Samstag, 10. Oktober 2015

Wenn Kapitalisten über Nazis berichten: Jamel




(Dokumentation von Michel Abdollahi, NDR 2015)

Anmerkung: Dieser recht kurze und leider oberflächliche Film löst zwiespältige Gefühle in mir aus; und das nicht nur, weil hier - wie von öffentlich-rechtlicher Seite gewohnt bzw. erwartet - keinerlei Kritik am System der parlamentarischen Demokratie, wie es aktuell stattfindet, oder gar am Kapitalismus geäußert wird. Der Autor gerät also unweigerlich in die völlig paradoxe Situation, in der er dem menschenfeindlichen Blödsinn der dumpfen Nazis ein ebenfalls inhumanes, völlig pervertiertes "demokratisches System" entgegensetzen muss, das man wohlwollend vielleicht gerade noch als "mafiaähnliche Struktur" charakterisieren kann - ausgerechnet vor dem pathetischen Banner des Grundgesetzes, mit dem sich die neoliberale Bande der Merkels und Gabriels allerhöchstens noch den After säubert.

Das ändert aber nichts daran, dass die Haltungen und Überzeugungen vieler Menschen, die dieser kleine Film in der kargen Einöde des östlichen Nordens Deutschlands einfängt, mehr als nur alarmierend sind. Ich empfehle den Film trotz aller Unzulänglichkeiten, zumal auch einige widerwärtige Überzeugungstäter wie beispielsweise das NPD-Mitglied Udo Pastörs zu Wort kommen, die nicht aus bloßer Dummheit, Unwissenheit oder anderen defizitären Gründen kotbraunen Überzeugungen anhängen.

Nach den allzu bekannten Gründen für diese äußerst fatale, geradezu erschreckende und keineswegs überraschende Entwicklung wird aber auch in diesem Filmchen selbstverständlich nicht gefragt, da sich sonst die unweigerlich folgende Systemfrage gar nicht mehr vermeiden ließe. Das will oder darf der öffentlich-rechtliche Rundfunk jedoch nicht tun. Mich lässt ein solcher Film daher eher ratlos zurück, da hier offensichtlich wird, dass nicht nur die erkennbar bildungsfernen Nazis in einer faktenfreien Parallelwelt vor sich hin krakeelen, sondern dass auch die Propagandamedien munter im Trüben fischen (müssen) - gerade dann, wenn sie sich mit den allzu logischen Folgen des neoliberalen Terrors beschäftigen.


(Ein Plakat, das auch im Bundeskanzleramt ausnehmend gut platziert wäre.)

Musik des Tages: Symphonie fantastique




(Louis Hector Berlioz [1803-1869]: "Symphonie fantastique - Episoden aus dem Leben eines Künstlers", Op. 14 aus den Jahren 1828/30; Orchestre Philharmonique de Radio France & Simon Bolivar Youth Orchestra of Venezuela, Leitung: Gustavo Dudamel, 2009)

  1. Träumereien, Leidenschaften, Largo – Allegro agitato e appassionato assai
    Ein junger Musiker begegnet einer Frau, die vollkommen seinem Ideal entspricht. In der Seele des Künstlers erscheint sie immer in Verbindung mit einem musikalischen Gedanken (dem Leitmotiv, idée fixe). Zu Beginn verzehrt sich der Verliebte nach seiner Geliebten (langsame Einleitung, thematisch selbstständig). Im Allegro-Teil wird dann die Geliebte strahlend eingeführt. Verschiedene Stimmungen der Verliebtheit werden durchlebt.

  2. Ein Ball, Allegro non troppo
    Der Verliebte findet die Frau auf einem Ball wieder. In der Musik wird die idée fixe in einen Walzer eingebettet. Zunächst freut er sich über das Wiedersehen, bald aber merkt er, dass die Geliebte ihn nicht zu beachten scheint. Die fulminante Tanzmusik jedoch fährt ungetrübt fort.

  3. Szene auf dem Lande, Adagio
    Der Satz beginnt mit einem Dialog zwischen dem Englischhorn und der Oboe als zwei Hirten, die sich unterhalten. Dann wird jäh unterbrochen für die idée fixe, die Geliebte tritt wieder auf. Der Verliebte bekommt schmerzliche Zweifel, ob sie ihm treu sei. Einer der Schäfer nimmt die Anfangsmelodie wieder auf, der andere antwortet nicht mehr. Sonnenuntergang, warnendes Grollen des Donners (dargestellt durch die Cluster-Akkorde von vier Pauken), Einsamkeit, Stille.

  4. Der Gang zum Richtplatz, Allegretto non troppo
    Nachdem er die Gewissheit erlangt hat, dass seine Liebe verschmäht wird, nimmt er Opium und versinkt in einen tiefen todesähnlichen Schlaf. Ihm träumt, er habe seine Geliebte ermordet, er sei zum Tode verdammt und werde zum Richtplatz geführt. Ein bald düsterer und wilder, dann wieder brillanter und feierlicher Marsch begleitet den Zug. Die idée fixe wird erst kurz vor der Exekution durch das Fallbeil zitiert.

  5. Hexensabbat, Larghetto – Allegro
    Der Verliebte findet sich auf einem Hexensabbat wieder, gellendes Gelächter ist deutlich zu hören. Auf einmal wird die idée fixe mehrmals in einer sehr verzerrten, gemeinen Variation wiedergegeben, zunächst von der schrillen Es-Klarinette, dann stimmt das Orchester mit ein: Die einstige Geliebte tritt als Hexe auf und wird von den anderen Hexen freudig begrüßt. Danach läuten die Totenglocken und leiten eine Parodie des Dies irae, des "Jüngsten Gerichts" aus der katholischen Totenmesse, ein. Schließlich mischen sich beide Melodien zu einer höllischen Orgie und das Werk endet.

