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Kürzlich las ich im Lawblog die folgende knappe Meldung:
Ein Stundenlohn von 1,53 bzw. 1,64 Euro ist doch sittenwidrig. Mit dieser Entscheidung kippt das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg ein früheres Urteil des Arbeitsgerichts Cottbus. Dort hatte ein Rechtsanwalt noch Erfolg, der seinen Bürohilfen lediglich die mageren Stundensätze zahlte. / Wegen des geringen Lohnes hatte das Jobcenter das Gehalt der Arbeitskräfte aufgestockt und verlangte nun Geld von dem Arbeitgeber, einem Rechtsanwalt. Das Arbeitsgericht Cottbus hielt den Lohn noch für vertretbar, das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg nicht mehr. Deshalb muss der Rechtsanwalt nun dem Jobcenter Ersatz leisten – und künftig angemessene Löhne zahlen.
Ganz ehrlich: Ich wusste beim Lesen nicht, ob ich hysterisch lachen, irre schreien oder doch eher zu einem kräftigen Seil greifen sollte, um mich endlich aufzuhängen. Eigentlich ist das eine Meldung, wie sie üblicher Weise beim Postillon oder in der Titanic zu finden ist - das Lawblog allerdings ist über derlei satirische Ansprüche leider erhaben, so dass ich davon ausgehen muss, es hier mit einer ernsthaften Nachricht zu tun zu haben.
Die ist allerdings so grotesk, dass ich befürchte, mich lächerlich zu machen, wenn ich sie tatsächlich ernst nehme. Aber sei's drum. Wenn in einem Land, das laut dem stetig wiederholten Propagandageschrei auf allen Kanälen zu den reichsten Ländern dieses Planeten zählt und das zudem unablässig immer reicher wird, ein Arbeitsgericht entscheidet, dass Stundenlöhne in Höhe von 1,53 bzw. 1,64 Euro nicht sittenwidrig seien und es erst der nächsten Instanz bedarf, um diese Entscheidung zu revidieren, dann hat der Irrsinn in seiner vollen Pracht längst gewonnen. Diesen Richter, der das seinerzeit entschieden hat, nähme ich mir herzlich gerne einmal zur Brust und könnte ihm auf diese Weise so einiges beibringen, das unter dem Schlagwort "sittenwidrig" einzuordnen wäre.
Allerdings ist mit der Revision dieses Urteils ja ebenfalls nichts gewonnen, denn ich gehe nicht davon aus, dass das genannte Landesarbeitsgericht hier belastbare Grenzen für die Sittenwidrigkeit von Löhnen formuliert hat. Die Spanne zwischen 1,53 Euro und dem ebenso lächerlichen schwarz-roten Möchtegern-Mindestlohn von 8,50 Euro ist verdammt groß - da verbleibt genügend Spielraum für kreative, habgierige Menschenschinder und Sklavenausbeuter, um den Begriff des "angemessenen Lohnes" auch weiterhin ad absurdum zu führen.
Derweil häuft die winzig kleine "Elite" weiterhin, Tag für Tag, Millionen und Abermillionen in ihren Geldspeichern an. Was gäbe ich für eine tatsächlich gerechte Justiz, die endlich diese absurde Hortung und Konzentration von irrsinnigem Reichtum als sittenwidrig verurteilte! Darauf kann ich in diesem System allerdings warten bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag - und noch weit darüber hinaus.
Ich harre nun bloß noch des Tages, an dem irgendein Gericht in diesem verkommenen, fauligen Land die geplante Zwangsarbeit der "Null-Euro-Jobs" für sittenkompatibel und grundgesetzkonform erklärt. Lange kann's wohl nicht mehr dauern.
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Die Zukunft Europas

"Wenn niemand mehr etwas anzuziehen hat, ist das dann das Paradies?"
(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 21 vom 18.08.1920)
Es ist ja nun ein alter Hut, dass in einem rein profitorientierten, irrwitzigen System wie dem Kapitalismus auch die absurdesten, skurrilsten, immer wieder auch lächerlichsten Geschäftsideen gerne auf äußerst fruchtbare Böden fallen. Darüber - wie beispielsweise über das "goldgeprägte Toilettenpapier" - kann man sich lustig machen und die beteiligten "Marktteilnehmer", die so etwas aushecken und tatsächlich auch kaufen, wahlweise als arme Irre, dekadente Arschlöcher oder gehirngewaschene Konsumzombies bezeichnen.
Das eigentliche Problem indes reicht weitaus tiefer, denn längst ist der Kapitalismus dazu übergegangen, die Armut, das Leid und die Not vieler Menschen tatsächlich und unverhohlen als profitbringende Einnahmequelle zu benutzen. Die Beispiele dafür sind so zahlreich, dass es mir schwerfällt, hier überhaupt eine möglichst repräsentative Auswahl zu nennen. Da ist beispielsweise die "Fortbildungsindustrie", die im fauligen Fahr- oder eher Brackwasser des Hartz-Terrors entstanden ist und die keine Fortbildung für die Zwangseingewiesenen, dafür aber satte Profite für die Betreiber generiert. Da gibt es die sogenannten "Mikrokredite" für bettelarme Menschen in Indien und anderen Regionen dieses gebeutelten Planeten, welche die Banken zwar nur unerheblich reicher machen, die Betroffenen dafür aber in eine meist lebenslange Abhängigkeit führen und nicht selten in den verzweifelten Suizid treiben.
Ein besonderes Highlight aus dieser besonderen Latrine des Kapitalismus habe ich kürzlich beim WDR gefunden, wo ich das Folgende lesen durfte:
Hilfsprojekt für Stadtstreicher: Studenten bauen Obdachlosen-Rucksack / Wer beim Thema Design nur an teure Täschchen oder edle Möbel denkt, liegt falsch. Drei Design-Studenten der Hochschule Niederrhein in Krefeld haben jetzt etwas ganz anderes entwickelt: Einen Rucksack für Obdachlose. Mittlerweile hat eine Krefelder Schneiderin einen Prototyp zusammengenäht.
