Mittwoch, 17. August 2016

Musik des Tages: Genesis Revisited




(Steve Hackett: "Genesis Revisited: Live At Hammersmith", 2013)

  1. Watcher of the Skies
  2. The Chamber of 32 Doors
  3. Dancing with the Moonlit Knight
  4. Fly on a Windshield
  5. Broadway Melody of 1974
  6. The Lamia
  7. The Musical Box
  8. Shadow of the Hierophant
  9. Blood on the Rooftops
  10. Unquiet Slumbers for the Sleepers ...
  11. ... In That Quiet Earth
  12. Afterglow
  13. I Know What I Like
  14. Dance on a Volcano
  15. Entangled
  16. Eleventh Earl of Mar
  17. Supper's Ready
  18. Firth of Fifth
  19. Los Endos



Anmerkung: Meine Songauswahl wäre zwar eine etwas andere gewesen, aber ein grandioses Konzert bleibt es allemal - auch ohne "The Fountain of Salmacis", "Harold the Barrel", "The Lamb Lies Down on Broadway" oder "A Trick of the Tail". :-) Es ist sehr schade, dass die alten Herren von Genesis sich nicht mehr zusammenraufen konnten, und sei es auch nur für ein paar Konzerte gewesen. Der Zug ist nun abgefahren, denn Collins ist krank und kann nicht mehr Schlagzeug spielen. Spezielle Gäste wie beispielsweise John Wetton machen das mehr als wett.

Dienstag, 16. August 2016

Deutsche Fantasien: Big Assholes are watching you


Unsere geliebte Bundesregierung Das menschenfeindliche, korrupte Regime des Kapitalismus' gibt bekannt: Freiheit war gestern (auch nur auf dem Papier), heute ist endlich die totale Überwachung modern. Die korrupte Bande hört nicht auf - schon liegt der nächste Schritt in den Orwell'schen Totalüberwachungsstaat auf dem Tisch, und die willfährigen Schergen des Katastrophenministers Thomas "die Misere" haben dem widerlichen Plan (pdf; Vorsicht: Link geht zu den Überwachungsfetischisten beim BMI) wieder einen höchst erfreulichen, euphemistischen Titel verpasst, an dem nicht nur blutrünstige Diktatoren ihre helle Freude hätten: "Geplante Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit in Deutschland" nennen sie dieses Schmutzpaket, das unter anderem eine Ausweitung der Vorratsdatenspeicherung aller Telekommunikationsdaten aller BürgerInnen, eine "Entzifferung verschlüsselter Daten", eine vermehrte "intelligente Videotechnik" im öffentlichen Raum, eine anlasslose Auslesung und Speicherung von KFZ-Kennzeichen und vieles mehr vorsieht. Sämtliche Pläne sind selbstredend grundgesetzwidrig - etwas anderes sind wir von dieser verkommenen Bande ja gar nicht gewohnt.

Bislang war beim Thema Überwachung stets nur von den sogenannten "Metadaten" die Rede, die "harmlos" seien - die geplante "zentrale Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich (Zitis)", die verschlüsselte Daten dechiffrieren soll, belehrt uns nun eines Besseren: Selbstverständlich will die Bande komplett alle Daten inkl. der Inhalte überwachen und speichern - altertümliche Relikte wie das Telekommunikations- oder Briefgeheimnis, die es auch in Westdeutschland im Übrigen nie wirklich gab, sind künftig auch offiziell obsolet. Demnächst lesen also nicht mehr nur NSA & Co. die privaten E-Mails aller BürgerInnen, die von deutschen "Sicherheitsbehörden" dann erst umständlich "angefordert" werden müssen - nein, man will in Deutschlands Behörden auch selber mitlesen und stets wissen, was Klara Kunz dem Heinz Hinz so alles mitzuteilen hat.

Auch die Überwachung und Speicherung von KFZ-Kennzeichen, die heute schon in sogenannten "Ausnahmefällen" - also immer dann, wenn irgendwelche Polizei- oder Geheimdienstspinner das für "richtig" halten - stattfindet, ohne dass groß darüber berichtet wird, ist selbstverständlich grundgesetzwidrig. Wer heute noch immer glaubt, dass auf die Datenmassen, die von den flächendeckend installierten Mautstationen auf den Autobahnen aufgezeichnet werden, von Seiten der Polizei und Geheimdienste nicht regelmäßig zugegriffen wird, darf auch weiter CDU oder AfD wählen und sich Sektkorken in die Augen und Ohren stopfen, bis es blutet.

Eine gruselige Zusammenfassung der widerwärtigen Pläne kann man bei Zeit Online nachlesen, wo es unter anderem heißt:

Das BKA soll wiederum seine Fähigkeiten beim Einsatz neuer biometrischer Verfahren verbessern. "Das Lichtbild und Gesichtserkennungssysteme sollen perspektivisch mit einer vergleichbaren Zuverlässigkeit wie der Fingerabdruck zur Identifizierung einer Person beitragen", heißt es.

Mit anderen Worten: Mithilfe der "intelligenten Videotechnik" [sic!] will die Bagage ein Überwachungssystem installieren, das dem Staat unverzüglich Auskunft darüber erteilt, wie die im Video erfassten Menschen heißen und welche Vergehen sie sich haben zuschulden kommen lassen. Bezüglich der Verknüpfung verschiedenster Datenbanken sind der Fantasie der Überwachungsfetischisten hier keinerlei Grenzen mehr gesetzt: Einwohnermeldamt, Verkehrsregister, Polizei, Geheimdienste, Krankenkasse, Banken, Gerichte ...

Selbstverständlich darf in diesem Zusammenhang auch das ominöse "Darknet" nicht fehlen, das es bislang bloß laut Hörensagen gibt und dessen Existenz ich - zumindest in der kolportierten Form - für mehr als zweifelhaft halte. Trotzdem bietet dieses Szenario, das eher der Science Fiction bzw. Hollywood zuzurechnen ist, der Bande einen willkommenen Anlass zur Begründung ihrer widerlichen Überwachungsfantasien. Wenn es nicht genug zurechtgebogene Gründe gibt, muss man eben noch welche herbeifantasieren, um den bröckelnden Anschein der Rechtsstaatlichkeit zu wahren, wenn man die letzten Fragmente der Freiheit entsorgen möchte.

Die schauderhafte Dystopie, auf welche diese Katastrophenbagage mit Siebenmeilenstiefeln gezielt und bewusst zusteuert, ist nicht meine Welt.


