(Katatonia: "Last Fair Day Gone Night", live in London 2014)
Anmerkung: Mir fällt keine passendere Untergangsmusik für dieses grausige Jahr ein, die noch trauriger und hoffnungsloser sein könnte. Wenn unsere untergehende Zeit einen Namen verlangt, dann lautet er (doppelt unterstrichen) Katatonia.
Ich bedanke mich bei allen Lesern und Leserinnen dieses kleinen Blogs für Kommentare, Mails, persönlichen Zuspruch und andere Menschlichkeiten, die heute nur noch selten vorkommen. Den Weg in den Abgrund wird das freilich nicht aufhalten - immerhin können wir aber stolz grinsend behaupten, es vorher gewusst zu haben, wenn der Vorhang fällt.
Ich bin vor nicht zu langer Zeit geboren
In einer kleinen, klatschbeflissenen Stadt,
Die eine Kirche, zwei bis drei Doktoren
Und eine große Irrenanstalt hat.
Mein meistgesprochenes Wort als Kind war "nein".
Ich war kein einwandfreies Mutterglück.
Und denke ich an jene Zeit zurück:
Ich möchte nicht mein Kind gewesen sein.
Im letzten Weltkrieg kam ich in die achte
Gemeindeschule zu Herrn Rektor May.
- Ich war schon zwölf, als ich noch immer dachte,
Dass, wenn die Kriege aus sind, Frieden sei.
Zwei Oberlehrer fanden mich begabt,
Weshalb sie mich - zwecks Bildung - bald entfernten;
Doch was wir auf der hohen Schule lernten,
Ein Wort wie "Abbau" haben wir nicht gehabt.
Beim Abgang sprach der Lehrer von den Nöten
Der Jugend und vom ethischen Niveau -
Es hieß, wir sollten jetzt ins Leben treten.
Ich aber leider trat nur ins Büro.
Acht Stunden bin ich dienstlich angestellt
Und tue eine schlechtbezahlte Pflicht.
Am Abend schreib ich manchmal ein Gedicht.
(Mein Vater meint, das habe noch gefehlt.)
Bei schönem Wetter reise ich ein Stück
Per Bleistift auf der bunten Länderkarte.
- An stillen Regentagen aber warte
Ich manchmal auf das sogenannte Glück ...
(Mascha Kaléko [1907-1975], in: "Das lyrische Stenogrammheft. Kleines Lesebuch für Große", Rowohlt 1956; Erstausgabe in zwei Bänden: 1933 / 1935)
Während die Propagandamedien hierzulande immer noch in breiter Ausführlichkeit über den bösen, islamistischen Terroranschlag in Berlin berichten und dabei das "Terror-Bingo" (Fefe) bis zur letzten Gesichtspalme ausreizen, geht im Rest der Welt das Leben einfach weiter. Auch in den USA sind zur highligen Weihnachtszeit wieder einmal eine Menge Menschen ermordet worden - in Chicago waren es mindestens zwölf:
Chicago erlebt blutige Weihnachten / Alles andere als friedlich vergehen die Weihnachtstage in Chicago. Während es die Menschen zu ihren Familien zieht, machen sich zahlreiche Bandenmitglieder auf, um alte Rechnungen zu begleichen. Bei mehreren Schießereien sterben 12 Menschen.
Das ist - laut Propagandapresse - nun aber kein Terror, sondern "normale" Kriminalität, weshalb es auch keine nennenswerte Berichterstattung oder gar Sondersendungen im Verblödungs-TV dazu gab. Man muss in Kapitalistan nämlich deutlich unterscheiden zwischen systemimmanentem Handeln (Mord aus Habgier) und fremdgesteuerten Anschlägen (Mord aus anderen, also noch niederträchtigeren Gründen). Der erstgenannte Punkt ist "normal" im Kapitalismus - schließlich geht es hier ja um Eigennutzmehrung um jeden Preis, im Zweifel bzw. in der Regel auch auf illegalem Wege. Wenn dabei Menschen sterben, ist das schlimm und wird geahndet (sofern "Kriminelle", also nicht zur "Elite" zählende Menschen dafür verantwortlich sind) - oder aber als "Kollateralschaden" abgelegt und nicht weiter verfolgt (wenn Großkonzerne oder ihre politischen Stiefellecker betroffen sind).
Die zweite Variante wird umso schärfer bis ins Absurde und darüber hinaus aufgeblasen - da rennen Journalisten und Politiker wie aufgeschreckte, panische Hühner durcheinander und gackern wild, was das Zeug hält - ohne Rücksicht darauf, wie lächerlich sie sich verhalten. Das macht aber nichts, denn die meisten BürgerInnen scheinen dies ebenfalls nicht zu bemerken - sonst wären diese politischen Hühnerzombies ja längst abgewählt. Sie gackern viel lieber mit im dissonanten Chor der Hirnverweigerer: "Oh, der böse Muselmann bedroht unsere Freiheit - legt uns doch bitte endlich allesamt in Ketten, damit der Terror keine Chance mehr hat!" - So jedenfalls posaunt es die Hühnerpresse gackernd ins vollkommen irre gewordene Land.
Derweil legen die nüchternen, exemplarischen Zahlen aus Chicago eine ganz andere Realität nahe:
Die drittgrößte Stadt der USA hat in diesem Jahr eine beispiellose Gewalteskalation erlebt. Seit Jahresbeginn sind nach Zählung von Lokalmedien mehr als 750 Menschen in Chicago erschossen worden. Dies sind mehr als die Opferzahlen der beiden größten US-Städte Los Angeles und New York zusammengerechnet.
