Samstag, 3. Oktober 2015

Schwarz-rot-urin: Zum "Tag der deutschen Annexion"


Zum "Tag der deutschen Annexion" möchte ich gerne auch etwas beisteuern und benutze dazu ein Stöckchen, das mir gar nicht zugeworfen wurde. Mechthild hat in ihrem Ein-Euro-Blog einen hübschen Fragebogen veröffentlicht, der zwar bloß dumpfe Reklame ist und sich an die BewohnerInnen der "neuen Bundesländer" richtet, zu denen ich nicht gehöre, allerdings erscheinen mir die Fragen doch ebenso relevant für einen ollen Wessi wie mich. Die vorgegebenen Antworten ignoriere ich dabei geflissentlich.

1. Wo haben Sie die Feiern zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 erlebt?

Ich erinnere mich gut an diesen schwarzen Tag - die Wochen zuvor habe ich gemeinsam mit anderen langhaarigen Bombenlegern, Autonomen und Linksradikalen damit verbracht, in der miefig-spießigen Kleinstadt, in der ich damals lebte, Plakate und Aufkleber mit dem Titel "WIDER Vereinigung!" zu verbreiten. Wir hatten viel Spaß damals - wir haben gesoffen, gekifft, Bullen verarscht und Spießern in die gepflegten Vorgärten gekotzt. Es war eine wunderbare Zeit. Der 3. Oktober war so etwas wie der Montag nach einem Partywochenende - ich war zu dieser Zeit Zivi und habe den Tag damit verbracht, völlig verkatert alten Menschen beim Essen, Anziehen und meist zähflüssigen Stuhlgang zu helfen. Das war weniger spaßig, dafür aber immerhin sinnvoll.

2. Welches Ereignis im Verlauf der Wiedervereinigung hat Sie am meisten berührt?

Äh ... keines. Ich fand die Annexion damals schon scheiße und habe bislang noch keinen Grund gefunden, diese Beurteilung zu revidieren. "Berührt" hat mich vielleicht noch das Geschleime Kohls, der sich als "Kanzler der Wiedervereinigung" feiern ließ, weil mir davon jedesmal, wenn ich es hörte, so schlecht wurde, dass ich kaum an mich halten konnte. Das war allerdings damals - bezüglich Kohl - keine Besonderheit, sondern die Regel.

3. Was ist Ihrer Meinung nach in den Neuen Bundesländern heute besser als in der DDR?

Das ist leicht zu beantworten: Den wenigen Superreichen, die es heute in den "neuen Bundesländern" gibt, geht es heute prächtig - sie werden gemästet, gebauchpinselt und verwöhnt, als gäbe es kein Morgen. Den allermeisten anderen, also der Mehrheit, geht es schlechter. Früher gab es keine "Reisefreiheit" - heute gibt es für die meisten keine "Reisemöglichkeit" mehr, weil schlicht die Kohle dafür fehlt. Jeder darf sich selber die Frage beantworten, was schlimmer zu ertragen ist: Wenn man nicht reisen darf - oder wenn man nicht reisen kann. Außerdem hat sich die Sache mit der "Reisefreiheit" inzwischen längst relativiert, denn Hartz-Terror-Opfer dürfen auch heute nicht ohne "Einwilligung der Behörde" verreisen. Aus einer großen, nicht sonderlich reichen Bevölkerungsmehrheit auf der einen und einer privilegierten "Oberschicht" der perversen Parteifunktionäre auf der anderen Seite ist heute also eine weitgehend verarmte Bevölkerungsmehrheit und eine kleine, feudale, noch perversere Oberschicht der Superreichen geworden. Welch eine grandiose Verbesserung mit reichlich Bananengeschmack!

4. War der Zeitpunkt für die Wiedervereinigung richtig gewählt?

Was soll ich dazu noch sagen? Die Frage ist bereits so grenzdebil blöde, dass mir nichts Sinnvolles dazu einfällt. "Gewählt" hat die "Wiedervereinigung" ohnehin niemand - und gefragt wurde auch kein Mensch. Sie wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit - in elitären, kapitalistischen Kreisen, wo auch sonst - schlicht beschlossen, wie das in diesem furchtbaren System der Menschenfeindlichkeit so üblich ist.

5. Sind wir Ihrer Meinung nach heute wirklich ›ein Volk‹?

Auch diese Frage ist eine hirnschmelzende Lachnummer, die man nur satirisch beantworten kann - ganz abgesehen davon, dass eine Formulierung wie "ein Volk" selbst in Anführungszeichen noch üblen Brechreiz erregt. Solange es diesen nationalistischen Klamauk aus dem frühen Mittelalter noch gibt, wird es zwangsweise auch Kriege, Faschismus und Menschenfeindlichkeit geben - irgendwelchen anderen Zwecken dient das Märchen vom "Volk" ja nicht. Ein wie auch immer definiertes "wir" gibt es im Kapitalismus nicht, denn dort gilt einzig das "ich" - wenn auch nur für die selbsternannte "Elite", zu der sich wie von Sinnen politisch gewollt und medial gelenkt - damals wie heute - seltsamerweise nicht nur Superreiche zählen.

So bleibt für die Farce der "Feierlichkeiten" an diesem Tag neben schlichter Ignoranz nur noch das Instrument der zynischen Satire übrig, wenn man sich vom staatlich verordneten Affenzirkus distanzieren möchte. Wenn ich heute - um viele Erfahrungen und Erkenntnisse reicher - immer noch so hemmungslos saufen und kiffen könnte wie damals, wäre das der wohl sinnvollste und geeignetste Weg, diesen Tag der kapitalistischen Propaganda inmitten einer bedrohlich anschwellenden Kakophonie des faschistoiden Untergangs halbwegs unbeschadet zu überstehen.


(Bild: Loriot)

Freitag, 2. Oktober 2015

Kapitalistische Propaganda: Nein, nein, nein!


