Dienstag, 15. März 2016

Song des Tages: Sie fangen wieder an




(Gebrüder Engel: "Sie fangen wieder an", aus dem Album "Magengesicht", 1979)

"Ich habe den Befehl gegeben, (...) die Geschwüre unserer inneren Volksvergiftung und der Vergiftung des Auslandes auszubrennen bis auf das rohe Fleisch!" (Adolf Hitler, 1934)

Die Rune bleckt schon wieder zwischen unsern Plakaten
Da stehn sie wieder samstags in den Einkaufsstraßen
Sie wagen es tatsächlich mit dem Megaphon -
So weit ist es schon?!

Die finden jetzt schon wieder, dass die Zeit gekommen ist
Selbst im Fernsehen präsentierte sich ein stolzer Jungfaschist
Die wagen doch tatsächlich eine Demonstration -
So weit ist es schon?!

Sag nicht, wir haben nichts geahnt
Sag nicht, das sind nur ein paar Mann
Der böse Geist hat wieder hier und da ein Maul -
Sie fangen wieder an!

Die laden doch tatsächlich zu Gesprächen ein
Der eine oder andre fällt schon wieder darauf rein
Die wagen glatt zu sagen, dass die Dinge anders waren -
Nach den paar Jahren?!

Die träumen jetzt schon wieder davon auszurotten
Sie schmieren ihre Hakenkreuze an die Synagogen
Sie gröhlen hier und da schon ihre üblen Lieder -
So schnell schon wieder?!

Sag nicht, wir haben nichts geahnt
Sag nicht, das sind nur ein paar Mann
Der böse Geist hat wieder hier und da ein Maul -
Sie fangen wieder an!

Die drücken sich am Mittag an den Schulen rum
Die spinnen in den Wäldern mit Gewehren rum
Die mieten auch schon Rock'n'Roll-Hallen -
Dreist vor uns allen!

Bestimmte Söhne schon und noch bestimmte Väter
Von Polizei umstellte Menschlichkeitsverräter
Wagen es tatsächlich und mit Megaphon -
So weit ist es schon!!!

Sie fangen wieder an ...



Anmerkung: Der Song ist 37 Jahre alt. Mehr muss man dazu nicht sagen.

Montag, 14. März 2016

Wahltheater: Die Wiederkehr der Gleichen


Zum Wahltheater am vergangenen Sonntag gibt es nicht allzu viel zu sagen: Der Zirkus geht unvermindert weiter. Die neoliberale Einheitspartei - zu der die Arschgesichter der AfD selbstverständlich genauso gehören wie SPD, Grüne, CDU und FDP - schwadroniert was das Zeug hält und etabliert konsequent ein absurdes Paralleluniversum, das mit der Realität soviel zu tun hat wie eine blubbernde Kotzlache mit Stückchen mit den Gedichten Joseph von Eichendorffs.

Ich musste am Sonntagabend gleich zwei Quasselrunden im Trash-TV (ARD und ZDF) zumindest zeitweise mitverfolgen, weil eine unmittelbare Flucht nicht möglich war, und was ich da aus den fauligen Mündern der VertreterInnen von CDU, SPD und Grünen serviert bekam, unterschied sich im Grad der Absurdität und maximalen Realitätsferne in nichts [!] von der verbalen Diarrhö der Frau von Kotz Storch oder der Frau Koty Petry. Während die letzteren wie gewohnt im braunen Klärgrubenschlamm von "Überfremdung" und einer drohenden "Islamisierung" fabulierten, ergingen sich die VertreterInnen der übrigen Blockpartei in hochalbernen Pseudoanalysen, in denen oft von (materiell) "abgehängten" Menschen die Rede war - so als seien nicht gerade diese grotesken Figuren höchstselbst verantwortlich dafür, dass es Millionen von Menschen in diesem untergehenden Staatsgebilde gibt, die durch Niedrigstlöhne, Hartz- und Renten-Terror, mutwillig und bewusst zerstörte Sozialsysteme und gewollt herbeigeführte Zwangsverarmung an den Rand der Existenz - und oft genug auch darüber hinaus - gedrängt wurden und weiterhin werden.

Ich wähnte mich im Publikumsraum eines äußert absurden Theaters, als ich diese Schein-Wortgefechte verfolgte. An keiner einzigen Stelle wurde auch nur in einem Nebensatz auf die tatsächlichen Ursachen dieser sich anbahnenden Katastrophe hingewiesen - weder die vom "Westen" forcierten Kriege, noch der Kapitalismus und die daraus resultierende Verarmung breiter Bevölkerungsschichten, noch die widerwärtige Rolle der neoliberalen Einheitspartei samt der offensichtlichen Korruption in dieser Jauchegrube des Unterganges, die den Aufstieg der Rechtsradikalen wieder einmal ermöglicht und beflügelt, wurde erwähnt. Das lächerliche Scheingefecht wurde, selbstverständlich munter unterstützt von der bigotten Schar der Qualitätsjournalisten, unbeirrt durchgezogen: die Orwellisierung unserer politischen und medialen Welt ist inzwischen offenbar voll umfänglich abgeschlossen und der Wiederholung der finsteren Geschichte steht nichts mehr im Wege.

