Dienstag, 4. Oktober 2011

Zitat des Tages

Ohne Nägel und Holz kann man kein Haus bauen. Will man den Bau eines Hauses verhindern, beseitige man die Nägel und das Holz. Will man verhindern, dass es politische Unzufriedenheit gibt, sorge man dafür, dass der Mensch nicht beide Seiten einer Frage kennen lernt, nur die eine. Oder noch besser, gar keine. Er soll vergessen, dass es etwas wie Krieg gibt. Ist die Obrigkeit unfähig, aufgebläht, steuersüchtig, ist es besser, die Leute machen sich darüber keine Gedanken.

(Ray Bradbury [*1920]: Fahrenheit 451, 1953)

Es wird Winter: England schafft den Sozialstaat ab

(...) David Cameron ist offenbar entschlossen, [den britischen Wohlfahrtsstaat] endgültig zu fällen. Nach den "Blackberry-Krawallen" Anfang August, den Brandschatzungen und Plünderungen in den heruntergekommenen Stadteilen von London, Manchester, Liverpool und Birmingham, stellte er noch einmal klar, dass er an den Einsparbeschlüssen festhalten werde und die Zeiten "des Wohlfahrtsstaates, der Nichtstun belohnt", vorbei seien. Die Kommunen rief er dazu auf, verurteilten Randalierern umgehend die Sozialwohnung zu kündigen. Von den heftigen Kürzungen des Polizei-Etats – einschließlich des Stellenabbaus um zwölf Prozent – will der Regierungschef nicht abrücken. Bei weiteren Krawallen könne man ja die Armee oder (wie einst in Nordirland) Wasserwerfer und Gummigeschosse einsetzen.

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Anmerkung: Der Bürgerkrieg scheint in greifbare Nähe zu rücken - die neoliberale Bande zeigt nicht den Hauch einer Einsicht. Auf der Insel werden Arme und Abgehängte eiskalt in die Knäste oder die Obdachlosigkeit geschickt, in der EU werden weiterhin privaten Banken permanent Milliarden Steuergelder in die unersättlichen Rachen gestopft, während die Bevölkerungen weiter verarmt und ausgeblutet werden - allen voran auch dort natürlich die Ärmsten.

Merkt von diesen Schlips-Borg denn tatsächlich niemand, dass sie da permanent an den Lunten eines riesigen europäischen Pulverfasses zündeln - oder meinen sie allen Ernstes, die Polizeien und Armeen würden das Problem schon richten, wenn es explodiert?

Zumindest Herr Cameron scheint diese Meinung ja zu vertreten. Ich schließe mich allerdings dem Autor des verlinkten Textes an, der meint: "Wie lange wird es wohl dauern, bis die Mehrheit der britischen Gesellschaft die herrschende polit-ökonomische Klasse satt hat und ihr in einem Schnellverfahren die Freiheit nimmt, immer mehr (jungen) Menschen die Chance auf ein würdiges Leben in Freiheit zu rauben?"

Menschenunwürdig: Wie Flüchtlinge in Deutschland kaserniert werden

(...) Marode Fenster und bröckelnde Wände, Schimmel und Algenbildung, zerstörte Bausubstanz. Das sind keine Bilder aus einer alten Militärkaserne irgendwo in Afrika, das sind Bilder aus Deutschland im Jahre 2011. Hier müssen Menschen leben, oft viele Jahre. Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, Asylbewerber. Viele wollen aus Angst vor Repressionen nicht erkannt werden. Aber sie wollen reden über die Zustände.

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Anmerkung: Dieser viel zu kurze und daher zu oberflächliche Bericht gibt einen ersten Eindruck davon, wie Flüchtlinge in Deutschland oftmals leben müssen. Es ist unfassbar, dass diese Zustände bereits seit Jahren andauern, ohne dass sich etwas zum Positiven verändert hat - offenbar will die neoliberale Bande mit ihrem menschenverachtenden "Abschreckungsprinzip" einfach weitermachen wie zuvor. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Eines der reichsten Länder dieser Erde behandelt Menschen, die als Flüchtlinge hierher kommen, gezielt und bewusst schlecht und pfercht sie in Bauruinen auf engstem Raum zusammen, um so andere Menschen "abzuschrecken". Zu so viel gelebter christlicher Nächstenliebe fällt mir nichts Höfliches mehr ein.

