Samstag, 7. Januar 2017

Song des Tages: Love You Forever




(Blue Rose: "Love You Forever", aus dem Album "Blue Rose", 1983)

Can we make our life a dream
Together, forever
Imagine what the world could be
Close together, whenever

I'm so glad we talked today
Together, whatever
It's not fair to hold you
Back again, whenever

We may grow apart to stay
Close together, forever
Is it just my way to say
I love you, forever

Can we make our life a dream
Together, forever
Imagine what the world could be
Close together, whenever


Freitag, 6. Januar 2017

Die Leistungselite und ihr journalistischer Darminhalt


"Leistung muss sich wieder lohnen" - mit diesem peinlichen Slogan hat vor geraumer Zeit die kapitalistische Lobbyorganisation "FDP" in einem längst vergessenen Wahlkampf um die Gunst der hirntoten Wählerschaft geworben. Was es mit diesem Orwell'schen Unsinnsbegriff genau auf sich hat, wurde jüngst vom früheren Vorstandschef des "Volkswagen"-Konzerns, Martin Winterkorn, verdeutlicht: Trotz seines längst angehäuften Vermögens - allein im Jahr 2011 strich er für seine überaus wichtige, schwmierige Arbeit knapp 17,5 Millionen Euro ein - lässt er sich nun den Ruhestand von den Arbeitern Sklaven des Konzerns zusätzlich süß vergolden. Bei n-tv las ich:

Das sogenannte Ruhegehalt für Winterkorn - festgesetzt als Anteil von 70 Prozent an der letzten Grundvergütung - beläuft sich auf rund 1,2 Millionen Euro oder umgerechnet knapp 3.100 Euro pro Tag.

Es gibt doch nichts schöneres als ein hochrangiges Mitglied der kapitalistischen Mafia zu sein! Selbst Betrug, Lügen und umfassendes Versagen garantieren in solchen semifeudalen Sphären einen wahrlich königlichen Geldsegen, der mit dem Adjektiv "absurd" nur unzureichend beschrieben ist. In solchen Kreisen gilt selbstverständlich nicht das sogenannte Leistungsprinzip, das für die Sklavenbande ehernes Gesetz zu sein hat, sondern die schlichte Formel: "Hier bin ich, hier setze ich meinen fetten Arsch hin, also werde ich mit Gold überschüttet".

Es gibt ja viele, sehr viele Beispiele für den kafkaesken Irrsinn des Kapitalismus, aber dieses ist ein besonders deutliches, das selbst dem dumpfesten Pegidioten oder Sozialdemokraten noch einen Restfunken an Erkenntnis schenken mag. Die Systempresse indes kann das so natürlich nicht stehen lassen - und so war nur kurze Zeit später ebenfalls bei n-tv ein relativierender Kommentar zu lesen, der in meinem - freilich recht gebeutelten - Gehirn ein wild blinkendes "TILT!"-Schild zur Folge hatte: Man solle "über die Rolle von Top-Managern und deren Vergütung in Relation zu ihrer Verantwortung" nachdenken, meint der Kommentator mit wild qualmendem Kopf. Und weiter:

Der Mensch lebt von seinen Egoismen. Klar ist auch, dass unser heutiges Leben in weiten Teilen der Welt aus Angebot und Nachfrage besteht. (...) / Ein Recht auf Enteignung gibt es aber in Deutschland nicht.

Ein derartig stupider, geradezu faschistoider Schwachsinn, der sich nicht zu blöde ist, sogar die komplette Entwicklung der Menschheit als Resultat des kapitalistischen Prinzips zu deuten, wird hierzulande als Qualitätsjournalismus gepriesen. Da wird das widerliche kapitalistische Prinzip des stumpfsinnigen Egoismus' und der gnadenlosen Konkurrenz als quasi gottgegeben und noch dazu fortschrittlich [sic!] angepriesen, als gebe es die real existierende Hölle für die überwältigende Mehrheit der Menschen auf diesem verkommenen Planeten nicht. Und gegen die wenigen profitierenden Millionäre könne man gar nichts unternehmen, so wird dem verblüfften Leser schroff mitgeteilt - da müsse man sich schon an "Recht und Gesetz" halten, auch wenn der betreffende Millionär sich exakt darum einen feuchten Kehricht schert.

Ich weiß wirklich nicht, was ich widerlicher finde: Habgierige Arschlöcher wie Winterkorn oder die salbungsvolle Propagandapresse, die diese hämorrhoidengespickten Arschlöcher gewissenhaft und kontinuierlich mit Gleitcreme einschmiert, auf dass des Redakteurs Haupt huldvoll im verklebten Anus des Fürsten der Finsternis "Leistungselite" verschwinde.

---

Die Armen



(Lithographie von Pablo Picasso [1881-1973], in: "Der Simpl", Nr. 11 vom Juli 1947)

Donnerstag, 5. Januar 2017

Zitat des Tages: Gewissheit


Einmal werden wir die Städte, die Häfen und Meere haben
und alles Land für uns und die Menschen!
Mögen sich unsere Feinde an halben Triumphen laben.
Stärker als sie ist unser Sehnen und Wünschen.

Freund, über die unendlichen Ozeane hin
grüßen wir uns wie von Kind auf bekannt!
Längst ist vergessen der einstige Sinn
von einer Grenze und einem gewesenen Vaterland.

Jeder wird lächeln über das Märchen: Jude und Christ
und wird nur noch ein Mitmensch sein!
Lang ist begraben die schmähliche List,
dass sich jeder nur selber der Nächste ist.

Einmal, ja, einmal wird die Welt unsere Heimat sein,
und Dummheit und Knechtschaft wird's nicht mehr geben.
Einmal werden nur unsere Opfer noch ewige Beispiele sein
für unser stolzes, gereinigtes Leben!

(Oskar Maria Graf [1894-1967], in: "Der Simpl", Nr. 5 vom Juni 1946)

---

Anmerkung: Tja, so klingt das, wenn ein Sozialist, der von den Nazis verfolgt und vertrieben wurde und den Terror überlebt hat, im Jahre 1946 in einer westdeutschen satirischen Zeitschrift seine Gewissheit zur fernen Zukunft kundtut. Damals hat man darüber milde gelächelt (und vielleicht insgeheim doch sehnsüchtig gehofft) - heute wird man nur noch müde verspottet und lächerlich gemacht oder gleich ignoriert, wenn man solchen ketzerischen Gedanken nachhängt.

