Donnerstag, 9. Oktober 2014

Song des Tages: To Kill The Child




(Roger Waters: "To Kill The Child", Single, 2004)

The child lay in the starlit night
Safe in the glow of his Donald Duck light
How strange to choose to end a life
How strange to choose to kill a child
Hoover, Blaupunkt, Nissan, Jeep
Nike, Addidas, Lacoste and cheaper brands
Cadillac, Amtrak, gasoline, diesel
Our standard of living - could this be a reason
That we would choose to kill the child
That we would choose to kill the child

Allah, Jehovah, Buddah, Christ
Confucius and Kali and reds, beans and rice
Goujons of sole, ris de veau, ham hocks
Lox bagels and bones and commandments in stone
The Bible, Koran, Shinto, Islam
Prosciutto, risotto, falafel and ham
Is it dogma, doughnuts, ridicule faith
Fear of the dark, or shame or disgrace
That we would choose to kill the child
That we would choose to kill the child

It's cold in the desert and the space is too big
The rope is too short and the walls are too thick
I will show you no weakness, I will mock you in song
Berate and deride you, belittle and chide you
Beat you with sticks and bulldoze your home
You can watch my triumphant procession to Rome
Best seat in the house, up there on the cross
Is it anger or envy, profit or loss
That we would choose to kill the child
That we would choose to kill the child

Take this child and hold him closely
Keep him safe from the holy reign of terror
Take this child, hold him closely
Take this child to the moral high ground
Where he can look down on the bigots and bully boys
Slugging it out in the yard



Anmerkung: Ich finde es bemerkenswert, dass ein alternder Multimillionär wie Waters, der laut "Forbes" allein im Jahr 2012 satte 88 Millionen US-Dollar allein durch seine Bühnenshows (man beachte den Preis für ein einfaches Ticket!) hinzugerafft hat, sich dennoch kritisch mit solchen Themen befasst und gar einigen Firmen munter ans Bein pinkelt. Grotesk wird das ganze aber, wenn ausgerechnet ein so reicher Mensch gleichzeitig beklagt, dass womöglich "our standard of living" ein gewichtiger Grund für das furchtbare Elend auf diesem Planeten sei.

Ich will dem Mann gewiss nicht die ehrbaren, hochmoralischen Motive absprechen - Waters hat bis heute in vielerlei Hinsicht ein durchaus prägendes, auch sozialkritisches musikalisches Werk hinterlassen, das in der Geschichte der Rockmusik völlig zu Recht einen gewiss nicht unbedeutenden Platz einnimmt. Dennoch komme ich nicht umhin, auch hier zu fragen: Was soll diese Anhäufung von Millionen und Abermillionen? Der Mann ist heute 71 Jahre alt - wofür kann er dieses viele Geld, das anderswo so dringend, dringend fehlt, wohl noch gebrauchen? Warum nimmt jemand, der bereits so grotesk reich ist, überhaupt noch Eintritt für seine Bühnenshows bzw. beschränkt diesen Preis nicht auf eine Summe, die seine eigenen Ausgaben deckt? Ich werde diese kapitalistische Gier nach mehr und immer mehr, sogar bis ins hohe Alter hinein, wohl niemals begreifen.

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Die korrupte Bande - eine Satire der "Tagesschau"


Heutzutage ist es nicht immer nötig, Seiten wie den Postillon oder die Titanic aufzurufen, wenn man auf der Suche nach bissiger Satire ist - immer öfter genügt auch ein Besuch bei den "seriösen" Kuhmedien wie beispielsweise den Propagandaseiten der "Tagesschau". Dort las ich kürzlich einen Text, der sich mit Philipp Mißfelder befasst - ihr wisst schon, dieser furchtbare, faschistoide CDU-Dorfdepp, der Senioren keine neuen Hüftgelenke mehr gönnt, der die "Bundesagentur für Arbeit" privatisieren möchte und immer wieder gerne Soldaten in den Krieg schicken will.

Nun klärt uns die "Tagesschau" im besagten Text darüber auf, dass Mißfelder womöglich "die längste Zeit Politiker gewesen" sei - und begründet dies allen Ernstes mit seiner altersbedingten Aufgabe des Vorsitzes der "Jungen Union". Das ist an sich schon irrsinnig genug, zumal der Bursche inzwischen tatsächlich auch ein physisches Alter erreicht hat, in dem er in einer "Jugendorganisation" schlichtweg nichts mehr verloren hat (geistig war er wohl niemals jünger als 60 - aber das ist sicher repräsentativ für die "JU"). Die Autorin, eine gewisse Ute Welty, haut noch ganz andere Klöpse heraus, für die Priol, Uthoff & Co. lange grübeln und sicher eine Menge bewusstseinserweiternder Hilfsmittel einnehmen müssten. Ein Beispiel:

[Mißfelder] galt immer mehr als der Nutznießer von Macht, nicht als ihr Kritiker. 2009 wurde ihm das Etikett des "Schattenmanns" angeheftet, das er bis heute nicht losgeworden ist. Das "Spiegel"-Porträt zeichnete damals das Bild eines Politikers, der sich vor allem seiner Karriere verpflichtet fühlt, der für einen Blick, ein Lob, eine SMS der Kanzlerin alles tun würde.

Nein - welch eine sensationelle Erkenntnis: Das Leitbild der korrupten, neoliberalen Hurenbande ist auch das Leitbild Mißfelders! Wer hätte denn das auch ahnen können? Und so einer war zwölf lange Jahre lang Vorsitzender einer so seriösen, über alle Zweifel erhabenen, intellektuellen Vereinigung wie der "Jungen Union"? Welch ein skandalträchtiger, skandalöser Skandal! - Aber es geht munter weiter:

Mißfelder räumt ein, dass er es nicht geschafft habe, die JU zur "bürgerlichen Avantgarde" zu machen. Zu einer "Innovationsabteilung" der Union, die die Kräfte rechts von der Mitte sammelt.

An dieser Stelle musste ich eine Lesepause einlegen, weil mein hysterisches Röcheln mich zu sehr am Atmen hinderte - einen Begriff wie "bürgerliche Avantgarde", der an sich ja schon vollkommen absurd ist, auch noch im Zusammenhang mit der Union zu bemühen, das traute sich noch nicht einmal ein Georg Schramm. Unsere Ute aber zitiert den salbadernden Philipp munter weiter und lässt auch die völlig verblödende Verknüpfung von "Innovation" und "rechts von der Mitte" nicht aus, ohne in irgendeiner Weise näher darauf einzugehen bzw. die völlige Sinnfreiheit dieser Contradictio in adiecto auch nur zu erwähnen. Wenn die Propaganda vorschreibt, dass Greise junge Burschen zu sein haben, hat die "Tagesschau" das zu berichten - und nicht zu hinterfragen. So viel Humor muss sein.