Eigentlich muss eine solche Meldung, wie ich sie kürzlich wieder einmal bei n-tv lesen durfte, nicht mehr kommentiert werden - der Irrsinn, der einzig aus wiedergekäuten Propagandahülsen der kapitalistischen Mafia - diesmal ausgerechnet vom besonders widerwärtigen Zweig McKinsey - besteht, übertrifft locker jeden Propagandabeitrag der "Aktuellen Kamera" aus der seligen DDR. Trotzdem sollte man sich das in einer ruhigen Minute einmal durchlesen, um den absurden Grad der Realitätsferne überhaupt noch abschätzen zu können, in dem hiesige Medien sich inzwischen bewegen - und n-tv ist dabei beileibe kein Einzelfall, sondern tatsächlich ein repräsentatives Exempel für die komplett degenerierte Landschaft der Massenmedien in diesem verkommenen Land: "McKinsey-Report zu Unternehmen: Die fetten Jahrzehnte sind vorbei".

Ich wünsche viel Spaß bei der Lektüre. Dieser Text enthält keinerlei Fakten, dafür aber umso mehr heilige Glaubenssätze der kapitalistischen Doktrin und natürlich entsprechend viele bunt schillernde Lügen, welche die bedauernswerten Balken sich nicht nur biegen, sondern gleich dreifach aufrollen lassen. Eine intellektuelle Demontage dieses Textes ist schlichtweg redundant - ich könnte einige Satzzeichen und Füllworte stehen lassen, der Rest fiele ausnahmslos der inzwischen nur noch satirischen Kritik anheim. Es juckt mir zwar in den Fingern, diesen offensichtlichen Stumpfsinn auseinanderzunehmen, aber zuweilen kann ich mich auch beherrschen.

Ich stelle mir an dieser Stelle lieber einmal mehr die Frage, wie es sein kann, dass derartige Kothaufen kontinuierlich, also immer wiederkehrend, in halbwegs "seriösen" Medien publiziert werden können, ohne polternde Widersprüche und brüllende Gegenwehr auszulösen - und zwar nicht nur bei LeserInnen, sondern auch intern. Ist die kapitalistische Religion inzwischen tatsächlich schon so tief auch in der sogenannten "kritischen Intelligenz" verankert, dass das niemandem mehr auffällt? Oder ist die Resignation angesichts des ständig wiederholten Stumpfsinns bereits so weit fortgeschritten, dass Menschen, die den Irrsinn bemerken, ihn gar nicht mehr wirklich wahrnehmen bzw. ihn konsequent ignorieren?

Letzteres stelle ich bei mir selbst ja bestürzenderweise fest: Je öfter ich einen solchen esoterisch-kapitalistischen Blödsinn lese, welcher mit der furchtbaren Realität der Menschen auf diesem Planeten soviel zu tun hat wie irgendein blitzeschleudernder Zauberer aus irgendeinem Computerspiel, desto schneller tendiere ich dazu, den Quatsch kopfschüttelnd wegzuklicken und mich wichtigeren Dingen zuzuwenden. Genau das ist aber ein sehr böser Fehler - denn ebenso kontinuierlich und stoisch wie die fortdauernde Propaganda muss auch die Kritik sein, wenn sie Wirkung entfalten soll. Das laute, überdeutliche "NEIN!" muss uns ins Blut übergehen - ansonsten sind Hopfen und Malz ohnehin wieder einmal heillos verloren.

Selbstverständlich betrifft das nicht einzig die perversen Heilslehren der kapitalistischen Ökonomie, sondern sämtliche anti-aufklärerischen, konservativen, esoterisch-religiösen Tendenzen, die in dieser untergehenden Welt einmal mehr so mannigfaltig ihre irrsinnigen, dem Verfall gewidmeten Blüten bilden.

Mein kleiner Widerstand bleibt ein lautes, hoffentlich nicht zu überhörendes "NEIN!"

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Aktuelles: Personifikation der reaktionären Zeitung



(Lithografie von Honoré Daumier [1808-1879], in: "Le Charivari", 1833)

Mittwoch, 30. September 2015

Song des Tages: Day And Then The Shade




(Katatonia: "Day And Then The Shade", aus dem Album "Night Is The New Day", 2009)

I will rise
To dreams of freedom
And avow
To return the treason that came under your reign
The day and then the shade
I have slept
Inside the season that froze within my grasp

All my fears come into view
There must be an end soon
And every waking hour
Is part of the lie

I will rise
Over glass cathedrals
And let go
With my eyes resting upon the nearing dark
The day and then the shade
I have slept
Within the reason that kept me so remote

Make a brand new vow
In the heat of an evening
The darkness swarms
I was nothing, ever
But red like the sun
Dying down over the freeway
Is the brand new sky
Over the mountain ridge

All my fears come into view
There must be an end soon
And every waking hour
Is part of the lie.



Anmerkung: Eine Zeit, die wieder einmal in penetranter Kontinuität solch sperrige, abgrundtief dunkle Kunst hervorbringt, muss wohl eine Blütezeit des Humanismus sein.