I love to entertain you.


Mittwoch, 4. Januar 2017

Zur "radikalen Kritik am kapitalistischen System"


Ein Gastkommentar des kritischen Beobachters

Die radikale Kritik am kapitalistischen System ist notwendig. Denn es ist ein falsches System, welches eigenlogisch in die Barbarei und Destruktion führt. / Das ist eine Erkenntnis, die bereits vor über einem Jahrhundert ausgesprochen wurde und nach wie vor wahr ist und Gültigkeit besitzt. Immer wieder muss diese Erkenntnis ausgesprochen werden, damit die Menschen nicht das Bewusstsein über den Zustand des Ganzen verlieren.

Zugleich wird diese Wahrheit über die Realität der Gesellschaft kollektiv verdrängt, weil sie Angst und Ohnmacht hervorruft. / Der psychoanalytisch Gebildete versteht, dass sich daraus eine kollektive Neurose entwickelt hat, deren Symptomatik Realitätsverleugnung, Wunschdenken, Projektionen usf. enthält. / Die Ängste bleiben, aber sie werden durch Rationalisierungen und wirklichkeitsferne Realitätskonstruktionen aus dem Bewusstsein verdrängt.

Genau dies kennzeichnet die heutigen Linken. Die sozialdemokratischen Linken glauben gegen jegliche historische Erfahrung, man könne den Kapitalismus "zähmen" und streben parlamentarische Mehrheiten an. Andere verschieben die Realkonflikte auf "Nebenkriegsschauplätze", wie z.B. auf Genderfragen, Homoehe etc. / Andere konstruieren sich Phantome ("Neo-Faschisten"), die sie durch idiotische Antifa-Aktionen bekämpfen, so als stünde eine Machtübernahme durch die "nationalen Rechten" vor der Tür. Dabei verleugnen sie, dass das System schon längst ein Faschismus in pseudo-demokratischer und pseudo-liberaler Verkleidung worden ist. Der Rechtsstaat ist eine Ruine wie auch die freiheitlich-demokratische Grundordnung.

Neurotiker kann man nicht argumentativ überzeugen. Denn es macht das Wesen der Neurose aus, dass ein falsches Bewusstsein konstruiert wurde und wird, welches sich gegen die Realität immunisiert hat. / Bereits Horkheimer wies darauf hin: Der Kapitalismus tendiert aus ureigenstem Prinzip zur Verbrecherherrschaft. Und diese ist heute Realität.

Die heutigen Linken sind ängstliche Menschen und haben mit den revolutionären Linken aus der Vergangenheit nichts mehr gemein. Denn diese waren starke Persönlichkeiten, mutige Kämpfer und große Denker.

Auch wenn ihre gesellschaftliche Wirksamkeit begrenzt ist, so ist es wichtig, dass die [heutigen] radikalen Kritiker des kapitalistischen Systems nicht verstummen. Denn mit ihren Beiträgen im Internet zeigen sie anderen Menschen, die zur gleichen Erkenntnis gekommen sind, dass sie nicht allein sind und helfen ihnen, nicht den Verstand zu verlieren und in resignativer Depression zu verkümmern. / Insofern besitzen die linken Schrebergärten und Schwatzbuden im Internet eine psychosoziale Funktion.

Sachlich fundierte, radikale Kritik am kapitalistischen System findet sich in unserer heutigen Gesellschaft eher "oben" als "unten". Das war auch früher nicht anders. / Marx, Engels, Luxemburg, Lenin, Trotzki, Reich, Adorno, Horkheimer, Fromm, Marcuse etc. waren Angehörige einer gebildeten Elite. / Eine systemtransformative Opposition wird sich quer zu den gegenwärtigen Klassen und Schichten entwickeln. Darauf hat übrigens auch Robert Kurz hingewiesen.

Die Verschärfung der gesellschaftlichen Widersprüche und die offenkundig de-zivilisierenden und autodestruktiven Tendenzen werden zwangläufig dazu führen, dass Teile des Establishments – und zwar die intelligentesten und kompetentesten aus dem Bereich der Funktionseliten – immer mehr in Opposition zum System geraten. Das war auch in der APO-Zeit so. Die meisten werden es heimlich tun, aber es werden mehr werden, die den Mut, das Rückgrat, das Wissen und Können sowie – last not least – die gesicherte Position und das Vermögen besitzen, öffentlich Systemkritik zu äußern. Wolfgang Streeck ist ein Beispiel dafür.

---

Anmerkung von Charlie: Vielen Dank an den Urheber dieser trefflichen Analyse und Zusammenfassung! Ich stimme dem Text weitestgehend zu - einzig in der Schlussfolgerung kann ich der beschriebenen Hoffnung auf eine "systemtransformative Opposition" von "oben" nicht folgen, so gerne ich das auch täte. Dies beruht allerdings auf keinerlei wissenschaftlichen oder sonstwie belegbaren Erkenntnissen, sondern stellt lediglich mein ganz subjektives Fazit eines kapitalistischen Katastrophenjahrhunderts dar, das so viel Zerstörung, Elend, Leid, Not und Tod gebracht hat wie keines zuvor in der (relativ kurzen) Menschheitsgeschichte.

Ich halte es leider für wahrscheinlicher, dass am Ende dieses Zerstörungsprozesses ein dystopisches Staatengebilde stehen wird, das letztlich wieder in totaler Vernichtung endet bzw. enden muss - und wie diese angesichts der heute verfügbaren Waffentechnik im Vergleich zum Zweiten Weltkrieg aussehen wird, lässt sich leicht ausmalen. Doch das ist, wie gesagt, nur meine persönliche Einschätzung - es gibt viele weitere theoretische Entwicklungsmöglichkeiten, von denen allerdings aus meiner Sicht viele negativ und nur wenige positiv zu bewerten sind.

Gerade deshalb ist nach meiner Meinung eine radikale Kritik gerade in Bezug auf reformistische, pseudolinke Kreise auch in Kleinbloggersdorf so notwendig, auch wenn sie nur von wenigen zur Kenntnis genommen wird. Der Kiezschreiber hat in seinem jüngsten Beitrag aus einem Text von Trotzki aus dem Jahr 1932 zitiert: "Es gibt kein tragischeres und gleichzeitig abstoßenderes historisches Schauspiel als die bösartige Fäulnis des Reformismus inmitten der Trümmer all seiner Errungenschaften und Hoffnungen." - Treffender kann man das kaum formulieren, wie ich finde. Karl Kraus meinte 1915 in seinen "Aphorismen" gewohnt lapidar: "Der Parlamentarismus ist die Kasernierung der politischen Prostitution."

