Montag, 6. März 2017

Der Analplug des Kapitalismus: Gewerkschaften


Zur Rolle der Gewerkschaften im kapitalistischen System dürfte inzwischen wohl kaum mehr Informationsbedarf bestehen – es sollte hinreichend bekannt sein, dass diese Organisationen, die auch zu früheren Zeiten schon nichts anderes waren als schnöde Mitbewahrer des kapitalistischen Ausbeutungssystems, heute weitestgehend korrumpiert sind und nichts weiter darstellen als einen weiteren Stein in der Mauer, die Lohnsklaven von der in utopischer Ferne liegenden antikapitalistischen Befreiung trennt.

Trotzdem ist es doch immer wieder hilfreich, einzelne besonders widerwärtige Figuren aus diesem institutionalisierten Sumpf exemplarisch herauszugreifen, um auch dem letzten ausgebeuteten Dummdödel in Kapitalistan begreiflich zu machen, dass Gewerkschaften nicht seine Interessen vertreten, sondern die Interessen der Funktionäre und damit des Kapitals. Der folgende ist kein Einzelfall, sondern ein typisches Beispiel, auch wenn der Text bei Zeit Online dies geflissentlich verschweigt, wo ich vor einigen Tagen las:

Wahrscheinlich ist Horst Neumann einer der reichsten Gewerkschafter im Ruhestand. Fast 50 Millionen Euro verdiente Neumann zwischen 2005 und 2015 als Personalvorstand von Volkswagen. Außerdem zahlt das Unternehmen dem 67-Jährigen in den kommenden Jahren eine Pension aus, deren Wert aus heutiger Sicht insgesamt etwa 23,7 Millionen Euro beträgt. / Konzernbosse haben es schon schwer genug, vor ihre Beschäftigten zu treten, um ihre Vergütung zu rechtfertigen. Wie aber erklärt der langjährige IG-Metall-Mitarbeiter Horst Neumann einem Malocher vom Band, dass er gerecht entlohnt wird? / Die Antwort: gar nicht.

Neumann hat eine beispielhaft systemkonforme Gewerkschaftsbiografie aufzuweisen, die ihn letztlich an die Fleischtröge geführt hat. Allerdings sollte bei der Betrachtung nicht vergessen werden, dass auch die Millionen, die diesem Herrn für wohlfeiles Verhalten aufs Konto überwiesen wurden, im herrschenden System nichts weiter als Peanuts aus der Portokasse sind. Auch Neumann ist nur ein Lakai – wenn auch ein sehr nützlicher und besonders treuer. Damit ist er allerdings ein glühendes Vorbild für all die nachrückenden Gewerkschafts- sowie Parteifunktionäre aus dem "linken Spektrum", die auch gerne Millionäre wären und mehr als bereit und willig sind, jede Menge Schwänze zu lutschen und Kotwürste zu inhalieren, um es – dem Thema angemessen – vulgär zu formulieren. Die Herren Schröder, Schulz oder Steinmeier grüßen stramm und brav schluckend.

Es bedarf keiner gesonderten Erwähnung, dass der Autor dieses Zeit-Artikels nirgends irgendwelche systemischen Zusammenhänge thematisiert oder auch nur andeutet. Für ihn ist Herr Neumann einfach ein (womöglich bewundernswertes?) Arschloch und ein "bedauerlicher Einzelfall" – andernfalls wäre der Text in dieser Form wohl auch nicht publiziert worden. Auf der anderen Seite ist dieser Text ein vortreffliches Beispiel dafür, wie auch noch die letzten Reste der womöglich vorhandenen Gegenwehr und Solidarität erfolgreich ausgemerzt werden.

Das Thema ist indes so alt wie der westliche Kapitalismus seit 1945: Ohne kaptitalfreundliche Geschwerkschaftsfunktionäre wäre der furchtbare soziale Kahlschlag der "sozialdemokratischen Agenda 2010" nicht so ohne weiteres umsetzbar gewesen, und schon in den 80er Jahren war es in diesen verhurten Kreisen opportun, die Interessen der angeblichen Klientel munter zu verraten. Ich erinnere nur an den kürzlich hier geposteten Song der Dead Kennedys aus dem Jahr 1985, in dem es heißt ("unions" bedeutet "Gewerkschaften"):

The unions agree: "Sacrifices must be made!
Computers never go on strike!
To save the working man
You've got to put him out to pasture!"

Die Frage, weshalb irgendwelche Hanswürste, die zufällig – meist aufgrund einer feudalen Erbschaft – Kapitaleigner sind, laufend satte Profite kassieren, obwohl sie nichts tun, während die überwältigende Mehrheit der Menschen sich den Rücken krumm schuftet und dafür mit lächerlichen Almosen abgespeist wird, wird weder in der Zeit, noch in den Gewerkschaften gestellt. Das perverse System brummt und die Sklaven bleiben ruhig – und die Gebildeteren können sich nun schön über Herrn Neumann aufregen und dabei stets im Hinterkopf behalten, dass sie es ja genauso täten, wenn sie denn nur die Chance dazu bekämen, ebenfalls ein paar Millionen zu ergaunern.

Am Rande sei noch erwähnt: Wenn mir jemand eine Million oder auch nur einen Bruchteil davon anböte, damit ich mit meinem Geseiere hier endlich aufhöre und das kapitalistische System nicht weiter störe – ja, dann nähme ich das unverzüglich an und hielte ab sofort mein Maul! Soviel Ehrlichkeit muss schon sein angesichts der widerwärtigen Armut, in die SPD und Grüne unter tatkräftiger Mithilfe auch der Gewerkschaften mich gestürzt haben und die mich und Millionen andere jeden Tag aufs neue vor die Frage stellt, wie die nächsten Wochen ohne Stromsperre, ohne Telefon und Internet oder ohne den unfreundlichen Besuch des Gerichtsvollziehers zu überstehen sein sollen. Im Kapitalismus wird man sehr schnell zur liderlichen Hure – je ärmer jemand ist, desto schneller und billiger geschieht das.

Ich hätte wohl rechtzeitig in eine Gewerkschaft – oder in die SPD – eintreten müssen, um das zu vermeiden ... ;-)

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Die neue Notverordnung
[oder: Der sozialdemokratisch-grüne Hartz-Terror zur Sicherung der kapitalistischen Profite]


"Der Reichs-Hund soll nicht verhungern, wir haben ihm noch mal ein Stück vom Schwanz abgeschnitten und füttern ihn damit!"

(Zeichnung von Olaf Gulbransson [1873-1958], in "Simplicissimus", Heft 12 vom 22.06.1931)

Samstag, 4. März 2017

Der redundante Einwurf (1): Gartenarbeit, oder: Das Trio der Kettensägen


Wann ist eigentlich die schauderhafte Zeit angebrochen, in der aus der einstmals friedlichen, besinnlichen, geradezu heilsamen Gartenarbeit ein lärmendes, unerträgliches Baustellen-Fiasko geworden ist? Seit nunmehr vier Stunden behelligen mich meine lieben Nachbarn mit multiplen Motorengeräuschen, die so laut sind, dass die jeweiligen Maschinenführer (es sind derer drei an der Zahl) den Lärm ohne Gehörschutz nicht zu ertragen vermögen – an die Nachbarn hat man dieses hilfreiche Schutzmittel jedoch nicht verteilt.

