Donnerstag, 13. Februar 2014

Film des Tages: Night of the Living Dead




Dies ist das Remake des Romero-Klassikers, das Tom Savini 1990 (unter der Mitwirkung von George A. Romero) gedreht hat. Wer das Original von 1968 bevorzugt, wird bei youtube aber ebenfalls fündig. Dieser Film, der im Original die "Geburtsstunde" des heutigen Zombiefilms repräsentiert, folgt in seiner Handlung und Inszenierung bis ins letzte Detail dem Vorbild der altgriechischen Tragödie, geht in seiner Bedeutung und Übertragbarkeit aber weit darüber hinaus.

Wikipedia berichtet dazu: Der Film "wurde in die Filmsammlung des Museum of Modern Art aufgenommen. Seit 1999 ist der Film im National Film Registry eingetragen als erhaltenswertes Kulturgut." - Am (veränderten) Schluss dieser Neuverfilmung steht die Protagonistin Barbara, die zuvor fleißig selbst mitgemordet hat, nur noch entsetzt da, schaut sich das barbarische Treiben der "Sieger" an und bemerkt mit einem erkennenden Blick auf die Berge der Zombieleichen lapidar: "They are us. We are them and they are us", während die Scheiterhaufen wieder brennen.


Dienstag, 11. Februar 2014

Zitat des Tages: Das Feuer und die Ameisen


Ich warf ein morsches Holzstück in das Feuer. Ich hatte nicht bemerkt, dass es innen dicht von Ameisen bevölkert war. Als das Holz zu knacken begann, stürzten die Ameisen heraus und liefen verzweifelt umher. Sie liefen das Holz entlang und krümmten sich, wenn die Flamme sie verbrannte. Ich angelte das Holz aus dem Feuer und rollte es zur Seite. Nun konnten sich viele Ameisen retten. Sie liefen auf den Sand und über die Kiefernnadeln.

Doch seltsam: sie liefen nicht vom Feuer fort.

Nach eben überstandenem Entsetzen kehrten sie um. Irgendeine Macht zog sie zurück zur verlassenen Heimat. Zahlreiche unter ihnen liefen wieder auf das noch brennende Holz, stürzten hin und her und kamen um.

(Alexander I. Solschenizyn [1918-2008], aus: "Im Interesse der Sache", 1970)


Samstag, 8. Februar 2014

Tarantino, die reale Gewalt und die Kunst


US-amerikanische Filme wie Quentin Tarantinos "Django Unchained" vermitteln unter dem Vorwand, der Humanität und Gerechtigkeit zum Durchbruch [...] verhelfen [zu wollen], ein zutiefst reaktionäres Menschenbild. Im Sinne eines "Anti-Mitgefühlstrainings" bewirken sie – ästhetisch verbrämt – außerdem eine Gewöhnung an abstoßende Gewalt und schnoddrig-beiläufig vollzogene Grausamkeit. Anstatt dass sich kultureller Widerstand regt und die impliziten ideologischen Muster analysiert werden, huldigen selbst intelligente Medien und Zuschauermassen den Protagonisten einer gewaltpornografischen Spaßkultur. Das Massenbewusstsein gleitet bedrohlich auf einer abschüssigen Ebene in Richtung Entmenschlichung.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Als leidenschaftlicher Cineast muss ich nach dem Lesen dieses Beitrages feststellen, dass der Autor hier offenbar Ursache und Wirkung verwechselt hat und zudem mehrere völlig verschiedenartige Dinge in einen Topf wirft, in den sie gemeinsam gar nicht passen und erst recht nicht gehören.

Zunächst ist es ja ein alter Hut, dass die menschliche Faszination des Gruselns, des Grauens und Schreckens so alt ist wie die menschliche Kultur des Geschichtenerzählens selbst - es gibt aus jeder Epoche massenhaft Beispiele dafür und nicht wenige davon gehören heute selbstverständlich zur Weltliteratur (E.T.A. Hoffmann, Edgar Allan Poe, Mary Shelley - um nur drei Namen zu nennen). Es kann also nicht verwundern, dass sich dies auch in dem vergleichsweise jungen Medium des Films widerspiegelt.

Hier liegt auch mein erster Kritikpunkt: In der Literatur gab und gibt es selbstverständlich eine deutliche Unterscheidung zwischen so genannter "ernster" Literatur auf der einen und einer (heute völlig und zu recht vergessenen) Unterhaltungsliteratur auf der anderen Seite - diese beiden Bereiche hatten und haben einen völlig verschiedenen Anspruch und Zweck. Sie miteinander vergleichen oder in eine Reihe stellen zu wollen, ist daher unsinnig.

Für Filme gilt das natürlich gleichermaßen - irgendwelche Unterhaltungs- oder Propagandaschinken beispielsweise mit Tarantino zu vergleichen, ist für mich - man entschuldige die Formulierung - haarsträubend absurd. Tarantino "formt" oder "gestaltet" das inhumane Weltbild unserer Zeit in seinen Filmen doch nicht, sondern bildet es ab - wie andere Künstler das vor ihm auch getan haben (George Grosz z.B. oder Max Ernst, deren Bilder oftmals auch nicht "schön", "lieblich", "humanistisch" anzusehen sind, eben weil sie das Böse, Schlimme, Perverse dieser Welt zeigen).

Ein gutes Beispiel dafür, bezogen auf Tarantinos Film "Django", beschreibt der Autor in seinem Text ja sogar selbst: "Dies wird besonders deutlich und abstoßend gezeigt in einer Szene, in der Django zögert, einen Fremden in Gegenwart seines kleinen Sohnes aus dem Hinterhalt abzuknallen. Lehrmeister Schultz erklärt ihm aber, da müsse man als Kopfgeldjäger durch." - Genau das ist doch heute die böse Realität vieler SoldatInnen, die in einen der vielen Kriege geschickt werden - Tarantino "verharmlost" oder "verherrlicht" dieses Szenario doch nicht, sondern er zeigt den Zuschauern anhand dieses Beispiels, was heute immer noch - und zwar in dramatisch zunehmendem Maße - reales Erleben und Erleiden so vieler Menschen in Kriegsgebieten ist. Er tut das ungeschminkt, brutal und auf seine ganz eigene Weise - und genau deshalb bildet er die Realität besser und wahrheitsgetreuer ab als das viele seiner Kollegen tun.

Später schreibt der Autor in Bezug auf Filme wie "Saw": "Wer hier nicht abschaltet oder das Kino verlässt, sieht sich unvermeidlich einem Anti-Mitgefühlstraining ausgesetzt." - Da musste ich doch arg schlucken, denn nach meinem Empfinden ist das genaue Gegenteil richtig: Gerade durch die Konfrontation des Zuschauers mit solcher bösartiger Gewalt, solchen Foltereien und Unmenschlichkeiten entsteht doch erst ein flammendes Meer voller Mitleid und Mitgefühl. Jemand, der einen Film wie "Saw" gesehen hat, wird niemals mit ruhigem Gewissen wegschauen oder gar zustimmen können, wenn er von Folter Kenntnis erlangt. Dieses Prinzip der "Katharsis" ist seit der Antike bekannt - der Autor sollte es eigentlich auch kennen.

Ein weiteres Beispiel, diesmal zu "World War Z": "In einer besonders drastischen Szene überrennt [der Held] die Mauern der Zivilisation durch die pure Masse des zum Einsatz kommenden Untermenschenmaterials", lese ich da. Das ist völlig korrekt - aber zeigt letztlich doch nur genau das, was zur Zeit sowohl in Nordamerika, als auch in Europa stattfindet. Der Film "schürt" doch keine Ängste, sondern bildet die menschenfeindliche kapitalistische Unterscheidung in "wertvolle" (= gut ausgebildete Arbeitssklaven) und "wertlose" (= arme) Menschen lediglich ab - wenn auch in drastischer Form. Das Schüren der (völlig irrationalen) Ängste übernehmen Politik und Medien. - Als geniale filmische Parabel zu diesem Thema empfehle ich dazu den Streifen "Land of the Dead" von George A. Romero - nach dem Ansehen dieses Films wird man das vielleicht noch besser nachvollziehen können.

