Heute führt mich die – angesichts der aktuellen Ereignisse immer drängender werdende – Realitätsflucht in die inzwischen schon legendäre Unterwasserstadt Rapture. Für spielaffine Menschen dürfte das ein alter Hut sein, für mich war es aber vor einiger Zeit das erste Mal, dass ich mich in die Tauchglocke begeben und diese fantastische Welt besucht habe. Das Spiel "BioShock 2" des amerikanischen Entwicklerstudios 2K Marin aus dem Jahr 2010 hat Maßstäbe gesetzt und gilt nicht ohne Grund als Meilenstein auf dem Gebiet der Computerspiele.
Eigentlich dürfte dieses Werk mich gar nicht interessieren, da es sich um ein Ballerspiel handelt – und mit Ballerspielen habe ich gemeinhin nichts am Hut. Das einzige weitere Spiel dieses Genres, das ich tatsächlich mit Genuss gespielt habe, war bislang "Black Mesa", also die überarbeitete "Mod"-Fassung von "Half Life", die kostenlos für jedermann verfügbar ist. Allerdings bietet "BioShock 2" ein gewisses Rollenspiel-Ambiente, das es in solchen Titeln vormals nicht gab; zudem ist das Thema außerordentlich aktuell und gesellschaftskritisch, so dass ich mich dazu entschlossen habe, es einfach mal auszuprobieren.
Zur Handlung will ich nicht viele Worte verlieren – dazu ist ohnehin schon viel geschrieben worden. Sie lässt sich herunterbrechen auf das groteske Szenario, dass einige Verrückte Ende der 50er Jahre die Idee hatten, ein "kapitalistisches Paradies" auf dem Meeresgrund zu errichten – und zwar mit allen logischen Konsequenzen, zu denen "genügend Geld" natürlich ebenso gehören wie eine massiv gesteigerte "Effizienz" der einzelnen Menschen durch genetische Veränderungen und entsprechende Drogen. Es verwundert also nicht weiter, dass in Rapture wirklich alles Geld kostet, die Wände mit Reklameplakaten vollgekleistert und auch verbale Werbebotschaften allgegenwärtig sind. Selbstverständlich endete dieses Experiment in der Katastrophe und Rapture versank im Chaos. Zehn Jahre nach der Gründung der Stadt ist sie nahezu menschenleer und nur noch von durch Drogen und Gentechnik völlig entstellten, gewalttätigen Kreaturen bevölkert, die im Spiel "Splicer" heißen und ständig auf der Suche nach dem nächsten Drogenschub (im Spiel "ADAM" genannt) sind.
Zu diesem Zeitpunkt startet das Spiel und man betritt in der Ego-Perspektive schweren Schrittes die finstere und dennoch faszinierende Unterwasserwelt von Rapture. Und was soll ich sagen: Das Werk hat mich von Beginn an gefesselt und bis zum Schluss nicht mehr losgelassen. Es gibt so vieles zu entdecken, zu tun und zu vermeiden (!), dass ich gar nicht in die Verlegenheit kam, mich zu fragen, ob es mir Spaß macht. Es gibt eine Unzahl von verschiedenen Waffen und eine noch größere Anzahl verschiedenster Munition, um die verschiedenen Gegnertypen erfolgreich auszuschalten – und gleichzeitig stehen ebenso viele höchst unterschiedliche "Sonderfertigkeiten" zur Verfügung, die der Spieler im Laufe der Handlung erwirbt (vom klassischen "Feuerball" bis zur Manipulation von Maschinen ist alles dabei), so dass zu keinem Zeitpunkt Langeweile aufkommt. Verbunden ist das Gemetzel mit einer rollenspielartig konzipierten, alles andere als flachen Geschichte, die sich stetig weiter enthüllt. Das gilt zumindest dann, wenn man sich in der grandios entworfenen Spielwelt aufmerksam umsieht und neben allerlei mehr oder weniger nützlichem Zeug (Munition, Waffen, Nahrung, Verbandskästen etc. sowie natürlich Geld, Geld, Geld ...) auch die überall verstreuten Tonbänder entdeckt, auf denen diese Geschichte fragmentarisch und aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird.
Es ist nicht notwendig, den ersten Teil dieses Spieles zu kennen, um es genießen zu können. Auch diese Geschichte wird in "BioShock 2" nacherzählt, wenn man – wie gesagt – aufmerksam sucht.
Die Umsetzung ist den Entwicklern grandios gelungen. Die Grafik ist für das Jahr 2010 durchaus passabel, die Texte sowie die professionelle deutsche Synchronisation sind fantastisch, die Musik ist passend und eindringlich (und stellenweise gar nervenaufreibend). Auf meinem Win7/64-System gab es im gesamten Spielverlauf zwei unvermittelte Programmabstürze (was aber dank der Schnellspeicherfunktion, die man tunlichst sehr oft benutzen sollte, nicht weiter schlimm war). In diversen Spielberichten wird behauptet, das Werk sei in zehn bis zwölf Stunden zu bewältigen – diese Angabe kann ich nicht bestätigen, denn ich habe locker zehnmal so viel Zeit gebraucht. Das liegt vermutlich an meiner Spielweise, denn ich lasse keinen Winkel unentdeckt und stehe angesichts des großartigen Szenarios auch schonmal minutenlang vor einem Fenster oder an einem anderen Aussichtspunkt, um die faszinierende, wenn auch morbide Atmosphäre zu genießen.
Es gibt zwei Add-Ons zu diesem Spiel, von denen ich allerdings nur eines gespielt habe, nämlich "Minerva's Den". Dazu ist nicht viel zu sagen – man nimmt dort eine andere Rolle ein und erkundet ein neues Gebiet in Rapture – ansonsten tut man aber exakt dasselbe wie im Hauptspiel. Und das ist sehr gut so.
Ich habe das Spiel von der ersten bis zur letzten Minute genossen – selten zuvor war ich so traurig, als der Abspann einsetzte. Und mit hämischer, Faulfuß'scher Freude habe ich all die Bösewichte verbrannt, mit Blei vollgepumpt, mit Harpunenspeeren an die Wand genagelt, elektrischer Hochspannung ausgesetzt oder ihnen ein Explosivgeschoss in den Schädel geschickt. Als Pazifist macht dieses Spiel gleich doppelt so viel Spaß. :-) Ich bin sicher, dass mein erster Besuch in Rapture ganz sicher nicht mein letzter gewesen ist.
(Yes: "Awaken", live auf dem Montreux Festival 2003; original aus dem Album "Going for the One", 1977)
High vibration, go on to the sun
Oh, let my heart dreaming past a mortal as me
Where can I be?
Wish the sun to stand still
Reaching out to touch our all being
Past all mortal as we, here we can be
Suns | High | Streams | Through
Awaken gentle mass touch
Strong | Dreams | Reign | Here
Awaken gentle mass touch
Star | Song | Age | Less
Awaken gentle mass touching
Workings of man, set to ply out historical life
Reregaining the flower of the fruit of his tree
All awakening, all restoring you
Workings of man, crying out from the fire set aflame
By his blindness to see that the warmth of his being
Is promised for his seeing, his reaching so clearly
Workings of man, driven far from the path
Rereleased in inhibitions so that
All is left for you
Master of images, songs cast a light on you
Hark through dark ties that tunnel us out of sane existence
In challenge as direct as eyes see young stars assemble
Master of light, all pure chance
As exists cross divided in all encircling mode
Oh closely guided plan, awaken in our heart
Master of soul, set to touch
All impenetrable youth, ask away
That thought be contact with all that's clear
Be honest with yourself
There's no doubt
No doubt
Master of time, setting sail
Over all our lands, and as we look
Forever closer, shall we now bid
Farewell ... farewell ...
High vibration, go on to the sun
Oh let my heart dreaming past a mortal as me
Where can I be?
Wish the sun to stand still
Reaching out to touch our all being
Past all mortal as we, here we can be
Like the time I ran away
Turned around and you were standing close to me
Es ist inzwischen kein Geheimnis mehr, dass in Deutschland die Obdachlosigkeit massiv zugenommen hat und dass diese unheilvolle Tendenz ungebremst andauert. Gelegentlich wird sogar in der Propagandapresse – auf Seite 17 in der Rubrik "Panorama" – darüber berichtet; dies allerdings oft in einer Weise, die mit dem Begriff "perfide" nur unzulänglich bezeichnet ist. Kürzlich war bei n-tv wieder einmal ein solches Beispiel zu finden. Unter der reißerischen Überschrift "Berlin wird Hauptstadt der Obdachlosen" war dort in ebenjener Boulevard-Rubrik zu lesen:
Die Zahl der Menschen ohne Wohnung erreicht in der Millionenmetropole Rekorde. Das Problem ist inzwischen überall sichtbar. Dahinter stecken dramatisch steigende Mieten, Wohnungsmangel und Einwanderung.