Das Beste kommt aber, wie gewohnt, zum Schluss:

Mißfelder hat inzwischen bestätigt, einem Unternehmer 2010 die Teilnahme an einer Irak-Reise des damaligen Außenministers Guido Westerwelle vermittelt zu haben. Er bestätigte auch, dass dessen Firma zeitgleich insgesamt 49.000 Euro für Mißfelders CDU-Kreisverband und die Junge Union gespendet hat. Die regierungsunabhängige Transparenzinitiative Lobbycontrol fordert Aufklärung und spricht von gravierenden Vorwürfen. Es dürfe nicht sein, dass ein Spitzenpolitiker seine Position und seine politischen Kontakte zu Geld mache.

Hier versagen meine Worte und meine Fassung. Fast die gesamte korrupte Bande tut seit Jahrzehnten nichts anderes, was vielfach dokumentiert ist (der verlinkte Überblick bei lobbypedia ist leider noch immer fragmentarisch), aber die "Tagesschau" behandelt auch dies hartnäckig wie einen "bedauerlichen Einzelfall". Das übersteigt den Bereich der Satire und erklimmt mit wehenden Fahnen den Gipfel der Groteske.

Vermutlich geht es hier ohnehin bloß um unionsinterne Machtrangeleien verschiedener macht- und geldgeiler "Alphatiere", die unter anderem auch mit der Hilfe solcher Propagandastücke in den Medien ausgetragen werden. Für die Bevölkerung dieses Landes ist es aber völlig bedeutungslos, welche Triefnasen da gerade das Sagen haben und welchen Figuren an den lukrativen Stuhlbeinen gesägt wird - das Ergebnis wird immer dasselbe sein, nämlich eine perverse Politik gegen die Bevölkerung und für die Superreichen, frei nach dem kapitalistischen Motto:

"Ob Merkel, ob Mißfelder, Lucke, Trittin,
ob Gabriel, Schäuble, gar Özdemir ("Ih!") -
sie tun stets dasselbe, sie tun es sehr barsch:
Für Geld treten sie uns gepflegt in den Arsch."

---



"Wie fleißig du warst, mein guter Junge! Kaum zwei Monate Abgeordneter und schon ein Automobil!"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 49 vom 02.03.1925)

Dienstag, 7. Oktober 2014

Zitat des Tages: Kein Ort. Nirgends


Sie kennt die Stelle unter der Brust, wo sie den Dolch ansetzen muss, ein Chirurg, den sie scherzhaft fragte, hat sie ihr mit einem Druck seines Fingers bezeichnet. Seitdem, wenn sie sich sammelt, spürt sie den Druck und ist augenblicklich ruhig. Es wird leicht sein und sicher, sie muss nur achten, dass sie die Waffe immer bei sich hat. Was man lange und oft genug denkt, verliert allen Schrecken. Gedanken nutzen sich ab wie Münzen, die von Hand zu Hand gehn, oder wie Vorstellungen, die man sich immer wieder vors innere Auge ruft. An jedem Ort kann sie, ohne zu zucken, ihren Leichnam liegen sehn, auch da unten am Fluss, auf der Landzunge unter den Weiden, auf denen ihr Blick ruht.

(...)

Wenn die Menschen gewisse Exemplare ihrer eigenen Gattung aus Bosheit oder aus Unverstand, aus Gleichgültigkeit oder aus Angst vernichten müssen, dann fällt uns, bestimmt, vernichtet zu werden, eine unglaubliche Freiheit zu. Die Freiheit, die Menschen zu lieben und uns selbst nicht zu hassen. / Begreifen, dass wir ein Entwurf sind - vielleicht, um verworfen, vielleicht, um wieder aufgegriffen zu werden, darauf haben wir keinen Einfluss. Das zu belachen, ist menschenwürdig. Gezeichnet zeichnend. Auf ein Werk verwiesen, das offen bleibt, offen wie eine Wunde.

(aus der Erzählung "Kein Ort. Nirgends" von Christa Wolf [1929-2011], Luchterhand 1979)


Montag, 6. Oktober 2014

Lesetipp des Tages: "Sparen mit dem Existenzminimum"


Der Kollege vom Frei-Blog hat am Wochenende, an dem ich mich auf meiner allzu kurzen virtuellen Urlaubs- und Erholungsreise vom neoliberalen, deutschtümelnden "Einheits"-Brei-Beschiss befand, einen kleinen, dafür aber umso aussagekräftigeren Text über seine eigene furchtbare Situation im menschenfeindlichen, grundgesetzwidrigen, rot-grün-schwarz-gelben Hartz-Terror verfasst, dem ich eine weite Verbreitung wünsche. Ein kleiner Auszug daraus:

Ich lebe von der Hand in den Mund, von Tag zu Tag, und am Ende eines Monats opfere ich meine drei angesparten Euros, um noch zwei Tage durchzuhalten. / Und dies schon seit Jahren, immer auf der Hut, nicht weiter brutal in die Gosse gekickt zu werden. Ich sollte mich gemütlich in der Armut einrichten, mein Almosen nicht verjubeln und dankbar dafür sein, dass ich noch geduldet bin.

In der Tat, die Betonung liegt hier auf dem "noch" - denn es ist absehbar, in welche braunen Abgründe die politisch forcierte Richtung geht und welche Konsequenzen sich in Zukunft daraus ergeben müssen, wenn das Ruder nicht doch noch herumgerissen wird. Dass bereits die gesamte vorangestellte Beschreibung - auch ohne dieses "noch" - bereits eine gesetzlich und politisch legitimierte, propagandistisch wohlwollend begleitete Kurssetzung in den faschistischen Sumpf darstellt, der von der großen Mehrheit der Menschen in diesem Land (und weit darüber hinaus) irrsinniger Weise gar nicht als solcher wahrgenommen wird, fällt da fast schon nicht mehr ins Gewicht.