Beim Barte des Propheten, wie kann das denn nur sein im Paradies des "American Exceptionalism", fragt sich verwundert der denkende Mensch. Die Antwort ist indes so einfach wie weitestgehend unbekannt bzw. verdrängt: Das ist Kapitalismus. Das ist Habgier. Das ist Machtgier. Deshalb werden 750 ermordete Menschen nicht als Terroropfer gezählt und nicht weiter beachtet, während zwölf ermordete Menschen die Propagandapresse und korrupte Politbande eines ganzen Landes zum rotglühenden Schäumen bringen.
---
Goliath
(Gemälde von Hans Hofmann [1880-1966] aus dem Jahr 1960, Öl auf Leinwand, Berkeley Art Museum, Los Angeles, USA)
Der heutige Bericht über meine jüngste Realitätsflucht stellt mich vor einige Probleme, da ich über ein Spiel schreiben möchte, ohne es zu beschreiben - denn bereits eine schnöde Inhaltsangabe wäre schon ein unverzeihlicher Spoiler, der jenen LeserInnen, die das Spiel noch nicht kennen, es aber gerne ausprobieren möchten, sehr sauer aufstieße. Es handelt sich um das Indie-Adventure "The Stanley Parable" (2013) vom amerikanischen Entwickler Galactic Cafe, das auf eine "Mod" zur "Source Engine" von Valve aus dem Jahr 2011 zurückgeht.
"The Stanley Parable" ist eigentlich gar kein Computerspiel im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr eine interaktive, philosophische, sehr surreale Reise in die Untiefen der kapitalistischen Arbeits- bzw. Sklavenwelt und das damit verbundene Surrogat eines Lebens. Zu Beginn klärt der allgegenwärtige Erzähler den Spieler auf, dass er sogleich die Geschichte Stanleys, eines Angestellten einer nicht näher benannten Firma, erleben wird, indem er in dessen Rolle schlüpft. Schon dies ist aber nur die halbe Wahrheit, wie sich relativ schnell herausstellt.
Es ist nahezu unmöglich, dieses Werk spoilerfrei zu beschreiben, weshalb ich hier darauf verzichte und stattdessen den Trailer, der auch nur den groben Rahmen des Inhalts illustriert, sprechen lasse:
Das Spiel hat zwar einen Anfang, aber kein wirkliches Ende - inzwischen sind, wenn ich mich nicht irre, 18 mögliche Ausgänge bekannt - letztlich landet man aber sowieso immer wieder am Startpunkt, um eventuelle weitere Facetten neu zu entdecken. Immer wieder verändert sich durch den so erzwungenen Neustart die Umgebung, durch die Stanley irrt - wer also meint, diese oder jene Region sei bereits erkundet und könne damit vernachlässigt werden, verpasst den größten Teil des Spieles und damit auch die intellektuelle Herausforderung.
Es gibt hier keine Kämpfe oder typischen Rätsel - das Spiel eignet sich somit auch für Menschen, die sich mit diesem Medium noch nie auseinandergesetzt haben: Zur Steuerung muss man lediglich die Maus bewegen und zur Vorwärtsbewegung der Spielfigur die "W"-Taste drücken. Weitere Fähigkeiten sind nicht vonnöten.
Die Grafik ist auch heute noch durchaus ansehnlich; die Musik ist minimalistisch und durchaus passend; die Sprachausgabe beschränkt sich auf den fast ständig präsenten Erzähler, der den Spieler gekonnt und professionell durch die Geschichte führt - oder ihn davon abzuhalten versucht, je nach Sichtweise. Die Texte werden in gut verständlichem Englisch vorgetragen - optional kann man aber deutsche Untertitel einblenden lassen, wovon ich jedoch abrate. Auf meinem Win7/64-System läuft das Spiel problemlos und ohne jeden Absturz. Leider ist es an den Steam-Kraken gebunden, was sich aber mit ein wenig Geschick auch umgehen ließe. Das ist allerdings illegal und daher ausdrücklich nicht empfohlen.
Ganz besonders sei dieses Meisterwerk allen Menschen ans Herz gelegt, die sich im alltäglichen Irrsinn ihres Büroalltages in einem solchen "Borgwürfel" (Kiezneurotiker-Sprech für "Firma") befinden und die dennoch gelegentlich ein kritisches Bewusstsein bezüglich ihres Tuns pflegen. Die vielen kleinen Details im Spiel werden das Herz jedes Borgwürfelinsassen höher schlagen lassen - von hirnfreien Powerpoint-Präsentationen in dusseligen Meetings über nicht minder bescheuerte Flipcharts und firmeninterne Bekanntmachungen, die darüber aufklären, wie man es vermeiden kann gefeuert zu werden oder wie man dem Boss am besten Zucker in den widerwärtigen, verklebten Arsch bläst, ist bis zu den obligatorischen Kaffeetassen ("I hate Mondays" oder "I like work, I just hate my boss") alles dabei.
Dieser mehr oder weniger subtile Humor ist allerdings ebenfalls nur eine Facette dieses illustren, außergewöhnlichen Spieles; und er wird in manchen Szenarien auch gerne ins Absurde überhöht, wenn der arme Stanley beispielsweise aufgrund einer "falschen" Entscheidung samt der kompletten Firma mithilfe von Nuklearwaffen in die Luft gesprengt wird. Der überaus ernste und existenzielle Hintergrund der Geschichte, die am PC schon - je nach Spielweise - nach drei, vier oder fünf Stunden vorbei ist, hat mich noch sehr lange beschäftigt und tut das auch weiterhin. - Das ist großartige, wegweisende Computerkunst, die den Vergleich mit Kafka keineswegs scheuen muss.
Eigentlich hatte ich vor, an dieser Stelle ein paar Worte zu dem Mordanschlag auf den schlafenden Obdachlosen in Berlin zu schreiben - allerdings ist mir der Altautonome in seinem letzten Kommentar schon zuvorgekommen, so dass ich mich nun lieber auf ein kleines Detail beschränken möchte.