Der Text ist es nicht wert gelesen zu werden; zum Verständnis dieses Kommentars ist die Lektüre aber dennoch sinnvoll. Dort finden sich nämlich sämtliche Propagandamerkmale, die in Kapitalistan zu beachten sind, wenn ein so unschönes Thema, das am dünnen Glitzerlack der kapitalistischen Wohlfühl- und "Uns geht es so gut wie nie"-PR kratzen könnte, unbedingt medial behandelt werden muss. Ich zähle einige auf (und erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit):
Es gibt keine belastbaren Zahlen zur Anzahl der Obdachlosen, sondern lediglich ominöse Schätzungen. Diese fallen entsprechend moderat aus.
Obdachlose seien unsäglich faul – sie liegen "Tag und Nacht" einfach tatenlos herum, anstatt ihr "Glück zu schmieden".
Der Staat sowie "private Stellen" kümmerten sich bereits – das Problem sei also gar nicht so schlimm.
Obdachlose seien selbst schuld, wenn ihnen nicht geholfen wird – im Zweifel sind "viele" gleich "psychisch krank".
Insbesondere "Osteuropäer" und "Flüchtlinge" seien schuld an der Misere – Deutsche tauchen in diesem perversen Argumentationsstrang gar nicht auf. In diesem Zusammenhang werden auch logische Brüche unverblümt zur Schau gestellt, wie etwa: "Sie kamen fast alle in die Bundesrepublik mit der Hoffnung auf Arbeit, mussten aber feststellen, nicht im Schlaraffenland gelandet zu sein. Wenn sie nie in Deutschland gearbeitet haben, besitzen sie keinerlei Ansprüche auf soziale Unterstützung (...). Etliche wollen dennoch nicht nach Hause, da das umfassende Hilfsangebot in der Bundeshauptstadt weit besser ist als in ihren Heimatländern." – Das Hilfsangebot ist so umfassend und gut, dass sie eben nun obdachlos sind.
Das "Schlaraffenland" gilt in der medialen Lügenerzählung merkwürdigerweise dennoch weiterhin – allerdings nur für Deutsche. Für "Ausländer" ist es trotz der "umfassenden Hilfsangebote" ein Märchen.
Schuld seien auch die "massiv gestiegenen Mieten" – wobei geflissentlich vermieden wird, die Ursachen dafür zu benennen. Auch die sinkenden, bestenfalls stagnierenden Löhne in Deutschland finden hier keine Erwähnung, ebenso wie die politisch inszenierten Gründe (u.a. "Agenda 2010") dafür. Mieten steigen eben, Löhne nicht – das ist in Kapitalistan ein Naturgesetz, das nicht in Frage gestellt werden darf.
Es gebe einen "Wohnungsmangel". Unerwähnt bleiben dabei regelmäßig die Themen der Gentrifizierung und des (unterlassenen bzw. gar abgewickelten) sozialen Wohnungsbaus. Der "Wohnungsmangel" ist demnach vom Himmel gefallen oder bestenfalls "dem Markt" geschuldet – man kann also nichts dagegen tun. Leerstehende Häuser und Wohnungen, die es in Deutschland zuhauf gibt, finden hier ebenfalls keine sinnvolle Erwähnung. Wieso sollte man Obdachlosen auch in "unattraktiven" Städten eine Wohnung anbieten, wenn sie in Berlin, Köln oder Frankfurt doch im U-Bahn-Schacht hausen können?
Ein wesentlicher Punkt wird regelmäßig nicht einmal am Rande erwähnt: Nämlich der unsägliche Hartz-Terror, durch den deutschlandweit Millionen von Menschen tagtäglich, ohne Unterbrechung, von Obdachlosigkeit bedroht sind – und niemand weiß, wieviele inzwischen tatsächlich ihr Dach über dem Kopf verloren haben, weil fleißige Menschenfeinde in den "Jobcentern" ihre sadistischen Vorlieben ausleben, indem sie "Sanktionen" verhängen und Menschen das "Existenzminimum" verweigern. Dazu gehören junge Menschen und Kinder ebenso wie Ältere, Kranke, Behinderte und Rentner. – Steinmeier findet das toll.
Diese Propaganda, die sich aus einem fiesen Mix aus Menschenfeindlichkeit, Rassismus, Unterschlagung und bizarrer Zurechtbiegung von Fakten zusammensetzt, beherrscht die Berichterstattung zu diesem Thema. Denn wir wissen ja: Es ging "uns" nie so gut wie heute – und wem es vielleicht doch nicht so gut geht, der ist eben selber schuld.
Es ist ein Skandal sondergleichen, dass es in diesem Land überhaupt einen einzigen Menschen gibt, der unfreiwillig obdachlos ist. Und der kapitalistische Staat forciert das, anstatt es rigoros zu unterbinden.
---
Diesen kleinen Text widme ich der sehr netten, obdachlosen Person, mit der ich kürzlich vor den Pforten des Billig-Supermarktes, in dem ich meinen kärglichen Lebensmitteleinkauf tätigen wollte, ein längeres Gespräch führte. Es tut mir heute noch leid, dass ich nicht mehr als ein paar Zigaretten, ein paar Euro und meine Flaschenpfandbons abgegeben habe. Ich hätte mehr geben können – war aber viel zu ängstlich, weil erst Monatsanfang war.
---
Garantierte Grundrechte
"Jeder hat Anspruch auf eine angemessene Wohnung!"
Jetzt, da am Sonntag ein neuer Frühstücksdirektor in einem Akt gelebter Demokratie alternativlos auf den Schild gehoben wird, ist es vielleicht eine gute Gelegenheit, dem scheidenden Präsi noch schnell ein Arbeitszeugnis auszustellen. Es ist hierzu nicht ganz unwichtig, sich klarzumachen, dass ein Bundespräsident zwar formell die Funktion hat, das Land nach innen und nach außen zu repräsentieren, ansonsten aber vor allem gewählt wird, damit alles beim Alten bleibt und die Geschäfte ungestört weiter laufen können. Will heißen, sich um Himmels Willen nicht mit denen anzulegen, die wirklich etwas zu sagen haben und erst recht nicht die herrschenden (Besitz-) Verhältnisse infrage zu stellen. Allzuviel an Kontroverse im Sinne konträrer Gesellschaftsentwürfe ist hierzulande eh nicht allzu beliebt.
Blödsinn ist natürlich das Geraune, Gauck habe die durch den vorzeitigen Rücktritt Köhlers und die springerseits betrommelte Tapsigkeit Wulffs angeblich nahezu irreparabel beschädigte, ominöse 'Würde des Amtes'™ wiederhergestellt. Gauck hat gar nichts wiederhergestellt, sondern im Gegenteil aufgerissene Gräben weiter verbreitert. Zudem hat Das Amt™ auch zuvor schon etliche Peinsäcke überlebt. Jasager (Heuss), Dorfdimpfel (Lübke), Troubadixe (Scheel), notorische Wandersmänner (Carstens), ehemalige Chemiemanager und Wehrmachtsoffiziere, die nie von etwas gewusst haben (v. Weizsäcker), Altnazi-Protegés (Herzog), Frömmler (Rau) und andere Ausfälle. Dass Das Amt™ bzw. dessen Würde™ all das überstanden hat, kann nur eines bedeuten: Es ist längst nicht so wichtig wie's gern hingestellt wird.
Bundespräsidenten geben seit einiger Zeit bei Amtsantritt gern vor, 'unbequem' sein zu wollen. Auch Joachim Gauck bildete da keine Ausnahme. Und die Journaille sekundierte brav. Denn einen auf unbequem zu machen, so hat sich's gezeigt, das kommt an beim Volke. Spätestens seit der alles andere als rebellische Richard von Weizsäcker seiner zähneknirschenden konservativen Peergroup seinerzeit einschenkte, der 8. Mai 1945 sei mitnichten ein Tag der Niederlage gewesen, sondern vielmehr einer der Befreiung. Dass er damit lediglich das aussprach, was damals jenseits furzkonservativer und revisionistischer Kreise eh längst Konsens war - geschenkt. Einen vergleichbaren Ausrutscher eines Amtsträgers hat es seither meines Wissens nicht mehr gegeben. Hotte Köhler, der ewige Sparkassenonkel, ist vielleicht gerade noch rechtzeitig zurückgetreten.
Was unbequem zu sein für einen Bundespräsidenten konkret bedeutet, dafür hat von Weizsäckers kürzlich verstorbener Amtsvorgänger Roman Herzog den bis heute gültigen Standard gesetzt: Ein unbequemer Präsident interpretiert unbequem zu sein dergestalt, vor allem für diejenigen im Lande unbequem zu sein, die sich am wenigsten wehren können. Ihnen streng ins Stammbuch zu predigen, nun sei aber mal Schluss mit Faulenzen, üppigen Löhnen und sozialer Hängematte. Sie auf harte Zeiten und eng geschnallte Gürtel einzustimmen. Gauck lag völlig auf dieser Linie, als er den Deutschen mahlenden Unterkiefers den Zuchtmeister machte und ihnen was von Genusssucht reintat, von mangelnder Bereitschaft fürs Vaterland zu leiden und zu sterben. Auch sonst reüssierte der "eitle Zonenpfaffe" (Deniz Yücel, 2012) schon als Frischgewählter beträchtlich:
So mag der künftige Bundespräsident keine Stadtviertel mit "allzu vielen Zugewanderten und allzu wenigen Altdeutschen", will das "normale Gefühl" des Stolzes aufs deutsche Vaterland "nicht den Bekloppten" überlassen, missbilligt es, "wenn das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird", besteht darauf, dass der Kommunismus "mit ausdrücklichem Bezug auf die DDR als ebenso totalitär eingestuft werden muss wie der Nationalsozialismus", trägt es den SED-Kommunisten nach, das "Unrecht" der Vertreibung "zementiert" zu haben, indem "sie die Oder-Neiße-Grenze als neue deutsch-polnische Staatsgrenze anerkannten", und fragt – nicht ohne die Antwort zu kennen –, "ob Solidarität und Fürsorglichkeit nicht auch dazu beitragen, uns erschlaffen zu lassen." (Yücel a.a.O.)
