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Die Jobbik ist die erfolgreichste faschistische Partei Europas. Innerhalb eines Jahrzehnts ist sie in Ungarn zur prägenden politischen Macht geworden: Der grassierende Rassismus bedroht den Zusammenhalt der Gesellschaft. Widerstand gegen völkische Strömungen gibt es kaum.
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Anmerkung: Europa im Jahre 2013 - aus Ungarn vernehmen wir: "Das antisemitische Konzept der Jobbik, das der Fidesz [die rechtsextreme Partei von Staatschef Orban] wiederum toleriert und teilweise auch selbst bespielt, ist sehr weit gefasst. 'Zielobjekt des Hasses sind Menschen, die antisemitischen Stereotypen entsprechen, unabhängig davon, ob sie einen jüdischen Hintergrund haben', sagt Marsovszky. Dazu gehörten sozialistische und liberale Politiker, Medienvertreterinnen mit einer kosmopolitischen Einstellung, die linksliberale Intelligenz und Menschen mit einer urbanen Lebensweise. 'Wer nicht völkisch denkt, wird – selbstverständlich unterschiedlich codiert – als 'verjudet' abgestempelt', so Marsovszky."
Vokabeln wie "völkisch" oder "verjudet" tauchen da ebenso selbstverständlich auf wie die "Schwarzhemden", die einmal mehr als "Bürgerwehr" verniedlicht werden. Wieviele Offensichtlichkeiten braucht es denn noch, bis auch das letzte Schaf in Europa bemerkt, auf welchem schauderhaften Weg sich diese Gesellschaft befindet? Die Bürokraten der EU gehen ja mit schlechtem Beispiel voran, wie uns der Artikel verrät: "Die EU tut vor allem eines: wegschauen. Unsere Währung ist der Forint und nicht der Euro. Unsere Sprache versteht niemand. Ungarn liegt geografisch inmitten Europas, wird aber dennoch wie ein Randgebiet behandelt."
Ich hege noch viel weitreichendere Befürchtungen, die so manchem wie wilde Verschwörungstheorien vorkommen mögen: Ich halte es nicht für einen Zufall oder Nachlässigkeit, dass die neoliberale Bande quer durch alle EU-Staaten von dieser offensichtlich furchtbaren Entwicklung in Ungarn keine Notiz zu nehmen scheint und sich dazu schlicht nicht äußert. Ich bin sicher, dass unsichere, menschenfeindliche Zustände in Ungarn - bis hin zu einem auch im Text erwähnten möglichen Bürgerkrieg dort - nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern geradezu herbeigesehnt werden, um das kranke System des Kapitalismus noch länger künstlich am Leben zu erhalten. Gewiss wird in diesen ekelhaften Kreisen darauf spekuliert, dass es diesmal "bestimmt nicht so schlimm" werden wird wie damals - obwohl ihnen auch ein erneuter umfassender Weltkrieg sicherlich nicht ungelegen käme. Man kann die Dollarzeichen in den Augen dieser "Elite" förmlich blinken sehen, wenn sie an Krieg, ausufernde Rüstung, zerstörte Städte, zerstörte Infrastrukturen oder zerstörte Industrieanlagen denken - das alles muss ja wieder aufgebaut werden und stellt eine wahre Goldgrube, eine automatische Kapitalvermehrungsmaschine für sie dar. Selbstverständlich sagen sie das niemals laut und öffentlich - aber ihr Schweigen zu Ungarn (und anderen neofaschistischen Tendenzen in Europa) entlarvt sie auch diesmal wieder.
Am erschreckendsten dabei ist aber die Erkenntnis, dass sich immer wieder - selbstverständlich auch heute - massenhaft Menschen finden, die sich in ihrer berechtigten Sorge um das eigene Wohlergehen vor den faschistischen Karren spannen lassen und munter auf Schwächere und Minderheiten einprügeln - ohne zu bemerken, dass sie nur nützliche Idioten der Superreichen sind und letzten Endes das Schicksal ihrer Opfer teilen werden. Aber was will man von Menschen, die ihr Leben lang klaglos die Herrschaft des Kapitals ertragen und sie gar für gut befunden haben, schon erwarten?

(Bild: Charlie)

(Cyprien Boyer [1853-1926]: "Larghetto", aus: "12 Stücke für Orgel oder Harmonium", 1903)
Anmerkung: Wer dieses wundervolle Werk nicht selber spielen kann oder will, kann es sich hier in einer von mir erstellten computergenerierten Version als mp3, die dem Stück freilich in keiner Weise gerecht wird, herunterladen. Wenn ich die Möglichkeit hätte, das Stück von mir gespielt in einer akzeptablen Klangqualität aufzunehmen, hätte ich das getan. Das Ganze ist natürlich legal - es handelt sich um "gemeinfreie" Musik, für die kein Urheberrecht mehr gilt. Ich habe das schöne Musikstück anhand der mir vorliegenden (fast unleserlichen) Notenausgabe von 1903 neu gesetzt.
Cyprien Boyer gehört zu den vielen, vielen heute vollkommen vergessenen Komponisten der Romantik, deren Werk dem der heute noch bekannten Kollegen wie Chopin, Mahler oder Liszt in nichts nachsteht. Ich könnte versinken in dieser Musik, die sich vor lauter Schmerz gar nicht entschließen kann, in welche harmonische oder auch disharmonische Auflösung sie sich flüchten soll. Wenn nach den dissonanten Vorbereitungen ab Takt 9 das Ritardando einsetzt und im Moll-Sextakkord "a tempo" mündet, ist das - musikalische Laien mögen den Vergleich verzeihen - einem Orgasmus vergleichbar, der selten so schamlos durchkomponiert worden ist wie hier.
Das ist ganz große Kunst, und sie sollte nicht vergessen bleiben. Morgen, am 16. März, jährt sich der Geburtstag des Komponisten zum 160. Mal.
Wie eng verbunden sind deutsche Spitzenjournalisten mit anderen Eliten unserer Gesellschaft? Und spiegelt sich die Verbundenheit zwischen Top-Journalisten und anderen Eliten auch in der Berichterstattung wider?
Uwe Krüger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig, gibt Antworten auf die Fragen. In einer beeindruckenden Studie hat Krüger die Netzwerkverbindungen deutscher Spitzenjournalisten analysiert. Seine Studie, die gewaltig am pluralistisch-demokratietheoretischen Medienverständnis rüttelt, ist nun unter dem Titel "Meinungsmacht" als Buch erschienen. Ein Buch, das zu einem Standardwerk in der Journalistenausbildung und in den Redaktionen werden sollte.
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Anmerkung: Wer noch Zweifel daran hatte, inwieweit der deutsche Mainstream-Journalismus seine widerwärtige Vereinigung mit der selbsternannten "Elite" bereits vollzogen hat, sollte zunächst dieses Interview und sodann die in Rede stehende Studie lesen - danach dürften alle Zweifel ausgeräumt sein. Ganz wunderbar hat jüngst der Ossietzky das "pluralistisch-demokratietheoretische Medienverständnis" zusammengefasst:
"Leitartikler, sämtlicher Monopolzeitungen: Immer wieder haben Sie den Lesern versichert, der Kapitalismus, den Sie Freie Marktwirtschaft nennen, garantiere Pressevielfalt als Grundbedingung der Demokratie. Nun übernimmt der FAZ-Konzern, zu dem schon die Frankfurter Neue Presse gehört, auch die Frankfurter Rundschau. In der Bankenmetropole gibt es keinen konkurrierenden Zeitungsverlag mehr. Müssen nun nur noch in Berlin, Hamburg und München ebensolche Monopole entstehen, bis Sie sich endlich korrigieren? Aber nein, das Problem wird auf andere Weise gelöst: Der Essener Verlagskonzern, dessen Haupterzeugnis die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) ist, das auflagenstärkste deutsche Regionalblatt, hat jetzt die ganze Redaktion der Westfälischen Rundschau in Dortmund aufgelöst. Das Blatt erscheint zwar unter dem alten Titel weiter, aber gefüllt mit Inhalten, die von der bisherigen Konkurrenz übernommen werden. Am Kiosk sieht es also weiterhin wie Pressevielfalt aus. Darauf kommt es an."
