Freitag, 26. Februar 2016

Zitat des Tages: Städter


Nah wie Löcher eines Siebes stehn
Fenster beieinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, dass die Straßen
Grau geschwollen wie Gewürgte sehn.

Ineinander dicht hineingehakt
Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
Leute, wo die Blicke eng ausladen
Und Begierde ineinander ragt.

Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
Dass ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.
Flüstern dringt hinüber wie Gegröhle:

Und wie stumm in abgeschlossner Höhle
Unberührt und ungeschaut
Steht doch jeder fern und fühlt: alleine.

(Alfred Wolfenstein [1883-1945]: "Städter", in: "Die gottlosen Jahre. Gedichte". S.Fischer 1914)



Anmerkung: Der komplette, äußerst lesenswerte Gedichtband ist bei archive.org kostenlos abrufbar.


Donnerstag, 25. Februar 2016

Song des Tages: The Partisan




(Song von Anna Marly [Musik] und dem französischen Résistance-Kämpfer Emmanuel d'Astier [Text] aus dem Jahr 1943, interpretiert von Leonard Cohen in einem Konzert in Helsinki [Finnland], 2008; zuerst auf dem Album "Songs from a Room", 1969)

When they poured across the border
I was cautioned to surrender,
this I could not do;
I took my gun and vanished.

I have changed my name so often,
I've lost my wife and children
but I have many friends,
and some of them are with me.

There were three of us this morning
I'm the only one this evening
but I will go on;
the frontiers are my prison.

An old woman gave us shelter,
kept us hidden in the garret,
then the soldiers came;
she died without a whisper.

Les Allemands étaient chez moi (the Germans were at my home)
ils m'ont dit "Résigne-toi" (they said, "Surrender,")
mais je n'ai pas pu (this I could not do)
j'ai repris mon arme (I took my weapon again)

J'ai changé cent fois de nom (I have changed names a hundred times)
j'ai perdu femme et enfants (I have lost wife and children)
mais j'ai tant d'amis (but I have so many friends)
j'ai la France entière (I have all of France)

Un vieil homme dans un grenier (an old man in an attic)
pour la nuit nous a cachés (hid us for the night)
les Allemands l'ont pris (the Germans captured him)
il est mort sans surprise (he died without surprise)

Oh, the wind, the wind is blowing,
through the graves the wind is blowing,
freedom soon will come;
then we'll come from the shadows.



Anmerkung: Dieses alte Lied ist heute so aktuell wie seit seiner Entstehung nicht mehr. Cohen bringt es fertig, die Durchhalte-Textzeile "Freedom soon will come" zu einer Musik zu singen, die vor lauter offensichtlicher Resignation und tiefer Trauer keine derartigen Hoffnungen mehr zulässt. So fühlt jemand, der weiß, dass sein Kampf vergeblich ist, das aus gewissen Gründen aber nicht laut sagen zu dürfen oder zu können meint.

Wenn der Widerstand wie ein Requiem klingt, sind die Gräber längst geschaufelt und der Zug, in den man in Richtung Zukunft einsteigen möchte, befindet sich schon überfüllt im übernächsten rückwärtigen Bahnhof, kurz vorm Krematorium.

Dienstag, 23. Februar 2016

Film des Tages: Operation Naked




(Fiktionale Dokumentation von Mario Sixtus, 2016)

Anmerkung: Dieser äußerst sehenswerte und wichtige Film, der weitaus weniger mit Science Fiction zu tun hat als es den Anschein haben mag, sollte auch dem letzten "netzaffinen" Greenhorn zu den Themen Datenschutz und Orwell'scher Dystopie die übel verklebten Augen öffnen. Ein datenschutzbefreites, profitorientiertes Internet der Konzerne, das kein Recht auf Anonymität mehr kennt, ist nichts anderes als die Eingangshalle zur puren Hölle der totalen Überwachung, aus der es kein Entrinnen mehr gibt.

Es ist freilich bigott, dass ausgerechnet Claus Kleber, Markus Lanz und viele andere ominöse Gestalten der öffentlich-rechtlichen Desinformationsmedien hier mitwirken - andererseits gewinnt der Film, vermutlich ohne dass die finanziell fürstlich abgesicherten Mitwirkenden das bemerken, dadurch an Authentizität. Mario Sixtus ist hier ein Geniestreich gelungen, der nicht nur die blökenden Schafe aus der Bevölkerung bloßstellt, sondern auch die freundlich begleitende Rolle der Massenmedien und natürlich der sich im Enddarm das Kapitals suhlenden und ewig windenden, korrupten Politik illustriert.

Diesen Film sollte sich jeder aufmerksam ansehen. Das Szenario ist sehr nahe. Der Schluss des Films hebt überdeutlich hervor, wie wichtig ein freies, unzensiertes, anonymes und nicht kommerziell gesteuertes Internet ist. Die schauderhafte Fahrt in die Hölle ist derweil jedoch in vollem Gange - wie sollte es auch anders sein in diesem kapitalistischen Untergangssystem.

Donnerstag, 18. Februar 2016

"Scheiß auf Anstand!"