Legt man das eingangs umrissene Anforderungsprofil zugrunde, dann kann man nicht anders als Joachim Gauck sehr gute Arbeit zu bescheinigen. Brav gemacht. Und Frank-Walter Steinmeiers Vergangenheit als einer der maßgeblichen Mitarchitekten der Agenda 2010 lässt diesbezüglich für die Zukunft einiges erhoffen.
---
Dieser Text erschien unter dem Titel "Zeugnis für J.G." zuerst im Blog "Fliegende Bretter" und wird hier mit freundlicher Genehmigung des Verfassers wiedergegeben.
---
(Leicht modifizierter Screenshot, wdr.de vom 10.02.17)
Es kommt wahrlich nicht selten vor, dass ich beim Lesen der hiesigen Journaille über Textpassagen oder gleich ganze Artikel stolpere, die unweigerlich die entsetzte Frage in mir aufkeimen lassen, ob manche JournalistInnen eigentlich noch alle Latten am Zaun haben. Vor einigen Tagen ist dies wieder geschehen, als ich mich – wie immer auf das schlimmste gefasst – der täglichen Nachrichtenlektüre hingab und bei fr-onlinelesen musste (alternative Quelle):
Erniedrigung und Sex-Rituale bei Elite-Truppe / In einer Kaserne in Pfullendorf kommt es zu einer Häufung "ernstzunehmender Vorfälle". Laut Medienberichten soll es sich um erniedrigende Rituale, sexuelle Übergriffe und andere Straftaten handeln.
Ei der daus!, dachte ich so bei mir, als ich das las: Da werden junge Menschen zu Mördern – zu "Elite"-Tätern gar – "ausgebildet", und dennoch wundert es irgendwen, dass dies bei manchen Menschen soziopathische oder anderweitig schädigende charakterlich-emotionale Folgen hat? Was denkt der gemeine Schreibtischtäter (gemeint sind natürlich auch Frauen) sich denn, wenn jungen Menschen militärischer Drill, Uniformzwang, Gehorsam gegenüber "Vorgesetzten" und strikte Konformität eingebläut wird, während sie gleichzeitig das – möglichst effiziente – Morden "lernen" müssen? Sitzen solche JournalistInnen da an ihren Tastaturen und wundern sich allen Ernstes darüber, dass das Militär meist keine Humanisten, dafür aber manchmal arg deformierte Persönlichkeiten hervorbringt?
Und wie sollen bzw. können junge Menschen darauf reagieren, wenn ihnen gesagt wird, sie könnten am Ende der "Ausbildung" gar einer "Elite"-Truppe angehören, wenn sie denn alle Prüfungen und Anforderungen überstehen? Ist es nicht logisch, dass eine solche widerliche Haltung bei manchen Menschen den Drang erzeugt oder verstärkt, andere zu erniedrigen oder zu quälen, um sich selbst zu erhöhen? Solch einfache Fragen, die jeder gut ausgebildete Psychologe sicher relativ leicht beantworten könnte, kommen der Schreiberzunft gar nicht mehr in den Sinn und werden demnach nicht gestellt. Zu tief sitzt wohl der infantile Propagandaglaube, dass "unser" Militär ganz anders sei als beispielsweise die "böse" russische, syrische oder IS-Armee.
Überdies ist die Wortwahl in diesem Kontext wieder einmal äußerst bezeichnend: Es seien "ernstzunehmende Vorfälle", zitiert die FR das CDU-Kriegsministerium, um später im Text den Kriegsbeauftragten der Bundesregierung, Hans-Peter Bartels (SPD) zu Wort kommen zu lassen: "Alle [Truppen] gehören zur Bundeswehr, und für alle ist ein menschenwürdiger Umgang oberstes Gebot."
Nicht das Morden, nicht die verfassungswidrigen Kriege, an denen die Bundeswehr inzwischen kräftig beteiligt ist, sind im Rahmen dieser Propaganda "ernstzunehmende Vorfälle", sondern die in elitären (Ausbildungs-)Strukturen durchaus erwartbaren charakterlichen Deformierungen einiger Menschen. Und den "menschenwürdigen Umgang" dürfen auch aktuell unzählige Menschen in verschiedenen Teilen der Welt am eigenen Leib erfahren. Auch das ist aber keinen medialen Skandal wert – schließlich mordet "unser" Militär ja im Namen der Freiheit und Demokratie und metzelt einzig "die Bösen".
Mich jedenfalls wundert es nicht im Geringsten, dass es auch in der furchtbaren Ausbildung zum Mörder gelegentlich (oder auch häufiger) zu ekeligen Exzessen kommt. Wer Menschen in eine widerliche Schlammgrube stößt, wirkt ein wenig unglaubwürdig, wenn er sich darüber beschwert, dass sie schmutzig und manchmal eben auch widerlich werden.
Die Bundeswehr gehört rückstandslos abgeschafft – dieses Land benötigt wahrlich kein Militär.
---
Sie können es nicht lassen
"Im nächsten Krieg lasse ich meine Armee auf dieser Linie aufmarschieren. Wir wollen doch einmal sehen, ob wir's beim dritten Mal nicht schaffen!"
(Zeichnung von Jörg Wisbeck [1913-2002], in: "Der Simpl", Nr. 8 vom Juli 1946)
Ich weiß, es ist ermüdend, immer wieder denselben Sermon lesen zu müssen. Ich habe gefühlt schon fünfzigmal auf den propagandistischen Unsinn, den die hiesigen Medien in fast schon trotziger Kontinuität fast jeden Monat in die Welt koten, hingewiesen (ich verzichte hier auf entsprechende massenhafte Verlinkungen - wer das trotzdem noch einmal lesen möchte, muss halt ein wenig suchen) - trotzdem muss ich das auch weiterhin tun, denn wenn die Propaganda nicht verstummt, darf es die Opposition erst recht nicht tun.
Bei Zeit Online war vor einigen Tagen also wieder einmal zu lesen:
Kauflaune der Deutschen wird immer besser / Das Konsumklima in Deutschland hat sich laut Marktforschern zum vierten Mal in Folge verbessert. Auch in die Zukunft blicken die Bürger demnach optimistisch.
Den Quatsch muss man nicht lesen, denn das erklärte Ziel steht ohnehin fest: Es gibt keine Armut in Deutschland und das Wohlbefinden der Menschen ist sowieso einzig daran gebunden, wieviel sie konsumieren - also kaufen - können. Hier ist wirklich alles absurd: die Annahme, die Untersuchung und das Ergebnis gleichermaßen. Eine so dreiste, offensichtliche Propaganda kennen Westdeutsche vor allem aus den ehemals im Westen verächtlich kommentierten Verlautbarungen aus der damaligen DDR.
Diese Propagandameldungen unterscheiden sich tatsächlich in nichts von den gelogenen "Übererfüllungsquoten" der ehemaligen DDR-Propaganda. Sie sind dafür um Längen widerlicher und menschenfeindlicher, denn in Kapitalistan werden Menschen gnadenlos in die Obdachlosigkeit geschickt, wenn sie sich nicht wehren können oder unter besonders ekeligen Eichmännern in den Behördenstuben zu leiden haben. Ist es wirklich verwunderlich, dass so viele Menschen inzwischen in den Armen der noch viel menschenfeindlicheren AfD landen, die zwar ebenfalls keine Antworten auf die drängenden Fragen bietet, dafür aber einfache, dumme Scheinlösungen? Zufällig geschieht das gewiss nicht.
Es ist nur eine Randnotiz - aber auf der Internetseite von Zeit Online war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Propagandatextes unmittelbar darunter dies zu sehen:
Was soll man zu diesem Kindergarten noch sagen. Es sind eben stets die anderen, die lügen, gelle.
Ein müder Lichtstrahl küsst eine Ruine,
In feuchten Kellern wird es langsam Nacht.
Ein blasser Mond verzieht höhnisch die Miene -
Das ist die Fratze dieser Zeit, - die lacht.
Aus kahlen Trümmern kriecht ein fahles Dämmern,
Der Abendwind umsäuselt einen Baum.
Von irgendwo erklingt noch müdes Hämmern,
Vier Menschen drängen sich in einem Raum.
Verfaultes Leben schleimt auf allen Gassen,
Die Abfallgruben stinken widerlich.
Und während in den Luxusvillen Bonzen prassen,
Gehn Huren müde auf den Abendstrich.
Vor einer Haustür steht ein fetter Mann,
In einer nahen Gosse spielen Kinder.