Thomas albträumt und hat einen Orgasmus - endlich mal.

Montag, 15. August 2016

Zitat des Tages: Das letzte Kapitel


Am 12. Juli des Jahres 2003
lief folgender Funkspruch rund um die Erde:
dass ein Bombengeschwader der Luftpolizei
die gesamte Menschheit ausrotten werde.

Die Weltregierung, so wurde erklärt, stelle fest,
dass der Plan, endgültig Frieden zu stiften,
sich gar nicht anders verwirklichen lässt,
als alle Beteiligten zu vergiften.

Zu fliehen, wurde erklärt, habe keinen Zweck.
Nicht eine Seele dürfe am Leben bleiben.
Das neue Giftgas krieche in jedes Versteck,
man habe nicht einmal nötig, sich selbst zu entleiben.

Am 13. Juli flogen von Boston eintausend
mit Gas und Bazillen beladene Flugzeuge fort
und vollbrachten, rund um den Globus sausend,
den von der Weltregierung befohlenen Mord.

Die Menschen krochen winselnd unter die Betten.
Sie stürzten in ihre Keller und in den Wald.
Das Gift hing gelb wie Wolken über den Städten.
Millionen Leichen lagen auf dem Asphalt.

Jeder dachte, er könne dem Tod entgehen,
keiner entging dem Tod und die Welt wurde leer.
Das Gift war überall, es schlich wie auf Zehen.
Es lief die Wüsten entlang, und es schwamm übers Meer.

Die Menschen lagen gebündelt wie faulende Garben.
Andere hingen wie Puppen zum Fenster heraus.
Die Tiere im Zoo schrien schrecklich, bevor sie starben.
Und langsam löschten die großen Hochöfen aus.

Dampfer schwankten im Meer, beladen mit Toten.
Und weder Weinen noch Lachen war mehr auf der Welt.
Die Flugzeuge irrten mit tausend toten Piloten
unter dem Himmel und sanken brennend ins Feld.

Jetzt hatte die Menschheit endlich erreicht, was sie wollte.
Zwar war die Methode nicht ausgesprochen human.
Die Erde war aber endlich still und zufrieden und rollte
völlig beruhigt ihre bekannte elliptische Bahn.

(Erich Kästner [1899-1974]: "Das letzte Kapitel", in: "Ein Mann gibt Auskunft. Gedichte", mit Zeichnungen von Erich Ohser alias e.o. plauen, Deutsche Verlags-Anstalt 1930)





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Freitag, 12. August 2016

Buchempfehlung: Luzifers Hammer


Der Roman "Luzifers Hammer" von Larry Niven und Jerry Pournelle, den ich heute vorstellen möchte, ist ein episches Meisterwerk der Science-Fiction-Literatur. Ich zitiere aus dem Klappentext der deutschen Originalausgabe:

"Als die Amateurastronomen Hamner und Brown einen neuen Kometen entdeckt hatten, sagten die Fachleute, die Chancen stünden eins zu hunderttausend, dass er die Erde träfe.

Als man ihn mit bloßem Auge sehen konnte, meinten die Wissenschaftler, die Chancen stünden eins zu tausend. Als Hamner-Brown aber die Sonne umrundet hatte und auf den Erdball zuraste, räumten Fachleute ein, dass der Komet unseren Planeten möglicherweise streifen könnte, doch da er hauptsächlich aus Gas und Staub und ein paar Felsbrocken bestünde, sei die Gefahr minimal.

Doch plötzlich ist er da. Ein paar Millionen Tonnen Staub und Wasser dringen in die Erdatmosphäre ein, riesige Gesteinsbrocken treffen die Oberfläche. Luzifers Hammer fällt, löscht die Zivilisation aus und schleudert die Davongekommenen in ein dunkles Zeitalter der Barbarei und des nackten Überlebens."

Dieses Szenario ist inzwischen von mehreren Dokumentationen und Spielfilmen aufgegriffen worden - anders als diese beschreibt der Roman auf seinen 765 eng bedruckten Seiten jedoch überwiegend die finstere Zeit nach dem Kometeneinschlag. Dabei ist es letzten Endes unerheblich, ob dieses neue Zeitalter der Barbarei nun von einem Kometen, einem Atomkrieg oder irgendeiner anderen Katastrophe ausgelöst wurde - es geht, wie beispielsweise auch in der Serie "The Walking Dead", um den schlichten Überlebenskampf der verbliebenen Menschen in einer lebensfeindlich gewordenen Umgebung. Ein solcher Auslöser kann natürlich auch ein eher subtiler, langsamer ablaufender Vorgang wie beispielsweise die latent andauernde Zerstörung des Planeten und der sozialen Gesellschaftsstrukturen durch das kapitalistische Katastrophensystem sein - die Namen der beiden fiktiven Astronomen, nach denen der Komet im Buch benannt ist, sind gewiss kein Zufall: Hamner und Brown.

Man merkt beim Lesen dieses fesselnden, wenn auch arg beklemmenden Romans, dass er für eine Vielzahl von jüngeren Endzeitgeschichten der Filmindustrie und Literatur als Inspirations- bzw. Plagiatsquelle gedient hat - ich erinnere exemplarisch an den nicht minder beklemmenden Film "The Road" von John Hillcoat aus dem Jahr 2009 bzw. den gleichnamigen zugrundeliegenden Roman von Cormac McCarthy. Manche Szenarien finden sich in diversen Filmen, Serien oder Büchern gar eins zu eins wieder.



Die beiden Meister der Science Fiction, Niven und Pournelle, hätten kein besseres Motto für ihren Roman wählen können als den folgenden Spruch von Friedrich Nietzsche, der dem Werk vorangestellt ist:

Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.

Denn der Roman handelt selbstverständlich von der Dummheit dieser Menschheit, die sich sogar in der Zeit ihres Untergangs lieber weiterhin gegenseitig vehement bis aufs Blut bekämpft, anstatt endlich zu begreifen, dass Habgier, Egoismus und persönliche Macht unweigerlich der uneingeschränkten Kooperation weichen müssen, um der Barbarei und der drohenden Auslöschung vielleicht doch noch entfliehen zu können. "Luzifers Hammer" ist trotz des bescheuerten Titels, der vermutlich eher den beteiligten Verlagen anzulasten ist, ein wegweisendes Werk der dystopischen Literatur - ich kann die Lektüre nur empfehlen.



