Es gibt viele rätselhafte Phänomene in dieser Welt. Eines davon ist die merkwürdige Art und Weise, in der manche Linke mit inhaltlicher Kritik umgehen. Während es in jenen Kreisen beispielsweise völlig selbstverständlich ist, den Arschlöchern aus der CDU, SPD oder der olivgrünen Partei ordentlich gegen das Schienbein oder lieber in den Arsch zu treten, wenn sie wieder einmal hanebüchenen, meist menschenfeindlichen und kapitalhörigen Blödsinn verzapfen, sind es oft dieselben Kreise, die jammern, aufheulen oder gar über eine ominöse "Spaltung" lamentieren, wenn die Kritik die Linkspartei oder irgendwelche ihr nahestehenden Blogger oder Publikationen betrifft.
Ich verstehe das nicht. Müsste es denn nicht gerade für Linke selbstverständlich sein, inhaltliche Kritik eben nicht daran auszurichten, wen sie betrifft – selbst dann, wenn sie – vermeintlich – Verbündete betrifft? Wie kann es sein, dass manche AntikapitalistInnen wie von Sinnen jener unsäglichen, neoliberalen Tradition huldigen und lieber irgendwelchen Personen (beispielsweise Wagenknecht) oder einer Partei die Nibelungentreue schwören, anstatt sich mit den Inhalten, die diese konkret vertreten, zu befassen?
Ich habe mir schon viel Schelte eingehandelt, weil ich beispielsweise den Wecker'schen und Faulfuß'schen Komplex des esoterischen Irrsinns, die "realpolitische" Linkspartei, die asozialdemokratischen Blogger Lapuente, Berger & Co. etc. kritisiert habe. Nach wie vor frage ich mich aber, wie eine antikapitalistische Gegenwehr aussehen soll, wenn radikale, zumeist intolerante Religiöse, VeganapologetInnen, menschenfeindliche FeministInnen, hirnlose KapitalismuszähmerInnen etc. mit im Boot sitzen.
Zuerst sollte doch, wie immer, das Gebot der Toleranz gelten, sofern keine "absolute Grenze" überschritten wird. Das bedeutet: Wenn jemand Gott, Allah, das Spaghettimonster oder eine verfaulte Haarlocke aus dem Mittelalter anbeten möchte, soll er oder sie das herzlich gerne tun – solange das im heimischen Wohnzimmer geschieht und keine Missionierungsversuche stattfinden. Wenn sich jemand für vegane Ernährung entscheidet, kann er oder sie das ebenso liebend gerne ausleben und auch ausführlich begründen – Missionierung ist hier aber ebenfalls völlig indiskutabel. Und wenn Feminismus in derartig groteske, geradezu faschistoide (da männerfeindliche) Bereiche gerät, wie sie zum Beispiel von Alice Schwarzer und anderen Gruselfiguren gepflegt werden, ist jedwede Toleranz längst obsolet: Frauen sind nicht die "besseren Menschen" und das Matriarchat ist nicht besser als das Patriarchat. Welch ein intellektuelles Trauerspiel, dass ich das hier für erwähnenswert halte. – Derlei Beispiele aus unterschiedlichsten Bereichen gibt es viele.
Die Linkspartei ist in diesem Zusammenhang ein Sonderfall, denn deren ProtagonistInnen sind inzwischen größtenteils längst im kapitalistischen Lager angekommen und reden – wie einstmals SPD und Grüne – allenfalls noch von einer "Zähmung" des kapitalistischen Systems und ansonsten viel von gutbezahlten Posten und Regierungsbeteiligungen. Damit fallen sie nach meiner unmaßgeblichen Meinung in exakt dieselbe Jauchegrube, in der auch SPD und Grüne längst ersoffen und verwest sind. Das dusselige Gefasel, das der Schulzkasper von der SPD gerade wieder – so offensichtlich lügend, dass es weh tut – in alle verfügbaren Mikrofone absondert, mag von dem einen oder anderen Linksparteimitglied, das es wiederholt und womöglich "verschärft", noch ernst gemeint sein – das ändert aber nichts daran, dass das nicht antikapitalistisch und damit auch nicht "links" ist. Der Kapitalismus – und das ist nun wahrlich keine neue Erkenntnis – kann nicht in "kleinen Schritten überwunden", sondern lediglich rückstandslos abgeschafft werden. Ansonsten bleibt er und wuchert krebsartig weiter. Ein Blick in die vergangenen sechs Jahrzehnte reicht völlig aus, um das zu verstehen.