In einer Kirche betet's dann und wann:
Herrgott! Wir sind doch alle arme Sünder!
Und irgendwo lieben sich frohe Menschen,
Und irgendwo lauert der kalte Mord.
In einem kleinen, reichen Ländchen
Schmieden die Dichter noch das Rettungswort.
Der letzte Lichtstrahl küsst eine Ruine,
In feuchten Kellern ist stockdunkle Nacht.
Zu eines bleichen Abendhimmels Miene -
Die graue Elendsfratze höhnisch lacht.
(Heinz Schneekloth [*1924], in: "Der Simpl", Nr. 19 vom Oktober 1947)
---
Dämmerstunde an der Küste
(Gemälde von Kurt Klamann [1907-1984] aus dem Jahr 1946, Öl auf Holz, Privatbesitz)
Die Überwachungspläne der korrupten Bande schreiten munter voran. Vor einigen Tagen geisterte die wenig beachtete Meldung durch die deutschen Gazetten, dass nun die Staatsgrenzen verschärft ins Visier des Großen Bruders genommen werden (alternative Quelle):
Berlin plant eine Verschärfung der Grenzkontrollen. Mit mobilen Kennzeichenlesegeräten sollen künftig alle [sic!] Fahrzeuge, die die Grenze passieren, erfasst und mit den Fahndungsdateien abgeglichen werden. Das lässt sich der Bund einiges kosten.
Die Propagandaberichte versichern natürlich - fast schon hastig - zugleich, dass diese Überwachungen "nur anlassbezogen" und "nicht flächendeckend" geplant seien, auch wenn der sonstige Text der Meldungen dem klar widerspricht. Es kommt zudem offensichtlich niemand auf den naheliegenden Gedanken, dass eine solche perverse Überwachungsstruktur jederzeit unverzüglich umgestellt werden kann auf eine anlasslose Totalüberwachung ohne irgendeine Löschung der Daten. Auch wird hier nicht deutlich, was genau mit "Fahndungsdateien" gemeint ist - oder gibt es schon die große "Big Data"-Zusammenführung verschiedenster polizeilicher, geheimdienstlicher, militärischer in- und ausländischer "Fahndungslisten", ohne dass ich das mitbekommen habe? Gehören die geplanten Mordopfer der US-Regierung ebenso dazu wie "unliebsame Zeugen" des "Verfassungsschutzes"? Man erfährt stets so wenig.
Mich gruselt es jedenfalls bis ins Knochenmark, wenn ich so etwas lese, und ich verstehe einmal mehr nicht, dass die narkotisierte Bevölkerung weiterhin lammfromm und still bleibt, anstatt den schauerlichen Figuren ihre Überwachungskameras und Fahndungsdateien an den Kopf zu werfen und sie geteert und gefedert aus den Städten zu jagen. Der Begriff der "Freiheit" war ja schon immer eine hohle Phrase in sehr engen Grenzen in der "freiheitlich-demokratischen", also kapitalistisch-unfreien Welt - inzwischen verkommt er mehr und mehr zu einem müden Schatten seiner eigenen Karikatur.
Und das alles im Namen des Terrors. - Ganz sicher wird man auf diese Weise zuhauf "Anschläge" verhindern und "Gefährder" fassen können, die gewiss stündlich mit auf den eigenen Namen zugelassenen oder angemieteten Autos die Grenzen passieren, um kleinen Kindern die Köpfe abzuschneiden, bevor sie ihren Ausweis am Tatort hinterlegen und sich dann entweder selbst in die Luft sprengen oder von den "Sicherheitskräften" erschießen lassen. - Glaubt diesen Quatsch allen Ernstes irgendwer?
Ich sehe auch eine Menge wirklich böser Gefährder in dieser völlig verkommenen, schmutzigen Welt - allerdings hocken die fast allesamt in den Geldspeichern, Villen, Banken, Lobby- und Wirtschaftspalästen, Parlamenten und Medienhäusern dieses korrupten Gebildes, das sich irrsinnigerweise noch immer "Staat" nennt - dort sind selbstverständlich aber keine Überwachungen geplant. Es gibt indes einen Begriff dafür, der weitaus passender ist: "Mafia".
---
Stützen der Gesellschaft
(Gemälde von George Grosz [1893-1959] aus dem Jahr 1926, Öl auf Leinwand, Nationalgalerie Berlin)
Anmerkung: Besonders hinweisen möchte ich hier auf die Darstellung des "Journalisten" (unten links), dem Grosz einfach mal einen Nachttopf auf den Schädel gesetzt hat. - Das Bild ist indes in vielerlei Hinsicht heute ebenso aktuell wie damals. Anders als damals erkennt das heute aber kaum jemand mehr, fürchte ich.
Ich habe Deutschland zwei Jahre nach der Wiedervereinigung – meine Tochter war noch nicht geboren – verlassen. Über viele Jahre und mit viel bürokratischem Aufwand (Aufenthaltsrecht, Arbeitsgenehmigungen etc.) habe ich mir eine selbstständige Existenz in Frankreich aufgebaut. Meine Tochter ist hier aufgewachsen, hat die Schule bis zum Gymnasium durchlaufen und kannte Deutschland nur aus den Besuchen von Freunden und Verwandten. Diese hat sie in schöner Erinnerung behalten und nach dem Abitur war es ein großer Wunsch von ihr, in Deutschland zu studieren.
Da ich meine Tochter nicht unbegleitet lassen wollte, habe ich meine selbstständige Arbeit ruhen lassen, um meiner Tochter den Einstieg in das Land ihrer Eltern zu erleichtern. Ich hatte mich bereits auf Stellen beworben und eine Zusage für eine Beschäftigung als Integrationslehrerin in der Tasche, so dass wir finanziell eigentlich nichts zu befürchten hatten. Allerdings hatte ich trotz zwölfjähriger Erfahrung in der Erwachsenenbildung nur eine eingeschränkte Zulassung vom Bundesamt für Flüchtlinge (BAMF) erhalten. Das bedeutete, dass ich für 700 Euro Kurskosten eine 70stündige Weiterbildung hätte ableisten müssen, die natürlich weiter entfernt angeboten wird, während ich alle Aufwendungen dafür (Hotel, Anfahrt etc.) selber hätte tragen müssen – es sei denn, ich hätte mich verpflichtet, für ein ganzes Jahr Integrationskurse zu geben – dafür hätte es dann Zuschüsse gegeben.
Andere müssen für 1.400 Euro eine verlängerte Weiterbildung absolvieren – da war ich schon etwas besser gestellt.
Also trotz allem: Koffer gepackt und zurück mit guten Gefühlen nach Deutschland, wo uns Freunde zunächst einmal Gastrecht gewährt haben. Was wir dann erlebt haben, hat sich allerdings eher als Albtraum herausgestellt denn als Perspektive.
Die erste große Überraschung war nicht unbedingt mein Arbeitsvertrag als Scheinselbstständige – ohne finanzielle Absicherung im Falle von Krankheit, Urlaub, von Feiertagen oder bei Ferien sowie die aus eigener Tasche zu bezahlende Sozial- und Krankenversicherung – sondern der immense Arbeitsumfang, den ich täglich abzuliefern hatte, um auf ein Einkommen zu kommen, das uns erlauben würde, nicht nur zu überleben, sondern davon auch halbwegs gut zu leben. Was die Arbeitsstunden betraf, so wurden diese weitgehend eingehalten, nur in der Vergütung gab es erhebliche Unterschiede. Das bedeutete für mich Arbeitstage, die um 8:00 Uhr begannen und häufig erst um 20:00 Uhr endeten.
Während die Integrationskurse einigermaßen korrekt bezahlt wurden, war eine 35-Stunden-Woche dennoch nicht ausreichend, um davon seinen Lebensunterhalt zu sichern, denn andere Kurse – wie beispielsweise Einzelunterricht für Firmen, B2-Kurse etc. – wurden mit lediglich 16 Euro vergütet. Die notwendige Unterrichtsvorbereitung ist in den 35 Stunden nicht enthalten und wird auch nicht anderweitig bezahlt. Trotzdem erhielt ich permanent Angebote für viele verschiedene Kurse, kurzfristig angesetzt, die ich von einem auf den anderen Tag und auch an unterschiedlichen Veranstaltungsorten wahrnehmen sollte.
Nachdem der erste Schock überwunden war, haben wir uns auf die Wohnungssuche begeben, denn wir konnten ja nicht ewig bei unseren Freunden bleiben. Also hieß es: jeden Tag die Zeitungsanzeigen anschauen und im Internet suchen!
Die Wohnungssuche
Der Besuch beim Immobilienmakler hinterließ folgende Bilanz: Horrende Mietpreise für drittklassige Unterkünfte; Nichtraucher erwünscht; ohne Kinder; mit gesichertem Einkommen; wenn möglich Wochenendheimfahrer – und natürlich ohne Haustier. Schufa-Auskunft inklusive. Beim Makler sollten wir eine schöne Bewerbungsmappe vorlegen – aber der Hund ...: "Können Sie den nicht woanders lassen???"
Nur nicht den Mut verlieren! Ich stoße auf eine Anzeige bei Ebay: "Zwischenmieter gesucht, Zweizimmerwohnung – Hund kein Hindernis!" – Sofort reagiert, und siehe da, wir dürfen die Wohnung besichtigen.
