Samstag, 28. Januar 2017

Zitat des Tages: Veränderung


Ein Mann, den Herr K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: "Sie haben sich gar nicht verändert!" - "Oh!", sagte Herr K. - und erbleichte.

(Bertolt Brecht [1898-1956], in: "Geschichten vom Herrn Keuner", Suhrkamp 2008; geschrieben etwa 1930)


Song des Tages: Slave New World




(Sepultura: "Slave New World", live auf dem "Rock Hard Festival" 2013; original aus dem Album "Chaos A.D.", 1993)

Face the enemy
Stare inside you
Control your thoughts
Destroy, destroy 'em all

You censor what we breathe
Prejudice with no belief
Senseless violence all around
Who is it that keeps us down

Once all free tribes
Chained down led lives
Blood boils inside me
We're not slaves, we're free

Face the enemy
Stare inside you
Control your thoughts
Destroy, destroy 'em all



Anmerkung: Mit Dank an Arbo für die nette Erinnerung! :-)

Freitag, 27. Januar 2017

Unbezahlbare Sozialsysteme: Milliarden für den Krieg


Die korrupte Bande erzählt es uns immer wieder: Für Erwerbslose, Rentner, Flüchtlinge, Kranke, Behinderte sowie überhaupt die Sozialsysteme und die Infrastruktur ist kein Geld da. Zwar geht es "den Deutschen so gut wie nie", wie die Propaganda in stetiger Wiederholungsschleife märchenerzählt, aber dennoch müssen "wir" den Gürtel enger schnallen, denn woher soll das Geld für all die "nutzlosen Menschen" in der kapitalistischen Glaubenslehre auch kommen?

Da lohnt es sich, einmal nachzuschauen, wo die kriminelle Bande viel lieber die Steuermilliarden versenkt - und es dürfte nicht weiter verwundern, dass einer der großen Sümpfe das Militär und der Krieg ist. Bei n-tv war vor einigen Tagen zu lesen:

Mehr Milliarden für das Militär / Deutschland steigert Wehrausgaben deutlich / (...) Deutschland hat seine Rüstungsausgaben im vergangenen Jahr um mehr als zehn Prozent gesteigert. Die Investitionen in Waffen, Munition, anderes Militärmaterial sowie Forschung und Entwicklung in dem Bereich seien 2016 gegenüber dem Vorjahr um 500 Millionen Euro auf 5,1 Milliarden Euro gewachsen, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Der Wehretat insgesamt vergrößerte sich danach um 1,1 Milliarden Euro auf 35,1 Milliarden Euro.

Ja, da freuen sich die Menschen in Deutschland ein kleines oder auch größeres Schussloch in den Bauch: Hauptsache, die Rüstungskonzerne haben genügend Aufträge, damit die Bundeswehr Bundeskriegsarmee tolle Mordwaffen in alle Welt tragen kann, um dort "Freiheit und Demokratie" herbeizuschießen. Die begleitende Kriegspropaganda gibt's in den Qualitätsmedien sowieso ständig und kostenlos dazu - kürzlich erst wieder bei Zeit Online, wo die Gastautorin Melanie Hauenstein [*nomen est omen*] die schaurige Stahlhelm-Uschi ganz besonders geil fand und meinte: "Der Bundeswehreinsatz in Mali ist gefährlich. Deutschland sollte trotzdem weitermachen". - Frauen sind die besseren Menschen, gelle.

Wo sollte Deutschland denn auch sonst "verteidigt" werden, wenn nicht in Mali? Es liegt doch auf der Hand, dass die deutsche Grenze dort geschützt werden muss ... so ähnlich meint die Steinhauende das wohl. Das Grundgesetz, das in meiner Bücherwand steht, ist verblasst - ich habe vorhin nachgesehen und nur noch welke, zerbröselnde Blätter vorgefunden, die in einem Ascheregen auf den Boden rieselten, als ich den schmalen Band aufschlug. Im Hintergrund war irres Gelächter zu hören - vielleicht aus Berlin, vielleicht auch nur aus dem Nachbarhaus, wo der Stumpfsinn ohnehin Triumphe feiert und die "Tagesschau" die einzige Informationsquelle ist, der man blind vertraut.

Wie absurd müssen die kapitalistische Politik und ihre mediale Verbreitung wohl noch werden, bis auch Otto Schmidt und Trude Meier endlich, endlich, endlich erkennen, dass Kafka hier längst das Zepter schwingt und der propagandistische Irrsinn wilde Partys feiert? - Ich weiß, die Antwort auf diese rhetorische Frage ist - zumindest in Deutschland - obsolet. Hier tritt der Armutsrentner, Billiglöhner, Angestellte, Arbeitslose oder Mittelschichtler 1000mal eher einem Flüchtling oder Obdachlosen hasserfüllt in die Fresse, bevor er richtige Fragen zu stellen beginnt - und wenn er doch mal richtige Fragen stellt, glaubt er 1000mal eher den seichten, menschenfeindlichen und falschen Antworten der Rechtsradikalen, bevor er sein Gehirn einschaltet und kurz nachdenkt. Das war schon immer so und es gibt nicht den Hauch eines Anzeichens dafür, dass sich das je ändern könnte.