Selbstverständlich sind solche unschönen Nachrichten aus dem paradiesischen Reich des kapitalistischen Wohlstandes, in dem es allen Menschen so unsäglich gut geht, wenig hilfreich für das verkündete Märchen. Daher werden solche Fälle in den Propagandamedien zwar gerne gemeldet (sie bringen schließlich "Klicks" und damit Profit), werden aber ebenso regelmäßig als bedauerliche, nicht repräsentative Einzelfälle dargestellt. Im vorliegenden Fall hat die n-tv-Redaktion das auf eine besonders perfide, gleichermaßen aber beliebte Art und Weise getan, die kaum jemandem auffallen dürfte, der den Artikel unbedarft liest.
In der - hübsch fett gedruckten - Zwischenüberschrift im Text heißt es lapidar: "Keine Zunahme von Angriffen auf Obdachlose", und schon kann der geneigte, womöglich humanistisch denkende Leser wieder erleichtert aufatmen. Sucht man im Text allerdings nach belastbaren Belegen für diese Behauptung, findet man lediglich eine statistische, unbelegte Zahl, die sich einzig auf Bahnhöfe bezieht, sowie dies:
Angriffe auf Berliner Obdachlose hätten nicht zugenommen, sagte Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofsmission, die in der Hauptstadt vielen Menschen auf der Straße hilft. "Was passiert ist, tut mir sehr leid. Aber aus meiner Sicht häuft sich das nicht."
Wir lernen also: Angriffe auf Obdachlose gibt es offenbar einzig auf Bahnhöfen, nirgends sonst; außerdem ist die Videoüberwachung äußerst erfolgreich; und nicht zuletzt versichert der Leiter der Bahnhofsmission ganz ohne irgendwelche Statistiken oder andere Zahlen, dass "aus seiner Sicht" alles gut sei. Das ist zusammengenommen so aussagekräftig wie der Spruch "In der Nacht ist alles Grüne auch rot, blau oder schwarz." Der Informationswert dieses Artikels tendiert gegen null - der Propagandagehalt dagegen dürfte ganz im Sinne der korrupten Bande sein: Ein wenig Sensationsgeifer, eine unmittelbare, doppelte Relativierung und selbstverständlich ein Verweis auf das Erfolgsmodell der staatlichen Totalüberwachung lassen keine reaktionären Wünsche mehr offen. - Es überrascht nicht, dass weder n-tv, noch andere Massenmedien diesen Vorfall zum Anlass nehmen, über das furchtbare, wahrhaft existenzielle Thema der zunehmenden Obdachlosigkeit sowie die zunehmende Verrohung der Gesellschaft ausführlich und hintergründig zu berichten - gerade zu Weihnachten ziemt es sich nicht, an der heuchlerischen, zynischen Fassade des kapitalistischen Verelendungssystems zu kratzen.
Eben jene Verrohung, die sich in plumpestem Rassismus äußert, lässt sich übrigens - sofern der Kotzeimer bereit steht und die Nerven stahlhart genug sind - bei Zeit Online nachlesen. Die Kommentare zu einem dortigen Bericht über "plötzlich verschärfte Regeln für Obdachlose in Hamburg" bieten einen wenig erquicklichen Einblick in die dumpfe Denkwelt einer angeblich gebildeten Mittelschicht. Die brutale Menschenfeindlichkeit und die bodenlose, geradezu schmerzhafte Dummheit, die sich dort offenbaren, machen mir regelrecht Angst. Da wundert es den Bibbernden schon nicht mehr, dass zur heiligen Weihnachtszeit aus der SPD auch gleich Rufe nach neuen Konzentrationslagern für Flüchtlinge laut werden:
Nach dem Berliner Anschlag geht die SPD in der Flüchtlingspolitik auf die Union zu. Anstelle von Transitzonen schlägt Innenexperte Lischka "spezielle" Einrichtungen vor.
Der Weg zur "Sonderbehandlung" ist offenbar nur noch ein sehr kurzer.
---
Wort zur Zeit
Schon mal'n sie wieder Sprüche an die Zäune
und bohren kleine Löcher ins Gesetz
und ritzen ihre krummen Hakenkreuze
in alle nur erreichbaren Klosetts.
Sie grüßen sich mit neu erfund'nen Zeichen
und helfen sich mit kriegserworb'nem Geld,
und alle Tage bringen ihre Weiber
ein frischgebackenes Gerücht zur Welt.
Sie schenken ihren Kindern Bleisoldaten
und falten heimlich Helme aus Papier
und tragen aus Prinzip nur Reiterhosen,
damit man merkt, sie waren Offizier.
Sie reißen nachts Plakate von den Säulen
und kratzen neue Straßennamen ab
und nennen unsre altgeword'ne Jugend,
die sie auf dem Gewissen haben, "schlapp".
Sie spotten über Kunst, die sie nicht fassen,
und lügen über Männer, die sich müh'n,
den nur von ihnen so verfahr'nen Karren
so langsam wieder aus dem Dreck zu zieh'n.
Sie führen sicherlich schon schwarze Listen
und denken an ein gut vergrab'nes Beil,
und da sie wieder Morgenlüfte wittern,
so sag'n sie (aus Versehen) manchmal "Heil".
Ihr haltet sie, wie einst, für große Kinder,
für harmlos irr - für geistig ausgebombt ...
Ihr solltet wirklich nicht so schnell vergessen
und dies Gewürm zertreten und zerpressen,
damit es nicht noch einmal soweit kommt!