Herzlichen Dank für diesen Beitrag, wer auch immer sich hinter diesem Pseudonym verbergen mag.

---

Gottvertrauen


"Halb sechs - sie muss kommen, die Weltrevolution!"

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 15 vom 08.07.1919)

Sonntag, 1. Januar 2017

Die gespaltene Linke: Eine Soap-Opera


Seit geraumer Zeit ist das altbekannte Spiel aus der Zeit der Weimarer Republik wieder hochaktuell: Die Linke spaltet sich selbst und beraubt sich somit ohne jede Not der notwendigen Möglichkeit zur Gegenwehr angesichts der rapide wachsenden menschenfeindlichen Front von rechts. Das ist nichts Neues, bedarf aber um des Verständnisses Willen einer etwas differenzierten Einordnung.

Wie damals stammen die empörten Rufe größtenteils aus systemkonformen Kreisen - also von braven ParteisoldatInnen der Linkspartei und angrenzenden sozialdemokratischen Bereichen, die auch nach hundert Jahren immer noch glauben, dass ein Herumschrauben an irgendwelchen "sozialen" Stellschrauben des kapitalistischen Systems so etwas wie eine "Kehrtwende" einläuten könne. Diese Stimmen sind keine Minderheit - selbst in Kleinbloggersdorf gibt es reichlich VertreterInnen dieser kühnen These. Es verwundert nicht, dass darunter geistige Minderleister wie Lapuente, der im vergangenen Jahr allen Ernstes "Berufsverbote für Linksextreme" gefordert hat, oder der Dummerich, der sogar klar verständlich formuliert hat, dass er kein Linker sei (für alle, die es bis dahin noch nicht gemerkt haben - also niemanden), zu finden sind. Derartige intellektuelle Exzesse der Dummheit hat es schon immer gegeben und sie werden wohl nie aussterben.

Das Problem ist allerdings - heute wie damals - umfassender, denn auch kluge Menschen beteiligen sich inzwischen an diesem hirnzerfressenden Unsinn. Da fällt mir beispielsweise das Pantoffelchen von der "Schrottpresse" ein, der sich auch gern an diesem Totentanz beteiligt. Wer "zu links" ist - wer also das kapitalistische System gänzlich ablehnt und dazu die Kakophonie der realpolitischen, kapitalismusfreundlichen Handlungen der Linkspartei kritisiert - ist auch für diesen Herrn eine böse Unperson, die ignoriert gehört. Und all diese Figuren beklagen bitterlich die "Spaltung der Linken" - und bemerken wieder einmal nicht, dass sie höchstselbst die Spaltung betreiben, die sie wie gewohnt anderen vorwerfen.

Nun hat leider auch der von mir hochgeschätzte Flatter in diese übelriechende Kerbe gehauen und einen Text herausgehauen, der vermutlich zu den schlechtesten gehört, die er je verbrochen hat. Wer hier mitliest, hat das vermutlich ohnehin bereits gelesen, aber ich verlinke es dennoch. Was hat den Mann bloß geritten, als er das geschrieben hat? Wollte er provozieren? Oder ist er tatsächlich der Meinung, dass irgendwelche sektiererische Grüppchen, die sich um sprachliche Genderkorrektheit bemühen und sich damit regelmäßig überaus lächerlich machen, einen wie auch immer gearteten linken Diskurs mitbestimmen? Ich habe das mehrfach gelesen, komme dem Geheimnis aber nicht auf die Spur.

Zur Weimarer Zeit mag es noch gute Gründe gegeben haben, der damaligen KPD zu misstrauen, da sie, wie wir heute wissen, sehr wohl unter dem Einfluss Stalins stand und daher eine eher fragwürdige Alternative zum kapitalistischen Terror gewesen ist. Aber heute? Was hindert Menschen daran, diesem widerlichen System endlich den so dringend notwendigen Stinkefinger zu zeigen und einer befreiten Menschheit den Weg in eine gute Zukunft zu ebnen? Die Linkspartei will das jedenfalls ebensowenig wie die Gendergrüppchen - und das weiß jeder, der es wissen möchte.

Ich verstehe diese Linke nicht - bin mir aber ziemlich sicher, dass auch dieser Kommentar von gewissen Figuren wieder als Beispiel dafür benutzt wird, dass "Linksextreme" wie ich es sind, die aktuell böse Spaltung betreiben. Nichts Neues in Kapitalistan 2017.

---

Die neue sozialistische Partei


"Bebels Stimme aus dem Jenseits: 'Ich kenne keine Sozialisten mehr, ich kenne nur noch Spalt-Parteien!'"

(Zeichnung von Olaf Gulbransson [1873-1958], in "Simplicissimus", Heft 30 vom 26.10.1931)

Samstag, 31. Dezember 2016

Abschlusskonzert des Jahres: Katatonia - Last Fair Day Gone Night




  1. Dispossession
  2. Chrome
  3. We Must Bury You
  4. Teargas
  5. I Transpire
  6. Tonight's Music
  7. Clean Today
  8. The Future Of Speech
  9. Passing Bird
  10. Sweet Nurse
  11. Don't Tell A Soul
  12. Brave
  13. Nephilim
  14. My Twin
  15. I Break
  16. Right Into The Bliss
  17. The Promise Of Deceit
  18. Wait Outside
  19. The Longest Year
  20. July
  21. New Night
  22. Dissolving Bonds
  23. Forsaker



(Katatonia: "Last Fair Day Gone Night", live in London 2014)

Anmerkung: Mir fällt keine passendere Untergangsmusik für dieses grausige Jahr ein, die noch trauriger und hoffnungsloser sein könnte. Wenn unsere untergehende Zeit einen Namen verlangt, dann lautet er (doppelt unterstrichen) Katatonia.

Ich bedanke mich bei allen Lesern und Leserinnen dieses kleinen Blogs für Kommentare, Mails, persönlichen Zuspruch und andere Menschlichkeiten, die heute nur noch selten vorkommen. Den Weg in den Abgrund wird das freilich nicht aufhalten - immerhin können wir aber stolz grinsend behaupten, es vorher gewusst zu haben, wenn der Vorhang fällt.