Dienstag, 29. September 2015

Zitat des Tages: Hochhaus


Später, als er auf seinem Balkon saß und den Hund aß, dachte Dr. Robert Laing über die außergewöhnlichen Ereignisse nach, die sich während der vergangenen drei Monate in diesem riesigen Apartmentgebäude zugetragen hatten. Jetzt, da sich alles wieder normalisiert hatte, überraschte es ihn, dass es keinen offenkundigen Anfang gegeben hatte, keinen Punkt, von dem ab ihr Leben in eine deutlich unheilvollere Dimension eingetreten war. Mit seinen vierzig Stockwerken und tausend Apartments, seinem Supermarkt und seinen Swimmingpools, seiner Bank und seiner Grundschule - die alle in den oberen Regionen praktisch verlassen dalagen - bot das Hochhaus mehr als genug Gelegenheit zu Gewalttätigkeit und Auseinandersetzung. Seine eigene Einraumwohnung im fünfundzwanzigsten Stock war gewiss der letzte Ort, den Laing als Stätte eines Anfangsgeplänkels gewählt hätte. Diese überteuerte Zelle, die nahezu willkürlich in die steil aufragende Fassade des Apartmentgebäudes gefügt war, hatte er nach seiner Scheidung speziell deswegen gekauft, weil sie ihm Ruhe, Frieden und Anonymität gewährleistete. Trotz aller Bemühungen Laings, sich von seinen zweitausend Nachbarn und dem System belangloser Kontroversen und Irritationen, das ihre einzige Form von Kollektivleben darstellte, fernzuhalten, war es seltsamerweise gerade hier, wo sich das erste bedeutungsvolle Ereignis zugetragen hatte - auf diesem Balkon, wo er jetzt neben einem Feuer aus Telefonbüchern hockte und das gebratene Hinterviertel des Schäferhundes aß, bevor er zu seiner Vorlesung an der medizinischen Hochschule aufbrach.

(James Graham Ballard [1930-2009]: "Hochhaus" [Originaltitel: "High Rise"], Suhrkamp 1992; geschrieben und erstveröffentlicht 1975)

Anmerkung: Dies ist der Beginn des kafkaesk-dystopischen Romans, für den der Suhrkamp-Verlag den folgenden Klappentext ausgewählt hat: "Dieser Roman ist ein Kommentar zu den schrecklichen Möglichkeiten einer fortgeschrittenen Technik und dem rattenhaften Verhalten von Menschen, die in der Falle sitzen. (The Financial Times)" - Es gibt kaum eine passendere Lektüre für unsere untergehende Zeit.


Montag, 28. September 2015

"Wissenschaftliche Zukunftsprognosen": Von Traumtänzern und Horrorvisionen


Ich habe wieder einmal triefende Stielaugen bekommen und bin in einen äußerst merkwürdigen Zustand zwischen Amusement und Angstzuständen verfallen, als ich kürzlich bei n-tv ein Interview mit einem gewissen Steffen Braun von der "Morgenstadt-Initiative" des Fraunhofer-Instituts in Stuttgart zum Thema "Die Stadt der Zukunft" gelesen habe.

Die "Futurologie" oder "Zukunftsforschung" ist ja nun beileibe keine neue "Wissenschaft" - ich habe allein in meiner kleinen Heimbibliothek eine ganze Reihe entsprechender Veröffentlichungen aus verschiedenen Dekaden seit 1970 herumstehen. Ihnen allen sind einige Merkmale gemein, die sich offensichtlich bis heute immer noch hartnäckig halten: Es werden ungeeignete wissenschaftliche Methoden (meist aus der sogenannten "Prognostik") angewandt, was regelmäßig dazu führt, dass selbst bei eventuell korrekter Ausgangslage der Fakten oftmals völlig falsche Ergebnisse erzielt werden. Hier ähnelt die "Futurologie" den "Wirtschaftswissenschaften", der "Astrologie" und anderen religiösen Sekten erheblich.

Des weiteren sind die Ergebnisse, von denen Herr Braun aktuell berichtet, zum größten Teil identisch mit denen, die sich bereits in entsprechenden Büchern aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts finden und die, wie wir alltäglich live und in Farbe erfahren, eher einem Wunschdenken und nicht wissenschaftlicher Forschung entspringen. Dazu ein paar Beispiele:

  1. Es ist im Rahmen des kapitalistischen Wirtschaftssystems völlig hanebüchen, davon auszugehen, "dass sich die heutigen Infrastrukturen wie Mobilität, Energie, Wasser et cetera viel stärker dezentral entwickeln werden". Braun spricht in diesem Zusammenhang gar von einer weitgehenden Selbstversorgung der Städte. Richtig ist vielmehr, dass diese Ideen bereits sehr alt und sicher bedenkenswert sind; allerdings wird es, solange es den Kapitalismus gibt, stets auch mindestens einen großen Energiekonzern geben, der nicht an Nachhaltigkeit, preiswerter Energie für alle Menschen oder gar sich selbst versorgenden "Zellen" interessiert ist, sondern einzig an steigendem Profit - egal auf welche Weise und auf wessen Kosten.

  2. Dasselbe gilt für die weiteren genannten Bereiche (Wasser und Individualmobilität) natürlich gleichermaßen. Gerade im Bereich der Wasserversorgung erleben wir ja gerade das Gegenteil - nämlich die permanenten und teilweise bereits erfolgreichen Versuche der psychopathischen Profitmaximierer, auch diese endlich zu "privatisieren", also an Konzerne abzutreten, sodass zukünftig nur noch derjenige mit Trinkwasser versorgt wird, der auch ordentlich dafür zahlen kann. Letztlich werden sie gewiss auch noch einen Weg finden, "saubere Luft" zu privatisieren.

  3. Dem guten Herrn Braun fällt sogar selbst auf, dass eine gewisse Diskrepanz zwischen der festgestellten und weiter zunehmenden Digitalisierung und Vernetzung auf der einen und der trotzdem ansteigenden Konzentration von Menschen in wachsenden Horrorgroßstädten auf der anderen Seite festzustellen ist. Konsequenzen zieht er daraus allerdings nicht. Die "Megastädte" bleiben trotzdem ein Teil der Zukunftsprognose - die Gründe dafür werden allerdings nicht genannt, was aber nicht weiter verwundert, da diese Entwicklung in sich ja bereits unlogisch ist und das Gegenteil in einem Zukunftsmodell dafür sorgen müsste, dass zunehmend mehr Menschen den Molochen der Betonwüsten wieder entfliehen. Das passte den "ForscherInnen" allerdings so gar nicht in ihr Konzept, da dann auch so "innvovative" Projekte wie das "autonom fahrende Auto" keinen Sinn mehr ergäben. So reiht sich ein Puzzleteil ans nächste.