(Larry Niven & Jerry Pournelle: "Luzifers Hammer", 1977, dt. Heyne 1980)

Donnerstag, 11. August 2016

Online-Dating: Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren ...


Kürzlich habe ich mit großem Vergnügen bei Zeit Online den Text "Männer sind seltsam – warum ich nach einer Woche Online-Dating am Ende bin" von Teresa Buecker gelesen. Die Autorin beschreibt dort anhand von 20 Beispielen sehr eindrücklich und witzig ihre Erlebnisse in der für sie zuvor fremden Welt des Online-Datings:

Wenn ich den Gesprächen in meinem Freundeskreis und im Büro lausche, war ich bislang Exotin: Ich hatte noch nie ein Tinder-Date oder eine Affäre, die online begann. Als Online-Dating normal wurde, war ich glücklich vergeben und in den letzten Jahren immer zu dem Zeitpunkt an dem physischen Ort, an dem mir jemand begegnete, der zu mir passte: auf Konferenzen, in Clubs, bei der Buchmesse, und meine allererste Beziehung in Berlin ging auf die gemeinsame Fahrt bei der Mitfahrzentrale zurück (Nostalgie!). Online-Dating ist etwas, über das ich gar nichts weiß, daher sind die entsprechenden Angebote und Apps für mich ein Kulturschock. Hier sind die Dinge, über die ich mich gewundert und die ich gelernt habe.

Ich habe mich beim Lesen sehr amüsiert - und das nicht bloß, weil ich gewisse berufliche Erfahrungen auf diesem Gebiet und auch ein "seriöses" Single-Portal eine Zeit lang administrativ betreut habe, sondern auch aufgrund meiner eigenen diesbezüglichen Erfahrungen aus männlicher Sicht. Ich könnte also zu jedem einzelnen der 20 Punkte ein "maskulines Pendant" - ach was, ein ganzes Buch! - schreiben, erspare das den Mitlesenden aber lieber. Verraten sei nur so viel: Die größte Beziehungskatastrophe meines bisherigen Lebens ist ebenso aufs Online-Dating zurückzuführen wie einige wunderbare Erlebnisse und Freundschaften, die mein Leben bis heute bereichern.

Falls es Mitlesende gibt, die sich - gerne anonym - über ihre eigenen Erfahrungen auf diesem Gebiet auslassen möchten: Nur zu, ich lese mir das allzu gerne durch - und ich bin sicher, dass ich nicht der einzige wäre! :-)


Captain Obvious lässt grüßen.

Mittwoch, 10. August 2016

Musik des Tages: Backdoor Possibilities




  1. One First of April
    I. Prologue
    II. Physical and Mental Short Circuit
    III. Subterranean Escape
  2. Beedeepees
    I. Film of Life
    II. Childhood Flash-back
    III. Legal Labyrinth
  3. Futile Prayer
  4. La Cigüena de Zaragoza
    I. The Farrockaway Ropedancer
    II. Le Moineau de Paris
    III. Cha cha d'amour
  5. Behind Grey Walls
  6. No Time to Die



(Birth Control: "Backdoor Possibilities", 1976)

Anmerkung: Ich durfte in den 80ern das letzte Konzert dieser großartigen, völlig verkannten Band (siehe unten) miterleben - ebenso wie das erste Re-Union-Konzert in den 90ern, das seinerzeit in einer westfälischen Höhle stattfand. Es ist ein Jammer, dass diese Band heute noch immer auf den Song "Gamma Ray" reduziert wird, der nichts über die progressiven Wege aussagt, die Birth Control in den 70ern gegangen sind.

Solche Musik sucht man heute größtenteils vergebens.


Dienstag, 9. August 2016

Qualitätsjournalismus: Vom Leben in einer Verfallsperiode


Am vergangenen Freitag habe ich bei Zeit Online ein wunderschönes Beispiel für die Orwell'sche Parallelwelt entdeckt, in der sich offensichtlich auch viele QualitätsjournalistInnen tummeln. Unter dem vielsagenden Titel "Zukunft der EU: Europa braucht bessere Bürger" schrieb dort Alexander Görlach, Herausgeber des Magazins "The European" und seines Zeichens katholischer Theologe [sic!] und Linguist [ogottogott!], unter anderem:

Welche Elite hat versagt? / Die Eliten seien schuld am Versagen Europas, heißt es. Beide Teile dieser Behauptung sind falsch. Es gibt dieses Versagen Europas nicht! Die Union hat den Friedensnobelpreis nicht als Fleißsternchen für eine effiziente Verwaltung bekommen. Sondern dafür, dass sie eine dauerhafte, für die Ewigkeit gedachte Ordnung auf einem Kontinent angelegt, bewahrt und in die Zukunft geführt hat.

Weiterhin macht der Autor messerscharf den Kern des Problems aus: Schuld an der gegenwärtigen Misere Europas seien "apathische, konsumgeile Wähler". - Wer hier gelegentlich mitliest, wird schon erahnen, wie ich angesichts einer solchen schneidigen Analyse reagiert habe, daher will ich das Kreischen, Heulen und Zähneklappern, das mich schon während der Lektüre befiel, nicht näher ausführen. Ich empfehle allen, den Text selber zu lesen und die kruden Gedankengänge des Theologen zu verfolgen. Zur Schärfung des eigenen Geistes und zum Verständnis der Versumpfungen des journalistischen Mainstreams unserer "schönen neuen Welt" taugt der hanebüchene Text allemal (besonders bedenkenswerte Stichworte: "Friedensnobelpreis" und "konsumgeil").

Ich werde und werde das Gefühl nicht los, dass wir es hier keineswegs überwiegend mit dumpfhirnigen Vollidioten zu tun haben, die schlicht nicht verstehen, welchen Irrsinn sie da verbreiten. So viele geistige Minderleister in akademischen Positionen kann es doch heute noch gar nicht geben - das wird sich erst in einigen Jahrzehnten normalisiert haben, wenn die heutigen Opfer des verkrüppelten, entkernten Bildungssystems die "Instanzen" durchlaufen haben. Leute wie Görlach, der hier wieder einmal nur stellvertretend für einen Großteil seiner Zunft steht, müssen sehr genau wissen, dass sie haltlose Propaganda betreiben, die keinen erkennbaren Bezug zur Realität mehr besitzt. Die Frage bleibt evident, aus welchen Gründen sie das tun: Weil sie es "müssen", um den Job zu behalten, oder weil sie die elitäre, menschenfeindliche Sicht der kapitalistischen Eigennutzmehrer schlichtweg teilen? Es gibt sicher noch weitere vorstellbare Begründungen, die sich auch überschneiden können - eines aber eint alle Resultate derlei motivierten Schreibens: Es hat nichts mehr mit Journalismus zu tun.