Das "Hilfsprojekt" entpuppt sich beim weiteren Lesen allerdings wenig überraschend als eine kapitalistische "Geschäftsidee", die vom "sozialen" Jung-Entwickler so kolportiert wird: "Wer dann einen Rucksack kauft, finanziert mit dem Kauf einen zweiten und der wird dann an einen Obdachlosen weitergegeben". - In der Tat, eine so tolle Idee muss man als Jungkapitalist erst einmal haben: Ich entwickle einen Hightech-Rucksack für Camper und Survival-Junkies und verkaufe das als "Hilfsprojekt für Obdachlose". Und der WDR verbreitet das - wie immer - unkritisch und bietet dem habgierigen Irrsinn eine willfährige Plattform.
Ganz abgesehen davon, dass es vollkommen absurd ist, von eventuellen Käufern dieses ominösen Rucksacks ernsthaft zu erwarten, aus reiner Herzensgüte den doppelten Preis zu bezahlen, ist auch alles andere an dieser Meldung samt der vorgestellten "Idee" irrsinnig. Es wird (sofern dieser Vorschlag tatsächlich ernst gemeint sein sollte) einmal mehr nur an (noch dazu eher zweitrangigen) Symptomen geflickschustert. Das tatsächliche Problem der zunehmenden Obdachlosigkeit im "immer reicher werdenden Deutschland" wird extrem verharmlost, unter anderem illustriert durch die Benutzung des Wortes "Stadtstreicher". Von dort ist es sprachlich und gedanklich nicht mehr weit zu den "Landstreichern" der Vergangenheit und damit zu den "Zigeunern".
Es muss nach kapitalistischer "Logik" nicht mehr dafür gesorgt werden, dass den Menschen, die in diesem System ganz unten angelangt sind, geholfen wird, damit sie wieder halbwegs menschenwürdig leben können - angesichts des nahenden Winters ist laut WDR ein "trockener" (und nicht etwa auch ein warmer) Schlafplatz das Maß aller Dinge - auch wenn das ein aufgespannter Design-Stofffetzen mit hübschen roten Reißverschlüssen ist, der ja eigentlich zum Rucksack bzw. Schlafsack gehört, so dass zum Schlafen darunter offenbar nur noch eines der beiden erwähnten Stoffteile übrig bleibt.
Wie immer in solchen kapitalistischen Kindermärchen vom "next big thing" geht es auch hier nicht um Obdachlose oder deren Wohlergehen, und erst recht nicht um die Frage, wieso es mitten im kapitalistischen Paradies des stetig steigenden Reichtums immer mehr Menschen gibt, die auf der Straße leben müssen. Es geht einzig um den Profit der Aushecker - und dafür ist jede auch noch so zynische Ummantelung gerade so gut wie das Plus auf dem persönlichen Konto.
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Die Segnungen unseres geliebten Kapitalismus

(Aufnahme von Canon EOS 450D, in: "Unsere furchtbare Realität", Beispiel USA [New York] vom 06.08.2008)
Regen -
Regen rauscht auf den Rummel.
Das Glücksrad verliert seine Farbe,
der Würfelbecher wird klebrig;
in der Schießbude schlafen die Schüsse.
Wills keiner mehr wagen?
Will keiner mehr würfeln?
Will keiner mehr drehn?
Regen -
Regen rauscht auf den Rummel.
(Wolfdietrich Schnurre [1920-1989], in: "Kassiber und neue Gedichte", List 1979)

Anmerkung: Dieses Gedicht sollte als Kommentar zum heuchlerischen, ins Bizarre und Schrille driftenden "Mauerfall"-, "Einheits"- und "Freiheits"-Geseiere der vergangenen Tage völlig ausreichen, das die Propagandamedien und Politmarionetten so wohlfeil inszeniert haben. Zu diesem Kasperletheater möchte ich mich aus hygienischen Gründen ansonsten nicht weiter äußern.
(Nightwish: "Bye Bye Beautiful", aus dem Album "Dark Passion Play", 2007)
Finally the hills are without eyes
They are tired of painting
A dead man's face red with their own blood
They used to love
Having so much to lose
Blink your eyes just once and see everything in ruins
Did you ever hear what I told you
Did you ever read what I wrote you
Did you ever listen to what we played
Did you ever let in what the world said
Did we get this far just to feel your hate
Did we play to become only pawns in the game
How blind can you be, don't you see
You chose the long road but we'll be waiting
Bye bye beautiful ...
Jacob's ghost for the girl in white
Blindfold for the blind
Dead siblings walking the dying earth
Noose around a choking heart
Eternity torn apart
Slow toll now the funeral bells
I need to die to feel alive
Did you ever hear what I told you
Did you ever read what I wrote you
Did you ever listen to what we played
Did you ever let in what the world said
Did we get this far just to feel your hate
Did we play to become only pawns in the game
How blind can you be, don't you see
You chose the long road but we'll be waiting
Bye bye beautiful ...
It's not the tree that forsakes the flower
But the flower that forsakes the tree
Someday I'll learn to love these scars
Still fresh from the red-hot blade of your words
How blind can you be, don't you see
How blind can you be, don't you see
How blind can you be, don't you see ...
that the gambler lost all he does not have ...
Did you ever hear what I told you
Did you ever read what I wrote you
Did you ever listen to what we played
Did you ever let in what the world said
Did we get this far just to feel your hate
Did we play to become only pawns in the game
How blind can you be, don't you see
You chose the long road but we'll be waiting
Bye bye beautiful ...
Bye bye.

Vor einigen Wochen konnte man beispielsweise beim WDR die folgende Kurzmeldung lesen:
Reiche Kartoffelernte führt zu fallenden Preisen
Die Landwirte in NRW haben bei der Kartoffelernte in diesem Jahr einen rekordnahen Ertrag eingefahren. Pro Hektar wurden knapp 51 Tonnen erzielt. Das ist das zweithöchste Flächenergebnis seit Beginn der Erfassung, wie das Statistische Landesamt am Donnerstag (23.10.2014) in Düsseldorf mitteilte.
Grund für die überdurchschnittliche Ernte in diesem Jahr sei die feuchte Witterung. Die Rekordernte könnte allerdings zu einem Überbedarf führen. Die Niedrigpreise würden keinen ausreichenden Absatz gewährleisten.