Abstrus wird der Text aber, als plötzlich der Bogen zum "Dschungelcamp" gezogen wird. Das ist wiederum ein völlig anderes Thema, das mit den vorherigen im Grunde nichts zu tun hat. Hier handelt es sich um eine für die Endphase des kapitalistischen Zyklus typische Massenunterhaltungsshow, die tatsächlich der Entmenschlichung und Ablenkung dient. So etwas ist nicht neu: Auch in den 20er und 30er Jahren gab es Vergleichbares, etwa "Fress-Wettbewerbe", bei denen die Teilnehmer vor einem großen Publikum so viel essen mussten, wie sie konnten - bis hin zum Erbrechen; oder auch "Tanzmarathons", auf denen Paare ebenfalls vor Publikum solange tanzen mussten, bis sie zusammenbrachen. Das hat indes mit den erwähnten Filmen nichts zu tun, sondern gehört zum großen Komplex der Unterhaltungs- und Ablenkungsindustrie, der in der Endphase zu immer drastischeren Mitteln greift, um noch die gewünschten Ziele zu erreichen.

Um noch einmal eine Lanze für Tarantino zu brechen: In seinem Film "Pulp Fiction" von 1994 gibt es die Figur des Auftragkillers, der ständig ausschweifend aus der Bibel zitiert, bevor er Menschen erschießt. Mir fällt auf Anhieb keine bessere oder sinnhaftere Art ein, wie man die amerikanische Politik - damals noch bezogen auf Clinton und dessen Vorgänger - filmisch darstellen könnte. Inhuman und mitgefühlstötend sind dieses System und diese Politik - wie sollte eine ernstzunehmende Kunst darauf anders reagieren als sie es schon immer getan hat, nämlich indem sie einen Spiegel erbaut, in dem wir dann natürlich auch größtenteils Hässliches und Widerwärtiges erblicken können?

Ich finde es merkwürdig, dass der Autor von Hinter den Schlagzeilen sich heute in die wenig erfreulichen Reihen derer stellt, die genau diesen Spiegel zur Ursache und damit zu so etwas wie "entarteter Kunst" erklären. Sonst sind es doch vornehmlich irgendwelche Hohlbirnen aus der CSU oder CDU, die beispielsweise "Killerspiele" für Gewaltexzesse verantwortlich machen - und nicht etwa die ausufernde Rüstungsindustrie, die kriegslüsterne Regierung und deren "Bundeswehr" oder die vielen Kriege, in denen längst auch deutsche Soldaten wieder mitmorden.

---

Metropolis



(George Grosz [1893-1959], Öl auf Leinwand, 1917)

"Painted after his nervous breakdown and subsequent release from the German army, George Grosz's Großstadt (Metropolis) presents the city as a place that is as hellish as the battlefield. Bathed in shades of fiery red, flame blue, and rich purple, buildings topple and streets buckle. Tilted on a diagonal, the composition conveys the social upheavals of wartime. Multiple perspectives merge to create a disorienting space and collapse distinctions between inside and outside. Grosz shows simultaneously a café's exterior signage and facade and its interior, which is reduced to a chair and table with bottles and an empty glass.

Moral order has broken down as well. Grosz's zig-zag composition plots a tour through the city's debauchery. A properly dressed man lecherously eyes the naked body of an upside-down woman. Wearing little more than stockings and a shirt that bares her breasts, a streetwalker presses her hand into the crotch of a passing man. Grosz explored such potent combinations of sex, violence, and revolution throughout his career."

Donnerstag, 6. Februar 2014

Song des Tages: Soup Is Good Food




(Dead Kennedys: "Soup Is Good Food", aus dem Album "Frankenchrist", 1985)

We're sorry, but you're no longer needed
Or wanted or even cared about here.
Machines can do a better job than you,
This is what you get for asking questions.

The unions agree: "Sacrifices must be made!"
Computers never go on strike!
To save the working man
You've got to put him out to pasture!

Looks like we'll have to let you go,
Doesn't it feel fulfilling to know
That you - the human being - are now obsolete?
And there's nothing in hell we'll let you do about it!

Soup is good food (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
You made a good meal (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
Now how does it feel (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
To be shit out our ass and thrown in the cold like a piece of trash?

We're sorry, you'll just have to leave,
Unemployment runs out after just six weeks.
How does it feel to be a budget cut?
You're snipped, you no longer exist!

Your number's been purged from our central computer,
So we can rig the facts and sweep you under the rug.
See our chart? "Unemployment's going down"!
If that ruins your life, that's your problem.

Soup is good food (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
You made a good meal (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
Now how does it feel (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
To be shit out our ass and thrown in the cold?

We're sorry, we hate to interrupt,
But it's against the law to jump off this bridge!
You'll just have to kill yourself somewhere else -
A tourist might see you and we wouldn't want that!

I'm just doing my job, you know - so say "uncle"
And we'll take you to the mental health zoo.
Force feed you mind-melting chemicals,
'Til even the outside world looks great!

In hi-tech science research labs
It costs too much to bury all the dead -
The mutilated disease-injected
Surplus rats who can't be used anymore!

So they're dumped (with no minister present)
In a spiraling corkscrew dispose-all unit
Ground into sludge and flushed away -
Aw geez ...

Soup is good food (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
You made a good meal (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
Now how does it feel (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
To be shit out our ass and thrown in the cold like a piece of trash?

We know how much you'd like to die,
We joke about it on our coffee breaks.
But we're paid to force you to have a nice day
In the wonderful world we made just for you!

"Poor Rats", we human rodents chuckle -
At least WE get a dignified cremation.
And yet, at 6:00 o'clock tomorrow morning,
It's time to get up and go to work.


Anmerkung: Diesem Statement von Jello Biafra ist nichts hinzuzufügen - es galt 1985 und es gilt heute in noch viel dramatischerem Maße. Who wonders.)

Die Glorifizierung des "Spirit of ’45" - eine Metakritik


1945, der Krieg in Europa war vorbei, der Faschismus besiegt. Zu Hunderttausenden kehrten britische Soldaten von den Schlachtfeldern zurück, froh, dem Gemetzel entkommen zu sein, und sich einig, dass sich alles nicht mehr wiederholen darf: "Nie wieder Krieg", aber auch keine Rückkehr zum Frieden der 1930er Jahre mit seiner hohen Arbeitslosigkeit, der Wohnungsnot, dem Massenelend. (...)

Was folgte, war für britische Verhältnisse revolutionär. Labour hielt sich an die Zusagen und krempelte die Gesellschaft um. Die Partei verstaatlichte die Schlüsselindustrien: die Eisenbahnen, die Häfen, den Flugverkehr, die Werften, die Zechen, die Stahlwerke, die Strom-, Gas- und Wasserfirmen. Sie führte den steuerfinanzierten National Health Service (NHS) – das staatliche Gesundheitswesen – ein, investierte in das Bildungswesen, baute den Wohlfahrtsstaat aus und legte ein gigantisches Programm zum Bau erschwinglicher Sozialwohnungen auf. Dabei war der Staat pleite gewesen.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Den Film von Ken Loach, auf den sich dieser WOZ-Artikel bezieht, sollte man wohl gesehen haben. Allerdings wird anhand des Textes auch deutlich, dass hier wieder einmal nur eine "Ausschnitts-Lupe" benutzt wurde, die den Blick auf das Ganze unterlässt bzw. sogar verhindert. Wenn ein System kollabiert - wie das mit dem Kapitalismus Anfang des 20. Jahrhunderts geschehen ist - und man dasselbe System danach einfach "neu startet", ist es geradezu naiv anzunehmen, dass die Entwicklung bei etwas veränderten Startansätzen langfristig einen anderen Verlauf nehmen könne. Mit anderen Worten: Sämtliche Grundübel wurden auch 1945 nicht in Frage gestellt, verändert oder abgeschafft, sondern einfach beibehalten - man hat lediglich die im Kapitalismus notwendige Umverteilung von unten nach oben ein wenig verlangsamt und so die Illusion geschaffen, dass "alle" von diesem System profitieren.