Görlach beschließt seinen schmutzigen Erguss, der am vergangenen Freitag an prominenter Stelle ganz oben die Webseite der Zeit zierte, mit den bezeichnenden Worten:

Europa braucht eine neue Elite, in der Politik, der Wirtschaft, der Kultur, den Medien, die bereit ist, dem Volk nicht nach dem Maul zu reden. Sondern ihm glaubhaft Gegenwart und Zukunft in einem stimmigen Gesamtbild zu vermitteln, zu verkörpern und zu vertreten.

Hier entlarvt der Herr Theologe seine fürchterliche Denkweise, die mit Demokratie offensichtlich nichts zu tun hat, überdeutlich: Die Forderung nach einer "neuen Elite" ist für sich genommen schon so starker Tobak, dass jeder halbwegs humanistisch denkende Mensch dreimal schlucken muss, bevor der Brechreiz dennoch siegt; dass jene "neue Elite" aber auch - wie das ja seit Jahrzehnten längst geschieht - erklärtermaßen gegen den Willen der Bevölkerung handeln soll, erinnert mich letzten Endes nur noch an die altbekannte Forderung nach einem "starken Führer".

Ich finde aus dem Gruseln gar nicht mehr heraus.

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"Vom streng wissenschaftlichen Standpunkte aus muss der Historiker konstatieren: In einer Blüteperiode zu leben ist genussreicher, in einer Verfallsperiode zu leben lehrreicher."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 49 vom 02.03.1925)

Montag, 8. August 2016

Deutsche Willkommenskultur, propagandabereinigt


Manchmal bzw. zunehmend öfter reichen die verfügbaren Gesichtspalmen und Gehirnquirle, die man eigentlich benötigte, um den alltäglichen Irrsinn in diesem verkommenen Land angemessen zu würdigen, nicht mehr aus, wenn man aufmerksam die hiesigen Erzeugnisse der Qualitätspresse studiert. Am vergangenen Freitag war es wieder einmal so weit und ich las bei n-tv die kurze Notiz:

Bund zahlt für Abschiebe-Tipps Millionen / Welche Probleme gibt es bei Abschiebungen und wie können sie gelöst werden? Das soll die Unternehmensberatung McKinsey für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge herausfinden. Für die Studie zahlt der Bund dem "Spiegel" zufolge 1,86 Millionen Euro. Weil die Zeit dränge, sei der Auftrag ohne Ausschreibung vergeben worden, heißt es weiter in dem Bericht. Das BaMF äußerte sich dazu nicht. Schon zwischen Oktober und März waren rund 9,2 Millionen Euro an die Berater geflossen – unter anderem, um Asylprozesse und die Registrierung von Flüchtlingen zu verbessern.

Die Schergen der "Kanzlerin der Willkommenskultur" bemühen sich also nach Kräften darum, Flüchtlingen möglichst schnell und "effizient" einen Tritt in den Arsch zu verpassen und sie zu deportieren wieder des Landes zu verweisen - und weil die korrupte Bande angeblich keine eigenen Ideen dafür entwickeln kann [sic!], schmeißt sie ausgerechnet den Widerlingen von McKinsey Millionen in den Rachen, damit diese Gestalten ein paar grundgesetzwidrige, lächerliche Powerpoint-Folien samt Bullshit-Textbausteinen erstellen. Der McKinsey-Moloch hat sich schon glänzend, maßgeblich und natürlich fürstlich bezahlt bei der Entwicklung des Hartz-Terrors [pdf] (damals noch finanziert von den rot-grünen Verbrechern) sowie als verschleierter Urheber der widerwärtigen "Tafeln" in Deutschland hervorgetan, um nur zwei Beispiele von vielen zu nennen - bei solchen erbärmlichen Gestalten ist selbstverständlich auch das Geschick von Kriegsflüchtlingen in den allerbesten, äußerst empathischen Händen. Das ist die Merkel'sche "Willkommenskultur" in propagandabereinigter Form.

Allein die an widerwärtiger Menschenfeindlichkeit kaum zu überbietende Überschrift "Bund zahlt für Abschiebe-Tipps Millionen" lässt hier tief in den braunen Abgrund blicken: Aus der Meldung ist nicht ersichtlich, ob diese Formulierung aus qualitätsjournalistischen (n-tv, Spiegel) oder doch aus politischen Kreisen stammt - zuzutrauen ist sie jedenfalls allen Beteiligten. Da dürfen dann auch gerne Millionen von Euro (selbstverständlich ohne "Ausschreibung") fließen - für "Tipps", wie man Menschen ausdrücklich nicht hilft, sondern ihnen gepflegt in die Fresse haut und sie zurück in die Wüste schickt. Und selbstredend stellt das ganze eine "Verbesserung" dar. Wäre Orwell nicht längst verwest, müsste er sich ab sofort ganzen Horden von Maden erwehren, die seiner trefflichen Beschreibung des "Neusprechs" den Garaus machen wollen.

Wer ein solches durch und durch korruptes politisches System und eine solche Qualitätspresse zu ertragen hat, die sich allesamt selbst unentwegt als "freiheitlich-demokratisch" beweihräuchern und sich sogar irgendwelche "westlichen Werte" an die braune, stinkende Weste kleben, während sie kontinuierlich - und zwar in allen wesentlichen Belangen - das Gegenteil des medial Herausposaunten praktizieren, braucht wahrlich keine Feinde mehr.

Willkommenskultur. McKinsey. Abschiebe-Tipps. Mehr als elf Millionen Euro in zehn Monaten für bekannte menschenfeindliche Powerpoint-Pinguine. Verbesserung. Spitze des Eisberges. - Der Gehirnquirl kommt nicht mehr nach bei so viel Bullshit und gibt qualmend den Geist auf.