Wen wundert es da noch, dass in der Endphase des Kapitalismus die Endphase des Kapitalismus in sämtlichen Blättern und Magazinen schlicht nicht vorkommt? Viel wichtiger ist dem hochseriösen Kuhjournalismus momentan ohnehin die überaus wichtige Berichterstattung über jene obskure religiöse Sekte, die aus einem Kreis alter, sexuell frustrierter Männer in altertümlichen Frauenkleidern einen neuen "Stellvertreter Gottes auf Erden" erwählt hat. "Stellvertreter Gottes". Die meinen das ernst. Und auf allen Kanälen wird darüber bis auf die Innenseite der Unterhose des alten Mannes berichtet. Da diese Bande auch nicht müde wird, immer wieder zu behaupten, dass "good news no news" seien, müssen wir also davon ausgehen, dass die ausufernde Berichterstattung über diese widerwärtige Nichtigkeit eine überaus üble Nachricht darstellt. Dem kann ich nicht widersprechen: Auch diesmal hat diese gefährliche Sekte sich leider nicht aufgelöst.
Ganz ehrlich: Wenn ich so manche Redaktionskonferenz, der ich in der Vergangenheit beiwohnen musste, Revue passieren lasse, kann ich nur noch feststellen, dass der Begriff "Paralleluniversum" noch der harmloseste ist, der mir einfällt. Der ehrlichste und vermutlich von kaum jemandem geglaubte wäre "böswillige Verschleierung der Wirklichkeit zugunsten des Kapitals nebst allerlei albernen und hochnotpeinlichen, gerne auch ekeligen Ablenkungen".
Draußen die Landschaft ist eisig und verschneit. Mitten im März. Wenigstens die Landschaft hat verstanden.
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Der flammende Leitartikel

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 47 vom 16.02.1925)
Darf man faschismuskritische Vergleiche anstellen zwischen Bundesrepublik und Nationalsozialismus? Anfrage bei Charlotte Knobloch, der Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland
Ein Gastbeitrag von Holdger Platta
Sehr geehrte Frau Knobloch,
erst mit Verspätung habe ich davon erfahren, dass Sie an Herrn Lerchenbergs Kabarett-Rede zum Bier-Anstich der Münchener Paulaner Brauerei Anstoß genommen haben. Anstoß genommen haben offenbar deshalb, weil Sie uns warnen und sagen wollten, dass man nicht vergleichen dürfe (vielleicht sogar gleichsetzen dürfe), was Deutsche während des Dritten Reiches jüdischen MitbürgerInnen antaten und was heute im wachsenden Maße den Zwangsarbeitslosen in der Bundesrepublik angetan wird.
Ich kann Ihre Reaktion – so glaube ich zumindest – sehr gut verstehen. Aber – darf ich Ihnen das mitteilen? – Ihre Reaktion hat mich auch tief verletzt. Beides möchte ich Ihnen erläutern:
Natürlich verstehe ich, dass bei jedem Vergleich heutiger Geschehnisse, Entwicklungen, Aussagen mit denen während des Dritten Reichs (sowie der 'Aufstiegsgeschichte' der NSDAP in Deutschland) eine enorme Gefahr gegeben ist: das nämlich, was damals geschah, dadurch zu verharmlosen und/oder auch zu missbrauchen für heutige politische Zwecke. Wo immer ich diese Gefahr der Bagatellisierung zu sehen oder zu verspüren glaube, diese Gefahr des Missbrauchs, setze ich mich selber – seit Jahrzehnten meiner publizistischen Praxis inzwischen – gegen solche Relativierungen und Instrumentalisierungen von Auschwitz zur Wehr. Doch es gibt eine Kehrseite dieser dringlichst wieder und wieder erforderlichen Behutsamkeit und Genauigkeit, und diese möchte ich folgendermaßen auszudrücken versuchen:
Wir stehen nach meinem Eindruck in wachsendem Maße in der Gefahr, gegenwärtige Aussagen, Entwicklungen und Geschehnisse zu verharmlosen, und zwar in der Gestalt scheinlegitimierender Rückverweise auf das Dritte Reich. Da heute alles noch nicht so furchtbar wie damals ist – dies die untergründig wirksame Logik -, ist heute eigentlich gar nichts wirklich schlimm. Es habe jedenfalls, was heute geschieht, nichts, aber auch gar nichts mit dem zu tun, was damals während der Endphase der Weimarer Republik und während des Dritten Reichs geschah. Heißt: zum Schutz der Unmenschlichkeiten in der Gegenwart greift diese Art von 'Argumentation' unablässig aufs Vergleichen mit Auschwitz zurück. Adorno – Sie wissen, Ziel jeder Erziehung habe zu sein, dass Auschwitz nie wieder sei – hat diese fatale Reinwaschungslogik gegenüber allem, was heute geschieht, einmal so ausgedrückt (er bezog sich ebenfalls auf Auschwitz dabei): "Das Unmaß des Verübten schlägte dem Verübten zum Vorteil aus." Er hat zum einen damit gemeint, dass die schiere Unvorstellbarkeit von Auschwitz diese Verbrechen gleichsam vor ihrem Begreifen schützt. Doch zum anderen wollte Adorno mit diesen Satz auch noch auf anderes hinweisen: dass die Ungeheuerlichkeit von Auschwitz gleichsam seine gesamte Vorgeschichte belanglos erscheinen lässt (= weil das alles noch so ungleich weniger böse und schlimm war) und dass alles auch gleichsam belanglos erschiene, was heute an Entsetzlichkeit Auschwitz noch nicht gleicht. Unser Antifaschismus und unsere Mitmenschlichkeit geraten damit aber in Gefahr, in der Geschichte beerdigt zu werden. Und diese Abwehr des Vergleichens – was, sehr geehrte Frau Knobloch, keinesfalls automatisch und logischerweise ein Gleichsetzen ist! -, diese Wahrnehmungsunfähigkeit droht blind zu machen für das, was sich heute womöglich schon wieder vorzubereiten beginnt.
Ich möchte Ihnen das verdeutlichen an einem einzigen Beispiel:
Adolf Hitler hat in seinem Buch "Mein Kampf" wieder und wieder "die Juden" mit "Parasiten" und "Schmarotzern" verglichen. Dies war noch nicht Auschwitz, aber es war agitatorische Vorbereitung auf Auschwitz. Hinter dieser entmenschlichenden Metaphorik, die Menschen galt, lauerte gleichsam schon die chemische Vergiftung dieses "Ungeziefers". Ihnen muss ich als allerletzter erklären, was dieses, keine siebzehn Jahre später, für Juden bedeutete: eben genau dieses, die Vernichtung von Menschen, von unzähligen Juden aus ganz Europa (und von anderen Bevölkerungsgruppen gleich mit), mithilfe von giftiger Chemie, mithilfe von Zyklon B. – Meine Frau und ich, Jahrgänge 1950 und 1944, sind weinend durch Auschwitz gegangen – im Stammlager, vor allem aber dann in Auschwitz-Birkenau -, als wir diese Erinnerungsstätten furchtbarster fabrikmäßig betriebener menschlicher Grausamkeit vor vielen Jahren 'besuchten'. Abends, in Krakau zurück, waren wir außerstande, über diesen Tag miteinander zu sprechen.
Aber heute packt mich dieses Grauen wieder: es war ein Bundesminister, wie Sie wissen, ein angeblicher Sozialdemokrat zudem, der im Herbst des Jahres 2005 mit genau derselben "Parasiten"-Vokabel wieder auf Menschen zielte. Natürlich wieder nur – wie Hitler im Jahre 1924 – mit menschenverachtendem Gerede, nicht schon mit "Auschwitz" direkt. Doch ist da der Unterschied noch so groß? Wieder ging es gegen eine Minderheit, wieder gegen Menschen, die wehrlos sind. Und wenig später setzte ein weiterer Sozialdemokrat noch eins drauf und zitierte aus dem (gefälschten) zweiten Thessalonicher-Brief des Apostel Paulus in gefälschter Version: "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen." Entschuldigen Sie bitte, aber dieser Satz ist ein Todesurteil, er stellt nichts anderes dar als die Quintessenz aus zwei anderen Sätzen (und den einen der beiden Sätze haben meine Frau und ich ja damals über dem Eingangstor vom Stammlager Auschwitz lesen müssen, und der andere ist heute noch nachzulesen in Buchenwald): "Arbeit macht frei" und "Jedem das Seine".
