Samstag, 16. Januar 2016

Song des Tages: Lament




(Nick Cave & The Bad Seeds: "Lament", aus dem Album "The Good Son", 1990)

I've seen your fairground hair, your seaside eyes
Your vampire tooth, your little truth and your tiny lies
And I know your trembling hand, your guilty prize
Your sleeping limbs, your foreign hymns and your midnight cries

So dry your eyes
And turn your head away
Now there's nothing more to say
Now you're gone away

I know your trail of tears, your slip of hand
Your monkey claw, your monkey paw and your monkey hand
And I've seen your trick of blood, your trap of fire
Your ancient wound, your scarlet moon, your jail house smile

So dry your eyes
And turn your head away
Now there's nothing more to say
Now you're gone away

I'll miss your urchin smile, your orphan tears
Your shining prize, your tiny cries, your little fears
And I'll miss your fairground hair, your seaside eyes
Your little truth and your vampire tooth and your tiny lies

So dry your eyes
And turn your head away
Now there's nothing more to say
Now you're gone away


Freitag, 15. Januar 2016

Zitat des Tages: Der Abschied


Das Grauen Nacht erschlägt den Abendgang.
Die Leerheit des Gesprächs verschluchzt Gebärde.
Das dunkle Loch des Mundes hält den Schrei.
- So nimm mich hin.

Zerreißt die Straße, schatten Menschen um.
Ich stürze, schwert Geröll auf meinem Kopf.
Entflattern Hände mit dem Hut, der grüßt,
und noch im Traum versäumt sich dieses Schweben -

verstöhnt vor Maske, Haar zersträhnt Gesicht;
entsetzt, gejagt peitscht Körper irren Raum.

(Hermann Kasack [1896-1966], in: "Der Mensch. Verse", Roland-Verlag 1918)

Donnerstag, 14. Januar 2016

Bürgerlicher Rassismus: "Schutz vor Ausländern"


In meinem Lieblings-Satireblog hat der Eso-Papst Konstantin Wecker kürzlich einen Text veröffentlicht, den ich hier gar nicht besprechen will, obwohl er - wie gewohnt - genügend Unsinn enthält, um einen kurzweiligen Beitrag daraus zu machen. Weitaus furchterregender sind aber die Reaktionen auf dieses oberflächliche Pamphlet, aus denen ich eine herausgreifen möchte, die exemplarisch die Verrohung der deutschen Mittelschicht (siehe Heitmeyer) illustriert und gleichzeitig deutlich aufzeigt, wie abgrundtief rassistisch und dumm die Denkweise so vieler Menschen in diesem furchtbaren Land ist.

Die Dame, um die es geht, schreibt dort offenbar unter ihrem Klarnamen Kerstin Gundt (inklusive des Verweises auf ihre private Webseite) und zieht unter dem bedeutungsschwangeren, für sich allein schon adolfaffinen Titel "Schützt unsere Frauen" dermaßen vom Leder, dass mir als Leser der Atem stockt. Auf ihrer Seite bezeichnet sich die Dame selbst als "Diplom-Politologin, Autorin und Liedermacherin" und weist darauf hin, dass sie ein Buch mit dem Titel "Rettet den Sozialstaat. Fakten gegen Vorurteile" [sic!!!] veröffentlicht habe. Im Text behauptet sie gar, der Linkspartei nahezustehen und für emanzipatorische, womöglich gar progressive Politik einzustehen. Was dann aber folgt, ist ein schauderhaftes, tiefbraunes Gruselkabinett aus den dunkelsten, alkoholgeschwängerten Hinterzimmern der NPD oder AfD, das man sich gar nicht mehr brauner ausmalen kann.

Wer das selber lesen möchte, sei gewarnt - es ist der dritte Kommentar unter diesem Beitrag (einen direkten Link auf Kommentare gibt es bei den Sektierern leider nicht). Ich empfehle die Lektüre trotzdem ausdrücklich - auch wenn sie direkte psychische und physische Schmerzen zur Folge hat und man aufgrund der schamlos zur Schau gestellten Dummheit allzu leicht Gewalt- oder Suizidfantasien entwickeln kann. Ich versuche, die kruden "Thesen" dieser Dame mal zusammenzufassen:

  1. Eine "Obergrenze" für die Aufnahme von Flüchtlingen ist alternativlos (sagt sogar Lafontaine).
  2. An Silvester haben in mindestens 18 deutschen Städten "Massenvergewaltigungen" stattgefunden; die attraktive Dame alte Vettel fühlt sich deshalb in ihrer Stadt "nicht mehr sicher".
  3. Es wird klar unterschieden zwischen "eigenen Leuten" (gemeint sind "Deutsche", was auch immer das bedeuten soll) und Flüchtlingen - um erstere habe sich der Staat zuerst und vor allem ausschließlich zu kümmern; und erst wenn es allen "Deutschen" gut gehe, dürfen vielleicht auch Flüchtlinge ein paar Brotkrumen abbekommen. Aber nur vielleicht.
  4. Die Dame verortet sich "links", will "Hartz IV abschaffen" und befürwortet ein bedingungsloses Grundeinkommen - natürlich ausschließlich für "Deutsche". Eine noch größere Gesichtspalme ist kaum vorstellbar.
  5. "Wir" können uns Flüchtlinge "nicht leisten".
  6. Flüchtlinge schleppen womöglich "ausgerottete" Krankheiten ein.
  7. Flüchtlinge sind Sexmonster, die dafür sorgen, dass Frauen sich hierzulande abends nicht mehr auf die Straße trauen.
  8. Flüchtlinge kommen allesamt mit "Großfamilien" und wollen sich ebenso allesamt "nicht integrieren".
  9. Der Sermon gipfelt in der Forderung nach einem generellen "Schutz vor Ausländern".