Die einen (SPD, CDU, Grüne, FDP) zerschneiden dem Bürger zugunsten der Superreichen die Kehle; die anderen (AfD, NPD und Konsorten) behaupten, in Wahrheit habe der Jude Ausländer das getan - und auf diesem infantilen Niveau "streiten" sie und tun so, als verfolgten sie unterschiedliche Ziele - exakt wie vor 80 Jahren. Wenn es nicht so unfassbar böse, offensichtlich und gefährlich wäre, müsste man diese Figuren einschließlich der begleitenden Hofpresse einfach nur schallend auslachen ... so aber sollten uns allen die Knie schlottern, denn was sich da anbahnt, ist ganz gewiss nicht lustig.

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Die Wiederkehr der Gleichen


"Das neue Ministerium?! Die Physiognomien kommen mir alle so bekannt vor."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 14 vom 02.07.1928)

Samstag, 12. März 2016

Zitat des Tages: Hymnus auf die Bankiers


Der kann sich freuen, der die nicht kennt!
Ihr fragt noch immer: Wen?
Sie borgen sich Geld für fünf Prozent
und leihen es weiter zu zehn.

Sie haben noch nie mit der Wimper gezuckt.
Ihr Herz stand noch niemals still.
Die Differenzen sind ihr Produkt.
(Das kann man verstehn, wie man will.)

Ihr Appetit ist bodenlos.
Sie fressen Gott und die Welt.
Sie säen nicht. Sie ernten bloß.
Sie schwängern ihr eigenes Geld.

Sie sind die Hexer in Person
und zaubern aus hohler Hand.
Sie machen Gold am Telefon
und Petroleum aus Sand.

Das Geld wird flüssig. Das Geld wird knapp.
Sie machen das ganz nach Bedarf.
Und schneiden den andern die Hälse ab.
Papier ist manchmal scharf.

Sie glauben den Regeln der Regeldetri
und glauben nicht recht an Gott.
Sie haben nur eine Sympathie:
Sie lieben das Geld. Und das Geld liebt sie.
(Doch einmal macht jeder Bankrott!)

Anmerkung von Erich Kästner: Die Konsumenten sind die linke Hand des gesellschaftlichen Organismus, die Produzenten sind die rechte Hand. Die Bankiers sind die Heimlichkeiten zwischen den beiden.

(Erich Kästner [1899-1974], in: "Lärm im Spiegel. Gedichte", mit Illustrationen von Rudolf Großmann, C. Weller 1929)







Freitag, 11. März 2016

Dr. Uschis Fehler und Karl-Theodors Fehlverhalten


Nun ist es amtlich: Unsere Kriegs-Uschi darf ihren Doktortitel behalten. Sie hat zwar exakt dasselbe getan wie beispielsweise der Herr Guttenberg, aber die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) hat nach "eingehender Prüfung" festgestellt:

"Es geht um Fehler, nicht um Fehlverhalten", begründete MHH-Präsident Christopher Baum die Entscheidung. Die Internet-Plattform "Vroniplag Wiki" hatte 47 Textstellen gefunden, die aus fremder wissenschaftlicher Feder stammen sollen. Die Hochschule bestätigte die Recherchen größtenteils: An 32 Stellen soll tatsächlich nicht korrekt zitiert worden sein.

So schnell geht das im Lande Kapitalistan: Was gestern (bei Guttenberg und vielen anderen) selbstverständlich noch ein bewusstes "Fehlverhalten" war und zur Aberkennung des Titels geführt hat, ist nun zu schlichten "Fehlern" geworden, denen man natürlich keine Absicht unterstellen mag. Dass aus wissenschaftlicher Sicht beides gleich inakzeptabel ist, wird dabei geflissentlich unterschlagen: Ob Schludrigkeit, Inkompetenz oder bewusste Täuschungsabsicht - nichts davon darf in einem solch erheblichen Umfang in einer ernstzunehmenden Doktorarbeit vorkommen. Es wirft ein bedenkliches Licht auf das Wissenschaftsverständnis der zuständigen Damen und Herren an der MHH, eine dermaßen lächerliche Begründung für ihre nicht nachvollziehbare Entscheidung zu bemühen. Auch die Frage, wieso von den gefundenen 47 Plagiatsstellen (auf insgesamt 43,5 % aller Seiten!) nun "nur" noch 32 übriggeblieben seien, wird nicht weiter erläutert - auf der Webseite von vroniplag sind die dokumentierten Funde ja allesamt veröffentlicht und für jedermann nachlesbar. Dort hat sich die Anzahl allerdings nicht auf wundersame Weise verringert.

Dass es sich bei von der Leyens Werk aber sowieso um eine - im Fachbereich Medizin übliche - Schmalspur-Arbeit auf dem untersten wissenschaftlichen Niveau handelt, die in keiner Weise - weder inhaltlich, noch umfänglich - mit einer Dissertation beispielsweise in einem geisteswissenschaftlichen Fach vergleichbar ist, vergrößert die Groteske nur. Selbstverständlich kommt aber noch ein weiterer Aspekt hinzu, auf den Fefe in seinem Blog hingewiesen hat ("Einsendung eines Lesers"):

Die Familie von der Leyen ist eng mit der Führungsriege der MHH verwoben. / Ich hatte bei ihrem Mann während meiner Promotion einige Seminare. Heiko von der Leyen verfügt über eine illustre Karriere in der medizinischen Forschung und hat sicherlich eine Menge "Pull" im Präsidium der MHH. Meiner bescheidenen Meinung nach (und zum Glück geht es ja bei dir um Verschwörungen) ist das die "Beweisführung", die dazu geführt hat, dass unserer geschätzten Kriegsministerin der Titel nicht aberkannt wurde. Die MHH hätte auf diese Weise doppelten Schaden erlitten: einerseits durch den Imageverlust auf Grund des Skandals um die Aberkennung der Doktorwürde und andererseits durch den (empfundenen) Gesichtsverlust auch ihres Mannes, der in führender Position in der MHH und der MHH nahestehenden Firmen tätig ist.