Ich habe eine große Bitte an Sie: bitte übersehen Sie nicht, dass wir bereits wiederum in einer Entwicklung begriffen sind, hier in Deutschland, die – nein, nicht "Auschwitz" selber, aber der Vorbereitung eines neuen "Auschwitz" zu gleichen beginnt. Und heute wie damals nimmt die Zahl 'präventiver' Selbstmorde unter den Betroffenen zu, nimmt die Angst zu, das Sichverstecken und Wegducken der betroffenen Menschen, das Abrücken anderer Menschen von ihnen (nicht selten bis in deren eigene Familien hinein), heute wie damals nimmt die Anzahl verbaler und tätlicher Angriffe auf die nunmehr stigmatisierte Bevölkerungsgruppe zu, heute wie damals arbeiten bereits ganze Verbände, Organisationen wie eben auch 'führende' Politiker daran, die Ausgrenzung einer ganzen Bevölkerungsgruppe, der Zwangsarbeitslosen, voranzutreiben in diesem Land und andere Bevölkerungsgruppen (die "Steuerzahler", die "Leistungsträger", die "Mitte der Gesellschaft") aufzuhetzen gegen diese zwangsarbeitlos gewordene Minderheit. Dass während des Dritten Reichs alles so schlimm wurde, so unsagbar furchtbar und entsetzlich und schlimm, darf uns nicht daran hindern zu erkennen, dass erneut die Gefahr heraufbeschworen wird, dass alles wieder so schlimm und entsetzlich und furchtbar werden könnte wie damals. Übertreibung? Ja, noch ist es eine Übertreibung. Aber: wie lange noch? Wenn die Gegenwart Auschwitz gleicht, ist es wieder einmal zu spät!
Ich sage es noch einmal in anderen Worten: wenn wir uns ausschließlich fixieren auf die Erscheinungsformen von Faschismus damals, auf Hakenkreuz und Massenaufmärsche, auf SA-Saalschlachten und den Davidstern zuerst auf den Fensterscheiben von Läden am 1. April 1933 und später dann auf Mänteln und Jacken, wenn wir uns darauf beschränken, Faschismus nur dort erkennen zu können und erkennen zu wollen, wo er die "Juden" meint und auf die "Juden" trifft, mit tödlicher Grausamkeit am Ende, dann haben wir – so meine ich allen Ernstes – Faschismus nicht wirklich begriffen! Faschismus kann auch auftreten mit Anzug und Schlips, Faschismus kann auch von einer ganz anderen Ecke her kommen als von rechts, Faschismus kann heute auch ganz andere Bevölkerungsgruppen treffen, als es damals der Fall war: Faschismus ist auch dieses. Faschismus immer noch in einem Anfangsstadium (wie ja auch Hitlers "Mein Kampf" 'nur' Anfangsstadium war, noch nicht Endpunkt!), aber doch auch dieses schon Faschismus.
Sie kennen wie ich Raul Hilbergs Lebenswerk über die Vernichtung der europäischen Juden. Lesen Sie bitte, falls Sie es für richtig halten, noch einmal nach, wie er diese verschiedenen Phasen der Judendiffamierung, Judendefinition, Judenerfassung, Judenentrechtung, Judenverfolgung und Judenvernichtung akribischst nachgezeichnet hat! Vielleicht verstehen Sie dann, dass ich an Lerchenbergs Äußerungen nicht wie Sie Anstoß nehmen kann, sondern im Gegenteil dankbar bin, dass endlich diese neuerlich in Gang gebrachte Stigmatisierungspropaganda gegenüber Menschen – diesesmal 'nur' anderen Menschen gegenüber – öffentlich angeprangert wird.
Ich hoffe, Sie glauben mir, dass ich hier nicht eine neue Opfergruppe 'erfinden' oder deren Schicksal hochdramatisieren möchte, auf dass endlich die alte Opfergruppe vergessen werde. Es ist genau umgekehrt: ich möchte nicht, dass wir im Blick auf die alte Opfergruppe übersehen, dass es bereits neue Opfergruppen gibt. Der Blick auf Geschichte sollte uns sehend und nicht blind machen gegenüber dem, was heute geschieht. Jedenfalls verstand ich mein Studium der Geschichte so, begriff ich so deren Wichtigkeit für mich und deren Bedeutsamkeit für uns alle (insbesondere für Menschen wie mich auf der Täterseite, in der Nachfolgeverantwortung zur Tätergeneration).
Es wäre gut zu hören und zu wissen, dass wir – Sie und ich – bei dieser Einschätzung nicht auseinander sind, sondern sehr nahe beieinander. Mit keinem Wort jedenfalls wollte ich Ihren Schmerz wegreden, aber doch darum bitten, mit mir wahrnehmen zu können, dass es inzwischen auch neue Schmerzen gibt, die Menschen alltäglich zugefügt werden, neue Demütigungen, Diskriminierungen, Beleidigungen, Verletzungen – und wieder einmal von staatlicher Seite aus, wieder einmal von oben her, wieder einmal einer Minderheit gegenüber.
Die Geschichte des Antisemitismus ist nicht zuendegeschrieben, ich befürchte, leider noch lange nicht. Die Geschichte anderer Verfolgungen aber auch nicht. Übersehen wir weder das eine noch das andere. Und vor allem: spielen wir nicht die eine Mitmenschlichkeit gegen die andere Mitmenschlichkeit aus! Mitleidswillkür darf es nicht geben im Namen von Humanität, sie höbe sich mit dieser Empathielotterie selber auf. Humanität ist eine ganze Sache oder gar nicht.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr Holdger Platta
(Dieser Text erschien zuerst beim Spiegelfechter und wird hier mit der freundlichen Genehmigung des Autors wiedergegeben.)
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Anmerkung: Diesem Brief, der nach Aussage des Autors eigentlich gar kein "offener Brief" werden sollte, es wegen der nicht erfolgten Antwort dann aber doch geworden ist, habe ich gar nicht viel hinzuzufügen. Es ist beschämend und nicht nachvollziehbar, dass vom Zentralrat der Juden offenbar keinerlei schriftliche Reaktion erfolgt ist. Herr Platta schrieb dazu: "Zweimal sprach ich mit anderen Beschäftigten beim Zentralrat der Juden (telefonisch) über diese Anfrage. Diese beiden anderen Mitarbeiterinnen stimmten den Aussagen in meinem Text ohne jede Einschränkung zu. Und ganz ausdrücklich verneinten sie auch jeden Verdacht, dass man diesen Brief - an welcher Textstelle auch immer - als 'antisemitisch' bezeichnen könnte."
Immerhin hat man den Text dort also zur Kenntnis genommen - umso unverständlicher ist es, dass man sich bis heute nicht zu einer "offiziellen" Antwort durchringen konnte. Dabei liegen die Parallelen zwischen der Zeit der zuende gehenden Weimarer Republik und heute auch nach meiner Meinung klar erkennbar auf der Hand - ich habe dazu hier im Blog ja schon mehrfach Stellung genommen. Und es ist fast schon grotesk, dass im Zusammenhang mit dem Faschismus immer wieder darauf hingewiesen werden muss, dass Auschwitz natürlich nur die endgültige, allerletzte, im totalen, wahnsinnigen Extrem versinkende Erscheinungsform des Faschismus darstellt und dass es zuvor vieler verschiedener "Stationen" bedarf, bevor eine ganze Gesellschaft in einer solchen unmenschlichen, fast unbeschreiblichen Hölle versinken kann.