Wenn heute nach wie vor immer wieder irgendwelche Huren und Callboys aus den Reihen der Propagandamedien und der Politik wie von Sinnen in die Welt tröten, das "Sozialsystem" in Deutschland sei eine "Hängematte", in der sich ein "wunderbares, von materiellen Sorgen freies Leben" führen ließe, dann muss man diesen (meist sehr üppig absahnenden) Figuren längst bösen Willen unterstellen, denn so dumm kann noch nicht einmal irgendein Hanswurst von der CSU oder irgendeine Schreckschraube von der BLÖD-"Zeitung" sein, dass er/sie nicht genau um die Absurdität einer solchen Behauptung wüsste. Die dahinter stehenden Absichten sind ja klar erkennbar - erst gestern hat beispielsweise Stefan Gärtner in seiner Titanic-Kolumne einen erhellenden, bissigen Text dazu veröffentlicht, der sich mit den furchtbaren Zuständen in privatisierten [sic!] "Asylunterkünften" in Deutschland und der schauderhaften Reaktion der FAZ darauf beschäftigt.

Das "Sozialsystem" in diesem Land ist von Rot-Grün mit tatkräftiger Unterstützung und Zementierung von Schwarz-Gelb von einer einstmals vielleicht wackeligen, längst nicht perfekten, immerhin aber halbwegs erträglichen Bruchbude zu einer schwelenden Geisterruine deformiert worden, für welche die Bezeichnung "Sozialsystem" nicht einmal mehr satirisch überhöht zulässig ist. Diese Bande hat ein staatliches Schikanierungs-, Unterdrückungs und Disziplinierungssystem der Willkür daraus gemacht, das permanent Angst, Unsicherheit, Zwangsverarmung und Zwangsarbeit verbreitet - eine "eiserne Hängematte" voller vergifteter Dolche über einem bodenlosen Abgrund, sozusagen.

Währenddessen schwillt der perverse Reichtum weltweit - natürlich auch in Deutschland - permanent an. Niemals zuvor gab es so viel Reichtum wie heute - das erzählen uns jedenfalls die Propagandamedien in schöner orwellscher Kontinuität immer wieder. Es wird dabei nur stets der "unwichtige" Hinweis "vergessen", dass dies nur eine kleine Mini-Clique betrifft, während die große Mehrheit der Menschen logischer Weise immer ärmer wird - solche Details sind aber auch nebensächlich, wenn es um den überbordenden Reichtum "unseres Landes" geht.

Und so wird die schwelende Geisterruine des ehemaligen "Sozialstaates" auch weiterhin abgebaut, bis irgendwann nicht einmal mehr Fragmente davon übrig sind - denn irgendwoher muss der überbordende, stets wachsende Superreichtum der "Elite" ja kommen. Und woher soll die Bande ihn denn nehmen, wenn in Afrika und Asien und selbst in exotischsten Regionen dieses Planeten nicht mehr genug zu holen ist? Richtig: Zuerst sind "Asylanten" und Arbeitslose, gerne auch Kranke, Behinderte und Rentner im eigenen Land an der Reihe ... aber wer glaubt, dass die Habgier der Perversen dann plötzlich aussetzen und nicht auch den Rest der Bevölkerung ins Visier nehmen wird, der muss mindestens ebenso doof sein wie "Herr Karl" oder der Rest der in der kapitalistischen Propaganda gefangenen, völlig desinformierten Bevölkerung.

Wenn Volker im verlinkten Text schreibt: "Wissen Sie, [wovor] ich Angst habe, wenn ich an eine Zukunft denke, die ich möglicherweise noch erleben werde?" - dann habe ich für mich die Antwort zum Glück schon parat. Wer sie wissen möchte, sollte Christa Wolfs grandioses Werk "Kein Ort. Nirgends" aufmerksam lesen. Ich werde den Terror des Kapitalismus gewiss nicht bis zur letzten Konsequenz ertragen, soviel ist sicher. Meine letzten Kräfte hebe ich mir auf für den letzten Akt, der tatsächlich nur mich allein betrifft.

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Lebenszweck


"Mensch Aujust, bloß nich' schlapp machen! - Det Vaterland braucht dich noch for de Arbeetslosen-Statistik!"

(Zeichnung von Marcel Frischmann [1900-1952], in "Simplicissimus", Heft 45 vom 08.02.1932)

Freitag, 3. Oktober 2014

Song des Tages: "The Game is over"


(Marillion: "Script For A Jester's Tear", aus aus dem gleichnamigen Album, 1983)


(Studioversion von 1983)


(Liveversion von 1983, mit Originalsänger Fish)


(Liveversion von 2013, ohne Originalsänger Fish)

So here I am once more in the playground of the broken hearts
One more experience, one more entry in a diary, self-penned
Yet another emotional suicide overdosed on sentiment and pride

Too late to say I love you, too late to re-stage the play
Abandoning the relics in my playground of yesterday

I'm losing on the swings, I'm losing on the roundabouts
I'm losing on the swings, I'm losing on the roundabouts
Too much too soon, too far to go, too late to play - the game is over
The game is over

So here I am once more in the playground of the broken hearts
I'm losing on the swings, losing on the roundabouts, the game is over!

Yet another emotional suicide overdosed on sentiment and pride
I'm losing on the swings, I'm losing on the roundabouts
The game is over

Too late to say I love you, too late to re-stage the play
The game is over

I act the role in classic style of a martyr carved with twisted smile
To bleed the lyric for this song to write the rites to right my wrongs
An epitaph to a broken dream to exercise this silent scream
A scream that's born from sorrow

I never did write that love song, the words just never seemed to flow
Now sad in reflection did I gaze through perfection
And examine the shadows on the other side of the morning
And examine the shadows on the other side of mourning
Promised wedding now awake

The fool escaped from paradise will look over his shoulder and cry
Sit and chew on daffodils and struggle to answer why?
As you grow up and leave the playground
Where you kissed your prince and found your frog
Remember the jester that showed you tears, the script for tears

So I'll hold our peace forever when you wear your bridal gown
In the silence of my shame the mute that sang the sirens' song
Has gone solo in the game, I've gone solo in the game
But the game is over.

Can you still say you love me?



Anmerkung: Mehr muss man zum "Tag der Einheit" nicht sagen. Gedanken an längst vergangene Liebschaften sind mehr als genug der Ehre.