Einige Gesellen unserer lieben "Arschgesichter für Dummbratzen" (AfD) werden nicht müde, immer wieder markige Sprüche in Sachen Dummheit, Rassismus und brutaler Selbstentlarvung herauszuhauen - die Oettinger-Matratze Petry ist da beileibe keine Ausnahme. Doch auch die Straßen- bzw. Gossenfraktion dieser politischen Pissrinne, die "Permanenten Einzeller gegen den Intellekt deutscher Arschlöcher" (Pegida), ist in dieser Hinsicht äußerst aktiv. Gestern las ich beispielsweise einen Kurzbericht über einige hübsche Äußerungen der Pegida-Führerin Tatjana Festerling, die vor lauter Humanismus und tiefer Menschenliebe nur so triefen:

"Wenn sie weiter über die Grenze kommen und man sie nicht einsperren kann, erschießt sie!" / Deutschland sei eine "Freiluft-Psychiatrie mit der Geisteskrankheit 'politische Korrektheit'". "Wir von Pegida sind die einzigen, die sich nicht um politische Korrektheit scheren!" / "Wir haben keine Skrupel und keine Angst. In Zeiten wie diesen: Scheiß auf Anstand!" Der Kampf gegen die Islamisierung sei "die letzte Schlacht", so die zweifache Mutter. / Ihrem klaren Feindbild - und zwar Muslimen und der "herrschenden Elite", die es "mit Mistgabeln" zu vertreiben gelte - setzte Festerling eine offene Sympathie für die Hooligan-Szene entgegen. Diese [habe] die Pegida-Demos von Anfang an vor "brutalen Linken" beschützt. "Ich kann verstehen, warum ein Mann zum Hooligan wird", sagte Festerling. "Das ist eine Rebellion gegen das, was ich 'Nippel-Sozialisation' nenne: unsere verweiblichte Kultur, die Frauen und Muslime fördert und weiße Männer bekriegt."

Zu diesen an Bräsigkeit und dümmlicher Ignoranz kaum zu überbietenden Äußerungen erübrigt sich jeder ernsthafte Kommentar. Wenn jemand freiwillig in eine Grube voller Scheiße springt und beim Untertauchen einige herzhafte Schlücke nimmt, gibt es dazu nichts weiter zu sagen - man kann nur belustigt-geschockt danebenstehen oder sich entsetzt-angeekelt abwenden. - Festerling ließ die Frage offen, wie sie mit ihren glitschigen, kotverschmierten Händen eine Mistgabel halten wolle.

Ich als alter "Gutmensch" hege hingegen keinerlei Gelüste, Widerlinge wie Festerling & Co. erschießen, mit Mistgabeln erstechen oder von Hooligans totprügeln zu lassen - ganz im Gegenteil: Die Dame und ihre furchtbaren GesinnungsgenossInnen sind herzlich eingeladen, jederzeit zu mir zu kommen und kostenlose Nachhilfestunden in den Fächern "Denken für Anfänger" und "Dein Gehirn, der fremde Untermieter" zu nehmen sowie den Selbsthilfekurs "Wie erkenne ich, ob ich in ein erfrischendes Schwimmbecken oder eine stinkende Jauchegrube springe?" zu absolvieren. Weitere Fortbildungsmöglichkeiten sind auf Anfrage verfügbar.

Obwohl die Erfolgsaussichten freilich bescheiden sind, stirbt doch die Hoffnung zuletzt. - Wie damals 1933.

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Ein Zeitkind


"Lasst mich aus mit Idealismus, Ehrlichkeit und so weiter. Die jetzige Zeit verlangt Politiker."

(Zeichnung von Rudolf Grieß [1863-1949], in "Simplicissimus", Heft 49 vom 04.03.1919)

Mittwoch, 17. Februar 2016

Song des Tages: To the Bottom of the Sea




(Voltaire: "To the Bottom of the Sea", aus dem gleichnamigen Album, 2008)

Our Chinese cook, he grabbed all he could took,
He said, "no storm is stoppin' me!"
He made fricassee of a sea anemone:
Down at the bottom of the sea.

I turned to my first officer and I said,
"What have you got to say to me?"
Well, he turned and said, "I'm in over my head."
Down at the bottom of the sea.

A she-Kraken, lurkin' under my men,
looked up at their legs hungrily.
She counted eight, so she thought she found a mate:
Down at the bottom of the sea.

They kicked and they fought but it was all for naught
'cause she just wouldn't set 'em free.
She had them taught in a tight sailor's knot:
Down at the bottom of the sea.

Some men call to god when their number's up,
Some cry for their mums -
I just lament all these barrels of wasted rum!

Seaman Shaft, we all knew he was daft.
His story don't end happily.
He drifted by with a fishgig in his eye:
Down at the bottom of the sea.

Down at the bottom was treasure galore,
but guarding it so greedily
was an angry horde of skeletons with swords:
Down at the bottom of the sea.

"For the horde!"

Some men call to god when their number's up,
Some cry for their mums -
I just lament all these barrels of wasted rum!

Down to the bottom of the -
we're at the bottom of the -
stuck at the bottom of the deep, dark,
crazy-assed fish-dwellin',
between the devil and the deep blue sea.



Anmerkung: Dieses kleine Seemannsliedchen ist die direkte Fortsetzung des kapitalistischen Welthits "This Ship's Going Down", den ich vor anderthalb Jahren hier schon einmal verlinkt habe. Es ist klar ersichtlich, dass alles seinen vorhersehbaren Gang geht.

"For the horde!" ist exakt der passende Schlachtruf dieser untergehenden bzw. längst untergegangenen Zeit (vielleicht noch versehen mit dem Zusatz "of the 'Elite'"), die aber leider erneut das pure Barbarentum durchleben muss, bevor sie endlich auf dem Grund des Meeres in ewiger Vergessenheit im gärenden Schlick des vergleichsweise wundervoll duftenden Fischkotes versinken darf. Und dann beginnt das perverse Spiel wieder von vorne, falls noch genügend "Menschenmaterial" existiert und der Planet noch nicht vollständig den Geist aufgegeben hat.

Es ist gut, dass meine Tage in dieser Hölle gezählt sind - und es ist furchtbar und unerträglich, dass meine Kinder sie vermutlich noch in ihrer ganzen abgrundtiefen Hässlichkeit kennenlernen werden.