Der von mir sehr geschätzte Bloggerkollege Epikur schrieb kürzlich bei Feynsinn:
Es wird massenmedial derzeit so hart geschossen (Populismus, Verschwörungstheorie, Querfront, Fake News, Social Bots, Hate Speech etc.), da braucht es keine giftigen Seitenhiebe innerhalb der linken Bloggerszene. Seien sie Reformer, Revoluzzer oder meinetwegen Brokkoli-Jünger.
Woher kommt bloß diese merkwürdige Haltung mancher Linken, Kritik nur am offensichtlichen, nicht aber am inhaltlich ebenso klar erkennbaren Gegner aus dem "linken Lager" üben zu "dürfen"? Wieso soll Kritik dort überflüssig sein? Ist es denn so schwierig zu begreifen, dass es hier nicht um Frau gegen Mann, Alt gegen Jung, Veganer gegen Fleischesser oder Gottesfürchtige gegen Atheisten geht, sondern um das absolut existenzielle Thema Menschheit / Natur gegen den Kapitalismus und dessen winziges Grüppchen der elitären Nutznießer? Das ist tatsächlich eine Überlebensfrage, so pathetisch das auch klingen mag! Alle übrigen Nebenschauplatzthemen kann – oder gerne auch: muss – man in Angriff nehmen, wenn der Krankheitsherd endlich bereinigt ist. Vorher ist das allerdings so zielführend wie ein Pflaster beim Beinbruch oder Herzinfarkt.
Die Idee, die unmittelbar übernommen und zur populären Meinung reduziert wird, ist eine Gefahr. Erst wenn die Revolutionäre hinter Schloss und Riegel sitzen, hat die Reaktion Gelegenheit, an der Entstofflichung der Idee zu arbeiten.
(Karl Kraus [1874-1936]: "Pro Domo et Mundo", Aphorismen, 1912)
(Gustav Holst [1874-1934]: "The Planets", Suite für großes Orchester aus den Jahren 1914-16, Op. 32; National Youth Orchestra of Great Britain, CBSO Youth Chorus, Leitung: Edward Gardner, 2016)
Mars, the Bringer of War
Venus, the Bringer of Peace
Mercury, the Winged Messenger
Jupiter, the Bringer of Jollity
Saturn, the Bringer of Old Age
Uranus, the Magician
Neptune, the Mystic
Pluto, the Renewer
Anmerkung: Der letzte Satz dieser Suite stammt nicht von Holst, sondern wurde dem Werk im Rahmen einer Auftragsarbeit von dem englischen Komponisten Colin Matthews im Jahr 2000 hinzugefügt. 1914 war der Himmelskörper Pluto noch nicht entdeckt – heute gilt er allerdings nicht mehr als "Planet", sondern zählt zu einer ganzen Reihe weiterer "Zwergplaneten", die in den Tiefen der äußeren Bereiche des Sonnensystems ihre einsamen Bahnen ziehen. Aus meiner Sicht ist dieser Satz hier so sinnvoll wie eine Operation am gesunden Herzen, da der komplette Schluss des Werkes, der mit den leise verklingenden Stimmen des "Fernchores" in der "Unendlichkeit" geradezu perfekt ist, grundlos zerstört wird. Für sich genommen ist "Pluto" sicherlich ein gelungenes Stück Musik, das aber hier nichts verloren hat.
Anhand dieser programmatischen Musik der sich allmählich in der Atonalität auflösenden Spätromantik lässt sich nebenbei wunderbar nachvollziehen, wo so mancher Filmkomponist bzw. Plagiator der vergangenen Jahrzehnte die Ideen für plakative, meist stark simplifizierte Soundtracks gefunden hat.
Science Fiction entwirft keineswegs Zukunft, sondern Alternative; sie springt in die andere Wirklichkeit und meint nicht die Zukunft, sondern die Gegenwart.
(aus: Dieter Wuckel: "Science Fiction. Eine illustrierte Literaturgeschichte", 1986)
Kürzlich habe ich mir – nach langer Zeit – mal wieder sämtliche Folgen der Star-Trek-Serie "Deep Space Nine" (DS9) angeschaut. Ich habe diesen Teil des Star-Trek-Universums lange gescheut und erst relativ spät damit angefangen, mich damit auseinanderzusetzen – umso erhellender war nun die erneute Sichtung.