Diese Gesellen, die so etwas diskutieren, beschließen, in die Tat umsetzen und offenbar auch weiterhin daran festhalten wollen, gehören unter Johlen und Pfeifen aus dem Land gejagt - und sei es nur um mal am eigenen Leib zu erfahren, wie das so ist als Flüchtling in einem fremden Land ... da hingen wohl so manche Schlipse und Knopfleisten in den schlotternden Kniekehlen.

Ich schäme mich in Grund und Boden für diese menschenverachtende, faschistoide neoliberale Politik.

Donnerstag, 29. September 2011

Zitat des Tages

Sonneborn: In 13 Jahren Titanic hatte ich durch zahlreiche Polit- und Telefonaktionen ja sehr viel Kontakt mit den Bürgern, da kann mich gar nichts mehr erschrecken. Ich fürchte, das, was wir an den Telefonen hatten ...

ZEIT CAMPUS: ... zum Beispiel "Bild"-Leser, die Sie aufgrund der WM-Bestechung beschimpft haben: "Im Rechtsstaat gehören Typen wie Sie ins KZ" oder "ausgewandert" ...

Sonneborn: ... das ist schon repräsentativ. Mündig sind wohl nur wenige Prozent der Bevölkerung.

(Martin Sonneborn, im Interview mit Zeit Campus vom 18.02.2009)

Ein langsames, qualvolles Sterben

Ein kürzlich übersetztes Buch schildert den grausamen Tod des Arbeiters Hisashi Ouchi, der in der japanischen Atomfabrik Tokaimura nordöstlich von Tokio verstrahlt wurde. (...)

Erst am siebten Tag schrie Ouchi: "Ich kann nicht mehr. Ich will das nicht mehr. Vergessen Sie die Behandlung. Ich gehe nach Hause." Erstmals verlor er die Fassung und herrschte das Personal an: "Ich bin doch kein Versuchskaninchen." Das Pflegepersonal und die ÄrztInnen konnten nicht anders, sie machten weiter. Am elften Tag drohte seine Atmung auszusetzen, weshalb sie einen Schlauch in die Luftröhre einführen mussten, um ihn zu beatmen. Fortan konnte er auch nicht mehr sprechen.

Irgendwann begannen seine inneren Schleimhäute zu bluten. Doch sein Herz war stark und erbrachte über Wochen die Leistung eines Marathonläufers.

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Anmerkung: Nur zur Erinnerung: Atomkraftwerke sind in den Industrienationen - natürlich auch in Deutschland - weiterhin auf unabsehbare Zeit völlige Normalität. Das dumme Gerede vom "Atomausstieg", der von der neoliberalen Bande in eine ferne Zukunft verlegt wurde und jederzeit vorher wieder gekippt werden kann, ist nichts als üble Propaganda und der (offenbar recht erfolgreiche) Versuch, vom Thema abzulenken und die Kritiker ruhigzustellen.

Das in Rede stehende Buch über den langsamen, qualvollen Tod des verstrahlten Arbeiters sollte Pflichtlektüre an allen Schulen werden.

Die Kriegswirklichkeit in Libyen

(...) Namhafte Kritiker sagen, die NATO habe den Krieg und mit ihm ihr Gesicht schon verloren, als Millionen Libyer auf die öffentlichen Plätze strömten und gegen diese Intervention und für ihren Revolutionsführer demonstrierten. Man kann versuchen, das alles vor der Welt zu verheimlichen. Die Medien helfen dabei, filtern die Nachrichten, zensieren, was nicht bekannt werden soll. Früher oder später aber wird die Wahrheit herauskommen.