Selbstverständlich behandle auch ich diese groben Unterstellungen als böse Verschwörungstheorie - eine ehrenhafte Familie wie die geschätzten und elitebewussten von der Leyens hat kriminelle Praktiken dieser schäbigen Art schließlich gewiss nicht nötig! Frau Dr. plag. von der Leyen wird's nicht weiter kümmern - der Rubel rollt, die Stahlhelmfrisur sitzt, der Kanzlerintraum bleibt erhalten und das kapitalistische, bis ins Mark korrupte und verfaulte System ist weiterhin nicht gefährdet. Hier gibt es nichts zu sehen, gehen Sie einfach weiter.

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Definition


"Siehst du, eine gute Familie ist eine Familie, in der noch nicht vorgekommen ist, was in den besten Familien vorkommt."

(Zeichnung von Rudolf Grieß [1863-1949], in "Simplicissimus", Heft 17 vom 22.07.1919)

Mittwoch, 9. März 2016

Anne und Frank im Bügelfernsehen


Ein Gastbeitrag des Altautonomen

Ich muss die LeserInnen erst einmal enttäuschen: Es geht hier nicht um den seit dem 3. März 2016 in deutschen Kinos angelaufenen Film "Das Tagebuch der Anne Frank", sondern um die beiden Protagonisten der ARD-Reihe "Paar-Duell", und zwar mit der von sich selbst geblendeten Ex-ARD-Moderatorin ("Morgenmagazin") Anne Gesthuysen und dem meistens die Hände brav wie ein Konfirmand vor dem Geschlechtsteil gefalteten, humorbefreiten Journalisten und "Inlandskorrespondenten" Frank Plasberg.

Aufgezeichnet wurden für eine erste Staffel dieser Show bereits 25 Folgen. Die Zuschauerquote liegt bei 2,2 Millionen.

Zweite Überraschung: Es muss nicht unbedingt erst der Gullydeckel zum Reich der privaten Arsch- und Tittensender geöffnet werden, um ein Unterhaltungsniveau zu erreichen, für das man andernorts die Pflegestufe 3 bekäme. - Charlie hat sich hier ja schon öfter über den WDR, die ARD bzw. die Öffentlich-Rechtlichen als Institutionen ausgelassen, die sich die Desinformation und Verblödung der Zuschauer auch noch von eben diesen bezahlen lassen.

Produziert wird das alles von der Firma "Ansager und Schnipselmann", die Plasberg zusammen mit einem Kompagnon gegründet hat und die auch die Sendungen "Hart aber fair", "Plasberg persönlich", "Frag doch mal die Maus" und "Hirschhausens Quiz des Menschen" produziert. Die Idee zur Sendung "Paar-Duell" hatte angeblich ein Mitarbeiter dieser Produktionsfirma.

Das Prinzip ähnelt grob der Sendung "Schlag den Raab" - mit dem kleinen Unterschied, dass hier das Paar Anne und Frank als Valiumersatz (aber Valium 20 forte, weil der Tranquilizer Pilawa das alles moderiert) eine Beleidigung der Raabsendung wäre. Quizfragen sind nebensächlich. Dabei drängt sich der Verdacht auf, dass Anne Gesthuysen und Frank Plasberg ihre Teilnahme an dem Quiz davon abhängig gemacht haben, dass die Fragen eine bestimmte Schwierigkeitsstufe auf Grundschulniveau nicht überschreiten. Die richtigen Antworten werden in Einspielern, Bildern und musikalischen Einlagen - je nach Art der Frage - mit volkshochschulpädagogischem Belehrungsduktus in ermüdender Länge ausgewalzt.

Das "Paar-Duell" ist eine am Reissbrett neunmalschlau ausgetüftelte, konstruierte, total künstliche und hölzerne Veranstaltung ohne Spannung, Spontaneität, Anspruch und Witz. Im Grunde ist es eine als Quizsendung getarnte Selbstdarstellungsorgie der beiden Hauptdarsteller auf Kosten der Gebührenzahler.

Die nach jeder Sendung erspielten Gewinne werden drehbuchgemäß immer gespendet. Mit einer Spende in Höhe von 53.900 Euro unterstützen z.B. die Gäste Axel Milberg (Schauspieler) und seine Frau Judith (Künstlerin und Moderatorin) die weltweite Kampagne Because I am a Girl der Kinderhilfsorganisation Plan International. Den Betrag erspielte das Ehepaar am letzten Samstagabend in der ARD-Show "Paar-Duell XXL". - Aber nein!!! Nix haben die beiden gespendet. Das erspielte Geld kommt schließlich vom Sender - und wer finanziert den? - Ich nehme dann schon mal den Dank der ARD für meine Spende an.

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Anmerkung von Charlie: Angesichts solcher Berichte feiere ich es immer wieder aufs Neue, dass ich das Fernsehen aus meinem Leben schon seit Jahren verbannt habe.