Freitag, 9. Oktober 2015

Merkels Mitmenschlichkeit: Krieg ist Frieden


Es herrscht mal wieder arge Verwirrung in Kleinbloggersdorf. Einige Äußerungen des Merkelmonsters, die es in einer seichten TV-Quasselshow getätigt hat, sorgen für Blogkommentare wie beispielsweise diesen, den ich bei Notizen aus der Unterwelt gefunden habe:

(...) ausgerechnet "Mutti Merkel" setzt gerade Zeichen in der o.g. "Willkommenskultur". Das finde ich unterstützenswert. / (...) weil Merkel HIER(!) – entgegen Deiner und vieler anderer Linken Mutmaßung – wohl nicht die Interessen der "Großkonzerne" vertritt, sondern einfach etwas Mitmenschlichkeit beweist. Und nun lach mich gerne dafür aus, daß ich ihr das tatsächlich "abkaufe".

Das ist kein Einzelfall. Selbst der Kiezneurotiker hat diesem Thema gestern gleich ein ganzes Posting gewidmet - wobei ich mir nicht so ganz sicher bin, ob diese "Kompasssuche" nicht doch eher als satirischer Seitenhieb auf die einhellige Jubelpresse zu verstehen ist, die den absurden Popanz wie gewohnt unkritisch, tendenziös und offensichtlich propagandistisch zu einem riesigen, scheinheiligen, leeren Ballon mit der semireligiösen Aufschrift "Merkels Mitmenschlichkeit und Milde" aufbläst, bis er in Kürze wie gewohnt platzt. Diesbezügliche Blowjobs von Spiegel, Springer, FAZ & Co. sind ja längst Legion - aus Kleinbloggersdorf kannte ich sie bislang aber eher selten.

Dabei hat sich an der Sachlage, die wir alle seit Jahren kennen und fast im Wochentakt immer wieder aufs Neue bewiesen bekommen, nichts verändert: Merkel sondert wie immer irgendwelche nicht belastbaren, mehr als schwammigen Worthülsen ab, während die neoliberale Bande, die sie ja anführt (was anscheinend auch Blogger und Kommentatoren häufig zu vergessen scheinen), grausame Nägel mit Köpfen macht und sich um das schleimige Geschwalle fürs Publikum nicht weiter kümmert. Gerade erst wurde in Deutschland das "Asylrecht" verschärft, die neoliberale Bande setzt massiv auf "Abschreckung" und "Abschiebung" statt "Willkommenskultur", generell schottet sich die gesamte EU immer weiter ab, das lächerliche Geschrei in Politik und Medien über den angeblich nicht zu bewältigenden "Flüchtlingsstrom" reißt nicht ab und in der Folge tobt der braune Mob immer ungehemmter - nicht bloß im Internet.

Haben denn alle schon wieder vergessen, was diese schauderhafte Person in all den Jahren, in denen sie dem schwarz-gelben und großkoalitionären Regime bereits vorsteht, so alles abgesondert hat, ohne dass irgendeine (!) tatsächlich positive staatliche Handlung daraus erwachsen ist? Wie kann man nun plötzlich auf den absurden Gedanken kommen, dies könne jetzt anders sein - und dafür ausgerechnet eine TV-Verblödungsshow als Beleg bemühen? Sind wir alle schon "BILD"?

Das Merkel-Quallenmonster war, ist und bleibt ein Pfropfen im Arsch des Kapitals - daran ändern weder lächerliche Gesten wie das "Streicheln eines Flüchtlingsmädchens", noch andere debile TV-Shows etwas, in denen sie irgendwelche Ankündigungen ins Mikrofon plärrt, während ihr menschenfeindliches Regime, für das sie verantwortlich ist, zur gleichen Zeit das Gegenteil praktiziert und nebenbei weiterhin Zerstörungen, Leichenberge sowie Millionen von Flüchtlingen mitverantwortet, von denen nur ein Bruchteil den Weg nach Deutschland bewältigt. Einer solchen widerwärtigen Person soll man nun "Mitmenschlichkeit" abkaufen? Ernsthaft? Da kann ich wirklich nicht mehr lachen, sondern nur noch bitter heulen.

Am 17.09. schrieb ich - und da gibt es nichts weiter hinzuzufügen: "Es fehlt eigentlich nur noch, dass Thomas 'die Misere' oder eine andere der korrupten Sprechpuppen in Kürze einen Satz wie 'Wir lieben euch doch alle!' in die begeisterte Presselandschaft kotet." - Treffer, versenkt.


(Merkels Mitmenschlichkeit wie sie leibt und lebt.)

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Kettenhunde, oder: Wenn "besorgte Bürger" den Adolf geben


Bei facebook tobt der braune Mob. Von einem aktuellen, einmal mehr furchterregenden Beispiel berichtet der Altautonome in diesem Gastbeitrag.

"Nie wieder Juden" – "Pissvotze" – "Volksverräter" – "Deutschen-Vernichter" – "Verlassen Sie dieses Land" – "Der Volkszorn wird sie richten" – "Aufhängen!" –"Steinigen!" – "Hinrichten!" – "An die Wand!" – "Für solche Leute [...] ist auf Guantanamo reichlich Platz." – "Unglaublich ... Euch müßte man alle aus Deutschland werfen." – "Heimatlandverräter!" – "Krankes, geistig degenriertes Pack. Ins Arbeitslager mit Euch." – "Der Strick ist schon geknüpft."