Abgesehen davon, dass dies angesichts der weiterhin bestehenden Ausbeutung der Massen und dem Superreichtum einer ultrakleinen Minderheit schon blanker Unsinn ist, wird dieses Bild noch grotesker, wenn man den Blick erweitert und genauso gewissenhaft beobachtet, was damals außerhalb Britanniens und Europas geschehen ist und in unmittelbarem Zusammenhang zum dort neu durchstartenden Kapitalismus stand. Außerdem war es absehbar, dass eine unangetastet gebliebene und sich weiterhin bereichernde Finanz-"Elite" über kurz oder lang zum Gegenangriff übergehen und die im Text erwähnten Maßnahmen rückgängig machen würde, wie es dann ja dank der willigen HelferInnen Thatcher, Blair & Co. in England und Schmidt, Kohl, Schröder und Merkel und deren ErfüllungsgehilfInnen in Deutschland auch geschehen ist. Erste Ergebnisse dieser Zerstörungen kann man heute beispielsweise in Griechenland oder Spanien, aber natürlich auch bereits in England und Deutschland bewundern: Armut und Verelendung wachsen und erinnern nicht zufällig an die karge Untergangszeit der Weimarer Republik.

All das kommt im Text und vermutlich auch im Film nicht vor. Ich halte es für falsch - sogar für gefährlich -, wenn der "sozial gestaltete" Neustart des kapitalistischen Systems in solchen Beiträgen glorifiziert wird - so als könne man einen solchen Zustand für alle Zeit konservieren (abseits der Frage, ob das überhaupt erstrebenswert ist). Wer die unvermeidliche Entwicklung des Kapitalismus in Richtung einer immer reicher und möglichst auch kleiner werdenden Minderheit bei gleichzeitiger Verarmung aller anderen ignoriert und sich statt dessen auf die "goldene Anfangszeit" dieses zyklischen Entwicklungsprozesses konzentriert, wird dieselben Fehler immer und immer wieder machen und hilft letzlich dabei mit, den unablässigen Kreislauf des kapitalistischen Systems - vom Beginn bis zum Zusammenbruch und wieder von vorn - zu zementieren.

Wenn schon "Verstaatlichung der Schlüsselindustrien", dann bitte umfassend (also inklusive des Banken- und Versicherungskomplexes), unwiderruflich (also in der Verfassung verankert) und vor allem ausschließlich gemeinwohlorientiert. Das Zinssystem müsste abgeschafft werden, und Profitstreben dürfte in keiner Variation mehr irgendeine Rolle spielen - sowohl auf der unternehmerischen, als auch auf der staatlichen und der persönlichen Ebene. Und selbstverständlich müssten sämtliche absurden Vermögensanhäufungen sofort enteignet und ebenfalls dem Gemeinwohl zur Verfügung gestellt werden - kein einzelner Mensch auf diesem gruseligen Planeten braucht hunderte oder gar tausende von Millionen Euro/Dollar/Goldtaler, um ein anständiges, gutes Leben führen zu können.

Aus dem berühmten "Nie wieder Krieg" von 1945 ist heute längst ein "Immer wieder gerne Krieg - je öfter, desto besser" geworden, und die hohe Massenarbeitslosigkeit, die Wohnungsnot und das Massenelend halten längst wieder Einzug auch in die kapitalistischen Staaten. Wie kann man angesichts dieser bedrohlichen, sich wiederholenden Lage ernsthaft davon schwadronieren, dass am Anfang des kapitalistischen Zyklus' angeblich paradiesische Zustände geherrscht haben und man deshalb einfach dahin zurückkehren müsse? Das entspricht der Sinnhaftigkeit nach in etwa der Empfehlung an den Lungenkrebspatienten, er müsse doch bloß mit dem Rauchen aufhören, dann käme schon alles wieder ins Lot.

---

Der Gold-Aberglaube


Das goldene Kalb hat sich im Lauf der Zeit zum Stier ausgewachsen, der die Weltwirtschaft auf die Hörner nimmt und alles zertrampelt.

(Zeichnung von Olaf Gulbransson [1873-1958], in "Simplicissimus", Heft 46 vom 16.02.1932)

Samstag, 1. Februar 2014

Zitat des Tages: Meine Angst lässt grüßen


Meine Angst, wurde mir ausgerichtet, lasse grüßen, sie erfreue sich bester Gesundheit. Ich hatte sie, aber das ist schon fast zwei Wochen her, zwischen Lausanne und Fribourg aus dem Zug geworfen. Warum, fiel mir damals plötzlich ein, sollte man sich einer so lästigen Klette nicht entledigen können? Da außer mir gerade niemand im Abteil war, die gute Gelegenheit mir aufmunternd zunickte, hab' ich's dann also getan. Soweit mir bekannt, ist eine solche Handlung nicht strafbar. Nur vergaß ich natürlich im Überschwang meines Entschlusses, dass Ängste überaus zäh sind. Sie überleben alles, sie überleben auch uns. Meine Angst zum Beispiel ist, bevor sie auf mich kam, die meiner Mutter gewesen. Und meine Mutter hat sie vielleicht schon von einer Tante gekriegt, das weiß ich schon nicht mehr. Wie auch immer: Wir Menschen kommen und gehen, doch ungerührt bleiben die Ängste am Leben und wählen sich neue Träger aus. Kein Wunder, dass es einer Angst überhaupt nichts ausmacht, aus dem fahrenden Zug geworfen zu werden. Deshalb ist meine euphorische Handlung ein sinnloser Akt gewesen. Wie zu erwarten war, stellt sich nunmehr heraus, dass die würzige Waldluft des Waadtlandes meine Angst erst recht gekräftigt hat. Schon also lässt sie mich grüßen. Bald wird sie wiederum da sein, ausgeruht und erholt für ihren Erwählten, für mich. Treue, hört man heute oft klagen, sei selten geworden. So kann nur reden, wer für einen Augenblick seine Angst vergessen hat, vielleicht hat vergessen wollen. Aber niemand bleibt uns so unentwegt treu wie die Angst.

(Kurt Marti [* 1921], aus: Silvio Blatter et al.: "Szene 81. Beispiele Schweizer Gegenwartsliteratur", 1981)

Anmerkung: Wer kennt sie nicht, diese nicht auszumerzende Angst, die gerade in dieser furchtbaren Zeit des kapitalistischen Niederganges letzlich jeden Menschen betrifft - ganz egal, ob nun befürchtete, drohende, begonnene oder bereits abschließende Verarmung, Verfolgung, Kriminalisierung, staatlicher Terror oder gar Krieg bzw. anderweitig betriebener staatlicher Mord die Ursachen sein mögen. In jedem Falle gilt heute wieder einmal: Die Angst ist vollkommen berechtigt und weit entfernt davon, ein Gegenstand psychologischer oder gar psychiatrischer Behandlungen zu sein. Das Gegenteil ist der Fall: Wer heute keine Angst vor dem offensichtlich erneut kommenden Unheil hat, sollte dringend ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.

Alfred Kubin hat das in seiner unten abgebildeten Zeichnung "Weltangst", die 1934 irgendwie an den braunen Zensoren vorbeigerutscht ist, vorzüglich zum Ausdruck gebracht, wie ich finde - man könnte das Bild heute auch problemlos mit "Hartz-Terror", "Geheimdienstverfolgung" oder "Kriegslüsternheit" überschreiben. Ich persönlich kann mich gar nicht entscheiden, vor welcher dieser staatlichen Terrorarten ich mehr Angst habe.