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Die Auswandernden



(Gemälde von Hans Baluschek [1870-1935] aus dem Jahr 1924, Öl auf Leinwand, Märkisches Museum, Berlin)

Samstag, 6. August 2016

Zitat des Tages: Freundschaft


Troi: "Haben Sie je gehört, wie Data Freundschaft definiert?"
Riker: "Nein ... ?"
Troi: "Wie definiert er es? 'Durch die Speicherung gewisser sensorischer Eingangsmuster werden meine mentalen Nervenbahnen an sie gewöhnt. Die Muster werden erwartet oder sogar vermisst.'"
(Beide lächeln.)
(...)
(Die Tür geht auf, Data steht im Turbolift. Schweigen.)
Data: "... Beispielsweise beenden viele abrupt ihre Gespräche, wenn ich auftauche. So wie Sie, als sich die Turbolifttüren öffneten. Ist dies eine korrekte Beobachtung?"
Riker / Troi (gleichzeitig): "Keineswegs." / "Ja."
Riker: "Ja."
(Schweigen.)
Riker: "Wir tun das nur, weil sich unsere mentalen Nervenbahnen an Ihre sensorischen Eingangsmuster gewöhnt haben."
Data: "Hm, ja ... ich verstehe. Ich mag Sie auch sehr gern, Commander. Und Sie auch, Counselor."

(Dialog aus "Star Trek: Das nächste Jahrhundert", Episode "Gefahr aus dem 19. Jahrhundert, Teil 1", 1992)


Freitag, 5. August 2016

Star Trek: Der Traum vom Kommunismus


Schon lange wollte ich mal etwas über mein Lieblings-Universum aus der Science-Fiction-Welt schreiben, dem durch die vergifteten Sargnägel der jüngsten drei Kinofilme endgültig das Leben entzogen schien. Spielfilme waren ja - bis auf wenige Ausnahmen - ohnehin eher eine minderwertige Randerscheinung in diesem Universum, aber seit dem "Reboot" 2009 kann man diesen Teil ohnehin nicht mehr ernst nehmen, sondern getrost in der Hollywood-Akte "Profit ist unser Gott, Halleluja" abheften bzw. in den Müll schmeißen.



Bezüglich der Serien war das - zumindest zu Beginn - noch anders. Die erste Serie will ich hier nicht weiter besprechen, dazu gibt es haufenweise lesenswerte Betrachtungen. Der erste Neustart mit der "nächsten Generation" und dem Captain Jean-Luc Picard in den 80er Jahren hat ein neues Zeitalter - und eine neue Qualität - in die Welt der Föderation der vereinten Planeten gebracht, die es zuvor in keiner anderen populären Nischenwelt gegeben hat. Sicherlich gab es auch hier manch redundante Folge und die eine oder andere Nerverei (beispielsweise den aalglatten Aktenkofferträger Wesley Crusher), unterm Strich aber kann man reinen Gewissens behaupten, dass die Charaktere und Geschichten dieser Serie wegweisend waren. Die Episoden, die sich beispielsweise mit den Menschenrechten des Androiden Data, mit den kapitalistischen Ferengi, mit den philosophisch-humorvollen Dialogen zwischen Picard und "Q" oder mit der Entwicklung des martialischen Klingonen Worf befassen, gehören zum besten, was Star Trek hervorgebracht hat.

Ein erster Dämpfer war dann bei "Deep Space Nine" zu spüren: Auch hier gibt es sehr viele gute, aber leider auch fast ebenso viele dämliche Folgen, die sich mit religiösem Tand und einer der uninteressantesten Spezies des Star-Trek-Universums, nämlich den Bajoranern und der gähnend langweiligen Figur der Kira befassen. Was haben dieses unsägliche Thema und diese religiöse, dumme Tusnelda samt allen mystischen Verklärungen hier verloren? Zum Glück gibt es aber auch hier genügend alternative Folgen - insbesondere die Stellvertreter unserer heutigen lächerlichen Welt, die Ferengi, haben hier wahre Glanzmomente, die man auf jedem "Wirtschaftstreffen" den albernen Schlips-Borg in Davos zeigen sollte.

Diese Fehler bügelt die nachfolgende Serie "Voyager" aber wieder aus und sie reiht sich uneingeschränkt wieder in die Qualitätsgeschichte ein. Hier gibt es aus meiner Sicht nur ganz wenige Folgen, die zu kritisieren wären - der überwiegende Teil greift wiederum - manchmal ernst, manchmal humorvoll, manchmal sehr subtil - bedeutende Themen auf, die ansonsten in solchen Serien und Filmen nicht vorkommen. Nervige Figuren wie Neelix kann man getrost ausblenden. Ich kann mir die gesamte Serie heute immer noch mit viel Gewinn ansehen.

Dann kam lange Zeit nichts - bis Captain Archer in der Serie "Enterprise" wieder auf große Fahrt ging. Das war ein Fehlstart, der sich gewaschen hat: Diese Crew ist viel zu "amerikanisch" und hat - völlig zu recht - am Anfang viele ZuschauerInnen vergrault. Erst ab der dritten Staffel wurde das Szenario besser und steigerte sich kontinuierlich - aber die vorzeitige Absetzung war trotzdem nicht mehr aufzuhalten. Hier hätten die Macher, sofern sie über ein gewisses Maß an Weitsicht verfügten, bereits erkennen können, was geschieht, wenn sie das kosmopolitische Konzept von Star Trek über Bord werfen. Von der Verballhornung der Vulkanier, die in dieser Serie fast schon absurde Ausmaße annimmt, will ich lieber schweigen.

Und nun gibt es also Pläne für eine weitere Serie, von der aber noch nicht sonderlich viel bekannt ist. 2017 soll es soweit sein. In der Süddeutschen war beispielsweise im November 2015 zu lesen:

Die Voyager-Kapitänin Kathryn Janeway war eine frühe weibliche Führungsfigur und der Klingone Worf gab über zwei Serien hinweg ein spannendes Beispiel für gelungene Integration. / Das war nicht alles, was Star Trek utopisch [sic! - gemeint ist wohl eher vorbildlich, Anm.d.Kap.] gemacht hat. Auch gesellschaftlich hatte es den großen Entwurf parat: Jeder Mangel ist überwunden, Geld abgeschafft, das Essen kommt aus dem Replikator, und in der Freizeit kann man auf dem Holodeck alle nur denkbaren Fantasien ausleben. Die Welt der Vereinigten Föderation der Planeten ist eine Art Luxus-Kommunismus [sic!], in der jeder seine Leidenschaft zum Beruf machen kann. Nur der Wissensdurst der Menschen ist nicht stillbar. Jede andere Form von Gier hat ihren Sinn verloren. / Utopien zu entwickeln, heißt, der Welt noch eine Chance zu geben. Sich für sie zu interessieren und darüber nachzudenken, wie man sie besser machen könnte. Star Trek hat das immer getan. Nicht nur mit Technik, sondern in seinen besten Momenten immer auch durch Begegnungen mit dem Fremden, das das Eigene herausfordert, in Frage stellt oder auch seinen Wert unterstreicht.