Haben wir es hier mit dem Tourette-Syndrom oder der Nordkurve des BVB-Stadions zu tun? Nein, leider nicht. Dies sind kleine, aktuelle Auszüge aus der facebook-Seite von Jutta Ditfurth, die zusammen mit Thomas Ebermann am 3. Oktober vor 500 Zuhörenden in Frankfurt eine Gegenveranstaltung zu den nationalen Jubelfeiern unter dem Motto "Nie wieder Deutschland" abgehalten hat.

Til Schweiger bekam - auch via facebook - kürzlich ähnliche "Komplimente", obwohl er - anders als Jutta Ditfurth - erklärtermaßen und gewohnt dämlich zu seinem "Vaterland" und dessen Verteidigung am Hindukusch sowie der "besten aller Demokratien" steht. Im aktuellen Fall zeigt sich, mit welchem Hass und welchen Vernichtungsfantasien Menschen rechnen müssen, die sich öffentlich klar links positionieren. Übereinstimmung besteht darin, dass die HetzerInnen mit vollem Klarnamen und darüber hinaus oftmals auch noch mit ihrem Bild diese braunen Flecken ins Netz spritzen. Es entsteht der bedrohliche Eindruck, dass es sich bei diesen Nazis nicht mehrheitlich um klassische Glatzen oder Schnürstiefelfaschisten handelt, sondern um den Typus "netter Kollege vom Schreibtisch nebenan".

Der verbale Exzess eines Lynchmobs bricht sich hier ungehemmt Bahn, und es ist meines Erachtens richtig, dass facebook und Jutta Ditfurth derartige Auswürfe nicht löschen, sondern als Zeitdokument für eine Entwicklung, angesichts derer es einem eiskalt den Rücken hinunterläuft, stehen lassen.

So wird hier die verdorbene Ernte der üblen Saat eingefahren, die vermeintlich linke Blogger und viele andere immer wieder unwidersprochen unter dem blödsinnigen Etikett "rotlackierte Faschisten" ("radikale Linke sind die wahren Faschisten" etc.) verbreitet haben und dies auch weiterhin tun.


(Screenshot eines Auszuges der facebook-Seite von Jutta Ditfurth vom 06.10.15)

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Anmerkung des Kapitäns: Die an eine Zombieseuche erinnernde Dummheit stirbt in diesem Land offensichtlich nie aus. Ich kann es mir rational nicht erklären, wie diese Dumpfbacken in solcher Konzentration überhaupt auf all die nationalistisch-faschistischen Gedanken und sich oftmals sehr ähnelnden Formulierungen kommen - von allein sind sie dazu doch offensichtlich intellektuell nicht in der Lage. Reichen die BLÖD-"Zeitung", fremdenfeindliche Hetze aus CDU/CSU, SPD und angrenzenden politischen Kreisen sowie eine latent deutschtümelnde Medien-Propaganda tatsächlich schon aus, um solche verweste Nazi-Parolen aus der Jauchegrube der Geschichte wieder hervorzubuddeln?

"Der Mensch ist ein Abgrund - und es schaudert einen, wenn man hinabblickt" lässt Georg Büchner den Antihelden Woyzeck in seinem gleichnamigen Dramenfragment aus dem Jahr 1836 sagen. Der Mann war vor fast 200 Jahren schon um Welten weitsichtiger und schlauer als diese dumpfe, stumpfsinnige Masse von hirnlosen KrakeelerInnen es heute ist. Die unaufhaltsame Degeneration der Menschheit ist anscheinend tatsächlich in vollem Gange.

Ich hatte kürzlich geplant, zu diesem Thema einen Text von Jens Berger zu besprechen, der - deutlich subtiler - in genau dieselbe widerliche Richtung zielt. Wer sich das auch ohne meinen Kommentar, den ich aus Zeit- und Hygienegründen wieder verworfen habe, durchlesen möchte (gerade die teils rassistischen Kommentare, die ein solches Pamphlet unweigerlich anzieht, sind für Menschen mit besonders starkem Magen empfehlenswert), kann das hier tun.

Ich schäme mich in Grund und Boden für diese asoziale Politik und diese stumpfsinnige Bevölkerung!


Dienstag, 6. Oktober 2015

Zitat des Tages: Junger Prophet


Wie weißer Stamm reckt er in harte Winde
mit Händen sich, die wie Geweihe deuten.
Gewürm zerfrisst ihm seines Leibes Rinde,
die wie ein Himmel brennt nach allen Seiten.

Von dort, wo seine Donner weitertönen,
kommt Menschenmasse wie ein Meer von Raben,
stumm fließend, dick, ganz ohne zu verhöhnen,
ein Lavastrom ... blindtaub ihn zu begraben.

(Arthur Drey [1890-1965], in: "Der unendliche Mensch. Gedichte", Kurt Wolff 1919; erstveröffentlicht in: "Der Kondor", hg. von Kurt Hiller, Richard Weissbach 1912)



Anmerkung: Die Sinnlosigkeit des Widerstandes ist offensichtlich eine wohlbekannte, böse Tradition in deutschen Landen. So schrieb schon Georg Büchner 1833 in einem Brief an seine Familie: "Weil wir im Kerker geboren und großgezogen sind, merken wir nicht mehr, dass wir im Loch stecken mit angeschmiedeten Händen und Füßen und einem Knebel im Munde." - Ich möchte ergänzen, dass der Knebel inzwischen auch das Gehirn erreicht hat: Wenn Widerstand nicht einmal mehr gedacht wird, ist die Dystopie längst zur bitteren, brutalen Realität geworden.