Über diese wenigen Zeilen dürfen/sollten wir nun alle - nachdem wir den offensichtlichsten Fehler im Minitext, der aus einem "Überangebot" (wohl tatsächlich versehentlich?) einen "Überbedarf" gemacht hat, korrigiert haben - ausgiebig sinnieren. Was ist also konkret geschehen?
In NRW wurde eine "rekordnahe" Ernte von Kartoffeln eingefahren, was ja eigentlich eine sehr gute Nachricht ist. Denn selbst wenn das zu einem Überangebot führen sollte, was bislang allerdings reine Spekulation ist, könnte man diese überzähligen, relativ lange haltbaren Lebensmittel ja wunderbar dafür einsetzen, hungernden Menschen zu helfen. Auf eine solche, eigentlich naheliegende Idee kommt in diesem perversen Wirtschaftssystem aber niemand, denn es geht - wie immer - einzig um Profit, und nicht um Menschen: "Fallende Preise" aufgrund eines Überangebots sind nach neoliberaler Lesart eine Art Pest, die es um jeden Preis zu verhindern gilt.
Die beteiligten Landwirte werden also dazu animiert, künftig dafür zu sorgen, entweder (sofern sie gemeinschaftlich arbeiteten) wieder weniger Kartoffeln zu ernten, oder aber (da sie eben miteinander "konkurrieren" müssen) den Ertrag noch weiter zu steigern, um allein durch die pure Warenmasse die "fallenden Preise" wieder ausgleichen und somit weiterhin "wirtschaftlich" agieren zu können. Durch die zweite Variante entsteht erneut ein noch weitaus größeres Überangebot, was wiederum denselben kapitalistischen Irrsinn zur Folge hat, weshalb im weiteren Verlauf immer mehr Landwirte die Segel streichen müssen und schlussendlich nur noch ein Monopolbetrieb übrig bleibt, sofern das ganze "Geschäft" nicht gleich in noch ausbeuterische Billiglohnländer "ausgesourct" wird. Welche ökologischen und qualitativen Folgen dieser perverse Prozess hat, kann sich jeder selbst ausmalen.
Der ganze Irrsinn des kapitalistischen Systems wird an diesem kleinen Beispiel offensichtlich, zumal es sich hier ja nicht um ein beliebiges "Produkt", sondern um ein Grundnahrungsmittel handelt. Anhand dieses kleinen, orwellschen WDR-Textes über die Kartoffelernte in NRW kann man sehr vieles über den Kapitalismus lernen - insbesondere illustriert er aber sehr schrill den völligen Irrsinn, dass die heutige, weitgehend kapitalistisch organisierte Nahrungsmittelproduktion problemlos bereits das doppelte der heutigen Weltbevölkerung ernähren könnte, und dennoch die Hölle auf Erden für Millionen von Menschen immer weiter anschwellen lässt: "Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. 57.000 Menschen sterben pro Tag an Hunger. Eine Milliarde Menschen sind permanent schwerst unterernährt." (Jean Ziegler)
Das alles ist nun nichts Neues - schon vor 30 Jahren war beispielsweise der "Butterberg" ein beliebtes Thema im SoWi-Unterricht an den Schulen. Damals ging es um die Überproduktion von Milchprodukten, die seinerzeit schlicht vernichtet (und ebenfalls nicht an Hungernde ausgegeben) wurden, während durch staatliche "Subventionen" die Produzenten in die Lage versetzt wurden, mit ihrer Überproduktion trotz alledem fortzufahren. Es wurde und wird also permanent ein groteskes, stetig steigendes Überangebot von qualitativ immer schlechter werdenden Lebensmitteln produziert, während zeitgleich immer mehr Menschen hungern und sterben und die überproduzierte "Ware" vernichtet wird.
Ein solches System ist so absurd, so menschenfeindlich, so irrsinnig und kafkaesk, dass mir dazu allen Ernstes nichts anderes mehr einfällt als der zynische Ruf aus der Überschrift: Willkommen in Kafkanistan! Das ist Kapitalismus.
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"Ihr braucht keine Eier mehr zu legen, man kauft sie jetzt billiger."
(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 22 vom 25.08.1924)
Die neoliberale Zerstörungsorgie nimmt immer groteskere Formen an. Vor einiger Zeit hat die Bande bekanntlich die Anzahl der Schuljahre, die ein junger Mensch bis zum Abitur absolvieren muss, von neun auf acht Jahre verkürzt - die Folgen waren absehbar und sind logischer Weise auch eingetreten: Immer mehr SchülerInnen leiden unter einem erheblichen Leistungsdruck, der nicht zuletzt auch durch den vermehrt stattfindenden Nachmittagsunterricht und einen damit einhergehenden Verlust von notwendiger Freizeit sowohl psychische, als auch physische Negativauswirkungen zeigt. Den absurden "Boom" des "privaten Nachhilfemarktes", der - zumindest für diejenigen, die sich so etwas (noch) leisten können - parallel dazu zu beoachten war und ist, will ich hier nur am Rande erwähnen.
Jedenfalls gibt es seit geraumer Zeit eine steigende Gegenwehr von Seiten einiger Eltern, Schüler- und LehrerInnen gegen diese absurde Maßnahme, die erklärtermaßen einzig und allein dem Zweck dienen sollte, junge, "gut ausgebildete" Menschen noch früher der profitgierigen Ausbeutungsmaschinerie des "Arbeitsmarktes" zum Fraß vorzuwerfen.
Dieser zunehmenden Kritik hat sich Anfang des Jahres exemplarisch in NRW die dortige "Schulministerin" Sylvia Löhrmann (Olivgrüne) angenommen und ein "Expertengremium" einberufen, das sich mit diesem Thema beschäftigen sollte. Die Ergebnisse dieser Spezialexperten liegen nun vor - und wenig überraschend lauten sie verkürzt: "Die armen Kinder sind wirklich (gelegentlich) ein wenig zu sehr im Stress, weshalb wir nun nicht etwa die Schulzeit wieder um ein Jahr verlängern, sondern ... (*Trommelwirbel*) ... wir kürzen einfach den Lehrplan." (*Traraa!*)
Beim WDR klingt das so:
Eine Rückkehr zu G9 soll es nicht geben. Statt einer "Rolle rückwärts" seien "schnelle Verbesserungen für die Schüler" das Ziel, sagte Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne), die den Runden Tisch im Frühjahr 2014 eingesetzt hatte. / Im einzelnen sollen Hausaufgaben laut Löhrmann stärker in den Unterricht integriert werden. In einem Zehn-Punkte-Plan wurde außerdem festgehalten, dass weniger Unterricht am Nachmittag stattfinden soll. Es gibt ferner einen Prüfauftrag, mit dem Löhrmann auf Wunsch der Schüler untersuchen lassen will, ob weniger Klassenarbeiten möglich sind.