Affenkomödie


"Der Prominente beim Vertragsabschluss."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 12 vom 22.06.1925)

Dienstag, 8. März 2016

Musik des Tages: Symphony of Sorrowful Songs




  1. Lento. Sostenuto tranquillo ma cantabile
  2. Lento e largo. Tranquillissimo – cantabillissimo – dolcissimo – legatissimo
  3. Lento. Cantabile semplice

(Henryk Mikołaj Górecki [1933-2010]: "Sinfonie Nr. 3 (Symphony of Sorrowful Songs)" für Sopran und großes Orchester, Op. 36 aus dem Jahr 1976; Sopran: Zofia Kilanowicz, Polish National Radio Symphony Orchestra, Leitung: Antoni Wit, 1994)

Anmerkung: Der Text des zweiten Satzes besteht laut Werkangabe aus den aufgefundenen Wandinschriften einer 18jährigen Insassin des Gestapo-Gefängnisses im polnischen Zakopane ("a young prisoner's inscription on the wall of her cell in Zakopane's Gestapo prison"). Ich kenne kaum ein musikalisches Werk, das dem Gefühl der Trauer noch nachdrücklicher Ausdruck verleihen könnte.

Als ich das großartige Stück vor fast 30 Jahren - eher zufällig und unvorbereitet - durch einen Konzertbesuch kennenlernte, hat es mich tagelang beschäftigt und in tiefe emotionale Abgründe gestürzt. Wer es sich anhört, sollte sich in einem abgedunkelten Raum befinden und die Klänge möglichst laut genießen - außerdem sind eine gefestigte Psyche sowie die Absenz jedweder suizidaler Gedanken von großem Vorteil.

Montag, 7. März 2016

Zitat des Tages: Das Konzert


Die nackten Stühle horchen sonderbar
Beängstigend und still, als gäbe es Gefahr.
Nur manche sind mit einem Mensch bedeckt.

Ein grünes Fräulein sieht oft in ein Buch.
Und einer findet bald ein Taschentuch.
Und Stiefel sind ganz grässlich angedreckt.

Aus offnem Munde tönt ein alter Mann.
Ein Jüngling blickt ein junges Mädchen an.
Ein Knabe spielt an seinem Hosenknopf.

Auf einem Podium schaukelt sich behend
Ein Leib bei einem ernsten Instrument.
Auf einem Kragen liegt ein blanker Kopf.

Kreischt. Und zerreißt.

(Alfred Lichtenstein [1889-1914], in: "Dichtungen", Arche 1989. Erstdruck in: "Der Sturm", Nr. 112 vom 01.06.1912)

Samstag, 5. März 2016

Die Hartzritterin Hannemann und der realpolitische Sachzwang


Ein Gastbeitrag des Altautonomen

Am 4. November 2014 war beim Spiegelfechter ein Gastbeitrag mit dem Titel "Meine Vorstellung über das politische Hamburg" von Inge Hannemann zu lesen, der unter anderem diese Aussage enthielt:

Ein-Euro-Jobs und die kommenden Null-Euro-Jobs gehören genauso abgeschafft wie die derzeitige Sanktionspraxis, welche nachweislich bis hin zum Verlust von Wohnung und Krankenversicherung führt.

Die Nachdenkseiten, der Spiegelfechter und dessen Redakteure Berger und Wolf sowie Lutz Hausstein und Klaus Baum überboten sich in dieser Zeit mit positiven Jubeltexten über Frau Hannemann. Sie wurde so zu einer "rebellischen Stilikone" von Kleinbloggersdorf.

Frau Hannemann war mir aber nicht nur aufgrund der Kritik an ihrer Person auf Indymedia von Anfang an suspekt, denn ich fragte mich, wozu dieser Hype um eine Person, die auf dem linken Nonkonformisten-Ticket noch schnell auf den Zug ins System aufspringen will, dienen möge, wobei es hauptsächlich - wie wir heute wissen - um ihre Medienpräsenz und Selbstvermarktung ging. Die Dame ist seit März 2015 arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Fraktion "Die Linke" in der Hamburgischen Bürgerschaft mit einem steuerpflichtigen Salär von 2.700 Euro monatlich.

Als ich noch bei Klaus Baum kommentierte, habe ich dazu geschrieben, dass es schon lange, bevor Frau Hannemann das Licht der medialen Öffentlichkeit suchte, viele bescheidene und im Stillen agierende Whistleblower, Nonkonformisten, innerlich Gekündigte und Saboteure im öffentlichen Dienst gab, die keine Erwähnung fanden. Denn aus Angst vor dem Verlust ihrer materiellen Existenz durch (Verdachts-)Kündigung suchten sie nicht das Licht der Öffentlichkeit.

Im übrigen äußerte sich Frau Hannemann nie gegen "Hartz IV" generell, sondern nur gegen die damit verbundenen Sanktionen. Interessant ist in diesem Zusammenhang dieser Bericht, der zeigt, wo der Einsatz der "Jeanne d'Arc für Langzeitarbeitslose" endet und die schnöde Korruption beginnt:

Der Landesverband Hamburg und die Bezirksvertretung der Partei "Die Linke" stimmte zusammen mit den anderen Systemparteien für die Fortsetzung von "Ein-Euro-Jobs". Fadenscheinige Begründung: "Förderung sozialer Kontakte", faktisch jedoch Förderung des Projektträgers. Hauptbefürworterin war Inge Hannemann. Es ist dabei nur eine Randnotiz, dass es bisher keinem "Ein-Euro-Jobber" gelang, in ein normales Arbeitsverhältnis "überzugleiten".

Dies kann hier nachgelesen und nachgehört werden. Das Video mit der Rede von Frau Hannemann ist sehr aufschlussreich und erhellend (sie eröffnet mit "Sehr geehrte Bezirksamtsleiterin!" - gemeint ist Frau Dr. Liane Melzer - unglaublich!).