(Zeichnung von Alfred Kubin [1877-1959], in "Simplicissimus", Heft 4 vom 22.04.1934)

Freitag, 31. Januar 2014

Asoziales England: Die Vorbilder der NED


Die britische Regierung beschließt eine Beschränkung der Sozialleistungen für Bürger anderer EU-Staaten

(...) Nach den neuen Regeln haben [Migrantinnen und Migranten aus der Europäischen Union] keinen Anspruch auf Wohngeld und müssen drei Monate in Großbritannien ansässig sein, bevor sie Arbeitslosengeld beantragen können. Der bisher leicht zu bestehende und über die Vergabe von Sozialleistungen entscheidende Habitual Residency Test soll erschwert werden und die Bedingung einschließen, dass Neuankömmlinge die englische Sprache beherrschen. Das Arbeitslosengeld kann dann nur für sechs Monate bezogen werden, wenn nicht überzeugend dargelegt wird, dass die Aussicht auf ein Arbeitsverhältnis besteht. Das Gehalt von arbeitenden Migrantinnen und Migranten muss eine Mindestgrenze überschreiten, wenn diese Zuschusszahlungen zur Sicherung des Lebensunterhalts beantragen wollen. Obdachlose EU-Bürger sollen abgeschoben werden und zwölf Monate lang nicht wieder einreisen können. Ziel dieser Maßnahmen ist es Cameron zufolge, "Wohlfahrtstourismus" zu vermeiden.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Die britischen Regierungsterroristen gehen in Sachen Menschenfeindlichkeit mal wieder forsch voran, wie es nicht erst seit Thatcher Gewohnheit ist - und wie immer dauert es auch nicht lange, bis deutsche Menschenfeinde der neoliberalen Einheitspartei (NED) auf den Zug aufspringen und ins selbe widerliche Horn stoßen. Wer angesichts solcher rauchender Ruinen der Sozialstaatlichkeit, wie sie beispielsweise in Britannien oder Deutschland heute anzutreffen sind, noch den ohnehin merkbefreiten und völlig indiskutablen Begriff des "Wohlfahrtstourismus'" bemüht, muss entweder vollkommen degeneriert in einer realitätsfernen Blase vor sich hin vegetieren - oder aber wirklich bösen Willens sein.

Aktuell sind's also mal wieder die fiesen klauenden Zigeuner Rumänen und Bulgaren, die in der Darstellung dieser verkommenen Schlips-Borg den bröckelnden Wohlstand der kapitalistischen Glitzerwelt bedrohen - und nicht etwa die immer reicher werdenden Ultraminderheiten der Superreichen, von denen gerade mal 85 Individuen heute so viel Reichtum "besitzen" wie die Hälfte der gesamten Weltbevölkerung zusammen. Da ist es sonnenklar, dass diesen "Sozialschmarotzern" Beine gemacht und die nur noch spärlich tröpfelnden Hähne zugedreht werden müssen - wo kämen wir denn auch hin, wenn beispielsweise ein Multimilliardär ein paar Millionen, also einige Promille, abgeben müsste, um das Essen und die Unterkunft für solche "Parasiten" zu bezahlen?!? Das geht aber gar nicht, wenn man "Elite"-Diener bzw. Schlips-Borg ist und sich seinen Platz am Fleischtopf, der zwar beileibe keine Milliarden, oft auch keine vielen Millionen, dafür aber ein vergleichsweise fürstliches Leben jenseits der vollmundig propagierten Armut ermöglicht, erhalten möchte.

Thatchers üble Taten aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts haben nach einer gewissen Karenzzeit bekanntermaßen ganz Europa erreicht und vergiftet - dasselbe gilt für spätere "Reform"-Projekte der kapitalistschen Extremisten, die eigentlich Deformierungen genannt werden müssen, ebenfalls. Die Zeit zwischen den Einschlägen wird jedoch drastisch kürzer: Jetzt hat es nur wenige Tage gedauert, bis die in England beschlossenen asozialen Verwerfungen und menschenfeindlichen Ablenkungen von den tatsächlichen Verursachern der staatlichen Geldnot auch in Deutschland einen politischen Widerhall - selbstredend zuerst (aber keineswegs exklusiv) in der CSU, wo auch sonst - erhalten haben. Gleichzeitig ist es extrem erhellend zu bemerken, dass trotz dieser widerlichen Behandlung und aller "Flüchtlingsbekämpfungsmaßnahmen" von MigrantInnen und Asylsuchenden noch immer einige Menschen den Weg nach Deutschland oder sogar England finden - wie grauenhaft schlimm muss es also in den Regionen sein, aus denen sie geflüchtet bzw. ausgewandert sind? Wer würde denn gerne an einen Ort ziehen, an dem es beispielsweise so


oder so


aussieht? - Wohlgemerkt: in einem der reichsten Länder des gesamten Planeten, in dem der Superreichtum einiger Weniger das Maß aller Dinge ist und sich die völlig desinformierte Bevölkerung teilweise immer noch an einen schwindenden Wohlstand klammert - sogar dann, wenn er gar nicht mehr vorhanden ist -, der aber stetig weiter auf die Konten jener Superreichen übertragen wird, ohne dass diese Umverteilung zugunsten der Superreichen überhaupt zur Kenntnis genommen oder gar erkannt wird.

Aber wir werden es erleben müssen: Ich bin leider ziemlich sicher, dass diese widerliche Bande es auch diesmal schafft, wieder unbeteiligte Minderheiten zu instrumentalisieren und den berechtigten Zorn der von Banken und Kapital ausgeplünderten Bevölkerung auf diese zu lenken - seien es nun diesmal Rumänen, Bulgaren, Zigeuner, Juden, Arbeitslose, Behinderte, Kranke, Alte, Junge, Schwarzhaarige, Muslime, Raucher, Linkshänder oder wen zur Hölle sie auch immer zu dieser perversen Opferrolle auswählen mögen. Die perversen Ideen gehen diesen Menschenfeinden und Eigennutzmehrern leider niemals aus. Die Beispiele der ersten Versuche können wir heute hautnah miterleben.

"Wohlfahrtstourismus ist das Problem!", wiederholen die in den überquellenden Geldspeichern Hockenden gebetsmühlenartig und krallen ihr Gold an sich bzw. lassen ihre gekauften Vasallen das stellvertretend für ihre HerrInnen tun - und ich wiederhole ebenso regelmäßig: "Geldspeicher, gekaufte Vasallen und HerrInnen sind das Problem!" Deshalb weiß ich, dass auch mir von diesen widerwärtigen Gesellen schon jetzt ein Platz in einem der Lager zugewiesen ist, die noch gar nicht wieder neu gebaut sind. Das aber geht schnell, wenn der systemimmanente gesellschaftliche, soziale und finanzielle Zusammenbruch einmal mehr naht.

---

Das allmächtige Gold



(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 32 vom 05.11.1923)

Mittwoch, 29. Januar 2014

Lied des Tages: Verwelkt




(Friedrich Nietzsche [1844-1900]: "Verwelkt", aus: "Sieben Lieder", komponiert 1864; Text von Sándor Petőfi [1823-1849]; Dietrich Fischer-Dieskau: Gesang, Aribert Reimann: Piano)

Du warst ja meine einz'ge Blume,
verwelkt bist du, kahl ist mein Leben.
Du warst für mich die strahlende Sonne -
du schied'st, ich bin von Nacht umgeben.

Warst meiner Seele leichteste Schwinge -
du brachst - ich kann nun nimmer fliegen.
Du warst die Wärme meines Blutes -
du flohst - ich muss dem Frost erliegen.

Anmerkung: Es ist weithin unbekannt, dass Nietzsche sich auch als Komponist betätigt hat und eine ganze Reihe von Liedern und Klavierwerken geschrieben hat, die heute leider weitgehend vergessen sind. Dieses Lied über den Tod eines geliebten Menschen, geschrieben im Alter von nur 20 Jahren auf ein Gedicht des ungarischen Revolutions-Dichters Sándor Petőfi, ist ein schönes Beispiel für die zarte, musikalische Seite Nietzsches - zu einer Zeit, als er Richard Wagner, dessen Musik er später sehr schätzte, persönlich noch gar nicht kannte.

Ich persönlich denke in diesem Zusammenhang sehr gern an die Zeit zurück, in der ich - ebenfalls im Alter von zarten 20 Jahren - auf den Spiegel im Bad meiner damaligen Studentenbude in großen, knallroten Buchstaben den Schlusssatz aus Nietzsches "Zarathustra" geschrieben hatte und ihn jeden Morgen neu lesen musste:

"Also sprach Zarathustra und verließ seine Höhle, glühend und stark, wie eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt."


Montag, 27. Januar 2014

Kritik des Tages: Der Kampf gegen intellektuellen Dünkel


(...) Es ist deshalb nicht einfach nur ein ästhetisches Ärgernis, dass unsere Journalisten wie die Wurstel schreiben, die sie meistens auch sind: Die endlos reproduzierte Formatierung der Erfahrung von Welt zerstört bereits die Möglichkeit von Erfahrung.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Nach dem ersten Lesen dieser bissigen, ziemlich verschwurbelten sonntäglichen Gärtnerei konnte ich mir ein gewisses Grinsen und Frohlocken nicht verkneifen - nach einer gewissen Zeit setzte jedoch (man mag es kaum glauben) ein Denkprozess ein, dessen Ende mich nun zu dieser Anmerkung geführt hat: Für den Maßstab einer nur noch von wenigen verstandenen Kritik in der Tradition Kafkas oder Kraus' ist der Text ein Juwel - für alle anderen Menschen dieses bildungsfernen und gewollt verdummten Landes ist er aber nichts weiter als ein Buch mit sieben Siegeln, das nicht mehr verstanden wird und daher auch keine Wirkung entfalten kann.