Soweit die Diplom-Politologin, Autorin, Liedermacherin und publizistisch tätige Vorkämpferin gegen Vorurteile Kerstin Gundt. So stellt sich also das "liberale" Bürgertum einen "linken Sozialstaat" vor - und ich muss hier darauf hinweisen, dass die völlig Verrückte mit ihren absurden Feststellungen und Forderungen bei weitem nicht allein ist, sondern durchaus als repräsentatives, dabei sogar noch vergleichsweise "humanes" Beispiel für weite Teile der deutschen Mittelschicht angesehen werden muss. Die oben verlinkte Studie von Heitmeyer belegt das - ebenso wie die Mehrzahl der weiteren Kommentare unter dem Eso-Text oder jeder gruselige Blick in die redaktionellen Berichte der deutschen Massenmedien und deren Kommentarspalten in diesen finsteren Tagen.

Die braune Scheiße quillt aus allen Poren. So ähnlich muss das damals gewesen sein, als Millionen von debilen Arschlöchern dem lächerlichen Schreihals aus Österreich willig gefolgt sind. Damals wie heute grinst sich die kapitalistische "Elite" ins Fäustchen und freut sich, dass einmal mehr Unschuldige, Unbeteiligte und sogar Opfer für ihr perverses Treiben bluten müssen, während sie munter weiter Menschen ausbeutet, verarmt, aussaugt, foltert, in Kriegen entwurzelt, vertreibt und ermordet und dabei munter Champagner schlürft, während der Goldpegel im privaten Geldspeicher stetig steigt.

[Der Rest des Textes ist unter einer dicken Kotzlache des Verfassers leider zum Glück unwiderbringlich verloren.]

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Kerstin Gundt schreibt neben rassistischen Hasskommentaren auch sehr hochwertige Gedichte. Das folgende stammt von ihrer Webseite und ist mit dem Vermerk versehen: "Verbreitung ausdrücklich erwünscht". Dieser Bitte komme ich hier gerne nach.


Liebe ist ...

Liebe ist,
ohne Eigennutz
zu schenken.

Glück ist,
mit dir in der Sonne zu liegen
und deine Haut zu spüren.

Reich ist,
wer viele Freunde hat,
mit denen er kuscheln kann.

Erfolg ist,
mit dem, was man liebt,
Geld zu verdienen.

Kunst ist,
die Menschen tief im Inneren
zu berühren.


Dienstag, 12. Januar 2016

Konsumrausch und Armut : Die Schlips-Borg und die 40 Räuber


Im eskalierenden Bullshit- und Rassismus-Bingo der in den vergangenen Tagen durchs Dorf getriebenen Silvestersau geht so manche Nachricht kläglich unter. Gestern las ich beispielsweise beim WDR:

In NRW ist die Zahl der von Armut betroffenen Kinder gestiegen. Sie kletterte von 20,4 Prozent im Jahr 2005 auf 23,6 Prozent in 2014, wie das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung am Montag (11.01.2016) in Düsseldorf mitteilte.

Eine solche Nachricht ruft im reichen Deutschland allerdings weder mediale Empörung hervor, noch mobilisiert sie den Mob, um zur Abwechslung mal vor den Prunkvillen der Superreichen und den grotesken Konzernpalästen die "besorgten Bürger" zu geben. In Zeiten des sich verfestigenden staatlichen Hartz-Terrors, der für immer mehr Betroffene eben nicht "nur" Schikane, Drangsalierung, Demütigung und faschistoide "schwarze Pädagogik", sondern bittere und nachhaltige Zwangsverarmung bis aufs letzte Hemd bedeutet, sind selbstverständlich auch immer mehr Kinder betroffen. Das ist kein Zufall oder Versehen, sondern politische Absicht der neoliberalen Einheitspartei.

Deshalb wird nicht kritisch oder gar empört darüber berichtet - man versorgt das Publikum der Massenmedien stattdessen mit den ewig gleichen, infantilen Märchen aus Kapitalistans Epos "Die Schlips-Borg und die 40 Räuber", wie beispielsweise "2015 brachte dickes Kaufkraft-Plus", "Löhne klettern in Rekordtempo" oder "Reallohnanstieg durch geringe Inflation". Von den märchenhaften Lobeshymnen auf den "Arbeitsmarkt", der sich inzwischen laut Propaganda nahe an der "Vollbeschäftigung" befinde, sowie dem "zunehmenden Wohlstand der Deutschen", der gar in einem "Konsumrausch" sichtbar werde, spreche ich lieber gar nicht erst, um meine Stirn vor schlimmen Blutungen zu schützen.

Nun lebt also bald ein Viertel aller Kinder des so gerühmten, semireligiös gepriesenen Wunderdeutschlands in Armut, während den wenigen Superreichen weiterhin permanent und wie von Sinnen horrende Geldsummen in die prall gefüllten Geldspeicher gepumpt werden, bis sie aus allen Nähten platzen (und darüber hinaus). Das hatten wir alles schon einmal - zurzeit wird ja nicht zufällig wieder (sowohl geistig-verbal, als auch ganz konkret) Jagd auf "Ausländer" gemacht. Kinder in Armut interessieren die Jäger ebensowenig wie überquellende Geldspeicher einzelner "Elite"-Familien, denn eines ist im Kapitalismus stets sicher: Schuld ist immer der Jude / Moslem / Fremde / Kranke / Behinderte / Alte / Arbeitslose ... - und dafür werden alle verfügbaren medialen und gesellschaftlichen Hebel in Bewegung gesetzt.