Wer herkommt und in die Gesichter dieser Unschuldigen blickt, begreift, dass wir, die NATO-Staaten, nicht so gut sind, wie wir uns dünken. Und dass man diesen Krieg hätte vermeiden müssen. Und dass man ihn stoppen muss, bevor unser letztes bisschen Würde verloren geht.

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Anmerkung: Man muss Gaddafi nicht unterstützen und darf es als ziemlich verwegen empfinden, diesen Diktator weiterhin als "Revolutionsführer" bezeichnet zu finden - die Kritik am schrecklichen Krieg der NATO in Libyen berührt das nur am Rande. Dieser Kriegsbericht aus dem gebeutelten Land hilft allemal, das dortige Geschehen etwas differenzierter zu betrachten, als uns das unsere Propagandamedien ermöglichen.

Mittwoch, 21. September 2011

Volker Pispers: "Deutschland geht es gut"

Der neoliberale Irrsinn in Deutschland - gestern und heute

Hinweis: Den nachfolgenden Text habe ich bereits vor fünf Jahren geschrieben. Ich zerre ihn deshalb aus dem Archiv, weil ich jüngst den Tucholsky-Text wiedergelesen habe, aus dem ich dort zitiere - und weil er, wie ich finde, leider aktueller ist denn je.

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In den Redaktionen, an die der unten stehende Text geschickt wurde, ist er bislang ignoriert worden – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Die Rolle der Medien in diesem groß angelegten, umfassenden Angriff auf soziale und gesellschaftliche Errungenschaften der letzten 100 Jahre könnte perfider kaum sein. Es liegt doch auf der Hand, was passieren wird, wenn Unternehmen und Reiche sich nicht mehr am "Solidarsystem" (das es faktisch fast nicht mehr gibt – der SPD, CDU, FDP und den Grünen sei's gedankt) beteiligen. Der Zusammenbruch der Systeme ist da vorprogrammiert – das erkennt sogar ein Laie. Offenbar ist aber genau das beabsichtigt - wiederum wegen der kurzfristigen Gewinne, die die Versicherungswirtschaft daraus ziehen kann. Mittel- bis langfristig aber wird das auch auf die Wirtschaft katastrophale Auswirkungen haben. Wir sind ja heute schon so weit, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung sich all die tollen Dinge, die da täglich in der Werbung angepriesen werden, überhaupt nicht mehr leisten kann. Welcher Arbeitslose ist wohl mit 345 Euro monatlich in der Lage, sich ein neues Auto, einen dieser tollen neuen Fernseher oder eine "private Rentenversicherung" zu kaufen? Dasselbe gilt für all die Menschen, die mit Hunger- und Niedriglöhnen auskommen müssen – und die längst nicht mehr größtenteils aus "unteren sozialen und/oder bildungsfernen Schichten" stammen.


Kurt Tucholsky schrieb 1931: "Wer soll sich denn das noch kaufen, was sie da herstellen? Ihre Angestellten, denen sie zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel geben, wenn sie sie nicht überhaupt auf die Straße setzen? Die kommen als Abnehmer kaum noch in Frage. Aber jene protzen noch: dass sie deutsche Werke seien, und dass sie deutsche Kaufleute und deutsche Ingenieure beschäftigen – und wozu das? 'Um den Weltmarkt zu erobern!' So schlau wie die deutschen Kaufleute sind ihre Kollegen jenseits der Grenzen noch alle Tage. Es setzt also überall jener blödsinnige Kampf ein, der darin besteht, einen Gegner niederzuknüppeln, der bei vernünftigem Wirtschaftssystem ein Bundesgenosse sein könnte. (...) Der unbeirrbare Stumpfsinn, mit dem diese Kapitalisten ihre törichte Geldpolitik fortsetzen, immer weiter, immer weiter, bis zur Ausblutung ihrer Werke und ihrer Kunden, ist bewundernswert. Alles, was sie seit etwa zwanzig Jahren treiben, ist von zwei fixen und absurden Ideen beherrscht: Druck auf die Arbeiter und Export. / Für diese Sorte sind Arbeiter und Angestellte, die sie heute mit einem euphemistischen und kostenlosen Schmeichelwort gern 'Mitarbeiter' zu titulieren pflegen, die natürlichen Feinde. Auf sie mit Gebrüll! Drücken, drücken: Die Löhne, die Sozialversicherung, das Selbstbewusstsein – drücken, drücken! Und dabei merken diese Dummköpfe nicht, was sie da zerstören. Sie zerstören sich den gesamten inneren Absatzmarkt." (vgl. hier) – Es wird einem angst und bange, wenn man darüber nachdenkt. Die Warnschüsse der Aufstände in den USA und Frankreich reichen offenbar nicht aus, um diesen Irrweg zu verlassen.