Ich weiß, dass ich mich hiermit in die altbekannte Kategorie "Und Oppa erzählt vom Kriech" begebe und mich gleichzeitig als dummer Spießer oute – aber trotzdem lief die Gartenarbeit zu meiner Zeit, als ich dazu von liebenden Eltern noch streng und unerbittlich gezwungen wurde und sie (die Gartenarbeit ebenso wie die Eltern) dafür hasste, weitestgehend geräuschlos ab und belästigte außer mir selber, der ich lieber Klavier spielen, lesen, schlafen oder Sex haben wollte, niemanden sonst. Heute ist selbst bei geschlossenen Türen und Fenstern (trotz Doppelverglasung) nicht einmal ein Telefonat im gartenabgewandten Teil der Wohnung möglich, weil man aufgrund des penetranten Lärms sein eigenes Wort nicht versteht.

So hat der Dichter und bekennende Gartenliebhaber Hermann Hesse diese Zeit beschrieben:

"Morgens so gegen die sieben" verlässt ein alter Mann seine Stube und tritt, wie er es schildert, "erst auf die lichte Terrasse". Er nimmt sich den "runden Korb für das Unkraut ..., Hacke und Spaten" und der "Gießkannen zwei, gefüllt mit sonnegewärmtem Wasser". Er ist zufrieden, denn: "schön in geraden Reihen ... stehn meine Tomaten, saftig und strotzend im Laub". Das Geheimnis: "Jegliche Wurzel umgab ich mit feuchtem, lockerem Torfmull, dem ich ein Gran Kunstdünger beimischte." Auch das Pfirsichbäumchen gedeiht prächtig: "Ich pflanzte es selber." / Der alte Mann wendet sich nun einer Weißdornhecke zu, hockt sich nieder, sitzt "kauernd wie ein Chinese, den Strohhut tief über den Augen". Er frohlockt: "Unter mir gehen die Leute." Sie "wähnen allein sich und ohne Zeugen, denn niemand vermöchte mich zu erspähn ... Vieles (von dem, was sie sagen) vernehm ich genau." Dann kommt "durch die Dschungel des Gartens ... unser Kater, mein Freund, mein Brüderchen" heran. Zärtlich miaut er", und der phantasievolle alte Mann muss an Löwen und Tiger denken.

Nichts könnte den Niedergang unserer Zeit besser illustrieren als diese offenkundige Diskrepanz zwischen dem "Gartenidyll" eines Hermann Hesse und der grausigen Baustellenrealität der Gegenwart. Es macht längst keinen Unterschied mehr, ob der Nachbar Betonfundamente aus seinem Garten mit dem Presslufthammer entfernt oder ob er die Rosen oder die Hecke schneidet oder schlicht den Rasen mäht. Das Ergebnis ist stets dasselbe: Es bringt einen Pazifisten wie mich dazu, mir in allen Details blumig auszumalen, wie ich ein Maschinengewehr auf dem Balkon aufbaue und die Lärmenden nacheinander (oder auch gleichzeitig, wenn sie günstig stehen) mit Blei vollpumpe.

Inzwischen sind fünf Stunden voller Lärm vergangenen und ein Ende des Kettensägentrios (oder welche Lärmwerkzeuge da auch immer benutzt werden) ist nicht abzusehen. Dies ist einer dieser Tage, an denen ich mir sehnlich eine Zeitmaschine herbeiwünsche, um dieses grauenhafte Jahrhundert – gesichtspalmierend und irre grüßend – für immer zu verlassen. So finster die Vergangenheit auch sein mag: Sie erscheint wie ein Paradies angesichts der drohenden, pechschwarzen Zukunft.



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Zitat des Tages: Über die Lügengesellschaft


Alles in dieser Stadt ist gegen das Schöpferische, und wird auch das Gegenteil immer mehr und mit immer größerer Vehemenz behauptet, die Heuchelei ist ihr Fundament, und ihre größte Leidenschaft ist die Geistlosigkeit, und wo sich in ihr Phantasie auch nur zeigt, wird sie ausgerottet. Salzburg ist eine perfide Fassade, auf welche die Welt ununterbrochen ihre Verlogenheit malt und hinter der das (oder der) Schöpferische verkümmern und verkommen und absterben muss.

Meine Heimatstadt ist in Wirklichkeit eine Todeskrankheit, in welche ihre Bewohner hineingeboren und hineingezogen werden, und gehen sie nicht im entscheidenden Zeitpunkt weg, machen sie direkt oder indirekt früher oder später unter allen diesen entsetzlichen Umständen entweder urplötzlich Selbstmord oder gehen direkt oder indirekt langsam und elendig auf diesem im Grunde durch und durch menschenfeindlichen architektonisch-erzbischöflich-stumpfsinnig-nationalsozialistisch-katholischen Todesboden zugrunde.

Wahrscheinlich ist in Internaten und vornehmlich in solchen unter den extremsten menschensadistischen und naturklimatischen Bedingungen wie in der Schrannengasse das Hauptthema unter den Lernenden und Studierenden, unter den Zöglingen kein anderes als das Selbstmordthema, alles andere also als ein wissenschaftlicher Gegenstand, ein solcher Gegenstand nicht aus der Studienmasse heraus, sondern aus dem ersten, alle gemeinsam am intensivsten beschäftigenden Gedanken heraus, und der Selbstmord und der Selbstmordgedanke ist immer der wissenschaftlichste Gegenstand, aber das ist der Lügengesellschaft unverständlich.

Die Lern- und Studierzeit ist vornehmlich eine Selbstmordgedankenzeit, wer das leugnet, hat alles vergessen. Wie oft, und zwar hunderte Male, bin ich durch die Stadt gegangen, nur an Selbstmord, nur an Auslöschung meiner Existenz denkend und wo und wie ich den Selbstmord (allein oder in Gemeinschaft) machen werden, aber diese durch alles in dieser Stadt hervorgerufenen Gedanken und Versuche haben immer wieder zurück in das Internat, in den Internatskerker geführt. Ein Geistlicher hat in einer solchen, dem Stumpfsinn des Katholizismus vollkommen ausgelieferten und von diesem katholischen Stumpfsinn vollkommen beherrschten Stadt, die dazu in dieser Zeit auch noch eine durch und durch nazistische Stadt gewesen ist, bei einem Selbstmörderbegräbnis nichts zu suchen.

Der ausgehende Herbst und das in Fäulnis und Fieber eingetretene Frühjahr haben immer ihre Opfer gefordert, hier mehr als anderswo in der Welt, und die für den Selbstmord Anfälligsten sind die jungen, die von ihren Erzeugern und anderen Erziehern alleingelassenen jungen Menschen, die lernenden und studierenden und tatsächlich immer nur in Selbstauslöschung und Selbstvernichtung meditierenden, für welche einfach noch alles die Wahrheit und die Wirklichkeit ist und die in dieser Wahrheit und Wirklichkeit als einer einzigen Fürchterlichkeit scheitern.