So geht es auch diesmal wieder unter populistisch-menschenfeindlichem Politgeschrei und befeuernder, benzingetränkter Medienpropaganda im strammen Marschschritt rechts herum schnurstracks in die braune Finsternis - und während sich die Menschen gegenseitig die Köpfe einschlagen, hat die selbsternannte, grinsende "Elite" wieder einmal längst alle goldenen Schäfchen im Trockenen und muss keine Sekunde befürchten, dass ihr jemand den gestohlenen Reichtum ernsthaft streitig machen könnte.

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Eine persönliche Anmerkung: Ich mache mich nun auf den Weg, um mit den mir in diesem Monat zur Verfügung stehenden 44 Euro dem Konsumrausch zu frönen und mich im Feinschmeckerladen mit einer Monatsration Kaviar einzudecken. Es ist wahrlich ein Segen, in einem so reichen Wunderland wie Deutschland leben zu dürfen.

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Alter Bettler mit einem Knaben



(Gemälde von Pablo Picasso [1881-1973] aus dem Jahr 1903, Öl auf Leinwand, Pushkin Museum of Fine Arts, Moskau, Russland)

Montag, 11. Januar 2016

In Memoriam David Bowie (1947-2016)




(David Bowie & Band, live im "Rockpalast", 1996)

Samstag, 9. Januar 2016

Lesetipp: Auflösung. Ein Nekrolog auf den Humanismus


Zum Wochenende möchte ich einen dringenden Lesetipp loswerden, der dabei hilft, so manche dunkle Gedankenwolke zu erhellen und die aktuellen Katastrophen und Untergangsszenarien im sich auflösenden Europa ein wenig besser zu verstehen. Dieser Text von Rainer Trampert sei jedem ans Herz gelegt, der sich verzweifelt fragt, warum diese Welt heuer einmal mehr - wie stets begleitet von populistischen, allzu schrillen, grotesk-stumpfsinnigen Erklärungsversuchen, die allesamt nichts mit der Realität zu tun haben - am Abgrund hängt.

Das ist keine leichte und erst recht keine erfreuliche Lektüre - aber sie hilft ungemein beim Verständnis. Ich könnte gleich abschnittsweise aus diesem Text zitieren, und auch wenn in wenigen Detailfragen durchaus die eine oder andere Kritik angebracht ist, beschränke ich mich hier auf das Fazit des Verfassers und hoffe, dass auch der sehr lesens- und bedenkenswerte, äußerst informative Rest von möglichsten vielen Menschen gelesen wird. Trampert resümiert:

Durch die historischen Niederlagen und Deformationen der kommunistischen, anarchistischen, sozialistischen und emanzipatorischen Visionen und Kämpfe fehlt heute das Korrektiv, das die religiös-fanatischen, nationalen, marktkonformen, ethnischen, tribalen, männerkultigen, rassistischen und faschistischen Wucherungen bremsen könnte.

Linke haben mitgeholfen, sich zu demontieren. Postmodern Gewordene ersetzten die Kritik an der Klassengesellschaft durch den Konsum und den positiven Geist, Linkskeynesianer erzählten, ein böser Neoliberalismus sei über die Menschheit gekommen. Demnach müsste es vorher einen guten Kapitalismus gegeben haben, zum Beispiel den in den "sozial-staatlichen keynesianisch geprägten sozialdemokratischen Jahrzehnten nach 1945" (Altvater), zu dem auch Helmut Kohl mit seiner geistig-moralischen Wende zurück wollte. In der Krise flüchteten Linke sich in die Kritik der Finanzen, adelten so die Ausbeutung und Entfremdung der Menschen im Mehrwertbetrieb und schoben alle Schuld auf New York, Finanzen, Banken, Spekulanten und benutzten auch all die anderen antisemitisch konnotierten Begriffe.

Hier ist prägnant zusammengefasst, was all die kurzsichtigen, durch ihren jeweiligen (durchaus unterschiedlichen) Tellerrand eingesperrten Pseudokritiker des kapitalistischen Wahnsinns - von "Pegida" über "Propagandaschau", "Ken Jebsen" und "Nachdenkseiten" bis hin zu den aktuellen politischen Karikaturen von den Grünen, der SPD und der Linkspartei - eint. Selbst den esoterischen Realitätsverweigerern bzw. Sektierern ist ein kleiner Nebensatz gewidmet.

Ich habe zwar wenig Hoffnung, dass dieser gute Text, der auch in der Jungle World erschienen ist, die richtigen bzw. eigentlich erforderlichen LeserInnen finden wird, möchte aber trotzdem meinen bescheidenen Beitrag zur Verbreitung leisten. Wenn auch nur ein Depp der "Pegida"-, "Jebsen"- oder "Propagandaschau"-Fraktion oder ein Fanboy/-girl der "Nachdenkseiten", des "Spiegelfechters" oder der Linkspartei zum eigenständigen Denken und Verstehen auch jenseits des individuellen Horizontes angeregt wird, wäre schon etwas - wenn auch nicht viel - gewonnen.

Das rassistische Hohlkopfvirus erlebt momentan quer durch alle genannten Fraktionen eine widerwärtige Renaissance, die ich selbst in meinen schlimmsten Albträumen nicht für möglich gehalten habe.

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Der letzte Demokrat


"Der liebste Platz, den ich auf Erden hab', das ist die Rasenbank am Elterngrab."