Zu den Zeiten von Kafka oder Kraus war das - zumindest noch in einem unter argen Schmerzen ertragenen und mit einem schlimmen elitärem Gesellschaftsbild verbundenen Maßstab - anders. Heute aber kann fast kein jüngerer Mensch, ganz egal aus welcher "Bildungsschicht" er stammen mag, mehr etwas mit Kant, Karl Kraus oder einem Kafka-Zitat ohne Quellenangabe und damit ohne Einordnungsmöglichkeit anfangen. Auch ich, der ich bekennender, glühender Kafka-Verehrer bin, kannte den zitierten Satz Kafkas bislang noch nicht und habe ihn nach einer kurzen Suche auch nur insoweit nachverfolgen können, dass er irgendeinem Text aus dem zweiten Band der "nachgelassenen Schriften und Fragmente" entstammt. Meine Kafka-Ausgabe ist eine andere, so dass ich aufgrund der fehlenden Quellenangabe hier zunächst kapitulieren musste. Auf die Suche nach der Quelle des Kraus-Bezuges habe ich mich gar nicht mehr begeben, weil gleich jedwede Angabe dazu fehlt.

Sicherlich kann und soll man diesen kapitalistisch gewollten und durchaus absichtlich herbeigeführten Verfall der humanistischen, literarischen, philosophischen und historischen Bildung der Menschen anklagen - ihn zu ignorieren bringt aber überhaupt nichts. Diese Gratwanderung zwischen einem einigermaßen anspruchsvollen Text und einer einigermaßen allgemeinen Verständlichkeit wird zunehmend schwieriger, wenn die nachwachsenden Generationen immer dümmer und kapitalismuskonformer gehalten werden - was angesichts der vorhergehenden Ergebnisse aus den 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ja schon mehr als nur ein Verbrechen ist. Auch ich habe mich jahrelang mit dem damals scheinbar unlösbaren, aus heutiger Sicht grotesken intellektuellen Widerspruch herumgeärgert: Hier befindet sich die "freiheitlich-demokratische" Welt, in der alles nach "Volkes Wille", nach "Recht und Gesetz" und somit zugunsten aller Menschen in diesem Land abläuft, während der Großteil des Planeten weiter im Irrsinn, in der Korruption, im Krieg, im Unrecht und in der Unfreiheit und bittersten Armut - bis hin zum Tod - versinkt. Es hat sehr lange gedauert, bis ich diese Zusammenhänge begriffen hatte - und Lehrer, Schulen und Universitäten hatten auf diesen Erkenntnisprozess einen eher geringen Einfluss. Auf diesem Gebiet befindet sich die kapitalistische, westliche Welt schon seit vielen Jahrzehnten nach der bösen Zäsur 1945 auf einem ganz üblen, bitteren Weg, der weit hinter das Niveau aus der Zeit vor den beiden Weltkriegen zurückfällt.

Vielleicht ist diese Überspitzung der Gärtnerischen Zitierhaltung ja auch ein Teil der Satire, den ich nur nicht richtig verstanden habe? Diese Idee ist mir mehrfach durchs Hirn geschossen, aber letzten Endes wäre das, wenn es der Fall wäre, doch auch nur eine Bestätigung meiner obigen Kritik.

Lieber Herr Gärtner, auch wenn Du diesen Text sicher nie lesen wirst: Gib Deinen LeserInnen doch bitte mehr Anhaltspunkte, anhand derer sie Deinen Gedankengängen folgen können! Sonst sind nämlich nicht nur die Gedankengänge, sondern gerade auch die Intention, die Du (vielleicht / hoffentlich) beim Schreiben hattest, für die berühmte Tonne. Das Prahlen mit solchem Wissen mag Dir einen sehr steifen Penis oder ein pulsierendes Hirn bescheren - aber sonst bringt es niemanden in irgendeiner Form etwas.

---

"Wir leben im Zeitalter der Überarbeiteten und Unterbildeten: dem Zeitalter, in dem die Menschen so tüchtig sind, dass sie völlig verdummen."

(Oscar Wilde [1854-1900]: "Der Kritiker als Künstler". Essay, 1890)

Freitag, 24. Januar 2014

"Vorbild" USA: Das Parlament der Reichen


In Deutschland ist die "Millionärswahl" eine TV-Show, in den USA Realität. Zum ersten Mal sind mehr als die Hälfte aller US-Abgeordneten Millionäre. Amerikas Volksvertreter sind schon lange viel reicher als ihre Wähler: Ihnen gehört ein Milliardenvermögen.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Wieso der n-tv-Autor die amerikanischen "Abgeordneten" dennoch weiter beharrlich als "Volksvertreter" bezeichnet, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Es liegt ja auf der Hand, dass diese Gesellen nicht "das Volk" bzw. dessen Interessen, sondern ihre eigenen und insbesondere die der Reichen und Superreichen vertreten. In Deutschland sind wir von solchen Zuständen allerdings auch nicht mehr so weit entfernt - beispielsweise der Adel, also die schmierigen, unansehnlichen Hinterlassenschaften des Feudalismus vergangener Zeiten, ist völlig überrepräsentiert im Bundestag, und von den korrupten Gesellen, die gerade aufgrund ihrer "politischen Arbeit" erst zu Millionären werden - wie beispielsweise Steinbrück - will ich hier besser gar nicht reden.

Hinweisen muss ich in diesem Zusammenhang aber auf ein bezeichnendes Propagandastück westlicher Mainstreammedien: Irgendjemand (ich habe die ursprüngliche Quelle bislang noch nicht gefunden) hat vor einiger Zeit mal behauptet, dass im "Volkskongress" in China größtenteils Superreiche säßen. Belastbare Quellen für diese Behauptung gibt es nicht - und trotzdem taucht sie in schöner Regelmäßigkeit in den westlichen Medien immer wieder auf: Auch n-tv wiederholt sie in diesem Text einmal mehr und verlinkt sogar auf den entsprechenden Artikel des eigenen Hauses, der sich auf einen ominösen Bericht eines Shanghaier "Hurun"-Magazins beruft - dort allerdings ohne Verlinkung. Was diese Behauptung bezwecken soll, bleibt schleierhaft - selbst wenn das Szenario der Wahrheit entspräche: Schließlich ist der chinesische "Volkskongress" ein nicht einmal mit scheindemokratischer Farbe angepinselter Verein, der noch dazu keinerlei Machtbefugnisse - erst recht keine "demokratischen" - besitzt; er ist also eine reine Show-Veranstaltung. Das ist zwar in den USA auch nicht anders, dort allerdings tut man noch immer so als handele es sich um eine Demokratie - so etwas behauptet in China wohl niemand.

Ich kann mir das eigentlich nur so erklären, dass von interessierter Seite auch weiterhin alles in Bausch und Bogen verdammt wird oder werden muss, was sich auch nur entfernt "kommunistisch" nennt - auch dann, wenn es sich, wie beispielsweise China, nun um alles andere als ein kommunistisches Land handelt. Offiziell wird es so noch immer bezeichnet, also muss es von westlichen Medien offensichtlich bekämpft werden. Man kann das benennen, wie man möchte - Schaumschlägerei beispielsweise oder auch die Hochkultur der potemkinschen Dörfer - irgendeine gehaltvolle Sinnhaftigkeit darf man darin jedoch nicht suchen.