  4. Auch hier wird wieder das völlig bescheuerte neoliberale Konzept der "Mikrowohnungen" und "Wohnzellen" angeführt, das in einer tatsächlich vernetzten, nicht dem kapitalistischen Barbarentum ausgesetzten zukünftigen Welt so sinnvoll wäre wie Kühlschränke am Nordpol. Ich hatte bereits an anderer Stelle darauf hingewiesen, welchem Zweck diese Pläne mutmaßlich tatsächlich dienen.

  5. Einen weiteren Schritt hin zur neoliberal perfekten, menschenfeindlichen Welt vollzieht Herr Braun, wenn er bemerkt: "Vielleicht bestehen Firmen nicht mehr aus festen Mitarbeitern, sondern aus einer Summe von vielen Selbständigen [sic!], sogenannten Cloud Workern, die sich projektbezogen zusammenschließen." - Ja, in der Tat, das sind die feuchten Träume der Superreichen: Wenn es nur noch "Selbstständige" und keine festangestellten "Mitarbeiter" mehr gibt, kann man den ganzen überflüssigen Rotz, der sich heute noch "Arbeitsrecht" nennt, endlich in den Gulli kippen - dann gibt's keinen "Mindestlohn" mehr, sondern nur noch "Konkurrenz" (nach unten), und von Kündigungsschutz, Lohnfortzahlung im Krankheitsfalle, einer paritätischen Finanzierung der Kranken- und Rentensysteme, geregelten Arbeitszeiten, gar einer Hilfe für Arbeitslose oder andere Unnütze etc. muss man gar nicht erst weiter reden. So sieht der Traum von der Zukunft für die Damen und Herren Quandt, Klatten, Albrecht, Schwarz & Co. aus - mit "wissenschaftlicher Prognostik" hat das jedoch nicht das geringste zu tun.

Eine "Futurologie", die den Kapitalismus als maßgeblichen Faktor für den Jetzt-Zustand und damit auch für die vermutliche Entwicklung dieser verkommenen Welt gar nicht benennt und somit auch nicht erkennen kann bzw. will, welche "Prognosen" im Rahmen dieses Systems wahrscheinlich und welche eher unwahrscheinlich sind, ist nichts anderes als gelenkte, dumpfe Propaganda. Die "wissenschaftliche Methodik", die Braun und Co. hier bemühen, erinnert an das infantile Szenario, in dem man sich ausführliche Gedanken über das plötzliche Anschwellen des Handballens macht und dabei die Tatsache außer acht lässt, dass man kurz zuvor von einer Biene gestochen wurde. Die Ergebnisse sind entsprechend absurd. Ich zitiere dazu einige Kapitelüberschriften aus dem Buch "Die Zukunft. Das Bild der Welt von morgen", hg. von Roland Göök, Bertelsmann [sic!] 1974:


- Handgemachtes Paradies: Nicht mehr arbeiten und überall Südseestrand
- 36.000 km über der Erde: So wird demnächst die Sonne angezapft
- Schlaraffenland der Energie: Das Wasser der Meere und die Steine der Alpen verbrennen
- Nahrung: Schlaraffenland aus der Retorte
- Wenn die Kornfelder verschwunden sind: Zurück zur fröhlichen Wildnis
- Wie eine Raumstation in der Landschaft: Die Stadt


So geht es munter weiter in diesem aus heutiger Sicht fast schon pervers anmutenden Buch, welches das menschenfreundliche Paradies, in dem wir heute, 40 Jahre später, demütig und überaus glücklich leben dürfen, ausführlich zu vorhersagen versucht. Weder die Bertelsmann-Bande, noch der Rest der kapitalistischen Profitgeier hat sich damals wohl ausmalen können, wie nachhaltig und zu ihren Gunsten pervertiert die Welt nach 40 Jahren aussehen würde. - Ob der Herr Braun es wohl auch gelesen hat?

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Tödliche Teppiche aus Asphalt und Gestein: Wann zieht die Stadt in die Wohnmaschine um?


(Kapitel-Illustration [Ausschnitt] von Günter Radtke aus dem o.g. Buch)

Freitag, 25. September 2015

In eigener Sache: Kommentare


Es kommt immer wieder mal vor, dass irgendwelche Leute - wie zuletzt der Kommentator "DasKleineTeilchen" - das Märchen verbreiten, kritische Kommentare würden beim Narrenschiff gelöscht oder nicht "freigeschaltet". Dazu stelle ich klar:

Hier muss kein Kommentar "freigeschaltet" werden. Jeder Mensch, der zu einem Posting oder einem anderen Kommentar etwas beisteuern möchte, kann das jederzeit tun. Ich bekomme das ohnehin erst dann mit, wenn ein solcher Kommentar bereits online ist. Ausnahmen von dieser Regel betreffen lediglich Postings, die älter als 20 Tage sind sowie Kommentare, die vom großen Bruder google - worauf ich keinen Einfluss habe - in den Spam-Ordner verschoben werden.

Wenn ein Kommentar also nicht unverzüglich online erscheinen sollte, habe ich keine Kenntnis davon und ergo auch nichts damit zu tun.

Des weiteren lösche ich Kommentare, die ich online vorfinde und die bereits von jedermann gelesen werden können, ausschließlich dann, wenn sie rassistische oder sonstwie strafbewehrte Inhalte haben. Eine Ausnahme stellen hier lediglich die Ergüsse von André Hüssy alias "Herr Karl" dar, dessen ungeistigen Schmutz ich in meinem Blog nicht haben will und ihn daher stets entferne, wenn ich ihn entdecke.

Donnerstag, 24. September 2015

Song des Tages: Wonder




(Anneke van Giersbergen & Agua de Annique: "Wonder", aus dem Album "In Your Room", 2009)

Drove on by your house today,
I know it's hard to stay away.
It's alright, you pick a fight,
But my heart is on the tray.