"Weniger Bildung!" ist hier die Losung, und es sollte angesichts der Bologna-Zerstörungen des Hochschulwesens niemanden überraschen, dass diese Katastrophenstrategie nun konsequent nach und nach auch auf die Schulen angewendet wird. Für die Brut der Superreichen (und solche, die sich dafür halten) gibt's ja schließlich längst Privatschulen und "Elite"-Universitäten - die muss sich mit diesem verblödenden Schwachsinn nach amerikanischem Vorbild gar nicht erst herumschlagen. Dass es die neoliberale Einheitspartei ist, die hier die "Rolle rückwärts" - und zwar sehr weit rückwärts - vollzieht, indem sie die Bildungsmöglichkeiten weiter ausdünnt und verkleinert, anstatt sie auszubauen und zu verbessern, kommt weder den stramm auf Propagandakurs ausgerichten WDR-"Journalisten", noch den Spezialexperten in den vernebelten Sinn - dafür aber zumindest einigen KommentatorInnen unter dem verlinkten Text. Immerhin.
Sowohl in vermeintlich kritischen Kommentaren, als auch in fast allen Mainstreampressetexten zum Thema wird aber konsequent die Frage vermieden, weshalb die Verkürzung der Schulzeit denn überhaupt erstrebenswert und sinnvoll sein soll. Die genannte Begründung der neoliberalen Bande ist ja angesichts der furchtbaren Lage auf dem "Arbeitsmarkt", der immensen Arbeitslosigkeit und der vielfach dokumentierten prekären Situation auch von Uni-AbsolventInnen so unglaublich absurd, dass einer solchen Argumentation eigentlich nur noch mit höhnischem Gelächter oder gleich einem Kessel Erbrochenem begegnet werden kann. (Einen sehr informativen Text dazu habe ich erst gestern gelesen - dazu werde ich später wohl auch noch etwas schreiben.)
Das Gefasel von der "Bildungsrepublik" ist nichts weiter als hohle PR - wie alles, was die korrupte Bande von sich gibt. Sie betreibt vielmehr eine staatlich verordnete Verdummung, die junge Menschen flächendeckend davon abhalten soll, zu kritischen, selbst denkenden Individuen zu reifen bzw. die ihnen das Denken wieder austreiben soll, falls es durch das Elternhaus und/oder andere Faktoren bereits kapitalgefährdende Ausmaße angenommen haben sollte.
Eine Anekdote zum Schluss: Vor einigen Wochen sagte ein Bekannter, ein Gymnasiallehrer, zu mir: "Wenn ich nochmal die Wahl hätte - ich würde diesen Beruf nicht mehr auswählen. Es ist katastrophal, was da an der Schule passiert. Es macht nicht nur keinen Spaß mehr, es ist regelrecht gefährlich, nicht nur für die Schüler, sondern für die ganze Gesellschaft." - Später am Abend meinte derselbe Mensch: "Ja, natürlich wähl' ich die Grünen, wen denn sonst? Die sind doch die einzigen, die noch was für die Bildung, für Soziales, für Gerechtigkeit tun! Hier geht doch sonst alles den Bach runter!"
Danach habe ich mich sinnlos besoffen und eine ganze Armee von Gehirnzellen unwiderruflich ermordet.
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Die abgebauten Junglehrer

"Sie müssen Ihre Existenz dem Staatswohl opfern, meine Herren! Analphabeten lassen sich leichter regieren, und die Notverordnungen werden sowieso durch den Rundfunk bekannt gemacht."
(Zeichnung von Wilhelm Schulz [1865–1952], in "Simplicissimus", Heft 29 vom 19.10.1931)
Laub fällt, und sichtbar werden
leere Vogelnester im Geäst.
Es regnet, regnet weiter
bis zum Schnee -
Kommt noch ein Tag, auf Nebelhörnern
kühl November blasend,
stehn wir in Wolle eingewickelt
bis zum Kinn und prüfen unser Dach.
Die offnen Stellen füllen wir mit Sorge.
Zeit wär's zu fliegen.
(Rainer Brambach [1917-1983], in: "Zeit wär's. Gedichte und Prosa aus dem Nachlass", Loeper 1985)

Anmerkung: Der verlinkte Wikipedia-Text zum Autor ist wieder einmal ein schlechter Witz, über den sich jegliche ernsthafte Diskussion von selbst verbietet: Haben wir es hier "selbstverständlich" bloß mit reiner "Naturlyrik" zu tun, ebenso wie beispielsweise Brechts "Dreigroschenoper" lediglich einen Krimi darstellt oder Tucholsky ein "Comedian" war? Manchmal fasse ich es nicht, welch stupide Auswürfe bei Wikipedia über einen längeren Zeitraum tatsächlich erhalten bleiben.
Für mich ist dieses Gedicht eine knappe, überaus schmerzliche und treffende Beschreibung unserer heutigen sterbenden Zeit. Der Band aus dem Nachlass des Autors, dem ich es entnommen habe, enthält leider keine Angaben darüber, wann Brambach es geschrieben hat - ich vermute aber, dass es aus der finstersten Zeit der deutschen Geschichte stammt oder zumindest als Rückschau auf dieses Horrorjahrzehnt gemeint war. Mit einer Sache allerdings hat dieses Gedicht wahrlich nichts, aber auch gar nichts zu tun, nämlich mit der "Naturerfahrung des Gärtners". Auf einen solchen Schmarrn - der sich bezogen auf Brambachs Lyrik übrigens bis heute immer noch durch gewisse populär-"literaturwissenschaftliche" Kreise zieht - muss man erst einmal kommen.
