diffusen "christlichen Jenseits". Das klingt im Rahmen dieses verrückten Szenarios erst einmal nicht sonderlich furchteinflößend und erst recht nicht neu - aber am Ende stellt sich das wiederum anders dar, denn da erfährt der Spieler die tatsächlichen Hintergründe: Der gesamte übernatürlich-religiöse Klamauk wurde - wie in unserer realen Welt - einzig für die dummen Opfer der perversen medizinischen Manipulationen erfunden, um ihnen die wahrlich fatalen Auswirkungen des profitorientierten Tuns der "Ärzte" irgendwie glaubhaft zu machen.
Im gesamten Spiel - wie das in "Amnesia" schon vorgemacht wurde - gibt es keine Chance, die gruseligen Monster, die nichts anderes sind als vom kapitalistischen Wahn entstellte Menschen und die dem Spieler an jeder dritten Ecke nach dem Leben trachten, zu bekämpfen. Die einzige Möglichkeit, den Schlächtern zu entgehen, besteht darin, sich zu verstecken oder zu flüchten - und oftmals ist da auch eine durchdachte Strategie notwendig, die vorheriges, manchmal eingehendes Beobachten erfordert. Gelingt die Flucht nicht rechtzeitig, stirbt man - so unbarmherzig wie die perverse Ideologie der Kapitalisten ist auch die Regel dieses Spiels.
Am Schluss bleibt man zunächst ratlos zurück - der Journalist hat seine Aufgabe nicht erfüllt, der Konzern wird nicht zur Rechenschaft gezogen, das System ändert sich nicht - sondern es kommt alles noch viel, viel schlimmer: Der Protagonist wird "assimiliert" und ist fortan ein Teil des perversen Systems. Die Entwickler hätten sich einen noch weniger dem klassischen "Happy End" anmutenden Schluss für ihre finstere, aber so realistische Story kaum ausdenken können.
Wer 20 Dollar übrig hat, sollte sie den UrheberInnen dieser bösen Realitätsdarstellung zukommen lassen, das Spiel selber ausprobieren und die eigenen Windeln mit unerfreulich Riechendem füllen. Angesichts des Themas wäre an dieser Stelle gewiss auch ein Hinweis auf eine kostenlose Version legitim ... nicht aber in diesem verkommenen Staat / System. Hier wird sogar die Kritik am Kapitalismus profitorientiert verwertet und notfalls gerichtlich und staatlich legitimiert durchgesetzt. Wir befinden uns eben längst auf der allerletzten Seite nach dem Nachwort und merken es bloß noch nicht. Wie der nette Journalist zu Beginn in diesem Spiel.
Schweizer fürchten deutsche Schmarotzer / Mit Vorurteilen gegen Deutsche befeuert die Schweizerische Volkspartei (SVP) eine Kampagne gegen "Masseneinwanderung". Mit Erfolg: Anfang Februar stimmen die Eidgenossen in einem Volksentscheid über Zuwanderungskontingente ab.
(...) Die Stimmung in der Schweiz ist aufgeheizt. Wie in der Bundesrepublik tobt auch bei den Eidgenossen dieser Tage eine Debatte über Zuwanderung. Dort geht es allerdings nicht um angebliche "Sozialbetrüger" aus Bulgarien und Rumänien. (...) / Die Kampagne richtet sich nicht exklusiv gegen Deutsche, sie taugen in der Schweiz allerdings bestens als abschreckendes Beispiel. Schon wer durch Zürich spaziert, stößt auf Dinge, die das deutsche Welt- und Selbstbild erschüttern. In der größten Stadt der Schweiz gibt es Ramschläden, die mit dem Slogan "Preise wie in Deutschland" werben. Und es gibt Unternehmer, die "billige" medizinische Behandlungen in der Bundesrepublik anbieten. (...)
Wie Populisten in Deutschland schürt die SVP in der Schweiz die Angst vorm sozialen Abstieg durch "maßlose" Zuwanderung. Und "maßlos" wandern in den Augen vieler Schweizer vor allem Menschen zu, die aus der Bundesrepublik stammen.
(Weiterlesen)
Anmerkung: Ganz abgesehen davon, dass dieses Beispiel aus der Schweiz ganz genauso hanebüchen und verkommen ist wie die populistischen Hetztiraden der CSU und anderer brauner Horden in Deutschland, lässt sich hier doch eine immer wiederkehrende, kranke Tendenz im zugrunde gehenden Spätkapitalismus feststellen: Überall lassen sich furchtbare Stimmen finden, die andere Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer Hautfarbe, ihres Vermögens oder aus anderen grotesken Gründen als die "Schuldigen" für den befürchteten sozialen Abstieg der regionalen Bevölkerung brandmarken. Dass dieser soziale Abstieg (und auch die Migrationsbewegungen von Menschen) völlig andere Ursachen haben, die selbstredend in der kapitalistischen Umverteilung von immer mehr Vermögen und damit Macht von unten nach ganz oben zu suchen sind, kommt in diesen instrumentalisierten Gedankenwelten natürlich nicht vor. Es war schon immer eine beliebte Kampagne der "Elite", solche Ablenkungsmanöver zu starten - ob sie sich nun gegen Juden, gegen Muslime, gegen Rumänen und Bulgaren oder diesmal auch gegen Deutsche richtet.