Montag, 15. Februar 2016

Die Segnungen der "sozialen Marktwirtschaft": Kapitalismus und Nachhaltigkeit


Jedem, der länger als fünf Minuten über das global herrschende Wirtschaftssystem nachdenkt, dürfte klar sein dass es sich bei dem Begriffspaar "Kapitalismus / Nachhaltigkeit" um ein sogenanntes Oxymoron bzw. Oppositionspaar, mithin also um ein klassisches Paradoxon handelt. Die gängige Erzählung der Politik und der hofierenden Massenmedien klammert diese banale Erkenntnis in aller Regel rigoros aus, so dass es allenfalls gelegentlich zu "bedauerlichen Einzelfällen" wie dem folgenden kommt, den ich kürzlich auf den Seiten des WDR entdeckt habe:

Auf dem Schrottplatz von Dirk G. aus Castrop-Rauxel stehen immer mehr Autos, die jünger sind als zehn Jahre und zum Teil nur 50.000 Kilometer gelaufen sind. "Es tut mir persönlich weh, solche Autos zu verwerten", sagt der 47jährige Kfz-Meister. Aber Auftrag sei eben Auftrag. "Der Kunde will es so", erklärt G. / Der Kunde ist ein Vertrags-Händler eines deutschen Automobil-Herstellers. Der Autokonzern zahlt seinen Kunden aktuell bis zu 3.000 Euro Wechselprämie, wenn sie einen Neu- oder Jahreswagen kaufen und ihren mindestens neun Jahre alten Gebrauchtwagen abgeben. Doch statt die Wagen weiter zu verkaufen, lässt der Händler die alten Fahrzeuge kurzerhand verschrotten.

Auch die korrupte Bande in Berlin ist auf diesem Gebiet selbstverständlich bestens bewandert - wir erinnern uns noch glückselig an die "Abwrackprämie" und freuen uns nach wie vor über die sinnfreien "Feinstaubplaketten", mit deren Hilfe ältere, eigentlich voll funktionstüchtige Automobile vom heimischen "Markt" erfolgreich in die Verschrottung oder - um mehr Kohle zu generieren - in den Export zum Mars nach Afrika gedrängt wurden. Der völlig überraschende "Abgasskandal" hat die "Feinstaubplakette" nachträglich noch in die Königsklasse des Kafkaesken erhoben, wo sie nach wie vor schillernd und für alle sichtbar als korrupter Irrsinn vor sich hin mäandert (und unablässig weiter Kohle anschafft, ohne dass irgendjemand sie ernsthaft in Frage stellt). - Es ist nur eine Randnotiz, dass für teure Oldtimer, die ungleich mehr Sprit verbrauchen und Gifte in die Welt pusten, natürlich Sonderregelungen gelten - man will der selbsternannten "Elite", für die Politik im Kapitalismus einzig gemacht wird, ja schließlich nicht die glitzernden, rauchenden Spielzeuge vergrätzen.

Selbstverständlich betrifft dies nicht bloß die Automobilindustrie, auch wenn die Groteske dort ganz besonders offensichtlich wird. Ein WDR- oder sonstiger Redakteur kommt mangels Kompetenz, fehlender Hirnleistung oder schnöder Vorgabe vielleicht nicht darauf; ein Grundschulkind erkennt dafür aber umso schneller: Ein Wirtschaftssystem wie der Kapitalismus kann unter gar keinen Umständen "langlebige", "nachhaltige" Produkte hervorbringen, ohne sich selbst ad absurdum zu führen. Trotzdem werden stets fleißig Nebelkerzen geworfen, und sogar das "Umweltbundesamt" (hier ist ein "*lol*" der einzig passende Kommentar) wird nicht müde, immer wieder lächerlichste Forderungen in die Welt zu posaunen, die von interessierter Seite weder erwünscht, noch im Rahmen dieses Systems überhaupt umsetzbar sind.

Wer dieses System für "reformierbar" hält, muss entweder geisteskrank oder pervers - oder beides - sein. Die politische und mediale Öffentlichkeit ist offensichtlich beides. Nachhaltig.

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Des Bootes Jammer



(Gemälde von Akseli Gallen-Kallela [1865-1931] aus den Jahren 1906/07, Öl auf Leinwand, KOP Bank von Finnland [sic!], Helsinki, Finnland)

Freitag, 12. Februar 2016

Zitat des Tages: Auge


Was soll die Furcht vor diesen fremden Augen!
Komisches Grauen wirft mich rücklings hin,
Sie schleppen schwarzes Feuer in den Brauen,
Asche wie Blut betropft das Kinn.

Gehöhlt gezackte Landschaft, hoch zu schauen,
Bergkreuz der Augen: Der durchbohrte Sinn,
Er will sich wütend in die Sonne bauen,
Dort steht auf Mauern, brausend, der ich bin.

Jed' Wesen ist nur Käfig für sein Leid,
Gefüllt mit Tränen, ausgebrannte Kehle,
Nur noch ein Wimmern, weinend, unbefreit.

Faust, brich hernieder in die Augenhöhle,
Spreize die Finger, zerreiße die Seele,
Rasende Faust meiner "herrlichen" Zeit.

(Martin Gumpert [1897-1955], in: "Verkettung. Gedichte", Kurt Wolff 1917)



Anmerkung: Der Gedichtband trägt die Widmung: "Die Gedichte sind 1914-16 entstanden, sie gehören meinen toten Freunden." und ist online beim "Projekt Gutenberg" komplett abrufbar. Es lohnt sich sehr, die Gedanken eines damals 17- bis 19Jährigen zu verfolgen, der in den Höllenpfuhl des Ersten Weltkrieges geworfen wurde.

Donnerstag, 11. Februar 2016

Der Krieg gegen Flüchtlinge


Die menschenfeindliche Bande in Berlin zeigt immer offener ihre abscheuliche Fratze. Ein Detail von so vielen war Anfang der Woche zu beobachten, als das Merkel-Monster dem nicht minder widerlichen Erdogan in der Türkei "finanzielle Hilfen" zugesagt hat, um die "Flüchtlingströme" in der Türkei bzw. - was zur Zeit geschieht - jenseits der Grenze zwischen Syrien und der Türkei festzuhalten. Es ist gewiss gewährleistet, dass jene "Finanzhilfen", so sie denn gezahlt werden, selbstverständlich bei den Flüchtlingen ankommen - das haben Erdogan und Ministerpräsident Davutoglu schließlich zugesagt! - und selber kann der deutsche Staat laut Merkel & Co. ja nichts weiter zur Linderung der humanitären Katastrophe für die dort festsitzenden Kriegsflüchtlinge tun.