Ich weiß, dass es sehr konträre Meinungen zu dieser Serie gibt. Auch ich gehöre zu denjenigen, die diesem dritten Ableger nach der Originalserie aus den 60er Jahren und der Neubelebung mit dem unvergesslichen Captain Picard aus den 80er und 90er Jahren ("The Next Generation") sehr skeptisch gegenüberstehen. Seinerzeit habe ich diese Serie "übersprungen", also nicht angeschaut, da ich sie nach den ersten Folgen schlichtweg schlecht und langweilig fand. Später habe ich das aber nachgeholt.
Aus heutiger Sicht muss ich mein damaliges Urteil relativieren. Die Serie ist nicht so übel, wie ich damals vermutet habe. Es gibt hier eine Menge zu entdecken, auch wenn die Charaktere trotz allem allzu platt und eindimensional wirken. Insbesondere bietet DS9 einige der besten, teilweise auch witzigsten Folgen zum Ferengi-Thema (also der Star-Trek-Allegorie zum Kapitalismus). Es ist eine wahre Lust, dem Ferengi Quark und seinen Spießgesellen immer wieder dabei zuzuschauen, wie sie auf der Suche nach immer neuen, völlig sinnlosen Profiten die wunderlichsten, lächerlichsten und auch gefährlichsten Dinge anstellen – in dieser Hinsicht "funktioniert" DS9 tadellos.
(Quark und sein geliebtes "goldgepresstes Latinum")
Überhaupt kommt der Humor hier nicht zu kurz. Es gibt haufenweise Szenen, die zum brüllenden Lachen oder auch leisen Schmunzeln anregen - und für Star-Trek-Kenner gibt es gleich reihenweise "Insider"-Witze, die ich hier nicht näher erklären mag. Erinnern möchte ich lediglich an die Folge mit den "Tribbles", die auf eine der lustigsten Episoden der Originalserie zurückgeht und hier nicht minder herzerfrischend ist.
Gleichwohl bleiben einige Kritikpunkte bestehen, die ich schon damals unausstehlich fand. Dazu gehören in erster Linie die allzu kriegerische Ausrichtung dieser Serie, die ich nach wie vor ekelhaft finde, sowie die völlig hanebüchene esoterische Komponente. Es "passt" nicht ins Star-Trek-Universum, dass sich die Sternenflotte verhält wie die US-Regierung, welche die infantile Fabel vom "von außen aufgezwungenen Krieg" erzählt. Das ist dusseliger Bullshit – hier artet das Szenario in dumpfe Propaganda aus, die gewiss mit der US-amerikanischen, imperialistischen Realität jener Zeit etwas zu tun hatte, gewiss aber nichts mit "Star Trek", wie Gene Roddenberry es gedacht hatte. All die Folgen, die sich mit dem "Krieg gegen das Dominion" sowie der "Taktik", wie diesem "Feind" zu begegnen sei, befassen, kann man also getrost auslassen oder sich gleich entsprechende Kriegsfilme aus Hollywood ansehen.
Dasselbe gilt für sämtliche Folgen, die sich mit dem unsäglichen Thema der Esoterik beschäftigen. Es ist auch aus heutiger Sicht geradezu eine Peinlichkeit, dass ausgerechnet ein Vertreter der "Föderation der Vereinten Planeten" als religiöser "Prophet" etabliert wird – es fehlt eigentlich nur noch, dass der Mann damit beginnt, Tarotkarten zu legen oder weinende Madonnenfiguren anzubeten. Die Folgen, die mit diesem unsäglichen Thema zu tun haben, sollte man unbedingt in den Faulfuß'schen Abort werfen und sich nicht ansehen: Sobald es um "Drehkörper" und ähnliche Spinnereien geht, ist es an der Zeit, schreiend davonzulaufen.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die überaus offensichtliche Fixierung auf die amerikanische "Kultur". Ein amerikanischer, gar grausiger Schnulzensänger (vergleichbar mit einer Helene Fischer hierzulande) ist dort nicht nur eine Randfigur, sondern ein immer wiederkehrendes Element, das nicht nur unsäglich nervt, sondern grobe musikalische Schmerzen verursacht – während sämtliche Figuren der Serie, vom Menschen über Ferengi bis zum Klingonen (sic!) dem süßlichen, ohrtötenden Gesäusel wohlgesonnen lauschen. Der widerwärtige Zausel – Vic Fontaine – sieht aus wie eine schmierige Karikatur aus dem US-TV, ist aber offensichtlich nicht so angelegt, sondern durchaus ernst gemeint. Noch schlimmer hätten die Macher der Serie gar nicht ins verunreinigte Klo greifen können.