(Auszüge aus: Thomas Bernhard [1931-1989]: "Die Ursache. Eine Andeutung", Residenz Verlag 1975)



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Freitag, 3. März 2017

Musik des Tages: Element of Crime




(Element of Crime, live auf dem Rudolstadt Festival, 2016)

  1. Wenn der Morgen graut
  2. Immer so weiter
  3. Schwert, Schild und Fahrrad
  4. Mehr als sie erlaubt
  5. Rette mich (vor mir selber)
  6. Draußen hinterm Fenster
  7. Akkordeon
  8. Bitte bleib bei mir
  9. Liebe ist kälter als der Tod
  10. Am Ende denk' ich immer nur an dich
  11. Über dir der Mond
  12. Dunkle Wolke
  13. Immer da, wo du bist, bin ich nie
  14. Wenn der Wolf schläft, müssen alle Schafe ruh'n
  15. Kaffee und Karin
  16. Lieblingsfarben und Tiere
  17. Weißes Papier
  18. Delmenhorst
  19. Über Nacht

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Über Nacht

Über Nacht kamen die Wolken
Und ich hab's nicht mal gemerkt
Schon sind am ersten Straßenbaum
Die ersten Blätter verfärbt

Ich will immer soviel erleben
Und verschlafe doch nur die Zeit
Und kaum dass ich einmal nicht müde bin
Ist der Sommer schon wieder vorbei

Über Nacht kamen die Vögel
Und bildeten einen Verein
Der verzieht sich bald ans Mittelmeer
Und lässt uns im Regen allein

Ich will immer so gern berauscht sein
Und werde doch immer nur breit
Und kaum dass ich einmal nüchtern bin
Ist der Sommer schon wieder vorbei

Über Nacht kam die Erinnerung
An längst vergangenes Glück
Und voller Wehmut stell' ich mir
Die Uhr eine Stunde zurück

Ich will dich so gerne vergessen
Und bin dazu doch nicht bereit
Und kaum dass ich dich einmal wiederseh'
Ist der Sommer schon wieder vorbei

(Element of Crime: "Die schönen Rosen", 1996)


Donnerstag, 2. März 2017

CSU: "Auf, auf, ins Vierte Reich!"


Meine lieben Freunde von der CSU, die das "C" in ihrem Parteinamen wohl nur deshalb führen, weil das viel naheliegendere "N" zur Zeit der Parteigründung (1945/46) selbst in Bayern noch ein wenig "verpönt" war, machen ihrer braunen Gesinnung wieder mal alle Ehre und zimmern fleißig am Gerüst des dystopischen Terrorstaates. Aktuell geht es wieder einmal um die Zementierung des faschistoiden "Pre-Crime"-Prinzips, wie bei Zeit Online nachzulesen ist:

Die [bayrische] Staatsregierung hat einen Gesetzentwurf erarbeitet, der erstmals vorsieht, Gefährder zeitlich unbegrenzt präventiv in Haft zu nehmen. Das wäre deutschlandweit einmalig – und ein Tabubruch, wie Experten glauben.

Nun muss man – anders als Zeit-Redakteure oder bayrische Landtags-"Oppositionelle" suggerieren – gewiss kein "Experte" sein, um in diesem Vorhaben nicht nur einen Tabubruch, sondern einen eindeutig verfassungsfeindlichen Angriff auf die inzwischen geradezu absurd anmutende Simulation des "freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates" zu entdecken. Wie im Text schon angedeutet, befindet sich dieses Land aber längst auf dem braunen Weg, denn schon jetzt ist es nach geltendem Recht legal, einen Menschen, der von irgendwem als "Gefährder" identifiziert wurde (im Zweifel beruht das stets auf ominösen, ungenannten und natürlich ungeprüften "Geheimdiensterkenntnissen"), bis in privateste Details hinein zu "observieren", zu gängeln und bis zu vierzehn Tagen zu inhaftieren.

Die CSU wäre aber nicht die stolze, stinkende Vorzeigekloake Deutschlands neben der AfD, wenn sie diese Praxis nicht mühelos unterbieten könnte. Eine "zeitlich unbefristete Inhaftierung von Gefährdern" gab es in Deutschland schon einmal und es ist bekannt, wohin das vor 80 Jahren geführt hat. Auch die Berichterstattung in den Kuhmedien erinnert mich stark an jene Zeit, kurz bevor der nationalsozialistische Maulkorb verhängt wurde: Der verlinkte Text bei Zeit Online liest sich, als ginge es darin um eine Diskussion über Schachstrategien am Kaffeetisch, nach der man brav zur Tagesordnung übergeht und sich nächste Woche wieder trifft, um die jüngsten Bundesligaergebnisse ebenso heiß zu diskutieren.

Allein der Begriff "Gefährder", der in den Medien und der Politik heute wie selbstverständlich – und stets ohne Anführungszeichen! – benutzt wird, ist schon so grotesk, dass er starke physische Schmerzen verursacht, wenn man versucht darüber nachzudenken. Sind umweltverschmutzende und global agierende ausbeuterische Industrien, Waffenfabrikanten, kriegslüsterne PolitikerInnen, elitäre Superreiche oder verfassungsfeindliche Gesetze nicht viel eher als "Gefährder" auszumachen? Auf diese zielt der nationalchristlich-soziale Vorstoß jedoch einmal mehr nicht.

Es gehört nicht sonderlich viel Fantasie dazu, die eigentliche Strategie der kapitalistischen Bande hinter diesem vorgeschobenen Terror-Bingo auszumachen. Selbstverständlich gehört das Fischen im rechtsextremen Wählerbecken auch dazu, wie im verlinkten Text erwähnt – aber das eigentliche Ziel wird auch dort nicht genannt. Auch das kennen wir zur Genüge aus der Vergangenheit: Die perfiden, menschenfeindlichen und terroristischen Absichten der Nazis waren zwar wohlbekannt, spielten in den Massenmedien der 30er Jahre aber kaum eine Rolle.

Da soll mir nochmal jemand den üblen Knopf ans Knie nageln, dass sich Geschichte nicht wiederhole. Nazis und Kapitalisten – was ja dasselbe ist – bleiben ebenso lernresistent wie die angeschlossene Presse.

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Ob Nazi oder nicht, auch der letzte Wähler wird von der CSU herausgefischt

(Zeichnung von Max Radler [1904-1971], in: "Der Simpl", Nr. 8 vom April 1948)

Dienstag, 28. Februar 2017

Mediale Propaganda, oder: Matschepampe im Schädel


Man stelle sich folgendes Szenario vor: Ein Mensch steht am Herd, legt seine rechte Hand flach auf eine Kochplatte und stellt den entsprechenden Regler sodann auf die maximale Stufe. Schon nach kurzer Zeit verspürt er eine zunächst wohlige Wärme, die sich allerdings flugs zur schmerzhaften Hitze steigert, so dass er sehr schnell vor der Wahl steht, die Hand entweder wegzuziehen oder sich schwere Verbrennungen zuzuziehen.

Das klingt arg nach Kindergarten und Sandkastenphilosophie, ich weiß – aber es ist dennoch exakt dasselbe Szenario, das von den Massenmedien der kapitalistischen Welt und deren Erklär-Experten tagaus, tagein als gleichsam unumstößliche "Wahrheit" verkündet wird wie eine religiöse Litanei, wobei der Teil bezüglich der Verbrennungen meist weggelassen oder beschönigt wird. Bei n-tv las ich vor einiger Zeit exemplarisch:

Laut von Oxfam zusammengestellten Daten besitzen die acht reichsten Menschen der Welt – allesamt Männer – gemeinsam ein ähnlich großes Vermögen wie die gesamte ärmere Hälfte der Menschheit. Das reichste Prozent der Menschheit besitzt demnach seit 2015 mehr als der gesamte Rest.

Ei der daus, denkt sich der geneigte, vielleicht sogar hoffnungsfrohe Leser, hat die Presse vielleicht endlich begriffen, dass das kapitalistische System wohl doch nicht der Weisheit letzter Schluss ist? – Aber nein, hier kann gleich wieder Entwarnung gegeben werden, denn wie gewohnt fehlt in diesen Berichten stets die Ursachenanalyse und erst recht das logische Fazit. Im zitierten Beispiel wird gar die "Entwicklungsorganisation Oxfam", von der die Daten stammen, vorgeschoben, um die "Gründe" für diesen katastrophalen Zustand zu benennen:

Die Organisation macht für die Ungleichheit politische und unternehmerische Fehlentwicklungen verantwortlich. Sie fordert, dass Staaten stärker kooperieren anstatt gegeneinander in einen Wettbewerb um die niedrigsten Unternehmenssteuern zu treten. Gleichzeitig sollen sie unternehmerisches Handeln fördern, das sich weniger auf Kapitalgeber und stärker auf Arbeiter und Umweltkosten konzentriert.