Nun werden diese Pläne, die perfider und verabscheuungswürdiger gar nicht sein könnten, von unserer "treuen" Stahlhelm-Uschi brav umgesetzt. Bei n-tv las ich gerade unter der vielsagenden Überschrift "Nato-Einsatz in der Ägäis rückt näher":

Die Pläne gehen auf das Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu am Montag in Ankara zurück. Die Türkei ist wichtigster Zufluchtsort und auch wichtigstes Transitland für Flüchtlinge aus Syrien. Beim Versuch, von dort nach Griechenland zu kommen, ertranken seit Beginn des Jahres mehr als 340 Menschen. Viele von ihnen wurden von Schleusern auf gefährliche Boote gelockt. "Ziel muss es sein, das perfide Geschäft der Schmuggler und der illegalen Migration zu erschweren - wenn nicht unmöglich zu machen", sagte Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen.

Das muss man sacken lassen und ggf. mehrmals lesen, bevor sich die ganze Menschenverachtung und Perfidie in Gänze entblößt. Diese gutsituierten Ekelpakete wollen tatsächlich die Streitkräfte (resp. Mörderbanden) der NATO dafür benutzen, um "Schleuser", "Schmuggler" und "illegale Migration" zu verhindern, anstatt irgendeinen sinnvollen humanitären Beitrag zu leisten. Dafür gibt es die NATO doch - schließlich greifen "uns" jetzt nicht mehr bloß diffuse "Terroristen" an, sondern gleich ganze Menschenmassen, die "illegal" die Grenzen "bedrohen" ... - oder wie lautet sonst die offizielle Begründung für diesen NATO-"Bündnisfall"?

Es ist bis auf die Knochen pervers, dass ausgerechnet "gefährliche Boote" und die vielen ertrunkenen Menschen, die auf eben jene "gelockt" wurden, für dieses typisch faschistoide, aus der Geschichte ja leider allzu leidlich bekannte Abschottungsverhalten instrumentalisiert werden - als ob es für die betroffenen Menschen einen Unterschied machte, ob sie nun in der nordsyrischen Wüste verelenden und vielleicht verhungern bzw. krankheitsbedingt sterben oder im Mittelmeer vielleicht ertrinken. Ich könnte, wäre ich kein Pazifist, den Damen und Herren Merkel, von der Leyen, Erdogan und all den anderen Menschenfeinden, die solche Aktionen in Deutschland, der Türkei und anderswo als "Lösung" verkaufen, stundenlang die Abschussrohre ihrer NATO-Panzer in den ... [Abschnitt wurde zensiert]!

Wieviele Menschen verdanken "Schleusern" und "Schleppern" aktuell wohl ihr Leben? - Analog könnte man auch fragen: Wieviele Menschen verdankten "Schleusern" und "Schleppern" wohl zwischen 1933 und 1945 ihr Leben?

Solche Gedanken haben allerdings keinen Platz im heutigen Prä-Faschismus: Für die kapitalistische Bande sind und waren das nichts weiter als Kriminelle - und die Wortwahl der Stahlhelm-Uschi legt nahe, dass auch heute damit selbstverständlich nicht nur "Schleuser", deren historischen Vorbilder heute von derselben Bande in salbungsvollen Feierstunden gerne euphemistisch "Helfer" oder gar "Fluchthelfer" genannt werden, sondern selbstverständlich auch die Flüchtenden gemeint sind. In der Mainstreampresse wird derweil weiter wie von Sinnen an dem infantilen, geradezu grotesken Märchen gezimmert, das da lautet: "Merkel, die Menschen- und Flüchtlingsfreundin versus Seehofer, den bayrischen Holzkopf". Dabei stecken alle beide - mitsamt der restlichen Bagage dieser großkoalitionären Schleimbeutel und inklusive des größten Teils der "Opposition" - bis zum Hals oder noch tiefer in derselben braunen Kloake und lenken wie gewohnt von den eigentlichen - nämlich kapitalistischen - Ursachen der ganzen Misere ab.

Nach dem Krieg gegen Arme bzw. Zwangsverarmte aus den "eigenen Reihen", der nach wie vor tobt, betreibt die Bande weitere Eskalationen und macht keinen Hehl mehr daraus, was ohnehin offensichtlich war. The times they are a-changing repeating.

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Die Gerechten unter den Völkern



Kommentar aus dem Film: "Die Hälfte der rund 25.000 Gerechten aus der ganzen Welt stammt aus Ost-Europa. In Deutschland und Österreich fand die Kommission bisher zusammengerechnet nur rund 600 Männer und Frauen, die sich unter Lebensgefahr für Juden einsetzten."

Dienstag, 9. Februar 2016

Musik des Tages: Peer Gynt




(Edvard Grieg [1843-1907]: "Peer Gynt. Schauspielmusik nach dem gleichnamigen Drama von Henrik Ibsen", Op. 23 aus dem Jahr 1875; Orquesta Sinfónica de RTVE, Leitung: Guillermo García Calvo, 2013)

Suite Nr. 1 (Op. 46, überarbeitet 1888)
  1. Morning Mood
  2. The Death of Åse
  3. Anitra's Dance
  4. In the Hall of the Mountain King

Suite Nr. 2 (Op. 55, überarbeitet 1891)
  1. The Abduction of the Bride. Ingrid's Lament
  2. Arabian Dance
  3. Peer Gynt's Homecoming (Stormy Evening on the Sea)
  4. Solveig's Song

Anmerkung: Diese beiden Suiten dürften wohl zu den meistgenutzten Werken der Romantik zählen, aus denen sich unzählige Plagiatoren der Hollywood-Filmmusikindustrie reichlich bedient haben - und dies bis heute tun. Es ist ein Jammer, dass die geklauten Brocken von James Horner, John Williams & Co. heute oftmals bekannter sind als die Originale.