Ein solcher geschürter Rassismus dient stets der Ablenkung und soll den "Volkszorn" auf andere, zumeist wesentlich schwächere Ziele umleiten, um die kapitalistische "Elite", die das eigentliche Ziel des Zorns sein müsste, zu schützen. Die Vergangenheit zeigt, dass diese perverse, eigentlich völlig infantile und vor Dummheit geradezu strotzende Strategie fast immer aufgeht - es finden sich immer wieder genug Hohlbirnen, die auf den rassistischen Zug aufspringen und in die vors Maul gehaltene schrille Hasstrompete blasen.
Vor 30 Jahren habe ich einen erneuten Rassismus "im großen Stil" in Deutschland und im gesamten Kerneuropa noch ausgeschlossen. Vor etwa 20 Jahren kamen mir angesichts der grauenhaften Pogrome in Rostock-Lichtenhagen und ähnlicher Ereignisse auch in anderen Regionen Deutschlands und europäischen Ländern starke Zweifel. Vor 10 Jahren war ich mir sicher, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis die kapitalistischen Verwerfungen erneut einen grassierenden, europaweiten Rassismus als Ablenkungsstrategie hervorbringen werden, die auch diesmal wieder hervorragend "funktionieren" wird. Leider habe ich mich diesmal nicht getäuscht: In den vom Kapitalismus am schlimmsten zerstörten Ländern wie etwa Griechenland, Rumänien, Ungarn oder teilweise auch Italien feiern rechtsextreme Parteien grandiose Erfolge oder stellen bereits die Regierung. Auch in Frankreich, Österreich oder den Niederlanden sind faschistoide Gruppierungen heute wieder ernsthafte Gefahren - und in Deutschland übernimmt diese Rolle gar ein böser Wolf im christlich-demokratischen Schafspelz (oder eher: Mummenschanz), was wohl allein der furchtbaren Historie dieses Landes zu verdanken ist. Überall ist ein gesamter Schwenk des ohnehin verkommenen, korrumpierten politischen Spektrums nach rechts außen zu erkennen - es ist ja kein Zufall, dass es fast überall die ehemalige "Sozialdemokratie" war, welche die Zerstörungen der Sozialsysteme, die Senkungen der Steuern für Superreiche, die Entfesselung der "Kapitalmärkte" und die imperialistischen Kriege unserer bösen Zeit voran getrieben hat und bis heute an diesem Irrsinn festhält.
Dieser Rechtsdrall ist nicht "zufällig" entstanden und auch kein Spiegel der europäischen Gesellschaften. Wie schon in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts bildet sich hier lediglich die "Agenda" der kapitalistischen "Elite" ab, die anlässlich des anstehenden, vorhersehbaren und aus logischer Sicht unvermeidlichen Zusammenbruchs des kapitalistischen (Finanz-)Systems einmal mehr ihre Pfründe, ihre Macht und ihre privilegierte Stellung sicherstellen will. Der schnöde Feudalismus ist höchst lebendig in unserem "freiheitlich-demokratischen" Land.
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Werbeanzeige: "Die Juden in der Karikatur"

"(...) Alles, wozu Hass, Verachtung, Überhebung gegenüber den Juden jemals die Satire inspiriert hat, ist hier zu einem Kulturgemälde vereinigt, das sensationell und fesselnd ist, von welcher Seite man auch herantritt. Denn niemals haben sich gegenüber einer anderen Volksschicht solche turbulente Orgien von Spott ausgetobt, wie gegenüber den Juden. - Kein Thema kann zeitgemäßer sein als dieses (...)."
(Antisemitische Werbeanzeige des Verlages Albert Langen, München, zu dem Buch "Die Juden in der Karikatur" von Eduard Fuchs [1870-1940], aus der Zeitschrift "Simplicissimus", Heft 32 vom 02.11.1921)
Anmerkung: Interessant ist dabei vor allem die Tatsache, dass der Kulturwissenschaftler Eduard Fuchs Marxist war, vor den Nazis ins Exil fliehen musste und das besagte Buch in einer Reihe von ähnlichen Werken desselben Autors zu satirischen Darstellungen ("Die Frau in der Karikatur", "Der Weltkrieg in der Karikatur") erschienen ist. Ob es tatsächlich antisemitische Tendenzen enthält oder ob diese damals vom Verlag nur zu Werbezwecken [sic!] erfunden wurden, entzieht sich meiner Kenntnis.
Nie wieder Krieg ---
Der gute Völkerbund streicht seine Segel,
Verwirrung herrscht im hohen Genfer Haus.