(Heinz Hartwig, in: "Der Simpl", Nr. 13 vom November 1946)
In Dresden gibt es einen neuen Verein, der sich - gerade zu Weihnachten - vorbildlich um Obdachlose kümmert und ihnen aus der Obdachlosigkeit heraushilft ein leckeres Mittagessen spendiert. Das müssen wahre Menschenfreunde sein, die sich gerade in dieser nicht nur saisonal bedingten eiskalten Zeit um die Schwächsten der Gesellschaft kümmern, für die der korrupte, kapitalistische Staat sich längst nicht mehr zuständig fühlt. Über die warmherzigen Humanisten aus Ostdeutschland berichtete vorgestern die Zeit:
In Dresden kümmert sich ein Verein um Obdachlose – aber nur deutsche. Auch andere Sozialvereine kooperieren mit den Flüchtlingsfeinden, nur einer hält dagegen. / (...) Man muss nicht lange suchen, um die Motivation dieses Vereins [Dresdner Bürger helfen Dresdner Obdachlosen und Bedürftigen e.V., gegründet am 21. Juli 2016, vom Finanzamt als mildtätig anerkannt] zu entschlüsseln. Er rekrutiert sich aus der islamfeindlichen Pegida-Bewegung, die hier in Dresden ihre Wurzeln hat. [Vereinschef Ingolf Knajder] lief nicht nur bei den Montagsaufzügen mit, er stand neben Pegida-Mitgründer Lutz Bachmann auf der Bühne, trat als Ordner in Erscheinung, er ist fest mit dem rechten Milieu verwachsen. In seiner Wortwahl gegen "Gutmenschen" und Rassismusgegner ist er menschenfeindlich, auf der Straße wird er handfest. Andersdenkende beschimpft er als "elende Kommunisten Votze", die Linken-Vorsitzende Katja Kipping beleidigte er als "rote verlogene Stasi-Hexe", der erkrankten Oberbürgermeisterin Helma Orosz schrieb er: "Möge Sie der Krebs endlich holen".
Da geht einem doch das Herz auf vor lauter weihnachtlicher Mildtätigkeit und man möchte dem Herrn Knajder und seinen SpießgesellInnen ebenfalls genüsslich in die Weichteile treten, bevor man sie dekorativ an den Weihnachtsbaum neben einen posaunenden Engel oder einen kotenden Elefanten hängt. --- Doch halt: diesem durchaus verständlichen Impuls sollte man mit ebensolchem Ekel begegnen wie den Pegioten und ihrem rassistischen Irrsinn selbst. Ich muss mich zwar arg beherrschen, wenn ich einen solchen Bericht lese, der geradewegs aus dem Jahr 1933 stammen könnte; allerdings vermag ich dies auch zu tun - ein Umstand, der mich hoffentlich deutlich von den widerlichen Pegioten unterscheidet. Wenn irgendetwas auf diesem verkommenen Planeten alternativlos ist, dann ist es nach meiner Überzeugung der Pazifismus.
Wie soll man solchen Gestalten, die ganz offen rassistisch agieren, also begegnen? Diese Frage stelle ich mir schon so lange, ohne eine wirklich befriedigende Antwort darauf gefunden zu haben. Es ist deutlich erkennbar, dass der Rassismus sich wieder einmal wie ein Krebsgeschwür - nicht bloß in Deutschland - ausbreitet und festsetzt, und es ist dringend nötig, hier endlich ein Konzept zu finden, wie diesem Wahnsinn Einhalt geboten werden kann, ohne dieselben dumpfen und letztlich kontraproduktiven Gewaltstrategien der hirnlosen Menschenfeinde zu bemühen. Gespräche, Diskussionen oder Fakten helfen hier ebensowenig wie Ignorieren oder Aussitzen. Bleibt am Ende doch nur die Wahl zwischen Gewalt, Resignation und Emigration?
In der ostdeutschen Bastion der Rechtsradikalen scheint der Rassismus jedenfalls auf breite Zustimmung zu stoßen, wenn man der Zeit folgt:
Die Beschränkung der Hilfe auf deutsche Bedürftige hat in Dresden eine gewaltige Hilfsbereitschaft freigesetzt: Am Telefon erzählt Knajder von sieben Mercedes Sprinter-Transportern voll mit Kleiderspenden, die vor dem Weihnachtsessen zusammenkamen.
Mir fällt dazu - nach einem weihnachtlichen Kotzgelage, das sich wahrlich gewaschen hat - nur noch dieses schauderhafte Brett vorm Kopf ein:
Hoffnungsloser Fall
(Zeichnung von Helmut Beyer [1908-1962], in: "Der Simpl", Nr. 7 vom Juli 1946)
(Arch Enemy: "Nemesis", aus dem Album "Doomsday Machine", 2005)
We walk this earth
With fire in our hands
Eye for an eye
We are Nemesis
We are with you
Countless vicious souls
Fight! - Fighting for freedom
United we stand, we stand!
We are legion - voice of anarchy
This is revolution - creating new disorder
We are enemy - opponents of the system
Crushing hypocrisy - slaying the philistine
One for all, all for one
We are strong, we are one
One for all, all for one
We are one - Nemesis!
A malicious fever burns
In our hearts, in our veins
Your blood, my blood
All blood runs the same - the same!
One for all, all for one
We are strong, we are one
One for all, all for one
We are one - Nemesis!
Nein, ich möchte zu dem Unfall / Amoklauf / Anschlag in der ostdeutschen Provinz nichts schreiben. Nachdem ich einige Berichte dazu gelesen habe, steht fest, dass niemand etwas Genaueres weiß und die Terrorhysterie trotzdem auf Hochtouren läuft, bis sie rot glüht. Inzwischen geht "man" sogar davon aus, dass der "IS" dahinter steckt - wenn man allerdings etwas genauer nachforscht, beruht diese "Meldung" lediglich auf irgendeiner ominösen Veröffentlichung im Internet, in der genau dies von irgendwem behauptet wird. Das muss reichen, damit der deutsche Qualitätsjournalismus, dem "Fake News" kurz zuvor noch ein so dringliches Anliegen waren, das übernimmt und munter verbreitet. Wenn es im Netz steht, muss es ja wohl stimmen ... zumindest in diesem nützlichen Fall.