Eine Kommentatorin bemerkte dazu [das Zitat wurde zur besseren Lesbarkeit von mannigfaltigen Schreibfehlern befreit, Anm.v.Charlie]:

Dass Frau Hannemann die Seiten gewechselt hat, war doch früher oder später zu erwarten. Hier geht es nicht um Integration in den 1. Arbeitsmarkt, sondern um Arbeitsplatzerhalt für die Beschäftigten von "Koala". Der Zweig der billigen Arbeitssklaven soll erhalten bleiben durch Ausübung von Zwang von team.arbeit.hamburg, um Erwerbslosen die Existenz zu nehmen, wenn nicht gespurt wird wie team.arbeit.hamburg möchte. Erwerbslose (SGB-2-Bezieher) ebenso wie Praktikanten sind vom geplanten Mindestlohn ausgeschlossen. Das ganze dient weiterhin dazu, die prekäre Beschäftigung aufrecht zu erhalten, weil über Jahre sich wirtschaftlich ein neuer Arbeitsmarkt entwickelt hat.

Dazu schweigt das zuvor jubelnde Kleinbloggersdorf bisher. Dessen "Elite" befindet sich vermutlich gerade auf der Beerdigung des Antikapitalismus.

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Weitere Quellen:
1. Der Antrag.
2. Auf der Seite Abgeordnetenwatch gib es auf entsprechende Fragen eine Antwort von Hannemann, die aber schwammig ist.


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Statt einer Anmerkung von Charlie nur ein Zitat:

Die korrupten Politiker

Die korrupten Politiker saßen alle - - in den Clubsesseln herum
und rauchten dicke Importe zum Gläschen französischen Sekt:
hie und da rülpste einer diskret oder schneuzte sich mit Gebrumm,
aber alle hatten die Zeitungen leise gähnend beiseite gelegt.

Da erhob der korrupte Politiker Lehmann seine Stimme und sprach:
"Meine verehrten Herren korrupten Kollegen von jeder Partei -
allmählich, dess' können Sie versichert sein, lässt es schon nach
mit dem aufgeregten Artikelschreiben und dem Entrüstungsgeschrei.

Denn meine Herren" - er hustete kch kch, und der Diener klopfte ihn schon -
"wir mussten in unserm lieben Vaterland als Pioniere voran;
wir sind eine junge Nation und uns mangelt die Tradition der Korruption -
aber nur Mut, es geht rasch, und bald sieht man uns anders an!

Wenn sich die Einrichtung erst einmal gründlich durchgesetzt hat,
werden wir alle bald öffentlich geachtete Männer beziehungsweise Greise sein ...
blickt nach Amerika! Wo findet da noch über solches Erregung statt?
Sondern im Gegenteil - korrupt muss ein geachteter Politiker sein!

Darum erheben wir uns und stimmen vereint das Bundeslied an:
Immer an der Wand lang und vor der Zeit nicht schlapp gemacht!
Wenn es mal erst vor aller Augen und mit Tradition geschehen kann,
dann haben wir alle Mächte des Staates auf unsere Seite gebracht."

(Peter Scher [1880-1953], in "Simplicissimus", Heft 49 vom 02.03.1925)

Mittwoch, 2. März 2016

Armut im Kapitalismus, oder: Wasser ist nass


Ach, wie überraschend: Die Armut nimmt in Deutschland, dem es laut Merkel und ähnlichen Stiefelleckern der "Elite" ja "gut" gehe, kontinuierlich zu. Potzblitz, wie kann das inmitten des "besten aller möglichen Systeme" denn bloß sein, fragt sich da der verzweifelte Michel und bekommt die Antwort ohne Umwege von ganz rechts (AfD, NPD, CDU etc.), jüngst noch verstärkt durch das braune Megaphon der SPD: Der böse Flüchtling ist es, der "uns" alles wegnimmt. Im Kindergarten kann es wahrlich nicht infantiler zugehen.

Die Propaganda wird entsprechend nicht müde, immer neue Grotesken aus dem Hut zu zaubern. So behauptete der WDR unter Bezugnahme auf den jüngsten Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes vor einigen Tagen ganz dreist: "Demnach ging bundesweit die Armutsquote im Jahr 2014 um 0,1 Prozentpunkte auf 15,5 Prozent zurück." - Wer sich den Bericht etwas genauer ansieht, erkennt sofort den Bullshit-Faktor dieser Behauptung, die nur durch statistische Tricksereien ("Wir nehmen als Bezugspunkt 2013 und blenden den Rest einfach mal aus!") zustande kommen kann. Das wissen freilich auch die gut bezahlten Autoren des WDR und ergänzen hilflos:

Seit 2006 nimmt die Armut [in NRW] stetig zu - von 13,9 Prozent auf jetzt 17,5 Prozent. Ein Anstieg von 26 Prozent, den es so in keinem anderen Bundesland gegeben hat. Zum Vergleich: Bundesweit stieg die Quote um zehn Prozent.