Bereits beim Betreten des Treppenhauses umgibt mich ein mulmiges Gefühl – es mieft und stinkt. Die Wohnung ist möbliert, aber die Einrichtung ist selbst für den Flohmarkt nicht mehr geeignet. Trotzdem haben wir keine andere Wahl: Der Mietpreis ist horrend und die Vermieterin, die mich fatal an ein "Nazi-Girl" erinnert, äußerst unsympathisch. Am nächsten Tag unterschreibe ich den Mietvertrag – drei Monate Kündigungsfrist.
Ich fühle mich, als hätte ich mein (Todes-)Urteil unterschrieben. Mittlerweile hatte ich fast täglich acht Stunden zu unterrichten – morgens fünf Stunden und nachmittags von siebzehn bis zwanzig Uhr. Die Teilnehmer der Kurse waren glücklich, denn bei anderen Lehrern ging es ihnen immer zu schnell – der Lehrplan musste ja eingehalten werden. Ob die Leute etwas verstehen oder nicht, ist schließlich egal ...
Was man in Deutschland unter Integration versteht
Wie gründe ich meine eigene Existenz, wie fülle ich Formulare für Ämter aus, wie trenne ich meinen Müll, was ist Heimat, was ist das Oktoberfest und was gibt es über andere deutsche Bräuche zu lernen – all das ist aus Behördensicht ungemein wichtig für die Integration von Ausländern in Deutschland. Es verlangt schon einiges pädagogisches Talent und Geschick, damit nicht sehr schnell eine allgemeine Ermüdung eintritt.
Die Teilnehmer der Kurse sind oftmals noch hoffnungsfroh und voller Dankbarkeit der Frau Merkel gegenüber, die sie "vor ihrem Elend gerettet" hat, aber auch schon häufig resigniert. Manche von ihnen leben in Lagern, andere bereits in eigenen Wohnungen.
Beim Arbeits- oder Sozialamt sind sie dann alle gleich und werden nur noch als Kundennummer geführt. Für die so genannten Bildungsträger gibt's nur dann Geld, wenn die Anwesenheit der Teilnehmer gesichert, also dokumentiert ist. Deshalb wird mit pedantischer Sorgfalt die Anwesenheit kontrolliert und es werden Entschuldigungen bei Abwesenheit verlangt (Krankmeldungen etc.).
Teilweise müssen die Kosten für diese Integrationskurse von den Teilnehmern selbst aufgebracht werden, denn was unter Integration allgemein verstanden wird, das beschränkt sich weitgehend auf Flüchtlinge. Integriert werden müssen in Deutschland aber nicht nur Flüchtlinge, sondern z.B. auch eine italienische Krankenschwester, die zunächst mal 600 Euro für die Anerkennung ihrer Krankenschwesterausbildung in Italien hinlegen muss, und zusätzlich, obwohl sie zwar sehr gut deutsch spricht, aber darüber noch keine offizielle Bescheinigung vorweisen kann, einen Kurs belegen muss, der sie noch einmal schlappe 1.500 Euro kostet, während sie vom Arbeitsamt in der Zwischenzeit nur als Praktikantin eingestuft wird.
Was für eine gute Lernatmosphäre nötig wäre, wird konsequent vernachlässigt und einzig der ökonomischen Devise geopfert: Es gilt, mit möglichst geringem Aufwand einen möglichst hohen Ertrag zu erzielen: Zwei Damen- und zwei Herrentoiletten für 60 Schüler samt Lehrpersonal und Angestellte; die Unterrichtsräume so eng bemessen, die Tische so eng gestellt, dass ich mir bei den Ausflügen zu den hinteren Tischen stets blaue Flecken geholt habe.
Die Wohnung
Zunächst waren wir sehr glücklich, unsere "eigenen" vier Wände zu haben – doch dann mussten wir sehr schnell feststellen, dass bei minus 10° C Außentemperatur nachts weder die Heizung im Badezimmer, noch die in der Küche funktionierte – im Wohnzimmer machte die Heizung einen Höllenlärm und wurde nur mäßig warm. Die Waschmaschine lief lediglich auf zwei Programmen und musste manuell weitergestellt werden.
Der Wäscheständer war schief und bereits mit Isolierband "repariert worden". Nach einer Woche musste ich in der Küche feststellen, dass sich an der gesamten Wand, die nach außen geht, ein widerlicher grün-schwarzer Schimmel bildete. Als wir das der Vermieterin mitteilten, machte sie uns dafür verantwortlich. Dann die böse Überraschung – mitten in der Nacht ein furchtbarer Lärm: der Küchenschrank war zur Hälfte zusammengebrochen. Ab dem Moment hatten wir richtig Panik, etwas anzufassen.
Krankheit
Ich weiß nicht, ob ich es dem Schimmel zu verdanken hatte oder einfach der Tatsache, dass ich ziemlich überarbeitet war – jedenfalls wurde ich ziemlich heftig krank. Fieber, Kopfschmerzen, Halsschmerzen, vereiterte Mandeln. Um keinen Verdienstausfall zu haben, bin ich weiterhin zur Arbeit gegangen mit dem Resultat, dass ich über mehrere Tage fast keine Stimme mehr hatte. Piepsiger Anruf beim Arbeitgeber, dass ich nicht unterrichten kann – mit der Antwort, ob ich das nicht früher hätte sagen können, ich wüsste doch, wie schwer Ersatz zu finden ist. Da kein Ersatz gefunden wurde, fielen die Kurse dann aus – selbstverständlich aber nicht die Integrationskurse, mit denen Geld zu verdienen ist.
Die Flucht
Da ich eigentlich nur Geld übrig hatte, um einigermaßen gut essen zu können – unser einziger Luxus –, beschloss ich, dem Ganzen ein Ende zu setzen. Zum Glück konnte ich vorzeitig die wunderbare Wohnung kündigen. Die Wohnungsübergabe ist mir noch immer in traumatischer Erinnerung. Die Vermieterin kam, durchschritt die 58-qm-Wohnung mehrere Male, so dass man die Erschütterung ihrer Schritte geradezu bis in Mark und Bein verspürte. Bei minus 5° C riss sie alle Fenster auf – wir saßen wie zwei Schwerverbrecher auf dem verdreckten Sofa und nun wurden alle Schränke geöffnet, der Lattenrost des Bettes inspiziert, unter das Bett geschaut, die Waschmaschine in Gang gesetzt – nichts entging ihren Argusaugen. Am Wohnzimmerfenster entdeckte sie etwas Schimmel und an den Fenstern Feuchtigkeit – merkwürdig, dass sie alle "Stellen" bereits kannte.
Alle Mängel an Inventar und Wohnung lastete sie uns an und weigerte sich deshalb, die geleistete Kaution zurückzahlen. Das Ganze eskalierte und wir wussten keinen anderen Ausweg, als unseren Freund anzurufen, damit er uns hilft. Dieser drohte ihr dann mit einer Anzeige, da er den Eindruck hatte, sie wolle sich an uns bereichern.
Nach langem Hin und Her bekamen wir endlich unsere Kaution – bis auf 20 Euro, die sie unbedingt behalten wollte für die "Reparatur" des Küchenschrankes. Es folgte noch eine Nacht bei unseren Freunden und am nächsten Tag ging es endlich zurück nach Frankreich.
Meine Tochter hat nun doch Abstand von der Idee genommen, in Deutschland studieren zu wollen, wobei ich in diesen Bericht nichts von den Erfahrungen meiner Tochter habe einfließen lassen.
---
Dieser Text wurde dem "Narrenschiff" freundlicherweise von Troptard zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!
Meine esoterischen Lieblingsfeinde von "Jenseits der Realität" sind ja permanent auf der Suche nach esoterischen KünstlerInnen und graben dabei so manches verfaulte Volksmusik-Ei oder gerne auch populäre Musik vergangener Jahrhunderte ohne jeden Tiefgang aus. Ebenso gerne begeben sich Faulfuß und Konsorten aber auf die Jagd nach neuen literarischen HeldInnen und haben auf diese Weise schon für reichlich prustende Unterhaltung auf der Narrenschiffsbrücke gesorgt.
Kürzlich ist den Religioten, die sich selbst gerne "Spiris" nennen (ich verkneife mir jeden Brüllwitz dazu), ein echter Clou gelungen, denn sie haben den neuen leuchtenden Stern am deutschsprachigen Lyrikhimmel ausgemacht: "Worte – Neue Lyrik von Sabine B." - Ich empfehle die Lektüre dieser bahnbrechenden "Poesie" ausdrücklich, denn nach sieben Kästen Bier, zwei Flaschen Korn und 47 "funny cigarettes" gibt es in der Tat nichts mehr, das noch tiefgehender und ergreifender sein könnte.
Ich habe mir nun, mit etwas wissenschaftlichem Abstand, einmal die Mühe gemacht, die literarischen Heldentaten der Frau B. eingehend zu analysieren. Der Schwerpunkt lag selbstverständlich auf den ersten vier Buchstaben dieser Analyse. Dabei ist das folgende B-Plagiat entstanden, das ich der genervten Bevölkerung von Kleinbloggersdorf nicht vorenthalten mag:
Der Verlust
Für Sabine B., 2017 A.D.