Wie immer ließen auch die politischen Betroffenheitsmaskeraden nicht lange auf sich warten, die in ihrer Widerwärtigkeit kaum zu überbieten sind - diesen halbseidenen Sprechpuppen möchte ich ihr dämliches Geseiere gleich wieder zurück in den korrupten Schlund stopfen, bis sie daran endlich ersticken. - Nein, ich möchte dazu nichts schreiben.
Selbstverständlich dürfen auch die erwartbaren Ekelpakete nicht fehlen, die sofort aus dem Dickicht springen und "Verschärfung", "Asylmissbrauch", "Flüchtlingsstopp" und "mehr Überwachung" skandieren. Es können sich nur noch gehirnlose Menschen darüber wundern, dass die üble AfD in diesem braunen Reigen, wie gewohnt, rechts von der CSU überholt wird. Wenn überall im Land Staatsschergen mit Maschinenpistolen herumstehen, weil ein Bekloppter oder Kranker einen LKW geklaut und Menschen überfahren hat, fühle ich mich so ungemein sicher, dass mir die Worte fehlen. Ich möchte nichts dazu schreiben.
Ich möchte ebenfalls nichts dazu schreiben, dass die Sachlage natürlich eine völlig andere ist, wenn beispielsweise ein Deutscher in Afghanistan ein blutiges Massaker anrichtet - ein solcher soldatischer Held wird hierzulande gerne mal vom Oberst zum General befördert, während die korrupte Bande ganz und gar nicht "betroffen" ist und selbstredend auch keine Konsequenzen fordert.
Die medial und politisch verbreitete Hysterie geht mir so dermaßen auf den Sack, dass ich ums Verrecken nichts dazu schreiben möchte.
Der beste Kommentar dazu stammt wieder einmal aus der Redaktion der Titanic, die unter dem Titel "Darauf einen Glühwein" schlicht meint:
Manchmal bin ich nicht so ganz sicher, ob unsere hochverehrten, durch Zwangsgebühren finanzierten Qualitätsmedien nicht doch einem heimlichen Satireauftrag folgen; aber solange ich noch nicht bemerkt habe, dass irgendwelche Journalistenclowns mit einer Karnevalströte in der bemalten Fratze hinterm nächsten Busch hervorspringen und "Ätsch, wir haben dich verarscht!" brüllen, nehme ich den Quatsch der hochbezahlten Damen und Herren noch immer für bare Münze.
Beim WDR bin ich wieder einmal fündig geworden und habe einen Bericht gelesen, der mich einmal mehr daran zweifeln lässt, ob ich mich nicht doch in einer gescripteten Comedyshow von RTL befinde. Dort war unter der flehentlichen Überschrift "Anwohner verzweifelt über Raser in Wohngebieten" zu lesen:
Das Landschaftsschutzgebiet direkt vor der Tür, ruhige Lage. Ideal für die Kinder, hatte sich Familie [XXX] gedacht, als sie vor sechs Jahren in eine Spielstraße in Herdecke zog. Im Wohngebiet ist Schrittgeschwindigkeit vorgeschrieben. Eine Messung der Stadt Herdecke im Sommer 2015 aber ergab, dass die Autos hier durchschnittlich 25 km/h fahren. Seitdem sei nichts passiert, so Familie [XXX]. / Morgens und am Nachmittag sei es besonders schlimm, erzählen die [XXXs]. Die sechs und acht Jahre alten Söhne bringen die Eltern jeden Tag zur wenige Gehminuten entfernten Grundschule. Die Jungs auf der Spielstraße spielen lassen - das passiert nur ganz selten und nur unter elterlicher Aufsicht.
Sapperlot! Das muss doch Satire sein, oder? Kann es wirklich sein, dass die Lokalredaktion des WDR hier allen Ernstes darüber berichtet, dass irgendwelche noch gutsituierten Mittelschichtseltern sich bitterlich darüber beklagen, dass unverantwortliche Kriminelle ihre Fahrzeuge mit "im Schnitt 25 km/h" durch "ihre" Wohnstraße steuern, anstatt brav Schrittgeschwindigkeit zu fahren? Sind jetzt nicht mehr nur Lokalredakteure, sondern gleich ganze Bevölkerungsschichten völlig verrückt geworden? Wen schert es da noch, dass die allermeisten Kinder in dieser Gruselrepublik nicht in einer "Spielstraße" aufwachsen dürfen, wenn die vermeintlich Privilegierten sich schon nicht mehr trauen, ihre sechs und acht Jahre alten (!!!) Kinder dem grausigen Horror einer im rasenden Tempo von 25 km/h marodierenden Mörderbande auszusetzen? Eine schlimmere, todbringendere Straße für Kinder als diese kann es in Deutschland wohl gar nicht geben, wenn man dem WDR folgt:
Die Todesstraße in Alepp..., äh, Herdecke
Und die Anwohner (wohlgemerkt: laut dem WDR offenbar nur die Männer - weshalb auch immer) sind verzweifelt! VERZWEIFELT! Dagegen ist Aleppo wohl Disneyland. Was sind das für Menschen, die ihren Kindern nicht mehr beibringen können oder wollen, sich auf der Straße aufmerksam zu verhalten? Und was sind das für RedakteurInnen oder PraktikantInnen, die über einen solchen infantilen Unfug allen Ernstes - und nicht erst am 1. April - berichten? Könnte es ein noch deutlicheres Indiz dafür geben, dass das kapitalistische Klassensystem unweigerlich und ohne jede Ausweichmöglichkeit in den völligen Irrsinn führt?
Ich hätte große Lust, in meiner alten Karre mit mindestens 30 km/h (subversiv, wie ich bin) durch diese Straße zu rasen, dabei wild zu rauchen, genüsslich ein Mettbrötchen zu essen und laut Iron Maiden zu hören. Man wird ja sehr, sehr, SEHR bescheiden, was den Protest betrifft, wenn der Wahnsinn zur Normalität geworden ist.