Freitag, 30. Dezember 2016

Zitat des Tages: Interview mit mir selbst


Ich bin vor nicht zu langer Zeit geboren
In einer kleinen, klatschbeflissenen Stadt,
Die eine Kirche, zwei bis drei Doktoren
Und eine große Irrenanstalt hat.

Mein meistgesprochenes Wort als Kind war "nein".
Ich war kein einwandfreies Mutterglück.
Und denke ich an jene Zeit zurück:
Ich möchte nicht mein Kind gewesen sein.

Im letzten Weltkrieg kam ich in die achte
Gemeindeschule zu Herrn Rektor May.
- Ich war schon zwölf, als ich noch immer dachte,
Dass, wenn die Kriege aus sind, Frieden sei.

Zwei Oberlehrer fanden mich begabt,
Weshalb sie mich - zwecks Bildung - bald entfernten;
Doch was wir auf der hohen Schule lernten,
Ein Wort wie "Abbau" haben wir nicht gehabt.

Beim Abgang sprach der Lehrer von den Nöten
Der Jugend und vom ethischen Niveau -
Es hieß, wir sollten jetzt ins Leben treten.
Ich aber leider trat nur ins Büro.

Acht Stunden bin ich dienstlich angestellt
Und tue eine schlechtbezahlte Pflicht.
Am Abend schreib ich manchmal ein Gedicht.
(Mein Vater meint, das habe noch gefehlt.)

Bei schönem Wetter reise ich ein Stück
Per Bleistift auf der bunten Länderkarte.
- An stillen Regentagen aber warte
Ich manchmal auf das sogenannte Glück ...

(Mascha Kaléko [1907-1975], in: "Das lyrische Stenogrammheft. Kleines Lesebuch für Große", Rowohlt 1956; Erstausgabe in zwei Bänden: 1933 / 1935)




Donnerstag, 29. Dezember 2016

Weihnachtliche Mitmenschlichkeit (3): Terror in Chicago


Während die Propagandamedien hierzulande immer noch in breiter Ausführlichkeit über den bösen, islamistischen Terroranschlag in Berlin berichten und dabei das "Terror-Bingo" (Fefe) bis zur letzten Gesichtspalme ausreizen, geht im Rest der Welt das Leben einfach weiter. Auch in den USA sind zur highligen Weihnachtszeit wieder einmal eine Menge Menschen ermordet worden - in Chicago waren es mindestens zwölf:

Chicago erlebt blutige Weihnachten / Alles andere als friedlich vergehen die Weihnachtstage in Chicago. Während es die Menschen zu ihren Familien zieht, machen sich zahlreiche Bandenmitglieder auf, um alte Rechnungen zu begleichen. Bei mehreren Schießereien sterben 12 Menschen.

Das ist - laut Propagandapresse - nun aber kein Terror, sondern "normale" Kriminalität, weshalb es auch keine nennenswerte Berichterstattung oder gar Sondersendungen im Verblödungs-TV dazu gab. Man muss in Kapitalistan nämlich deutlich unterscheiden zwischen systemimmanentem Handeln (Mord aus Habgier) und fremdgesteuerten Anschlägen (Mord aus anderen, also noch niederträchtigeren Gründen). Der erstgenannte Punkt ist "normal" im Kapitalismus - schließlich geht es hier ja um Eigennutzmehrung um jeden Preis, im Zweifel bzw. in der Regel auch auf illegalem Wege. Wenn dabei Menschen sterben, ist das schlimm und wird geahndet (sofern "Kriminelle", also nicht zur "Elite" zählende Menschen dafür verantwortlich sind) - oder aber als "Kollateralschaden" abgelegt und nicht weiter verfolgt (wenn Großkonzerne oder ihre politischen Stiefellecker betroffen sind).

Die zweite Variante wird umso schärfer bis ins Absurde und darüber hinaus aufgeblasen - da rennen Journalisten und Politiker wie aufgeschreckte, panische Hühner durcheinander und gackern wild, was das Zeug hält - ohne Rücksicht darauf, wie lächerlich sie sich verhalten. Das macht aber nichts, denn die meisten BürgerInnen scheinen dies ebenfalls nicht zu bemerken - sonst wären diese politischen Hühnerzombies ja längst abgewählt. Sie gackern viel lieber mit im dissonanten Chor der Hirnverweigerer: "Oh, der böse Muselmann bedroht unsere Freiheit - legt uns doch bitte endlich allesamt in Ketten, damit der Terror keine Chance mehr hat!" - So jedenfalls posaunt es die Hühnerpresse gackernd ins vollkommen irre gewordene Land.

Derweil legen die nüchternen, exemplarischen Zahlen aus Chicago eine ganz andere Realität nahe:

Die drittgrößte Stadt der USA hat in diesem Jahr eine beispiellose Gewalteskalation erlebt. Seit Jahresbeginn sind nach Zählung von Lokalmedien mehr als 750 Menschen in Chicago erschossen worden. Dies sind mehr als die Opferzahlen der beiden größten US-Städte Los Angeles und New York zusammengerechnet.

Beim Barte des Propheten, wie kann das denn nur sein im Paradies des "American Exceptionalism", fragt sich verwundert der denkende Mensch. Die Antwort ist indes so einfach wie weitestgehend unbekannt bzw. verdrängt: Das ist Kapitalismus. Das ist Habgier. Das ist Machtgier. Deshalb werden 750 ermordete Menschen nicht als Terroropfer gezählt und nicht weiter beachtet, während zwölf ermordete Menschen die Propagandapresse und korrupte Politbande eines ganzen Landes zum rotglühenden Schäumen bringen.

---

Goliath



(Gemälde von Hans Hofmann [1880-1966] aus dem Jahr 1960, Öl auf Leinwand, Berkeley Art Museum, Los Angeles, USA)

Mittwoch, 28. Dezember 2016

Realitätsflucht (35): The Stanley Parable


Der heutige Bericht über meine jüngste Realitätsflucht stellt mich vor einige Probleme, da ich über ein Spiel schreiben möchte, ohne es zu beschreiben - denn bereits eine schnöde Inhaltsangabe wäre schon ein unverzeihlicher Spoiler, der jenen LeserInnen, die das Spiel noch nicht kennen, es aber gerne ausprobieren möchten, sehr sauer aufstieße. Es handelt sich um das Indie-Adventure "The Stanley Parable" (2013) vom amerikanischen Entwickler Galactic Cafe, das auf eine "Mod" zur "Source Engine" von Valve aus dem Jahr 2011 zurückgeht.