Die Beispiele für die heutige Zeit, die Platta in seinem Brief anführt, sind zweifellos schlüssig (wer sich das antun möchte: hier die Broschüre "Vorrang für die Anständigen" (pdf) vom damaligen Ministerium des Herrn Clement, der eigentlich nur noch das unterlegte Hakenkreuz auf jeder Seite fehlt), aber keineswegs die einzigen. Faschistische Denkstrukturen sind längst wieder hoffähig in diesem Land, und sie betreffen nicht nur Erwerbslose, sondern wieder einmal auch verschiedene andere Minderheiten wie beispielsweise Sinti und Roma, Muslime, Menschen mit dunkler Hautfarbe, "Ausländer" generell - und immer wieder geraten auch Alte, Kranke und Behinderte in die Schussbahn der so "Argumentierenden". Und heute wie damals muss man klar unterscheiden: Es gibt auf der einen Seite Menschen, die sich selbst keiner dieser Minderheiten zuordnen und in ihnen deshalb "Feindbilder" zu erkennen glauben, weil sie selber Angst vor Arbeitslosigkeit, Armut, existenzieller Not haben. Und es gibt auf der anderen Seite jene, die wissen, dass diese "Feindbilder" nur konstruiert und instrumentalisiert werden, um von den wirklich Schuldigen für die tatsächlich vorhandene Bedrohung abzulenken. Daran hat sich in den vergangenen 100 Jahren offensichtlich nichts geändert. Wenn man Faschismus "verstehen" will, ist es unumgänglich, sich dies immer wieder bewusst zu machen.
Um es auf den Punkt zu bringen: Nicht Erwerbslose, Muslime, Menschen mit Pickeln, grünen Haaren oder Dreibeinige sind Schuld an der drohenden Katastrophe des materiellen Absturzes, sondern eine handvoll habgierige Superreiche, die zu ihren bereits vorhandenen Milliarden noch stetig weitere Millionen haben wollen. Solange diese erbärmliche Binsenweisheit nicht auch bis ins letzte manipulierte Deppenhirn vorgedrungen ist, solange wird es faschistische Tendenzen - im Extremfall auch bis hin zu Auschwitz - immer wieder geben.
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(Titelseite des Nazi-Hetzblattes "Der Stürmer", Sondernummer 1 aus dem Mai 1934, in der eine "jüdische Weltverschwörung" erfunden wird)
Ich trete in die Türe ein,
Der Mond war vor mir dort.
Ach Mond, du sollst nicht bei mir sein!
Er schweigt und geht nicht fort.
Er wohnt in meiner Stube drin
Seit gestern, als ich kam.
Ich seh ihn, weil ich traurig bin,
Und kenn ihn nur im Gram.
Ich zünde keine Lampe an,
Ich setz mich in sein Licht.
Durchs Fenster blick ich dann und wann,
Der Mond erkennt mich nicht.
So ess ich einen goldnen Fisch,
Gieß Wasser mir ins Glas,
Wie eine Wiese ist der Tisch,
Im Mondlicht wächst das Gras.
Jetzt wird er bald verfinstert sein,
Wohl gegen Ende März.
Und sinnlos fällt das Wort mir ein:
"Er ist der Nacht ihr Herz."
Er ist so blind, er ist so taub,
Ihn kümmern Tränen nicht.
Er schwankt im Wind, er hängt im Laub,
Ach mit demselben Licht.
(Günter Eich [1907-1972], in: "Abgelegene Gehöfte". Gedichte, 1948)

(Bild: Ullstein-Verlag)
Wenn Politiker übergriffig werden / dann müssen Journalisten darüber berichten. Sie müssen die übergriffige Tat sauber recherchieren und beschreiben. Die Konsequenzen daraus muss dann jeder Leser, Hörer oder Zuschauer selbst ziehen, ggf. muss auch die Justiz tätig werden. Wenn das funktioniert, funktioniert der Rechtsstaat, dann nehmen wir Journalisten unser Wächteramt wahr. / Nun funktioniert aber dieses Modell zunehmend nicht mehr. (...)
(Weiterlesen)
Anmerkung: Ich bitte inständig darum, diese haarsträubende Geschichte eines Journalisten, der seine ganz eigenen Erfahrungen mit regionalen CDU-"Granden" gemacht hat, dringend zu lesen - ich war zwar nicht überrascht, dafür aber zutiefst schockiert darüber, welche Ausmaße die kriminelle Energie und die mafiösen Strukturen in den kaum mehr zu trennenden Bereichen der Schein-Politik und Wirtschaft bis hinab auf die kleinste regionale Ebene bereits angenommen haben. Gleichzeitig dürfen wir anhand dieses Beispiels nicht dem schönen, aber weltfremden Irrglauben anheim fallen, dies beträfe ausschließlich die Union und deren gelben Wurmfortsatz - es gibt genügend Anzeichen und auch Beispiele dafür, dass sämtliche etablierte Parteien nach genau denselben Strickmustern agieren, wenn sie einmal an den Schalthebeln der Macht sitzen.
Der Autor nimmt seine Erlebnisse zum Anlass, die Funktion des Journalismus' in einer Demokratie in Frage zu stellen und einen Abgesang auf den kompletten Rechtsstaat gleich mit anzustimmen: "Vollends irritiert hat mich, dass die vier Kollegen, die ähnliche Erfahrungen mit übergriffigen CDU-Politikern gemacht haben wie ich, von diesen Amtsträgern mit Bananerepublikverständnis so eingeschüchtert waren, dass sie dringend um Anonymität gebeten haben. Sie arbeiten frei unter anderem auch für regionale und lokale Zeitungen und befürchten, nicht mehr beschäftigt zu werden, wenn ihre Identität bekannt würde." Diesen Sachverhalt kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen - das ist einer der Gründe, weshalb ich hier unter einem Pseudonym blogge.
Wenn sich bereits auf der kleinsten regionalen Ebene solche mafiösen Strukturen herausgebildet haben, ohne dass dies einer breiteren Öffentlichkeit bekannt oder bewusst ist oder es gar strafrechtlich verfolgt wird, bedarf es keiner überbordender Fantasie um sich auszumalen, was auf Länder- und Bundesebene oder gar in EU-Kreisen vor sich ging und geht. Viele Begebenheiten - nicht nur aus der jüngsten Zeit -, die schlicht unverständlich und absurd wirkten, werden vor einem solchen Hintergrund schnell nachvollziehbarer und gleichzeitig auch wesentlich bedrohlicher. Das politische und wirtschaftliche System (nicht nur) in diesem Land ist durch und durch korrupt und verkommen, und es erscheint zunehmend weltfremder, es bekämpfen zu wollen, ohne diese Strukturen nahtlos offenzulegen, rückstandslos abzuschaffen und durch neue, andere Systeme, die weniger anfällig für Kriminelle sind, zu ersetzen.
Selbstverständlich ist auch dies nicht alternativlos. Die Alternativen, die mir hierzu einfallen, lauten beispielsweise: 1. Ein neuer Totalfaschismus samt zugehörigem totalem Krieg, 2. ein totalüberwachter Faschismus Orwell'scher Prägung mit "weiter entfernt" stattfindenden Kriegen, 3. ein Rückfall in die Steinzeit, wo das altbekannte Spiel "Hihi - nur der Stärkere überlebt, ätsch!" von Neuem beginnt, 4. eine beliebige andere Diktatur, in der wiederum eine kleine "Elite" das Sagen, die Macht und den Luxus besitzt und der große Rest der Menschheit dumm in die Röhre guckt. Es gibt sicher noch weitere Alternativen ähnlich fröhlicher Natur, gerne auch unter Einbeziehung irgendwelcher Religionen, die allesamt in dieselbe ekelerregende Richtung führen.
Es ist einmal mehr an uns zu wählen. Und ich weiß bereits jetzt, welche Alternative gewiss nicht gewählt wird. Dafür werden sie sorgen. Wie immer.
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"Bleibe stets unbestechlich, mein Sohn! Wenn du dann bestochen wirst, bekommst du viel höhere Preise."
(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 49 vom 02.03.1925)
(...) Jede Plastiktüte, die was auf sich hält, versucht den in den Häuserschluchten pfeifenden Wind zu nutzen, um von hier fort zu kommen.
(Weiterlesen)
Anmerkung: Heute möchte ich Euch diesen wundervollen Text des Kiezneurotikers ans Herz legen, der in einer sprachlich brillanten, von Fotos anschaulich untermalten Art und Weise den "Netto-Markt der Verdammnis" in Berlin-Friedrichshain beschreibt. Dieses Stimmungsbild ist gewiss nicht auf diesen Berliner Bezirk beschränkt - mir fielen beim Lesen gleich reihenweise ähnliche Orte aus ganz Deutschland ein, die er in nicht weniger trefflicher Form exakt illustriert.