Und die meisten Medien spielen dieses große Theaterstück geflissentlich mit – auch sie sind ja größtenteils in der Hand der "großen Wirtschaft". So kommt es, dass sogar Medienwissenschaftler nun zu dem Schluss gelangen: "Die Wahrnehmung der Bürger ist im realen, sozialen Leben eine völlig andere als die, welche sie von den etablierten Medien präsentiert bekommen. Dies führt dann zu einer wachsenden Entfremdung und Distanz und letztlich zu einer Politik- und Demokratieverdrossenheit – wobei sich die Verdrossenheit auf die Art bezieht, mit der die Demokratie real praktiziert wird, und nicht auf die Demokratie als Staatsform an sich. (...) (Das) wird ähnliche Auswirkungen wie im Ostblock vor 1989 haben. Dort gab es die zensierten Medien der Partei, die alles schöngezeichnet haben. Und dann gab es das, was in den Medien nicht vorkam, was die Bürger aber am eigenen Leibe erlebt haben. Bitterfeld in der ehemaligen DDR beispielsweise. Darüber hatte Monika Maron ihren Roman „Flugasche“ verfasst und daraufhin erhebliche Schwierigkeiten mit der Staatsmacht bekommen, denn offiziell gab es ja kein Umweltschutzproblem in der DDR. / Und das gleiche werden wir jetzt auch erleben: Seit Jahren werden die Reformen gepredigt, werden die „Agenda 2010“ und „Hartz IV“ als Lösungen verkauft. Gleichzeitig verlieren zunehmend Menschen aus der Mittelschicht ihre Beschäftigung und müssen ihre Wohnungen verlassen, die ihnen dann (nach den Maßstäben von Hartz IV) nicht mehr zugestanden werden. Das führt zu einem stärker werdenden Misstrauen gegenüber der Oligarchie aus Staat, Wirtschaft, Verbänden und etablierten Medien. Daraus kann sich ein Protestwählertum ergeben ..." (Prof. Dr. Christoph Werth; vgl. hier) ... oder auch etwas noch viel schlimmeres.

Wer heutzutage noch einen halbwegs sicheren Job hat, der noch dazu einigermaßen angemessen bezahlt wird, kann heilfroh sein. Selbstverständlich ist all das in diesem Land längst nicht mehr. Und die große Koalition wütet und zerstört munter weiter – ohne Rücksicht und vor allem ohne Weitsicht für die Konsequenzen dieser umfassenden Zerstörung, die sie "alternativlose Reformen" nennt. Es ist schier unbegreiflich, wieso die Bevölkerung diesem perversen Treiben einfach tatenlos zusieht. Früher oder später wird es jeden treffen (mit Ausnahme derer, die wirklich viel Geld besitzen – wobei auch das angesichts eines jederzeit möglichen Börsenzusammenbruchs unsicher ist). Die alleinigen Gewinner solcher Strategien sind multinationale Konzerne, die eine Region, die sie abgegrast haben, einfach verlassen und sich eine neue "Melkkuh" suchen können, wie sie das jetzt beispielsweise mit China und Indien tun. Auch dort profitiert nicht etwa der Großteil der Bevölkerung in Form von mehr Wohlstand, sozialer Sicherheit etc. vom "großen Aufschwung" – ganz im Gegenteil. Es sind auch dort nur einzelne Personen und Unternehmen, die sehr reich werden – die überwältigende Mehrheit der Menschen versinkt in verstärkter Armut, totaler Abhängigkeit und sozialem Elend.