Da bleibt kein Auge trocken und kein Hirn intakt: Der Begriff "Fehlentwicklungen" sowie die Forderungen nach "weniger Wettbewerb" im selben Atemzug mit dem "unternehmerischen Handeln" wirken in diesem Zusammenhang wie ein robuster, laufender Sahnequirl, der den LeserInnen in den zuvor geöffneten Schädel gehalten wird. Merken die Figuren, die bei "Oxfam" solche Klopper heraushauen, sowie die Papageien in den Presseagenturen und Medienhäusern, die den Mist munter verbreiten, eigentlich nicht, was sie da tun? Lässt man ihnen keine Wahl? Oder tun sie es gar aus Überzeugung?

Anders gefragt: Gibt es auf diesem Höllenplaneten tatsächlich vereinzelt Menschen, die allen Ernstes glauben, dass die kapitalistische Katastrophe – die im Übrigen nicht nur aus der "ungleichen Verteilung" von Reichtum bzw. Privatbesitz besteht, sondern weitaus größere gesellschaftliche, soziale, ökologische und natürlich auch ökonomische Dimensionen umfasst – tatsächlich auf "politischen und unternehmerischen Fehlentwicklungen" beruht? Dies implizierte ja – um zum Eingangsbeispiel zurückzukehren –, dass es im "Normalfalle" gar nicht zur Verbrennung der Hand käme. – Die logischen Brüche in diesem irrwitzigen Kauderwelsch, das ich nur als dümmliche Propaganda werten kann, sind dermaßen offensichtlich, dass es mir ein völliges Rätsel ist, wieso diese ständig wiederkehrenden Litaneien nicht ein großes, schallendes Gelächter im Land verursachen.

Und morgen lesen Sie bei n-tv & Co., wie Sie es spielend leicht fertigbringen, ein wohliges Gefühl zu entwickeln, wenn Sie entspannt in der Badewanne sitzen und den auf Hochtouren laufenden Föhn beherzt ins duftende Wasser werfen.

Wenn der Dachstuhl brennt, nützt weder Beten noch den Fußboden Scheuern. Immerhin ist Beten praktischer.

(Karl Kraus, in "Aphorismen", 1915)

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Ich habe noch fünfzehn Pfennig



(Lithografie von Honoré Daumier [1808-1879], aus der Serie "Emotions parisiennes" aus den Jahren 1839-42, unbekannter Verbleib)

Montag, 27. Februar 2017

Öffentlich-rechtliches Bildungs-TV: "Die Degradierung des Menschen"


Wer hier öfter mitliest, weiß vermutlich bereits, dass ich kein TV schaue und mich entsprechend auch nicht damit auskenne, welche Auswüchse die Boulevardisierung und Trashisierung des Fernsehens inzwischen angenommen hat. Ich bekomme so etwas immer nur fragmentarisch (beispielsweise durch fernsehkritik-tv, wo ich sporadisch mal reinschaue), durch Freunde und Bekannte oder aber durch Medienberichte mit. Durch Zufall bin ich kürzlich auf einen Beitrag bei Zeit Online gestoßen, in dem eine "neue Show" des öffentlich-rechtlichen, also durch Zwangsgebühren finanzierten Senders ZDFneo kritisiert wird, nämlich das Format "Bist Du 50.000,- wert?".

Allein der Titel lässt mich schon an finsterste RTL-Kloaken denken, aber hier handelt es sich eben nicht um werbefinanziertes, "privates" Trash-TV, sondern um "Bildungsfernsehen" aus dem "seriösen" Hause ZDF, das inzwischen nicht mehr davor zurückschreckt, Gerichtsvollzieher zur Zwangsvollstreckung loszuschicken (ohne gerichtlichen Beschluss, versteht sich, denn der "Beitragsservice" kann einfach so rechtskräftige, vollstreckbare "Bescheide" erlassen – Gerichte würden da nur stören).

Jedenfalls las ich dort, während ich mir, wahrscheinlich irre blickend, mit einer Motorsäge entsetzt den Kopf kratzte:

Der Ablauf in Kürze: In einem Studio sitzen fünf sogenannte Juroren, ihnen werden Filmchen von sechs Kandidaten vorgespielt, in denen diese immer mehr von sich preisgeben: Sorgen und Hoffnungen, Schicksalsschläge und die Routinen ihres Alltags. Sie müssen, anders als in den einschlägigen Talentshows, nicht mit einem Liedchen oder Tänzchen reüssieren, sondern "einfach nur sie selbst sein", wie es heißt. Nach jeder Runde wählt die Jury per einfacher Mehrheit einen Kandidaten raus beziehungsweise entscheidet, so der Moderator, "wer nicht 50.000,- wert ist". (...)

Wer es zugelassen hat, dass dieses wahnwitzige Potpourri aus Assessment-Center, Milgram-Experiment und Heidi Klums sadistischen Fantasien an die Öffentlichkeit gerät, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass meine Hoffnung, einer der Kandidaten würde sich die Maske vom Gesicht reißen und sich als Günter Wallraff offenbaren, der die miesen Methoden der Casting-Industrie anprangert, jäh zerbrochen ist. Auch um eine TV-Satire des wiederauferstandenen Wolfgang Menge handelt es sich leider nicht, dazu ist diese Sendung zu schlecht. Sie hat keine zweite Ebene. Sie ist genau das, was sie von ihren Kandidaten verlangt: einfach nur sie selbst. Sie ist ein Arschloch.

Der gesamte Text ist sehr zur Lektüre empfohlen. Wenn die Sendung auch nur ansatzweise so gruselig war, wie sie dort beschrieben ist – ich habe sie, wie gesagt, nicht gesehen und beabsichtige auch nicht, das via Internet nachzuholen –, ist im deutschen TV nun endgültig die Endzeit angebrochen und das Niveau nähert sich dem amerikanischen Original der allgemeinen Verblödung und wüsten Verrohung immer mehr an. Wie kann man auf die völlig absurde Idee kommen, ein solches Konzept zu entwickeln, auszuarbeiten, zu produzieren und auszustrahlen, ohne auf der Stelle aufgrund eines Gehirnschlags zum goldenen Kalb ins Jenseits zu reisen? Wenn jetzt schon zu "Unterhaltungszwecken" die faschistoide Frage gestellt wird, ob irgendwer einen bestimmten Geldbetrag "wert" sei und die Antwort, die in der Mehrheit schlicht "Nein!" lautet, gleich mitgeliefert wird, ist nicht nur eine letzte Grenze überschritten, sondern ein bedeutender Damm gebrochen, den man so ohne weiteres nicht wieder flicken kann. – Der Autor schreibt weiter:

In der Jury sitzen Zeitgenossen, deren kalte Lust, mit der sie die Kandidaten aussortieren, mich an unbehauste Kinder erinnert, die aus purer Langeweile auf dem Spielplatz Schwächere quälen. Ihr Versuch, diese Lust hinter militanter Servicefreundlichkeit zu verstecken ("Daaanke dir!" – "Tuuut mir leid!" – "Alles, alles Guuute!"), macht das Ganze noch unerträglicher. Der Moderator Jochen Schropp befindet sich offenbar in einem Dauerzustand trancehaften Aufsagens von schwachsinnigen Einzeilern, die ihm berufsmüde Redakteure auf die Karteikarten geschrieben haben, und kann deshalb gar nicht überreißen, wofür er sein hübsches Gesicht hergibt. Und der Diplom-Psychologin, die diesem "Show-Experiment" eine Anmutung von Wissenschaftlichkeit verleihen soll, traue ich jederzeit zu, dass sie mit ihrer Zunge ein Insekt fängt.