Hier wird die zunehmende Verarmung ganzer Bevölkerungsteile in diesem im Reichtum erstickenden Land spür- und nachvollziehbar - ein kleines literarisch-fotografisches Kleinod, das eigentlich nur noch den passenden Soundtrack vermissen lässt, der meines Erachtens nur von Element of Crime oder ähnlichen Musikern kommen könnte.
(Element of Crime: "Wenn der Morgen graut", aus dem Album "Die schönen Rosen, 1996)
(Theatre of Tragedy: "Storm", aus dem gleichnamigen Album, 2006)
Can you see the storm getting closer now?
Tell me how it feels being out there
A moment's glimpse of his vignette
As he shone a light on the falling wall
Instant pictures form shattered persons
Whenever he leaves there's a tainted mark
Flashbacks of his stark sleep filter out through smoke
Revoking from the past things less provoked
Any which day, there is no relief
Adhesive words, spoken silently
The shattered man
Can you see the storm getting closer now?
Tell me how it feels being out there
I want to stay with you, and I see it clear now
You are giving me no choice
Let the rain pour down
He's holding for the moment of the fall
Stolen knowledge by minds unformed
Regulate the demolition of annexe for the differing thoughts
Discarded sparks left years ago
Evoked a language much more austere
Reverberating with figments
He left a trace of translucence
Shattered man
There's a shattered man in a shattered land

Der Zwang zur Privatisierung der Daseinsvorsorge in Europa als Konsequenz der marktkonformen Demokratie - oder wie der Markt mit seinem Quartalsdenken die in Jahrzehnten aufgebaute Infrastruktur gefährdet
Der "Zugang zu Wasser sollte kein öffentliches Recht sein", verkündete Peter Brabeck-Letmathe, der Präsident des Verwaltungsrats der Nestlé S.A. im schweizerischen Vevey. Damit löste er in der sonst so beschaulichen Schweiz einige Unruhe aus. Dabei hat er mit seinem Statement nur eine Entwicklung zusammengefasst, die gerade wieder als Heilslehre verkündet wird.
Was die Bevölkerung in den mit der Euro-Krise geschlagenen EU-Mitgliedsstaaten schon schmerzhaft erlebt, spielt sich seit vielen Jahren mehr oder weniger im Hintergrund ab. Auch in Deutschland. Wobei man hierzulande noch mehrheitlich das Zuckerbrot wahrnimmt und nicht die Peitsche. Mit der Schaffung des Mobilfunkmarktes hatte es begonnen. Dann kamen Strom, Post und Festnetztelefon. Mehr oder weniger öffentlich verlässt die öffentliche Hand derzeit den Bereich der Kliniken und Krankenhäuser. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit wird derzeit auch die Privatisierung des Fernstraßennetzes vorbereitet. Aus den Bürgern sollen kostenpflichtige Nutzer werden. Mit der Freigabe der Fernbuslinie und deren Befreiung von der Mautpflicht beginnt der Angriff auf den Personentransport der DB.
(Weiterlesen)
Anmerkung: Über dieses unsägliche Thema habe ich mich in den vergangenen Jahren schon oft ausgelassen - meist verbunden mit der unterschwelligen Hoffnung, dass die neoliberale Bande mit ihren schamlosen "Privatisierungen" nicht mehr länger weitermachen kann, da inzwischen ja sogar in der Propagandapresse immer öfter kritische Berichte darüber zu finden sind. Aber weit gefehlt - der jüngste Anschlag der Habgierigen auf den freien Zugang zum Wasser illustriert das deutlich - auch wenn er vorerst abgewendet werden konnte. Im Text finden sich viele Beispiele für den ungebrochen anhaltenden Wahn von "Privatisierungen" aller möglicher Bereiche der Daseinsvorsorge - es wird immer offensichtlicher, dass es dieser Bande schlichtweg egal ist, ob es sich dabei um sinnvolle Projekte im Sinne des Gemeinwohls handelt oder nicht.
Allein der Begriff "Privatisierung" ist schon vernebelnd - schließlich sind mit jenen "Privaten" einzig Superreiche gemeint, wiederum verschleiert durch Konzerne, die sie besitzen. Die Worte "Elitisierung" oder "Feudalisierung" treffen den Sachverhalt weitaus deutlicher. Außerdem reicht auch leichtes, logisches Denken aus, um zu begreifen, dass durch eine solche "Feudalisierung" nichts Sinnvolles oder Wünschenswertes für die Allgemeinheit entstehen kann: Ein Konzern - und überhaupt jedes kapitalistisch agierende Unternehmen - wird nur dann tätig, wenn der zu erwartende Profit stimmt. Das ist der Daseinszweck solcher Unternehmungen im Kapitalismus. All die Strukturen der öffentlichen Daseinsvorsorge gibt es allerdings aus ganz anderen Gründen - sie waren nicht zufällig ursprünglich Volkseigentum und nicht auf Profit ausgerichtet. Krankenhäuser, Wasserwerke, Energieproduzenten oder Altenheime haben andere Aufgaben - die Erwirtschaftung von Profit für private Superreiche - stets zu Lasten der "Kunden" und der dort Beschäftigten - gehört gewiss nicht dazu.
Das sehen unsere VertreterInnen der neoliberalen Einheitspartei allerdings ganz anders - schließlich prostituieren sie sich wie gewohnt für die selbsternannte "Elite". Und so wird ein Popanz nach dem anderen aufgebaut, um auch die letzten Reste der noch im öffentlichen Besitz stehenden Strukturen zu "privatisieren" - ungeachtet aller Meldungen, die in wirklich jedem bereits privatisiertem Bereich nur noch Katastrophenberichten gleichen. Hauptsache, die Geldspeicher der Superreichen füllen sich weiter - ganz egal, wieviele Milliarden sich bereits darin befinden. Man muss schon sehr naiv sein, um in diesem Zusammenhang auf die Frage zu kommen, wieso diese PolitikerInnen, die zumindest in Deutschland noch nicht größtenteils zu den Superreichen gehören, das denn wohl tun. Die heutigen "Gehaltsabrechnungen" und Kontostände der Herren Schröder, Fischer, Clement und Co. beantworten diese Frage ebenso schlüssig wie dieselben Dokumente von Merkel, Westerwelle, Rösler, Friedrich und Co. aus den kommenden Jahren das tun werden.
Und so refeudalisieren sie dieses Land und die ganze Welt munter weiter und der Alptraum findet kein Ende.
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Das Defizit der Eisenbahnen

"Es wird beabsichtigt, die Eisenbahnen der Privatwirtschaft zu überlassen. Wir sind überzeugt, dass dadurch nicht bloß die Finanznot behoben wird, sondern auch die Wohnungsnot."
(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 31 vom 26.10.1921)
EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg macht den Griechen einen simplen Sparvorschlag: Sie sollen einfach mit dem Rauchen aufhören. Laut dem Malteser senke das Gequalme die Produktivität - "und das schadet der Volkswirtschaft".
(Weiterlesen - Vorsicht, der Link geht zum neoliberalen Kampfblatt)
Statt einer Anmerkung:

(Borg-Drohne 78-of-184 alias "Tonio" beim morgendlichen Appell)
Ich weiß nicht mehr wo meinen Kopf hinlegen
Ach mög er auf die Erde rollen
Ein abgenutzter Gummiball
Mein Lächeln bröckelt ab
Wie die antike Tünche
Auf den Mauern des Mondes
Der Nordwind trocknet in mir
Alle Tränen
Die eine Morgenröte weinen sollte
Im Käfig meines Skeletts
Hat sich mein Herz erhängt
Zwischen der siebten und achten Rippe
(Yvan Goll [1891-1951], in: Claire und Yvan Goll: "Die Antirose". Gedichte. Geschrieben 1925-1927)

Seltsam genug oder auch nicht: nach meinem Eindruck wird an Gedenktagen viel über den Faschismus gesprochen, über dessen Folgen und Erscheinungsformen; selten aber über die Ursachen des Faschismus und dessen Entstehungsbedingungen. Dabei sollte doch für jeden auf der Hand liegen: gegen die Symptome des Faschismus kämpfen zu wollen, heißt, gegen die Ursachen des Faschismus kämpfen zu müssen. Welches waren also die Ursachen des Faschismus? Welches die Bedingungen für seinen Aufstieg und Sieg? Oder ein wenig anders gefragt: Wer oder was brachte Adolf Hitler an die Macht?