Es verbleibt also die Erkenntnis, dass es zunehmend die Reichen sind, die die Geschicke der Welt leiten. Das freilich war im Kapitalismus schon immer so und ist auch heute nicht anders, "nomen est omen" sozusagen. Geändert hat sich nur der Habitus: Heute schickt die "Elite" immer öfter keine gekauften Marionetten mehr, sondern Leute aus den eigenen (untersten) Reihen. Man kann über die Gründe nur spekulieren: Vielleicht werden sie allmählich immer schamloser und merken, dass sie sich nicht mehr so arg zu verstecken brauchen; vielleicht wollen sie auch verhindern, dass weitere habgierige "Aufsteiger" aus dem "Plebs" an ihrem Luxus rudimentär teilhaben, die sie wie Schröder und so viele, viele andere korrupte Pfeifen letztlich mit etwas Gold eindecken müssen, um ihr schändliches Tun im Nachhinein zu bezahlen; und vielleicht sind es auch ganz andere Gründe.

Die kleine Clique der Superreichen bestimmt, was geschieht - und das, was geschieht, hat als einziges Ziel, deren Superreichtum auf unser aller Kosten stetig zu vermehren und zu sichern. Insofern sind die USA das wahrlich perfekteste Vorbild für den Weg in die perverse, absurde und permanente Theateraufführung der "freiheitlichen Demokratie", das man sich ausdenken kann. Deutschland ist bislang nur ein Plagiat - allerdings eines, das man schon fast nicht mehr vom Vorbild unterscheiden kann: Der Weg zum System der kapitalistischen Einheitspartei nebst angeschlossenen Propagandamedien und riesiger Lobby bzw. Korruptionsmaschinerie ist fast vollendet, und wirklich alles, das in diesem pervertierten Politiksystem noch Bedeutung beigemessen wird, hat mit schnödem Geld zu tun - anderes kommt schlicht nicht mehr vor.

Die Zeche zahlen - wie sollte es auch anders sein - wir alle, egal ob Angestellte(r), Arbeitslose(r), Asylsuchende(r), Führungskraft, Beamte(r) oder Selbstständige(r) ... und zwar stets an jene Clique der Superreichen, die in diesem wahnsinnigen System des schrill kreischenden Irrsinns immer profitiert und nie bezahlt.

---

Der Herr der Welt


"Der rüstet nicht ab!"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 26 vom 22.09.1924)

Mittwoch, 22. Januar 2014

Song des Tages: Shingle Song




(Peter Hammill: "Shingle Song", aus dem Album "Nadir's Big Chance", 1975)

You can see in the last light that's graced as dawn
that there's nothing in my heart but pain.
As I stand, facing sea, knowing that you're gone
all the elements rage to explain,
that I should really be on my way;
but there is something which ensures I must stay.

Against the roar of the seething surf,
against the caterwaul of scattered call wind
thoughts and gestures unspoken, unheard -
and now the dance of rapture begins.
As the waves rush along across the beach:
Like you, like your love forever out of reach.

Look at the sky, but it's empty now;
look at the sea, it holds nothing but despair.
I raise my eyes but my head stays bower ...
I look to my side, but you're not there.
And I can't get you out of my mind,
no, no, no, no, I just can't get you from my mind.


Anmerkung: Zu diesem beeindruckenden Song des Masterminds der britischen Progressiv-Legende Van der Graaf Generator und gleichzeitigem Wegbereiter des Punk-Rocks, Peter Hammill, muss ich nicht viele Worte verlieren, denn das Lied spricht selbst in dieser lausigen youtube-Tonqualität für sich selbst. Ich erinnere mich aber noch gut an meine erste Begegnung mit Van der Graaf, die ausgerechnet an der Uni im Rahmen eines Seminars zum Thema "Progressives in der populären Musik" stattgefunden hat. Danach habe ich auf jeder Plattenbörse (gibt's so etwas eigentlich noch?) jeden Vinylschatz von dieser Band wie von Sinnen an mich gerissen, den ich nur finden konnte.

Nichts ersetzt aber den tatsächlichen Musikgenuss dieses Werkes, wenn die Schallplatte auf einer angemessenen Anlage in adäquater Lautstärke abgespielt wird: Die raue Stimme Hammills, später noch fett unterstrichen vom fast triefend-klagenden Saxophon, gräbt sich dabei wie eine Rasierklinge unter die Haut und wühlt sich ihren Weg in das Zentrum des eigenen Körpers. Wenn ein geliebter Mensch stirbt, fühlt sich das genauso an, wie Hammill es hier beschreibt.

Montag, 20. Januar 2014

"Memory of the Camps": Die Filmaufnahmen aus den KZs nach ihrer Befreiung



Es gibt mehrere Versionen dieses Filmes im Netz; ich habe diese aufgrund der vergleichsweise guten Bild- und Tonqualität ausgesucht. Die spanischen (oder portugiesischen?) Untertitel stören nicht, wie ich finde.

Anmerkung: Wer meint, schon alles zu diesem furchtbaren Thema gesehen zu haben, sollte sich diese Rohfassung einer nicht fertiggestellten Dokumentation aus dem Jahr 1945 erst recht ansehen, die nun endlich - wenn auch immer noch gekürzt - öffentlich zugänglich ist. Es handelt sich um vielfach ungeschnittene Filmaufnahmen von russischen und amerikanischen Kameraleuten, die das dokumentieren, was die Alliierten damals in den befreiten Lagern im ganzen Kriegsgebiet vorgefunden haben und was kurz nach den Befreiungen dort geschah. Es ist dabei völlig nebensächlich, dass der Regisseur Alfred Hitchcock an der Bearbeitung der Dokumentation beteiligt war - auch wenn genau dies der alleinige Grund gewesen ist, weshalb wenige Medien wie das neoliberale Kampfblatt Der Spiegel oder der britische, ebenfalls kapitalistisch abhängige "Independent" überhaupt über diese Restauration eines Filmdokuments berichtet haben.

Wichtig allein sind die Aufnahmen - und auch der weitgehend erhalten gebliebene englische Kommentar dazu ist zeithistorisch durchaus sehr informativ. Ich habe schon viele, mehr oder weniger gut ausgearbeitete Dokumentationen über die befreiten Konzentrationslager nach dem Krieg gesehen, aber nirgends habe ich die Situation so ungeschminkt, so deutlich und in ihrem wahnsinnigen Extrem so entwaffnend ehrlich in ihrer puren Grausamkeit und Menschenverachtung gesehen, wie das hier der Fall ist. Gerade die Tatsache, dass der Film nicht fertiggestellt worden ist, sondern nur in dieser auf youtube leider immer noch geschnittenen Rohfassung vorliegt, macht ihn zu einem noch viel eindrücklicheren, noch unmanipulierteren Dokument dieses bislang finstersten Kapitels der deutschen Geschichte.

Was Spiegel & Co. bei der ohnehin hanebüchenen, extrem dürftigen und oberflächlichen Berichterstattung über dieses Dokument - wie immer im Zusammenhang mit dem Holocaust - völlig unter den Tisch fallen lassen, sind die kapitalistischen Ursachen, die damals in letzter Konsequenz und in logischer Genauigkeit Schritt für Schritt zu diesem irrsinnigen Horror geführt haben, der für Millionen von Menschen die reale Hölle auf der Erde bedeutet hat. Selbstverständlich ziehen diese Propagandamedien auch keine weitergehenden Schlüsse daraus, die etwas mit den heutigen, in eine ganz ähnliche Richtung driftenden Entwicklungen - oder eher: Wiederholungen - des kapitalistischen Systems zu tun haben. Die Drangsalierung und Schikanierung von Menschen, die Einteilung in "wertvolle", "nutzbare" und "unnütze" Menschen ist längst wieder im vollen Gange - und sogar der offen herausposaunte Rassismus beispielsweise gegen Muslime oder "Zigeuner" gehört zu unserem gesellschaftlichen und vor allem politisch-medialen Alltag.

Während sich die "Elite" einmal mehr die teigigen Hände reibt und vor lauter aus allen Ritzen quellendem Superreichtum gar nicht mehr weiß, wie und weshalb sie denselbigen überhaupt noch vermehren soll, zerfleischen sich die restlichen 99 Prozent der stetig verarmten und ausgebeuteten Menschen wieder gegenseitig, suchen wie von Sinnen untereinander die "Schuldigen" für die Verarmung und gehen einmal mehr den verschiedensten Formen des Faschismus' auf den grenzdebilen Leim. Und die Herrschaft grinst wohlgefällig dazu, bleibt wie immer im Hintergrund und wird nicht angeklagt. Eigentlich fehlt da nur noch, dass sie wieder groteske Perücken und Kostüme statt Anzügen und Schlipsen zu tragen beginnt - der Rest unterscheidet sich vom Feudalismus der gruseligen Vergangenheit nicht mehr.