Montag, 5. Oktober 2015

Song des Tages: Atrocity




(Endtrocity: "Atrocity", aus dem gleichnamigen Album, 2015)

There's a cause for self destruction
Fray is naught without black
Temperament divides in stacks
We will rise from the north and bring us home
Oh we are Endtrocity
Can't you feel that our days are counting down
You are scums to the world
When the world did nothing to stop you

You have taken this world for granted
Their debt! We looked back at what they just did
Lust fills the simple mind
Dollars overwhelm
Can't you see it now?
You live in lies

We are meant to be lost
Human's lost its definition
When all hope has gone away
Only failure truly can save us

The silent ghost had a vow
Once an Eden and living hell it's now
Break the silence
No turning back for what has been done
Stop the violence
We are all just puppets to the big man
Question the words from up high
There's more than that meets the eye

Can't you see it now? You cunt
I will shove it in your ass and fuck you!
You are reflections of a voiceless knife
You are the failure composed to life
You will be shot in the heart in your guilty sin
Deep down in the heart
You're in hell

I'm holding on
For what I believe
Is this the world
Too late to save again

We're not insane
We're just in pain
We shall be born again
And the world
Is new when the sun rises up



Anmerkung: Im fernen Taiwan, wo diese Band (die leider nur eine Fratzenbuch-"Homepage" hat, auf die ich nicht verlinke) herkommt, sind Teile der Jugend offensichtlich wesentlich weiter als hierzulande. Oder gibt's hier etwa auch eine mir bisher unbekannte Metalcore- bzw. Neopunk-Szene diesseits der Jahrtausendwende, die sich politisch derartig klar positioniert? Ich bin immer offen für Tipps und Hinweise.

Samstag, 3. Oktober 2015

Schwarz-rot-urin: Zum "Tag der deutschen Annexion"


Zum "Tag der deutschen Annexion" möchte ich gerne auch etwas beisteuern und benutze dazu ein Stöckchen, das mir gar nicht zugeworfen wurde. Mechthild hat in ihrem Ein-Euro-Blog einen hübschen Fragebogen veröffentlicht, der zwar bloß dumpfe Reklame ist und sich an die BewohnerInnen der "neuen Bundesländer" richtet, zu denen ich nicht gehöre, allerdings erscheinen mir die Fragen doch ebenso relevant für einen ollen Wessi wie mich. Die vorgegebenen Antworten ignoriere ich dabei geflissentlich.

1. Wo haben Sie die Feiern zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 erlebt?

Ich erinnere mich gut an diesen schwarzen Tag - die Wochen zuvor habe ich gemeinsam mit anderen langhaarigen Bombenlegern, Autonomen und Linksradikalen damit verbracht, in der miefig-spießigen Kleinstadt, in der ich damals lebte, Plakate und Aufkleber mit dem Titel "WIDER Vereinigung!" zu verbreiten. Wir hatten viel Spaß damals - wir haben gesoffen, gekifft, Bullen verarscht und Spießern in die gepflegten Vorgärten gekotzt. Es war eine wunderbare Zeit. Der 3. Oktober war so etwas wie der Montag nach einem Partywochenende - ich war zu dieser Zeit Zivi und habe den Tag damit verbracht, völlig verkatert alten Menschen beim Essen, Anziehen und meist zähflüssigen Stuhlgang zu helfen. Das war weniger spaßig, dafür aber immerhin sinnvoll.

2. Welches Ereignis im Verlauf der Wiedervereinigung hat Sie am meisten berührt?

Äh ... keines. Ich fand die Annexion damals schon scheiße und habe bislang noch keinen Grund gefunden, diese Beurteilung zu revidieren. "Berührt" hat mich vielleicht noch das Geschleime Kohls, der sich als "Kanzler der Wiedervereinigung" feiern ließ, weil mir davon jedesmal, wenn ich es hörte, so schlecht wurde, dass ich kaum an mich halten konnte. Das war allerdings damals - bezüglich Kohl - keine Besonderheit, sondern die Regel.

3. Was ist Ihrer Meinung nach in den Neuen Bundesländern heute besser als in der DDR?

Das ist leicht zu beantworten: Den wenigen Superreichen, die es heute in den "neuen Bundesländern" gibt, geht es heute prächtig - sie werden gemästet, gebauchpinselt und verwöhnt, als gäbe es kein Morgen. Den allermeisten anderen, also der Mehrheit, geht es schlechter. Früher gab es keine "Reisefreiheit" - heute gibt es für die meisten keine "Reisemöglichkeit" mehr, weil schlicht die Kohle dafür fehlt. Jeder darf sich selber die Frage beantworten, was schlimmer zu ertragen ist: Wenn man nicht reisen darf - oder wenn man nicht reisen kann. Außerdem hat sich die Sache mit der "Reisefreiheit" inzwischen längst relativiert, denn Hartz-Terror-Opfer dürfen auch heute nicht ohne "Einwilligung der Behörde" verreisen. Aus einer großen, nicht sonderlich reichen Bevölkerungsmehrheit auf der einen und einer privilegierten "Oberschicht" der perversen Parteifunktionäre auf der anderen Seite ist heute also eine weitgehend verarmte Bevölkerungsmehrheit und eine kleine, feudale, noch perversere Oberschicht der Superreichen geworden. Welch eine grandiose Verbesserung mit reichlich Bananengeschmack!

4. War der Zeitpunkt für die Wiedervereinigung richtig gewählt?

Was soll ich dazu noch sagen? Die Frage ist bereits so grenzdebil blöde, dass mir nichts Sinnvolles dazu einfällt. "Gewählt" hat die "Wiedervereinigung" ohnehin niemand - und gefragt wurde auch kein Mensch. Sie wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit - in elitären, kapitalistischen Kreisen, wo auch sonst - schlicht beschlossen, wie das in diesem furchtbaren System der Menschenfeindlichkeit so üblich ist.