Selbstverständlich ist auch das statistischer Schwachsinn, der aber immerhin der Realität etwas näher kommt. Nicht einmal die im Beitrag präsentierte Grafik, die ebenso zum Bullshit-Bingo gehört, belegt die anfängliche Behauptung eines bundesweiten angeblichen Rückgangs der Armut, die zynischerweise auch noch unter dem Titel "Zahl der Woche" veröffentlicht wurde:



Etwas ehrlicher - wenn auch immer noch weit von der Realität entfernt und ebenso zynisch - präsentiert sich zu diesem Thema n-tv, wo kürzlich zu lesen war:

Arm trotz guter Wirtschaftslage / Das Ruhrgebiet ist der neue Osten [sic!] / (...) Forscher und Sozialverbände stellen fest: Der Osten ist nicht mehr das Armenhaus Deutschlands und die Freude auf ein sorgloses Leben im Alter ist ein Trugbild.

Wer hier aber nach Informationen sucht, weshalb die bittere Armut zukünftig immer mehr Rentner betrifft oder welche Rolle das perverse Hartz-Zwangsverarmungssystem in diesem bösen Spiel innehat, wird selbstverständlich enttäuscht. Den deutlichen Knick nach 2005 (Einführung des Hartz-Terrors) in der obigen Grafik muss der geneigte Leser selbst interpretieren. Es gibt auch hier keine Informationen, geschweige denn Hintergrundberichte - gehen Sie bitte weiter und akzeptieren Sie das Fiasko als gottgegeben und nicht etwa von asozialen Elementen aus der Politik verursacht: "Schuld sind die Flüchtlinge, die faulen Arbeitslosen, die Kranken und die Rentner." Das wird zwar in keinem der beiden Texte so gesagt, schwingt aufgrund der fehlenden Information über die wirklichen Hintergründe aber stets mit. Wer das für einen Zufall oder ein Versehen hält, darf in Kürze gemeinsam mit meinen Kindern den Osterhasen jagen.

Wenn ein Journalist oder Politiker auch nur eine einzige Stunde seiner belanglosen Lebenszeit damit verbrächte, in einer Bibliothek einschlägige Texte zum Thema zu lesen, wüsste er oder sie sofort, wieso es in der Endphase des Kapitalismus selbstverständlich zu vermehrter, tendenziell stark zunehmender Verarmung der Massen kommen muss. Den größtenteils akademisch gebildeten Herr- und Frauschaften aus diesen illustren Kreisen darf also guten Gewissens unterstellt werden, hier ganz bewusst - und natürlich aus purem Eigeninteresse - zu verschleiern und zu lügen.

Es ist schlicht hirnzersetzend, dass es der elitären Bande im 21. Jahrhundert immer noch gelingt, irgendwelche arme Schlucker, denen es noch drei- oder gar zehnmal mieser geht als den verarmten "Volksgenossen", für den Niedergang der hiesigen "Mittelschicht" verantwortlich zu machen. Die superreichen Arschlöcher, die tatsächlich verantwortlich sind, lachen sich derweil einen Ast und freuen sich vermutlich diebisch auf den kommenden Faschismus, der ihnen erneut riesige Profite verspricht. Das "Perpetuum Mobile" der absurden Perfidie soll sich schließlich weiter drehen - auch nach dem kommenden Zusammenbruch.

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Das neue Proletariat


"Ein armer geistiger Arbeiter bittet um einen warmen Löffel."

(Zeichnung von Eduard Thöny [1866-1950], in "Simplicissimus", Heft 7 vom 12.05.1920 [Beiblatt])

Dienstag, 1. März 2016

Song des Tages: As We Approach The End




(CygnosiC: "As We Approach The End", aus dem Album "Fallen", 2012)

Told me lies
Compromise
Scattered sties
We knew that price

As we approach the end
Spinning my head
Stealing my breath
You claim what is mine
An unequal fight
All I have is my pride



Anmerkung: Diese griechische Band hat die Antwort auf den menschenfeindlichen Katastrophenkurs von Merkel, Schäuble & Co. hier vorweggenommen. Der Untergangshymne ist nichts weiter hinzuzufügen.

Montag, 29. Februar 2016

Leseempfehlung: Vom bösen Sozialismus und den völkischen Wohltaten für Arier (Gabriel reloaded)


Gestern hat der Gärtner in seiner "Sonntagsfrühstücks"-Kolumne mal wieder ordentlich vom Leder gezogen: Thema waren diesmal die jüngsten, nur noch als völkisch zu betrachtenden Äußerungen von Fleischtopfschöpfer Sigmar Gabriel und die nicht minder widerwärtige Kommentierung der jüngsten, wie immer grotesken Ergüsse des Freiheitsapostels Gauck durch die ebenso fürstlich entlohnte Kuhjournalistin Constanze v. Bullion in der Süddeutschen. Der scharfzüngige Text ist, wie fast immer, äußerst empfehlenswert und erhellend.

Gärtner resümiert - und dieses Zitat muss einfach sein, weil es wie kaum ein anderes ein grelles, aufklärendes Licht auf die schauderhafte Gedanken- bzw. Propagandawelt der Neoliberallalas aus der Politik und der Journaille wirft:

Dass die Volksgenossen in dieser wunderbar nationalen Stimmung ("Asylpaket II") dann ganz konkret zur Supergefährlichkeit neigen, schiebt unsere linksliberale, dem Standort Deutschland ebenso treu ergebene Qualitätspresse dann vorsorglich auf einen Sozialismus, der, statt wie üblich die Menschen brutal dem gleichmacherischen Kollektiv zu unterwerfen, neuerdings den Glauben ans Teilen verhöhnt (!), und wieder stimmt das Wort des völkischen Antibolschewisten Goebbels: dass nämlich die unverschämtesten Flunkereien am ehesten geglaubt werden. / Und eben die sind die supergefährlichsten. Wer nicht gerade Sigmar Gabriel, Constanze v. Bullion oder sonst eine korrupte Figur ist, weiß das.