Dabei war ich erst gestern Zeuge, wie mehrere Schwärme lärmender Wildgänse den Himmel über mir in Richtung Süden passierten - es war einmal mehr ein fantastisches, überwältigendes Schauspiel, das mich in der Tat an dieses Gedicht erinnert hat. Wer lesen kann, wird dennoch unverzüglich verstehen, weshalb Anlass und Aussage nur in den allerseltensten Fällen etwas miteinander zu tun haben.
Meine Koffer sind jedenfalls gepackt - auch wenn ich nach wie vor nicht weiß, wohin die Reise im Fall der übelsten Fälle heute wohl gehen sollte. Dabei ist der Fall der übelsten Fälle ja bloß noch einen Steinwurf entfernt und die Sorge füllt die klaffenden und stetig erweiternden Löcher im Dach schon längst nicht mehr, sofern sie es je getan hat.
Zeit wär's. Aber ich zaudere.
(Stefan Wolpe [1902-1972]: "Klaviersonate Nr. 1", 1925; gespielt von David Holzmann)
- Sehr schnell
- Fast langsam (warm, aber nicht zimperlich)
- Schnell
Anmerkung: Der oben verlinkte Wikipedia-Text zu Wolpe ist, wie so oft, äußerst unvollständig und teilweise fehlerhaft. Dort wird unter Anderem behauptet, lediglich der erste Satz der ersten Klaviersonate des Komponisten sei "erhalten" geblieben - wie im Clip zu hören und auch zu sehen ist, liegt das Werk aber bereits seit mehreren Jahren vollständig vor. Es gäbe noch sehr viel mehr zu diesem Text zu sagen, allerdings gehe ich davon aus, dass hier ohnehin keine Wolpe-Experten mitlesen, so dass ich einfach dazu anrege, sich dieser fantastischen Musik zu öffnen, die zu Beginn vielleicht arg sperrig und unzugänglich erscheinen mag, bei näherer Betrachtung aber einen tiefen, emotionalen Glanz entfaltet, der - zumindest für mich - geradezu umwerfend ist.
Dies ist keine "Musik für die Massen" - es ist vielmehr der klangliche Ausdruck eines musikbesessenen, jugendlichen Herzens, das Leidenschaft, Wut und Aggression genauso kennt oder erahnt wie Trauer, Hingabe und Anmut. Es ist die Musik eines Aufbruchs, geschrieben von einem 23jährigen deutschen Juden und Kommunisten, der kurze Zeit später von den braunen Horden auf eine Odyssee der Flucht getrieben wurde, die er - zumindest emotional - wohl nie wirklich beenden konnte.
Abgesehen von diesem historischen Hintergrund ist das Stück aber auch einfach grandiose Musik und ein gewichtiger Meilenstein der Musikgeschichte, der auch deutlich zeigt, zu welchen außerordentlichen Werken Menschen fähig sind - und in weitaus größerem Umfang fähig sein könnten, wenn sie nicht in diesem stumpfen, völlig verblödenden System der kapitalistischen Habgier und infantilen Konkurrenz gefangen wären.
Ich weiß, es ist ein alter, übelriechender Hut - zur Kenntnis nehmen muss man ihn aber trotzdem, auch in der gefühlt 184. Wiederholung und Verschärfung. Die neoliberale Bande vertritt klar erkennbar nicht die Interessen der großen Mehrheit der Menschen in diesem Land, sondern agiert stets zugunsten des Großkapitals. Diese menschenfeindliche, kapitalhörige Politik ist allerdings kein statischer Zustand, sondern ein Prozess, der die ohnehin schon furchtbare Lage mit jedem weiteren Schritt noch furchtbarer macht.
So passt diese Meldung aus dem Neuen Deutschland vom 13.10. wunderbar ins kranke Weltbild der Habgierigen:
Die knapp 50 jüngeren Politiker hatten am Sonntag in Berlin mit dem Düsseldorfer Ökonomieprofessor Justus Haucap diskutiert, mit welchem Wirtschaftskurs die Union bei der Bundestagswahl 2017 Erfolg haben kann. Die nach der Bundestagswahl 2013 initiierte Gruppe drängt Merkel zu einer wirtschaftsfreundlichen "Agenda 2020" und denkt dabei etwa an eine Weiterentwicklung der von SPD-Kanzler Gerhard Schröder durchgesetzten Sozialreformen der "Agenda 2010".
Liest man den gesamten Text, passt da wieder einmal alles wie "Arsch auf Eimer": Es werden die immer gleichen asozialen, neoliberalen Mantras heruntergebetet, die allesamt lediglich dem einen Ziel der weiter an Fahrt aufzunehmenden Umverteilung von Arm zu Reich verpflichtet sind, da wird ein alter neoliberaler Zombie wie Friedrich Merz aus seiner vermodernden Anwaltsgruft ausgebuddelt, und natürlich wird das große Zerstörungswerk von Schröder und Fischer - die "Agenda 2010" - wie eine goldkälbische, perverse Monstranz herumgetragen. Da fällt es schon fast nicht mehr auf, dass es ein einziger schriller Irrsinn ist, Merkel zu einer "wirtschaftsfreundlicheren" Politik aufzufordern.
Wenn diese kriminelle Bande - zu der selbstredend auch die SPD und die Grünen gehören - weiterhin am politischen Ruder verbleibt, wird der neoliberale Zerstörungsprozess unweigerlich weitergehen. Die SPD exerziert das aktuell mit ihrem lächerlichen "Mindestlohn"-Murks und dem verfassungswidrigen Versuch der weiteren Beschneidung des Streikrechts wieder einmal vor. Ich weiß, dass es zermürbend ist, immer und immer wieder über die einzelnen Bau- und Puzzleteile dieses fortschreitenden Prozesses lesen zu müssen - mir geht es da wahrlich nicht anders. Aber welche Alternative bleibt sonst? Wenn mir jemand fortdauernd in die Fresse schlägt, bringt es nichts, irgendwann nur noch abzuwinken und die Schläge still zu ertragen bzw. sie, wenn möglich, gar auszublenden - ich muss mich stattdessen weiter dagegen wehren, auch wenn das zum hundertsten, zum zweihundertsten Mal geschieht.