Es ist ein Bonmot am Rande, dass dieser Beitrag ausgerechnet im Zeit-Ressort "Kultur" erschienen ist. Ist diese Einordnung nun Satire – oder glaubt man in der Redaktion dieser Zeitung tatsächlich, dass das Fernsehen in der kapitalistischen Endzeit in irgendeiner Form etwas mit Kultur zu tun habe – vielleicht analog zu der irrwitzigen Annahme, die hiesige Presse sei eine "vierte Gewalt"? Man weiß so unglaublich wenig.

Ist dem Verfasser während der Arbeit an seinem Text vielleicht auch kurz die Frage durch den Kopf gegangen, ob die ZDF-Einkommensmillionäre Kleber, Gottschalk, Illner & Co. all die zwangseingetriebenen Gebühren auch "wert" sind – oder ist ein solch frevlerischer Gedanke in jenen Kreisen bereits demselben Gossenniveau geschuldet, aus dem dieses unsägliche "Show"-Format stammt?

Ich spreche dankbar siebzehn "Ave Diabolas", dass ich mir diesen grotesken TV-Schrott seit längerer Zeit nicht mehr zumute – auch wenn ich leider nach wie vor dafür zahlen muss.

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Revolverpresse



(Holzschnitt von Karl Rössing [1897-1987], in "Simplicissimus", Heft 20 vom 12.08.1929)

Freitag, 24. Februar 2017

Song des Tages: War Eternal




(Arch Enemy: "War Eternal", aus dem gleichnamigen Album, 2014)

Friend or foe?
There's no way to know
Through the battlefield of life
It's kill or be killed
So many times
It's a matter of degree
From being up on your luck
To down on your knees

It's a hellish inferno
This is war eternal

They try to change you
Crush and break you
Try to tell you what to do
They'd like to have control of you
Back against the wall
In danger of losing it all
Search deep inside
Remember who you are

It's times like these
When lines are drawn
Which side of the fence
Are you standing on?
There will come a day
Not so far away
When the hunter
Becomes the prey

It's a hellish inferno
This is war eternal

They try to change you
Crush and break you
Try to tell you what to do
They'd like to have control of you
Back against the wall
In danger of losing it all
Search deep inside
Remember who you are

This is fucking war!




Der Hunger, der Tod und das Geld


Der Kapitalismus zeigt aktuell wieder einmal seine hässlichsten Fratzen. In den Massenmedien werden Krokodilstränen vergossen und hochemotionale Berichte veröffentlicht, die vermutlich zu einer gesteigerten "Spendenbereitschaft" der hiesigen Bevölkerung beitragen sollen. Bei n-tv heißt es exemplarisch:

Millionen Kindern droht der Hungertod / Bürgerkriege, Terror und anhaltende Dürre lassen das Hungersnot-Frühwarnsystem des UN-Kinderhilfswerks Unicef Alarm schlagen: Besonders dramatisch ist die Lage in Nigeria, dem Sudan, dem Südsudan und im Jemen.

Zuerst fällt bei der Lektüre die übliche mediale Emotionalisierung auf, die durch die Fokussierung auf "die Kinder" auch gewissenhaft erreicht wird – so als sei es irgendwie etwas weniger schlimm, wenn nicht Kinder, sondern 20-, 50- oder 80jährige Menschen verhungern. Direkt im Anschluss fallen die genannten Gründe für die Katastrophe ins Auge: Selbstredend wird hier nicht das kapitalistische System genannt, das letztlich ursächlich verantwortlich ist, sondern lediglich einige der Folgesymptome. Die Dürre wird beispielsweise durch den Klimawandel begründet; letzterer erscheint in diesen Berichten aber wie eine göttliche Prüfung, die vom Himmel gefallen und nicht etwa durch kapitalistische Profitgier zumindest begünstigt sei. Auch der "Bürgerkrieg" im Jemen ist eher ein Angriffskrieg Saudi Arabiens (unter tatkräftiger Unterstützung der USA). Es versteht sich von selbst, dass in diesem Zusammenhang auch das übliche Terror-Bingo nicht fehlen darf.

Eine "Lösung des Problems" wird an anderer Stelle auch gleich angedeutet: Man müsse bloß dem Beispiel Somalias folgen, denn dort gebe es "heute im Vergleich zu 2011 eine funktionierende Regierung, funktionierende Märkte" – und schon sei alles wieder in bester Ordnung. Wir lernen also von der Tagesschau: Der Kapitalismus ist beileibe nicht die Ursache, sondern die Lösung. Orwell rotiert derweil in Lichtgeschwindigkeit im Grabe und mir tropft beim Lesen das verflüssigte Gehirn tränengleich aus den Augen.

Nun war zufälligerweise am selben Tag noch eine ganz andere Meldung zu lesen, und ich möchte die beiden folgenden Textzitate einander direkt gegenüberstellen (Hervorhebungen von mir):

  1. Tagesschau v. 23.02.17: "Deshalb werben die Vereinten Nationen bei dieser Pressekonferenz um Geld – viel Geld. 5,6 Milliarden Dollar, davon allein 4,4 Milliarden bis Ende März."

  2. Tagesschau v. 23.02.17: "Das robuste Wirtschaftswachstum hat dem deutschen Staat im vergangenen Jahr den höchsten Überschuss seit der Wiedervereinigung beschert. Trotz der Kosten der Flüchtlingskrise verbuchten Bund, Länder, Gemeinden und Sozialkassen ein Plus von 23,7 Milliarden Euro."

Das muss man einige Zeit auf sich wirken lassen, bis sich die abgrundtiefe Perversion, die in diesen Zahlen und Formulierungen steckt, gänzlich entfaltet. Um 20 Millionen Menschen in vier Ländern vor dem unmittelbar drohenden Hungertod zu retten, sind von der "Weltgemeinschaft" 5,6 Milliarden Dollar aufzubringen – und Deutschland allein (!) hat in einem einzigen Jahr einen "Steuerüberschuss" (also zusätzlich zum ohnehin schon vorhandenen Staatsreichtum) in Höhe von 23,7 Milliarden Euro "erzielt" – natürlich auf Kosten der Ärmsten, aber das nur am Rande. Und niemand kommt auf den Gedanken, dass hier die unterste Bodenplatte der Perversion noch kilometerweit unterschritten wird, und erst recht stellt niemand öffentlich und nachhaltig die Systemfrage?!?

Angesichts der gnadenlosen, immensen Überproduktion von Nahrungsmitteln im kapitalistischen System ist allerdings auch die Höhe der angeblich erforderlichen Hilfszahlungen unmittelbar in Frage zu stellen. Wer zum Beispiel den Dokumentarfilm "Unser täglich Brot" aus dem Jahr 2005 gesehen hat, darf den nagenden Zweifel als ständigen Gast in seinem Schädel begrüßen: In Kapitalistan werden kontinuierlich mehr Lebensmittel vernichtet als zur dauerhaften Bekämpfung des kompletten globalen Hungers benötigt werden. Einen solchen völligen Irrsinn kann sich kein noch so fantasie- oder depressionsbegabter Literat ausdenken. Einzig kapitalistische – also gleichsam göttliche – "Marktgesetze" verlangen dies.