---
P.S.: Dem für diesen kafkaesken Bericht verantwortlichen WDR-Menschen sei geraten, sich noch ein kleinwenig intensiver mit Sprachwissenschaft und Schreibkunst zu befassen - es mutet doch ein wenig seltsam an, wenn sich der Text so liest, als würden die Eltern von den Kindern zur Schule gebracht. - Solche Feinheiten interessieren heute aber wohl niemanden mehr.
Die gute Nachricht (1): Sowohl Lapuente, als auch Berger schicken ihre Blogs ins Nirwana. Kleinbloggersdorf atmet erleichtert auf.
Die schlechte Nachricht (1): Beide machen, gemeinsam mit Wellbrock, in einem neuen Blog weiter. Kleinbloggersdorf stöhnt und ächzt.
Die gute Nachricht (2): Es wird dadurch etwas weniger "sozialdemokratische", kapitalismusfreundliche Verbrämungen und (hoffentlich) endlich auch regelmäßig kritische Kommentare für die dünnen bzw. dünnflüssigen Gehirnfürze Lapuentes geben. Kleinbloggersdorf reibt sich freudig die Tippgriffel.
Die schlechte Nachricht (2): Das Eso-Blog "Jenseits der Realität" ist noch immer nicht in einem Schwefelblitz vom Teufel in die Zombiehölle geweckt worden. Kleinbloggersdorf zieht verzweifelt einen Exorzisten zu Rate, der jedoch an der Kommentarzensur der Esos scheitert. Platta schreibt seitenlange Mails zur Erklärung, während er Faulfuß oral befriedigt.
Die gute Nachricht (3): Andy Bonetti lebt und säuft noch. Kleinbloggersdorf spendiert ein Fass Pralinskis Mädchentraube von 1984 (einem äußerst erquicklichen Jahrgang).
Die schlechte Nachricht (3): Charlie lebt auch noch. Kleinbloggersdorf flieht geschlossen und voller Entsetzen zum Mond. Epikur, Dennis82 und das greise Pantoffeltier begehen auf der Flucht kollektiv Selbstmord. Der Kiezneurotiker kommentiert: "Im Borgwürfel trinkt man Kaffee und diskutiert die Bundesliga. Bundes. Liga. Who the fuck is Charlie?"
(to be continued ...)
---
(Kleinbloggersdorf in der guten, alten Zeit vor dem großen Exodus - selbstverständlich ohne die vegane Kampffront der Esos, die am Katzentisch Gras, Löwenzahn und leckere Lichtnahrung serviert bekam.)
(Ernest Bloch [1880-1959]: "Schelomo. Hebräische Rhapsodie für Cello und Orchester" aus den Jahren 1915/16; Cello: Jan Vogler, Frankfurt Radio Symphony Orchestra, Leitung: Eliahu Inbal, 2016)
Gerade eben habe ich mich erst über das menschenfeindliche Rechtsverständnis der US-amerikanischen Justiz ausgelassen - und schon kotet auch das deutsche Verfassungsgericht einen Beschluss in die Welt, der den Parteifunktionären aus Orwells "1984" ein süffisantes Grinsen ins Gesicht zaubert. Das oberste deutsche Gericht stellt fest:
Bei Demonstrationen mit Ausschreitungen darf die Polizei im Zweifel auch unschuldige Protestierer mit einkesseln.
Es lässt sich leicht ausmalen, wie dieser hanebüchene Freibrief vor Ort von den Staatsschergen umgesetzt wird:
Bullenchef: Hömma, Horst, schickma 'n paar Kollegen in Zivil zu dem Mob da drüben. Die solln sich 'ne Serviette vor die Fressleiste binden und 'n paar Wattebäusche zu uns rüber schmeißen, dann können wir dat ganze linke Pack einkesseln und den ganzen Tag hier festsetzen. Wachtmeister Horst: Klaro, Chef, machen wir ja immer so. Wir dürfen unsere schönen neuen Schlagstöcke aber doch trotzdem noch einsetzen, oder? Wir haben doch so lange an den doofen Strohpuppen geübt ... Bullenchef: Ach, da werden sich bestimmt Anlässe finden lassen, keene Sorge.
Wer eine solche "Einkesselung" durch vermummte, oft gewaltbereite und auf Eskalation gebürstete "Einsatzkräfte" noch nie erlebt hat, dem sei gesagt, dass das zutiefst entwürdigend und oft beängstigend ist und in der Regel auch deutlich länger als die im Bericht genannten fünf Stunden dauert. Wer in dieser Zeit aufs Klo muss, hat Pech - Toiletten gibt es in einem Polizei-"Kessel" nicht. Wer hungrig oder durstig wird, ist ebenso auf verlorenem Posten.
Ein paar staatlich gesteuerte Provokateure reichen aus, um eine ganze Menschenmenge - nun auf vollkommen "legale" Weise - daran zu hindern, von ihrem Demonstrationsrecht Gebrauch zu machen und sie obendrein zu schikanieren. Es ist schon eine tolle Sache, in einem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat leben zu dürfen, dessen höchstes Gericht kein Problem mit dem offensichtlich verfassungswidrigen Hartz-Terror hat, dafür aber den militärisch auftretenden Staatsschergen, die sich selbst zumindest vor Jahrzehnten noch als "Freund und Helfer" (*glucks*) bezeichneten, ausdrücklich gestattet, die überwiegende Mehrheit der Unschuldigen zu drangsalieren. Das ist konsequent. Das Prinzip des "Agent Provocateur" ist auch den Richtern selbstverständlich bekannt.