Der Film verdient einen neuen, einen treffenderen Titel. Ich nenne ihn deshalb: "Dahin führt uns der Kapitalismus - zwingend, logisch und letztlich unausweichlich". - Wer das gerne möchte, mache einfach weiter wie bisher.

---

"Hier trägst Du mit"



(Plakat einer faschistischen Ausstellung des Reichnährstandes über "Rassenhygiene" mit der Aufschrift: "Hier trägst Du mit. Ein Erbkranker kostet bis zur Erreichung des 60. Lebensjahres im Durchschnitt 50.000 [Reichsmark]." In: Volk und Rasse, Illustrierte Monatszeitschrift für deutsches Volkstum [sic!], hg. v. Heinrich Himmler und Richard Walther Darré, Nr. 10, 1936)

Freitag, 17. Januar 2014

Zitat des Tages: Hobbyraum


Meine Söhne, sagt Herr Fahrenkamp, sind wortkarg genug. Ich frage sie dieses und jenes, ich bin kein Unmensch, es interessiert mich, was die Jugend denkt, schließlich war man selbst einmal jung. Wie soll nach Eurer Ansicht die Zukunft aussehen, frage ich und bekomme keine Antwort, entweder meine Söhne wissen es selber nicht oder sie wollen sich nicht festlegen, es soll alles im Fluss bleiben, ein Fluss ohne Ufer sozusagen, mir geht das auf die Nerven, offen gesagt. Darüber, was es nicht mehr geben soll, äußern sich meine Söhne freimütiger, auch darüber, wen es nicht mehr geben soll, den Lehrer, den Richter, den Unternehmer, alles Leute, die unseren Staat aufgebaut haben, in größtenteils demokratischer Gesinnung, aus dem Nichts, wie man wohl behaupten kann, und das ist jetzt der Dank. Schön und gut, sagen meine Söhne, aber Ihr habt etwas versäumt, und ich frage, was wir versäumt haben, die Arbeiter sind zufrieden, alle Leute hier sind satt und zufrieden und was gehen uns die Einwohner von Bolivien an. Ihr habt etwas versäumt, sagen meine Söhne und gehen hinunter in den Hobbyraum, den ich ihnen vor kurzem habe einrichten lassen. Was sie dort treiben, weiß ich nicht. Meine Frau meint, dass sie mit Bastelarbeiten für Weihnachten beschäftigt sind.

(Marie Luise Kaschnitz [1901-1974]: "Steht noch dahin. Neue Prosa", 1970)

Anmerkung: Dieser beeindruckende, lakonische und trotzdem hochexplosive Text der hochverehrten Marie Luise Kaschnitz aus einer vergangenen Zeit, in der es noch eine Jugend gab, auf die man Hoffnungen setzen konnte, sei heute vor allem all jenen blinden Apologeten ans Herz gelegt, die auch heute wieder dumpfe Besitzstandswahrung betreiben und das kapitalistisch verursachte massenhafte Leid in weiter entfernten Regionen der Welt einmal mehr auszublenden versuchen, indem sie es entweder ignorieren oder einfach als "deren Problem" bezeichnen, mit dem "wir" nichts zu tun hätten. Lest dieses Buch und macht Euch den Irrsinn, den Ihr propagiert, bewusst.

Marie Kaschnitz, die zwei Weltkriege, eine Monarchie, eine faschistische Horror-Diktatur und zwei Demokratieversuche hautnah miterlebt hat, deutet den neu aufgesetzten Kapitalismus nach dem zweiten Weltkrieg kurz vor ihrem Lebensende im Jahr 1970 als eine geradezu zwingende Ursache für gewalttätigen Terrorismus, der in der Mitte der "bürgerlichen" Gesellschaft - und gerade nicht an ihren "Rändern" - entsteht. Heute sind wir in diesem bösen Spiel längst einen Akt weiter: der Terrorismus in der westlichen Welt wird nun größtenteils nur noch erfunden und herbeifabuliert bzw. staalich selbst herbeigeführt, um die Menschen stetig weiter ihrer zuvor blutig erkämpften Rechte und Freiheiten zu berauben, während der Großteil der einstmals kritischen Jugend heute längst wie der Rest der Bevölkerung in den klebrigen Netzen des kapitalistischen Konsumwahns gefangen und ruhiggestellt ist.

Ich persönlich sehne mich brennend nach einer Jugend, die sich wieder im Hobbyraum mit "Bastelarbeiten für Weihnachten" á la Kaschnitz beschäftigt, anstatt irgendwelchen hirnrissigen kapitalistischen "Trends" nachzujagen, die sie letztlich zu folgsamen Vasallen und Sklaven dieses perversen Systems machen. Die "Weiße Rose" sollte doch der Maßstab sein und nicht der kapitalistische Dreck. Der Kiezneurotiker schrieb vor einigen Wochen zu diesem Thema (den Link habe ich leider nicht parat, sorry), dass er die nächste Generation da in der Pflicht sieht und sich sinngemäß darauf verlässt, diese würde den kapitalistischen Schlips-Borg das angemessene und längst überfällige Kontra schon entgegenschleudern. Diesen recht positiven Zukunftsglauben teile ich leider nicht - ich fürchte statt dessen, dass der kapitalistische Alptraum nunmehr seiner Vollendung entgegen strebt und dass diesmal tatsächlich das dauerhafte Orwell-System installiert wird.

Ich hoffe selbst inständig, dass ich mich irre.

---

Nur Optimismus bringt Rettung!


"Ewig bleibt es ja nicht Winter; sobald das Eis schmilzt, kann ich wieder schwimmen."

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 42 vom 15.01.1933)

Donnerstag, 16. Januar 2014

Coverversion des Tages: Moonlight Shadow




(Deathlike Silence: "Moonlight Shadow", aus dem Album "Saturday Night Evil", 2009)

The last that ever she saw him
Carried away by a moonlight shadow
He passed on worried and warning
Carried away by a moonlight shadow

Lost in a riddle that saturday night
Far away on the other side
He was caught in the middle of a desperate fight
And she couldn't find how to push through

The trees that whisper in the evening
Carried away by a moonlight shadow
Sing a song of sorrow and grieving
Carried away by a moonlight shadow

All she saw was a silhouette of a gun
Far away on the other side
He was shot six times by a man on the run
And she couldn't find how to push through

I stay, I pray, see you in heaven far away
I stay, I pray, see you in heaven one day

4 a.m. in the morning
Carried away by a moonlight shadow
I watched your vision forming
Carried away by a moonlight shadow

Stars move slowly in a silvery light
Far away on the other side
Will you come to talk to me this night
But she couldn't find how to push through

I stay, I pray, see you in heaven far away
I stay, I pray, see you in heaven one day

Caught in the middle of a hundred and five
The night was heavy but the air was alive
She couldn't find how to push through

I stay, I pray, see you in heaven far away
I stay, I pray, see you in heaven one day



Anmerkung: Diese wunderbar frische finnische Version des alten Mike-Oldfield-Klassikers gehört für mich zu den wenigen Ausnahmen der Coverversionen, die das Original noch übertreffen. Die Stimme dieser Sängerin und deren tonaler Bereich sind umwerfend und beeindruckend - und die metallische Instrumentierung, die eigentlich zu diesem "zarten" Song so gar nicht passen sollte, wirkt hier so stimmig, als sei das Stück nie anders konzipiert gewesen.

Über den im Grunde recht dämlichen Text kann man da schon hinwegsehen, finde ich. ;-) Das Video könnt ihr ebenfalls ignorieren - das ist offenbar rein privat und hat mit dem Song nichts zu tun.

Europas "Flüchtlingspolitik": Der Gipfel des Zynismus


Europas Bürokraten haben vergessen, dass auch von hier einmal Millionen Menschen vor Krieg und Verfolgung flüchteten. Jeder Migrant, der sterben muss, ist eine weitere Anklage gegen die aktuelle europäische Zuwanderungspolitik.