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Zitat des Tages: Vogelwolke


Ein Abend,
starrend von Staren ...
und wärs auch
Wortspiel, es schafft sich
Wahrheit,
so schwarzes Gezwitscher,
ein unerhörtes Labyrinth.

Das muss
der Herbst sein. Er
runzelt die Braue:
Die Vogelwolke
steigt auf aus
besudelten Wipfeln

und nimmt nach
Norden
unverständliche Richtung.

(Ernst Meister [1911-1979], in: "Die Formel und die Stätte. Gedichte", 1960)



Anmerkung: Und wir wundern uns ernsthaft, dass es immer kälter wird ...

Dienstag, 30. September 2014

Brüllnummer des Tages: "Obama’s plan to destroy Christians and Jesus"


Barack Obama stares at the new EBOLA-virus, created to infect the DNA of Christians and to destroy Jesus, so that a New Age of Liberal Darkness can rise in America. / (...) Do no forget, the B.O. in Ebola stands for Barack Obama. (...) / The new Ebola virus is a control mechanism designed to destroy Christianity in America once and for all. / The virus is easily spread and all of the illegals who have just so suddenly been allowed to come into America, you may ask why is this happening? They are all carriers of the virus.

(Weiterlesen, via fefe)

Anmerkung: Diese muss entfallen, da ich mit dem Kopf zu oft auf den Schreibtisch geknallt bin, während ich prustend und nach Luft schnappend diesen Auswurf einer verkeimten, mittelalterlichen Latrine namens "Abe" aus dem "Land of the Free" gelesen habe. Mit letzter Kraft halte ich noch den Screenshot aus dem Fernsehen hoch - als unumstößlichen Beweis, dass diese Meldung international ernst genommen und selbstverständlich Konsequenzen haben wird:



Der Allmächtige stehe uns bei - wir werden alle sterben!

Montag, 29. September 2014

Song des Tages: Watching TV


Gestern habe ich beim ansonsten doch sehr geschätzten Kollegen von den "Fliegenden Brettern" einen atemstockenden Text gelesen, der einmal mehr einen Baustein zu der Erklärung beifügt, wieso unsere perverse Welt eigentlich kontinuierlich und zunehmend so pervers sein kann, ohne dass wütende Massen von Menschen auf den Straßen stehen und die neoliberale Bande samt ihrer widerlichen, menschenfeindlichen Ideologie endlich aus dem Land jagt.

Es ist nicht nötig, weitere Erläuterungen dazu zu liefern - zu diesem speziellen Thema ist schon seit Langem alles Relevante gesagt und die Farce wiederholt sich, bestätigt sich und expandiert seitdem unentwegt. Beispielhaft lasse ich hier meine Namensvettern von der Band Charlie zu Wort kommen, deren Song zum Thema schon vor 36 Jahren (!) eine Binsenweisheit war, auch wenn diese damals noch gar nicht umfänglich in Deutschland angekommen war - heute allerdings haben wir auch in Deutschland das niedrigste amerikanische Level von damals längst so weit unterboten, dass es offenbar auch kritischen Menschen gar nicht mehr auffällt, welchem Müll und welcher dümmlichen Propaganda sie sich aussetzen, wenn sie dieses kapitalgesteuerte Medium nutzen.

Das waren schon viel zu viele redundante Sätze - ich überlasse das Wort, wie gesagt, dem Texter der Band Charlie von vor 36 Jahren, Terry Thomas:



(Charlie: "Watching TV", aus dem Album "Lines" 1978)

Watching TV - the American shows
Watching TV - with those super heroes
Watching TV - and I'm gonna be someone just like them someday

Well, I like TV, 'cause it shows me what the world's all about
And I watch endlessly, every car chase, every fatal shoot-out
Oh yes ...

I wanna be like Starsky & Hutch, and those
Sweet Charlie's Angels say "Look, but don't touch"
I wanna be in Hawaii-Five-O, I say
"No way, McGarret, let's go!"

Watching TV - the American shows
Watching TV - with those super heroes
Watching TV - and I'm gonna be someone just like them someday

And I like cop shows, all that action and the life on the street
And I dig Harry-O and Steve Austin, well, he's never been beat
Oh yes ...

I wanna be like the bionic man
And break down iron doors with one blow of my hand
Run like a cheetah - fight with such flair -
Jump thirty feet in the air ...

Watching TV - the American shows
Watching TV - with those super heroes
Watching TV - and I'm gonna be someone just like them someday

I live each day just waiting for the time
My heroes come to me ... on my TV ...

Watching TV - the American shows
Watching TV - with those super heroes
Watching TV - and I'm gonna be someone just like them someday

Oh, I love Star Trek, Captain James Kirk, he's the Master of Space
And there's Scott's flight deck, beams the crew down to another strange place
Oh yes ...

I wanna travel the aeons of time
Speed through the cosmos at warp factor nine
Beat off the Klingons with phasers on stun
Killing strange people is fun!

---

P.S.: Erich Fromm schrieb dazu 1976 - und das lässt sich problemlos aufs TV allgemein übertragen: "Die in der Werbung und der politischen Propaganda angewandten hypnoseähnlichen Methoden stellen eine ernste Gefahr für die geistige und psychische Gesundheit, speziell für das klare und kritische Denkvermögen und die emotionale Unabhängigkeit dar. Ich bezweifle nicht, dass durch gründliche Untersuchungen nachzuweisen wäre, dass der durch Drogenabhängigkeit verursachte Schaden nur einen Bruchteil der Verheerungen ausmacht, die durch unsere Suggestivmethoden angerichtet werden, von unterschwelliger Beeinflussung bis zu solchen semihypnotischen Techniken wie ständige Wiederholung oder die Ausschaltung rationalen Denkens durch Appelle an den Sexualtrieb. Die Bombardierung durch rein suggestive Methoden in der Werbung, vor allem in Fernsehspots, ist volksverdummend. Dieser Untergrabung von Vernunft und Realitätssinn ist der einzelne tagtäglich und überall zu jeder Stunde ausgeliefert: viele Stunden lang vor dem Bildschirm, auf Autofahrten, in den Wahlreden politischer Kandidaten etc. Der eigentümliche Effekt dieser suggestiven Methoden ist ein Zustand der Halbwachheit, ein Verlust des Realitätsgefühls."

(Erich Fromm [1900-1980]: "Haben oder Sein", 1976)

Samstag, 27. September 2014

Zitat des Tages: Beim Schreiben meiner Autobiographie


Wer schläft heut nacht in meinem Kinderzimmer?
Ich bin ein alter Mann.
Wie lang die Zeit, die mir so kurz verrann!
Einst ist für immer.