Whatever you may think of me
You know that there'll never be
Someone who loves you more than I do.
One day you will understand
You had me in the palm of your hand,
And I will be gone, I leave you to wonder.

I took a breath, looked at your door,
The times that I've been here before.
Your smiling face, your warm embrace,
Those days are not here anymore.

Whatever you may think of me
You know that there'll never be
Someone who loves you more than I do.
One day you will understand
You had me in the palm of your hand,
And I will be gone, I leave you to wonder.

Drove on by, I don't know why
It's so hard to stay away.
A kiss goodbye, a teary eye,
Here's another lonely day.



Anmerkung: Ja, ich weiß - dies ist das mindestens dreimillionste Liedchen, das von verschmähter Liebe und dem daraus resultierenden Liebeskummer handelt. Es ist aber dennoch eines der schönsten, die mir zu diesem banalen Thema - das im akuten Fall einjedem von uns plötzlich gar nicht mehr so banal erscheint - einfallen. Nebenbei beschreibt es aber auch ganz vorzüglich meine aktuelle Stimmung, wenn ich an heutzutage völlig absonderliche Dinge wie Frieden, Demokratie, Gerechtigkeit, Solidarität, Humanismus etc. denke. Unsere Welt befindet sich heute objektiv genau dort, wo sich die subjektive Welt des verschmähten Liebenden befindet: Am Rande des Abgrunds.

Natürlich hinkt dieser Vergleich gewaltig - nicht zuletzt deshalb, weil wir eben keine "neue Welt" erwarten können, wenn die jetzige einmal mehr das Zeitliche segnet und im kapitalistischen Reißwolf verschwindet. Die leise Melancholie dieses Songs ist für mich der pure Zeitgeist, welcher dem aufgesetzten, lauten, blinkenden, allzu schrillen Reklame- und Propagandageschrei des untergehenden Kapitalismus und all seinen korrupten, perversen Auswüchsen die schnöde, finstergraue menschliche Realität entgegensetzt. Natürlich endet das Liedchen in einer nicht aufgelösten Disharmonie.

Das kleine Narrenschiff-Theater ist tapfer gewappnet für den nächsten (letzten?) Akt.

Samstag, 19. September 2015

Freitag, 18. September 2015

Zitat des Tages: Auf die große Koalition


Dass Gott es mir verzeihe,
wenn ich um Hilfe schreie
vor soviel Dummheit hier:
drauf trinke ich mein Bier!

Dass Gott es gütig wende,
der ganze Spuk verschwände
samt Wehner, Strauß und Abs:
drauf trink ich meinen Schnaps!

Dass Gott es richtig mache
als Christ in eigner Sache,
die Kleinen groß, die Großen klein:
drauf trink ich meinen Wein!

(Volker von Törne [1934-1980], in: "Im Lande Vogelfrei. Gesammelte Gedichte", Wagenbach 1981; geschrieben und erstveröffentlicht 1967)


Donnerstag, 17. September 2015

Die großkoalitionären Menschenfreunde


Die nachfolgende Meldung ist inzwischen zwar bereits elf Tage alt, allerdings ist mir nichts davon bekannt, dass die dort erwähnten "Beschlüsse" der großkoalitionären Menschenfreunde wieder revidiert worden seien. Falls jemand nähere Informationen dazu hat, möge man das doch bitte mitteilen. Bei n-tv hieß es am Montag letzter Woche:

Die Leistungen für abgelehnte Asylbewerber sollen nach dem Willen der schwarz-roten Bundesregierung deutlich reduziert werden. Wie Bundesinnenminister Thomas de Maizière sagte, ist dies Teil der im nächtlichen Koalitionsausschuss getroffenen Vereinbarung. "Wir wollen die Asylbewerberleistungen für diejenigen erheblich verringern, die unser Land verlassen müssen." Es könne nicht sein, dass diese Menschen die gleichen Sozialleistungen bekämen wie diejenigen, die noch im Asylverfahren sind.

Diese Widerlinge betreiben ihre perverse, faschistoide Strategie, Menschen in verschiedene "Werteklassen" einzuteilen, unverdrossen weiter, ganz so als gäbe es kein Grundgesetz und keine Menschenrechtskonventionen. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie jene zwielichtigen Gestalten anlässlich ihres "nächtlichen" Zusammentreffens bei lecker-fürstlicher, natürlich steuerfinanzierter Bewirtung an diesen menschenfeindlichen Beschlüssen "gearbeitet" haben. Es fehlt eigentlich nur noch, dass Thomas "die Misere" oder eine andere der korrupten Sprechpuppen in Kürze einen Satz wie "Wir lieben euch doch alle!" in die begeisterte Presselandschaft kotet.

Angesichts der unverhohlenen Widerwärtigkeit dieser von CDU und SPD verantworteten Politik ist es gut nachvollziehbar, dass das Titanic-Magazin - ebenfalls am 07.09. - den "Internationalen Pressestimmen" zum Thema der deutschen Flüchtlingspolitik, die selbstredend ausschließlich aus den relevantesten internationalen Medien stammen, einen eigenen, unkommentierten Beitrag gewidmet hat:


(Screenshot titanic-magazin.de)

Mittwoch, 16. September 2015

Musik des Tages: Requiem




(Antonín Dvořák [1841-1904]: "Requiem" in b-moll für vier Solostimmen, Chor und Orchester, Op. 89 aus dem Jahr 1890; Cécile Perrin: Sopran, Sylvie Brunet: Mezzo-Sopran, Jean-Pierre Furlan: Tenor, René Schirrer: Bass, The Colonne Orchestra & Choir, Leitung: Antonello Allemandi, 2002)


Montag, 14. September 2015

Spaltungsmythen: Die "Linke" und ihre Trolle


Den nachfolgenden Text habe ich ursprünglich als Kommentar zu einem Beitrag des Duderichs, der ein Interview von Ken Jebsen mit Daniele Ganser zum Inhalt hat, geschrieben. Er ist nach meiner Meinung aber durchaus auch als generell kritischer Text zum inzwischen wiederholt auftauchenden Pseudovorwurf des "Spaltens" der Linken geeignet, weshalb ich ihn hier unverändert wiederhole. Den in Kleinbloggersdorf bekannten Apologeten des "Spaltmythos'" wie Dennis82, eb und anderen mag dieser Text eine kleine Hilfestellung bieten, das eigene Hirn nicht immer als den Nabel der Welt zu betrachten, sondern die Kunst des kritischen Infrage-Stellens zu erlernen. - Meine Hoffnung auf Erfolg hält sich derweil aber in argen Grenzen.