Als Resümee bleibt mir nur: Die eine Hälfte dieser Serie ist geniale, witzige, kritische, bedenkenswerte Star-Trek-Kost – die andere Hälfte kann man getrost in die Tonne kloppen. Es ist immerhin erfreulich, dass die Themen Krieg und Esoterik in der nachfolgenden, um Längen sehenswerteren Serie "Voyager" eine ganz andere Beurteilung erfahren haben – aber dazu schreibe ich vielleicht ein anderes Mal etwas mehr.
Heiter rieselt ein Wasser,
Abendlich blutet das Feld,
Aber aufreckend das wildbewachsene Tierhaupt,
Den Menschen feind,
Zerschmettere ich, Ares,
Zerkrachend schwaches Kinn und Nase,
Kirchtürme abdrehend vor Wut,
Euere Erde.
Lasset ab, den Gott zu rufen, der nicht hört.
Nicht hintersinnet ihr dies:
Ein kleiner Unterteufel herrscht auf der Erde,
Ihm dienen Unvernunft und Tollwut.
Menschenhäute spannte ich an Stangen um die Städte.
Der ich der alten Burgen wanke Tore
Auf meine Dämonsschultern lud,
Ich schütte aus die dürre Kriegszeit,
Steck Europa in den Kriegssack,
Rot umblüht euer Blut
Meinen Schlächterarm,
Wie freut mich der Anblick!
Der Feind flammt auf
In regenbittrer Nacht,
Geschosse zerhacken euere Frauen,
Auf den Boden
Verstreut sind die Hoden
Euerer Söhne,
Wie die Körner von Gurken,
Unabwendbar eueren Kinderhänden,
Rührt euere Massen der Tod.
Blut gebt ihr für Kot,
Reichtum für Not,
Schon speien die Wölfe
Nach meinen Festen,
Euer Aas muss sie übermästen.
Bleibt noch ein Rest
Nach Ruhr und Pest?
Aufheult in mir die Lust,
Euch gänzlich zu beenden.
Die korrupte Kapitalistenbande liebt die Totalüberwachung aller BürgerInnen heiß und inniglich. Diese schnöde Feststellung ist wahrlich nicht neu, wird aber in regelmäßigen Abständen immer wieder neu bestätigt und gleichsam in Granit gemeißelt. Heute gibt's dazu gleich drei klar verfassungsfeindliche Beispiele, über die ich in den vergangenen Tagen gestolpert bin:
Laut einer Pressemitteilung von Wikileaks soll Frankfurt am Main ein Ausgangspunkt der Überwachungen gewesen (sic!) sein. (...) / Zum Hacking-Arsenal der CIA gehören laut Wikileaks Malware, Viren und Trojaner. Demnach können etwa iPhones, Android-Geräte oder Windows-Rechner ausspioniert werden. Meist braucht es für die Infektion mit der entsprechenden Malware aber einen physischen Zugang zum jeweiligen Gerät. Zudem hat die CIA den Dokumenten zufolge versucht, über eine spezielle Software Samsung-Fernsehgeräte des Modells F8000 mit eingebauter Kamera und Mikrofon in eine Wanze zu verwandeln. Das Gerät soll den Anschein erwecken, ausgeschaltet zu sein, stattdessen aber Gespräche aufzeichnen und diese an einen CIA-Server senden. (Zeit Online vom 7. März 2017)
Von der Öffentlichkeit bislang unbemerkt soll der vollautomatische Zugriff auf die Passbilder der Bürger für alle Geheimdienste des Landes durchgesetzt werden. Mit einem Gesetz, das heute in erster Lesung im Bundestag behandelt wird, könnte durch die Hintertür eine zentrale biometrische Datenbank aller Bürger entstehen. (netzpolitik.org vom 9. März 2017)
Der Bundestag hat der verstärkten Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen zugestimmt. (...) Die neuen Regeln erleichtern vor allem privaten Betreibern das Installieren von Kameras, etwa in Einkaufszentren, vor Fußballstadien und auf Parkplätzen. (...) / Auch wurde die Einführung von Bodycams für Polizisten beschlossen, die Kameras direkt am Körper tragen können. Die Bundespolizei darf zudem automatische Lesesysteme für Autokennzeichen einsetzen, um die Fahndung nach Fahrzeugen zu erleichtern. (Zeit Online vom 10. März 2017)
Ist es nicht rührend, wie selbstlos diese Verbrecherbande darum bemüht ist, den "Schutz und die Sicherheit" aller BürgerInnen zu stärken bzw. jene Stärkung böswillig vorzutäuschen, indem sie eifrig an der Vollendung des Panopticons bastelt? Wenn ich nicht sehr genau wüsste, dass das Wohl der BürgerInnen hier gewiss nicht zur Debatte steht, wäre ich glatt bereit, von einer "Helikopter-Regierung" zu sprechen – der hirnbefreite Propagandabegriff "Mutti" unterstreicht dieses infantile, geradezu debile Bild ("Ich liebe doch alle Menschen!" – E. Mielke; oder war's doch die olle Merkel oder der Bürsten-Cyborg de Maizière?) ja sehr deutlich, während der Ausdruck "hab- und machtgierige, menschenfeindliche Mafia" den Kern doch wesentlich genauer trifft.