Noch ist Gegenwehr möglich - die Historie lehrt uns aber auch, dass dieser Zustand keinesfalls dauerhaft ist.
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Sparmaßnahmen

"Wir müssen unsere Lebenshaltung jetzt auf eine schmalere Basis stellen!"
(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 41 vom 07.01.1924)
Und wieder einmal tischen uns die Propagandamedien ihr debiles Märchen von den paradiesischen Zuständen in Deutschland auf - quer durch alle gleichgeschalteten gleich "berichtenden" Qualitätsorgane hieß es Anfang Oktober wie hier in der FAZ:
Die Deutschen sind so glücklich und zufrieden wie nie zuvor, vor allem im Norden.
Potzblitz - welch ein gnadenvoller Segen, dass "wir" in diesem wundervollen Land leben dürfen, in dem sich Milch, Honig und Glückseligkeit eine dauerhafte Heimstatt gesucht haben! Nun mag man fragen, worauf diese mannigfach verbreitete Jubelmeldung denn wohl zurückgeht, aber sowohl die FAZ, als auch all die anderen Papageienmedien nennen hier allenfalls ein ominöses "sozio-oekonomisches Panel" sowie eine "repräsentative Forsa-Umfrage" als Quelle. Wie Forsa- und andere "repräsentative" Umfragen bzw. deren erwünschte Ergebnisse zustande kommen, hat ein Kommentator bei der FAZ recht anschaulich zusammengefasst: "Wie war das gleich: 'Was ist Ihnen lieber: Reich und gesund oder arm und krank', oder so ähnlich." Verlinkungen auf die genannten Quellen oder irgendwelche nähere Erläuterungen gibt es dazu aber sowieso nicht - das muss der Qualitätskonsument nicht wissen, das verwirrt ihn nur.
Die FAZ rudert im Text auch gleich zurück - dort wird aus dem "nie" aus der Überschrift im Text urplötzlich ein "selten". Diese beiden Wörter ähneln sich zwar, schließen sich aber dennoch gegenseitig aus. Dafür ist aber gewiss nur der unbezahlte Praktikant verantwortlich, der diese dpa-Meldung kopieren und ins Online-Portal einpflegen musste, gell, liebe Qualitätsredaktion von der FAZ?
Ein bisschen Bashing muss aber auch sein, das gehört in den Kuhmedien schließlich zum guten Ton: Die undankbaren Ossis, die "wir" selbstlos und heroisch vom finsteren Unterdrückungs- und Terrorjoch des Sozialismus befreit haben, wollen und wollen einfach nicht so glücklich sein wie das westliche Stimmvieh. Jesus und Maria, so geht es aber nicht - laut den zugrunde liegenden Quellen sind Menschen in Ostdeutschland satte "0,36 Punkte" weniger zufrieden als ihre KonkurrentInnen im Westen! Diese Brut soll doch nach Moskau gehen, wenn sie unsere wundervollen Segnungen des Kapitalismus' nicht zu schätzen weiß!
Wenn man die Ironie- und Satireschalter mal auf "Aus" stellt, kann man angesichts dieser journalistischen und informationellen Farce aber gar nicht mehr lachen, sondern muss unentwegt kotzen, bis die Galle glüht. Es gehört meines Erachtens eine Menge kriminelle Energie dazu, in Zeiten der zunehmenden, drastischen Verarmung der Bevölkerung bei gleichzeitiger obszöner Mästung einiger weniger Superreicher, der Totalüberwachung, der zunehmenden Kriege, des dramatischen Demokratieabbaus ... einen solchen kafkaesken Text zu veröffentlichen, der so dermaßen absurd ist, dass mir beim Lesen der Schädel explodierte, wenn ich ihn nicht unverzüglich in ein großes Fass voller Vodka tauchte.
Das Schlimme ist, dass ich einer nicht unerheblichen Anzahl von Menschen in diesem Land tatsächlich zutraue, diesen infantilen Blödsinn - auch wenn er den jeweils eigenen Erfahrungen vollkommen widerspricht - zu glauben. Dazu gehören auch intelligente Menschen - eine simple Erklärung wie "Dummheit" kann also nicht greifen.
"Wir" werden unterdessen immer reicher, immer glücklicher, immer dämlicher, immer zombieesker ... bis die Zündschnur ihr schon heute klar erkennbares Ende erreicht hat. Und wenn's dann wieder "Bumm!" macht, war auch die FAZ natürlich nicht schuld, sondern wird wieder von vorn beginnen. Ebenso wie der Rest der Menschheit, falls es einen solchen dann noch gibt. Und das kennen wir nicht erst seit 1945.
Keine Ahnung, wie es weitergeht.
Man singt von Wolken, die schmutzig sind:
tatsächlich, man tut es, nur längst zu spät,
vergisst nicht mehr Wetter und Wind.
Keine Ahnung: aber das klingt so schön
wie früher bei Tag und Nacht.
Der Kühlschrank summt weiter mit leisem Getön
und die Jeans sind aus Leinen gemacht.
Geht es so weiter? Es gibt den Markt
für Dichtung, Maschinen und Gunst.
Was liegenblieb, wird zusammengeharkt
mit lässiger Gärtner-Kunst.
Man fasst die andere Hand nicht an,
die sich irgendwo zeigt und streckt.
Man lässt das so. Sieht sich staunend an,
was alles dahinter steckt.
(Karl Krolow [1915-1999], in: "Gesammelte Gedichte, Bd. 3", Suhrkamp 1985)

Anmerkung: Auch dieses entlarvende Gedicht bedarf keiner Erläuterung - aber einmal mehr der Anklage gegen das kollektive Vergessen einer ganzen, so wichtigen Dichtergeneration, deren Werk heute - nur wenige Jahrzehnte später - schlichtweg nicht mehr existent ist, sondern allenfalls noch in antiquarischen Ausgaben oder fein von der Öffentlichkeit abgetrennten wissenschaftlichen Diskursen Erwähnung findet. Selbst Letzteres findet aufgrund der neoliberalen Verödung der geisteswissenschaftlichen Forschung und Lehre immer seltener statt - in den verbliebenen Ruinen beispielsweise der Literaturwissenschaft befasst man sich heute auch eher mit "Lernmodulen", "Leistungspunkten" und den "Klassikern" der Literatur - zumindest solange sie ins zeitgenössische, unheilvolle Mikroweltbild der herrschenden Klasse passen.