Wenn der Zombie röhrend meint: "Es schmeckt!",
stellst du panisch und verzweifelt fest:
Dein Gehirn ist plötzlich, plötzlich weg!
Des Zombies grunzend' Schmatzen rülpst den Rest.
Trotzdem musst du dich nicht so furchtbar grämen,
denn letztlich ist's doch völlig einerlei,
dass dein Hirn nun im Zombiemagen 'west,
anstatt im Schädel deinen Leib zu lähmen.
Und mag der Faulfuß dich auch noch so kirren:
Schreib niemals wieder ein Gedicht, ich bitt'!
Als Zombie lebt es sich doch auch sehr nett.
Millionen Esos können sich nicht irren!
Es ist ja stets mit unfreiwilligem Slapstickhumor verbunden, wenn heutige kapitalistische Massenmedien sich dem Thema Philosophie widmen - die Beispiele dafür sind längst Legion (ich erinnere nur ungern an Peter Schlotterschwanz). Dass es aber ebenfalls in oberflächliche, geradezu lächerliche Küchentischweisheiten ausartet, wenn beispielsweise Zeit Online ein Interview mit einer Philosophieprofessorin bringt, läutet eine neue Stufe der Dämlichkeit ein, die sich gewaschen hat.
Die Rede ist von diesem Interview mit Prof. Sabine Döring, die "Praktische Philosophie" an der Uni Tübingen lehrt. Ich weiß freilich nicht, wie authentisch bzw. vollständig der wiedergegebene Text ist - was da aber zu lesen ist, muss jedem Geisteswissenschaftler und jedem denkfähigen Menschen aufgerollte Fußnägel und blutende Augen bescheren. Gerade zum Thema "Weltschmerz", das in Untergangszeiten wie heute nicht ohne Grund sehr aktuell ist, bekommt man dort hanebüchenen Unsinn zu lesen, der - wäre es nicht so ernst - karnevalistische Lachsalven zur Folge hätte. Döring vergleicht den "Weltschmerz" der Literatur der Jahrhundertwende, also ebenfalls einer Zeit des kapitalistischen Unterganges, einfach mal mit einer persönlichen "Spinnenphobie" [sic!] und negiert damit ganze Jahrzehnte der literaturwissenschaftlichen Erkenntnis gänzlich. Man könnte tonnenweise Regalwände aus literaturwissenschaftlichen Bibliotheken in die Müllverbrennungsanlage kippen, nähme man diesen grotesken Unfug ernst.
Des weiteren offenbart die Dame ein äußerst elitäres, geradezu faschistoides Menschenbild, wenn sie sagt:
Ob ich die Welt als unzulänglich erlebe oder nicht, hängt davon ab, welche Wünsche, Ziele oder Bedürfnisse ich habe. Ein Handwerker, der glücklich ist, wenn die Ziegel, mit denen er das Dach decken will, pünktlich ankommen, wird weniger Weltschmerz erleiden als jemand, der sich dafür verantwortlich fühlt, wie die Welt sich insgesamt entwickelt.
Ich weiß nicht, wie ich eine solche widerliche Aussage kommentieren soll, ohne ausfällig zu werden. Ich versuche es mal so: Eine Professorin, die im Rahmen des bestehenden und nicht angetasteten Systems bis zu ihrem Lebensende ohne materielle Sorgen leben darf, verspürt gewiss weniger Weltschmerz als ein prekärer Kollege, der sich mit unterbezahlten Zeitverträgen und zusätzlichen Taxischichten mühsam über Wasser zu halten versucht und von Monat zu Monat hangelt. Die Dame scheint aus ihrer eigenen rosafarbenen Filterblase nicht herauszukommen, wenn sie nachzudenken versucht.
Selbstverständlich darf in diesem bizarren Reigen auch die heute gängige Proklamation der "Eigenverantwortung" nicht fehlen. Frau Professor Dr. phil. meint:
Ich würde umgekehrt aus einer liberalen Tradition sagen, man macht es sich zu einfach, wenn man sagt: Jetzt ist die Politik verantwortlich dafür, dass eine Zukunftsperspektive entwickelt wird. Da sind alle verantwortlich. Wir sollten nicht in so eine Versorgungsmentalität verfallen.
Wer sich an dieser Stelle noch nicht erbricht, hat nicht verstanden, was die Frau da von sich gibt. Merkel & Co. sind entlastet - stattdessen haut die Olle den BürgerInnen, insbesondere natürlich den Ärmsten, den Kranken, den Alten, den Schwächsten den mit rostigen Nägeln gespickten Baseballschläger mit Schmackes in die Fresse, dass das Blut nur so spritzt. Das ist praktische Philosophie in Kapitalistan 2017.
Es versteht sich von selbst, dass ein solches Interview nicht ohne einen "Alles ist gut"-Höhepunkt auskommen kann. Den hebt sich die Schlägerin philosophiae aber bis zum Schluss auf, damit er richtig wirkt und keiner mehr aufstehen kann, um leise "Aber ..." oder gar "Nein" zu sagen:
Ich glaube, Weltschmerz wäre zum Teil schon therapiert, wenn man anerkennen würde, dass Prozesse wie Globalisierung, Digitalisierung oder Massenmigration zwar unaufhaltsam sind, wir sie aber durchaus steuern können. Wir sind nicht hilflos ausgeliefert. Wenn diese Ohnmacht wegfiele, wenn wir uns selber wieder ganz im Sinne der Aufklärung als autonome Individuen wahrnähmen, die eine gewisse Gestaltungsmacht haben. Und indem wir uns andererseits aber auch gleichzeitig klarmachen, dass unser Gestaltungsspielraum Grenzen hat und Antworten immer nur vorläufig sind. Wer erkennt, dass bestimmte Gefahren und Schmerzen unvermeidbar sind, muss nicht an Weltschmerz leiden.
Nachdem ich dieses unsägliche Interview gelesen hatte, beschloss ich, mich sinnlos zu betrinken, um dem aufklärerischen Weltschmerz in mir einen größeren Raum zu verschaffen, den er wahrlich verdient - leider scheiterte das an nicht vorhandenen Alkoholmengen. Vielleicht fahre ich demnächst mal nach Tübingen und hole das im Hörsaal der Frau Döring nach. Möglicherweise kann ich dann mit dieser Dame auf demselben intellektuellen Niveau diskutieren.
Der Umstand, dass es in der letzten Zeit hier im Blog etwas ruhiger war, sollte nicht drüber hinwegtäuschen, dass es nichts zu schreiben gegeben hätte. Tatsächlich hat mich im letzten Jahr vor allem die Debatte über die Äußerungen von Sahra Wagenknecht umgetrieben. Leider hatte ich arbeitsbedingt wenig Zeit, dazu etwas zu schreiben. Das will ich nun nachholen.
Mir ist natürlich bewusst, dass alle, die nicht sonderlich von einer "sozialen" Politik angetan sind, jede Unstimmigkeit aus dem "linken" Lagen freudig aufgreifen, um eben eine Partei, die auf eine "soziale" Politik hinwirken möchte, zu diskreditieren. Aber eingedenk dieses teils sehr offensichtlichen Umstands stört mich ehrlich gesagt mindestens ebenso, wie unkritisch und polarisiert die Debatte auch von "linker" Seite geführt wird, ganz so, als ob völlig auszuschließen sei, dass Wagenknecht selbst ziemlich weit daneben greift. Offen gestanden finde ich manche ihrer Argumente ziemlich fragwürdig und bisweilen auch dreist in dem Versuch, Leute wie mich für dumm zu verkaufen.
Seitens Wagenknechts heißt es dann vereinzelt, sie hätte sich "unglücklich" (offenbar aber nicht falsch) ausgedrückt, es wären Missverständnisse entstanden. Komisch nur, dass diese Missverständnisse in einem bestimmten Kontext ziemlich häufig und geradezu systematisch vorkommen. Mely Kiyak bringt das wie folgt auf den Punkt:
Sahra Wagenknecht fühlt sich missverstanden. Ausgerechnet sie, deren Popularität sich auch aus ihrer Gabe speist, komplizierte ökonomische Verhältnisse talkshowgerecht zu servieren. Bei einem Thema wie Bankenregulierung hat sie bislang nie damit kämpfen müssen, dass jemand sie falsch versteht. Ihre Einstellung zur Riesterrente kann sie ebenfalls in einer halben Minute präsentieren. Das Verzocken der Renten auf den Kapitalmärkten über Mario Draghi und die EZB ist schon fast ein geflügeltes Wort. Nichts davon musste Sahra Wagenknecht jemals korrigieren. Nie fühlte sie Erklärungsbedarf. Das Ganze noch einmal in anderen Worten erklären? Niemals! (Mely Kiyak, ZEIT, 3.08.2016)
Gastrecht und Silvester
Nehmen wir die Debatte um die Silvester-Nacht in Köln 2016: In diesem Zusammenhang sprach Wagenknecht davon, dass jene, die ein Gastrecht missbrauchen, dieses verwirkt hätten (siehe z.B. taz, 13.01.2016). Ein Gastrecht ist nun aber eine eher informelle Idee, dazu gibt es kein Gesetz. Was es gibt, das ist ein Asylrecht, das als universelles Menschenrecht gilt. Und genau dort liegt der rhetorische Trick: Das "Gastrecht" sollte als "Asylrecht" gelesen und verstanden werden, ohne auch nur Letzteres auszusprechen. Auf diesem Wege ließ sich die Einschränkung eines universellen Menschenrechts fordern, ohne es direkt auszusprechen.