Wo also bleibt der Aufschrei der Menschen, auch hierzulande? Sind wir denn wirklich schon so indoktriniert und geistig vernebelt, dass uns der klare Blick auf die wirklichen Fakten (nicht auf die Medien!) und das eigene Denken nicht mehr möglich sind? Wie kommt es, dass nicht beispielsweise jeder durch Nachdenken erkennt: Aha – jeder soll also für seine Rente "privat vorsorgen" – was ja nichts anderes heißt, als dass die Rentenbeiträge der Bürger weiter massiv steigen, die Anteile der Arbeitgeber aber nicht ... und gleichzeitig sollen Versicherungsunternehmen auch noch Gewinne machen, sich also einen weiteren Teil vom Kuchen abschneiden. All diese "Privatisierungen" – egal, ob sie nun die Rente, die Gesundheit, den öffentlichen Wohnungsbestand, staatliche Institutionen oder was auch immer betreffen – zielen allesamt in dieselbe Richtung: Der Bürger soll – sofern er es kann, ansonsten bleibt er eben außen vor – mehr bezahlen, der Staat und die Wirtschaft weniger – und gleichzeitig sollen auch noch Gewinne für die Wirtschaft anfallen, denn sonst würde sich ja kein Unternehmen dort engagieren. Und das alles angesichts stagnierender bzw. real sinkender Löhne, einem sich (gewollt) massiv ausbreitenden Niedriglohnsektor und Massenarbeitslosigkeit – inmitten einer Phase, in der die Wirtschaft die größten Gewinne seit Bestehen der BRD einfährt.

Und Kurt Beck stellt sich nun hin und fordert "mehr Anstand" von den Arbeitslosen – man müsse nicht "alles mitnehmen, was gesetzlich geht". Kann es wirklich noch grotesker zugehen? Eigentlich kann man darauf nur noch mit schwarzem Humor reagieren – wie es beispielsweise hier geschehen ist: "Als nächstes werden wir davon hören, dass er selbst (Kurt Beck) zum Beispiel seinen Steuerberater nicht mehr benötigt, um Steuern zu sparen, sondern aus lauter Anstand eben so viel wie möglich zahlt und auch auf Rückzahlungen verzichtet. Denn man muss ja nicht alles mitnehmen, was die Gesetze ermöglichen." (Vgl. hier)

Man könnte noch stundenlang weiter schreiben, Beispiele aufzählen und deutlich machen, wie absurd, kurzsichtig und vor allem gefährlich dieser neoliberale Irrweg ist, der indes unverdrossen und stoisch immer weiter verfolgt wird. Offenbar stimmt der furchterregende Satz Erich Kästners tatsächlich, der in den 30er Jahren gesagt hat, dass in Deutschland ein Weg offenbar erst bis zum bitteren Ende gegangen werden müsse, bevor zumindest ein Teil der Verantwortlichen erkennt, dass es sich um eine Sackgasse handelt – der Rest "knallt stur mit dem Kopf vor die Wand, bis er blutig ist und zum Denken gewiss nicht mehr taugt". – Heute gibt's nur den kleinen, aber feinen Unterschied, dass "die Verantwortlichen" sich nach dem Ende der "Amtszeit" auf ein wohliges finanzielles Polster fallen lassen können und sich nicht mehr darum scheren müssen, was sie angerichtet haben – und gleichzeitig oftmals von der Wirtschaft, die sie zuvor so schamlos begünstigt haben, mit netten, fürstlich bezahlten Pöstchen belohnt werden. Schröder und Clement sind ja nur die Spitze des Eisberges.

Und das Volk glotzt weiter wie eine dumme Kuh in den Flimmerkasten und bemerkt nichts davon – weder die Lügen, noch die stetig gieriger werdende Melkmaschine, noch den am Horizont düster rauchenden Schlachthof, der Tag für Tag immer näher kommt.