5. Sind wir Ihrer Meinung nach heute wirklich ›ein Volk‹?

Auch diese Frage ist eine hirnschmelzende Lachnummer, die man nur satirisch beantworten kann - ganz abgesehen davon, dass eine Formulierung wie "ein Volk" selbst in Anführungszeichen noch üblen Brechreiz erregt. Solange es diesen nationalistischen Klamauk aus dem frühen Mittelalter noch gibt, wird es zwangsweise auch Kriege, Faschismus und Menschenfeindlichkeit geben - irgendwelchen anderen Zwecken dient das Märchen vom "Volk" ja nicht. Ein wie auch immer definiertes "wir" gibt es im Kapitalismus nicht, denn dort gilt einzig das "ich" - wenn auch nur für die selbsternannte "Elite", zu der sich wie von Sinnen politisch gewollt und medial gelenkt - damals wie heute - seltsamerweise nicht nur Superreiche zählen.

So bleibt für die Farce der "Feierlichkeiten" an diesem Tag neben schlichter Ignoranz nur noch das Instrument der zynischen Satire übrig, wenn man sich vom staatlich verordneten Affenzirkus distanzieren möchte. Wenn ich heute - um viele Erfahrungen und Erkenntnisse reicher - immer noch so hemmungslos saufen und kiffen könnte wie damals, wäre das der wohl sinnvollste und geeignetste Weg, diesen Tag der kapitalistischen Propaganda inmitten einer bedrohlich anschwellenden Kakophonie des faschistoiden Untergangs halbwegs unbeschadet zu überstehen.


(Bild: Loriot)

Freitag, 2. Oktober 2015

Kapitalistische Propaganda: Nein, nein, nein!


Eigentlich muss eine solche Meldung, wie ich sie kürzlich wieder einmal bei n-tv lesen durfte, nicht mehr kommentiert werden - der Irrsinn, der einzig aus wiedergekäuten Propagandahülsen der kapitalistischen Mafia - diesmal ausgerechnet vom besonders widerwärtigen Zweig McKinsey - besteht, übertrifft locker jeden Propagandabeitrag der "Aktuellen Kamera" aus der seligen DDR. Trotzdem sollte man sich das in einer ruhigen Minute einmal durchlesen, um den absurden Grad der Realitätsferne überhaupt noch abschätzen zu können, in dem hiesige Medien sich inzwischen bewegen - und n-tv ist dabei beileibe kein Einzelfall, sondern tatsächlich ein repräsentatives Exempel für die komplett degenerierte Landschaft der Massenmedien in diesem verkommenen Land: "McKinsey-Report zu Unternehmen: Die fetten Jahrzehnte sind vorbei".

Ich wünsche viel Spaß bei der Lektüre. Dieser Text enthält keinerlei Fakten, dafür aber umso mehr heilige Glaubenssätze der kapitalistischen Doktrin und natürlich entsprechend viele bunt schillernde Lügen, welche die bedauernswerten Balken sich nicht nur biegen, sondern gleich dreifach aufrollen lassen. Eine intellektuelle Demontage dieses Textes ist schlichtweg redundant - ich könnte einige Satzzeichen und Füllworte stehen lassen, der Rest fiele ausnahmslos der inzwischen nur noch satirischen Kritik anheim. Es juckt mir zwar in den Fingern, diesen offensichtlichen Stumpfsinn auseinanderzunehmen, aber zuweilen kann ich mich auch beherrschen.

Ich stelle mir an dieser Stelle lieber einmal mehr die Frage, wie es sein kann, dass derartige Kothaufen kontinuierlich, also immer wiederkehrend, in halbwegs "seriösen" Medien publiziert werden können, ohne polternde Widersprüche und brüllende Gegenwehr auszulösen - und zwar nicht nur bei LeserInnen, sondern auch intern. Ist die kapitalistische Religion inzwischen tatsächlich schon so tief auch in der sogenannten "kritischen Intelligenz" verankert, dass das niemandem mehr auffällt? Oder ist die Resignation angesichts des ständig wiederholten Stumpfsinns bereits so weit fortgeschritten, dass Menschen, die den Irrsinn bemerken, ihn gar nicht mehr wirklich wahrnehmen bzw. ihn konsequent ignorieren?

Letzteres stelle ich bei mir selbst ja bestürzenderweise fest: Je öfter ich einen solchen esoterisch-kapitalistischen Blödsinn lese, welcher mit der furchtbaren Realität der Menschen auf diesem Planeten soviel zu tun hat wie irgendein blitzeschleudernder Zauberer aus irgendeinem Computerspiel, desto schneller tendiere ich dazu, den Quatsch kopfschüttelnd wegzuklicken und mich wichtigeren Dingen zuzuwenden. Genau das ist aber ein sehr böser Fehler - denn ebenso kontinuierlich und stoisch wie die fortdauernde Propaganda muss auch die Kritik sein, wenn sie Wirkung entfalten soll. Das laute, überdeutliche "NEIN!" muss uns ins Blut übergehen - ansonsten sind Hopfen und Malz ohnehin wieder einmal heillos verloren.

Selbstverständlich betrifft das nicht einzig die perversen Heilslehren der kapitalistischen Ökonomie, sondern sämtliche anti-aufklärerischen, konservativen, esoterisch-religiösen Tendenzen, die in dieser untergehenden Welt einmal mehr so mannigfaltig ihre irrsinnigen, dem Verfall gewidmeten Blüten bilden.