Das sind starke Worte. Den hirnzersetzenden Begriff "Luxus-Kommunismus" lasse ich hier mal unkommentiert - er dürfte von geneigten LeserInnen ohnehin als systemkonformes Bullshit-Bingo erkannt werden. - Ob die Star-Trek-Macher diesem formulierten Anspruch tatsächlich einmal mehr gerecht werden können, wird sich zeigen - ich habe leider arge Zweifel daran, lasse mich aber höchst gerne eines Besseren belehren.

Donnerstag, 4. August 2016

Song des Tages: Injun Joe




(Good Rats: "Injun Joe", aus dem Album "Tasty", 1974)

I wanna see this house burn
I wanna see it tumblin' down
I'm gonna watch the white
Burn from their eyes

Well, I'm gonna light the fuse
I'm through payin' my dues
I refuse to kick off my shoes

Hey Injun Joe - what you know?
Went to the city - to organize
Hey Injun Joe - what you know?
Went to the city - to organize

I'm gonna take their black robes
I'm gonna wipe my waste on them
Your honor, my ass, it's my honor
That's on the line

Well, this time I'll stand and fight
Like the suckers they are
I'll run them into the sea

Hey Injun Joe - what you know?
Went to the city - to organize
Hey Injun Joe - what you know?
Went to the city - to organize



Anmerkung: Sehr geehrte Damen und Herren, lassen Sie uns die Revolution beginnen. Hier und jetzt. I wanna see this house burn! Vielen Dank, und nun zum Wetter. - What you know? Nix? Ah ja, dann geht ja alles seinen gewohnten Weg in den Abgrund. Gehen Sie einfach weiter und warten Sie ab.

Mittwoch, 3. August 2016

Die versaute Realitätsflucht (33): The Witcher 3: Wild Hunt


Zu diesem Ausflug in die virtuelle Welt kann ich nicht viel schreiben, da ich nicht sehr weit vorgedrungen bin. Das von vielen anderen hoch gelobte Spiel des polnischen Entwicklers CD Project Red aus dem Jahr 2015, das ich mir mühsam durch den wochenlangen Verzicht auf den Kauf von frischen Lebensmitteln vom Munde abgespart habe, hat mir von Anfang an dicke Knüppel zwischen die Füße geworfen.

Es begann mit einer unsäglichen Installationsprozedur: Die vier DVDs waren nach einigen sehr vielen Stunden endlich erfolgreich installiert, hatten nach dem Start aber zur Folge, dass erneut 11 Gigabyte (!!) an Daten aus dem Netz geladen werden mussten, um das Prozedere abzuschließen. Das dauerte länger als einen Tag. Ich hatte mich sehr auf das Spiel gefreut, also las ich währenddessen einfach ein gutes Buch und wartete brav. Diverse Gewaltfantasien, die mich schon zu diesem Zeitpunkt heimsuchten, konnte ich noch problemlos unterdrücken.

Dann war der Download irgendwann endlich abgeschlossen und die Installation komplett - und voller Vorfreude startete ich das "GOG-Tool", mit dem das Spiel gestartet werden sollte. Aber was soll ich sagen: Das Programm startete nicht, sondern mein Rechner teilte mir mit, dass diverse dll-Dateien fehlten und ich die Installation wiederholen solle. Da war mein Hals so groß wie die Leere in Merkels Gehirn, aber zum Glück schaffte ich es, die erforderlichen Datein aus dem bösen Internet herunterzuladen und in die entsprechenden Verzeichnisse zu kopieren, so dass eine erneute Installation doch nicht nötig war. Das dauerte indes ebenfalls einige Stunden Tage, da es multiple Lösungen für diesen offenbar nicht selten auftretenden Fehler gibt und ich sie allesamt durchexerzieren musste, bevor sich der Erfolg einstellte.

Nun war ich also endlich bereit für das angepriesene Spiel, startete das "GOG-Tool" ... und wurde belohnt von dem Hinweis, dass erneut 11 Gigabyte (!!) herunterzuladen seien, um das Spiel auf den "aktuellen Stand" zu bringen. Ich habe das unverzüglich und völlig entnervt abgebrochen und mir böse Systemmeldungen dafür eingehandelt, die mir zu diesem Zeitpunkt aber vollkommen egal waren - das Spiel ließ sich glücklicherweise auch so starten.

Ich durfte dann - nach so vielen Tagen (!) - ein langes, sehr schön und detailreich gestaltetes, freilich überaus sexistisches Intro genießen, das meine niederen Erwartungen nicht enttäuschte. Dieses - einzige - positive Erlebnis endete sodann in der Karikatur eines "Tutorials", wie ich es nie zuvor erlebt habe. Ich durfte einen Geralt (das ist der Spielcharakter) steuern, der sich bewegte, als glitte er unentwegt über ein Eisfeld und der ständig Befehle bekam wie "Drücke 'X' und halte 'Alt-links' gedrückt, um einer Attacke auszuweichen" oder "Drücke 'Umschalt-links' und gleichzeitig 'Ü' und 'ß', um Bomben zu werfen" und derlei Schmonzes mehr.

Die Steuerung der Spielfigur in den vorangegangenen Witcher-Teilen war ja ebenfalls alles andere als "intuitiv" oder benutzerfreundlich - aber hier haben die Entwickler tatsächlich den Vogel abgeschossen und ein System geschaffen, das den Irrsinn vollendet. - "Nun ja", dachte ich so bei mir, "vielleicht musst Du dich einfach ein wenig umgewöhnen?" - was mir auch von anderen Fans dieses Spiels nahegelegt wurde. Ich leistete mir also diese Zeit, probierte es nach einigen Wochen wieder, und wieder, und wieder ... das Resümee lässt sich hier nachlesen. Wenn das unsägliche "Tutorial" hinter mir liegt, habe ich schlichtweg keine Lust mehr, den schwammig auf unsichtbarem Eis gleitenden und stets verzögert reagierenden Charakter mit den unsäglichen Tastenkombinationen durch das Abenteuer zu begleiten - nach insgesamt vier Versuchen habe ich das nun aufgegeben und mich damit abgefunden, einmal mehr einen Griff ins tiefe Klo getätigt zu haben.