Montag, 8. Februar 2016

Fasching in Zeiten des (Prä-)Faschismus


Ein Gastbeitrag des Altautonomen

Mitten in der Hochphase des kalendarischen Humordiktats flippen die sich immer gern zu Tode amüsierenden Anhänger einer Schwachsinnskultur namens Karneval völlig aus. Alkoholisierte, grölende Massen auf Elferratssitzungen und Rosenmontagsumzügen, peinliche Witze und alberne Kostüme bestimmen für wenige Tage in wenigen Regionen des Landes das öffentliche Bild.

Zum Zwang, gut drauf zu sein, gab es bei feynsinn im März 2015 unter dem Titel "Los, sei lustig" einen guten Text, in dem es unter anderem heißt:

Ich hingegen verlange eine Aufnahme der Stimmungsautisten, Depressiven und Entnervten ins Antidiskriminierungsgesetz. Fortan soll, wer anderer Menschen Stimmung aufzuhellen versucht oder sie gar selbst dazu auffordert, ihre Stimmung zu wechseln, sanktioniert werden wie jeder andere miese Stalker.

Das Vergnügungskollektiv duldet nun mal keine Abweichler. Wer beim Ententanz oder beim Schunkeln der "Jecken" (übersetzt: "Verrückten") nicht mitmacht, ist verdächtig. Die besinnungslosen und anlasslos ausgelassenen Massen ahnen nämlich ihre eigene Blödheit und fühlen sich durch Menschen, die nicht teilnehmen möchten, beobachtet. Beobachtung aber entblößt.

Damit Flüchtlinge durch derartigen Zinnober nicht irritiert werden, hat das Festkommitee der Organisatoren des Kölner Karnevals einen Infoflyer in verschiedenen Sprachen herausgegeben. Was darin als Tradition bezeichnet wird, ist heute die Lizenz zum Komasaufen, Fremdgehen und zu sexuellen Übergriffigkeiten. Flüchtlingen wird dieses beschönigende Aufklärungsflugblatt nicht viel sagen, hat es doch mit der Realität nur wenig zu tun. Denn die sieht in der Regel so aus, wie es ein Screenshot aus der WDR-Regionalsendung "Lokalzeit Dortmund" vom 4.2.2016 beispielhaft zeigt:



Für Menschen, die sich zwangsweise - aus völlig anderen Kulturkreisen kommend - in Deutschland aufhalten müssen, ist dies wohl eher ein derber Kulturschock, der auf sie sehr verstörend oder verängstigend wirken kann. Hier und heute entlarvt sich das Gerede von der "Leitkultur" und der "Integration in das deusche Wertesystem" als inhaltsleeres Geschwätz.

Und für so einen reaktionären Unsinn ist natürlich auch Geld vorhanden. Bisher kostete allein der Rosenmontagszug in Köln den Steuerzahler jährlich 1,7 Mio Euro. Durch den Einsatz von mehr Sicherheitspersonal wird dieser Betrag in diesem Jahr mit Sicherheit höher ausfallen.

"Konfetti! Kamelle! De Zoch kütt!"

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Anmerkung von Charlie: Eigentlich hatte ich vor, zu diesem Gastbeitrag eine ergänzende Doku zum Thema "Karneval in der NS-Zeit" einzufügen. Es gibt tatsächlich auch einige Filme dazu (meist vom WDR produziert bzw. ausgestrahlt), allerdings sind diese allesamt so grottenschlecht, da sie jedwede Distanz und erst recht jeden kritischen Blick auf den Karneval an sich rigoros vermeiden, so dass ich kein einziges Video gefunden habe, das ich mit gutem Gewissen hätte empfehlen können.

Daher steuere ich nur etwas bitteren Endzeithumor aus dem Jahr 1933 bei und verkrieche mich ansonsten vor dem bierseligen Stumpfsinn:

Eventueller Ausweg

In Adolfs Fass beginnt's zu gären.
Was wird dasselbige gebären?
Wenn wir uns lauschend drüber neigen,
vernehmen wir ein Blasen-Steigen.
Und Kenner, die es ernst beklopfen,
erwarten einen guten Tropfen.
Wogegen andere gehässig
auf Schlempe raten oder Essig.
Ja, manche sind geneigt zu glauben,
die Gärung sprenge bald die Dauben.

Gesetzt, es würde wirklich krachen
- was sollten wir mit Adolf machen?

Höchst einfach: allerwärts stehn Throne,
geeignet, dass er sie bewohne;
denn Stadt und Land und Berg und Tal
braucht einen Prinzen Karneval.

(Ratatöskr alias Hans Erich Blaich [1873-1945], in "Simplicissimus", Heft 44 vom 29.01.1933)

Samstag, 6. Februar 2016

Realitätsflucht (29): Lucius 2


Der heutige Exkurs in die Realitätsflucht ist nur etwas für psychisch Kranke, Sadisten und hartgesottene Freunde des tiefschwarzen Humors. Es geht um das Adventure Lucius 2: The Prophecy des kleinen finnischen Entwicklerstudios Shiver Games aus dem Jahr 2015. Es handelt sich um die direkte Fortsetzung des ersten Teils (2012), der in Deutschland allerdings aus nicht nachvollziehbaren Gründen indiziert und damit nicht erhältlich ist.

Das macht allerdings nichts, denn am Beginn des Spieles wird man ausführlich über die Ereignisse aus dem ersten Teil informiert, so dass man diesen zweiten Teil problemlos spielen kann, ohne den ersten zu kennen. Auch Lucius 2 ist übrigens, obwohl bereits im Februar 2015 erschienen, in Deutschland bislang nicht veröffentlicht worden, so dass man das Spiel lediglich über die Steam-Krake oder als Import-DVD erwerben kann. Ich habe mich vor einem halben Jahr für die zweite Variante entschieden und die DVD direkt in Finnland - damals übrigens für weniger als zwei Euro - bestellt. Den furchtbaren Steam-Zwang wird man dadurch allerdings nicht los.