Jetzt ist es also wieder einmal der Krieg, der von der neoliberalen Politik finanziell gepimpt und propagandistisch untermauert wird, während die Armut im Lande unaufhaltsam und millionenfach zunimmt. - Kommt das eigentlich nur mir so unsäglich bekannt vor???

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Die Kriegslüsternen

Glaubt's oder glaubt's nicht: Es gibt Leute im Land,
die freuen sich auf den Krieg.
Die träumen von Vormarsch, von Panzern und Pak,
von Kesselschlacht und von Sieg.

Keine Rüstungsbarone. (Das wäre normal.)
Nicht Generäle a.D. --
Ganz kleine Gemeine; ganz ärmliche Schweine!
Das ist's, was ich nicht versteh'.

Sie hatten doch alle die Schnauze voll
und wollten nichts mehr wissen,
und hatten allmählich erkannt, dass man sie
nur ausgenutzt und beschissen ...

Doch heut, wo von fern schon die Trommel dröhnt,
um Landsknechte zu werben,
da wissen sie nichts mehr von Stalingrad,
von Bomben und vom Sterben.

Sie sehen nur auf die Uniform,
auf Rauchen, Schnaps und Fressen,
und glauben am Ende, sie täten noch was
für Deutschlands Interessen!

Sie dürfen und können und wollen nichts seh'n.
Ihr Hirn wird täglich schwächer.
So waren sie, sind sie und bleiben sie stets:
Halb Narren - halb Verbrecher!

(Heinz Hartwig, in: "Der Simpl", Nr. 19 vom Oktober 1947)

Mittwoch, 25. Januar 2017

SPD: Schulz vs. Gabriel


Zu diesem Parteitheater fällt mir erst ein dicker, übelriechender Klumpen Kotze aus dem Hals und dann die Liedzeile des damals (1980) noch halbwegs integeren Udo Lindenberg ein:

"Ob blond, ob braun, ob schwarz, ob henna -
und manchmal steh' ich auch auf Männer!"

Mehr gibt's dazu nicht zu sagen.

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Der Parteiredner



(Zeichnung von George Grosz [1893-1959], in: "Der Simpl", Nr. 7 vom Juli 1946)

Auschwitz: Gegen das Vergessen!


Am 27. Januar jährt sich die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die russische Armee zum 72. Mal. Gerade heute ist es wichtiger denn je, gegen das Vergessen bzw. eine inzwischen vielfach ritualisierte und sinnentleerte Pseudoerinnerungskultur, wie sie die neoliberale, korrupte Bande gerne pflegt, anzukämpfen, da nationalistische, rassistische und faschistische Tendenzen überall in der sogenannten "westlichen Welt" wieder um sich greifen wie wuchernde Krebsgeschwüre. Damit sind beispielsweise in Deutschland keineswegs nur die üblichen Verdächtigen (NPD, AfD, Pegidioten etc.) gemeint, sondern die gesamte verrohende Gesellschaft und allen voran die "freiheitlich-demokratischen" Parteien und ihre medialen Sprachrohre.

Aus diesem Grund verlinke ich hier die Dokumentation "Sonderkommando - Auschwitz-Birkenau" von Emil Weiss aus dem Jahr 2007. In diesem Film wird zu heutigen Filmaufnahmen der Ruinen von Auschwitz ausschließlich aus aufgefundenen Dokumenten zitiert, die mehrere Häftlinge aus dem "Sonderkommando", die von der SS zur "Arbeit" an den Gaskammern und in den Krematorien des Konzentrationslagers gezwungen wurden, hinterlassen (auf dem Gelände das Lagers vergraben) haben. Es sind aufwühlende, äußerst eindringliche Texte, die jenseits des lächerlichen, bezuglosen Betroffenheitsgefasels der Gaucks und Merkels vom wirklichen Horror in den Lagern berichten.



Es gibt vereinzelt auch bildliche Hinterlassenschaften aus den Lagern. Unten sieht man beispielsweise eine von 32 Zeichnungen eines unbekannten Häftlings: "Der Zeichner, mit großer Wahrscheinlichkeit ein Häftling 'MM' (...), stopfte die [32] Blätter in eine Flasche und versteckte diese in den Fundamenten einer Baracke in der Nähe der Gaskammern und der Krematorien IV und V. Dort fand sie 1947 der Auschwitzüberlebende Józef Odi, der auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers als Wachmann arbeitete (...)."



Auf dieser Abbildung sieht man die so genannte "Boger-Schaukel": Ein Häftling ist mit den Kniekehlen an einer drehbaren Stange aufgehängt, seine Hände und Füße sind gefesselt. Hinter ihm steht ein SS-Mann, der mit einer Peitsche oder Gerte auf seinen Rücken, sein entblößtes Gesäß und die Geschlechtsteile einprügelt. Wilhelm Boger, Mitarbeiter der "politischen Abteilung" der SS im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, hatte diese Foltermethode zur willkürlichen Bestrafung von Häftlingen eingeführt. Viele der so Gequälten überlebten diese Prozedur nicht.