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 27 vom 05.10.1931)

Musik des Tages: Sinfonie Nr. 4 in e-moll




  1. Allegro non troppo
  2. Andante moderato
  3. Allegro giocoso – Poco meno presto – Tempo I
  4. Allegro energico e passionato – Più Allegro

(Johannes Brahms [1833-1897]: "Sinfonie Nr. 4 in e-moll", Op. 98; Chamber Orchestra of Europe, Leitung: Bernard Haitink, 2011)


Mittwoch, 6. Januar 2016

Brüllwitz des Tages: Wie pseudolinke Esoteriker aktive Spaltung betreiben


Der folgende Beitrag ist eine Satire, die nur von satirefähigen Menschen verstanden werden kann.

Wer in dieser finsteren Zeit wieder einmal herzlich lachen möchte, sei auf diesen erfrischenden Beitrag unserer esoterischen Freunde vom Blog "Jenseits der Realität" verwiesen. Dort wird, wie überwiegend gewohnt, nicht auf eigene Ergüsse, sondern auf andere Kotztüteninhalte Bezug genommen, um diese fleißig zu bewerben. Im aktuellen Fall handelt es sich um einen zum Himmel schreienden Beitrag aus dem grenzdebilen katholischen Umfeld der hirnbefreiten Webseite publik-forum.de.

Eigentlich sind damit bereits alle Kriterien für eine bitterböse Satire erfüllt - allerdings meinen die Esos das, wie immer in solchen Fällen, leider ernst. Der Blogger Volker vom frei-blog musste das nun am eigenen Leib erfahren, denn auf seine Kritik, die er dort als einer der ganz wenigen noch anbringen darf (Ketzer wie ich und viele, viele andere sind dort längst gesperrt und dürfen sich nicht mehr äußern), antwortete Holdger Platta, der Stiefelknecht des Chef-Voodoo-Agitators Faulfuß, gar höchstpersönlich. Es ist äußerst witzig zu lesen, wie der verwirrte, alte Mann dort den aktuellen Papst zu einem "antikapitalistischen Revoluzzer" verklärt ("Er hat 'Kapitalismus tötet' gesagt - er ist einer von den Guten!!!"), aber noch viel witziger sind seine Versuche, den vom "rechten Weg" abgekommenen, bedauernswerten Volker - zunächst in der standesgemäßen dritten Person, denn mit Fußvolk gibt man sich im Regelfall nicht ab - wieder heim ins Reich führen zu wollen:

Schade, daß Volker derart unkritisch unguten Vorbildern folgt! Dieses Bedauern ist ernst gemeint, nicht vorgetäuscht.

Der arme Volker wusste freilich nicht, worauf sich der platt plärrende Platta da bezog, so dass dieser gleich noch einmal nachlegen musste:

Ich hatte es freilich anders gemeint: daß Du Dich objektiv in eine ungute Tradition zu anderen Kommentatoren begibst, wenn Du einfach mal so auf einen Autor mit seinem Artikel draufhaust, ohne wirkliches Argument und ohne wirklichen Beleg, in die zeitlich-qualitative Nachfolge also derartiger Kommentarschreiber, die permanent nur negativ bewerten, bewerten, bewerten ‚können‘, ohne je Argumentation und Belege vortragen zu können (manche von ihnen – das meint ganz ausdrücklich Dich oder Deinen Kommentar nicht! – bis in die persönliche, durch nichts gerechtfertige oder zu rechtfertigende, Diffamierung hinein).

Da war die ungesagte Katze aus dem Sack und jeder - mit Ausnahme der unbeteiligten LeserInnen, also der überwältigenden Mehrheit der dumm glotzenden Mitlesenden - wusste, welchen schmählich bösen Kritiker des heiligen Weges der einzig wahrhaft Erleuchteten Herr Plattfuß da meinte. Ich musste breit grinsen an dieser Stelle (ganz ohne Drogeneinfluss, ich schwöre). Und weil Platta ja Transparenz und Offenheit über alles liebt, fügte er gar zum Schluss hinzu:

Und Du weißt ja selber sehr genau, wen ich da meine, und daß ich mich nie gescheut habe, diese Leutchen wieder und wieder beim Namen zu nennen!

Da war bei mir der päpstliche Ofen endgültig aus und der Lachpegel am teuflischen Maximum. Das muss man erst einmal schaffen: keine Namen zu nennen und sich hernach wild damit zu brüsten, doch stets Namen genannt zu haben. :-)

Als Fazit dieses herzerfrischenden Blogpostings samt Kommentaren können wir also festhalten:

  1. Der Papst ist ein Guter! Er hat zwar nicht das Geringste dafür getan, das kapitalistisch verursachte Elend dieser Welt auch nur leicht anzukratzen, aber er hat gesagt, dass es übel sei!
  2. Volker ist dumm und merkt nicht, welchen bösen Schurken er auf den Leim geht, wenn er anderswo als bei "Jenseits der Realität" kommentiert und liest.
  3. Charlie ist die pure Essenz Luzifers, der niemals Argumente benutzt, sondern stets nur böswillig die reinen, hellen Heiligen beschmutzt. Man nimmt seinen finsteren Namen niemals öffentlich in den Mund (so viel Schmutz erträgt kein hochsensibler Eso), behauptet aber stets, das dennoch getan zu haben.

Genau so, liebe Pegida- und Propagandaschaugesellen, geht erfolgreiche Spaltung! Von den zwielichtigen Brüdern Platta und Faulfuß könnt ihr noch eine Menge lernen!

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Der Angeklagte hat das Wort!



(Lithografie von Honoré Daumier [1808-1879], in: "La Caricature", 1835)

Zitat des Tages: Konjunktur


So gut ging es uns noch nie. Unaufhörlich
werden die Mieten gesenkt. Ohne Unterlass
fallen die Preise. Die Schrippen
werden immer größer.