Mein kleiner Widerstand bleibt ein lautes, hoffentlich nicht zu überhörendes "NEIN!"

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Aktuelles: Personifikation der reaktionären Zeitung



(Lithografie von Honoré Daumier [1808-1879], in: "Le Charivari", 1833)

Mittwoch, 30. September 2015

Song des Tages: Day And Then The Shade




(Katatonia: "Day And Then The Shade", aus dem Album "Night Is The New Day", 2009)

I will rise
To dreams of freedom
And avow
To return the treason that came under your reign
The day and then the shade
I have slept
Inside the season that froze within my grasp

All my fears come into view
There must be an end soon
And every waking hour
Is part of the lie

I will rise
Over glass cathedrals
And let go
With my eyes resting upon the nearing dark
The day and then the shade
I have slept
Within the reason that kept me so remote

Make a brand new vow
In the heat of an evening
The darkness swarms
I was nothing, ever
But red like the sun
Dying down over the freeway
Is the brand new sky
Over the mountain ridge

All my fears come into view
There must be an end soon
And every waking hour
Is part of the lie.



Anmerkung: Eine Zeit, die wieder einmal in penetranter Kontinuität solch sperrige, abgrundtief dunkle Kunst hervorbringt, muss wohl eine Blütezeit des Humanismus sein.

Dienstag, 29. September 2015

Zitat des Tages: Hochhaus


Später, als er auf seinem Balkon saß und den Hund aß, dachte Dr. Robert Laing über die außergewöhnlichen Ereignisse nach, die sich während der vergangenen drei Monate in diesem riesigen Apartmentgebäude zugetragen hatten. Jetzt, da sich alles wieder normalisiert hatte, überraschte es ihn, dass es keinen offenkundigen Anfang gegeben hatte, keinen Punkt, von dem ab ihr Leben in eine deutlich unheilvollere Dimension eingetreten war. Mit seinen vierzig Stockwerken und tausend Apartments, seinem Supermarkt und seinen Swimmingpools, seiner Bank und seiner Grundschule - die alle in den oberen Regionen praktisch verlassen dalagen - bot das Hochhaus mehr als genug Gelegenheit zu Gewalttätigkeit und Auseinandersetzung. Seine eigene Einraumwohnung im fünfundzwanzigsten Stock war gewiss der letzte Ort, den Laing als Stätte eines Anfangsgeplänkels gewählt hätte. Diese überteuerte Zelle, die nahezu willkürlich in die steil aufragende Fassade des Apartmentgebäudes gefügt war, hatte er nach seiner Scheidung speziell deswegen gekauft, weil sie ihm Ruhe, Frieden und Anonymität gewährleistete. Trotz aller Bemühungen Laings, sich von seinen zweitausend Nachbarn und dem System belangloser Kontroversen und Irritationen, das ihre einzige Form von Kollektivleben darstellte, fernzuhalten, war es seltsamerweise gerade hier, wo sich das erste bedeutungsvolle Ereignis zugetragen hatte - auf diesem Balkon, wo er jetzt neben einem Feuer aus Telefonbüchern hockte und das gebratene Hinterviertel des Schäferhundes aß, bevor er zu seiner Vorlesung an der medizinischen Hochschule aufbrach.

(James Graham Ballard [1930-2009]: "Hochhaus" [Originaltitel: "High Rise"], Suhrkamp 1992; geschrieben und erstveröffentlicht 1975)

Anmerkung: Dies ist der Beginn des kafkaesk-dystopischen Romans, für den der Suhrkamp-Verlag den folgenden Klappentext ausgewählt hat: "Dieser Roman ist ein Kommentar zu den schrecklichen Möglichkeiten einer fortgeschrittenen Technik und dem rattenhaften Verhalten von Menschen, die in der Falle sitzen. (The Financial Times)" - Es gibt kaum eine passendere Lektüre für unsere untergehende Zeit.


Montag, 28. September 2015

"Wissenschaftliche Zukunftsprognosen": Von Traumtänzern und Horrorvisionen


Ich habe wieder einmal triefende Stielaugen bekommen und bin in einen äußerst merkwürdigen Zustand zwischen Amusement und Angstzuständen verfallen, als ich kürzlich bei n-tv ein Interview mit einem gewissen Steffen Braun von der "Morgenstadt-Initiative" des Fraunhofer-Instituts in Stuttgart zum Thema "Die Stadt der Zukunft" gelesen habe.

Die "Futurologie" oder "Zukunftsforschung" ist ja nun beileibe keine neue "Wissenschaft" - ich habe allein in meiner kleinen Heimbibliothek eine ganze Reihe entsprechender Veröffentlichungen aus verschiedenen Dekaden seit 1970 herumstehen. Ihnen allen sind einige Merkmale gemein, die sich offensichtlich bis heute immer noch hartnäckig halten: Es werden ungeeignete wissenschaftliche Methoden (meist aus der sogenannten "Prognostik") angewandt, was regelmäßig dazu führt, dass selbst bei eventuell korrekter Ausgangslage der Fakten oftmals völlig falsche Ergebnisse erzielt werden. Hier ähnelt die "Futurologie" den "Wirtschaftswissenschaften", der "Astrologie" und anderen religiösen Sekten erheblich.