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Es ist vorbei,
die helle Zeit,
die Lachen uns gelehrt.
Sie ging entzwei,
Zwiespalt gedeiht -
wenn auch die Welt sich wehrt.

(Selma Meerbaum-Eisinger [1924-1942]: "Blütenlese". Gedichte 1939-1942)

Montag, 23. Januar 2017

Hartz-Terror: Kafka lebt!


Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.
(Franz Kafka: "Der Prozess")

Wusstet Ihr schon, dass Arbeitslose "Anspruch auf Urlaub" haben? Das ist kein Witz, sondern geltendes Hartz-Terror-Gesetz: Wer erwerbslos ist und sein Domizil für länger als einen Tag verlassen möchte, muss beim Amt "Urlaub" beantragen und darf erst nach erfolgter Genehmigung zum Freund in den Nachbarort oder zur Omi in den Bergen reisen - sofern man sich die Fahrt leisten kann, versteht sich, denn "Urlaubsgeld" gibt es selbstverständlich nicht.

Der Grund für diese von der neoliberalen Bande erdachte Regelung ist aber nicht etwa pure Schikane und Gängelung (wer dächte auch an so etwas Absurdes im Zusammenhang mit dem Hartz-Terror), sondern die Prämisse der ständigen Erreichbarkeit des Delinquenten. Schließlich könnte sich jederzeit (!) die ultimative "Chance" auf eine "Eingliederung" in den "ersten Arbeitsmarkt" ergeben, für die der Schmarotzer binnen 24 Stunden auf der Arbeitgebermatte zu stehen und Schuhe zu lecken hat, um sie wahrnehmen zu können.

Solch irrsinnige Begründungen glauben freilich nur Menschen, die statt eines Gehirnes einen verwesten Fleischbrei im Schädel pflegen - wenn überhaupt. Selbstredend wird diese Regelung von den "Jobcentern" auch sehr gerne als weiteres Instrument benutzt, um Menschen das "Existenzminimum" kürzen oder streichen zu können - da wird entweder eine angebliche "Ortsabwesenheit" des Betroffenen unterstellt oder auch nur vage "vermutet" (das reicht für eine Sanktion im Hartz-Terror-Alltag völlig aus), oder man lehnt das "Urlaubsgesuch" aus irgendwelchen, nicht näher benannten Gründen einfach ab und verschickt danach einen Gestellungsbefehl um zu überprüfen, ob der Betroffene auch wirklich daheim geblieben ist und den willkürlich anberaumten, ansonsten sinnfreien Termin wahrnimmt - stets in der Hoffnung auf mögliche Sanktionen. Es gibt in den "Jobcentern" sogar ganz offiziell Sanktionsquoten, die zu erfüllen sind - da bleibt es nicht aus, dass die SachbearbeiterInnen "fantasievoll" agieren müssen, um diese zu erreichen und ihren schmutzigen Job behalten zu dürfen.

Allein die verwendeten Begriffe wie "Urlaub", "Antrag", "Genehmigung" oder "Eingliederung" sind in diesem Zusammenhang schon derart kafkaesk, dass ich die übrigen Orwell'schen Neusprechbegriffe aus dem sprachlichen Amtsterrorrepertoire wie "Kunde", "Einladung" oder "Angemessenheit" gar nicht weiter erwähnen möchte. Die Liste wäre auch viel zu lang. Dennoch wird dieser sprachlich wie inhaltlich perverse Blödsinn völlig selbstverständlich benutzt und auf den Gipfel der Absurdität getrieben - und kaum jemand regt sich mehr darüber auf.

Wenn in Deutschland irgendetwas in böser, alter Tradition stets perfekt funktioniert, dann ist es die möglichst menschenfeindliche, herrschaftshörige und vollkommen absurde Bürokratie samt ihrer Fantasiesprache und ihren willig vollstreckenden Eichmännern und -frauen.

K. starrte den Aufseher an. Schulmäßige Lehren bekam er hier von einem vielleicht jüngeren Menschen? Für seine Offenheit wurde er mit einer Rüge bestraft? Und über den Grund seiner Verhaftung und über deren Auftraggeber erfuhr er nichts? Er geriet in eine gewisse Aufregung, ging auf und ab, woran ihn niemand hinderte, schob seine Manschetten zurück, befühlte die Brust, strich sein Haar zurecht, kam an den drei Herren vorüber, sagte: "Es ist ja sinnlos", worauf sich diese zu ihm umdrehten und ihn entgegenkommend, aber ernst ansahen und machte endlich wieder vor dem Tisch des Aufsehers halt.
(Franz Kafka, ebd.)