"The Stanley Parable" ist eigentlich gar kein Computerspiel im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr eine interaktive, philosophische, sehr surreale Reise in die Untiefen der kapitalistischen Arbeits- bzw. Sklavenwelt und das damit verbundene Surrogat eines Lebens. Zu Beginn klärt der allgegenwärtige Erzähler den Spieler auf, dass er sogleich die Geschichte Stanleys, eines Angestellten einer nicht näher benannten Firma, erleben wird, indem er in dessen Rolle schlüpft. Schon dies ist aber nur die halbe Wahrheit, wie sich relativ schnell herausstellt.

Es ist nahezu unmöglich, dieses Werk spoilerfrei zu beschreiben, weshalb ich hier darauf verzichte und stattdessen den Trailer, der auch nur den groben Rahmen des Inhalts illustriert, sprechen lasse:



Das Spiel hat zwar einen Anfang, aber kein wirkliches Ende - inzwischen sind, wenn ich mich nicht irre, 18 mögliche Ausgänge bekannt - letztlich landet man aber sowieso immer wieder am Startpunkt, um eventuelle weitere Facetten neu zu entdecken. Immer wieder verändert sich durch den so erzwungenen Neustart die Umgebung, durch die Stanley irrt - wer also meint, diese oder jene Region sei bereits erkundet und könne damit vernachlässigt werden, verpasst den größten Teil des Spieles und damit auch die intellektuelle Herausforderung.

Es gibt hier keine Kämpfe oder typischen Rätsel - das Spiel eignet sich somit auch für Menschen, die sich mit diesem Medium noch nie auseinandergesetzt haben: Zur Steuerung muss man lediglich die Maus bewegen und zur Vorwärtsbewegung der Spielfigur die "W"-Taste drücken. Weitere Fähigkeiten sind nicht vonnöten.

Die Grafik ist auch heute noch durchaus ansehnlich; die Musik ist minimalistisch und durchaus passend; die Sprachausgabe beschränkt sich auf den fast ständig präsenten Erzähler, der den Spieler gekonnt und professionell durch die Geschichte führt - oder ihn davon abzuhalten versucht, je nach Sichtweise. Die Texte werden in gut verständlichem Englisch vorgetragen - optional kann man aber deutsche Untertitel einblenden lassen, wovon ich jedoch abrate. Auf meinem Win7/64-System läuft das Spiel problemlos und ohne jeden Absturz. Leider ist es an den Steam-Kraken gebunden, was sich aber mit ein wenig Geschick auch umgehen ließe. Das ist allerdings illegal und daher ausdrücklich nicht empfohlen.

Ganz besonders sei dieses Meisterwerk allen Menschen ans Herz gelegt, die sich im alltäglichen Irrsinn ihres Büroalltages in einem solchen "Borgwürfel" (Kiezneurotiker-Sprech für "Firma") befinden und die dennoch gelegentlich ein kritisches Bewusstsein bezüglich ihres Tuns pflegen. Die vielen kleinen Details im Spiel werden das Herz jedes Borgwürfelinsassen höher schlagen lassen - von hirnfreien Powerpoint-Präsentationen in dusseligen Meetings über nicht minder bescheuerte Flipcharts und firmeninterne Bekanntmachungen, die darüber aufklären, wie man es vermeiden kann gefeuert zu werden oder wie man dem Boss am besten Zucker in den widerwärtigen, verklebten Arsch bläst, ist bis zu den obligatorischen Kaffeetassen ("I hate Mondays" oder "I like work, I just hate my boss") alles dabei.

Dieser mehr oder weniger subtile Humor ist allerdings ebenfalls nur eine Facette dieses illustren, außergewöhnlichen Spieles; und er wird in manchen Szenarien auch gerne ins Absurde überhöht, wenn der arme Stanley beispielsweise aufgrund einer "falschen" Entscheidung samt der kompletten Firma mithilfe von Nuklearwaffen in die Luft gesprengt wird. Der überaus ernste und existenzielle Hintergrund der Geschichte, die am PC schon - je nach Spielweise - nach drei, vier oder fünf Stunden vorbei ist, hat mich noch sehr lange beschäftigt und tut das auch weiterhin. - Das ist großartige, wegweisende Computerkunst, die den Vergleich mit Kafka keineswegs scheuen muss.


Dienstag, 27. Dezember 2016

Weihnachtliche Mitmenschlichkeit (2): Propaganda und Verrohung


Eigentlich hatte ich vor, an dieser Stelle ein paar Worte zu dem Mordanschlag auf den schlafenden Obdachlosen in Berlin zu schreiben - allerdings ist mir der Altautonome in seinem letzten Kommentar schon zuvorgekommen, so dass ich mich nun lieber auf ein kleines Detail beschränken möchte.

Selbstverständlich sind solche unschönen Nachrichten aus dem paradiesischen Reich des kapitalistischen Wohlstandes, in dem es allen Menschen so unsäglich gut geht, wenig hilfreich für das verkündete Märchen. Daher werden solche Fälle in den Propagandamedien zwar gerne gemeldet (sie bringen schließlich "Klicks" und damit Profit), werden aber ebenso regelmäßig als bedauerliche, nicht repräsentative Einzelfälle dargestellt. Im vorliegenden Fall hat die n-tv-Redaktion das auf eine besonders perfide, gleichermaßen aber beliebte Art und Weise getan, die kaum jemandem auffallen dürfte, der den Artikel unbedarft liest.

In der - hübsch fett gedruckten - Zwischenüberschrift im Text heißt es lapidar: "Keine Zunahme von Angriffen auf Obdachlose", und schon kann der geneigte, womöglich humanistisch denkende Leser wieder erleichtert aufatmen. Sucht man im Text allerdings nach belastbaren Belegen für diese Behauptung, findet man lediglich eine statistische, unbelegte Zahl, die sich einzig auf Bahnhöfe bezieht, sowie dies:

Angriffe auf Berliner Obdachlose hätten nicht zugenommen, sagte Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofsmission, die in der Hauptstadt vielen Menschen auf der Straße hilft. "Was passiert ist, tut mir sehr leid. Aber aus meiner Sicht häuft sich das nicht."