Da spiele ich doch lieber Schach - ganz ohne Schlittschuhe und kryptische Tastenkombinationen.


Eisrutschen in Rumänien, 1917

Film des Tages: Endstation Villa Bockschuss




(Originaltitel: "Another Fine Mess", Film von James Parrott mit Stan Laurel und Oliver Hardy aus dem Jahr 1930)

Anmerkung: Auch in diesem Meisterwerk der Filmkunst wirkt der unvergleichliche James Finlayson (in der Rolle des "Oberst Bockschuss") mit, ohne den so manches Kleinod des unerreichten Komiker-Duos nur noch halb so witzig wäre:



Bei aller Dunkelheit gilt es doch, das Lachen nicht zu verlernen - das einem allerdings gleich wieder im Halse stecken bleiben kann, wenn man bedenkt, dass es heutzutage hirnbefreite Vollpfosten wie Mario Barth, Atze Schröder oder "Cindy aus Marzahn" sind, denen die johlenden Massen - teils sogar in Stadien - zujubeln. Der Niedergang in die Gosse ist eben auch im Bespaßungsgenre mit Händen zu greifen.

"Früher war mehr Lametta", brummelt Opa Hoppenstedt leise und klopft mir heiser hustend auf die Schulter.

Dienstag, 2. August 2016

Realitätsflucht (32): Enclave


Die heutige Reise in die virtuelle Fluchtwelt führt einmal mehr ganz tief in die Mottenkiste der Computerspiele, wo sich Spinnweben und modernde Leichen gute Nacht sagen. Das Spiel "Enclave" (Gold-Edition) des schwedischen Entwicklerstudios Starbreeze aus dem Jahr 2002 (PC-Version 2003) kennt heute wohl kaum jemand mehr - und das völlig zu unrecht, wie ich meine.

Es handelt sich um ein Action-Spiel mit Rollenspielelementen im sogenannten "Third-Person-Modus", in dem der Spieler seine Figur ganz im Stile von Gothic oder The Elder Scrolls durch eine ziemlich abgefahrene Fantasywelt steuert und dabei vornehmlich damit beschäftigt ist, verschiedenste Gegner auf unterschiedliche Arten auszuschalten. Anders als in den erwähnten beiden Rollenspielen hat man es hier aber nicht mit einer offenen Welt, sondern mit einem streng linear aufgebauten, in Level unterteilten Szenario zu tun. Das ist aus heutiger Sicht etwas gewöhnungsbedürftig, war seinerzeit aber völlig selbstverständlich.

Dass das Spiel bereits satte 14 Jahre auf dem Buckel hat, merkt man ihm allerdings keineswegs an: Sowohl die Steuerung, als auch die für damalige Verhältnisse bemerkenswerte Grafik können sich mühelos mit so manch anderem Spiel, das erst viele Jahre später erschienen ist, messen lassen. Die Story ist, wie in Fantasy-Spielen üblich, gewohnt hanebüchen und sowieso eher nebensächlich, dafür aber professionell erzählt und mittels Videosequenzen auch visuell schlüssig umgesetzt. Die deutsche Sprachausgabe rangiert auf Filmniveau, die Musik unterstützt die Atmosphäre der jeweiligen Szenarien perfekt. Auf meinem Win7/64-System läuft das Spiel problemlos und ohne jeden Absturz.



Das Alter ist dem Spiel vor allem in einer Hinsicht anzumerken: Es ist - und das ist nicht übertrieben - sauschwierig. Nach einem sehr leichten Beginn steigert sich der Schwierigkeitsgrad stetig und schnell bis hin zu einer - auch im einstellbaren "leichten" Spielmodus - fast schon obszönen Härte. Die fehlende Speicherfunktion unterstützt das vortrefflich: Man kann den Spielstand zu keinem Zeitpunkt selbst abspeichern, sondern muss gewisse "Checkpoints" erreichen - aber auch diese greifen nur, solange man die aktuelle Mission nicht vorzeitig unterbricht. Anders gesagt: Wenn man sich eineinhalb Stunden durch irgendeine verfallene Ruine gekämpft und endlich einen "Checkpoint" erreicht hat, ist es eine sehr schlechte Idee, das Spiel zu beenden und zu einem späteren Zeitpunkt fortsetzen zu wollen, denn dann landet man jungfräulich wieder am Eingang jener Ruine. Ebenso sollte man sich nie in Sicherheit wähnen, denn auch nach dem heftigsten, manchmal nur mit Glück überlebbaren Kampf mit besonders zähen Gegnern macht sich das Spiel einen Spaß daraus, dem Spieler, der das helle Glänzen des ersehnten "Checkpoints" in der Ferne bereits erspäht und diesen mit letzter Kraft und nur noch einem kleinen Hauch von Lebensenergie zu erreichen trachtet, unverhofft noch einmal eine ganze Meute von aus dem Nichts auftauchenden Gegnern entgegen zu schleudern oder ihm eine "Jump-and-Run"-Passage zu offerieren, die es in sich hat.

Zu erwähnen ist noch, dass man sich zu Beginn für die "helle" oder die "dunkle" Seite entscheiden muss. Diese Entscheidung zieht einen jeweils anderen Spielverlauf nach sich, der sich durch andere spielbare Charaktere (mit entsprechend anderen Fertigkeiten) sowie teilweise völlig unterschiedliche Regionen, Missionen und Gegner auszeichnet. Man kann das ohnehin umfangreiche Spiel also mindestens zweimal durchspielen, ohne auf allzu viele Wiederholungen zu treffen.

Ich habe während des Spielens das gruseligste Fluchen ganz neu erlernt, wenn mein gesamter Spielfortschritt des aktuellen Levels wieder einmal kurz vor dem rettenden (Speicher-)Hafen fast beiläufig im Morast versunken ist.



Mit anderen Worten: Das Spiel macht einen Heidenspaß. Mein ständig wiederholter Standardsatz während des Spielens lautete schlicht: "Ihr wollt mich doch verarschen!" - Solche Werke gibt es heute nicht mehr - selbst ein Titel wie "Dark Souls", der bekanntermaßen mit dem ständigen Ableben der Spielfigur kokettiert, ist gegen die höheren Levels von "Enclave" nichts weiter als ein müder Kindergeburtstag. Wer nach einer wirklich anspruchsvollen spielerischen Herausforderung sucht, kann mit diesem Meisterwerk aus der Mottenkiste nichts falsch machen.