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Ich empfinde den infantilen Spruch "Links gegen links" in diesem Zusammenhang ebenfalls als überdeutlichen und völlig unangebrachten Vorwurf des "Spaltens", der keineswegs neu ist, sondern seit geraumer Zeit aus gewissen Kreisen immer wieder zu vernehmen ist. Das macht ihn nicht sinnvoller.

Altauto hat eigentlich bereits alles Relevante dazu gesagt - allerdings reagierst Du darauf wiederum nur mit Abwehr und Ablehnung, ohne auf den Kern seines Kommentars einzugehen, und verlangst stattdessen gar von ihm, "inhaltlich" zum verlinkten Interview Stellung zu beziehen - obwohl Du das selber ebenfalls konsequent unterlässt. Diese üble Taktik ist eigentlich symptomatisch für eine dumme Agitation der Marke "Herr Karl" oder ähnlicher Gesellen - allerdings will ich Dir hier (im Gegensatz zum Karl-Troll) keine Absicht, sondern höchstens Unachtsamkeit unterstellen.

Des weiteren ist es unseriös und eigentlich ebenfalls typisch für Verschwörungsdeppen, die an die "Hohlwelt" oder "Chem-Trails" glauben, auf irgendwelche Texte, Videos bzw. Interviews zu verlinken und dabei ausschließlich und ausdrücklich auf den jeweiligen "Inhalt" zu verweisen. Dieser Inhalt gehört aber nunmal immer in einen gewissen personellen Kontext - in diesem Falle also zu den Personen Ken Jebsen und Daniele Ganser. Es ist schlicht und ergreifend sinnfrei, einzelne Passagen, Texte oder ganze Interviews aus diesem Kontext herauslösen zu wollen. Es ist ein sehr alter Hut, dass man gleich seitenweise Texte oder Textpassagen aus Büchern, Artikeln oder Reden von sehr üblen Figuren zitieren kann, die auf Anhieb "einleuchtend", "wahr" oder anderweitig positiv klingen mögen, es bei näherer Betrachtung des Kontextes aber ganz und gar nicht mehr sind.

Wenn Du beispielsweise tatsächlich glaubst, dass Du einer Gestalt wie Elsässer auf die Schliche kommen kannst, indem Du einige Minuten (oder meinetwegen auch einige Stunden) "googelst", dann bist Du weitaus naiver, als ich das für möglich gehalten habe.

Ich muss zwar auch dem Altauto ein wenig widersprechen, denn einen Satz wie "Und es ist nun mal so, dass man hinter eine einmal gewonnene, gesicherte Erkenntnis nicht mehr zurückgehen kann" kann ich nicht unwidersprochen so stehen lassen - es gibt schließlich immer die Möglichkeit, dass ein Mensch sich irgendwann eingestehen muss, sich geirrt zu haben. Das hat allerdings nichts mit einer äußerst naiven Einstellung zu tun, wie Du sie hier vertrittst: Nein, man "muss" nicht offen für alle und alles sein, und man darf bzw. muss sogar gewisse, "gesicherte" Überzeugungen auch vehement verteidigen, wenn man dabei auch für eventuelle Gegenargumente (sofern diese denn vorgebracht werden, was vorliegend nicht der Fall ist) offen bleibt.

Das hat nun rein gar nichts mit einem absurden "in den Block diktieren" zu tun, sondern mit persönlicher Überzeugung. Das "Diktieren" übernimmst in diesem Falle ja Du, da Du anderen eben diese Überzeugungen absprichst.

Ganser ist für mich persönlich ein sehr gutes Beispiel dafür: Vor einigen Jahren fand ich den Knaben auch noch bemerkenswert, nachdem ich sein Buch "Gladio" gelesen hatte. Ich habe ihn damals sogar zwei- oder dreimal im Blog verlinkt. Mit zunehmender Auseinandersetzung kamen mir jedoch arge Zweifel - und heute bin ich an einem Punkt angelangt, an dem mir diese Entgleisung ziemlich peinlich ist. In der Pädagogik nennt man das lapidar "Erkenntnisgewinn". Und den musst Du anderen Menschen zugestehen, auch wenn Du selber ihn vielleicht noch nicht erfahren hast.

Jeder Mensch, der einigermaßen bewusst lebt und nicht nur vor sich hin vegetiert, durchlebt diesen Prozess, der oft genug mit vielerlei Irrungen, Wirrungen und auch Rückschlägen verbunden ist (ich kann davon ein langes Lied singen!). Dir könnte vielleicht der Roman "Narziss und Goldmund" von Hermann Hesse hier weiterhelfen, der mir in jungen Jahren erste, wenn auch zunächst kleine, Augen geöffnet hat. Falls Du das möchtest, schenke ich Dir das Buch.

Wenn Du heute also Ken Jebsen, Daniele Ganser und meinetwegen sogar den Elsässer gut findest, ist Dir das unbenommen - dann begründe das aber bitte auch möglichst genau und lasse Dich auf eventuelle Kritik daran ein. Das hat nicht das geringste mit "Spaltung" oder "Links gegen links" zu tun, sondern ist sogar zwingend notwendig, um irgendwann überhaupt zu einer "gesicherten" Erkenntnis zu gelangen, die man vor sich selbst und anderen guten Gewissens vertreten kann und die nicht nur - wie so oft in dieser perversen, dummgehaltenen Welt - lediglich aus nachgeplapperten Sprechblasen besteht.