Ein Schriftsteller wie Krolow, der sich nach jugendlichen Verirrungen in die damalige braune Kloake rapide zum Humanisten und Sozialisten entwickelt und ein äußerst umfang- und einflussreiches lyrisches Werk geschaffen hat, das noch vor 30 Jahren ein selbstverständlicher Bestandteil der zeitgenössischen, damals noch meist gesellschaftskritischen Lyrik war, passt heute natürlich erst recht nicht mehr in das erzählte Märchen vom "freien Westen" und dem "Sieg des Kapitalismus", der ja allenthalben in vielfältigen Kriegen, sozialen Verelendungen und ökologischen Katastrophen in seiner ganzen Erhabenheit zu bewundern ist. Da verwundert es auch nicht weiter, dass dem Dichter in einer (unvollständigen) Biographie (z.B. Wikipedia) die jugendliche "Nähe zum Nationalsozialismus" vorgeworfen wird, während eine andere (ebenso unvollständige Biographie) ihn als "Hauptvertreter des sogenannten Anarchokommunismus" (whoswho.de) bezeichnet.
Beides ist selbstverständlich falsch - man müsste sich nur ein wenig näher mit Krolow und seinem Werk befassen, um das schnell zu begreifen. Ernstzunehmende Mono- und Biographien über den Dichter und sein Werk sind bereits mehrfach geschrieben worden - diese vermodern heute allerdings ebenso hinter den fauligsten Kellerwänden der Bibliotheken wie die Schriften des Dichters selbst.
Und solange der Kühlschrank weiter "summt mit leisem Getön", während um uns herum und sogar aus der eigenen Mitte die ganze Welt in den bodenlosen Abgrund stürzt, wird sich daran wohl auch nichts ändern. - Ich jedenfalls staune schon lange nicht mehr. Ich registriere bloß noch.
(Katatonia: "Lethean", aus dem Album "Dead End Kings", 2012)
How long
Is the pattern going to speak for you
How far can your voice reach
Your song below the night
From my view
I can see you
Shudder where you are standing
In the vision
Cyan blue
Now
October
This time you won't be needing me
To run along the freeway
To weigh one's heart against the oncoming dark
You left me with the pills
We had plans but you couldn't make it
Through the trees
What took you so long
The high grass
What took you so long
Translate the fire
The venom's rush inside your heart
How long can winter
Colour your every word
And the skyline
Past the houses and the cities
Hyperopia
Carmine red
Now
This river
This time I will

Anmerkung: Diese bemerkenswerte und äußerst bedrückende Dokumentation aus dem Jahr 1980, für die der Autor Dieter Hildebrandt (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Kabarettisten) seinerzeit den "Bayerischen Filmpreis" sowie eine "Oscar-Nominierung" erhalten hat, lässt mich, je öfter ich sie sehe, immer sprachloser zurück. Im Begleittext der DVD zum Film heißt es:
Dieser Film unternimmt es, mit teilweise unveröffentlichem Archivmaterial ein authentisches Bild jener Vorgänge zu zeichnen, deren letzte Station die Vernichtungslager waren. Warum konnte sich die antisemitische Organisation Hitlers so rasch mit den Vorurteilen vieler Millionen Deutscher zu einem derartigen Verfolgungswahn verbinden? Der Film fragt vor allem auch nach den Anfängen, denen nicht gewehrt wurde. Die Ächtung begann nicht mit dem Pogrom 1938, nicht mit Buchenwald und Dachau oder den fernen Ghettos - sie begann in Dörfern und Städten, an Universitäten und Ministerien, in Sportvereinen und Amtsstuben, im Freundeskreis und in den Schulen, auf dem Weg zur Arbeit. (...) [Der Film] zeigt die Zerstörungswut der Nazis in der Kristallnacht des November 1938, und er dokumentiert die Fluchtwege, Rettungsversuche und Überlebenskünste in den Wochen und Monaten danach.
Es bleibt jedem Zuschauenden selbst überlassen, in den furchtbaren Darstellungen dieses Films - insbesondere in den Themenbereichen der menschenfeindlichen Bürokratie und beginnenden Ausgrenzung und Entrechtung ganzer Bevölkerungsgruppen - die furchteinflößenden Parallelen zur heutigen Zeit zu entdecken und die notwendigen Schlüsse daraus zu ziehen. Den "Anfängen" ist auch heute einmal mehr nicht "gewehrt" worden - die erneute Entrechtung und Verfolgung bestimmter Menschengruppen hat längst wieder begonnen und entfaltet sich, von interessierter Seite forciert, stetig weiter.
Der Satz des Autors, am Ende des Films geäußert, soll und muss uns allen eine böse Mahnung und dringliche Aufforderung zu entsprechenden Taten sein:
Die Vernunft, wenn sie zu lange unterdrückt wird, schafft sich zuletzt nur noch in Trauergesängen Gehör.

Der gesetzlich legitimierte, politisch gewollte Hartz-Terror nimmt in Deutschland immer bedrohlichere Formen an. Laut einem Bericht von Telepolis hat das Landessozialgericht Rheinland Pfalz Anfang Oktober geurteilt, dass die anonyme Denunziation eines Betroffenen beim "Jobcenter" einen "begründeten Verdacht" darstelle, der die Behörde dazu ermächtige, "Sozialdetektive" loszuschicken und bei einer "mangelnden Mitwirkung" des Betroffenen sogar die Mietzahlungen inkl. der Nebenkosten komplett einzustellen. Im Text heißt es:
Im konkreten Fall bekam ein Jobcenter im nördlichen Rheinland-Pfalz einen anonymen Hinweis, dass die 64-jährige Hartz IV-Bezieherin bei ihrer Tochter wohnt und die Wohnung, die sie seit 40 Jahren gemietet hat, nicht mehr regelmäßig bewohnt. Darauf verlangte das Jobcenter, die Frau solle Sozialdetektiven Zugang zu der Wohnung ermöglichen. Das lehnte sie aber ab, weil sie nicht einsah, dass sie auf einen anonymen Hinweis die Verletzung ihrer Privatsphäre zulassen soll. Dabei hat die Frau auch Angaben zu ihren Wohnverhältnissen nicht verweigert, sondern mit Fotos und einer eidesstattlichen Versicherung kund getan, dass sie die Wohnung nutzt und dort recht spartanisch lebt.