(alter Link)

Hunger in Afrika, unsere Katastrophe

  1. Die Hungerbilder, die wir bislang sahen und in den nächsten Wochen weiter zu sehen bekommen werden, zeigen das wahre Ausmaß der Katastrophe. Nämlich der unsrigen. Sie zeigen die Prioritätenliste der europäischen Staaten. Denn während Regierungschefs angesichts der Euro-Krise alles stehen und liegen lassen und für Milliardenkredite und Rettungen sogar nachts zueinander finden, während trotz Ferienzeit Telefonkonferenzen organisiert werden, um gemeinsam um Lösungen zu ringen, sterben vor ihren und unseren Augen Millionen Arme an Hunger. Wir reden hier nicht über Tausende, Hunderttausende, sondern über zehn Millionen Menschen, die hungern, und 2,5 Millionen Menschen, die in akuter Lebensgefahr sind.

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  2. Die Krise in und um Somalia wird eindimensional als "Hungersnot am Horn von Afrika" oder "schlimmste Dürre seit 60 Jahren" beschrieben. Wer nur natürliche Ursachen für diese Krise verantwortlich macht, ignoriert die komplexen geopolitischen Hintergründe, die die Lage so katastrophal machen. Das Verdrängen der von Menschenhand geschaffenen Ursachen für Hunger und Verhungern ist nicht hilfreich für die Krisenbewältigung.

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Anmerkung: Gerade der erste Artikel aus den Blättern ist sehr zu empfehlen. Es ist mir unbegreiflich, wie untätig Merkel und Niebel angesichts dieser Katastrophe bleiben, an der auch die deutsche Politik und Finanzwirtschaft ihre nicht unerheblichen ursächlichen Anteile haben. Niebel verstieg sich laut Artikel ja sogar zu einem zynischen Ausspruch, den man ihm am liebsten links und rechts um die Ohren hauen möchte! Im Artikel heißt es dazu wörtlich:

"Und wie sind die Aussagen des Entwicklungsministers Dirk Niebel zu bewerten, wenn er meint, die Afrikanische Union und die muslimischen Länder sollten sich stärker für ihre 'Glaubensbrüder und -schwestern' einsetzen? Hier drängt sich der Eindruck auf, dass die Welt immer dann in Religionsgemeinschaften aufgeteilt wird, wenn es um Hilfe und Humanität geht, also da, wo das Geben im Vordergrund steht – aber da, wo es ums Nehmen geht, weder Herkunft noch Glaube oder Hautfarbe im Wege stehen."


Mir fällt zu so viel Ignoranz und kalt-zynischer Menschenverachtung nichts Höfliches mehr ein. Man sollte Herrn Niebel und den ganzen Rest der Schlips-Borg, die durch Spekulationen die Preise für Grundnahrungsmittel in die Höhe treiben bzw. diese Spekulationen politisch zugelassen haben und weiterhin zulassen, auf Wanderschaft in Somalia schicken. Ohne Proviant, ohne Wasser, und ohne die Möglichkeit, von ihren neoliberalen Kumpanen gerettet zu werden. Erst dann verstünde diese Bande den Sinn und die absolute Dringlichkeit von Hilfslieferungen - und natürlich die ebenso absolute Dringlichkeit, den Finanzmarkt streng zu regulieren und vor allem solche Wetten auf Nahrungsmittelpreise unverzüglich zu verbieten.

Samstag, 17. September 2011

Berlin: Sie haben die freie Wahl!

Daniele Ganser über "politische Verschwörungen"

Der Schweizer Friedensforscher und Historiker Daniele Ganser ist einer der wenigen europäischen Wissenschafter, die sich mit der historischen Erforschung von 9/11 beschäftigen. Mit seinen Herangehensweise wird er nicht selten ins Eck der Verschwörungstheoretiker gestellt. Natürlich sei das Thema heikel, so Ganser gegenüber derStandard.at. Schließlich habe 9/11 etliche Länder in den Krieg geführt. Sollte die offizielle Version von 9/11 tatsächlich nicht stimmen, hätte man auch in Westeuropa ein Problem. Für diese "offizielle" Version gäbe es allerdings genauso wenig wissenschaftlich taugliche Beweise wie für andere. (...)