Wir lernen also: Angriffe auf Obdachlose gibt es offenbar einzig auf Bahnhöfen, nirgends sonst; außerdem ist die Videoüberwachung äußerst erfolgreich; und nicht zuletzt versichert der Leiter der Bahnhofsmission ganz ohne irgendwelche Statistiken oder andere Zahlen, dass "aus seiner Sicht" alles gut sei. Das ist zusammengenommen so aussagekräftig wie der Spruch "In der Nacht ist alles Grüne auch rot, blau oder schwarz." Der Informationswert dieses Artikels tendiert gegen null - der Propagandagehalt dagegen dürfte ganz im Sinne der korrupten Bande sein: Ein wenig Sensationsgeifer, eine unmittelbare, doppelte Relativierung und selbstverständlich ein Verweis auf das Erfolgsmodell der staatlichen Totalüberwachung lassen keine reaktionären Wünsche mehr offen. - Es überrascht nicht, dass weder n-tv, noch andere Massenmedien diesen Vorfall zum Anlass nehmen, über das furchtbare, wahrhaft existenzielle Thema der zunehmenden Obdachlosigkeit sowie die zunehmende Verrohung der Gesellschaft ausführlich und hintergründig zu berichten - gerade zu Weihnachten ziemt es sich nicht, an der heuchlerischen, zynischen Fassade des kapitalistischen Verelendungssystems zu kratzen.

Eben jene Verrohung, die sich in plumpestem Rassismus äußert, lässt sich übrigens - sofern der Kotzeimer bereit steht und die Nerven stahlhart genug sind - bei Zeit Online nachlesen. Die Kommentare zu einem dortigen Bericht über "plötzlich verschärfte Regeln für Obdachlose in Hamburg" bieten einen wenig erquicklichen Einblick in die dumpfe Denkwelt einer angeblich gebildeten Mittelschicht. Die brutale Menschenfeindlichkeit und die bodenlose, geradezu schmerzhafte Dummheit, die sich dort offenbaren, machen mir regelrecht Angst. Da wundert es den Bibbernden schon nicht mehr, dass zur heiligen Weihnachtszeit aus der SPD auch gleich Rufe nach neuen Konzentrationslagern für Flüchtlinge laut werden:

Nach dem Berliner Anschlag geht die SPD in der Flüchtlingspolitik auf die Union zu. Anstelle von Transitzonen schlägt Innenexperte Lischka "spezielle" Einrichtungen vor.

Der Weg zur "Sonderbehandlung" ist offenbar nur noch ein sehr kurzer.

---

Wort zur Zeit

Schon mal'n sie wieder Sprüche an die Zäune
und bohren kleine Löcher ins Gesetz
und ritzen ihre krummen Hakenkreuze
in alle nur erreichbaren Klosetts.

Sie grüßen sich mit neu erfund'nen Zeichen
und helfen sich mit kriegserworb'nem Geld,
und alle Tage bringen ihre Weiber
ein frischgebackenes Gerücht zur Welt.

Sie schenken ihren Kindern Bleisoldaten
und falten heimlich Helme aus Papier
und tragen aus Prinzip nur Reiterhosen,
damit man merkt, sie waren Offizier.

Sie reißen nachts Plakate von den Säulen
und kratzen neue Straßennamen ab
und nennen unsre altgeword'ne Jugend,
die sie auf dem Gewissen haben, "schlapp".

Sie spotten über Kunst, die sie nicht fassen,
und lügen über Männer, die sich müh'n,
den nur von ihnen so verfahr'nen Karren
so langsam wieder aus dem Dreck zu zieh'n.

Sie führen sicherlich schon schwarze Listen
und denken an ein gut vergrab'nes Beil,
und da sie wieder Morgenlüfte wittern,
so sag'n sie (aus Versehen) manchmal "Heil".

Ihr haltet sie, wie einst, für große Kinder,
für harmlos irr - für geistig ausgebombt ...
Ihr solltet wirklich nicht so schnell vergessen
und dies Gewürm zertreten und zerpressen,
damit es nicht noch einmal soweit kommt!

(Heinz Hartwig, in: "Der Simpl", Nr. 13 vom November 1946)

Montag, 26. Dezember 2016

Weihnachtliche Mitmenschlichkeit (1): Die Rassisten aus Dresden


In Dresden gibt es einen neuen Verein, der sich - gerade zu Weihnachten - vorbildlich um Obdachlose kümmert und ihnen aus der Obdachlosigkeit heraushilft ein leckeres Mittagessen spendiert. Das müssen wahre Menschenfreunde sein, die sich gerade in dieser nicht nur saisonal bedingten eiskalten Zeit um die Schwächsten der Gesellschaft kümmern, für die der korrupte, kapitalistische Staat sich längst nicht mehr zuständig fühlt. Über die warmherzigen Humanisten aus Ostdeutschland berichtete vorgestern die Zeit:

In Dresden kümmert sich ein Verein um Obdachlose – aber nur deutsche. Auch andere Sozialvereine kooperieren mit den Flüchtlingsfeinden, nur einer hält dagegen. / (...) Man muss nicht lange suchen, um die Motivation dieses Vereins [Dresdner Bürger helfen Dresdner Obdachlosen und Bedürftigen e.V., gegründet am 21. Juli 2016, vom Finanzamt als mildtätig anerkannt] zu entschlüsseln. Er rekrutiert sich aus der islamfeindlichen Pegida-Bewegung, die hier in Dresden ihre Wurzeln hat. [Vereinschef Ingolf Knajder] lief nicht nur bei den Montagsaufzügen mit, er stand neben Pegida-Mitgründer Lutz Bachmann auf der Bühne, trat als Ordner in Erscheinung, er ist fest mit dem rechten Milieu verwachsen. In seiner Wortwahl gegen "Gutmenschen" und Rassismusgegner ist er menschenfeindlich, auf der Straße wird er handfest. Andersdenkende beschimpft er als "elende Kommunisten Votze", die Linken-Vorsitzende Katja Kipping beleidigte er als "rote verlogene Stasi-Hexe", der erkrankten Oberbürgermeisterin Helma Orosz schrieb er: "Möge Sie der Krebs endlich holen".