Trotzdem entschied das Gericht nun, dass sie bis zur Klärung des Sachverhalts die Kosten für Miete und Heizung selber tragen muss. Damit reicht ein anonymer Hinweis aus und die Denunzierte muss einen Verdacht entkräften, der von ihr unbekannten Menschen, die sich nicht einmal zu erkennen geben müssen, erhoben wird. Das gibt natürlich Menschen Gelegenheit, ihnen missliebige Nachbarn und Kollegen mit Vorwürfen zu überziehen, wie es eine Hartz IV-kritische Seite mit einem Foto gut dokumentierte.
Das ist indes keine neue "Entgleisung" und erst recht kein "Einzelfall", sondern gängige Praxis innerhalb dieses furchtbaren behördlichen Willkür-Molochs, das die rot-grün-schwarz-gelben Hartz-"Gesetze" vorsätzlich geschaffen haben. Aus meiner eigenen Mitarbeit in einem Bürgerverein sind mir mehrere Fälle bekannt, in denen ähnlich willkürlich und brutal gegen verschiedene Menschen vorgegangen wurde - einen möchte ich exemplarisch herausgreifen:
Herr X (58) wird von einem Nachbarn beim "Jobcenter" denunziert, weil er angeblich nicht mehr in seiner Wohnung wohne. Das "Jobcenter" schickt daraufhin Schnüffler los, die ebenfalls niemanden in der Wohnung antreffen. Daraufhin verschickt die Behörde einen Bescheid an Herrn X und stellt die Miet- und Nebenkostenzahlungen ein. Einige Zeit später wird Herr X aus dem Krankenhaus, in dem er sich aufgrund eines Herzinfarktes befunden hatte, entlassen und findet den besagten Bescheid sowie eine Mahnung des Vermieters zuhause im Briefkasten vor.
Um es kurz zu halten: Alle "Klärungsversuche" gegenüber dem "Jobcenter" verliefen fruchtlos. Es musste der Bürgerverein eingeschaltet werden, der eine Klage beim Sozialgericht einreichte, bis dem Mann, der sich inzwischen glücklicherweise in einer Reha-Klinik befand, geholfen werden konnte und das Amt die verweigerten Mietzahlungen endlich überwies. Im Nachhinein stellte sich noch heraus, dass die "anonyme Anzeige", die laut "Jobcenter"-Bescheid zu dieser Farce geführt hatte, gar nicht anonym gewesen war. Die Behörde hat ihren "Kunden" also schlichtweg "amtlich" und wissentlich belogen.
Für mich war es ein Wunder, dass der Mann aufgrund dieses Behördenterrors nicht augenblicklich einen weiteren Herzinfarkt erlitten hat. Man stelle sich das einmal bildlich vor: Da erleidet jemand einen Herzinfarkt, kämpft um sein Leben, springt dem Tod noch einmal von der Schippe - und erfährt nach der glücklichen Rückkehr in sein Zuhause, dass er nun nicht mehr nur von bitterer Armut, sondern zusätzlich noch von Obdachlosigkeit bedroht ist. - Der Gipfel des Zynismus war aber ein nachgelagertes Gespräch mit dem zuständigen "Bereichsleiter" des "Jobcenters", dem ich beigewohnt habe. Dieser Mensch - ein hagerer Hornbrillenträger Anfang 30, der mit halblangen Haaren, verblichenen Jeans und Turnschuhen den optischen Prototypen des eigentlich "sozialen" Arbeiters abgab -, entschuldigte sich bei dem betroffenen Bürger nicht etwa, sondern rechtfertigte das Vorgehen des Amtes mit Aussagen wie "Herr X hätte uns sofort benachrichtigen müssen, er ist selber schuld" (mit dem Wissen, dass der Mann sich auf der Intensivstation des Krankenhauses befunden hatte), "Andere Leute sind eine Woche nach einem Infarkt schon längst wieder bei der Arbeit" oder "Das Attest [womit er die Bescheinigung des Krankenhauses über den Aufenthalt dort meinte] halte ich für ein Gefälligkeitsgutachten".
Mit solchen existenziellen, völlig grotesken, geradezu kafkaesken Problemen müssen sich Hartz-Terror-Opfer in diesem "freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat" neben ihrer staatlich verordneten Zwangsverarmung herumschlagen - ganz egal, ob sie alt, krank oder behindert sind. Da ist es doch wahrlich sehr ermutigend, wenn das Landessozialgericht Rheinland-Pfalz nun ausgerechnet solchen Figuren wie dem besagten "Bereichsleiter" das asoziale, faschistoide Treiben weiterhin fröhlich legitimiert.
Einmal mehr ist es an der Zeit, "Danke" zu sagen: Danke, Herr Schröder, Herr Fischer, Herr Steinmeier, Frau Göring-Eckardt - und ein nicht minder enthusiastischer Dank gebührt der damals hämisch lauernden schwarz-gelben Bande, der dieser schaurige Terror noch lange nicht weit genug ging und geht. Ich werde und werde den Verdacht nicht los, dass diese schmierigen Figuren erst dann zufrieden sind, wenn es endlich wieder "Lager" bzw. deren "moderne" Äquivalente gibt.
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"Der Zigarrenstummel des Proletariers"
(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 19 vom 05.08.1919)
Wie ein Apfel fällt im August,
Im Gehäuse die Stille
Eines unendlichen
Atemlosen Selbstgesprächs -
Des Sommers
Mit dem Sommer -
So fällt uns das Rauschen
Das Rote im Ahorn
Das Brio der Bienen -
Schlagen wir nieder
Verstummte
Im Staub -
Wir haben das Ohr nicht mehr
Der Stille zu begegnen -
Und schlüge sie
Mit Paukenschlegeln nach uns -
Die Nüsse die wir ernten
Sind taub.
(Ernst Günther Bleisch [1914-2003], in: "Zeit ohne Uhr. Ausgewählte Gedichte. 1952-1982", Limes 1983)