Mein Gehirn gibt zu dieser Farce nichts weiter her. Die Mehrheit der Deutschen dürfte in ihrer gewohnten Niedertracht und Dummheit ohnehin nichts Verwerfliches an diesem Beschluss finden. Ich habe mir zur gleichlautenden Meldung bei Zeit Online einige der gehirnquälenden Kommentare durchgelesen und danach beschlossen, dass es kaum etwas wohltuenderes für diesen durchgefickten Planeten gäbe als ein rückstandsloses Verschwinden der deutschen Dumpfbevölkerung.
---
Mai
Der Revoluzzer fühlt sich stark.
Der Reichen Vorschrift ist ihm Quark.
Er feiert stolz den ersten Mai.
(Doch fragt er erst die Polizei.)
Ich liebe die Sonne
Und von den Menschen zwei, drei,
Gott reißt mich am Haar,
Ich lebe entzwei.
Der Strahl küsst meine Hand,
Ich darf ihn nicht fragen
Und er will mir nichts sagen -
Wer kennt sein Land?!
Ich kenne den Ausgang,
Den Feuerwald seiner Geburt,
Aber noch darf ich nicht nahen
Der fließenden Flamme,
Fern ist mein Weg der einmündenden Furt.
Bergen kann sich die Otter in Grotten,
Ein jeder Feigling kann sich vergotten -
Ich falle zur Tiefe, von Grat zu Grat,
Die Gebirge entweichen, ich sinke ins Meer,
Aber mich fasst kein Abgrund,
Ich tode endlos im Schacht.
(Albert Ehrenstein [1886-1950], in: "Briefe an Gott. Gedichte in Prosa", 1922)
Anmerkung: Im Nachwort zur Neuausgabe dieses Bandes im Suhrkamp-Verlag schreibt der Herausgeber Jörg Drews: "Den 'Dichter der bittersten Gedichte deutscher Sprache' hat ihn Kurt Pinthus genannt, und das trifft nicht nur die Thematik, sondern auch die Sprache in ihrer selbstzerstörerischen Schärfe und Unruhe, die es nie zu gemeinsamem, lyrischem Wohllaut kommen lassen. - 'Ich weiss, dass ich eine Nachtigall bin, die ihr Elend singt', sagte Ehrenstein von sich selbst."
Über das staatsterroristische Konzept der "Pre-Crime" habe ich mich schon öfter ausgelassen, zuletzt im Oktober dieses Jahres. Nun haben unsere amerikanischen Freunde jenseits des Atlantiks wieder einmal ein bewegendes Beispiel für diesen Irrsinn abgeliefert: Ein religiös verwirrter, offenbar psychisch kranker 22Jähriger soll einen Anschlag auf das Kapitol in Washington geplant haben und ist dafür von einem Bundesgericht zu einer Haftstrafe von 30 Jahren und zusätzlicher lebenslanger Bewährung nach der Verbüßung dieser Haftzeit verurteilt worden.
Mir bleibt angesichts einer solchen, geradezu kafkaesken Meldung die Spucke weg - nur mühsam kann ich einige Sätze herausstammeln. Niemand weiß, ob der Jüngling seine angeblichen Pläne auch tatsächlich in die Tat umgesetzt hätte; und selbst wenn er diesen kriminellen Weg gegangen wäre, hätte das Unterfangen angesichts der extremen Bewachung des Kapitols vermutlich schon an den äußeren Wachposten scheitern müssen. Selbst wenn der Mann tatsächlich ernsthafte Anschlagspläne verfolgt haben sollte - woran laut den verfügbaren Berichten erheblicher Zweifel besteht -, ist ein solches Urteil eine perverse, groteske Farce, die man vielleicht einer fiesen Diktatur zurechnen könnte, aber gewiss nicht einem "freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat".
Es ist offensichtlich, dass es sich hier um ein politisches Urteil handelt, mit dem einmal mehr ein "Exempel statuiert" werden soll - selbst in den USA wird ansonsten kein Mensch aufgrund irgendwelcher Anschlagspläne, die sich beispielsweise gegen Schwarze oder Homosexuelle richteten, derartig drakonisch verfolgt und verurteilt. Es ist gruselig genug, dass inzwischen - nicht nur in den USA - irgendwelche Pläne bereits ausreichen, um einen Menschen zu kriminalisieren und fast lebenslang in den Knast zu stecken, und zwar unabhängig davon, wie realistisch jene Planungen auch gewesen sein mögen.
Es gab mal eine Zeit, in der musste - zumindest theoretisch - eine Straftat noch begangen und nachgewiesen werden bzw. unmittelbar vereitelt worden sein, um einen Menschen strafrechtlich zu belangen. Heute reicht es schon aus, wenn ich hier beispielsweise schriebe, dass ich sehr gerne mal ins Kanzleramt schliche, um dem furchtbaren Merkelmonster ein Kilo Juckpulver in den Kragen zu schütten, um ins christlich-liberal-grün-sozialdemokratische Umerziehungslager verschleppt zu werden. Das hatten wir doch alles schon (mindestens) einmal ...
---
Und es sind die finstern Zeiten
Und es sind die finstern Zeiten
in der andern Stadt.
Doch es bleibt beim leichten Schreiten
und die Stirn ist glatt.
Harte Menschheit, unbewegt,
lang erfrornem Fischvolk gleich!
Doch das Herz bleibt schnell geregt
und das Lächeln weich.
Vor einer Woche hat Sahra Wagenknecht, die "Ikone" der Linken verhinderten Sozialdemokraten nicht nur in Kleinbloggersdorf, einen Gastbeitrag bei n-tv veröffentlicht. Dort lässt sie sich unter dem Titel "Die Einschläge kommen näher: Warum die Rechte profitiert" vornehmlich darüber aus, dass über ihren zurückliegenden Redebeitrag zur "Lage der Nation" im Bundestag von den Massenmedien in weiten Teilen falsch bzw. verzerrend berichtet wurde. In diesem Punkt stimme ich der Dame ausdrücklich zu und es ist durchaus fair, dass n-tv ihr diese Möglichkeit der Gegendarstellung bzw. Korrektur eingeräumt hat.