In Säcken schleppen wir am Zahltag
unseren Lohn nach Hause. Zum Frühstück
trinken wir Sekt. Wir fahren Rolls Royce und essen
den Kaviar pfundweise.

In unseren Super-Jets fliegen wir nach Feierabend
für ein paar Stunden zu den Bahamas. Die ewigen Diamanten
hängen unseren Frauen schon
zum Halse heraus.

Bald wissen wir nicht mehr, wohin
mit unserem Geld. Demnächst werden wir
einen Fonds gründen müssen zur Unterstützung
notleidender Millionäre.

(Volker von Törne [1934-1980], in: Born / Delius / von Törne: "Rezepte für Friedenszeiten. Gedichte", Aufbau 1973; geschrieben 1969)



Anmerkung: Das ständige, wohl tatsächlich bis in alle Ewigkeit stetig wiederholte kapitalistische Märchen vom "So gut ging es uns noch nie"-Mythos macht sich auch in dieser fast 50 Jahre alten, satirischen Gedichtform sehr gut. - "Wenn da nur nicht diese fiesen Flüchtlinge, Arbeitslosen, Kranken, Alten und sonstigen Sozialschmarotzer wären, die uns unsere Millionen klauen wollen, könnten wir glatt zufrieden sein", sagt sich da der dumpfdeutsche Lohnsklave und unterschreitet damit mühelos die intellektuelle Leistung einer Kaulquappe.

Es ist wahrlich ein Wunder, dass diese degenerierte Spezies überhaupt so lange überlebt hat.

Montag, 4. Januar 2016

Verfassungspatriot oder Verfassungsfeind: Zur jüngeren Geschichte Deutschlands


Ein Gastbeitrag des Altautonomen

Linke verweisen - angesichts des hierzulande deutlich in Richtung eines totalitären Überwachungs- und Repressionsstaates driftenden Trends - in einigen Medien- und Blog-Kommentarspalten immer wieder gern auf die verfassungsrechtlich verbrieften Rechte wie z.B. die Meinungsfreiheit, die Versammlungsfreiheit, das Recht auf Widerstand und die unantastbare Würde des Menschen (letztere ist auch eine gern genutzte Vokabel der "politischen Elite", wenn es darum geht, Bundeswehr- bzw. Kriegseinsätze zu rechtfertigen).

Das Grundgesetz der BRD zeigt sich - einschließlich der daraus resultierenden Gesetze, Verordnungen und Satzungen - aber immer mehr als genau das Instrument, mit dem sich das kapitalistische Herrschaftssystem seine Privilegien mehr und mehr zu Lasten der Mehrheit sichert. Wer mit den Augen der 80er Jahre einen analytischen Blick auf die heutigen Zustände des "wiedervereinigten" Deutschlands wirft, wird mit Entsetzen festellen, dass die Verfassung im Kern nicht mehr das Papier wert ist, auf dem sie einst geschrieben wurde.

Zum Thema "Geschichte und Zukunft der antideutschen Linken" gab es im Jahr 2010 eine im Rahmen einer Veranstaltungsreihe geführte Podiumsdiskussion des Bündnisses "...ums Ganze", aus der ich das Statement von Thomas Ebermann hier einmal mit eigenen Worten wiedergeben und zur Diskussion stellen möchte (das komplette Gespräch ist 2 1/2 Stunden lang):

In den 80er Jahren war es nur schwer denkbar, dass Deutschland einst aus rein nationalem Interesse wieder Kriege führen wird. Wer so etwas prognostizierte, wäre als Spinner belächelt und nicht nur von Linken nicht ernst genommen worden. Das nach 1945 postulierte "Nie wieder Krieg!" wurde aber inzwischen der Lächerlichkeit preisgegeben. Einsatzbefehle erteilt das Parlament heute innerhalb weniger Tage.

Es gab so etwas wie einen "linksliberalen deutschen Stolz", als Lehre aus den Erfahrungen des Nationalsozialismus - und teilweise auch unter dem Druck der Alliierten - ein vergleichsweise humanes Asylrecht in die Verfassung aufgenommen zu haben. (In einem Gastbeitrag bei Klaus Baum habe ich versucht zu begründen, warum auch sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge historisch betrachtet als politisch Verfolgte gelten.) Dieses Recht wurde nach 1989 total geschliffen. Niemand unter den Linken hätte in den 80er Jahren auch nur im Geringsten vermutet, dass eine humane und humanistische Katastrophe im Umgang mit Flüchtlingen, wie sie heute beispielsweise mit dem Begriff "Lampedusa" öffentlich verknüpft ist, einmal Realität werden könnte. Heute haben wir ein Asylrecht, das auf dem Grund des Mittelmeeres die Leichen der Geflohenen stapelt. Hätte ein Linker vor der "Wiedervereinigung" so etwas an die schwarze Wand der Zukunft gemalt, wäre er einfach nur ausgelacht worden. Kassandra wäre dagegen eine Heilsversprecherin gewesen.

Bis Ende der 80er Jahre gab es in Deutschland faktisch keine Zwangsarbeit (Reichsarbeitsdienst), wie man sie aus der Zeit des Nationalsozialismus kannte. Niemand, der Sozialhilfe, Arbeitslosengeld oder Arbeitslosenhilfe bekam, wurde zur Arbeit gezwungen. Auch dies war nach 1945 die verfassungsrechtliche Umsetzung einer wichtigen Lehre aus dem Faschismus: Niemand, der staatlich alimentiert wurde, war zu einer "Gegenleistung" verpflichtet. Selbst bis in die CDU hinein war die feste Überzeugung gewachsen, dass es so etwas wie Zwangsarbeit nie wieder geben dürfe. Und nach der Jahrtausendwende waren es ausgerechnet die SPD und die Grünen, die mit der "Agenda 2010" - in trauter Kontinuität zum "alternativlosen" Thatcherismus und sogenannten "Lambsdorff-Papier" - den Arbeitszwang, selbst bei drohendem oder bereits vollzogenem Entzug des lächerlich geringen Existenzminimums (staatlich verordneter Hungertod?), wieder einführten.