Montag, 1. August 2016

Hartz-Terror: Was der Mensch braucht, oder: Tausche Wählerstimme gegen Warenkorb


Ein Gastbeitrag des Altautonomen

Unter dem Deckmäntelchen der "Entbürokratisierung" und der "Verfahrensvereinfachung" hat sich Arbeits- und Armutsverwaltungsministerin Andrea Nahles (SPD) neue Grausamkeiten einfallen lassen, die in Form einer "Hartz-IV-Novelle" am Montag, den 01.08.2016 - also heute - in Kraft treten. "Rechtsvereinfachung" nennt es die große Koalition, wenn z.B. alleinerziehenden Müttern, die auf Sozialleistungen angewiesen sind, der Lebensunterhalt für ihre Kinder gekürzt wird, weil diese sich für ein paar Tage beim umgangsberechtigten Vater aufhalten.

Aus dem umfangreichen Katalog der perversen Ideen möchte ich drei herausragende aufgreifen:

  1. Gegenwärtig werden Hartz-IV-Empfänger mit mindestens 35 Rentenversicherungsjahren aufgefordert, vorzeitig im Alter von 63 Jahren in Rente zu gehen, obwohl sie dabei Renteneinbußen von bis zu 14,4 Prozent hinnehmen müssen und damit in aller Regel weit unter dem "Existenzminimum" landen. Kommen die Betroffenen der behördlichen Aufforderung nicht zeitnah nach, können die entsprechenden Anträge ersatzweise vom "Jobcenter" gestellt werden. Nötige Unterlagen würden die Betroffenen aber oft nicht vorlegen, heißt es in der Begründung des neuen Vorstoßes. Deshalb dürfen die "Jobcenter" in solchen Fällen künftig Hartz-IV-Leistungen teilweise oder vollständig versagen, bis die Betroffenen ihren "Mitwirkungspflichten" nachkommen.
  2. Der Zeitraum für die Verpflichtung zu "Ein-Euro-Jobs" wird von zwei auf drei Jahre erhöht. Die Hartz-Rebellin Inge Hannemann lässt grüßen.
  3. Einem Vermieter oder Nachbarn, der dem "Jobcenter" auf Anfrage eine falsche oder keine Auskunft über den Bezieher gibt, droht nunmehr eine Strafe von bis zu 5.000 Euro. Damit wird Deutschland - wieder einmal - zum Vorzeigeland des staatlich organisierten Denunziantentums.

Leider kann ich es mir nicht verkneifen, in diesem Zusammenhang an die PR-Debatte in der linksliberalen Bloggerfraktion zu erinnern, als nach dem Scheitern der ersten Petitionen zur Abschaffung der grundgesetzwidrigen Sanktionen mit großer Euphorie unter dem Titel "Was der Mensch braucht" eine aktualisierte "empirische Analyse zu Höhe einer sozialen Mindestsicherung" (Ermittlung des Regelsatzes) von Lutz Hausstein vorgestellt und verbreitet wurde. Die Nachdenkseiten, der Spiegelfechter und das Blog "ad sinistram" sprangen seinerzeit über das Stöckchen und kriegten sich vor Begeisterung kaum noch ein. Lapuente beispielhaft dazu:

"Wer länger im Bezug von Hartz IV steckt, [dem] merkt man es gemeinhin an. Die abgerissenen Gestalten, die in schaurigen Buden hocken und ab und an mal auf die Gassen kommen ..." oder "Wer verstehen will, warum viele Leistungsberechtigte in zerschlissenen Jeans und in ausgewaschenen Hemden zum Penny schlurfen und wieso ihre Wohnungen »in die Jahre gekommen« und abgewohnt wirken, der muss nur mal einen Blick auf die Zusammensetzung des Regelsatzes werfen."

Mit dieser "Studie" wurde ein hoher zeitlicher, finanzieller und energetischer Aufwand betrieben und kleinste Schritte in Gestalt minireformistischer Vorschläge der interessierten Leserschaft angeboten. Der politische Effekt war selbstverständlich gleich null, denn es gab weder eine Massenbewegung zum Thema aus dem Kreis der Betroffenen, noch interessierte das irgendeinen aus der politischen Klasse. (Oder vielleicht doch einen?)

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits den Verdacht, dass derartige Vorgehensweisen auch nach hinten losgehen können, und zwar so, wie wir es jetzt erleben. Denn es kümmert die Politik einen Dreck, was Verschlimmbesserer an Ideen entwickeln. Anstatt die Energie etc. in eine Kampagne wie "Hartz IV muss weg" (Eckstein des Programms der Partei Die Linke) zu investieren, begeistert man sich für ein theoretisches Projekt ohne praktische Konsequenzen. Für diejenigen, denen immer wieder vorgeworfen wird, zu spalten und die "einzigen Bewahrer des radikalen Linksseins" zu sein, weil ihr Fell noch nicht so dick ist, dass sie ohne Rückgrat laufen können, dürfte sich die SPD nunmehr endgültig als möglicher Koalitionspartner der Linkspartei verabschiedet haben. Der Rest ist offenkundig lernunwillig bzw. lernunfähig und wird weiter auf das Warenkörbchen warten wie auf den Weihnachtsmann.

Es ist der mit derartigen Diskursen verbundene, mehr oder weniger subtile Vorwurf der Spaltung, der mir immer wieder sauer aufstößt, wenn diese Form einer Protestkultur (ein "Warenkorb", den der Mensch "wirklich braucht") als "wahrer linker Fortschritt" und "Step-by-step"-Weg in eine sozialistische Gesellschaft beschrieben wird, während die Forderung "Weg mit Hartz IV!" als utopisch, radikal und nicht mehrheitsfähig denunziert wird.

Mit einer Partei Koalitionen schließen zu wollen, die strukturell, programmatisch, tagespolitisch und personell eine derartige Menschenverachtung, Demütigung und Schikanierung von unterprivilegierten Menschen betreibt und inzwischen sogar nur mittelbar Betroffene oder gänzlich Unbeteiligte mit willkürlicher Strafandrohung verfolgt (und das seit über zehn Jahren in verschärfendem Maße!), wäre nicht nur Verrat an den Wählern. Koalitionsverträge mit diesen Leuten wären im Grunde nichts anderes als einvernehmliche Vereinbarungen über die "alternativlosen" Opfer des Neoliberalismus (die von den Grünen scheinheilig auch gerne "zu schluckende Kröten" genannt werden).