Ich will auch gar nicht auf Feinheiten eingehen wie beispielsweise die hanebüchene Behauptung vom "robusten Wirtschaftswachstum" oder die noch groteskere Formulierung "trotz der Kosten der Flüchtlingskrise", die sinnvollerweise eher "trotz des absurd hohen und weiter steigenden Militärbudgets" oder "trotz der grenzdebil gewachsenen Superreichtümer einiger Weniger" lauten müsste. Sind diese Kuhjournalisten, diese Politiker, diese Superreichen und Machtgeilen des "freiheitlich-demokratischen Westens" tatsächlich noch geistig gesund oder muss man sie allesamt längst als Psycho- und Soziopathen einstufen? Weshalb springen in den Medienhäusern, Parlamenten, Bankkathedralen und Luxusvillen eigentlich nicht jeden Tag einige verrückt Gewordene unter irrem Geschrei aus den Fenstern?

Allmählich schäme ich mich bis auf die Knochen, ein ("westlicher") Mensch zu sein.

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Der Hunger



(Lithografie von Max Beckmann [1884-1950], in: "Der Simpl", Nr. 11 vom September 1946)

Donnerstag, 23. Februar 2017

Zitat des Tages: Der Feind steht rechts!


Deutsche Rechtspartei
[oder: Die AfD]

Eine Seestadt, die ist lustig,
eine Seestadt, die ist schön,
denn da kann man bald schon wieder
mit Parteiabzeichen gehn.

Unser Staatsschiff, das noch leck ist
von der großen Havarie,
wird nach Steuerbord gesteuert.
(Links zu lenken, lern' wir nie!)

In der Mondnacht auf der Alster
glänzt die "Deutsche Rechtspartei".
Re- und andre Aktionäre
werfen Anker hier. Ahoi!

Eine nationale Woge
rauscht von Hamburg bis nach Kiel,
und die Mannschaft und der Käpt'n
tragen nur noch heut' Zivil!

Und an dem gebroch'nen Maste
weht die Flagge schwarz-weiß-rot,
und man lotst uns langsam, aber
sicher in die nächste Not ...

Man missbraucht die "große Freiheit"
drüben an der Reeperbahn,
und am "Tor zur Welt" fängt wieder
eine neue Tor-Heit an!

Uns gefällt sie nicht, die Rolle
eines dummen Ruderknechts.
Deutsche Voll- und Leichtmatrosen:
S.O.S. – der Feind steht rechts!

(Heinz Hartwig, in: "Der Simpl", Nr. 14 vom November 1946)

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(Zeichnung von Helmut Beyer [1908-1962], in: "Der Simpl", Nr. 6 vom April 1947)

Mittwoch, 22. Februar 2017

Der "Linksextremismus" in der Presse: Antikapitalismus ist Ketzerei!


Es ist immer wieder lustig, wenn sich systemtreue Kapitalisten über die "extreme Linke" auslassen. Der unfreiwillige Slapstick, der dabei logischerweise entsteht, ist ganz besonders in Deutschland zur höchsten Kunstform aufgestiegen: "Stammtische" (oder das, was zu diesem Boulevardthema medial verbreitet wird) können das ebenso gut wie pseudolinke Blogger (Lapuente, Berger, Sasse & Co.) und natürlich Journalisten.

Kürzlich habe ich bei Zeit Online wieder einmal ein solches Stück der Blut und Wasser schwitzenden Realsatire entdeckt. Dort lässt sich der Zeit-Autor Alexander Tieg über Antikapitalismus, Antifaschismus und generell "radikale" Kritik am vorherrschenden Katastrophensystem aus und macht das – wie sollte es in diesen grausigen Tagen auch anders sein – ausgerechnet am Aufhänger "Trump" fest. Um den nächsten amerikanischen Präsidenten geht es im Artikel aber gar nicht, auch wenn die Überschrift – wie so oft – etwas anderes suggeriert.

Tieg beschränkt sich in diesem Text darauf, einige wenige Positionen der "extremen Linken" herauszugreifen, sie zu wiederholen und in einen gewollt süffisanten Kontext zu stellen. Das ist seine "Kritik". Da wird inhaltlich nichts diskutiert, widerlegt oder auch nur ansatzweise irgendwelchen Gegenpositionen gegenübergestellt. Eine solche Mühe macht sich ein heutiger Propagandist gar nicht mehr, denn es ist aus seiner verqueren Sicht ja ohnehin klar, dass der Kapitalismus das beste aller möglichen Systeme sei, so dass es für solche Figuren schon völlig ausreicht zu schreiben: "Hihi ... er hat 'Antikapitalismus' gesagt! Wie lustig! Was für ein dummer Radikaler!"

Dabei ist bereits der Begriff der "extremen Linken" eine absurde, kapitalistische Neusprech-Verzerrung. Kapitalismuskritik ist also bereits "extrem" oder gar "radikal"? – Es verwundert nicht, dass Tieg hier stattdessen die reißerische, boulevardeske Formulierung "Sturz des Systems" benutzt – schließlich soll dem Leser eingebläut werden, dass "Linksradikale" nicht nur "der Omma ihr klein' Häuschen" wegnehmen, sondern selbstredend den "freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat" gleich komplett abschaffen wollen: Das sind alles Stalinisten!

Es lohnt sich, dieses Pamphlet aufmerksam zu lesen, sofern ein großer Brecheimer bereitsteht und die Fähigkeit und der Wille zu einem sehr schwarzen Humor vorhanden sind – ansonsten könnte die Lektüre böse intellektuelle und emotionale Auswirkungen haben. Tieg schreibt beispielsweise:

In den Pausen zwischen den Veranstaltungen werden im Foyer Flyer verteilt, auf denen vor der Gefahr eines weltweiten Faschismus gewarnt wird. Es gibt Buch- und T-Shirt-Stände, Kaffee gegen eine Spende und zu Mittag Kartoffeln mit Spinat.

Das ist ein repräsentatives Beispiel für seine Art der "Kritik" an "Linksextremen": Sie verteilen Flyer und bieten nur vegetarisches Essen an. Das muss reichen, um sie als weltfremde Spinner zu identifizieren – inhaltlich gibt es dazu aus der Sicht des sesselpupsenden Autors nichts weiter anzumerken. Dafür bemängelt er umso strenger:

Donald Trump? Ist nicht das eigentliche Ziel. Es geht Möller um das System, das große Ganze, nicht um einzelne Personen. Dass er und seine Mitstreiter damit vielleicht eine Chance verspielen? Egal, es geht ihnen um eine globale Revolution.

Wie können diese Kommunisten denn auch bloß auf den lächerlichen Gedanken kommen, dass es tatsächlich nicht um Trump oder andere Einzelpersonen geht – obwohl die versammelte Mainstreampresse doch seit Wochen wie irrsinnig auf dieser Personalie herumreitet wie Lucky Luke auf seinem albernen Gaul? Das kann der Autor beim besten Willen nicht fassen – da gibt es tatsächlich ein paar (leider viel zu wenige!) Menschen, die etwas weiter denken als von zwölf bis mittags und sich nicht einspannen lassen in das Themen-Setting der hiesigen Propaganda! Sapperlot – das müssen Extremisten, Putin-Freunde, Stalinverehrer, Terroristen, Kinderschänder sein! – Merke: Antikapitalismus ist Ketzerei, wenn es nach semi-religiotischen Kuhjournalisten wie Tieg geht.

Ich hatte beim Lesen dieses Artikels jedenfalls ebenso viel Spaß wie beim Ansehen einer blutigen Folge von "The Walking Dead". Andere Menschen müssen sicherlich kotzen, wenn sie das tun – und zu allem Überfluss soll es sogar – manchmal dumme, manchmal korrumpierte – Geister geben, die dem Gefasel dieses Schreiberlings tatsächlich zustimmen: Von der Lektüre der Kommentare bei Zeit Online rate ich daher dringend ab.