Auch anhand weiterer Beispiele aus dem Grundgesetz (allgemeiner Gleichheitsgrundsatz, Rechtsstaatlichkeit, Einsatz der Bundeswehr ausschließlich zu Verteidigungszwecken im Angriffsfall etc.) lassen sich die vorgenannten, seinerzeit als alarmistisch und übertrieben angesehenen Prognosen anhand der heutigen Realität schlüssig belegen.

Verfassungspatriotismus ist heute die Identifikation mit dem Nationalstaat in seiner heutigen Verfasstheit [und damit eine typisch kapitalistische Perversion bzw. Degeneration - Anm.v.Charlie].


Freitag, 1. Januar 2016

Nostalgie-Konzert des Jahres: Styx - Return to Paradise




(Styx: "Return to Paradise", Live-Album und -Video, 1997)

Anmerkung: Diese amerikanische Band hat in Deutschland und anderen europäischen Staaten trotz einiger "Hits" wie beispielsweise "Boat on the River" oder dem unsäglichen "Mr. Roboto" - einem albernen Disco-Song zum damaligen Zeitgeist, der letztlich zur Auflösung der Band im Jahr 1984 beigetragen hat - nie einen sonderlich bemerkenswerten Bekanntheitsstatus erreicht. In den USA hingegen füllte sie in den 70ern und frühen 80ern regelmäßig die größten Stadien und Arenen - und das trotz ihrer vergleichsweise anspruchsvollen, teils gar progressiven Rockmusik, was für die USA äußerst bemerkenswert ist, da auch die Texte der Band teils ausgeprägt sozial- und religionskritisch und fast schon anarchistisch waren. Mit dem Album "Kilroy Was Here" - einem dystopischen Konzeptalbum aus dem Jahr 1983 über einen faschistischen Staat US-amerikanischer Prägung, in dem "Sex, drugs and rock'n'roll" strikt verboten sind und Verstöße entsprechend hart von der "Robot-Polizei" des faschistischen Herrschers "Dr. Rightous" geahndet werden, endete die erste Ära von Styx, bis sie im Jahr 1996 mit einer Re-Union-Tour, aus der auch das hier verlinkte Konzert stammt, wieder neu aufgerollt wurde.

So if you think your life is complete confusion
Because your neighbours got it made
Just remember that it's a grand illusion
'Cause deep inside we're all the same.

America spells competition
Join us in our blind ambition
Get yourself a brand new motor car!
Someday soon we'll stop to ponder
What on Earth's this spell we're under
We made the grade and still we wonder:
Who the hell we are.

(aus: "The Grand Illusion", 1977)

Leider war der Ausnahme-Schlagzeuger John Panozzo zu dieser Zeit bereits todkrank (er verstarb noch im selben Jahr, noch während der laufenden Tour). Der Rest der Truppe findet sich hier aber - wenn auch sichtlich gealtert und gesetzt - in rockiger Frische wieder zusammen und bietet ein grandioses Feuerwerk aus zwölf Jahren Rockmusikgeschichte, das mich persönlich an so manche mehr oder weniger wilden Episoden oder Dramen aus meiner eigenen Historie erinnert. Details dazu erspare ich mir lieber.

  1. Rockin' The Paradise (1981)
  2. Blue Collar Man (1978)
  3. Lady (1973)
  4. Too Much Time On My Hands (1981)
  5. Snowblind (1981)
  6. Suite Madame Blue (1975)
  7. Crystal Ball (1976)
  8. The Grand Illusion (1977)
  9. Fooling Yourself (The Angry Young Man) (1977)
  10. Show Me The Way (1990)
  11. Boat On The River (1979)
  12. Lorelei (1975)
  13. Babe (1979)
  14. Miss America (1978)
  15. Come Sail Away (1977)
  16. Renegade (1978)
  17. The Best Of Times (1981)

Mittwoch, 30. Dezember 2015

Der Stürmer 2015: "Propagandaschau"


Man könnte es satirisch abhandeln: Die Vollidioten des Blogs "Propagandaschau" haben eine nicht repräsentative Umfrage gestartet, um den "Aufklärer" [sic!] und die "Maulhure" [sic!] des Jahres zu "wählen". Das bietet für sich genommen schon genug Treibstoff, um müde lächelnd abzuwinken und die Irren ihren albernen Propagandakleinkram machen zu lassen .... wenn, ja wenn da nicht die allzu böse Vorlage wäre.

Die Nazi-Bande hat seinerzeit mit exakt denselben Zirkus-Methoden einen gewissen, größtenteils sehr dummen Teil der Bevölkerung manipuliert (der Begriff "Lügenpresse" stammt nicht versehentlich aus dieser finsteren Zeit) - und sie hat dieses makabre Spiel, wenn auch mit der Unterstützung interessierter Kreise, zunächst gewonnen. Wir alle wissen, welches unsägliche Unheil daraus erwachsen ist.