Ich habe mir nun einmal die Mühe gemacht, jenseits der Medien- und Koalitionskritik in diesem Text nach den Positionen zu suchen, die Frau Wagenknecht dem kapitalistischen Katastrophenkurs entgegenstellt. Die Ausbeute ist leider äußerst überschaubar, denn sie beschränkt sich im wesentlichen darauf, dass die neoliberale Bande den Sozialstaat zerstört hat, während die Linkspartei ihn erhalten und wieder stärken will - konkret wird hier lediglich der Begriff "Arbeitnehmerrechte" genannt. Mehr "Alternativen" gibt dieser Text nicht her: Wenn also die "Arbeitnehmerrechte" wieder gestärkt würden, befände sich die Politik laut Wagenknecht auf einem guten, "alternativen" sozialpolitischen Kurs.
Dieser Text beschreibt - freilich absichtslos - das ganze hirnverwesende Dilemma der Linkspartei, die sich sowohl im korrupten politischen System, als auch im Kapitalismus längst eingerichtet hat und sich nicht einmal mehr gedanklich mit den so dringend - dringend! - notwendigen systemischen Alternativen beschäftigt. Mir ist schon klar, dass ein solcher Gastartikel in der Mainstreampresse nicht geeignet ist, um umfassende Gegenentwürfe zu skizzieren - dass der Frau aber neben den "Arbeitnehmerrechten" allen Ernstes nicht ein ganz kleines bisschen mehr - womöglich gar ein Fitzelchen Systemkritik - eingefallen ist, stellt ein flammendes Fanal dar, das den Vergleich mit ähnlichen dümmlichen Gehirnfürzen von CDU, CSU, SPD und den Grünen wahrlich nicht zu scheuen braucht.
Natürlich hat Wagenknecht recht, wenn sie die europaweiten Erfolge der Rechtsradikalen wesentlich auf die kapitalistische, menschenfeindliche Politik der vergangenen Jahrzehnte zurückführt - umso erschütternder ist es ja, dass sie selbst keinerlei systemischen Alternativen anzubieten hat, sondern lediglich, wie gewohnt, an den sozialen "Stellschrauben" herumdoktern möchte. Die Frau ist intelligent genug um zu wissen, dass der Kapitalismus zyklisch verläuft und dass die Verlagerung der sozialen Verwerfungen in ferne Länder, die vor 50 Jahren hierzulande noch die lächerliche Illusion des "steigenden Wohlstands für alle" geschaffen hat, heute nicht mehr funktionieren kann.
Ich empfehle, dem oben verlinkten Redebeitrag Wagenknechts aufmerksam zu folgen - wer darin irgendeine wie auch immer geartete Systemkritik entdeckt, gewinnt eine Waschmaschine und ein One-Way-Ticket ("erster Klasse") zum Mond, um sie abzuholen. Ich bin nicht sicher, ob diese Frau tatsächlich nicht bemerkt, dass sie und ihre Partei längst ein Teil der verfaulenden Farce sind, über die sie zu Beginn spricht, oder ob es sich auch hier schon um abwägendes Kalkül aus Partei- und Eigennutzinteresse handelt, wie es in der verkommenen neoliberalen Einheitspartei bekanntermaßen üblich ist.
Letztlich verhindern solche pseudolinke Parteien, die im parlamentarischen, korrupten Sumpf angekommen sind, die eigentlich anstehende Entwicklung neuer, sozialistischer Strukturen. Wer diesen Gedanken ein wenig weiter verfolgt, wird schnell auch bemerken, dass damit gerade heute, in der Endphase des kapitalistischen Systems, angesichts der menschlichen Dummheit fast zwangsläufig auch eine Stärkung der dumpfen Rechten einhergehen muss. Hätte sich die Linke zur Weimarer Zeit geschlossen zu einem antikapitalistischen Bündnis zusammengefunden, wäre der Naziterror womöglich ausgeblieben. Die SPD und andere Gruppierungen haben das damals erfolgreich verhindert, auch wenn Guido Knopp & Co. immer wieder gerne das Gegenteil behaupten und stattdessen der KPD den Schwarzen Peter zuschieben wollen. - Bekanntlich ist es anders gekommen. Gnade uns das Spaghettimonster, dass die Geschichte sich bitte nicht wiederholen möge.
---
Ohne Titel
(Zeichnung von Jiří Georg Dokoupil [*1954] aus dem Jahr 1985, Tinte auf Papier, Groninger Museum, Niederlande)
Ein Musik- und Literaturwissenschaftler auf der heiteren Odyssee bzw. vergeblichen Suche nach dem Humanismus.
Ich verstehe dieses Blog weder als "links", noch als "linksliberal" - es versucht, schlicht der Logik zu folgen, sucht die oft verschleierte Wahrheit und landet daher fast zwangsweise immer wieder in sozialistischen Regionen, in die es nie wollte. Die Logik lässt sich nicht so leicht austricksen wie es der interessengeleitete menschliche Geist tut.
Dennoch gilt auch weiterhin Spocks weiser Spruch: "Logik ist nur der Beginn aller Weisheit - und nicht ihr Ende."
Der Blogbetreiber stellt sich vor - auf dass NSA, "Verfassungsschutz", BKA und so viele andere nicht mehr so ausufernd suchen müssen:
Facebookfreie Zone
Das gilt selbstredend auch für alle anderen Datenkraken und "sozialen Netzwerke".
Statt Facebook lieber Ghostery :-)
Dieses kleine, kostenlose Plugin gibt's für alle gängigen Browser - macht es den Werbefuzzis und Überwachungsfetischisten doch wenigstens ein bisschen schwerer, Euren Spuren im Netz zu folgen ...