Eine Zeit, in der bereits das bloße Infragestellen des kapitalistischen Systems als "linksextrem" gebrandmarkt wird, muss logischerweise eine Zeit des aufkommenden bzw. bereits erblühenden Faschismus' sein. Und das ist ganz gewiss keine Zeit, in der irgendein halbwegs vernunftbegabter Mensch leben möchte – bzw. lange überleben kann. Der Irrsinn feiert einmal mehr braun-stinkende Triumphe.

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Lager



(Gemälde von Sigmar Polke [1941-2010] aus dem Jahr 1982, Dispersion und gestreute Pigmente auf Dekostoff und Wolldecke, Privatbesitz [sic!])

Montag, 20. Februar 2017

Kriegskonferenz: Aufrüsten für den Frieden


Mein Lieblings-Schlips-Borg aus den öffentlich-rechtlichen Propagandaanstalten, Christian Thiels, hat wieder einmal zugeschlagen und einen obrigkeitshörigen Text zur Kriegskonferenz in München, die er brav mit dem Orwell'schem Neusprechbegriff "Sicherheitskonferenz" belegt, erbrochen.


(Christian Thiels vom SWR, Screenshot von tagesschau.de)

Selbstverständlich darf man diesen Blödsinn nicht lesen, wenn man sich informieren möchte – jedenfalls dann, wenn das Informationsinteresse vornehmlich der gesellschaftlichen oder gar sozialen Sicherheit und damit der Kriegsvermeidung gilt. Hier werden lediglich kapitalistische Strategien erörtert, die nichts mit den betroffenen Menschen, dafür aber umso mehr mit den Profiten der habgierigen "Elite" zu tun haben.

Es versteht sich von selbst, dass ein Schlips-Borg wie Thiels gleich zu Beginn auf die "arische Herkunft" des nächsten US-Präsidenten hinweist, die inhaltlich völlig sinnfrei ist und die Trump zudem auch gar nicht zu "schätzen" weiß, was einer dumpfen Hohlbirne wie Schlips-Christian allerdings so gar nicht einleuchten will. Überhaupt dreht sich dieses Pamphlet in erster Linie um Trump und nur am Rande um die widerwärtige Zusammenkunft von profitgeilen Lobbyisten, Politikern und Pseudowissenschaftlern, die alljährlich in München die Kriegsstrategien des kapitalistischen Blocks "diskutieren". Das Fazit dieses unsäglichen Textes zu einem ebenso unsäglichen Thema überrascht also nicht weiter:

Ohne militärische Stärke kein Frieden / So sieht das auch Wolfgang Ischinger [der "Leiter" der Kriegskonferenz]: "Wenn wir unsere militärische Leistungsfähigkeit massiv verstärken würden (...), dann würden wir nicht nur Respekt in Washington ernten, sondern auch in Moskau und andernorts." Das stärke auch die Position Europas bei der Lösung von Konflikten. Ohne ein leistungsfähiges Militär dürfe man sich nicht wundern, so Ischinger, "wenn wir am Friedensverhandlungstisch dann nicht eingeladen werden. Und so ist die Lage leider im Augenblick."

Da schrillen die Ohren und da dreht sich das heftig blinkende Fragezeichen wild über dem Kopf: "Wir" müssen uns also bis an die Zähne bewaffnen, Bomben schmeißen und Mördertruppen in alle Welt schicken, damit "wir" zum "Friedensverhandlungstisch" eingeladen werden? Bin ich denn der einzige, dem angesichts dieser entwaffnend dämlichen Kindergartenlyrik aus dem frühen 20. Jahrhundert der Schädel zerspringt? Geht es hier nicht in erster Linie um Profite für die Rüstungsindustrie, die "Sicherung" kapitalistischer Ausbeutung und die Vorherrschaft des "freiheitlich-demokratischen" Westens über den Rest der Welt – also, anders gesagt, um den ewig gleichen Imperialismus?

"Nein!", beschwichtigt der seriöse Schlips-Kasper vom SWR den geneigten Propagandakonsumenten, während er noch immer sehr devot die Aktentasche seines Profs aus dem Grundstudium der Betriebswirtschaftslehre trägt. Alles ist gut. Der "Westen" will Frieden, Freiheit, Demokratie – und der Rest der Welt will selbstredend Krieg, Unfreiheit und Diktatur. Deshalb sind die "Sicherheitskonferenz" und die Ausbeutungskriege eine alternativlose Veranstaltung, die einzig dem Wohl der gesamten Menschheit dienen. – An dieser Stelle muss eigentlich selbst dem aalglatten Thiels in seiner übelriechenden Enddarmwohnung der allzu kleine Schädel platzen und ein heilloses, blutiges Fiasko hinterlassen, sofern er kein Roboter ist.

Ich sehe kein Blut. – Er ist ein Roboter ...

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Il faut cultiver notre jardin!


"Man muss sein Gärtlein hegen!" (Voltaire, in: "Candide")

(Zeichnung von Helmut Beyer [1908-1962], in: "Der Simpl", Nr. 7 vom Mai 1947)

Samstag, 18. Februar 2017

Song des Tages: We Don't Need You Anymore!




(Dead Kennedys: "Soup Is Good Food", aus dem Album "Frankenchrist", 1985)

"We're sorry, but you're no longer needed
Or wanted or even cared about here.
Machines can do a better job than you,
This is what you get for asking questions."

The unions agree: "Sacrifices must be made!
Computers never go on strike!
To save the working man
You've got to put him out to pasture!"

"Looks like we'll have to let you go,
Doesn't it feel fulfilling to know
That you – the human being – are now obsolete?
And there's nothing in hell we'll let you do about it!"

Soup is good food (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
You made a good meal (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
Now how does it feel (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
To be shit out our ass and thrown in the cold like a piece of trash?

"We're sorry, you'll just have to leave,
Unemployment runs out after just six weeks.
How does it feel to be a budget cut?
You're snipped, you no longer exist!"

"Your number's been purged from our central computer,
So we can rig the facts and sweep you under the rug.
See our chart? 'Unemployment's going down'!
If that ruins your life, that's your problem!"

Soup is good food (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
You made a good meal (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
Now how does it feel (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
To be shit out our ass and thrown in the cold?

"We're sorry, we hate to interrupt,
But it's against the law to jump off this bridge!
You'll just have to kill yourself somewhere else –
A tourist might see you and we wouldn't want that!"

"I'm just doing my job, you know – so say 'uncle'
And we'll take you to the mental health zoo.
Force feed you mind-melting chemicals,
'Til even the outside world looks great!"

In hi-tech science research labs
It costs too much to bury all the dead –
The mutilated disease-injected
Surplus rats who can't be used anymore!

So they're dumped (with no minister present)
In a spiraling corkscrew dispose-all unit
Ground into sludge and flushed away –
Aw geez ...

Soup is good food (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
You made a good meal (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
Now how does it feel (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
To be shit out our ass and thrown in the cold like a piece of trash?

"We know how much you'd like to die,
We joke about it on our coffee breaks.
But we're paid to force you to have a nice day
In the wonderful world we made just for you!"

"Poor Rats", we human rodents chuckle –
"At least WE get a dignified cremation."
And yet, at 6:00 o'clock tomorrow morning,
It's time to get up and go to work.

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Anmerkung: Diesem ausgefeilten Statement von Jello Biafra ist nichts hinzuzufügen – es galt 1985 und es gilt heute in noch viel dramatischerem Maße. Ich empfehle, den Text genau zu studieren und die kapitalistische, faschistoide Menschenfeindlichkeit samt der beschworenen Egozentrik, die damals in den USA schon "normal" war, aber auch diesseits des Atlantiks durch interessierte, also korrupte Kreise semireligiös glorifiziert wurde (Thatcher, Kohl, Schröder & Konsorten sind ja nicht "vom Himmel gefallen"), mit der heutigen prekären, präfaschistischen Situation in Europa zu vergleichen: Nach dreißig Jahren "christlich-" und "sozialdemokratischer" Herrschaft unter tatkräftiger Beteiligung der "Liberalen", der "Grünen" und auch der "Linken" haben "wir" nun endlich auch das anglo-amerikanische Niveau jener Zeit erreicht – und in Teilen sogar weit übertroffen.