Heute erleben wir denselben Zirkus erneut: Die Spinner des "Propagandaschau"-Blogs nehmen die zunehmenden und nicht mehr zu verleugnenden Auswüchse der kapitalistisch finanzierten Presse zum Anlass, ihrerseits laut trötend ins Propagandahorn zu blasen, um jede ernsthafte Kritik gleich im Keim zu ersticken. So entsteht ein verseuchtes Klima, in dem windige Figuren wie Ken Jebsen in einem Atemzug als "Aufklärer" genannt werden mit nationalkonservativen Hirnverweigerern wie Udo Ulfkotte oder strammen Rechtsradikalen wie Jürgen Elsässer. Den wirklichen Aufklärern, die es in dieser Liste vereinzelt auch gibt, muss diese Gemengelage unsäglich peinlich sein - und alle Alarmglocken zum schrillen Klingen bringen.

Schlimmer als dieser Text und diese Auflistung sind nur noch die Kommentare zu diesem Posting. Ich weiß nicht, ob in jenem Blog zensiert wird und es deshalb keinerlei ernsthaften Widersprüche zu dem Sermon gibt, oder ob dort nur Vollidioten kommentieren, die ihr Hirn allenfalls für das komplikationsfreie Öffnen der Hose beim Toilettengang benutzen - in jedem Fall ist diese schauderhafte Kopie aus der Weimarer Endzeit ein deutliches Alarmsignal für jeden, der sich ein halbwegs waches Resthirn bewahrt hat.

Merken diese Leute, die dort lesen und kommentieren, denn wirklich nicht, dass sie zwar nicht mehr vom Transatlantiker Claas Clever Claus Kleber, dafür aber von anderen, möglicherweise noch übleren Propagandisten am Nasenring durch die Manege geführt und schallend ausgelacht werden?

Die Endzeit war seit 1945 nie näher ... und die "Propagandaschau" ist ein dicker, brauner, übelriechender Wegweiser auf diesem Untergangspfad.

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Aus der guten alten Zeit



(Paul Konewka [1841-1871], Scherenschnitt, in: "Das schwarze Bilderbuch", hg. v. Rolf von Hoerschelmann, 1911; Textzusätze natürlich von Charlie)

Dienstag, 29. Dezember 2015

In Memoriam Lemmy Kilmister (1945-2015)




(Motörhead: "Eat the Rich", aus dem Album "Rock 'n' Roll", 1987)



Anmerkung: Louder, Lemmy, louder!!!

Mittwoch, 23. Dezember 2015

Zitat des Tages: Bürgerliches Weihnachtsidyll


Was bringt der Weihnachtsmann Emilien?
Ein Strauß von Rosmarin und Lilien.
Sie geht so fleißig auf den Strich.
O Tochter Zions, freue dich!

Doch sieh, was wird sie bleich wie Flieder?
Vom Himmel hoch, da kommt sie nieder.
Die Mutter wandelt wie im Traum.
O Tannenbaum! O Tannenbaum!

O Kind, was hast du da gemacht?
Stille Nacht, heilige Nacht.
Leis hat sie ihr ins Ohr gesungen:
Mama, es ist ein Reis entsprungen!

Papa haut ihr die Fresse breit.
O du selige Weihnachtszeit!

(Klabund alias Alfred Hermann Henschke [1890-1928], in: "Die Harfenjule. Neue Zeit-, Streit- und Leidgedichte", Verlag die Schmiede, 1927)



Anmerkung: Erich Mühsam bedachte die Weihnachtszeit in seinem Gedicht "Die Monate" ganz lapidar so:

Dezember
Nun teilt der gute Nikolaus die schönen Weihnachtsgaben aus.
Das arme Kind hat sie gemacht, dem reichen werden sie gebracht.

Montag, 21. Dezember 2015

Musik: Zwischen Propaganda, Zynismus und Widerstand


Musik wurde und wird stets auch als begleitendes Propagandainstrument der herrschenden Kreise eingesetzt - diese Erkenntnis ist ein alter Hut. Gerade am Beispiel Nazideutschlands lässt sich das wunderbar belegen - man denke nur an die pompösen Massenveranstaltungen, für die beispielsweise Bruckners sinfonisches Werk gerne missbraucht wurde. Dort hörte damals allerdings die perfide Pervertierung der Musik keinesfalls auf: Selbst in den höllischen Konzentrationslagern wurde Musik gezielt zur Demütigung und Verächtlichmachung der Inhaftierten benutzt. Einzig für solche Zwecke gebildete "Häftlings-Orchester" mussten beispielsweise anlässlich der öffentlichen Folterung oder Exekution von Häftlingen aufspielen; ebenso war es üblich, dass fröhliche Musik zum morgendlichen Auszug der ZwangsarbeiterInnen erklingen musste.

Ein recht umfangreicher, informativer Bericht zu diesem Thema findet sich beispielsweise hier, wo man auch diese Passage lesen kann:

Im tristen Lageralltag wurde [Musik] zunächst von der SS-Führung zwangsweise verordnet und damit "automatisch als Repressions-, Folter- und Propagandainstrument" missbraucht. Alle Häftlinge mussten mehrmals am Tag bei den Appellen, beim Marschieren zum Arbeitskommando oder auf dem Rückweg ins Lager lauthals deutsche Lieder, wie etwa "Schwarz-braun ist die Haselnuss" oder "In dem Schatten grüner Bäume lasst uns sing'n und fröhlich sein" anstimmen. Angesichts des Todes, des Hungers und der Erschöpfung bedeutete solcher Gesang für die Häftlinge blanken Hohn und Zynismus, durch den sie tagtäglich gedemütigt wurden. Besonders für ausländische Häftlinge wurde der verordnete Gesang zu einer schrecklichen Schikane, da die meisten weder die Lieder kannten noch der deutschen Sprache mächtig waren, so dass sie in der Menge leicht auffielen und somit Opfer weiterer Misshandlungen wurden. In ihrer Freizeit konnten sich daher viele von ihnen nicht ausruhen, sondern mussten oft unter dem Kommando eines sadistischen SS-Mannes oder Funktionshäftlings die verhassten Lieder einüben. Der kollektive Gesang wurde auf diese Weise "zu einem Mittel regelmäßiger psychischer und physischer Gewaltanwendung umfunktioniert."