Auf jeden Fall gilt nun als neue Regel:
wer dennoch Kriege führt, tritt vorher aus!
Man dachte anfangs von dem Institute,
es hätte endgültig den Krieg besiegt -
Und alle wären unter einem Hute,
auch der, wo nicht, hätt' eins darauf gekriegt -
Doch wo ein Krieg ist, gibt's auch Lieferungen
von Munition und Werken der Chemie!
Zu lieblich tönt das Liedchen: "Seid umschlungen,
Millionen!" jeder Rüstungsindustrie.
Ein Krieg ist nicht moralisch. Doch im tiefern
Sinn wirkt er wirtschaftlich sehr produktiv -
Wir würden gerne auch nach Japan liefern,
trotz Friedenssehnsucht -: Ja, die Welt ist tief ---
Lässt auch der liebe Gott die Erde beben,
weil ihm dies ew'ge Morden nicht mehr passt -:
die Liebe kann den Markt nicht neu beleben,
Geschäft ist nur, wo sich die Menschheit hasst ---
(Karl Kinndt alias Reinhard Koester [1885-1956], in "Simplicissimus", Heft 51 vom 19.03.1933)
Anmerkung: Diese Ausgabe des Simplicissimus war die erste, die nach der Machtübertragung an die braunen Terrorhorden im März 1933 erschienen ist - das furchtbare Titelbild dieser Ausgabe der Zeitschrift, das zuvor stets satirisch-kritische Bilder zeigte, illustriert das nachdrücklich. Dieses Gedicht von Reinhard Koester ist dennoch an den zu dieser Zeit wohl noch ungeübten braunen Zensoren vorbeigerutscht und setzt den Fokus auf die damals wie heute allzu offensichtliche Pervertierung des kapitalistischen Profitstrebens, das selbstredend auch Kriege als nützliches Instrument zur Anhäufung von Geld nutzt.
Ich habe den Irrsinn des Kapitalismus selten besser zusammengefasst gefunden als in den Worten der letzten Zeile dieses Gedichtes.

(Dead Can Dance: "Persephone (The Gathering of Flowers)", aus dem Album "Within the Realm of a Dying Sun", 1987)
Anmerkung: Der Text dieses beeindruckenden Songs besteht aus einer Fantasiesprache, die sich auf die mythologische Figur der griechischen Toten-, Unterwelts- und Fruchtbarkeitsgöttin Persephone bezieht. Das Lied stammt aus einer Zeit, als die Band Dead Can Dance noch relativ unbekannt war und die Sängerin Lisa Gerrard noch nicht die finanziellen Vorzüge des kapitalistischen Musikbetriebs kannte, denen sie heute längst verfallen ist, indem sie ihre Stimme der Geldmaschine "Hollywood" verkauft.
Dieser künstlerische Abstieg in die Gosse ist somit ein prädestiniertes Beispiel dafür, was der Fluch des Kapitalismus aus artistischen Offenbarungen macht - die Kunst wird erstickt und gnadenlos ausgemerzt, um kommerzielle Interessen zu bedienen. Ich bin selbst Musiker und kann Lisa Gerrard gewiss keinen Vorwurf machen - wir sind alle käuflich im Rahmen dieses perversen kapitalistischen Systems.
Umso mehr gilt es die "Frühwerke" zu bewahren, als die Musik noch im Zentrum stand - und nicht das schnöde Geld.

"Wer hat noch die Zeit, 2.200 Seiten aller drei Bände des 'Kapitals' zu lesen? Eine aufmerksame Lektüre braucht dafür rund 160 Stunden oder einen vollen Arbeitsmonat. Um in kürzerer Zeit mehr Interessierte mit der Marxschen Kritik des Kapitalismus vertraut zu machen, wurde diese Kurzfassung aller drei Kapitalbände erstellt, die auf die Vertiefung von Einzelfragen verzichtet, aber auf weniger als 500 Seiten den vollständigen Gedankengang von Marx' Hauptwerk im Zusammenhang und in seinen eigenen Worten bietet" heißt es im Klappentext der Kurzfassung des Kapitals von Wal Buchenberg.
(Download des kostenlosen Hörbuches von Karl Marx: "Das Kapital". Kurzfassung aller drei Bände. Kommentiert und zusammengefasst von Wal Buchenberg. VWF-Verlag Berlin, 2006)
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Anmerkung: Wer lieber (unkommentiert und ungekürzt) selber lesen möchte, kann das beispielsweise hier tun. Die Informationen sind frei verfügbar, die Quellen sind nicht verschleiert und momentan noch nicht einmal illegal - und dennoch ist unsere heutige Zeit diejenige, die im historischen Vergleich am allerwenigsten von den zur Verfügung stehenden Informationen Gebrauch macht und statt dessen mit Pauken und Trompeten erneut im dumpfen Stumpfsinn der "kapitalistischen Alternativlosigkeit" versinkt.
Wenn das mal nicht die Königsklasse des Irrsinns ist, weiß ich wirklich keine bessere Definition.