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Diener des Volkes



(Zeichnung von Franz Bleyer, in: "Der Simpl", Nr. 15 vom September 1947)

Samstag, 21. Januar 2017

Song des Tages: Back On My Hill




(Faithful Breath: "Back On My Hill", aus dem gleichnamigen Album, 1980)

The wind in your dream like ice on your face
The green land of hope dissolving in pain
You feel the blow like a frosty skin
Hear the voice whisper to your ear:
Let me in - open your mind

I'm back on my, back on my hill
(...)
Down to see you, down to see you, down to see you

The light in your thoughts cries out of your mind
The green land of hope looks ever so kind
You feel your sense running out tonight
See the haze cover all your dreams:
Now I'm here to take you away

I'm back on my, back on my hill
I see your eyes keep living still
The shine of life it's hard to kill
Back on my hill, back on my hill
I'm gleaming down to take a chill
Down to hear you, down to near you, down to cheer you

Back on my hill, back on my hill
Leave your world below
Yeah, here we go
Back on my hill, back on my hill (...)


Freitag, 20. Januar 2017

Zitat des Tages: Warnung für Idealisten


Du meinst, es muss sich bald was ändern,
Es kann nicht mehr so weitergehn,
Es müsste, wie in andern Ländern,
Doch mal ein frischeres Lüftchen wehn ---

Du irrst! Man spekuliert auf Erden
Am besten auf die große Zahl
Von jenen, die nicht alle werden,
Und auf die Spießer-Scheinmoral!

Ich will dir die Partei nicht nennen,
Den Sumpf, um den es sich hier dreht,
Du wirst nun wohl auch so erkennen,
Warum das endlos weitergeht!

(A. Ketzer [Pseudonym]: "Warnung für Idealisten", in: "Der Simpl", Nr. 21 vom November 1947)


(Ein magnetisches "Perpetuum Mobile")

Mittwoch, 18. Januar 2017

Obdachlose: Die ersten Opfer des Faschismus


In unserem paradiesischen Land, in dem christlich-menschenfreundliche Werte wie "Wettbewerb", Konkurrenz und Ellbogenmentalität von Kind auf mahnend gepredigt werden und ein heiterer Reigen, in dem jeder gegen jeden anzutreten hat, um das eigene Wohl auf Kosten der anderen zu mehren, zum heiligen Gral und felsenfesten Zentrum des Daseins erkoren wurde, läuft alles nach Plan: Der Rassismus feiert ungeahnte Aufstiege, der Gedanke der Solidarität ist nahezu gänzlich verschwunden und die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gehört wieder zum guten Ton in weiten Teilen der Bevölkerung. Politik und Medien haben's dank permanenter, jahrzehntelanger Vorbeterei möglich gemacht.

Bei n-tv las ich vor einigen Tagen:

Verachtetes "Freiwild": Obdachlose werden brutal attackiert / (...) Obdachlose werden immer wieder Opfer von Gewalt. Das zeigt auch ein kurzer Überblick über die Fälle aus dem Jahr 2016: Sie wurden ins Gesicht getreten, mit einem Hammer geschlagen, angezündet, mit einem Baseballschläger gegen den Kopf geschlagen und mit Silvesterraketen beschossen. "Es ist ein weites Spektrum an Gewalttaten", sagt der Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W), Thomas Specht. "Extrem grausam" seien die Taten. (...)

Der Grund seien oft Ressentiments gegen die Obdachlosen: "Sie sind eine der am wenigsten angesehenen Gruppen der Gesellschaft." Sozialwissenschaftler sprechen von "gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit". Eine aktuelle Untersuchung zeigt: 19,4 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, die meisten Obdachlosen seien "arbeitsscheu". Dass bettelnde Obdachlose "aus den Fußgängerzonen entfernt werden" sollen, fand mehr als ein Drittel richtig.

Und so geht das munter weiter. Ich habe mich über das Thema, das keineswegs neu ist, schon öfter ausgelassen (beispielsweise hier, hier, hier oder hier), aber selbstverständlich nimmt das Problem im vereisten Kapitalistan stetig an Fahrt auf, anstatt erfolgreich bekämpft zu werden - und das ist genauso natürlich staatlich bzw. politisch gewollt. Anders ist der unsägliche Hartz-Terror, der für alle Betroffenen ständig auch die unmittelbare Drohung des Verlustes der Wohnung beinhaltet, nicht erklärbar.



Umso erstaunlicher ist es, dass es heute erneut widerliche Menschen gibt, die ausgerechnet diese ohnehin "Aussortierten", also die Schwächsten, zum Ziel ihrer grauenhaften Gewaltfantasien küren. Der Faschismus ist offensichtlich nicht ausrottbar, solange der Kapitalismus das (Da-)Sein bestimmt - auch diese Erkenntnis ist natürlich nicht neu, wie schon Max Horkheimer in seiner Schrift "Die Juden und Europa" (1939) bemerkte: "Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen."

Noch gruseliger ist es, dass auch heute - wie schon vor 90 Jahren - höchst unterschiedliche Menschen dieser gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (die sich im übrigen heute wie damals keineswegs auf Obdachlose beschränkt) huldigen: AkademikerInnen hetzen geifernd neben ArbeiterInnen, ProfessorInnen schwafeln ebenso haltlosen Bockmist wie Bildungsferne, und am Ende schlägt irgendein Schlächter einem schlafenden Obdachlosen den Schädel ein. Wundern kann sich darüber eigentlich nur jemand, der nicht bemerkt oder bemerken will, was dieses unselige kapitalistische Konzept des "Wettbewerbes" und Konkurrenzdenkens aus eigentlich gesunden, empfindungsfähigen Menschen macht - nämlich zutiefst kranke, emotional und intellektuell verkrüppelte Zombies, denen einzig die eigenen Penunzen heilig sind und die jedwede Empathie verloren haben - sogar dann, wenn auch sie selbst längst am Rande der Klippe stehen oder bereits darüber hinausgedrängt - also "aussortiert" - wurden.

