Zum "Tag der deutschen Annexion" möchte ich gerne auch etwas beisteuern und benutze dazu ein Stöckchen, das mir gar nicht zugeworfen wurde. Mechthild hat in ihrem Ein-Euro-Blog einen hübschen Fragebogen veröffentlicht, der zwar bloß dumpfe Reklame ist und sich an die BewohnerInnen der "neuen Bundesländer" richtet, zu denen ich nicht gehöre, allerdings erscheinen mir die Fragen doch ebenso relevant für einen ollen Wessi wie mich. Die vorgegebenen Antworten ignoriere ich dabei geflissentlich.
1. Wo haben Sie die Feiern zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 erlebt?
Ich erinnere mich gut an diesen schwarzen Tag - die Wochen zuvor habe ich gemeinsam mit anderen langhaarigen Bombenlegern, Autonomen und Linksradikalen damit verbracht, in der miefig-spießigen Kleinstadt, in der ich damals lebte, Plakate und Aufkleber mit dem Titel "WIDER Vereinigung!" zu verbreiten. Wir hatten viel Spaß damals - wir haben gesoffen, gekifft, Bullen verarscht und Spießern in die gepflegten Vorgärten gekotzt. Es war eine wunderbare Zeit. Der 3. Oktober war so etwas wie der Montag nach einem Partywochenende - ich war zu dieser Zeit Zivi und habe den Tag damit verbracht, völlig verkatert alten Menschen beim Essen, Anziehen und meist zähflüssigen Stuhlgang zu helfen. Das war weniger spaßig, dafür aber immerhin sinnvoll.
2. Welches Ereignis im Verlauf der Wiedervereinigung hat Sie am meisten berührt?
Äh ... keines. Ich fand die Annexion damals schon scheiße und habe bislang noch keinen Grund gefunden, diese Beurteilung zu revidieren. "Berührt" hat mich vielleicht noch das Geschleime Kohls, der sich als "Kanzler der Wiedervereinigung" feiern ließ, weil mir davon jedesmal, wenn ich es hörte, so schlecht wurde, dass ich kaum an mich halten konnte. Das war allerdings damals - bezüglich Kohl - keine Besonderheit, sondern die Regel.
3. Was ist Ihrer Meinung nach in den Neuen Bundesländern heute besser als in der DDR?
Das ist leicht zu beantworten: Den wenigen Superreichen, die es heute in den "neuen Bundesländern" gibt, geht es heute prächtig - sie werden gemästet, gebauchpinselt und verwöhnt, als gäbe es kein Morgen. Den allermeisten anderen, also der Mehrheit, geht es schlechter. Früher gab es keine "Reisefreiheit" - heute gibt es für die meisten keine "Reisemöglichkeit" mehr, weil schlicht die Kohle dafür fehlt. Jeder darf sich selber die Frage beantworten, was schlimmer zu ertragen ist: Wenn man nicht reisen darf - oder wenn man nicht reisen kann. Außerdem hat sich die Sache mit der "Reisefreiheit" inzwischen längst relativiert, denn Hartz-Terror-Opfer dürfen auch heute nicht ohne "Einwilligung der Behörde" verreisen. Aus einer großen, nicht sonderlich reichen Bevölkerungsmehrheit auf der einen und einer privilegierten "Oberschicht" der perversen Parteifunktionäre auf der anderen Seite ist heute also eine weitgehend verarmte Bevölkerungsmehrheit und eine kleine, feudale, noch perversere Oberschicht der Superreichen geworden. Welch eine grandiose Verbesserung mit reichlich Bananengeschmack!
4. War der Zeitpunkt für die Wiedervereinigung richtig gewählt?
Was soll ich dazu noch sagen? Die Frage ist bereits so grenzdebil blöde, dass mir nichts Sinnvolles dazu einfällt. "Gewählt" hat die "Wiedervereinigung" ohnehin niemand - und gefragt wurde auch kein Mensch. Sie wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit - in elitären, kapitalistischen Kreisen, wo auch sonst - schlicht beschlossen, wie das in diesem furchtbaren System der Menschenfeindlichkeit so üblich ist.
5. Sind wir Ihrer Meinung nach heute wirklich ›ein Volk‹?
Auch diese Frage ist eine hirnschmelzende Lachnummer, die man nur satirisch beantworten kann - ganz abgesehen davon, dass eine Formulierung wie "ein Volk" selbst in Anführungszeichen noch üblen Brechreiz erregt. Solange es diesen nationalistischen Klamauk aus dem frühen Mittelalter noch gibt, wird es zwangsweise auch Kriege, Faschismus und Menschenfeindlichkeit geben - irgendwelchen anderen Zwecken dient das Märchen vom "Volk" ja nicht. Ein wie auch immer definiertes "wir" gibt es im Kapitalismus nicht, denn dort gilt einzig das "ich" - wenn auch nur für die selbsternannte "Elite", zu der sich wie von Sinnen politisch gewollt und medial gelenkt - damals wie heute - seltsamerweise nicht nur Superreiche zählen.
So bleibt für die Farce der "Feierlichkeiten" an diesem Tag neben schlichter Ignoranz nur noch das Instrument der zynischen Satire übrig, wenn man sich vom staatlich verordneten Affenzirkus distanzieren möchte. Wenn ich heute - um viele Erfahrungen und Erkenntnisse reicher - immer noch so hemmungslos saufen und kiffen könnte wie damals, wäre das der wohl sinnvollste und geeignetste Weg, diesen Tag der kapitalistischen Propaganda inmitten einer bedrohlich anschwellenden Kakophonie des faschistoiden Untergangs halbwegs unbeschadet zu überstehen.