Doch was war einst? War es auch wirklich wahr?
Gab's jenen Duft?
Greif ich mich etwa selber aus der Luft,
der Luft, die mich gebar?

Derselben Luft, der ich nur um ein Haar
zur Not entrann:
sonst wär ich längst ein toter junger Mann,
der niemals war.

Die Zwischenzeit der Zeit - die große Kluft!
Weiß nicht, ob ich's gerne wüsste,
wie viele, die ich einmal munter küsste,
sind schon in ihrer Gruft.

Nur Jetzt ist wirklich: dieses ist mein Zimmer.
Was einst Zuhause war, ist nicht zuhaus.
Etwas geht ein und aus.
Nichts ist für immer.

(Felix Pollak [1909-1987], in: "Vom Nutzen des Zweifels. Gedichte", Fischer 1989; zuerst: Spoon River Poetry Press [USA] 1988)

Anmerkung: Es ist schon bezeichnend genug, dass es zu diesem großartigen Lyriker, der vor den deutschen Nazihorden aus Österreich fliehen musste, heute nicht einmal einen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag gibt. In seinem Exilland USA gibt es dagegen sogar einen Literaturpreis, der seinen Namen trägt ("Since 1994, the University of Wisconsin Press has annually awarded a poetry prize named after Pollak"), in Deutschland und Österreich ist er allerdings bis heute eine größtenteils vergessene Unperson. Diese "ausgewanderten Juden" sollen offenbar besser vergessen bleiben.

Das Gedicht sollte angesichts der Biographie des Autors ein zweites Mal gelesen werden. - Davon abgesehen ist der Text aber auch zeitlos: Wenn ich ihn beispielsweise auf meine Biographie anwende, könnte er auch aus meiner Feder stammen, und ich bin sicher, dass ich mit dieser Empfindung gewiss nicht allein bin.

Nichts ist für immer. Fürwahr.


Freitag, 26. September 2014

Bildungskino für lau: LEXX - The Dark Zone


Wer kennt heute eigentlich noch LEXX - The Dark Zone aus den späten 1990er Jahren? Nahezu niemand, nehme ich an? - Nun, es handelt sich dabei um eine kanadisch-deutsch-britische Koproduktion aus dem Genre der Science Fiction, die heute (laut Wikipedia) gerne als "Serie" bezeichnet wird, ursprünglich aber lediglich ein Epos war, das aus vier Spielfilmen bestand. Diese vier Filme gehören für mich zum besten, was der Science-Fiction-Film in dieser Zeit überhaupt hervorgebracht hat, und das aus ganz unterschiedlichen, vielfältigen Gründen.


Es handelt sich hier nicht um eine Star-Trek- oder (weitaus schlimmer) Star-Wars-Kopie, sondern um ein ganz eigenständiges Konzept, das es in dieser Form danach im Filmbereich meines Wissens bisher nicht wieder gab. Die Macher dieses Epos haben versucht, ein ganz neues, logisch nachvollziehbares Zukunftsszenario zu erschaffen, das eine völlig andere Technik als die aus sonstigen SF-Filmen bekannte bemüht und dabei trotzdem nicht in die altbekannte "Space-Opera" (analog zur "Soup-Opera" wie beispielsweise Star Wars) abdriftet, sondern den kritischen Bezug zur heutigen Realität stets behält. Dieser Versuch ist mehr als gelungen, wie ich finde.

Die Serie, die nach diesen vier Spielfilmen (mit größtenteils anderen Darstellern, Autoren, Regisseuren und Produzenten) folgte, klammere ich hier ausdrücklich aus, denn die kenne ich nicht gut genug.

Wir werden also konfrontiert mit einem komplett neuen Universum - in dem es zwar auch wieder einen Bösewicht gibt, der diesmal von der Spezies der "Insektoiden" ausgefüllt wird. Da es hier aber nicht schwarz-weiß zugeht, haben natürlich auch andere Spezies ihre Techniken entsprechend entwickelt und benutzen daher Raumschiffe, die beispielsweise an Libellen erinnern. Auch die "LEXX" - das Raumschiff, mit dem sich die HeldInnen der ersten vier Filme auf die Suche nach einer neuen Heimat begeben - ist keine "Enterprise", sondern ein organischen Lebensformen ähnelndes Technikwerk, das einem Insekt nachempfunden ist und entsprechend von Zeit zu Zeit "fressen" (also Energie aufnehmen) muss.

Es ist also nicht immer leicht, im LEXX-Universum "Gut und Böse" auseinanderzuhalten - was im krassen Gegensatz zu sonstigen Kino- und Fernsehproduktionen, aber dafür im Einklang mit unserer eindimensionalen Realität steht.

Ich empfehle jedem, sich diese vier Filme anzusehen - den ersten gibt's momentan (wer weiß, wie lange noch) bei youtube in der deutschen Version, die übrigen habe ich im Netz leider nicht gefunden.


Donnerstag, 25. September 2014

Irrsinn des Tages: "Es geht den Deutschen so gut"


Es geht den Deutschen so gut, dass sie bereits bei einer geringfügigen Veränderung des Status quo Krisengefühle entwickeln und dafür Ventile suchen. Die große Mehrheit erlebt die Gegenwart als eine Zeit großen Wohlstandes und großer Stabilität.

(Kurt Biedenkopf in einem zuckersüßen Gute-Laune-"Interview" der Kuhjournaille "Die Zeit")

Zu diesem weltfremden Auswurf Biedenkopfs, der anlässlich des absurden Wahltheaters in Sachsen bezüglich der "AfD" gefallen ist, muss ich wohl nicht allzu viel schreiben. Natürlich beleidigt der Mann damit unverhohlen Millionen von Menschen in diesem Land, denen es alles andere als "gut" geht; natürlich verharmlost er im weiteren Verlauf des "Interviews" den eklatanten Rechtsruck des gesamten poltischen Spektrums; und ebenso natürlich "erklärt" er wieder einmal, dass NPD- und "AfD"-Wähler größtenteils nur "Protestwähler" seien, die man nicht weiter ernst nehmen müsse - zumal gerade die "AfD" ja auch gar nicht schlimm sei. Die CDU bereitet sich offensichtlich auf einen neuen, willfährigen Koalitionspartnerzwerg vor, der zukünftig die schäbige Rolle der verwesten FDP am äußeren rechten Rand einnehmen soll.