Da geht einem doch das Herz auf vor lauter weihnachtlicher Mildtätigkeit und man möchte dem Herrn Knajder und seinen SpießgesellInnen ebenfalls genüsslich in die Weichteile treten, bevor man sie dekorativ an den Weihnachtsbaum neben einen posaunenden Engel oder einen kotenden Elefanten hängt. --- Doch halt: diesem durchaus verständlichen Impuls sollte man mit ebensolchem Ekel begegnen wie den Pegioten und ihrem rassistischen Irrsinn selbst. Ich muss mich zwar arg beherrschen, wenn ich einen solchen Bericht lese, der geradewegs aus dem Jahr 1933 stammen könnte; allerdings vermag ich dies auch zu tun - ein Umstand, der mich hoffentlich deutlich von den widerlichen Pegioten unterscheidet. Wenn irgendetwas auf diesem verkommenen Planeten alternativlos ist, dann ist es nach meiner Überzeugung der Pazifismus.

Wie soll man solchen Gestalten, die ganz offen rassistisch agieren, also begegnen? Diese Frage stelle ich mir schon so lange, ohne eine wirklich befriedigende Antwort darauf gefunden zu haben. Es ist deutlich erkennbar, dass der Rassismus sich wieder einmal wie ein Krebsgeschwür - nicht bloß in Deutschland - ausbreitet und festsetzt, und es ist dringend nötig, hier endlich ein Konzept zu finden, wie diesem Wahnsinn Einhalt geboten werden kann, ohne dieselben dumpfen und letztlich kontraproduktiven Gewaltstrategien der hirnlosen Menschenfeinde zu bemühen. Gespräche, Diskussionen oder Fakten helfen hier ebensowenig wie Ignorieren oder Aussitzen. Bleibt am Ende doch nur die Wahl zwischen Gewalt, Resignation und Emigration?

In der ostdeutschen Bastion der Rechtsradikalen scheint der Rassismus jedenfalls auf breite Zustimmung zu stoßen, wenn man der Zeit folgt:

Die Beschränkung der Hilfe auf deutsche Bedürftige hat in Dresden eine gewaltige Hilfsbereitschaft freigesetzt: Am Telefon erzählt Knajder von sieben Mercedes Sprinter-Transportern voll mit Kleiderspenden, die vor dem Weihnachtsessen zusammenkamen.

Mir fällt dazu - nach einem weihnachtlichen Kotzgelage, das sich wahrlich gewaschen hat - nur noch dieses schauderhafte Brett vorm Kopf ein:

Hoffnungsloser Fall



(Zeichnung von Helmut Beyer [1908-1962], in: "Der Simpl", Nr. 7 vom Juli 1946)

Freitag, 23. Dezember 2016

Besinnliches Weihnachtsliedchen des Tages: Nemesis




(Arch Enemy: "Nemesis", aus dem Album "Doomsday Machine", 2005)

We walk this earth
With fire in our hands
Eye for an eye
We are Nemesis

We are with you
Countless vicious souls
Fight! - Fighting for freedom
United we stand, we stand!

We are legion - voice of anarchy
This is revolution - creating new disorder
We are enemy - opponents of the system
Crushing hypocrisy - slaying the philistine

One for all, all for one
We are strong, we are one
One for all, all for one
We are one - Nemesis!

A malicious fever burns
In our hearts, in our veins
Your blood, my blood
All blood runs the same - the same!

One for all, all for one
We are strong, we are one
One for all, all for one
We are one - Nemesis!


Mittwoch, 21. Dezember 2016

Dazu möchte ich nichts schreiben


Nein, ich möchte zu dem Unfall / Amoklauf / Anschlag in der ostdeutschen Provinz nichts schreiben. Nachdem ich einige Berichte dazu gelesen habe, steht fest, dass niemand etwas Genaueres weiß und die Terrorhysterie trotzdem auf Hochtouren läuft, bis sie rot glüht. Inzwischen geht "man" sogar davon aus, dass der "IS" dahinter steckt - wenn man allerdings etwas genauer nachforscht, beruht diese "Meldung" lediglich auf irgendeiner ominösen Veröffentlichung im Internet, in der genau dies von irgendwem behauptet wird. Das muss reichen, damit der deutsche Qualitätsjournalismus, dem "Fake News" kurz zuvor noch ein so dringliches Anliegen waren, das übernimmt und munter verbreitet. Wenn es im Netz steht, muss es ja wohl stimmen ... zumindest in diesem nützlichen Fall.

Wie immer ließen auch die politischen Betroffenheitsmaskeraden nicht lange auf sich warten, die in ihrer Widerwärtigkeit kaum zu überbieten sind - diesen halbseidenen Sprechpuppen möchte ich ihr dämliches Geseiere gleich wieder zurück in den korrupten Schlund stopfen, bis sie daran endlich ersticken. - Nein, ich möchte dazu nichts schreiben.

Selbstverständlich dürfen auch die erwartbaren Ekelpakete nicht fehlen, die sofort aus dem Dickicht springen und "Verschärfung", "Asylmissbrauch", "Flüchtlingsstopp" und "mehr Überwachung" skandieren. Es können sich nur noch gehirnlose Menschen darüber wundern, dass die üble AfD in diesem braunen Reigen, wie gewohnt, rechts von der CSU überholt wird. Wenn überall im Land Staatsschergen mit Maschinenpistolen herumstehen, weil ein Bekloppter oder Kranker einen LKW geklaut und Menschen überfahren hat, fühle ich mich so ungemein sicher, dass mir die Worte fehlen. Ich möchte nichts dazu schreiben.

Ich möchte ebenfalls nichts dazu schreiben, dass die Sachlage natürlich eine völlig andere ist, wenn beispielsweise ein Deutscher in Afghanistan ein blutiges Massaker anrichtet - ein solcher soldatischer Held wird hierzulande gerne mal vom Oberst zum General befördert, während die korrupte Bande ganz und gar nicht "betroffen" ist und selbstredend auch keine Konsequenzen fordert.

Die medial und politisch verbreitete Hysterie geht mir so dermaßen auf den Sack, dass ich ums Verrecken nichts dazu schreiben möchte.

Der beste Kommentar dazu stammt wieder einmal aus der Redaktion der Titanic, die unter dem Titel "Darauf einen Glühwein" schlicht meint:


(Bild: Titanic)

Mehr gibt es dazu derzeit nicht zu sagen.

Montag, 19. Dezember 2016

Untergangszeit in der Qualitätspresse: Dagegen ist Aleppo Disneyland


Manchmal bin ich nicht so ganz sicher, ob unsere hochverehrten, durch Zwangsgebühren finanzierten Qualitätsmedien nicht doch einem heimlichen Satireauftrag folgen; aber solange ich noch nicht bemerkt habe, dass irgendwelche Journalistenclowns mit einer Karnevalströte in der bemalten Fratze hinterm nächsten Busch hervorspringen und "Ätsch, wir haben dich verarscht!" brüllen, nehme ich den Quatsch der hochbezahlten Damen und Herren noch immer für bare Münze.