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Ach, knallige Welt, du seliges Abnormitätenkabinett!



(Aquarell von George Grosz [1893-1959] aus dem Jahr 1916, in: "Ecce Homo", Malik 1923; Verbleib des Originals unbekannt)

Samstag, 12. September 2015

SPD: Konsequent asozial


Die SPD übertrifft sich in jüngster Zeit immer wieder selbst, wenn es um möglichst asoziale, offen populistische und stets menschenverachtende Forderungen geht - ich habe mich schon mehrfach darüber ausgelassen. Leider reißt diese Serie nicht ab, sondern gewinnt weiter an Fahrt. Erst vorgestern las ich mal wieder beim WDR:

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) will Langzeitarbeitslose als Flüchtingshelfer einsetzen. Auf WDR2 erklärte sie am Donnerstag (10.09.2015), der Bund solle die Programme für öffentlich geförderte Beschäftigung massiv ausweiten. Kraft, die auch SPD-Bundesvize ist, sagte weiter, es sei für die gesellschaftliche Akzeptanz nicht gut, wenn der Eindruck entstünde, dass viel für Flüchtlinge, aber wenig für diejenigen getan werde, die es auf dem Arbeitsmarkt schwer hätten. Man müsse im Einzelfall prüfen, wer qualifiziert für die Betreuung sei und infrage käme.

Schon angesichts dieser Kurzmeldung, die es auf den Seiten des Senders auch in ausführlicher, pseudo-kritischer Form gibt, ahnt man, dass es hier wieder einmal darum geht, qualifizierte, gut entlohnte und eigentlich dringend notwendige Arbeitsplätze durch Zwangsarbeit zum Null- oder Billigtarif zu ersetzen. Jeder, der sich mit dem Terror des Hartz-Systems ausführlicher befasst hat, weiß schließlich, was es bedeutet, wenn diese Behörde die "Qualifikation" eines ihr auf Gedeih und Verderb ausgelieferten Menschen "prüfen" soll. Ich möchte lieber nie erfahren, zu welchen staatlichen Zwangsexzessen es käme, wenn dieser sozialdemokratische, menschenfeindliche Vorschlag tatsächlich umgesetzt werden sollte.

Ich traue diesen rotlackierten Gesellen der neoliberalen Einheitspartei (NED) inzwischen ja fast alles zu; allerdings muss ich auch konstatieren, dass die ständige menschenfeindliche Propaganda längst tiefe Wurzeln geschlagen hat und entsprechend üble Früchte trägt. Im oben verlinkten Langbeitrag zum Thema wird dazu (freilich ohne kritischen Bezug) beispielhaft zitiert:

Der Ökonomie-Professor Ulrich von Suntum von der Uni Münster hält Krafts Vorstoß für eine "bizarre Idee". Langzeitarbeitslose sollen Flüchtlinge betreuen? "Was werden die ihnen wohl beibringen?"

Über das Menschenbild dieses ehrenwerten Herrn Professors, der Langzeitarbeitslose offenbar generell für Minderbemittelte, Betrüger, Schmarotzer oder noch Schlimmeres hält, möchte ich nichts weiter wissen, da ich mich für Fäkalien nicht interessiere. Es ist bezeichnend, dass dieser Mensch, passend wie die neoliberale Faust aufs Auge, selbstverständlich ein Ökonom - also ein verwirrter Esoteriker - ist. Diese Haltung ist symptomatisch für den neoliberalen Wahn, dem auch die SPD gänzlich erlegen ist und dem sie nach wie vor "alternativlos" und willfährig huldigt wie jeder andere radikale Fundamentalist seiner jeweiligen Religion. Das hirnzersetzende Mantra in diesem Fall lautet: "Wer (langzeit-)arbeitslos ist, ist selbst daran schuld und muss staatlich 'aktiviert' werden, um wieder in den ausbeuterischen Sklavendienst zurückzukehren." Dieser infantile, in jeder Hinsicht völlig groteske Unsinn hat sich inzwischen rostbeulengleich festgesetzt und zerfrisst die Gehirne - und zwar nicht nur die korrupter PolitikerInnen, sondern auch die weiter Teile der Bevölkerung. - Schon Orwell wusste nur zu genau, wie das geht.

Selbstverständlich hat das ganze Brimborium überhaupt nichts mit Flüchtlingen oder gar deren Wohlergehen zu tun - dafür benötigte man schließlich viele gut ausgebildete Sozialarbeiter und anderweitig psychologisch, pädagogisch und sozialwissenschaftlich gut geschultes Personal. In der Tat dürfte es in diesem verkommenen Land mehr als genug hochqualifizierte (teils auch momentan arbeitslose) Menschen geben, die sich auf entsprechende Stellenausschreibung freudig und mit lieblicher Kusshand bewerben würden - genau das wollen SPD (und gewiss auch die übrigen Blockparteien der NED) aber vermeiden und werfen daher den "Vorschlag" des absurden Umweges über den behördlichen Zwang des Hartz-Terrors in die mediale, politische Löwenarena.

Diesen Parteien, diesem politischen und wirtschaftlichen, konsequent asozialen und durch und durch korrupten System ist schon lange nicht mehr zu helfen.

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Pfälzer Auslese
[gilt jedoch bundesweit]


"Einer der Herren Minister ist noch nicht vorbestraft. Ich hoffe, Sie sind trotzdem zuverlässig."

(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 35 vom 26.11.1923)

Freitag, 11. September 2015

Zitat des Tages: Sonnenuntergang


Als nach dem ersten großen Frühlingstag
die Sonne aufstieß und zerfließen wollte,
wie da der Horizont sich weit entrollte,
den Glanz zu fassen, der im Raume lag.