Der Ehrlichkeit halber ist aber darauf hinzuweisen, dass diese Wortwahl in der Partei "Die Linke" als "unglücklich" empfunden (RND, 8.08.2016) wurde, was Wagenknecht dann in einem Interview im Sommer 2016 einräumte, wobei sie auch betonte, diese Wortwahl nicht mehr verwenden zu wollen (ZEIT, 4.8.2016).
Kapazitätsgrenzen
Wäre die Diskussion um die Silvesternacht ein Einzelfall, dann könnte ich sagen "Schwamm drüber". Tatsächlich wilderte Wagenknecht angesichts der Flüchtlinge zusätzlich im rechtspopulistischen Spielfeld, als sie von "natürlichen Kapazitätsgrenzen" sprach und vor einem "Zerreißen der Gesellschaft" warnte, sollte noch eine Million Flüchtlinge nach Deutschland kommen (RND, 14.01.2016, und RND, 14.01.2016).
Auch hier wieder ein rhetorischer Kniff, der aber reichlich plump als Spitzfindigkeit daherkommt. Natürlich hatte Wagenknecht nicht von "Obergrenzen", sondern von "Kapazitätsgrenzen" gesprochen (LVZ, 17.03.2016). Lassen wir das mal so im Raum stehen, dann bleibt das Sprechen von "Kapazitätsgrenzen" dennoch problematisch und zwar aus mindestens zwei Gründen.
Erstens: Wenn Wagenknecht von Kapazitätsgrenzen sprach und davon, dass die Flüchtlingsbewegungen die Gesellschaft auseinanderreißen könnten, mag das gerne als "Realismus" ausgelegt werden (übrigens auch eine Strategie der Neu-Rechten und Rechts-Populisten: man/frau sieht die "Realität", die anderen sehen sie nicht oder wollen sie nicht sehen). Stillschweigend werden aber mit diesem "Realismus" die vorherrschenden sozialen Verhältnisse einfach so akzeptiert (inkl. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit). Dabei hätte es Wagenknechts Aufgabe als "linke" Politikerin sein können, darauf hinzuweisen, dass die Menschen, die nach Europa kommen, letztlich ebenso "Globalisierungsverlierer" sind wie die Menschen, die bereits hier am Rande der Gesellschaft leben. Natürlich steigt mit mehr Menschen auch die Zahl der Erwerbsfähigen, so dass die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt zunimmt. Aber davon sind alle betroffen. Das hätte eine "linke" Politikerin auch zum Anlass nehmen können, um an die Solidarität zu appellieren, neue Allianzen und Möglichkeiten für sozialen Protest aufzuzeigen und auf diese Weise die bestehenden Ängste abzubauen. Stattdessen steigt sie mit "Kapazitätsgrenzen" in die Diskussion ein, mit der die Frontstellung "Wir gegen die" bedient wird und damit auch noch in eine völlig falsche Richtung: Denn die eigentlichen Probleme liegen doch in der Vernachlässigung und im Schleifen des Sozialstaats.
Es ist nicht so, dass Wagenknecht diese Aspekte völlig ignoriert hätte - sie könnte immer darauf verweisen, dass sie auf den mangelnden sozialen Wohnungsbau, die Situation der Flüchtlinge vor Ort usw. aufmerksam machte. Aber das steht dann eben neben provokativen Äußerungen, die ein konfrontatives "Wir gegen die" bedienen, statt Solidarität zu fördern und Ängste abzubauen. Anders formuliert: Wenn es mir darum geht, soziale Spaltung zu vermeiden, dann sollte ich doch alles vermeiden, was einer "Wir gegen die"-Rhetorik Nahrung gibt. Verschärft wird das dadurch, dass sie ganz klar AfD-Argumente und -Motive bedient, wenn sie z.B. meint, es müsse das Ziel sein, dass Flüchtlinge wieder heimkehren (RND, 14.01.2016). (Kritisch lässt sich hier anmerken, dass in dieser Forderung ein Mangel an Empathie für Flüchtlinge aufkommt: Können wir überhaupt verlangen, dass die Menschen wieder dorthin zurückkehren, wo sie herkommen? Existiert diese "Heimat" denn überhaupt noch? Ich kann mir jedenfalls gut vorstellen, dass es manchen Flüchtlingen aus verschiedenen Gründen nicht zuzumuten ist, wieder zurückzukehren - selbst dann, wenn dort Demokratie, Rechtsstaat usw. Einzug halten.)
Zweitens ist die Debatte um Kapazitätsgrenzen schlicht unnötig – außer natürlich für die, die am "rechten Rand" fischen wollen. Zwar wird wohl niemand bestreiten, dass es theoretisch "Kapazitätsgrenzen" für die Aufnahme von anderen Menschen geben kann. Aber sind wir denn schon an einer solchen Grenze angelangt? Dass Wagenknecht immer wieder an der Behauptung festhält, es gebe "natürliche Kapazitätsgrenzen", wirkt reichlich absurd angesichts jener Länder, die gemessen an ihrer Einwohnerzahl, ihrer im BIP gemessenen Wirtschaftsleistung usw. viel mehr Flüchtlinge z.B. aus Syrien aufnehmen als Deutschland und dabei wohl noch viel eher an Grenzen stoßen müssten (Beispiel Libanon via ZEIT, 7.05.2015). Interessant ist in diesem Kontext, was die UNO-Flüchtlingshilfe unmissverständlich feststellt:
Selbst in Zeiten stark ansteigender Zahlen sind Flüchtlinge global sehr ungleich verteilt. Reichere Länder nehmen weit weniger Flüchtlinge auf als weniger reiche. Knapp neun von zehn Flüchtlingen (86 Prozent) befanden sich 2015 in Ländern, die als wirtschaftlich weniger entwickelt gelten. (UNO-Flüchtlingshilfe, Globale Trends – Jahresbericht 2015).
Nun kommt also eine als "links" bekannte Spitzenpolitikerin und spricht ohne Not (!) über hypothetische Kapazitätsgrenzen von reicheren Ländern wie Deutschland. Dass in diesem Kontext gerade linke Politikerinnen und Politiker ein ziemliches Problem mit den entsprechenden Äußerungen von Wagenknecht haben, das ist mehr als verständlich.
Fazit
Es handelt sich bei Wagenknechts Äußerungen also um alles andere als bedauerliche Einzelfälle. Dahinter steckt etwas Systematisches. Die konkrete Strategie besteht offenbar darin, zunächst entsprechende Äußerungen zu tätigen, sie danach zu relativieren und/oder als "missverstanden" darzustellen. Das war übrigens bereits bei Wagenknechts Mann Oskar Lafontaine schon so, als er den Begriff "Fremdarbeiter" benutzte, ihn danach erst verteidigte und sich davon distanzierte (Standard, 18.06.2005; Stern, 9.10.2005). Wagenknecht verfährt ähnlich und verliert sich in Spitzfindigkeiten wie die Diskussion um "Kapazitätsgrenzen" zeigt, bei der aber für jeden und jede sichtbar ist, dass Wagenknecht damit an die "Obergrenzen-Debatte" anschließen will. Es kommt nicht von ungefähr, wenn sie mit diesen Äußerungen auch Beifall von der AfD erhält.
Im Übrigen hat Wagenknecht selbst gesagt, dass sie auch diejenigen erreichen will,
die zurzeit aus Frust, aus Verärgerung über die bisherige Politik darüber nachdenken, AfD zu wählen, aber nicht, weil sie deren Parolen unbedingt gut finden, sondern wirklich nur, weil sie sagen: "Ich will deutlich machen, dass sich was ändern muss" (zitiert nach Stern, 7.01.2017).
Das ist natürlich etwas schräg. Denn wenn es nur danach ginge, "Protest" abzuholen (es muss sich etwas ändern), dann könnte Wagenknecht das auch mit "linken" Parolen machen. Da sie aber auf Wechselwählerinnen und Wechselwähler der AfD abzielt, muss (!) sie sich begrifflich in die Nähe der Neu-Rechten und Rechtspopulisten begeben.
Angesichts der Kritik sieht sich Wagenknecht einer Kampagne ausgesetzt (Tagesspiegel, 8.01.2017; siehe auch Telepolis, 10.01.2017). Die NachDenkSeiten (NDS) springen ihr zur Seite und schreiben von einer "Neujahrskampagne" (NDS, 9.01.2017). Kein Wunder, gehen die NDS doch schon länger von einer Kampagne gegen Wagenknecht aus (z.B. 28.07.2016 oder 30.09.2016, hier zur Nominierung der SpitzenkandiatInnen des Bundestagswahlkampfs 2017) und sehen "Die Linke" von außen gesteuert, fremdbestimmt oder als Opfer einer antideutschen Kampagne.