Beim WDR bin ich wieder einmal fündig geworden und habe einen Bericht gelesen, der mich einmal mehr daran zweifeln lässt, ob ich mich nicht doch in einer gescripteten Comedyshow von RTL befinde. Dort war unter der flehentlichen Überschrift "Anwohner verzweifelt über Raser in Wohngebieten" zu lesen:

Das Landschaftsschutzgebiet direkt vor der Tür, ruhige Lage. Ideal für die Kinder, hatte sich Familie [XXX] gedacht, als sie vor sechs Jahren in eine Spielstraße in Herdecke zog. Im Wohngebiet ist Schrittgeschwindigkeit vorgeschrieben. Eine Messung der Stadt Herdecke im Sommer 2015 aber ergab, dass die Autos hier durchschnittlich 25 km/h fahren. Seitdem sei nichts passiert, so Familie [XXX]. / Morgens und am Nachmittag sei es besonders schlimm, erzählen die [XXXs]. Die sechs und acht Jahre alten Söhne bringen die Eltern jeden Tag zur wenige Gehminuten entfernten Grundschule. Die Jungs auf der Spielstraße spielen lassen - das passiert nur ganz selten und nur unter elterlicher Aufsicht.

Sapperlot! Das muss doch Satire sein, oder? Kann es wirklich sein, dass die Lokalredaktion des WDR hier allen Ernstes darüber berichtet, dass irgendwelche noch gutsituierten Mittelschichtseltern sich bitterlich darüber beklagen, dass unverantwortliche Kriminelle ihre Fahrzeuge mit "im Schnitt 25 km/h" durch "ihre" Wohnstraße steuern, anstatt brav Schrittgeschwindigkeit zu fahren? Sind jetzt nicht mehr nur Lokalredakteure, sondern gleich ganze Bevölkerungsschichten völlig verrückt geworden? Wen schert es da noch, dass die allermeisten Kinder in dieser Gruselrepublik nicht in einer "Spielstraße" aufwachsen dürfen, wenn die vermeintlich Privilegierten sich schon nicht mehr trauen, ihre sechs und acht Jahre alten (!!!) Kinder dem grausigen Horror einer im rasenden Tempo von 25 km/h marodierenden Mörderbande auszusetzen? Eine schlimmere, todbringendere Straße für Kinder als diese kann es in Deutschland wohl gar nicht geben, wenn man dem WDR folgt:


Die Todesstraße in Alepp..., äh, Herdecke

Und die Anwohner (wohlgemerkt: laut dem WDR offenbar nur die Männer - weshalb auch immer) sind verzweifelt! VERZWEIFELT! Dagegen ist Aleppo wohl Disneyland. Was sind das für Menschen, die ihren Kindern nicht mehr beibringen können oder wollen, sich auf der Straße aufmerksam zu verhalten? Und was sind das für RedakteurInnen oder PraktikantInnen, die über einen solchen infantilen Unfug allen Ernstes - und nicht erst am 1. April - berichten? Könnte es ein noch deutlicheres Indiz dafür geben, dass das kapitalistische Klassensystem unweigerlich und ohne jede Ausweichmöglichkeit in den völligen Irrsinn führt?

Ich hätte große Lust, in meiner alten Karre mit mindestens 30 km/h (subversiv, wie ich bin) durch diese Straße zu rasen, dabei wild zu rauchen, genüsslich ein Mettbrötchen zu essen und laut Iron Maiden zu hören. Man wird ja sehr, sehr, SEHR bescheiden, was den Protest betrifft, wenn der Wahnsinn zur Normalität geworden ist.

---

P.S.: Dem für diesen kafkaesken Bericht verantwortlichen WDR-Menschen sei geraten, sich noch ein kleinwenig intensiver mit Sprachwissenschaft und Schreibkunst zu befassen - es mutet doch ein wenig seltsam an, wenn sich der Text so liest, als würden die Eltern von den Kindern zur Schule gebracht. - Solche Feinheiten interessieren heute aber wohl niemanden mehr.

Samstag, 17. Dezember 2016

Schnipsel: Gute und schlechte Nachrichten, ganz am Rande (der Satire)


Die gute Nachricht (1): Sowohl Lapuente, als auch Berger schicken ihre Blogs ins Nirwana. Kleinbloggersdorf atmet erleichtert auf.

Die schlechte Nachricht (1): Beide machen, gemeinsam mit Wellbrock, in einem neuen Blog weiter. Kleinbloggersdorf stöhnt und ächzt.

Die gute Nachricht (2): Es wird dadurch etwas weniger "sozialdemokratische", kapitalismusfreundliche Verbrämungen und (hoffentlich) endlich auch regelmäßig kritische Kommentare für die dünnen bzw. dünnflüssigen Gehirnfürze Lapuentes geben. Kleinbloggersdorf reibt sich freudig die Tippgriffel.

Die schlechte Nachricht (2): Das Eso-Blog "Jenseits der Realität" ist noch immer nicht in einem Schwefelblitz vom Teufel in die Zombiehölle geweckt worden. Kleinbloggersdorf zieht verzweifelt einen Exorzisten zu Rate, der jedoch an der Kommentarzensur der Esos scheitert. Platta schreibt seitenlange Mails zur Erklärung, während er Faulfuß oral befriedigt.

Die gute Nachricht (3): Andy Bonetti lebt und säuft noch. Kleinbloggersdorf spendiert ein Fass Pralinskis Mädchentraube von 1984 (einem äußerst erquicklichen Jahrgang).

Die schlechte Nachricht (3): Charlie lebt auch noch. Kleinbloggersdorf flieht geschlossen und voller Entsetzen zum Mond. Epikur, Dennis82 und das greise Pantoffeltier begehen auf der Flucht kollektiv Selbstmord. Der Kiezneurotiker kommentiert: "Im Borgwürfel trinkt man Kaffee und diskutiert die Bundesliga. Bundes. Liga. Who the fuck is Charlie?"

(to be continued ...)

---


(Kleinbloggersdorf in der guten, alten Zeit vor dem großen Exodus - selbstverständlich ohne die vegane Kampffront der Esos, die am Katzentisch Gras, Löwenzahn und leckere Lichtnahrung serviert bekam.)