Lichthungrig pilgerten die Wälder an,
Gehölze knieten vor der Sonne nieder,
die Vögel opferten die letzten Lieder,
ein Bittdienst vor dem Gold, ein großer Wahn.

Doch eh man's dachte, niemand war bereit,
versank das letzte Stück der hellen Schäume,
vergeblich bettelten die nackten Bäume
und spreizten ihre Finger, starr und weit.

(Gottfried Kölwel [1889-1958], in: "Gesänge gegen den Tod", Kurt Wolff 1914)


Mittwoch, 9. September 2015

Wenn Esos weinen


Ich habe in der Vergangenheit ja ausführlich dargelegt, was ich von esoterischen SpinnerInnen und ihren Auswürfen halte - wer das nicht verfolgt hat, kann das unter dem Label "Esoterik" gerne jederzeit nachlesen. Besonders stand dabei das Wecker-Blog "Jenseits der Realität" in meinem Blickfeld, dessen Schreiberlinge sich gern hochtrabend als "Redakteure" bezeichnen und trotz religiöser Wirrnis politisch "links" verorten.

Nach meiner langen, massiven Kritik am esoterischen Unsinn, der dort ebenso lange verbreitet wurde, erntete ich bekanntlich lediglich eine infantil herausgestreckte, leider übelriechend belegte und anonymisierte Zunge - und seitdem ist es, was esoterische Spinnereien betrifft, erstaunlicherweise relativ ruhig dort geworden. Offenbar nutzt massive Kritik letzten Endes doch etwas, auch wenn es nur ein oberflächlicher "Nutzen" ist, denn die spinnerten, wirren Gedanken sind ja nicht aus den weichen Köpfen der Macher verschwunden, nur weil sie nicht mehr ganz so offensiv in die Welt geplärrt werden.

Jüngst hat sich nun einer der dortigen Schreiberlinge darüber echauffiert, dass er auf eine Spendenanfrage bei der Rosa Luxemburg Stiftung keine explizite Antwort, sondern lediglich die Aufforderung "Bitte löschen Sie meine Adresse aus Ihrem Verteiler" erhalten hat. In epischer Breite lässt er sich über dieses böse "Sakrileg" aus und macht sich damit - freilich ohne es zu bemerken - so lächerlich, dass es eine wahre Wonne für ein Lästermaul wie mich ist. Ich hatte endlich mal wieder richtig Spaß beim Lesen im Netz.

Der Autor bezeichnet sich an anderer Stelle selbst als "Agnostiker" [sic! bzw. *lol*] und hat trotzdem kein Problem damit, mit radikalen Esos wie Häuptling Faulfuß unter der Schirmherrschaft der Weckers (deren Bücher zur Realsatire zu zählen sind, wie beispiesweise "Mönch und Krieger" von Konstantin W. oder "Anniks göttliche Kuchen" von Annik W.) gemeinsame Sache zu machen. Und selbstverständlich benennt er in seiner weinerlichen Anklage, die er an die Rosa Luxemburg Stiftung richtet, auch nicht den offensichtlichsten, naheliegendsten Grund für diese lapidare Antwort: Wie sollten progressive, gar sozialistische Ideen mit dem esoterischen, religiösen Bullshit vereinbar sein?

Es ist doch - bei aller Heiterkeit, die diese Peinlichkeit auslöst - auch immer wieder erhellend, mit welcher "Selbstverständlichkeit" sich manche EsoterikerInnen inzwischen als "Teil der linken Szene" darzustellen versuchen. Dabei möchte ich nicht missverstanden werden: Mir ist es völlig gleichgültig, was Menschen in ihrem privaten Umfeld tun - sie können herzlich gerne Gott, Baal, den Teufel, mich oder das Spaghettimonster anbeten, Voodoo-Puppen basteln, im Kaffeesatz lesen, Heilsteine in ihren Enddarm einführen oder leidenschaftlich mit Mett kopulieren - sobald aber der elendige, widerwärtige Missionsgedanke sichtbar wird, muss ich widersprechen und meine Stimme erheben. Und daran ändern auch Aktionen nichts, die zunächst unterstützenswert erscheinen, es aber aufgrund des dubiosen Umfeldes gar nicht sein können. Wenn beispielsweise Nazis zu Spenden für Verarmte aufriefen, käme schließlich auch kein gesunder Mensch auf die absonderliche Idee, das unterstützen zu wollen. Wer Menschen beispielsweise in Griechenland helfen möchte, kann das auf vielfältige Weise tun und bedarf gewiss keiner esoterischen Unterstützung aus einem derartig halbseidenen Umfeld.

Ich lege dem merkbefreiten Autor, der ausgerechnet den MitarbeiterInnen der Rosa Luxemburg Stiftung - wohlgemerkt aufgrund eines einzigen Satzes - in seinem ausfälligen, unterhaltsamen Text ausdrücklich empfiehlt, "wieder mal Rosa Luxemburg [zu] lesen", nahe, endlich einmal Rosa Luxemburg zu lesen, auch wenn der Erkenntnisgewinn vermutlich weiterhin ausbleiben dürfte:

Da die Arbeiterklasse ihre Erlösung nur erhalte, wenn sie die kapitalistische Produktionsweise beherrsche und diese nicht als “Spielball unkontrollierbarer Mächte” betrachte, sondern als Produkt ganz konkreter gesellschaftlicher Zustände, die es zu erkennen gelte, ergebe sich die Distanz der Arbeiterbewegung zur Religion. / Nur so sei deren Losung von der Religion als einer Privatsache richtig zu würdigen. Doch werde diese Losung in der Sozialdemokratie inzwischen missbraucht von Leuten, die gern "religiöse Elemente" einbringen möchten. Ludwig Feuerbachs "Das Wesen des Christentums" zitierend, wendet sie sich gegen solche Bestrebungen. Der "Befreiungskampf der modernen Arbeiterklasse" ist das Gegengift gegen jede Religion.