Die Phrase von der "Informations-" oder gar "Wissensgesellschaft", in der wir uns heute laut gerne kolportierter Propaganda befänden, könnte grotesker gar nicht sein. Das Gegenteil ist eher der Fall: Die Menschheit ist weit hinter die so genannte Aufklärung zurückgefallen und befindet sich auf direktem Kurs zurück in die stumpfsinnige Barbarei - mit Pauken und Trompeten und quer durch alle Gesellschaftsschichten.

Obdachlose, Arbeitslose, Flüchtlinge und "Ausländer" sind "nur" die ersten Opfer des Faschismus'. Der Rest der Horrorgeschichte sollte allen bekannt sein. - Derweil gilt auch weiterhin: "Es ist alles still, wie in einer verschneiten Winternacht. Nur ein leiser, monotoner Tropfenfall. Das sind die Zinsen, die fortlaufend hinabträufeln in die Kapitalien, welche beständig anschwellen; man hört ordentlich, wie sie wachsen, die Reichtümer der Reichen. Dazwischen das leise Schluchzen der Armut. Manchmal auch klirrt etwas, wie ein Messer, das gewetzt wird." (Heinrich Heine, 1854)

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"Hitler in uns"
[oder: "Deutschland geht es gut"]


"Ausrotten sollte man sowas!!" - "Minderwertiges Subjekt!!"

(Zeichnung von Josef Nyary [1910-1973], in: "Der Simpl", Nr. 23 vom Dezember 1947)

Montag, 16. Januar 2017

Die böse, linke Kritik: Ein satirisches Mahnmal


Nach den "schweren" Themen der jüngsten Zeit steht mir heute der Sinn mal wieder nach etwas leichtem Spaß - und was bietet sich da noch devoter an als meine Lieblingsspinner der esoterischen "Jenseits der Realität"-Fraktion? :-)

"Och nö", höre ich die BesucherInnen dieses Blogs schon elendig jaulen, "nicht schon wieder eine dumme Faulfuß-Geschichte, die das Offensichtliche offensichtlich zu machen versucht!" - Aber keine Angst, diesmal geht es nicht um Faulfuß, auch wenn der längst wieder kübelweise Kerosin ins Feuer geschüttet und beispielsweise mit einem gehirntötenden Beitrag ("Mystik: Erbarme dich meiner") aller Welt freiherzig kundgetan hat, dass er ungefähr so progressiv ist wie Erika Steinbach oder Winnetou: "Mein Bluda!".

Nein, heute geht's um feine, letztlich gar nicht so einfache Satire. Der Kollege Volker vom frei-blog versucht seit geraumer Zeit, dem zensierten Jubelperser-Kommentariat der esoterischen Spinner etwas Leben einzuhauchen, indem er immer mal wieder - was für ein widerwärtiges Teufelszeug! - Kritik übt. Kritik!!! Man glaubt es kaum - was erlaube Er sich! Es ist erstaunlich, dass diese Versuche von den highligen Vollidioten überhaupt - zumindest manchmal? - noch freigeschaltet werden, aber dünne Feigenblätter haben eben eine gut dokumentierte Funktion. Das wissen natürlich auch die platten und verfaulten Füße.

Richtig lustig wird's aber erst, wenn man die freigeschalteten Reaktionen darauf liest. Es ist leider unmöglich, hier eine umfassende Dokumentation anzubieten, aber einen kleinen Einblick erhält man schon bei der Lektüre dieses Beitrages (Teile wurden inzwischen wieder gelöscht bzw. modifiziert). Da bekommt das Wort "Sippenhaft" eine ganz neue, esoterische Bedeutung. Es reicht für die bedauernswerte Haussklavin Faulfußes, die sich Bettina nennt und dort fast jedes Posting zwanghaft bejubeln muss, schon aus, dass das teuflische Narrenschiff in des Volkers Blogroll zu finden ist und dass es zudem - welch eine üble Ketzerei! - gelegentlich gegenseitige Kommentare hier wie dort drüben gibt, um den armen, vermutlich grinsenden Blogger in die brennende Hölle zu verbannen und zur "Persona non grata" zu erklären.

Auch dies ist indes nur ein kleiner Ausschnitt, denn die Olle, die im Bett so fürchterlich dröge sein muss, ist kein Einzelfall: Auch andere Gehirngrößen wie die fleischfressende, vegane Eule, der Plattfußindianer oder der selbsternannte Guru Faulfuß höchstselbst lassen es sich nicht nehmen, dem abtrünnigen Kritiker ordentlich auf den großen Zeh zu pinkeln und sich damit als glühende Verfechter des esoterischen Sektierertums zu offenbaren. Wer Spaß und Unterhaltung sucht und auf die überbordende Dummheit von RTL II keine Lust mehr hat, kann sich gerne einmal durch die meist intelligenzfreien Kommentare zu den einzelnen intelligenztötenden Postings der Esos klicken (ja, dieser "platte" Doppelhinweis musste sein, denn das eine bedingt das andere!) und sich selber ein Bild machen.