Der ganze Text, den Biedenkopf hier absondert, ist ein Paradebeispiel für propagandistischen, klar erkennbaren Zielen verpflichteten Schwachsinn, und die "Journalisten", die ihn dabei unkritisch und devot begleiten, die diesen Quatsch auch noch in die Zeitung bringen und damit nicht nur die dumme Propaganda, sondern auch ihr eigenes journalistisches Waterloo in die Welt erbrechen, markieren einmal mehr den post-orwellschen Zustand dieses furchtbaren Staates.

Dennoch geht es mir hier ganz besonders um die Dreistigkeit Biedenkopfs, Merkels widerliche Lüge ("Deutschland geht es gut") zur weiteren Etablierung in der "öffentlichen" (also manipulierten) Wahrnehmung einmal mehr zu reproduzieren und ihr sogar noch ein perverses Krönchen auszusetzen, indem er aus "Deutschland" frank und frei "die Deutschen" macht. Wenn das Merkelmonster von "Deutschland" spricht, ist zumindest für aufgeklärte Zeitgenossen sofort klar, dass damit lediglich große Unternehmen und insbesondere Konzerne sowie deren oft anonymen Eigner gemeint sind - Biedenkopf erweitert die Lüge durch seine Wortwahl aber noch und benennt ausdrücklich die BürgerInnen dieses verkommenen Staates.

Ich persönlich kann mich allmorgendlich gar nicht entscheiden, ob ich zuerst drei Stunden Jubeltänze zu Ehren der korrupten Bande und des Kapitalismus' auf dem örtlichen Marktplatz aufführen soll, weil es mir so verdammt "gut" in diesem Staat geht, oder ob ich nicht doch besser dafür Sorge trage, dass ich abends noch ein Dach über dem Kopf, etwas zu essen und womöglich sogar eine Krankenversicherung habe. Nichts davon ist mehr selbstverständlich in diesem Land. Genau das sind der "Wohlstand" und die "Stabilität" für etwa 12,2 Millionen Menschen in Deutschland, wenn man nur die - natürlich gefälschten geschönten - Zahlen des "3. Armutsberichtes" zugrunde legt. Die tatsächliche Zahl dürfte weit darüber liegen.

Wie soll und kann man einer solchen massiven Propaganda, die über die orwellsche Dystopie ("Die Schokoladenration wurde [von vormals 30 Gramm] auf 20 Gramm erhöht.") hinausgeht, überhaupt noch begegnen? Ich bin da inzwischen völlig ratlos. Abwarten und auf das Ende der kapitalistischen Katastrophe warten - das kann doch nicht die Lösung sein ... wir wissen doch, was dann womöglich (oder gar unweigerlich?) folgt!

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[Die neoliberalen Erfolge]


"Der Patient scheint gar nicht zu merken, dass unsere Wunderkur gelungen ist. Das Fieber steigt immer weiter!"

(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 18 vom 31.07.1932)

Dienstag, 23. September 2014

Song des Tages: Machine Messiah




(Yes: "Machine Messiah", aus dem Album "Drama", 1980; hier eine Live-Version von 2009)

Run down a street where the glass shows that summer has gone
Age, in the doorways resenting the pace of the dawn
All of them standing in line, all of them waiting for time
From time, the great healer, the Machine Messiah is born

Cables that carry the life to the cities we build
Threads that link diamonds of life to the satanic mills

Aah, to see in every way that we feel it every day
And know that maybe we'll change, offered the chance
To finally unlearn our lessons and alter our stance

Friends make their way into systems of chance
(Friends make their way of escape into systems of chance)
Escape to freedom, I need to be there
Waiting and watching, the tables are turning
I'm waiting and watching, I need to be there

I care to see them walk away
And to be there when they say
They will return

Machine, Machine Messiah
The mindless search for a higher
Controller, take me to the fire
And hold me, show me the strength
Of your singular eye

History dictating symptoms of ruling romance
Claws at the shores of the water upon which we dance

All of us standing in line, all of us waiting for time
To feel it all the way and to be there when they say
They know that maybe we'll change, offered the chance
To finally unlearn our lessons and alter our stance

Machine, Machine Messiah
Take me into the fire
Hold me, Machine Messiah
And show me the strength
Of your singular eye.



Anmerkung: Ich gehöre in Sachen Musik ja zu den Perfektionisten - nicht nur, was die eigene Musik betrifft. Deshalb verlinke ich hier im Blog meist lieber die Studioversion eines Songs, sofern diese im hanebüchenen Dickicht des Urheberrechtdschungels im Internet verfügbar ist, denn diese ist sowohl soundtechnisch, als auch handwerklich (bezogen auf die musikalischen Fähigkeiten der jeweiligen MusikerInnen) meist um Klassen besser als jede Live-Version. Im Studio kann man eben viel tricksen und die meisten Schwächen ausbügeln - und auch schwierig zu spielende oder zu singende Passagen können so oft wiederholt und manipuliert werden, bis sie eben passen. Live ist das nicht ganz so leicht möglich, auch wenn da inzwischen ebenfalls längst vieles "nachbearbeitet" wird, bevor es zur Veröffentlichung kommt.

Hier haben wir aber einen der seltenen Fälle, in denen das gänzlich anders ist: Die inzwischen wirklich alten Männer von Yes stellen in diesem Video aus dem Jahr 2009 - mit nur ein wenig jugendlicher Unterstützung - klar, dass sie heute einen inzwischen 34 Jahre alten Song - der ganz nebenbei wie eine eingeseifte Gurke perfekt in den schäbigen Enddarm unserer heutigen Zeit passt - ebenso brillant und episch-aufwühlend auf der Bühne darbieten können wie damals im Studio. Wer diese Version mit dem Original von 1980 direkt vergleichen möchte, kann dies beispielsweise hier tun.

Zum Song selber will ich gar nicht viel schreiben. Er spricht nachdrücklich für sich selbst. Wenn es je so etwas wie eine musikalische Form der "dystopischen Science Fiction", gerne auch mit der so beliebten Anbindung eines religiösen Wahns, gegeben hat, dann findet sie sich hier - und wir müssen ebenso wie in der Literatur entsetzt feststellen, dass die Science Fiction von damals unserer heutigen Realität verdammt nahekommt. Dazu passt auch hervorragend die musikalische Form, denn es handelt sich hier nicht um "Pop-Musik", sondern um eine konsequente Weiterentwicklung der Tonkunst unserer musikalischen Ahnen aus der Zeit der Spätromantik und frühen Moderne mit neuen Mitteln.