(...) Doch die drakonischen Maßnahmen, die Anfang Dezember in Kraft getreten sind, würde ich als den Gipfel des europäischen Zynismus beschreiben. Eurosur genannt, wird das neue europäische Grenzüberwachungssystem mit Drohnen und biometrischen Programmen gegen die illegalen Reisenden im Mittelmeerraum vorgehen. (...)

Es ist an der Zeit, dass die Europäer sich in die historische Situation zurückversetzen, in der sie selbst vor 100 oder mehr Jahren waren. Ich gehe davon aus, dass die Europäer die Migrationsgeschichte ihres Kontinentes nicht vergessen haben. Eine Geschichte, die unabänderlich mit Umsiedlungen und Vertreibungen an anderen Orten dieser Welt verknüpft ist. Die Geschichte von Millionen Europäern, die die Ozeane überquerten auf der Flucht vor Armut und Hungertod, mörderischen Kriegen, religiöser Verfolgung oder der sozialen Ungerechtigkeit. In Irland, Frankreich, Finnland, Norwegen, Italien oder England. / Dass ich die Menschen daran erinnern muss, macht mich traurig. Und ich bin entsetzt darüber, dass man die Versprechungen, die nach den 350 Toten von Lampedusa gemacht wurden, bereits verraten hat.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Dieser Artikel des somalischen Schriftstellers Nuruddin Farah aus der Frankfurter Rundschau trifft den Nagel auf den Kopf und darf getrost als schallende Ohrfeige beispielsweise für die Schmierfinken und Gossentrompeter aus der CDU/CSU gewertet werden, die sich auch weiterhin nicht entblöden, fortdauernd gegen Flüchtlinge zu hetzen. Es ist bezeichnend und extrem beschämend, dass ein solcher notwendiger Aufruf ausgerechnet aus Afrika erfolgen muss, weil sich hier offenbar kein ähnlich prominenter Autor dafür gefunden hat.

Tatsächlich hat sich die europäische "Flüchtlingspolitik", die eher eine Bezeichnung wie "asoziale Politik zur Bekämpfung von Flüchtlingen" verdient, weiter massiv verschärft. Der Autor erwähnt dieses furchtbare Grenzüberwachungssystem namens "Eurosur" selbst, ohne es näher zu beschreiben. Wer diesen Begriff im Netz sucht, wird schnell fündig - nahezu alle Mainstreammedien haben im Dezember darüber - mehr oder meist weniger kritisch - berichtet. Dabei reicht es eigentlich schon aus, kurz das eigene Hirn anzuwerfen, um zu dem logischen Schluss zu gelangen, dass eine solche totalitaristisch anmutende Verschärfung der Grenzkontrollen, die erklärter Maßen der "Abwehr von illegalen Flüchtlingen" [sic!] dienen soll, nicht gleichzeitig auch ein Instrument zur "Rettung von Flüchtlingen" sein kann.

Das Geschwätz der Bürokraten zu diesem Thema ist schon unerträglich genug - noch schlimmer aber wird es, wie immer, wenn jemand von der extremen Rechten dazu etwas in die Welt plärrt, wie es beispielsweise der CSU-Europaabgeordnete Markus Ferber hier getan hat: "Das europäische Modell kann ja nicht heißen: Wer es schafft, möglichst in die Nähe europäischer Küsten zu kommen, der hat ein Aufenthaltsrecht in der EU, dem wird geholfen." Welch ein widerliches Menschenbild muss jemand in der begrenzten Enge seines muffigen Schädels ausgebrütet haben, um angesichts des Leids und Elends so vieler hilfesuchender Menschen einen dermaßen zynischen Satz herauszuhauen! Ich frage mich bei solchen Leuten stets, wie dieser Kerl wohl seinerzeit einem aus einem KZ geflohenen Juden begegnet wäre, wenn er ihm über den Weg gelaufen wäre; oder wie er auf die vielen, vielen Schiffsladungen voller meist völlig verarmter Menschen aus Europa reagiert hätte, die seinerzeit in Nordamerika, Australien oder Neuseeland auf der Suche nach einer besseren Zukunft angekommen sind.

Ein "modernes Überwachungssystem" wie "Eurosur" ist natürlich nicht kostenlos zu haben - Wikipedia berichtet dazu: "Mit Stand von Oktober 2013 werden 244 Millionen Euro aus dem Haushalt der Europäischen Union für Installation und Betrieb des Systems bis 2020 bereitgestellt. Kritiker befürchten hingegen, dass das Projekt eher eine Milliarde kosten wird." Da werden ohne großes politisches Schwadronieren hunderte bis eintausend Millionen aus dem Ärmel gezaubert, um möglichst viele Menschen möglichst effektiv daran zu hindern, vor Armut, Hunger, Krieg oder Verfolgung nach Europa zu flüchten - wo sie, wenn sie es dennoch schaffen, mit noch geringeren Hilfen als dem menschenunwürdigen Hartz-Terror-Satz abgespeist und noch dazu in Ghettos, Lagern oder heruntergekommen "Heimen" kaserniert werden, wenn sie nicht sofort im "Abschiebe"-Knast landen. Einen solchen Zynismus muss man in der Tat erst einmal erfinden - dazu gehört schon so viel Niedertracht und Menschenverachtung, dass ich gar nicht ermessen kann, wieviel davon die tatsächliche Umsetzung dieser perversen Strategie wohl erfordern mag.

Nebenbei sollten wir auch bedenken: Ein solches zentralisiertes Super-Überwachungssystem wie "Eurosur" wird mittelfristig selbstverständlich nicht auf die Außengrenzen Europas beschränkt bleiben - ich habe die Jubelhymnen der Überwachungsfetischisten schon im Ohr, wie wunderbar eine solche flächendeckende, zentral erfasste und gespeicherte Überwachung aller BürgerInnen Europas doch wäre, um die Millionen von Terroristen, Pädophilen oder wahlweise "Internet-Kriminellen" endlich dingfest machen zu können. Der Schritt von einem wahnwitzigen, geradezu absurden Konstrukt wie den "illegalen Flüchtlingen" zu so etwas wie "illegalen BürgerInnen" ist nur ein sehr, sehr kleiner.

---

Problem "Europa" endlich gelöst!

Nachdem die von allen Nationen beschickte Konferenz
siebenundzwanzig volle Wochen in Permanenz
getagt hatte, ohne eine Lösung der Krise zu finden,
kamen die Herren Delegierten zuletzt überein
und ließen solches durch alle Rundfunksender verkünden -:

Es würde unter den gegebenen Verhältnissen das Beste sein,
Europas Völker zögen mit Kind und Kegel von hinnen
und ließen den alten Kontinent einfach im Stich,
um irgendwo in der Welt, jeder streng für sich,
ein vollkommen neues und besseres Leben zu beginnen.

Der alte Erdteil sei eben ein so hoffnungsloses Terrain,
gedüngt mit Blut, Tränen, Hass und Geschrei,
die Luft verpestet mit kriegerischen Gesängen,
dass nach der einstimmigen Meinung aller Experten
leider nicht die geringste Aussicht vorhanden sei,
es könne hier jemals wieder besser werden.

Über die technische Durchführung des gigantischen Umzugs
habe man sich bereits bis ins kleinste verständigt
und denke sich die Sache etwa so:
Schon übermorgen werden durch Cooks Reisebüro
allen Völkern Pässe und Fahrscheine ausgehändigt.

Bei Inanspruchnahme der gesamten Weltschifffahrts-Tonnage
ist es dann ein leichtes, binnen vier Wochen
Europa völlig zu evakuieren
und die Völker nach ihren neuen Wohnsitzen zu transportieren,
deren Zuteilung wie folgt geschieht:

Die Franzosen wohnen im nördlichen Polargebiet,
die Deutschen, endlich genügend von jenen getrennt,
im großen antarktischen Kontinent,
die Italiener in der arabischen Wüste,
die Jugoslawen an der brasilianischen Küste,
die Österreicher im Feuerland,
die Tschechen am nördlichen Eismeerstrand ...

Auf diese Weise, hofft man, wird es gelingen,
die Völker endlich zur Räson zu bringen;
denn wenn sich keine Reibungsflächen mehr ergeben,
müssen sie doch schließlich in Frieden leben.

(Hans Seiffert [1898-1964], in "Simplicissimus", Heft 19 vom 10.08.1931)