Ganser: Was den Begriff "Verschwörung" angeht, muss man ruhig bleiben und sich nichts vormachen: Es gibt immer wieder Verschwörungen in der Politik, das weiß jeder, der Internationale Politik studiert. Überall, wo zwei Personen etwas im Geheimen miteinander ausmachen, liegt eine Verschwörung vor. Die Schweinebuchtinvasion 1961 war eine Verschwörung, die Iran Contra Affäre in den 1980er Jahre war auch eine Verschwörung. Ich habe Bücher zu den Nato-Geheimarmeen, zur Kubakrise geschrieben - alles "Verschwörungen". Was mich aber erstaunt: Wenn man zu diesen Themen als Historiker arbeitet, gibt es keine Probleme. Erst wenn man zu 9/11 forscht kann es passieren, dass man als "Verschwörungstheoretiker" verunglimpft wird.

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Anmerkung: Ganser geht, wie gewohnt, seriös und wissenschaftlich zu Werke. Er sagt nichts grundlegend Neues, was aber im Rahmen eines solchen Interviews auch kaum möglich ist. Wer etwas mehr erfahren möchte, kann sich diesen Vortrag Gansers ansehen (in gut verständlichem Englisch).

Donnerstag, 15. September 2011

Zitat des Tages: Wer braucht die FDP?

Die Fragen [nach den Gründen für den Niedergang der FDP] sind nicht mehr eindeutig zu beantworten. Für eine repräsentative Auswertung, teilt die Forschungsgruppe Wahlen mit, sei die Zahl der verbliebenen FDP-Anhänger inzwischen zu gering.

(Ralph Bollmann in der "FAZ" vom 11.09.2011)


(Bild: kopperschlaeger.net)

Bundestag will keine staatliche Geldschöpfung

Angesichts der aktuellen Krise unseres Finanzsystems wird dieses derzeit von vielen Seiten einer erneuten Prüfung unterzogen. Die Stimmen, die wesentliche Aspekte des Geldsystems als fehlerhaft kritisieren, werden seit einigen Jahren auch im Mainstream immer lauter. Zentrale Kritikpunkte sind dabei immer wieder das Zins-System und die private Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken. Durch diese beiden Elemente, so wird kritisiert, gleicht unser Geldsystem quasi einer Kettenbrief-Struktur, bei der es unweigerlich zu einer Umverteilung von Vermögen, permanentem Wachstumszwang und regelmäßigen Zusammenbrüchen kommen muss.

Eine Petition beim Deutschen Bundestag hatte darum die Regierung aufgefordert, das Finanzsystem so umzugestalten, dass nicht mehr die privaten Banken, sondern nur noch der Staat Geld schöpfen darf.

Im Folgenden der Text der Petition und die Antwort der Bundesregierung zur weiteren Diskussion.

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Anmerkung: Es ist wahrlich grotesk, was der Petitionsausschuss da als Begründung für die (erwartbare) Ablehnung der Petition geliefert hat. Auf die Kernpunkte der Kritik am gegenwärtigen Geldsystem wird gar nicht eingegangen, statt dessen werden ganze Absätze voller verschwurbelter Unsinnigkeiten über das "Wesen des Geldes" u.a.m. zum Besten gegeben, die größtenteils nichtssagend und in den Kernaussagen falsch sind. Das ganze liest sich so, als wolle man einige große Lügen bewusst in einem Wust von nichtssagenden Worten und ganzen Textpassagen verstecken.

Insbesondere wird dort einfach begründungslos behauptet: "Ein Zwang zur permanenten Geldmengenausweitung oder zur Inflation besteht in einer solch modernen Geldwirtschaft mit einer unabhängigen Zentralbank nicht. Die Geschäftsbanken schaffen folglich auch nur scheinbar Geld 'aus dem Nichts'". Das Gegenteil ist richtig und wurde schon mehrfach - u.a. auch in der Petitionsbegründung (siehe Link oben) - ausführlich dargelegt und begründet. Als "Antwort" wird nun einfach wieder das Gegenteil behauptet - und das war's schon.