Spoilerwarnung

Zur Story gibt es nicht viel zu sagen: Wie schon im ersten Teil schlüpft man hier in die Rolle des achtjährigen [!] Lucius, der selbstverständlich kein gewöhnliches Kind, sondern der leibhaftige Sohn des Teufels ist. In dieser Funktion muss der Spieler für die Rückkehr Satans auf Erden wirken - und diese Aufgabe besteht einzig und allein darin, auf dem Weg durch die detailreich gestaltete Spielwelt möglichst viele Leute ins Jenseits zu befördern. Man tut also nichts anderes als in Gestalt eines kleinen, harmlos aussehenden Jungen durch die verschiedenen Regionen zu laufen (oder wahlweise mit dem Dreirad zu fahren) und dabei wahllos zu töten - und zwar auf höchst unterschiedliche Arten. Ich kann und will hier nicht alle Möglichkeiten auflisten, sondern nur eine kleine Auswahl nennen. Man kann unter anderem die folgenden Tötungsvarianten benutzen:

  • vergiftete Sandwiches verteilen
  • Benzin verschütten und ein Feuerzeug werfen
  • Gift in die Kaffeemaschine füllen
  • Wasserleitungen unter Strom setzen (für den Toilettengang oder das Händewaschen)
  • selbstgebastelte Bomben platzieren
  • Gasbehälter, Heizungsanlagen oder Hydranten zur Explosion bringen
  • einen Defibrillator oder ein Narkosegerät an Schlafenden benutzen
  • eine Nagelpistole abfeuern
  • einen Kran bewegen, dessen schwingender Haken tödliches Unheil anrichtet u.v.m.

Dies ist, wie gesagt, nur eine kleine Auswahl. Anfangs gestaltet sich diese Aufgabe noch recht einfach und hat so manche urkomische Szene zur Folge - im weiteren Verlauf wird das aber immer schwieriger, zumal die (auf der Spielkarte rot eingefärbten) Bereiche, in denen der kleine Lucius sich nicht aufhalten darf und bei Entdeckung ziemlich schnell geschnappt wird, immer zahlreicher werden. Und wenn er geschnappt wird, bedeutet das einen Verlust von Lebens- und Erfahrungspunkten oder gar - wenn es zu oft geschieht - das Ende des Spiels.

Die Reise beginnt - wie sollte es auch anders sein - in einer Psychiatrie, durch die sich der kleine Junge auf seinem Weg nach draußen munter hindurchschnetzeln muss, um in den nächsten Bereich, das Dorf Ludlow, zu gelangen. In einem solchen Hospital ergeben sich natürlich unzählige Möglichkeiten, wie man Patienten, Besucher, Ärzte und Pflegepersonal mehr oder weniger diskret meucheln kann. Dabei gibt es einige kleine Quests zu erledigen, die zum Fortkommen wichtig sind - und je mehr Meuchelmorde man verübt, desto schneller steigt man auf und kann Erfahrungspunkte in drei verschiedene Spezialfertigkeiten investieren, die im weiteren Spielverlauf sehr wichtig werden. So kann man beispielsweise "Telekinese" erlernen, die es erlaubt, Gegenstände aus der Ferne zu benutzen; man kann die Fähigkeit erwerben, andere Personen mental zu "übernehmen" und sie so zu gewissen, meist todbringenden Handlungen veranlassen; oder man kann den Feuerzauber erlernen, um Leichen direkt nach dem Mord verschwinden zu lassen, damit andere NPCs, die ansonsten negativ darauf reagieren, nicht auf das schändliche Tun aufmerksam werden.

Es gibt im Spiel reichlich "Eastereggs", die auf bekannte Filme aus dem Horror-Genre verweisen - an einer Stelle muss der kleine Lucius beispielsweise auf der Säuglingsstation des Krankenhauses dafür sorgen, dass aus den Neugeborenen später so illustre Personen wie Freddy Krueger oder Michael Myers werden (von denen man zumindest einen im späteren Verlauf wiedersieht).

Außerdem gibt es mehrere "Geheimnisse" zu entdecken - so trifft Lucius im Krankenhaus beispielsweise in einer verschlossenen Toilette (deren Schlüssel man natürlich nur durch die Ermordung des in der Nähe herumlaufenden Pflegers erhält) auf ein munter kopulierendes homosexuelles Paar. Manche "Geheimnisse" haben sich mir beim ersten Durchspielen noch nicht erschlossen - ich weiß beispielsweise nicht, wozu der rosafarbene Dildo gut ist, den man an einer anderen Stelle des Spiels findet. Vielleicht will ich das auch gar nicht wissen.

Dieses überaus kranke, urkomische, tiefschwarzhumorige Spiel hat mir großen Spaß bereitet, weshalb ich die wenigen bisher erschienenen Rezensionen im deutschsprachigen Raum, die allesamt recht negativ ausgefallen sind, nicht nachvollziehen kann. Wer einen solchen (politisch natürlich gänzlich inkorrekten) Humor nicht besitzt, sollte ein solches Spiel nicht spielen - diese Binsenweisheit hat sich wohl noch nicht überall herumgesprochen. Wer hier mit "Ernst" an die Sache - also das Spiel - herangeht, kann nur verlieren und derbe enttäuscht werden.

Auf meinem Win7/64-System gab's keine Probleme - Abstürze kamen nicht vor und auch die (anfangs wohl noch recht umfangreichen) Bugs sind mit dem jüngsten Patch weitgehend ausgebügelt. Die Sprachausgabe (Englisch mit optionalen deutschen Untertiteln) ist zwar professionell, aber leider völlig matschig abgemischt, so dass man tatsächlich die Untertitel benötigt, um alles zu verstehen. Die Musik ist kein großer Wurf, aber dem Spiel völlig angemessen.