Eine ähnliche Rolle spielte Musik, die im Lager im Vorfeld einer Hinrichtung oder als Geräuschkulisse bei Folterungen und Erschießungen gespielt wurde. Zu diesen Zwecken wurden in vielen Konzentrationslagern eigene Orchester gegründet, die solche grausamen Vorstellungen musikalisch untermalen sollten. Zum Beispiel musste nach einem gescheiterten Fluchtversuch der betreffende Häftling beim abendlichen Zählappell in Begleitung der Lagerkapelle mit einer Tafel marschieren auf der stand: "Ich bin schon wieder da!". Der Zug brachte ihn "dann direkt ins Bad zur ,Auszahlung’. Vor dem Bad warteten wir, bis man ihn wieder halbtot und blutüberströmt herausführte. Von dort musste er wieder in Begleitung der Musik um alle Häftlinge herumgehen - in den Bunker." Diese Inszenierung war eine grausame Demonstration der Macht der SS und bedeutete für die Häftlinge eine ungeheuere Demütigung.


(Von einer KZ-Kapelle begleitet, wird ein entflohener Häftling im KZ Mauthausen zur Exekution geführt.)

Darüber hinaus gab es jedoch auch die "andere" Musik - nämlich die Widerstandslieder, die von Häftlingen geschrieben und verbreitet wurden. Bekannt geworden sind davon insbesondere "Das Lied vom Heiligen Caracho" aus dem KZ Buchenwald, das "Bunalied" aus dem KZ Auschwitz oder das "Dachaulied". In der Öffentlichkeit weniger bekannt ist allerdings, dass ein heute als "Folksong" wahrgenommenes Lied ebenfalls aus diesem grausamen Umfeld - nämlich dem KZ Börgermoor im Emsland - stammt. Einer der Verfasser dieses "Börgermoorliedes", Wolfgang Langhoff, berichtete später:

Im Konzentrationslager Börgermoor bei Papenburg werden 1933 in einer Nacht die Gefangenen von den SS-Wachen unmenschlich verprügelt. Nach dieser "Nacht der langen Latten" entsteht bei den Insassen der Plan, etwas für die eigene Ehre zu tun. Man will an einem Sonntag eine Theatervorstellung aufführen, den "Zirkus Konzentrazani", um den Peinigern zu zeigen, dass die Gefangenen nicht den Lebensmut verloren haben. Heimlich entsteht für diese Veranstaltung das Lied "Die Moorsoldaten". Am Schluss der Vorstellung erklingt es zum ersten Mal. Einer der Autoren, Wolfgang Langhoff, erinnert sich: Und dann hörten die Lagerinsassen zum ersten Mal das "Börgermoorlied", das inzwischen schon eine volksliedhafte Popularität erreicht hat. Einer sagte: "Kameraden, wir singen euch jetzt das Lied vom Börgermoor, unser Lagerlied. Hört gut zu und singt dann den Refrain mit." Schwer und dunkel im Marschrhythmus begann der Chor: Wohin auch das Auge blicket ... Tiefe Stille! Wie erstarrt saß alles da, unfähig mitzusingen, und hörte noch einmal den Refrain: Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor ... Leise und schwermütig begannen einige Kameraden mitzusummen. Sie blickten nicht nach rechts und nicht nach links. Ihre Augen sahen über den Stacheldraht weg, dorthin, wo der Himmel auf die endlose Heide stieß. Ich sah den Kommandanten. Er saß da, den Kopf nach unten und scharrte mit dem Fuß im Sand. Die SS still und unbeweglich. Ich sah die Kameraden. Viele weinten.

Zwei Tage nach dieser Aufführung verbot die SS das Lied. - Heute gibt es hunderte von äußerst unterschiedlichen Einspielungen dieses Liedes - von Ernst Busch über Pete Seeger und Hannes Wader bis zu den Toten Hosen und viele, viele weitere.



Die Moorsoldaten

Wohin auch das Auge blicket,
Moor und Heide nur ringsum.
Vogelsang uns nie erquicket,
Eichen stehen kahl und krumm.
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten ins Moor.

Hier in dieser öden Heide
ist das Lager aufgebaut,
wo wir fern von jeder Freude
hinter Stacheldraht verstaut.
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten ins Moor.

Morgens ziehen die Kolonnen
in das Moor zur Arbeit hin,
graben bei dem Brand der Sonnen,
doch zur Heimat steht ihr Sinn.
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten ins Moor.

Heimwärts, heimwärts! Jeder sehnet
sich nach Eltern, Weib und Kind.
Manche Brust ein Seufzer dehnet,
weil wir hier gefangen sind.
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten ins Moor.

Auf und nieder gehn die Posten,
keiner, keiner kann hindurch.
Flucht wird nur das Leben kosten.
Vierfach ist umzäunt die Burg.
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten ins Moor.

Doch für uns gibt es kein Klagen.
Ewig kann's nicht Winter sein.
Einmal werden froh wir sagen:
Heimat, du bist wieder mein!
Dann ziehn die Moorsoldaten
nicht mehr mit dem Spaten ins Moor.

(Text: Johann Esser [1896-1971] und Wolfgang Langhoff [1901-1966], Melodie und vierstimmiger Satz: Rudi Goguel [1908-1976]; 1933)



(Helium Vola: "Die Moorsoldaten", aus dem Album "Für Euch, die Ihr liebt", 2009)