Trump oder irgendein anderer Kasper wird's richten und den amerikanischen Vorspung gewiss wieder herzustellen versuchen – auf dass die kapitalistische Perversion ins nächste logische Katastrophenkapitel wechsele.

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New Yorker Straßenarbeiter II



(Gemälde von Rainer Fetting [*1949] aus dem Jahr 1984, Öl auf Leinwand, unbekannter Verbleib)

Donnerstag, 16. Februar 2017

Zitat des Tages: Das Volk?


"Das Volk", verehrter Freund, wird nie gefragt;
im Westen nicht, und wohl auch kaum im Osten.
"Das Volk", verehrter Freund, steht wie gesagt
nicht zur Debatte, sondern stramm. Und Posten!

"Das Volk" ist allerorten nicht dafür,
war sogar allezeit bestimmt dagegen.
"Das Volk", das waren beispielsweise: Wir.
Und hat man damals uns vielleicht ...? Von wegen!

"Das Volk" will selbstverständlich Frieden. Klar.
Doch leider gibt es auch noch Generäle.
Und Rüstungsfabrikanten. Und, nicht wahr,
auch noch Politiker mit ohne Seele.

"Das Volk", das hätt' es freilich in der Hand,
in Ost und West, im Süden und im Norden,
mit einem Wort gesagt: in jedem Land
(auch ungefragt) zu hindern neues Morden.

"Das Volk" weiß nur noch nicht, wie man das macht.
Denn Pazifismus heißt statt dulden: Handeln!
Und daran hat bisher kein Mensch gedacht:
Die Kriegs- in Friedens-Schulen zu verwandeln.

Und darum, werter Herr, das wär kein Grund.
Doch hoffentlich gibt's bessres, uns zu sichern.
"Das Volk"; du lieber Gott. Der arme Hund ...
"Das Volk" hat er gesagt. – Dass wir nicht kichern!

(Heinz Hartwig, in: "Der Simpl", Nr. 21 vom November 1947)

Anmerkung: Dem satirischen Gedicht ist in der Originalveröffentlichung die folgende Vorbemerkung vorangestellt: "Der ehemalige Chefredakteur des 'Vorwärts', Friedrich Stampfer, erklärte, mit einem neuen Krieg sei nicht zu rechnen, da das Volk keinen Krieg wolle." – Dem ist heute das widerwärtige Gebrabbel der Stahlhelm-Uschi hinzuzufügen, die im Tagespropaganda-Interview kürzlich meinte: "Wir Europäer, wir Deutsche, wir müssen mehr tun für die eigene Sicherheit, wir müssen da mehr investieren. (...) Denn wenn wir sehen, wie viel Aufträge die Bundeswehr heute für unsere Sicherheit leistet – sei es in Afghanistan, im Irak, in Mali, aber auch im Mittelmeer bei der Flüchtlingshilfe [sic!] – dann weiß ich genau, dass wir das nur durchhalten, wenn auch dauerhaft mehr in die Bundeswehr investiert wird."

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Der Mensch und sein Werk



(Radierung von Karl Friedrich Brust [1897-1960], in: "Der Simpl", Nr. 11 vom September 1946)

Mittwoch, 15. Februar 2017

Zurück in die Höhle: Sozialer Wohnungsbau im Kapitalismus


Es ist eine bekannte systemimmanente und gängige Praxis im Kapitalismus, dass selbst Verwerfungen und Perversionen gerne genutzt werden, um Profit zu generieren. Die vollkommen abstruse, von jeglicher Sinnhaftigkeit befreite "Maßnahmen"-Industrie des Hartz-Terrors ist dafür ein gutes Beispiel: Da werden Menschen unter der Androhung des Entzugs der Existenzgrundlage gleich reihenweise in gänzlich sinnlose "Bewerbungs"-, "Fortbildungs"- oder "Beschäftigungs"-Maßnahmen oder gleich in die Zwangsarbeit ("Ein-Euro-Jobs") gezwungen, während die abzockenden "Anbieter" eben dieser Bullshit-"Maßnahmen" aus derselben Steuerkasse fürstlich bezahlt werden.

Dieses perverse, im Kapitalismus sehr logische Prinzip betrifft aber natürlich auch viele andere Bereiche des Lebens. Inzwischen verkauft die Propagandapresse beispielsweise gar die Reduktion des Wohnraumes, der verarmten Menschen zur Verfügung stehen solle, als begrüßenswerte "Innovation" – so als sei es ein massenhaftes "Phänomen" unserer Zeit (welches mit dem kapitalistischen Blödsinnsbegriff "Trend zum Minimalismus" bezeichnet wird), dass viele Menschen lieber in kleinen, grotesken Verschlägen anstatt in einigermaßen großen Wohnungen leben wollten (siehe "tiny houses"). Bei n-tv war kürzlich beispielhaft wieder einmal ein solches Pamphlet zu lesen:

Wohnen auf sechs Quadratmetern / (...) Bezahlbarer Wohnraum in Städten ist begrenzt – deswegen sollen die Dächer für die Idee eines Berliner Architekten-Duos herhalten. Wie Bausteine werden die Mini-Apartments auf vorhandenen Bauten platziert. Ein Raumwunder für alle Großstadt-Nomaden.

Der Artikel liest sich wie eine Reklameanzeige für staatlich verarmte Menschen. Und es wird nicht einmal mehr so getan, als gebe es keine Klassenunterschiede – stattdessen wird dem menschenfeindlichen Irrsinn noch die Krone aufgesetzt: Die "Mini-Wohnungen" sollen für 100 Euro im Monat "an Leute, die sich wohnen sonst oft nicht leisten können", vermietet werden, und: "In einem Gemeinschaftsraum sollen die Mieter zusammenkommen mit wohlhabenderen Bewohnern größerer Wohnungen im gleichen Haus."

Da wird gar nicht mehr gefragt, wieso es im kapitalistischen Paradies immer weniger "bezahlbaren Wohnraum" sowie zunehmend Menschen gibt, die sich das Wohnen "nicht mehr leisten" können – stattdessen werden passgenaue, zellenähnliche Gehege gezimmert und gleichzeitig ist sich die Bagage nicht zu blöde, auch noch das absurde Bild vom klassenübergreifenden "Miteinander" zu erbrechen, obgleich der Kapitalismus dies jedoch per definitionem ausschließt. Auf die Idee, "wohlhabendere" Bürger könnten in diesem perversen, auf den strikten Eigennutz zentrierten Konkurrenzsystem in breiter Masse ein gesteigertes Interesse daran haben, mit Habenichtsen "gemeinschaftliche Wohnräume" zu teilen, können nur zugekokste Reklametrottel oder zynische Menschenfeinde (was irgendwie dasselbe ist) kommen.

Wie lange wird es wohl noch dauern, bis das "bewährte" Nazi-Konzept der Ghettos und Konzentrationslager auch für Verarmte wieder aus der braunen Gruft gebuddelt wird? – Ich frage ja nur.

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Man wird bescheiden


"Ach, mit einer Hängematte ließe es sich schließlich in der Wohnung noch ganz bequem hausen!"

(Zeichnung von K.H. Böcher [1902-19??], in: "Der Simpl", Nr. 7 vom Juli 1946)