Wer also schon immer mal als kleines, unschuldiges Kind ein Krankenhaus und eine Kleinstadt entvölkern wollte, um danach im örtlichen Wasserwerk dafür zu sorgen, dass auch der Rest der Menschen in der Region ins Gras beißt, nur um danach die biblischen Plagen der Apokalypse für den Rest der Menschheit in die Wege zu leiten, um Satans Herrschaft den Weg zu ebnen, ist mit diesem herrlichen Indie-Spiel aus dem hohen Norden bestens bedient. - Wer sich jetzt hingegen verwundert am Kopf kratzt oder gar angewidert dreinschaut, sollte tunlichst die Finger davon lassen und stattdessen weiter Biene-Maja-Texte lesen - und sich eingehend darüber wundern, dass ein Pazifist allen Ernstes und natürlich ohne finanzielle Interessen ein solches Spiel bewirbt.


In Memoriam Maurice White


Maurice White ist am 3. Februar im Alter von 74 Jahren in Los Angeles gestorben. Seine letzten Bühnenauftritte hatte der damals bereits schwerkranke Sänger und Songschreiber während der Japan-Tournee seiner Band im Jahre 2004. Das verlinkte Video stammt aus einem Konzert in Japan 1990.



(Earth, Wind & Fire: "After The Love Has Gone", aus der DVD "Live in Japan", 1998; ursprünglich aus dem Album "I Am", 1979)

Freitag, 5. Februar 2016

Zitat des Tages: Stellenjagd


Was hab' ich nicht alles schon probiert:
jeden Morgen die Arbeits-Annoncen studiert.
Ich stehe um fünf Uhr auf, um der erste zu sein,
aber nie bin ich allein.

Ich notiere schnell und laufe im Trab
auch die entferntesten Stellen ab.
Freilich, mein Äußeres ist nicht mehr repräsentativ -
die Absätze sind schief,
und jung bin ich auch nicht mehr.
Mit leerem Magen fällt Haltung schwer.

Wenn ich Adressen zu schreiben bekäme,
ich machte es billig.
Wenn man mich wo als Ausgeher nähme,
ich liefe willig.

Ich war einmal Bürochef in erster Firma
und sah dazumal bessere Zeit;
meine Frau stammt aus gutem Haus und heißt Irma,
nun geht es ihr schlecht, und das tut mir leid.

Die wertvollen Sachen sind im Pfandhaus verfallen.
Die Halsabschneider haben uns längst in den Krallen.

Zum Glück gibt das Wohlfahrtsamt jetzt Kohlen und Holz,
damit unser Hunger nicht friert.
Früher hätten wir uns der milden Gaben geniert,
aber Not kennt keinen Stolz.

Die Buben sollten aufs Gymnasium gehn -
das ist nun aus.
Ich weiß nur eines bestimmt, wir sehn'
uns nicht mehr hinaus.

Neulich fuhr mein Abbaudirektor vorbei,
er lehnte im Auto in molligen Polsterkissen.
Zwischen ihm und mir steht mein christlich' Gewissen
und schließlich - die Polizei.

(Julius Zerfaß [1886-1956], in "Simplicissimus", Heft 46 vom 09.02.1931)

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[Der dicke Kapitalist]


"Tja - große Gewinne erfordern kleine Opfer!"

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 7 vom 12.05.1920)

Donnerstag, 4. Februar 2016

Braune Propaganda bei der "Propagandaschau": Die Agitatoren


Über das unsägliche Blog "Propagandaschau" habe ich mich ja bereits vor gut einem Monat schon einmal ausgelassen und dort resümiert: "Die Endzeit war seit 1945 nie näher ... und die 'Propagandaschau' ist ein dicker, brauner, übelriechender Wegweiser auf diesem Untergangspfad."

Seitdem hat sich dort natürlich nichts zum Besseren verändert - eine kleine Stichprobe vor einigen Tagen hat mir das deutlich gezeigt. Die Blogpostings dieses Menschen, der sich "Dok" nennt, verursachen nach wie vor oft üble Pickel auf der Netzhaut oder direkt Gehirnblutungen - der Bodensatz der KommentatorInnen dort aber spielt inzwischen in derselben Liga wie die Schmutzschleudern von "PI", "CSU" oder "BLÖD". Was es da an fremdenfeindlichen, teils offen rassistischen und völkisch-nationalistischen, gelegentlich auch antisemitischen Auswürfen zu lesen gibt, ist nicht nur aufgrund der offen zur Schau gestellten Dummheit unerträglich. Ein paar Beispiele dazu (ich zitiere wörtlich, also inklusive aller Schreibfehler):

Dresdner: "Wenn der Schußwaffeneisatz an der Grenze gegen illegal eindringende Personen ausgeschlossen wird, bedeudet das doch unsere völlige Selbstaufgabe. Das Ganze ist doch eine Posse zum Totlachen, nur daß am Ende unser Volk als solches tot ist. Es werden Millionen und aber Millionen hier hereinströmen und mit allem pipapo sogar noch in Hotels gestopft und der deutsche Werktätige muß das alles erschuften. Ich frage mich nur, wo die deutschen Patrioten bleiben, die Eliten, das Militär usw. Wieso sehen alle tatenlos zu, wie unser Volk niedergemacht wird. Im Januar sind schon wieder über 60 000 Illegale nach Deutschland eingedrungen. Wann wird dem Wahnsinn endlich ein Ende bereitet? Es darf von mir aus auch ein Ende mit Schrecken sein."

Derselbe: "Sie verunglimpfen hier alle jene, die sich für den Erhalt unserer Deutschen Nation und und die Werte, die für unsere Nation stehen, einsetzen."