Besonders absurd wirkt auch die schlichte Entgegnung auf den korrekten Vorwurf bezüglich des Zinses. Der Ausschuss schreibt dazu einfach: "Die Kreditzinsen werden in der Regel durch zusätzliche Produktion und Einkommen erwirtschaftet." Genau das aber ist ja ein Teil des Vorwurfes und ein Kernpunkt des Problemes! Immer neue Kredite produzieren im gegenwärtigen System immer neue, zusätzliche Zinsen, die zusätzlich zur Kreditsumme erwirtschaftet werden müssen, so dass ein permanentes, exponentielles Wachstum erzwungen wird, das es aber niemals kontinuierlich geben kann.

Es gibt noch viele weitere Ansatzpunkte für Kritik an diesem Begründungstext, auf die ich aber nicht alle eingehen kann. Beispielhaft sei da nur noch einer hervorgehoben, nämlich die alberne Behauptung, die "Umverteilungswirkungen der Inflation" träfen "vor allem die Bezieher kleiner Einkommen". Auch hier ist wieder das genaue Gegenteil richtig - es liegt doch auf der Hand, dass eine Inflation, gar eine Hyperinflation für die Superreichen ein Horrorszenario darstellt, das weite Teile ihres ergaunerten Geldvermögens wertlos machen würde.

Es drängt sich hier der Eindruck auf, dass die Petition gar nicht ernsthaft bearbeitet worden ist. Die Begründung der Ablehnung besteht im Wesentlichen aus aneinandergereihten Textbausteinen, die die übliche Propaganda zur Rechtfertigung des gegenwärtigen Geldsystems zum Inhalt haben, ohne irgendwelche nachvollziehbaren Begründungen oder Nachweise zu liefern.

Mir persönlich ist nicht ein einziger Fall bekannt, in dem einer Petition jemals entsprochen wurde. Nach meinem Empfinden stellt die Möglichkeit, Petitionen beim Bundestag einzureichen, nur ein weiteres Instrument dar, das ausschließlich dazu dient, Bürger abzulenken und ruhigzustellen und die scheindemokratische Fassade dieses Staates zu stärken.

Hunger in den USA

Die Zahl der US-AmerikanerInnen, die sich nicht genügend zu essen leisten können, ist in den letzten Jahren rasant gestiegen. Allein im Großraum Chicago stehen rund 600 Suppenküchen und Lebensmittelverteilstellen im Kampf gegen den Hunger.

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Anmerkung: Es scheint allmählich ja wirklich dramatisch zu werden in den USA. Bei der Lektüre des Berichts kann es leicht geschehen, dass man vergisst, dass es da nicht um Brasilien oder Indien geht, sondern tatsächlich um die USA. Es ist kaum zu fassen, wenn beispielsweise solche Zahlen dort genannt werden: "Laut Feeding America leben 28,2 Prozent der texanischen Kinder mit fehlender Ernährungssicherheit".

Im krassen Gegensatz dazu habe ich kürzlich den folgenden Bericht über die "Tea-Party-Bewegung" gesehen, der mir gerade angesichts solcher Zustände, wie sie im obigen Artikel beschrieben werden, vollkommen unerklärlich erscheint. Die Menschen, die dort teilweise zu Wort kommen, sind offenbar so dermaßen desinformiert, dass sie fast wie "massenhypnotisiert" wirken.



Einmal mehr treffen es die Worte Reinhard Meys am besten, wenn er im Lied "Das Narrenschiff" singt:

Der Ausguck ruft vom höchsten Mast: "Endzeit in Sicht!"
Doch sie sind wie versteinert und sie hören ihn nicht,
sie ziehen wie Lemminge in willenlosen Horden ...
Es ist als hätten alle den Verstand verlor'n,
sich zum Niedergang und zum Verfall verschwor'n,
und ein Irrlicht ist ihr Leuchtfeuer geworden.