Volker, der Maler, hat das einzig richtige getan und dem Irrsinn ein grafisches, beredtes Denkmal gesetzt. Ich wünschte um des Teufels Willen, es gäbe mehr von dieser Sorte! :-)

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Tanz der Giftnudel


(Illustration von Volker, 2017)

Samstag, 14. Januar 2017

Musik des Tages: Ein Heldenleben




  1. Der Held
  2. Des Helden Widersacher
  3. Des Helden Gefährtin
  4. Des Helden Walstatt
  5. Des Helden Friedenswerke
  6. Des Helden Weltflucht und Vollendung

(Richard Strauss [1864-1949]: "Ein Heldenleben", Op. 40, sinfonische Dichtung für großes Orchester aus dem Jahr 1898, Frankfurt Radio Symphony Orchestra, Leitung: Andrés Orozco-Estrada, 2015)

Freitag, 13. Januar 2017

Serdar Somuncu: Öffentlich-rechtliches TV als Keimzellen des Faschismus?


Ein Gastbeitrag des Altautonomen

Bis zur Böhmermann-Affäre sollte es noch ein ganzes Jahr dauern, da hat der Kabarettist und aktuelle "Die Partei"-Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, Serdar Somuncu, in einem Interview mit der Journalistin Mely Kiyak das Personal der öffentlich-rechtlichen TV-Sender, speziell des WDR, kollektiv als "Arschlöcher" und die Anstalten als "Keimzellen des Faschismus" bezeichnet:



Für die einen mag dies nur eine Bestätigung des Vorwurfs der "Lügenpresse" sein. Für mich sind die von Somuncu sehr emotional und mit Empörung vorgetragenen Vorwürfe der eigentliche Skandal, zu dem sich der WDR natürlich bisher nicht geäußert hat. Stattdessen hat ihn die WDR-Redakteurin Elke Thommessen (u.a. zuständig für Carolin Kebekus' "PussyTerror TV" und überdies WDR-Personalrätin) mit Unterstützung des Senders wegen Beleidigung verklagt. Sie habe erst im letzten Jahr Kenntnis von dem Video bekommen. Somuncus Humor ist nicht mein Ding, aber wie er sich in dem Video äußert, beeindruckt mich sehr. Er spricht mir aus der Seele. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass er ein paar konkrete Beispiele für die Zensur präsentiert hätte - doch vielleicht kommt das ja noch im Verlauf des nun anstehenden Zivilprozesses.

Trotzdem kann Somuncu ja noch froh sein, dass er nicht "Keimzelle des Kommunismus“ gesagt hat, denn dann wäre die kollektive Beleidigung erheblich höher bewertet worden. Schließlich haben die Öffentlich-Rechtlichen kein Problem damit, immer wieder VertreterInnen rechtsradikaler Parteien (AfD) in ihre Talkshows einzuladen, um diesen damit eine Plattform zu bieten, ihre Positionen einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Das läuft dann aber unter "Pressefreiheit, Aufklärung, Toleranz und Meinungsvielfalt". Dabei stellt sich mir die Frage, ob ein Adolf Hitler verhindert worden wäre, wenn man Goebbels ständig als Gast bei Plasberg, Will und Illner gesehen hätte.

Schon der Satiriker Wiglaf Droste schrieb 1993 zum Thema "Mit Nazis reden" folgendes:

Alle Welt sucht das Gespräch mit Rechtsradikalen. Warum? Haben sie einem etwas zu sagen? Ist nicht hinlänglich bekannt, was sie denken, fordern und propagieren? (...) / Muss man an jeder Mülltonne schnuppern? Niemand wählt Nazis oder wird einer, weil er sich über deren Ziele täuscht, – das Gegenteil ist der Fall; Nazis sind Nazis, weil sie welche sein wollen. Eine der unangenehmsten deutschen Eigenschaften, das triefende Mitleid mit sich selbst und den eigenen Landsleuten, aber macht aus solchen Irrläufern der Evolution arme Verführte, ihrem Wesen nach gut, nur eben ein bisschen labil etc., "Menschen" jedenfalls (...), "um die wir kämpfen müssen".

Warum? Das Schicksal von Nazis ist mir komplett gleichgültig; ob sie hungern, frieren, bettnässen, schlecht träumen usw. geht mich nichts an. Was mich an ihnen interessiert, ist nur eins: dass man sie hindert, das zu tun, was sie eben tun, wenn man sie nicht hindert: die bedrohen und nach Möglichkeit umbringen, die nicht in ihre Zigarettenschachtelwelt passen. (...) / Wenn sich dabei herausstellen sollte, dass es sich gegen 50, 60, 70, 80 oder 90 Prozent des deutschen Volkes richtet, dann ist das eben so.