Mir fällt zu diesen völlig durchgeknallten Paralleluniversumsbewohnern nichts mehr ein - außer der Feststellung, dass sie keineswegs allesamt so unsäglich dumm sein können, dass sie gar nicht bemerken, wie weit sie sich inzwischen von jeder auch nur mühsam zu konstruierenden Realität entfernt haben. Mit anderen Worten: Die tun das mit voller Absicht und wider besseres Wissen.

Gärtner hat vergessen zu erwähnen, dass die übrige rechte Bande von CDU/CSU die völkisch-nationalen Pseudoforderungen Gabriels, die dieser als Vorsitzender der maßgeblichen Hartz-Terror-Partei selbstverständlich nicht ernst meint (es ist schließlich Wahlkrampf), strikt zurückgewiesen hat - für das asoziale Pack Merkel, Seehofer, "die Misere", Schäuble & Co. kommt eine pervertierte Menschenfreundlichkeit nicht einmal dann in Betracht, wenn sie nur Arier "deutsche Volksgenossen" betreffen soll.

Was ist das bloß für eine widerliche Bagage, quer durch die komplette kapitalistische Einheitspartei samt der begleitenden Propagandapresse!

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Dichter und Denker


"Wenn sich ein Minister bloß satt isst, ist er ein Sparer. Und wenn ich nicht verhungere, bin ich ein Verschwender."

(Zeichnung von Alfred Kubin [1877-1959], in "Simplicissimus", Heft 35 vom 28.11.1927)

Samstag, 27. Februar 2016

Die sozialdemokratische Lust am Untergang: "Linker Reformismus"


Ich war mir eigentlich sicher, dass angesichts des asozialen, an Perfidie kaum zu überbietenden Agenda-Schröders und der nachfolgenden Karikaturen wie Fleischklops Gabriel im feinen Seidenmantel oder Kinderschreck Nahles jeder halbwegs vernunftbegabte Mensch in dieser bis ins Knochenmark korrumpierten Partei namens ASPD allerhöchstens noch ein Vehikel für müde Satire sehen könne. Dasselbe gilt freilich - vielleicht in noch stärkerem Maße - für die Grünen und deren aktuelle VertreterInnen wie diese Frau Goebbels-Eichmann (oder wie die doch gleich heißt) sowie die "realpolitische" Fraktion der sogenannten "Linkspartei".

Ich irre mich oft. Gerade musste ich mich im Blog von Klaus Baum von einem Kommentator belehren lassen, der mir ins Stammbuch schrieb: "Es gibt überhaupt keine humane Alternative zu einem linken Reformismus."

Ob der Mann strammer Parteisoldat ist oder tatsächlich nur seine ureigenste Meinung - woher auch immer sie stammen mag - kund tut, weiß ich freilich nicht - aber der "linke Reformismus" bereitet mir nicht nur Bauchschmerzen, sondern regelrechte Gehirnkrämpfe. Was, bitte, gibt es denn am Kapitalismus zu "reformieren", nachdem in gemeinschaftlicher Arbeit von CDU, SPD, FDP und Grünen dieses schauderhafte System wieder in den Zustand versetzt worden ist, der eigentlich "normal" ist? Die Nachkriegsphase war ja klar erkennbar eine Zäsur, die stets nach einem Neustart des zusammengebrochenen Systems erforderlich ist. Heute sind wir wieder in dem Stadium angekommen, das seinerzeit zu zwei Weltkriegen, Faschismus und umfassender Zerstörung, Elend und massenhaftem Tod geführt hat - und was soll da jetzt bitte "reformiert" werden? Die Bibliotheken quellen über vor lauter guter, allmählich in der Vergessenheit versinkender Literatur zu diesem Thema - und dennoch stellen sich heute wieder einige Kasper hin und fordern erneut eine "Bändigung" des "Raubtierkapitalismus".

Der unsägliche, stets wild schwadronierende Lapuente tut das ebenfalls immer wieder, auch die Nachdenkseiten gehören zu diesem illustren Kreis, ebenso wie die angeblich alternative "linke" Presse (Freitag, taz etc.), die sich ebenfalls konsequent im kapitalistischen Systemrahmen bewegt, ohne diesen - und sei es auch nur experimentell-gedanklich - je zu verlassen.

Der Begriff "linker Reformismus" im kapitalistischen Zusammenhang ist ungefähr so sinnvoll wie eine "humane Folter" oder eine "sozialverträgliche Zerfleischung". Dieses System kann nicht in einem humanistischen Sinn "reformiert" oder "gebändigt" werden - das widerspricht der inneren Systemlogik, die exakt das Gegenteil erfordert. Es verwundert mich zutiefst, dass diese offensichtliche Logik nicht jedem vernunftbegabten Wesen sofort zugänglich zu sein scheint.

Und ich frage mich, was solche Menschen, die die vergangenen 100 Jahre nicht auf der Venus verbracht haben, wohl mit dem Begriff "humane Alternative" verbinden? Die vielen, vielen Millionen Opfer des kapitalistischen Terrors zwischen 1945 und andauernd bis heute spielen dabei offenbar keine Rolle. Oder soll es am Ende wieder einmal nur den "deutschen Volksgenossen" gut gehen, ganz egal, wie es im Rest der Welt aussieht? Was soll "linker Reformismus" hier sonst bedeuten?