Des weiteren sind die Ergebnisse, von denen Herr Braun aktuell berichtet, zum größten Teil identisch mit denen, die sich bereits in entsprechenden Büchern aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts finden und die, wie wir alltäglich live und in Farbe erfahren, eher einem Wunschdenken und nicht wissenschaftlicher Forschung entspringen. Dazu ein paar Beispiele:

  1. Es ist im Rahmen des kapitalistischen Wirtschaftssystems völlig hanebüchen, davon auszugehen, "dass sich die heutigen Infrastrukturen wie Mobilität, Energie, Wasser et cetera viel stärker dezentral entwickeln werden". Braun spricht in diesem Zusammenhang gar von einer weitgehenden Selbstversorgung der Städte. Richtig ist vielmehr, dass diese Ideen bereits sehr alt und sicher bedenkenswert sind; allerdings wird es, solange es den Kapitalismus gibt, stets auch mindestens einen großen Energiekonzern geben, der nicht an Nachhaltigkeit, preiswerter Energie für alle Menschen oder gar sich selbst versorgenden "Zellen" interessiert ist, sondern einzig an steigendem Profit - egal auf welche Weise und auf wessen Kosten.

  2. Dasselbe gilt für die weiteren genannten Bereiche (Wasser und Individualmobilität) natürlich gleichermaßen. Gerade im Bereich der Wasserversorgung erleben wir ja gerade das Gegenteil - nämlich die permanenten und teilweise bereits erfolgreichen Versuche der psychopathischen Profitmaximierer, auch diese endlich zu "privatisieren", also an Konzerne abzutreten, sodass zukünftig nur noch derjenige mit Trinkwasser versorgt wird, der auch ordentlich dafür zahlen kann. Letztlich werden sie gewiss auch noch einen Weg finden, "saubere Luft" zu privatisieren.

  3. Dem guten Herrn Braun fällt sogar selbst auf, dass eine gewisse Diskrepanz zwischen der festgestellten und weiter zunehmenden Digitalisierung und Vernetzung auf der einen und der trotzdem ansteigenden Konzentration von Menschen in wachsenden Horrorgroßstädten auf der anderen Seite festzustellen ist. Konsequenzen zieht er daraus allerdings nicht. Die "Megastädte" bleiben trotzdem ein Teil der Zukunftsprognose - die Gründe dafür werden allerdings nicht genannt, was aber nicht weiter verwundert, da diese Entwicklung in sich ja bereits unlogisch ist und das Gegenteil in einem Zukunftsmodell dafür sorgen müsste, dass zunehmend mehr Menschen den Molochen der Betonwüsten wieder entfliehen. Das passte den "ForscherInnen" allerdings so gar nicht in ihr Konzept, da dann auch so "innvovative" Projekte wie das "autonom fahrende Auto" keinen Sinn mehr ergäben. So reiht sich ein Puzzleteil ans nächste.

  4. Auch hier wird wieder das völlig bescheuerte neoliberale Konzept der "Mikrowohnungen" und "Wohnzellen" angeführt, das in einer tatsächlich vernetzten, nicht dem kapitalistischen Barbarentum ausgesetzten zukünftigen Welt so sinnvoll wäre wie Kühlschränke am Nordpol. Ich hatte bereits an anderer Stelle darauf hingewiesen, welchem Zweck diese Pläne mutmaßlich tatsächlich dienen.

  5. Einen weiteren Schritt hin zur neoliberal perfekten, menschenfeindlichen Welt vollzieht Herr Braun, wenn er bemerkt: "Vielleicht bestehen Firmen nicht mehr aus festen Mitarbeitern, sondern aus einer Summe von vielen Selbständigen [sic!], sogenannten Cloud Workern, die sich projektbezogen zusammenschließen." - Ja, in der Tat, das sind die feuchten Träume der Superreichen: Wenn es nur noch "Selbstständige" und keine festangestellten "Mitarbeiter" mehr gibt, kann man den ganzen überflüssigen Rotz, der sich heute noch "Arbeitsrecht" nennt, endlich in den Gulli kippen - dann gibt's keinen "Mindestlohn" mehr, sondern nur noch "Konkurrenz" (nach unten), und von Kündigungsschutz, Lohnfortzahlung im Krankheitsfalle, einer paritätischen Finanzierung der Kranken- und Rentensysteme, geregelten Arbeitszeiten, gar einer Hilfe für Arbeitslose oder andere Unnütze etc. muss man gar nicht erst weiter reden. So sieht der Traum von der Zukunft für die Damen und Herren Quandt, Klatten, Albrecht, Schwarz & Co. aus - mit "wissenschaftlicher Prognostik" hat das jedoch nicht das geringste zu tun.

Eine "Futurologie", die den Kapitalismus als maßgeblichen Faktor für den Jetzt-Zustand und damit auch für die vermutliche Entwicklung dieser verkommenen Welt gar nicht benennt und somit auch nicht erkennen kann bzw. will, welche "Prognosen" im Rahmen dieses Systems wahrscheinlich und welche eher unwahrscheinlich sind, ist nichts anderes als gelenkte, dumpfe Propaganda. Die "wissenschaftliche Methodik", die Braun und Co. hier bemühen, erinnert an das infantile Szenario, in dem man sich ausführliche Gedanken über das plötzliche Anschwellen des Handballens macht und dabei die Tatsache außer acht lässt, dass man kurz zuvor von einer Biene gestochen wurde. Die Ergebnisse sind entsprechend absurd. Ich zitiere dazu einige Kapitelüberschriften aus dem Buch "Die Zukunft. Das Bild der Welt von morgen", hg. von Roland Göök, Bertelsmann [sic!] 1974:


- Handgemachtes Paradies: Nicht mehr arbeiten und überall Südseestrand
- 36.000 km über der Erde: So wird demnächst die Sonne angezapft
- Schlaraffenland der Energie: Das Wasser der Meere und die Steine der Alpen verbrennen
- Nahrung: Schlaraffenland aus der Retorte
- Wenn die Kornfelder verschwunden sind: Zurück zur fröhlichen Wildnis
- Wie eine Raumstation in der Landschaft: Die Stadt


So geht es munter weiter in diesem aus heutiger Sicht fast schon pervers anmutenden Buch, welches das menschenfreundliche Paradies, in dem wir heute, 40 Jahre später, demütig und überaus glücklich leben dürfen, ausführlich zu vorhersagen versucht. Weder die Bertelsmann-Bande, noch der Rest der kapitalistischen Profitgeier hat sich damals wohl ausmalen können, wie nachhaltig und zu ihren Gunsten pervertiert die Welt nach 40 Jahren aussehen würde. - Ob der Herr Braun es wohl auch gelesen hat?