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Letzter Bildbericht des Dritten Reiches



(Zeichnung von Hans Craemer [1891-1975], in: "Der Simpl", Nr. 10 vom August 1946)

Mittwoch, 11. Januar 2017

Epikur fragt - das alte Fusselmonster Charlie antwortet


Im Rahmen eines hier eher belanglosen Kontextes fragte mich der geschätzte Epikur vor ein paar Tagen:

Wie soll eine politische Linke stark werden, ohne dass sie versucht mit den vielen verschiedenen kleinen Gruppen und Grüppchen Kompromisse zu schließen? (Ja, es gibt Grenzen!) Wie sieht Deiner Meinung nach eine linke Gegenbewegung aus? Kann es sie überhaupt geben, wenn alle nur in ihrem stillen Kämmerlein von der großen Revolution träumen und abwarten?

Dazu will ich zunächst einen Kasten Bier konsumieren und sodann frank und frei antworten:

  1. In meinem stillen Kämmerlein findet keine Revolution, sondern allenfalls eine versuchte, meist vergebliche temporäre Eindämmung der übelsten Auswirkungen des kapitalistisch-faschistischen Systemes statt. Das ist zuweilen extrem schwierig.
  2. Es gibt in der Tat Grenzen. Die sind indes klar, deutlich und seit Langem definiert und bedürfen keiner weiteren Diskussion. Oder möchtest Du noch weiter über die Optimierung des Rades sprechen?
  3. Eine "linke Gegenbewegung" kann und wird es in Deutschland niemals geben, solange der brutale, deutsche Stumpfsinn dieses Land beherrscht. Es gibt also keine "linke Gegenbewegung", die dem kapitalistischen Irrsinn ernsthaft gefährlich werden könnte - und ich schreibe das, während ich mir eine geladene Waffe an den Schädel halte und diese Situation so dermaßen beschissen finde, dass mir der Abzug sehr leicht fällt.
  4. Wenn man einmal erkannt hat, dass es während der eigenen Lebenszeit keinen Ausweg aus dieser Katastrophe geben kann, wird man unnachgiebiger und lacht lächerliche Gesellen wie Jens Berger, Albrecht Müller oder den Stiefelknecht Lapuente nur noch aus - eine andere Option bleibt da doch nicht mehr, wenn man nicht böse werden möchte. Ich habe das schon hundertmal geschrieben und wiederhole es gerne noch einmal: Es ist nicht "links", den Kapitalismus "zähmen" zu wollen - nicht nur, weil das sowieso nicht funktionieren kann, sondern weil es jedem auch nur rudimentären linken Gedanken fundamental widerspricht.
  5. Wenn man diesen Erkenntnisgewinn verbuchen kann, bleibt in Deutschland nichts anderes als Resignation oder die "Flucht nach vorne" - Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg können ein finsteres Liedchen davon singen. Ich habe mich jedenfalls für letzteres entschieden, in der frohen und relativ sicheren Hoffnung, dass ich belanglos genug bin, um nicht als Leiche in irgendeinem Kanal zu enden.

Ich wundere mich zunehmend über Menschen wie Dich, denn Du scheinst ja in gewisser Hinsicht ähnliche Schlussfolgerungen zu ziehen, glaubst aber dennoch wie von Sinnen, wenn man Deinen Ausführungen folgt, immer noch daran, dass diese kapitalistische Farce auf irgendeinem mystischen, nebulösen, womöglich parlamentarischen Wege ins "rechte Lot" zu bringen sei. Oder verstehe ich Dich falsch? Wie um des Teufels Willen soll ein System, das auf ständiger Profitmaximierung der "Elite" basiert, heute auch nur einem kleinen Teil der Menschheit von Nutzen sein? Von "allen Menschen" rede ich lieber gar nicht erst, um Dir die Antwort nicht von vorn herein zu verunmöglichen. - Ich muss die Frage also an Dich zurückgeben:

Wie soll sich eine politische Linke in dieser kapitalistischen Endzeit aufstellen? Mehr Mindestlohn für Sklavenarbeit? Weg mit dem Hartz-Terror, auf dass Prekarisierte endlich auch ohne Sanktionen arm sein und hungern dürfen? Mehr Tafeln und Unterkünfte für manche, aber gewiss nicht alle Obdachlose? Mehr Rechte für Frauen in Konzernvorständen, damit sie noch "bessere Männer" sein können und ihren Geschlechtsgenossinnen noch fulminanter in den Rücken fallen können? Mehr Toleranz gegenüber esoterischen Schwachmaten, die ihr Geschick irgendwelchen "höheren Wesen" anvertrauen wollen? Sind das wirklich die erschöpfenden Antworten der heutigen Linken?

Da verkonsumiere ich doch lieber den Kasten Bier und springe danach beherzt und völlig zufrieden von der nächsten Brücke.

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Frei nach wem?


(Aus: "Der Simpl", Nr. 1 vom Januar 1947)

Zitat des Tages: Das Lied meines Lebens


Sieh in mein verwandertes Gesicht ...
Tiefer beugen sich die Sterne.
Sieh in mein verwandertes Gesicht.