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Anmerkung: Hier will ich einmal mehr meine unbedingte Leseempfehlung aussprechen, denn dieser Text fasst die wesentlichsten Punkte für den Aufstieg und politischen Triumph des Faschismus zum Ende der Weimarer Republik gut lesbar und in nicht allzu komplexer Form zusammen und führt die von der Politik und den Medien bis heute kolportierte "Machtergreifung Hitlers" - die nichts weiter als eine Propagandafloskel der Nazis selbst ist - ad absurdum.
Nach der Lektüre fällt es nicht mehr sonderlich schwer, die augenscheinlichen Parallelen zwischen der heutigen und der damaligen Zeit deutlich zu erkennen und zu verstehen, weshalb das Märchen von der "Machtergreifung" von jenen Kreisen bis heute immer und immer wieder erzählt wird. Einzig den Schlussfolgerungen des Autors kann ich nicht folgen, da er als Ausweg lediglich eine "neue SPD", die "zu ihren Wurzeln" zurückkehren müsse, anbietet und gleichzeitig feststellt: "Zugegeben: ich sehe diese SPD nicht." - um sodann in einer Art religiöser Hoffnung auf Erlösung zu enden. Vielleicht ist das sein persönlicher Versuch, der totalen Resignation zu entkommen, vielleicht hegt er diese paradoxe Hoffnung, obwohl er sie in seinem Text zuvor bereits schlüssig demontiert hat, tatsächlich - ich weiß es nicht. Was ich aber weiß: Nicht einmal in meinen rosigsten Träumen kann ich mir ein Szenario ausdenken, in dem die SPD zu einer solchen - quasi revolutionären - Partei mutiert, die im Verbund mit anderen linken Gruppierungen ein antikapitalistisches, menschenfreundliches und gemeinwohlorientiertes System etablieren könnte, das die jetzige selbsternannte "Elite" endlich entmachtet und enteignet. Dieser Gedanke ist utopischer als jede existierende Science-Fiction-Geschichte, und sei sie noch so exotisch.
Dies hat aber vor allem nichts mit einer herbeifabulierten "Spaltung der Linken" zu tun - die SPD ist schlicht nicht links und war es seit mindestens 1998 auch nie. Gerade diese hochalberne Behauptung, die SPD sei eine "linke Partei", ist ja ein wesentlicher Teil der kapitalistischen Dauerpropaganda, um das Theater der "verschiedenen Parteien", die alle "völlig unterschiedliche Ziele verfolgen", aufrecht zu erhalten. In den USA ist dieses Propagandatheater bis zur Perfektion gereift - dort "streiten" regelmäßig zwei identische Parteien um die Macht. In Deutschland sind es vier bzw. fünf, wenn man die bayerischen Rechtsradikalen namens CSU mit berücksichtigt.
Ich weiß, dass es unbefriedigend ist, zu diesem existenziellen Thema überhaupt keine Lösung anbieten zu können - da ist sogar eine nebulöse Hoffnung auf ein weltfremdes Utopia, das es mit höchster Wahrscheinlichkeit niemals - jedenfalls nicht in den nächsten Jahrzehnten - geben wird, besser und leichter anzunehmen. Sinnvoller oder zielführender wird es dadurch jedoch nicht. Für den heutigen Zeitpunkt in der Geschichte muss ich feststellen: Der Faschismus ist auf dem besten Wege, erneut die Macht zu übernehmen bzw. hat dies teilweise bereits getan, und es existieren keine relevanten größeren gesellschaftlichen oder politischen Gruppierungen oder Strukturen, die seinem erneuten Triumph etwas entgegenzusetzen hätten. Diese gilt es erst zu schaffen und zu organisieren - und die SPD kann dabei gewiss keine Rolle spielen, wenn Geschichte sich nicht einfach wiederholen soll.
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Not bricht Grundsätze
[oder: Die SPD einst und jetzt]

"SPD einst: 'Nieder mit Kapital, Thron und Altar!'"
"SPD jetzt: 'Hilfe, unser Kapital und die Kirche sind in Gefahr!'"
(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 23 vom 07.09.1931)
(This Mortal Coil feat. Lisa Gerrard: "Waves Become Wings", aus dem Album "It'll End In Tears", 1984)
Please stay, stay
Please stay, stay
Stay a while
Mystery lights keep the dark inside
Evading glances when the light's applied
Stay and run unto me
Sail to me
Come to me
Anmerkung: Auch nach all den Jahren ist dieser Song, der aus Gerrards eigener Feder stammt, ein wundervoller Gegenpart zu dem bekannteren, ebenfalls auf diesem Album befindlichen "Song To The Siren". Jetzt allerdings hören wir keine Klage oder Hommage an die Sirenen, sondern die Antwort einer der Sirenen höchstpersönlich ... - Hat man jemals wundervollere Klänge, die die Hörenden in den "süßen Tod" rufen, vernommen?
Leider fehlt in diesem Clip das eigentliche Ende des Stücks - nach dem Verklingen der letzten musikalischen Töne ist auf dem Album noch eine ganze Weile das monotone Rollen der Wellen zu hören, das wiederum einen wichtigen Part in dieser Komposition ausfüllt - man lauscht immer wieder in die Pausen nach den einzelnen Wellen hinein auf eine Wiederkehr der "Sirene" oder zumindest einen Widerhall, bevor sich dann nahtlos das nächste Lied anschließt.
Selbstverständlich ist dies kein "Aufruf zum Suizid" - auch kein indirekter. Das Lied ist, wie alle Veröffentlichungen dieses außergewöhnlichen Musikprojektes, im Kontext des zugrunde liegenden Konzeptalbums zu betrachten. Das schmälert den musikalischen Genuss aus meiner Sicht nicht, sondern steigert ihn noch einmal gewaltig. Ich empfehle für dieses Werk totale Finsternis mit maximal einer weiter entfernt aufgestellten Kerze sowie einen gefestigten Gemütszustand, der Reisen in die Fantasie und die Dunkelheit erlaubt, ohne dass negative Folgen zu befürchten sind.

Politisch Verfolgte genießen Asyl – und können in Zukunft europaweit in Gefängnisse gesteckt werden. Das sieht eine Richtlinie der Europäischen Kommission vor, die noch in diesem Jahr beschlossen werden soll.
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Anmerkung: Dazu passt auch wunderbar diese Meldung (via daMax):
"Die EU-Kommission hat ihre Pläne für ein Ein- und Ausreisesystem nach US-Vorbild und ein Vorzugsprogramm für Vielreisende konkretisiert. Der am Donnerstag von Innenkommissarin Cecilia Malmström in Brüssel vorgestellte Verordnungsentwurf "Smart Borders" sieht vor, dass Ausländer sich künftig mit allen zehn Fingerabdrücken bei der Einreise in die EU von der Grenzkontrolle registrieren lassen müssen. Außerdem sollen Zeitpunkt und Ort der Einreise und Ausreise von Drittstaatsangehörigen erfasst werden. (...) / Das neue elektronische System soll die zulässige Dauer eines Kurzaufenthalts automatisch berechnen und einen Warnhinweis an die nationalen Sicherheitsbehörden erzeugen, wenn der Betreffende bis zum Ablauf der Aufenthaltsdauer nicht ausgereist ist, insbesondere bei Kurzzeitvisa."
Wir steuern da mit Vollgas auf den totalen Überwachungs- und Abschottungsstaat zu, der Orwell'sche Maßstäbe sogar übersteigt. Konkret bedeuten diese Maßnahmen, dass nicht mehr "nur" Flüchtlinge auf dieselbe Stufe mit Kriminellen gestellt werden, sondern generell sämtliche Ausländer aus Nicht-EU-Staaten, die euphemistisch "Drittstaaten" genannt werden. Und dieses Pack faselt allen Ernstes etwas von "Reisefreiheit", während es an solchen "Richtlinien" bastelt! Da stehen mir sämtliche Haare zu Berge.