Ich jedenfalls werde den Arschlöchern und ihrem perversen Überwachungswahn ("singular eye") auch weiterhin mein entschiedenes "Nein!" entgegenwerfen und mich davor hüten, gewonnene Erkenntnisse über Bord zu werfen ("unlearn our lessons"), um mich wieder wie ein dummes Schaf dem kapitalistischen Wahn auszuliefern ("alter our stance"). Und zu den Freunden, die sich mit dem perversen System arrangiert haben, um den eigenen Frieden und natürlich den eigenen kleinen Miniwohlstand auf Kosten der anderen zu finden ("escape into systems of chance"), sage ich besser nichts. Grandiose Musikstücke wie dieses helfen mir dabei nicht zu knapp.

Sonntag, 21. September 2014

Zitat des Tages: Rückkehr


Diese straße ist es gewesen -
Ein fremder wies mir die nummern.
Ich sagte: ich kann nicht mehr lesen
Ich will schlummern.

Doch die tür war schwarz und im gang ein hallen
Die schwelle war voller moos und grind.
Die nachbarin rief: er ist gefallen -
Dann schlug sie ihr kind.

Ich schwieg. Draußen fuhren
Heftig die bahnen vorbei
Hinter den türen lärmten uhren.
Mein herz ward blei.

(Heinrich Wolfgang Horn alias Wolfgang Cordan [1909-1966], in: "Ernte am Mittag", 1951)


Anmerkung: Meine schnelle Rückkehr aus dem nur wenige Tage dauernden Krankenhausexil, das sich zum Glück als weitaus weniger dramatisch herausgestellt hat, dürfte einigen Wirrköpfen, die hier offenbar immer wieder mitlesen, obwohl sie gänzlich andere - bzw. teilweise gar keine - Denkstrukturen besitzen, sehr missfallen. So what. So sind sie eben, die dumpfen Eigennutzmehrer, die in ihrem irrsinnigen Wahn gar nicht bemerken, dass sie durch ihr (Nicht-)Handeln und (Nicht-)Denken nicht nur anderen Menschen, sondern letztlich natürlich auch sich selbst massiv Schaden zufügen. Da ist es nur folgerichtig, wenn ich heute einem Kommunisten wie Wolfgang Cordan, der noch dazu womöglich homosexuell gewesen ist, zum Ausgleich eine Plattform biete.

Ich mag mir gar nicht ausmalen, wieviele Menschen auf diesem verkommenen, vom Kapitalismus zerfressenen Planeten (beispielsweise aus Nigeria, Libyen, Gaza, Afghanistan, Syrien, dem Irak ...) wohl heutzutage ganz ähnliche Empfindungen haben müssen, wenn sie jemals wieder aus ihrem erzwungenen Exil zurück in die Region kommen, die sie einst "Zuhause" nannten, und womöglich auf der Suche nach Freunden und Familienangehörigen sind. Und wenn ich in diesem Zusammenhang über das "Asylrecht" in Deutschland und dessen jüngste Verschärfung nachdenke, kommt mir nur noch die kalte Kotze hoch und ich kann eigentlich gleich wieder meine noch gepackte Tasche in die Hand nehmen und zurück ins Krankenhaus gehen.

Leider wird der Irrsinn unserer völlig degenerierten Welt dort aber ebensowenig geheilt wie dessen furchtbaren Auswirkungen.

Samstag, 20. September 2014

Stilblüten des Irrsinns im Untergangstaumel: Der "Aktienmarktsozialismus"


Schon vor einigen Wochen habe ich bei n-tv einen Artikel mit dem Titel "Zu viel Reichtum kostet Wachstum: Die Kritik am Kapitalismus nimmt zu" gelesen, der mich in hysterieähnliche Zustände versetzt hat. Die Autorin, eine gewisse Diana Dittmer, gibt dort - grob vereinfacht - vor, über die "vorhandenen Alternativen" zum zerstörerischen Kapitalismus zu berichten, liefert aber letztlich nur einen Text, der nahezu ausschließlich auf den Aussagen und natürlich "Lösungen" des "Professors der Volkswirtschaftslehre" an der FU Berlin, Giacomo Corneo, und dessen Buch "Bessere Welt - Hat der Kapitalismus ausgedient?" basiert.

Ich habe dieses Buch nicht gelesen und muss das angesichts dieses Artikels auch niemals tun, denn was Frau Dittmer hier daraus zitiert, reicht mir persönlich, um es als Teil des absurden Bullshitbingos im zerfallenden kapitalistischen Systemwahn zu identifizieren.

Aber der Reihe nach: Nach einer halbwegs korrekten Beschreibung der katastrophalen lokalen Ausgangslage des kapitalistischen Systems, wie sie in gewissen, sich kritisch gebenden Medien in der westlichen Demokratiesimulation üblich ist und die wie immer die globalen Auswirkungen, die noch weitaus katastrophaler sind, konsequent außen vor lässt, kommt die Dame gleich zum Wesentlichen, nämlich zur Werbung für Corneos Buch. Sie schreibt:

"In seinem Buch 'Bessere Welt - Hat der Kapitalismus ausgedient?' klopft [Corneo] alternative Wirtschaftssysteme systematisch auf ihre Brauchbarkeit ab. Er prüft Platons Wächterstaat, Thomas Morus' 'Utopia' oder Pjotr Kropotkins anarchistischen Kommunismus, er untersucht Systeme mit und ohne Privateigentum. Er nimmt eine ganze Reihe Ansätze unter die Lupe - auch reformistische. Aber die Ausbeute bleibt ernüchternd. Dem einen fehlt es an Transparenz und Demokratie, das andere ist nicht bezahlbar."