Alle meine Blumenwege
Führen auf dunkle Gewässer,
Geschwister, die sich tödlich stritten.

Greise sind die Sterne geworden ...
Sieh in mein verwandertes Gesicht.

(Else Lasker-Schüler [1869-1945]: "Das Lied meines Lebens", in: "Gesammelte Gedichte", Verlag der Weißen Bücher, 1917; Erstveröffentlichung 1907)


(Illustration des Einbandes der Erstausgabe der "Gesammelten Gedichte", gezeichnet von der Autorin)





Montag, 9. Januar 2017

Brave New World


Es nützt alles nichts: Die Menschheit kommt nicht darum herum, über die Zukunft des Arbeitsfetisches im Kapitalismus neu nachzudenken. Es ist kein Zufall, dass sich in den letzten 10 Jahren Schlagzeilen wie diese vom vergangenen Donnerstag bei n-tv häufen: "Computer statt Mensch: KI macht Büroangestellte arbeitslos".

Selbstverständlich benötigt man für diese Erkenntnis keine derartig oberflächlichen Texte aus den kapitalistischen Medien - es reicht ja schon aus, einfach mal eigenständig zu überlegen, wieviele Arbeitsstellen in den vergangenen Jahrzehnten unwiderruflich verschwunden sind, weil irgendwelche Roboter oder Computer deren Aufgabe übernommen haben und wieviele es wohl in naher Zukunft zusätzlich sein werden. Dennoch ist diese textliche Häufung symptomatisch, denn allmählich lässt sich das lächerliche Märchen von der Verlagerung der Arbeitsplätze - beispielsweise in den prekären Dienstleistungsbereich - nicht mehr aufrechterhalten, ohne dass viele Menschen die Lüge erkennen, da auch dieser Bereich längst vom Jobabbau betroffen ist.

Und so gab es kürzlich bei Zeit Online (selbstverständlich im Ressort "Kultur" und nicht etwa "Wirtschaft") einen recht langatmigen Bericht des Politik- und Rechtswissenschaftlers Adrian Lobe, den ich nicht kenne, zu diesem Thema zu lesen, der in vielen, meist überflüssigen Worten das Dilemma auf den Punkt bringt, ohne es zu wollen. Eigentlich ist ein journalistischer Text schon von vorn herein zum Klopapierersatz bestimmt, wenn ein ironiefreier Satz mit den Worten beginnt: "Schon der große Ökonom John Maynard Keynes sagte voraus, dass (...)". - Nein, das muss man nicht lesen, die Intention steht ohnehin so felsenfest wie die Vatikanmauer - und trotz aller Schwurbeleien karikiert sich Lobe doch noch selbst, indem er hinzufügt:

Linkssein ist irgendwie wieder schick, das wurde spätestens mit dem Erfolg des Sozialisten Bernie Sanders klar.

Da platzt der zermürbte Schädel mit einem dumpfen, hässlichen Geräusch, als sei eine bauchige, wassergefüllte Karaffe mit Schmackes auf den Betonfußboden gefallen: Linkssein ist also schick und Sanders ist ein Sozialist? In welchem grotesken Ferengi-Paralleluniversum lebt dieser Mensch bloß, wenn er so etwas nicht in der Titanic, sondern in der Zeit zum Besten gibt, während jedermann doch allerorten zusehen kann, wie die komplette kapitalistische Welt gerade wieder im finstersten Faschismus versinkt und sich auf den Untergang einstellt?

Lobe rührt wild im kapitalistischen, stinkenden Brei herum, benennt jedoch keine Ursachen und erst recht keine sinnvollen Lösungen - er tut mithin genau das, was die korrupte Politbande seit Jahrzehnten vormacht, indem sie vorgibt, an irgendwelchen Symptomen herumdoktern zu wollen (ohne es freilich jemals zu tun) und stattdessen dennoch mit Pauken und Trompeten rauschend weiter dem Gegenteil huldigt und in den kapitalistischen, braunen Abgrund hastet.

Einige der im Text zitierten Philosophen, wie beispielsweise Marx, Adorno oder Fourier, schlössen sich der auf den Betonboden fallenden Karaffe gewiss sofort an, wenn sie den Lobe'schen Sermon lesen müssten: Im Jahr 2017 ist die einstige Aufklärung längst auf den Stand eines hundeverschissenen Sandkastens in einer zerbröckelnden Kita zurückgefallen, in die Kinder von ihren ehrgeizigen, kapitalistisch angefixten ElterndarstellerInnen outgesourct werden, während sie selbst an ihren von Robotern und Computern schon bald übernommenen Strohhalmkarrieren basteln.

Es soll tatsächlich vereinzelte Menschen geben, die noch immer bezweifeln, dass die Zombieapokalypse längst begonnen hat. Denen wünsche ich ein frohes neues und besinnliches Jahr. Alle anderen wissen, was kommt.

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Totenkopflinde



(Zeichnung von Rudolf Schlichter [1890-1955], in: "Der Simpl", Nr. 8 vom Juni 1947)