Die Schwarzgeld-Bande in Deutschland ist in dieser Hinsicht allerdings etwas gespalten: Einerseits gefällt diesen ElitehüterInnen der menschenverachtende Umgang mit Flüchtlingen und anderen "undeutschen" Personen sehr und sie versuchen ihn ständig zu verschlimmern - andererseits beschwören sie weiterhin den angeblichen "Fachkräftemangel" und wollen Sklaven, die zu Niedrigstlöhnen Schwerstarbeit verrichten, in weitaus größerem Umfang als bisher ins Land holen. Anders formuliert heißt das nichts anderes, als dass Menschen aus "Drittstaaten" jederzeit sehr gern nach Deutschland kommen dürfen - sofern sie ihre Menschenrechte samt der Würde an der Grenze abgeben, Sklavenarbeit für einen Appel und ein Ei verrichten und im Fall der Arbeitslosigkeit, Krankheit oder des Renteneintritts nicht die "üppigen Sozialsysteme" der Bankenrepublik Deutschland zum Schmarotzen benutzen, sondern gefälligst wieder verschwinden.
Dieses Land und diese EU bzw. deren neoliberalen Zerstörer werden mir allmählich so widerlich, dass mir die unflätigen Worte dafür ausgehen.
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Weltangst

(Zeichnung von Alfred Kubin [1877-1959], in "Simplicissimus", Heft 4 vom 22.04.1934)
Eines Morgens kommt ein Mann, ein Unbekannter, und du kannst nicht umhin, du gibst ihm eine Suppe und ein Brot dazu. Denn das Unrecht, das er seiner Erzählung nach erfahren hat, ist unleugbar, und du möchtest nicht, dass es an dir gerächt werde. Und dass es eines Tages gerächt wird, daran gebe es keinen Zweifel, sagt der Mann. Jedenfalls kannst du ihn nicht wegschicken, du gibst ihm Suppe und Brot dazu, wie gesagt, und sogar mehr als das: Du gibst ihm recht. Zuerst nur durch dein Schweigen, später mit Nicken, schließlich mit Worten. Du bist einverstanden mit ihm, denn wärest du es nicht, müsstest du sozusagen zugeben, dass du selber Unrecht tust, und dann würdest du ihn vielleicht fürchten. Du willst auch nicht dein Unrecht ändern, denn das hätte zu viele Folgen. Du willst Ruhe und Frieden, und damit basta! Du willst das Gefühl, ein guter und anständiger Mensch zu sein, also kommst du nicht umhin, ihm auch ein Bett anzubieten, da er das seine, wie du eben vernommen, durch Unrecht verloren hat. Er will aber kein Bett, sagt er, kein Zimmer, nur ein Dach über dem Kopf; er würde sich, sagt er, auch mit deinem Estrich begnügen. Du lachst. Er liebe die Estriche, sagt er. Ein wenig, noch während du lachst, kommt es dir unheimlich vor, mindestens sonderbar, beunruhigend, man hat in letzter Zeit gar viel von Brandstiftung gelesen; aber du willst Ruhe, wie gesagt, und also bleibt dir nichts anderes übrig als keinen Verdacht aufkommen zu lassen in deiner Brust. Warum soll er, wenn er will, nicht auf dem Estrich schlafen? Du zeigst ihm den Weg, den Riegel, die Vorrichtung mit der Leiter und auch den Schalter, wo man Licht machen kann. Allein in deiner schönen Wohnung eine Zigarette rauchend, denkst du mehrere Male genau das gleiche: Man muss Vertrauen haben, man soll nicht immer gleich das Schlimmste annehmen, wenn man einen Menschen nicht kennt, und warum soll der gerade ein Brandstifter sein! Immerhin nimmst du dir vor, ihn morgen wieder auf den Weg zu schicken, freundlich, ohne dass ein Verdacht ihn kränken soll. Du nimmst dir nicht vor, kein Unrecht zu tun; das hätte, wie gesagt, zu viele Folgen. Du nimmst dir nur vor, freundlich zu sein und ihn auf freundliche Weise wegzuschicken. Du schläfst nicht immer in dieser Nacht; es ist schwül und die Geschichten von wirklichen Brandstiftern, die dir so beharrlich einfallen, sind zu läppisch, ein Schlafpulver gibt dir die verdiente Ruhe ... Und am anderen Morgen, siehe da, steht das Haus noch immer! - Deine Zuversicht, dein Glaube an den Menschen, selbst wenn er im Estrich wohnt, hat sich bewährt. Es drängt dich nicht wenig, edel zu sein, hilfreich und gut; beispielsweise mit einem Frühstück. Von Angesicht zu Angesicht, so während ihr den gemeinsamen Kaffee trinkt und jeder sein Ei löffelt, schämst du dich deines Verdachtes, kommst dir schäbig vor, und jedenfalls ist es unmöglich, ihn wegzuschicken. Wozu solltest du! Nach einer Woche, wie er noch immer in deinem Estrich wohnt, hast du vollends das Gefühl, jede Angst überwunden zu haben, und auch als er eines Tage seinen Freund bringt, der ebenfalls in deinem Estrich schlafen möchte, kannst du zwar zögern, aber nicht widersprechen. Zögern; denn es ist einer, der schon einmal, Gott weiß warum, im Gefängnis gesessen hat und eben erst entlassen worden ist. Ihn allein hättest du nie in deinen Estrich gelassen, das ist selbstverständlich. Er ist auch viel frecher als der erste, das macht vielleicht das Gefängnis, und ganz geheuer ist es dir nicht, zumal er, wie er ganz offen gesteht, wegen Brandstiftung gesessen hat. Aber gerade diese Offenheit, diese unverblümte, gibt dir das Vertrauen, das du gerne haben möchtest, um Ruhe und Frieden zu haben; am Abend, da du trotz ehrlichem Gähnen nicht schlafen kannst, liest du wieder einmal das Apostelspiel von Max Mell, jene Legende, die uns die Kraft des rechten Glaubens zeigt, ein Stück schöner Poesie; mit einer Befriedigung, die das Schlafpulver fast überflüssig macht, schläfst du ein ... Und am andern Morgen, siehe da, steht das Haus noch immer! - Deine Bekannten greifen sich an den Kopf, können dich nicht verstehen, fragen jedesmal, was die beiden Gesellen in deinem Estrich machen, und liegen dir auf den Nerven, so dass du immer seltener an den Stammtisch gehst; sie wollen dich einfach beunruhigen. Und ein wenig, unter uns gesagt, ist es ihnen auch gelungen; jedenfalls hast du den beiden Gesellen etwas aufgelauert und nicht ohne Erfolg; allein die Tatsache, dass sie kleine Fässlein auf deinen Estrich tragen, kann deinen Menschenglauben nicht erschüttern, zumal sie es in aller Offenheit machen und auf deine scherzhafte Frage, was sie denn mit diesen Fässlein wollten, sagen sie ganz natürlich, sie hätten Durst. In der Tat, es ist Sommer, und im Estrich, sagst du dir, muss es sehr heiß sein. Einmal, als du ihnen im Wege gestanden, ist ihnen ein Fässlein von der Leiter gefallen, und es stank plötzlich nach Benzin. Einen Atemzug lang, gib es zu, warst du erschrocken. Ob das Benzin sei? hast du gefragt. Die beiden, ohne ihre Arbeit einzustellen, leugneten es auch in keiner Weise, und auf deine eher scherzhafte Frage, ob sie Benzin trinken, antworteten sie mit einer so unglaublichen Geschichte, dass du, um nicht als Esel dazustehen, wirklich nur lachen konntest. Später jedoch, allein in deiner Wohnung, lauschend auf das Rollen der munteren Fässlein, die nach Benzin stinken, weißt du allen Ernstes nicht mehr, was du denken sollst. Ob sie deine edle Zuversicht wirklich missbrauchen? Eine Weile, dein Feuerzeug in der Hand, die feuerlose Zigarette zwischen den trockenen Lippen, bist du entschlossen, die beiden Gesellen hinauszuwerfen, einfach hinauszuwerfen. Und zwar noch heute! Oder spätestens morgen. Wenn sie nicht von selber gehen. Ganz einfach ist es nämlich nicht, im Gegenteil; wenn sie keine Brandstifter sind, tust du ihnen sehr unrecht, und das Unrecht macht sie zu bösen Menschen. Böse gegen dich. Das willst du nicht. Das auf keinen Fall. Alles. Nur kein schlechtes Gewissen. Und dann ist es immer so schwierig, die Zukunft vorauszusehen; wer keine Tatsachen sehen kann, ohne Schlüsse zu ziehen, und wer sich alles bewusst macht, was er im Grunde weiß, mag sein, dass er manches voraussieht, aber er wird keinen Augenblick Ruhe haben; ganz zu schweigen von den Ahnungen. Die Tatsache, dass sie Benzin in deinen Estrich tragen, was heißt das schon? Der eine, der Freund, hat nur gelacht und gesagt, sie wollen die ganze Stadt anzünden. Das kann ein Scherz sein oder eine Aufschneiderei. Wenn sie es ernst meinten, würden sie es niemals sagen. Dieser Gedanke, je öfter du ihn wiederholst, überzeugt dich vollkommen; das heißt, er beruhigt dich. Und der andere sagte sogar: Wir warten nur auf einen günstigen Wind! Es ist läppisch, sich von solchen Reden einschüchtern zu lassen; zu unwürdig. Einen Augenblick denkst du an Polizei. Aber wie du, um dich nicht durch falschen Alarm lächerlich zu machen, dein Ohr an die Zimmerdecke legst, was keine ganz einfache Veranstaltung gekostet hat, ist es vollkommen still. Du hörst sogar, wie einer schnarcht. Und überhaupt kommt die Polzei nicht in Frage; schon weil du selber strafbar wärest, dass du solche Leute in deinem Hause hast, wochenlang, ohne sie anzumelden.