Helge: "Aber vielleicht gehören [zu den Flüchtlingen] Terroristen, die im Windschatten des Flüchtlingsstroms unregistriert über die Grenzen einsickern wollen. Und genau die würden sich auch bei einer tatsächlich stattfindenden Kontrolle einer solchen entziehen wollen… und genau die stellen tatsächlich eine höhere Gefahr für das Rechstgut der öffentlichen Sicherheit dar, so dass Waffengebrauch im Fall der Fällle auch rechtmäßig erscheinen könnte… (Konjunktiv!)"

Seewolf: "Je näher die Landtagswahlen heranrücken um so mehr ,steht die AFD auf der Anklagebank."

hhaien: "Ist mir heute aufgefallen, das auf dem Kinderkanal verstärkt Werbung für MultKulti gemacht wird und wie toll doch die Bereicherung duch die Neuankommenden ist… Zum Beispeil bei der Sendung Löwenzahn. Bei einer anderen Sendung wurde noch eine 7-köpfige Syrische Familie gezeigt, die nach kurzer Zeit eine schöne neue und geräumige Wohnung mit Balkon und gut gelegen, also nicht in einem Hochhaus und etwas grün draußen, beziehen konnten. Natürlich komplett neu eingerichtet und die Miete wird natürlich auch übernommen. Naja selbst schuld, wenn die befürftigen deutschen kinderreichen Familien nicht die syrische Staatsbürgerschaft beantragen…"


Und so geht das munter weiter - ich könnte noch seitenweise ähnliche und noch schlimmere Gehirnfürze zitieren - diese hier stammen allesamt aus dem Kommentarstrang zu nur einem einzigen "Propagandaschau"-Posting. Dabei ist die Wortwahl dieser offenkundigen Hohlbirnen, unabhängig vom Inhalt, schon bezeichnend genug: Da wird frisch und frei von "unserer Deutschen Nation" (natürlich groß geschrieben) und von "Flüchtlingsströmen", die ins Land "einsickern" wollen, schwadroniert; die arme AfD werde permanent und natürlich völlig zu unrecht "angeklagt" - und selbstredend darf auch die "siebenköpfige syrische Familie" nicht fehlen, die wie gewohnt in widerlichster rassistischer Manier gegen die "bedürftigen deutschen kinderreichen Familien" ausgespielt wird. Diese Beispiele sind, wie gesagt, nur ein kleiner Auszug - die Palette an dicken Kackwürsten ist dort wesentlich umfangreicher.

Ich frage mich inzwischen nicht mehr, was das für Menschen sind, die so etwas schreiben (einige Kommentatoren benutzen ja sogar selbsterklärende Nicknamen, wie bespielsweise Klein-Adolf "hhaien") - allerdings wird für mich die Frage stetig evidenter, was denn das für Menschen sind, die das regelmäßig - und vermutlich wohlwollend - lesen und es zudem für "die Wahrheit" oder gar "Aufklärung" halten?

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Der Agitator



(Gemälde von George Grosz [1893-1959] aus dem Jahr 1928, Öl auf Leinwand, Stedelijk Museum Amsterdam, Niederlande)

Montag, 1. Februar 2016

Unser freundlicher Überwachungsstaat: Schutz der Staatsmacht


Wie unser korruptes Regime tickt, kann man beispielhaft an einer kleinen Randnotiz, die auf den Seiten des WDR am vergangenen Donnerstag veröffentlicht wurde, ablesen. Dort heißt es:

Mit sogenannten Body-Cams geht die Bundespolizei seit [sic!] Freitag (29.01.2016) an den Hauptbahnhöfen in Köln und Düsseldorf auf Streife. Ein Jahr lang sollen die tragbaren Kamerasysteme von Beamten getestet werden. Danach sollen die Body-Cams möglicherweise zur Standard-Ausrüstung der Bundespolizei gehören. Hintergrund der Aufrüstung sei "die zunehmende Gewalt und Respektlosigkeit gegenüber der Polizei", sagte der Präsident der Bundespolizeidirektion St. Augustin, Wolfgang Wurm.

Ich möchte mich an dieser Stelle selbstverständlich nicht über den Namen des hochverehrten Präsidenten lustig machen (obwohl es mir arg in den Fingern juckt), sondern auf ein kleines Detail hinweisen, das NRW-Innenminister Jäger (ASPD) dieser akuten Orwellisierung hinzugefügt hat. Es heißt in der Meldung nämlich weiter:

Ob [diese Maßnahmen] zum Schutz der Polizei beitragen könnten, und ob die Auswertung der Bilder zur anschließenden Strafverfolgung rechtlich möglich sei, werde noch geprüft. Im Herbst solle das Ergebnis der Innenministerkonferenz vorgelegt werden.

Das lassen wir mal sacken. Da wird also eine neue Eskalationsstufe in der Bevölkerungsüberwachung für ein ganzes Jahr zu "Testzwecken" eingeführt, um ausdrücklich lediglich die Polizei - und nicht etwa die Bevölkerung oder gar irgendwelche Minderheiten - zu schützen. Außerdem wissen die Verantwortlichen nicht, ob eine solche Maßnahme überhaupt sinnvoll ist, sondern hegen zusätzlich noch arge Zweifel, ob sie sich überhaupt im grundgesetzlich erlaubten Rahmen bewegen. Das macht aber alles nichts, "getestet" wird trotzdem - und in einem Jahr kräht ohnehin kein Hahn mehr danach, so dass einzig eine Klage vorm Bundesverfassungsgericht noch eventuelle Abhilfe verspräche. - Ob sich die "testende" Bundespolizei nun wohl im Fokus des "Verfassungsschutzes" befindet? Wir wissen ja so wenig.

Wenn Staatsschergen (in diesem Fall Bundespolizisten) in einem zunehmend autoritär auftretenden Staat mit Kameras durch die Gegend laufen und anlasslos alles filmen und speichern, was ihnen bei ihren "Streifen" und Einsätzen vor die Linse gerät - was soll da schon passieren? Datenschutz war schließlich gestern - heute muss in erster Linie die Staatsmacht geschützt werden - natürlich vor der Bevölkerung. Vor wem denn auch sonst.