Das war es dann auch schon, was an "Alternativen zum Kapitalismus" in diesem Text vorkommt - irgendwelche Hintergründe, Belege oder gar weiterführende Informationen gibt es für geneigte LeserInnen natürlich nicht. Der Herr Professor hat das alles akribisch untersucht und ist zu dem wissenschaftlich unwiderlegbaren Schluss gekommen: Das ist alles stinkender Mist, den man der Leserschaft gar nicht zumuten darf - und damit sind die "Alternativen" propagandistisch sauber abgearbeitet. Dafür wird nun in aller Ausführlichkeit auf Corneos Thesen eingegangen, die teilweise so abstrus sind, dass reine, unkommentierte Zitate schon ausreichen, um einen denkfähigen Menschen an den Rand des Nervenzusammenbruchs zu bringen. Ein Beispiel:

"Als Alternative kommt für den Professor der Volkswirtschaftslehre - wenig überraschend - nur ein System mit Privateigentum und Märkten infrage. Märkte sichern Wachstum."

Ja, das ist in der Tat sehr einleuchtend: Wenn ein System, das auf "Privateigentum", "Märkten" und (ganz wichtig) "Wachstum" basiert, immer wieder kollabiert und man die Systemimmanenz dieser Prozesse und deren furchtbaren Auswirkungen endlich, endlich erkannt hat, dann kommt als Alternative natürlich nur genau dies in Frage. Es fällt hier auf, dass der bei der neoliberalen Bande so beliebte Ausdruck "alternativlos" in diesem Falle strikt unterbleibt - man geht jetzt offenbar wieder einmal zum Gegenangriff über und formuliert einfach Pseudoalternativen, die aber nichts anderes als eine leicht umformulierte Kopie des ursprünglichen Irrsinns sind.

Doch das Bullshitbingo geht munter weiter. Dittmer schreibt:

"Wegweiser auf seiner Suche nach einer 'besseren Welt' ist ausgerechnet der von vielen als kapitalistischer Auswuchs angesehene Aktienmarkt. Für Corneo aber liefert er das notwendige Anreizsystem, damit managergeleitete Großunternehmen in einem öffentlichen System effizient handeln. Der Aktienmarkt sorgt für Konkurrenz - diese belebt bekanntlich das Geschäft."

Hier finden wir den Rest des neoliberalen Trallalas in einem kurzen Absatz konzentriert - da gibt es "Anreize", "managergeleitete Großunternehmen" (also Konzerne), die Götter der "Effizienz", des "Aktienmarkts" und der "Konkurrenz" - und natürlich, als über alledem ruhenden göttlichen, unumstößlichen und einzig denkbaren Buddha, das "Geschäft" (also den Profit einer winzigen "Elite"). Jeder einzelne dieser Punkte ist dringend fragwürdig und gehört eigentlich in einen umfassenden, kritischen Diskurs - gerade dann, wenn es um "Alternativen zum Kapitalismus" gehen soll. Hier aber wird natürlich nicht nach Alternativen gefragt, sondern schlicht in semireligiöser Weise das "göttliche Gesetz" des Kapitalismus' verkündet.

Sodann kommen wir zum Orgasmus dieses wunderbaren Textes, wenn wir endlich lesen dürfen:

"Das Modell, das Corneo deshalb vorschlägt, ist ein 'Aktienmarktsozialismus'. Bei diesem Modell soll sich der Staat bei den größten Unternehmen beteiligen. Um die nötigen Anreize zu schaffen, damit effizient gewirtschaftet wird, sollen die Unternehmen börsennotiert sein. Ziel ist es, dass sie so produktiver sind."

Treffer - versenkt. Wir fragen nach alledem schon gar nicht mehr danach, wer denn da an der Börse handelt, woher die Unsummen stammen, die dort täglich den "Besitzer" wechseln, wer die übrigen "Eigner" sind, aus welchen Motivationen diese wenigen Leute das tun und inwiefern ein durch und durch korrupter kapitalistischer Staat wie beispielsweise Deutschland sich da grundlegend anders verhalten sollte als die sonstigen Eigennutzmehrer (also die Weisungsberechtigten dieses Staates), die sich dort tummeln. Für die Wortschöpfung "Aktienmarktsozialismus" gebührt dem ehrenwerten Professor Corneo aber mindestens die Orwell-Plakette in Gold mit schwarz-rot-weißem Lorbeerkranz - im Bedarfsfalle kann man später ja ein kleines oder auch größeres Hakenkreuz noch hinzufügen.

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Die Geschichte vom Wirtschaftsbeirat


"Das Rezept 'Lohnsenkung - Preissenkung' hat versagt, wir erwarten von dem Wirtschaftsbeirat neue Vorschläge!"
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"Endlich ist es uns gelungen, eine neue Lösung zu finden: Nicht 'Lohnsenkung - Preissenkung', sondern Herabsetzung der Löhne und Preise!"

(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 37 vom 14.12.1931)

Dienstag, 16. September 2014

Song des Tages: Smokers Outside The Hospital Doors




(Editors: "Smokers Outside The Hospital Doors", aus dem Album "An End Has A Start", 2007, akustische Version. - Weshalb der Sänger im Video eine Deppenmütze trägt, die seine Ohren verdeckt, und er dennoch einen Kopfhörer auf dem Schädel hat, kann wohl nur die heutige Mainstream-Jugend oder - noch viel besser - die beteiligte Brut der Werbewirtschaft erklären.)

Pull the blindfold down
So your eyes can't see
Now run as fast as you can
Through this field of trees

Say goodbye to everyone
You have ever known
You are not gonna see them
Ever again

I can't shake this feeling I've got
My dirty hands, have I been in the wars?
The saddest thing that I'd ever seen
Were smokers outside the hospital doors

Someone turn me around
Can I start this again?

How can we wear our smiles
With our mouths wide shut
'Cause you stopped us from singing

I can't shake this feeling I've got
My dirty hands, have I been in the wars?
The saddest thing that I'd ever seen
Were smokers outside the hospital doors

Someone turn me around
Can I start this again?
Now someone turn us around
Can we start this again?

We've all been changed from what we were
Our broken hearts left smashed off the floor
I can't believe you if I can't hear you



Anmerkung: Das ist völlig offtopic - aber ich reihe mich nun gezwungener Maßen ein in das Grüppchen der "Smokers outside the hospital doors" (und das leider nicht nur im übertragenen Sinn wie im Song) und melde mich für einige Tage ab. Falls ich das Krankenhaus wieder halbwegs gesund verlasse, lesen wir uns schon bald hier wieder - ich gehe einfach ganz optimistisch davon aus, dass dies schon in kurzer Zeit der Fall sein wird.

Wild wucherndes Unkraut, das den neoliberalen Terror stört, ist hartnäckig! ;-)