Aber vor allem sind es natürlich die menschlichen Gründe, die dich von solchen Schritten abhalten. Warum sagst du den beiden Gesellen nicht einfach und offen, du möchtest kein Benzin in deinem Estrich haben? Offenheit ist immer das beste. Und dann, plötzlich, musst du selber lachen, dass dir dieser Einfall jetzt erst kommt: sie werden doch dein Haus nicht anzünden, wenn sie selber im Estrich sind! Immerhin kletterst du, schon im Pyjama, noch einmal auf den Sessel, auf die Kommode und den Schrank. Er schnarcht wirklich. Eine halbe Stunde später ruhest auch du ... Und am andern Morgen, siehe da, steht dein Haus noch immer! –
Die Sonne scheint, der Wind hat gedreht, die Wolken ziehen über die Dächer der Stadt, und gesetzt den Fall, es wären wirklich böse Gesellen, gerade dann ist es nicht einfach, sie einfach hinauszuwerfen; nicht ratsam; denn solange du ihr Freund bist, werden sie wenigstens dich verschonen. Freundschaft ist immer das beste! Und wenn du an diesem Morgen hinaufgehst und sie zum Frühstück bitten willst, so ist das nicht Tücke, nicht Berechnung, sondern eines jener herzlichen Bedürfnisse, die man plötzlich hat und die man, wie du mit Recht sagst, nicht immer unterdrücken soll. Die Leiter zum Estrich ist bereits gezogen, die Türe offen, du musst nicht einmal klopfen. Der Estrich, den du aus Rücksicht schon lange nicht mehr besucht hast, ist voll von kleinen Fässlein, und der eine, der Freund, der aus dem Gefängnis, steht eben an der Dachluke, hält den nassen Finger hinaus, um die Windrichtung festzustellen; der andere ist leider schon ausgegangen, komme aber wieder.
Mit deinem Frühstück ist es also nichts. Er komme aber bestimmt im Laufe des Tages, sobald er, wie der Freund in seiner immer etwas scherzhaften Art sagt, die erforderliche Holzwolle beisammen habe. Holzwolle? Es fehlte nur noch, dass er von einer Zündschnur redete. Einen Augenblick bist du wieder etwas verwirrt, etwas betreten, was du allerdings nicht zeigen willst. Im Grunde, das weißt du, kann kein Mensch so frech sein, wie dieser sich den Anschein gibt, nur weil er meint, du fürchtest ihn.
Ein für allemal entschlossen, dich nicht zu fürchten, entschlossen, deine Ruhe und deinen Frieden zu erhalten, tust du, als hättest du nichts gehört, und im übrigen, was das Frühstück betrifft, kann das ja auch ein andermal sein. Deine freundschaftliche Geste ist schon als solche nicht wertlos. Vielleicht zum Abendbrot. Mit Vergnügen, sagt der Kauz, sofern sie Zeit hätten und nicht arbeiten müssten; das hänge vom Wind ab. Er ist wirklich ein Kauz. Und natürlich bist du nun nicht wenig neugierig, ob sie tatsächlich zum Abendessen kommen, ob sie deine Freundschaft überhaupt wollen. Vielleicht hättest du deine Freundschaft schon früher bekunden sollen. Aber lieber jetzt, sagst du, als zu spät! Mit Recht vermeidest du ein allzu besonderes, ein auffälliges Abendessen; immerhin holst du einen Wein aus dem Keller, um ihn für alle Fälle kühl zu stellen. Leider kann man am Abend, als sie gegen neun Uhr endlich kommen, nicht mehr auf der Terrasse sitzen; es ist zu windig.
Ob er Holzwolle gefunden habe? fragst du, um dem Gespräch bald eine persönliche Note zu geben. Holzwolle? sagt er und schaut den Freund an, wie man einen Verräter anschaut. Dann, Gott weiß warum, musst du selber lachen, und schließlich lachen sie auch. Holzwolle, nein, Holzwolle habe er nicht gefunden, aber etwas anderes, Putzfäden aus einer Garage. Gefunden: dass das nichts anderes heißt als gestohlen, daran kannst du nicht zweifeln. Überhaupt haben sie sehr eigene Ansichten betreffend Recht und Unrecht.
Nach der ersten Flasche, du hast den Wein nicht umsonst gekühlt, erzählst du, dass du auch schon Unrecht begangen hast. Da sie schweigen, erzählst du mehr und mehr, indem du, ihre Freundschaft ist es dir wert, die zweite Flasche entkorkst. Offensichtlich fühlen sie sich wie zu Hause; der Freund, der Frechere, dreht deinen Rundfunk an, um den Wetterbericht zu hören.
Dann wünschen sie nur noch eines: Streichhölzer. Nichts wäre verfehlter, als wenn du jetzt wieder zusammenzucktest; auf Verdacht ist keine Freundschaft aufzubauen. Wozu Streichhölzer? Es gelingt dir, jedes beleidigende Zittern zu vermeiden und Zigaretten anzubieten, als ginge dir nichts durch den Kopf, und dann, das ist kein schlechter Einfall, bietest du Feuer mit deinem eigenen Feuerzeug, das du nachher wieder in die Tasche steckst. Das Gespräch geht weiter, das heißt, sie hören zu, sehen dich an und trinken Wein. Dein ehrliches Geständnis, wieviel Unrecht du begangen hast, rührt sie nicht mehr, als es die Höflichkeit verlangt; überhaupt wirken sie sehr geistesabwesend.
Eine dritte Flasche, die du schon zwischen den Knien hast, lehnen sie ab. Da du sie trotzdem öffnest, wirst du sie allein trinken müssen. Nur beim Abschied, als du gewisse Hoffnungen ausdrückst, dass die Menschen einander näher kommen und einander helfen, bitten sie dich nochmals um Streichhölzer. Ohne Zigaretten. Du sagst dir mit Recht, dass ein Brandstifter, ein wirklicher, besser ausgerüstet wäre, und gibst auch das, ein Heftlein mit gelben Streichhölzern, und am andern Morgen, siehe da, bist du verkohlt und kannst dich nicht einmal über deine Geschichte wundern.
(Max Frisch [1911-1991]: Biedermann und die Brandstifter. Eine Burleske. In: "Tagebuch 1946-1949")

Anmerkung: Ich spare mir an dieser Stelle jeden Interpretationsansatz dieses von Frisch mehrfach verarbeiteten Stoffs (ein Hörspiel und ein Drama folgten dieser ersten Prosaversion später), da ich finde, dass der Text für sich selber spricht. Für Interessierte gibt es aber im Netz einige verfügbare Beispiele - in einer gut sortierten Bibliothek allerdings noch wesentlich mehr.