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Tödliche Teppiche aus Asphalt und Gestein: Wann zieht die Stadt in die Wohnmaschine um?


(Kapitel-Illustration [Ausschnitt] von Günter Radtke aus dem o.g. Buch)

Freitag, 25. September 2015

In eigener Sache: Kommentare


Es kommt immer wieder mal vor, dass irgendwelche Leute - wie zuletzt der Kommentator "DasKleineTeilchen" - das Märchen verbreiten, kritische Kommentare würden beim Narrenschiff gelöscht oder nicht "freigeschaltet". Dazu stelle ich klar:

Hier muss kein Kommentar "freigeschaltet" werden. Jeder Mensch, der zu einem Posting oder einem anderen Kommentar etwas beisteuern möchte, kann das jederzeit tun. Ich bekomme das ohnehin erst dann mit, wenn ein solcher Kommentar bereits online ist. Ausnahmen von dieser Regel betreffen lediglich Postings, die älter als 20 Tage sind sowie Kommentare, die vom großen Bruder google - worauf ich keinen Einfluss habe - in den Spam-Ordner verschoben werden.

Wenn ein Kommentar also nicht unverzüglich online erscheinen sollte, habe ich keine Kenntnis davon und ergo auch nichts damit zu tun.

Des weiteren lösche ich Kommentare, die ich online vorfinde und die bereits von jedermann gelesen werden können, ausschließlich dann, wenn sie rassistische oder sonstwie strafbewehrte Inhalte haben. Eine Ausnahme stellen hier lediglich die Ergüsse von André Hüssy alias "Herr Karl" dar, dessen ungeistigen Schmutz ich in meinem Blog nicht haben will und ihn daher stets entferne, wenn ich ihn entdecke.

Donnerstag, 24. September 2015

Song des Tages: Wonder




(Anneke van Giersbergen & Agua de Annique: "Wonder", aus dem Album "In Your Room", 2009)

Drove on by your house today,
I know it's hard to stay away.
It's alright, you pick a fight,
But my heart is on the tray.

Whatever you may think of me
You know that there'll never be
Someone who loves you more than I do.
One day you will understand
You had me in the palm of your hand,
And I will be gone, I leave you to wonder.

I took a breath, looked at your door,
The times that I've been here before.
Your smiling face, your warm embrace,
Those days are not here anymore.

Whatever you may think of me
You know that there'll never be
Someone who loves you more than I do.
One day you will understand
You had me in the palm of your hand,
And I will be gone, I leave you to wonder.

Drove on by, I don't know why
It's so hard to stay away.
A kiss goodbye, a teary eye,
Here's another lonely day.



Anmerkung: Ja, ich weiß - dies ist das mindestens dreimillionste Liedchen, das von verschmähter Liebe und dem daraus resultierenden Liebeskummer handelt. Es ist aber dennoch eines der schönsten, die mir zu diesem banalen Thema - das im akuten Fall einjedem von uns plötzlich gar nicht mehr so banal erscheint - einfallen. Nebenbei beschreibt es aber auch ganz vorzüglich meine aktuelle Stimmung, wenn ich an heutzutage völlig absonderliche Dinge wie Frieden, Demokratie, Gerechtigkeit, Solidarität, Humanismus etc. denke. Unsere Welt befindet sich heute objektiv genau dort, wo sich die subjektive Welt des verschmähten Liebenden befindet: Am Rande des Abgrunds.

Natürlich hinkt dieser Vergleich gewaltig - nicht zuletzt deshalb, weil wir eben keine "neue Welt" erwarten können, wenn die jetzige einmal mehr das Zeitliche segnet und im kapitalistischen Reißwolf verschwindet. Die leise Melancholie dieses Songs ist für mich der pure Zeitgeist, welcher dem aufgesetzten, lauten, blinkenden, allzu schrillen Reklame- und Propagandageschrei des untergehenden Kapitalismus und all seinen korrupten, perversen Auswüchsen die schnöde, finstergraue menschliche Realität entgegensetzt. Natürlich endet das Liedchen in einer nicht aufgelösten Disharmonie.

Das kleine Narrenschiff-Theater ist tapfer gewappnet für den nächsten (letzten?) Akt.

Samstag, 19. September 2015

Freitag, 18. September 2015

Zitat des Tages: Auf die große Koalition


Dass Gott es mir verzeihe,
wenn ich um Hilfe schreie
vor soviel Dummheit hier:
drauf trinke ich mein Bier!

Dass Gott es gütig wende,
der ganze Spuk verschwände
samt Wehner, Strauß und Abs:
drauf trink ich meinen Schnaps!

Dass Gott es richtig mache
als Christ in eigner Sache,
die Kleinen groß, die Großen klein:
drauf trink ich meinen Wein!

(Volker von Törne [1934-1980], in: "Im Lande Vogelfrei. Gesammelte Gedichte", Wagenbach 1981; geschrieben und erstveröffentlicht 1967)