Ich irre mich, wie gesagt, oft. Vielleicht kann mir hier jemand auf die Sprünge helfen? Wie sähe ein "linker Reformismus" in der heutigen untergehenden Zeit aus, der allen Menschen gleichermaßen Wohltaten beschert? Ich bin begierig auf Antworten, auch wenn sie vermutlich - bzw. logischerweise - ausbleiben werden.

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Das Vaterunser



(Zeichnung von George Grosz [1893-1959] aus dem Jahr 1921, in: "Ecce Homo", Malik 1923; Verbleib des Originals unbekannt)

Freitag, 26. Februar 2016

Zitat des Tages: Städter


Nah wie Löcher eines Siebes stehn
Fenster beieinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, dass die Straßen
Grau geschwollen wie Gewürgte sehn.

Ineinander dicht hineingehakt
Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
Leute, wo die Blicke eng ausladen
Und Begierde ineinander ragt.

Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
Dass ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.
Flüstern dringt hinüber wie Gegröhle:

Und wie stumm in abgeschlossner Höhle
Unberührt und ungeschaut
Steht doch jeder fern und fühlt: alleine.

(Alfred Wolfenstein [1883-1945]: "Städter", in: "Die gottlosen Jahre. Gedichte". S.Fischer 1914)



Anmerkung: Der komplette, äußerst lesenswerte Gedichtband ist bei archive.org kostenlos abrufbar.


Donnerstag, 25. Februar 2016

Song des Tages: The Partisan




(Song von Anna Marly [Musik] und dem französischen Résistance-Kämpfer Emmanuel d'Astier [Text] aus dem Jahr 1943, interpretiert von Leonard Cohen in einem Konzert in Helsinki [Finnland], 2008; zuerst auf dem Album "Songs from a Room", 1969)

When they poured across the border
I was cautioned to surrender,
this I could not do;
I took my gun and vanished.

I have changed my name so often,
I've lost my wife and children
but I have many friends,
and some of them are with me.

There were three of us this morning
I'm the only one this evening
but I will go on;
the frontiers are my prison.

An old woman gave us shelter,
kept us hidden in the garret,
then the soldiers came;
she died without a whisper.

Les Allemands étaient chez moi (the Germans were at my home)
ils m'ont dit "Résigne-toi" (they said, "Surrender,")
mais je n'ai pas pu (this I could not do)
j'ai repris mon arme (I took my weapon again)

J'ai changé cent fois de nom (I have changed names a hundred times)
j'ai perdu femme et enfants (I have lost wife and children)
mais j'ai tant d'amis (but I have so many friends)
j'ai la France entière (I have all of France)

Un vieil homme dans un grenier (an old man in an attic)
pour la nuit nous a cachés (hid us for the night)
les Allemands l'ont pris (the Germans captured him)
il est mort sans surprise (he died without surprise)

Oh, the wind, the wind is blowing,
through the graves the wind is blowing,
freedom soon will come;
then we'll come from the shadows.



Anmerkung: Dieses alte Lied ist heute so aktuell wie seit seiner Entstehung nicht mehr. Cohen bringt es fertig, die Durchhalte-Textzeile "Freedom soon will come" zu einer Musik zu singen, die vor lauter offensichtlicher Resignation und tiefer Trauer keine derartigen Hoffnungen mehr zulässt. So fühlt jemand, der weiß, dass sein Kampf vergeblich ist, das aus gewissen Gründen aber nicht laut sagen zu dürfen oder zu können meint.

Wenn der Widerstand wie ein Requiem klingt, sind die Gräber längst geschaufelt und der Zug, in den man in Richtung Zukunft einsteigen möchte, befindet sich schon überfüllt im übernächsten rückwärtigen Bahnhof, kurz vorm Krematorium.

Dienstag, 23. Februar 2016

Film des Tages: Operation Naked




(Fiktionale Dokumentation von Mario Sixtus, 2016)

Anmerkung: Dieser äußerst sehenswerte und wichtige Film, der weitaus weniger mit Science Fiction zu tun hat als es den Anschein haben mag, sollte auch dem letzten "netzaffinen" Greenhorn zu den Themen Datenschutz und Orwell'scher Dystopie die übel verklebten Augen öffnen. Ein datenschutzbefreites, profitorientiertes Internet der Konzerne, das kein Recht auf Anonymität mehr kennt, ist nichts anderes als die Eingangshalle zur puren Hölle der totalen Überwachung, aus der es kein Entrinnen mehr gibt.

Es ist freilich bigott, dass ausgerechnet Claus Kleber, Markus Lanz und viele andere ominöse Gestalten der öffentlich-rechtlichen Desinformationsmedien hier mitwirken - andererseits gewinnt der Film, vermutlich ohne dass die finanziell fürstlich abgesicherten Mitwirkenden das bemerken, dadurch an Authentizität. Mario Sixtus ist hier ein Geniestreich gelungen, der nicht nur die blökenden Schafe aus der Bevölkerung bloßstellt, sondern auch die freundlich begleitende Rolle der Massenmedien und natürlich der sich im Enddarm das Kapitals suhlenden und ewig windenden, korrupten Politik illustriert.

Diesen Film sollte sich jeder aufmerksam ansehen. Das Szenario ist sehr nahe. Der Schluss des Films hebt überdeutlich hervor, wie wichtig ein freies, unzensiertes, anonymes und nicht kommerziell gesteuertes Internet ist. Die schauderhafte Fahrt in die Hölle ist derweil jedoch in vollem Gange - wie sollte es auch anders sein in diesem kapitalistischen Untergangssystem.