Nun kann es tatsächlich sein, dass Wagenknecht mit einer Kampagne konfrontiert ist. Und natürlich will ich auch nicht unterschätzen, was z.B. seitens antideutscher Kritik regelrecht ins Kraut schießt. Aber erstens heißt das nicht, dass jede Kritik an ihr automatisch unberechtigt sei. Und zweitens liefert sie selbst reichlich Material für die Kritik an ihr. Letzteres ist eine zwangsläufige Konsequenz daraus, dass sie die AfD-Wechselwähler erreichen will. Damit steht sie aber zielsicher bestimmten als "links" angesehen Grundwerten entgegen.
Nun ist es so, dass Wagenknecht auch oft Dinge sagt, die vernünftig klingen und die durchaus in den Kanon einer linken Politik passen. Nur ist das schon seit längerer Zeit in einen Kontext eingebettet, der mich nachdenklich stimmt. Mag am Anfang noch das Bild einer taffen, intellektuellen und versierten linken Politikerin im Raum gestanden haben, sieht es derzeit für mich danach aus, dass Wagenknecht schlicht auf ihren eigenen politischen Vorteil aus ist, indem sie u.a. rechtspopulistischen Trends hinterherjagt. Dabei scheint sie den eigentlichen linken Werten immer mehr entgegen zu stehen, was in der Folge die entsprechende Kritik in der Linken selbst auslöst. Das hat zunächst nichts mit Kampagne oder Verschwörung zu tun (obwohl diese Kritik dafür genutzt werden kann), sondern schlicht mit dem Umstand, dass Wagenknecht knallhart auf Wahlstimmenmaximierung aus ist und dabei das als "links" angesehene Wertefundament verlässt.
Vermutlich werden die einen oder anderen ähnliche Gedanken mit sich herumtragen. Es ist schlicht so, dass es irritiert und misstrauisch macht, wenn zwischen "linken" Forderungen und dem "rechten" Spielfeld herumgewuselt wird. Eine soziale Politik möchte ich ungern von Leuten umsetzen lassen, die eine "Wir gegen die"- und nationale AfD-Rhetorik bedienen.
Ob Wagenknecht mit ihrem Kurs tatsächlich Erfolg hat und viele Wahlstimmen abholt, das werden wir sehen. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass das nach hinten losgeht. Ob das dann aber im erfolgreichen Falle zu einer "linken" Politik führt, das steht für mich ebenfalls in den Sternen. Jedenfalls erwarte ich von ihr keine "linke" Politik. Aber ich lasse mich auch gerne überraschen.
---
Dieser Text erschien zuerst im Blog "Krautism" und wird hier mit freundlicher Genehmigung des Verfassers wiedergegeben.
---
Deutsche Demokratie
"Ein hübsches Kind, von vorn geseh'n -
Aber hinten der Zopf ist gar nicht schön!"
(Zeichnung von Helmut Beyer [1908-1962], in: "Der Simpl", Nr. 9 vom August 1946)
Zu Donald Trump gäbe es sicherlich eine Menge zu sagen - zwei Blogger aus heimischen Gefilden haben das in den vergangen Tagen schon versucht und sind dennoch zu völlig unterschiedlichen Schlüssen gelangt. Meine eigenen Gedanken zu dieser zweifelsfrei peinlichen Gestalt behalte ich vorerst für mich, da meine Meinungsbildung mangels belastbarer Informationen noch nicht abgeschlossen ist und ich mich ungern verfrüht aus dem Fenster lehne.
Eigentlich wollte ich nichts zu dem Trump-Medien-Hype schreiben, weil mich schon bei der US-Wahl diese völlig übertriebene, geschichtsvergessene und zugleich naive Analyse aus allen politischen Lagern entsetzt zurückgelassen hat. Aber es hört scheinbar nicht auf und ich muss mir mal Luft machen. Zunächst einmal: die Macht von US-Präsidenten wird immer wieder völlig überschätzt.
Stefan vom Blog der Fliegenden Bretterfindet hingegen:
Faszinierend, wie auch dieses Mal der Weg in den Faschismus gepflastert ist mit den Sätzen: "Nun lass' ihn doch erst mal machen, vielleicht wird es gar nicht so schlimm." und: "Ich bin kein [beliebige Minderheit] und habe auch nichts zu verbergen, ich habe also nichts zu befürchten." Doch, natürlich habt ihr, ihr braven Bürgersleut', die ihr euch qua Anpassen und Kuschen einmal mehr irgendwelche Vorteile erhofft! Ihr seht nur den Hammer mal wieder nicht auf euch zufliegen. Glaubt ihr, ein Staatsoberhaupt, das sich offen für Folter ausspricht, belässt es im Zweifel bei Moslems und Mexikanern? Weil ihr immer so brav alles mitgemacht habt? Glaubt ihr ernsthaft, eure Daten, die ihr seit Jahren so treuherzigdoof an Googlefacebookamazon hergebt, werden niemals gegen euch verwendet werden? Träumt weiter.
Ich kann beiden Argumentationen mit gutem Gewissen folgen, will aber auch dritte oder vierte Varianten nicht ausschließen - das muss bzw. wird die nahe Zukunft zeigen. Die Propaganda der hiesigen Presse ("Trump ist mindestens so böse wie der Teufel oder - was in Kapitalistan dasselbe bedeutet - Putin") korrelliert hier mit der Propaganda der "alternativen Medien" ("Gegen Trump wird kampagnenartig interveniert") in einer infamen Weise, die ich nur noch befremdlich finden kann. Dabei ist es auffallend, dass ausgerechnet die Massenmedien, die das offen faschistische Gedankengut der kapitalistischen Bande stets kritiklos verbreiten, hier gegen den Trump-Faschismus argumentieren, während "alternative" Medien, die sich der "linken Sache" verpflichtet fühlen, gerade einen erzkapitalistischen, faschistoiden Menschenfeind wie Trump gerne verharmlosen.
Ich möchte hier, wie gesagt, beide Blogger, die ich sehr schätze (!), nicht diskreditieren - zumal ich mich selber oft genug weit aus dem Fenster lehne und Dinge behaupte, die durchaus diskutabel sind. Gerade diese Diskussionen aber wünsche ich mir - und ich gehe davon aus, dass auch Stefan und Epikur sie nicht ablehnen. In Sachen Trump und der ganzen verbandelten Kloake der Mainstreammedien und enttäuschten Transatlantiker in der Politik und den Medien wird diese Notwendigkeit nun offensichtlich.
Vielleicht sind Linke sich heute - auch ohne Diskussion - zumindest in dieser Hinsicht einig:
---
Neo-Faschismus
Sie kannten niemals geist'ge Waffen
und diskutierten mit der Faust.
Sie nannten uns die Schwachen, Schlaffen
und rannten hirnlos wie die Affen,
die einst im Urwald roh gehaust.
Sie wandten an, was ER befohlen
und lösten alles mit Gewalt.
Sie spannten fröhlich die Pistolen
und sandten "dreschend" ihre hohlen
und dummen Phrasen jung und alt.
Sie brannten nieder, was im Wege,
und stachen, traten, schossen tot,
verwandten "schlagende" Belege
und bannten in ein Drahtgehege
der freien Geister Aufgebot.
Sie planten eine Herrenrasse,
gezeugt aus Kraft und Stolz und Mut,
entmannten andere zum Spaße
und bahnten sich brutal die Gasse
und wateten mit Lust in Blut!
Glaubt ihr, heut wären sie am Ende,
und dass man sie gewandelt hat? --
Sie werfen Bomben, legen Brände
und haben ihre schmutz'gen Hände
in jedem neuen Attentat.
Die alten Formen und Methoden!
Dasselbe blutige Geschäft!
Zeit wird's, dies Unkraut auszuroden.
Schlagt die Faschisten drum zu Boden,
wann, wie und wo ihr sie auch trefft!
(Heinz Hartwig, in: "Der Simpl", Nr. 3 vom Februar 1947)
Ein Musik- und Literaturwissenschaftler auf der heiteren Odyssee bzw. vergeblichen Suche nach dem Humanismus.
Ich verstehe dieses Blog weder als "links", noch als "linksliberal" - es versucht, schlicht der Logik zu folgen, sucht die oft verschleierte Wahrheit und landet daher fast zwangsweise immer wieder in sozialistischen Regionen, in die es nie wollte. Die Logik lässt sich nicht so leicht austricksen wie es der interessengeleitete menschliche Geist tut.
Dennoch gilt auch weiterhin Spocks weiser Spruch: "Logik ist nur der Beginn aller Weisheit - und nicht ihr Ende."
Der Blogbetreiber stellt sich vor - auf dass NSA, "Verfassungsschutz", BKA und so viele andere nicht mehr so ausufernd suchen müssen:
Facebookfreie Zone
Das gilt selbstredend auch für alle anderen Datenkraken und "sozialen Netzwerke".
Statt Facebook lieber Ghostery :-)
Dieses kleine, kostenlose Plugin gibt's für alle gängigen Browser - macht es den Werbefuzzis und Überwachungsfetischisten doch wenigstens ein bisschen schwerer, Euren Spuren im Netz zu folgen ...