In diesen gruseligen Zeiten ist es sehr beruhigend, dass ich nicht über eine magische Glaskugel verfüge, mit deren Hilfe ich zehn oder zwanzig Jahre in die Zukunft blicken kann – denn ich möchte heute wirklich nicht wissen, welche braune Katastrophengülle dort auf die Menschheit wartet. Ich habe – leider – ohnehin eine viel zu blühende Fantasie.
Die anhaltende Überwachung der BürgerInnen der halben Welt durch US-Mafiadienste – inzwischen gibt die CIA wohl eine recht gute Kopie der NSA ab – ist inzwischen kein "Skandal" mehr und wird daher auch in den Systemmedien nicht mehr als solcher behandelt. Schließlich geschieht das zu "unser aller Sicherheit" und darf, wenn's nach den Knallchargen in der Politik und den Medien geht, auch gerne von Deutschland aus erfolgen. Ebenso dienen verstärkte Videoüberwachung, kameragespickte Bullen und automatische Kennzeichenlesesysteme selbstverständlich nur der "Terrorbekämpfung", womit allerdings nicht der Kapitalismus gemeint ist. In elitären Kreisen wird schließlich nur der Pöbel videoüberwacht, nicht aber der "Adel", der mit Polizisten in der Regel ebensowenig zu tun hat wie mit erfassbaren Autokennzeichen, wenn's um schmutzige Geschäfte geht. Und eine große biometrische Datenbank aller BürgerInnen, auf die sämtliche "Geheimdienste" Zugriff haben, ist die schlichte Vollendung des feuchten Traums aller Menschenfeinde, Kapitalisten und Faschisten dieser verkommenen Welt, die selbst eine Dystopie wie Orwells "1984" wie einen bunten, lustigen Kindergarten erscheinen lässt.
Es geht in Siebenmeilenstiefeln abwärts. Die Luft wird giftig. Und kaum jemand bemerkt es.
---
"Wenn wir uns auch im Kreise bewegen, meine Herren, aber langsam geht es doch abwärts."
(Marcin Przybyłowicz: "The Wolven Storm (Priscilla's Song)", aus dem Soundtrack zu dem Spiel "The Witcher 3: Wild Hunt", 2015; Coverversion von Malukah, 2015)
These scars long have yearned for your tender caress
To bind our fortunes, damn what the stars own
Rend my heart open, then your love profess
A winding, weaving fate to which we both atone
You flee my dream come the morning
Your scent – berries tart, lilac sweet
To dream of raven locks entwisted, stormy
Of violet eyes, glistening as you weep
The wolf I will follow into the storm
To find your heart, its passion displaced
By ire ever growing, hardening into stone
Amidst the cold to you in a heated embrace
You flee my dream come the morning
Your scent – berries tart, lilac sweet
To dream of raven locks entwisted, stormy
Of violet eyes, glistening as you weep
I know not if fate would have us live as one
Or if by love's blind chance we've been bound
The wish I whispered, when it all began
Did it forge a love you might never have found?
You flee my dream come the morning
Your scent – berries tart, lilac sweet
To dream of raven locks entwisted, stormy
Of violet eyes, glistening as you weep
Anmerkung: Es ist nur eine Randnotiz, dass diese jugendliche Sängerin aus Mexiko eine Strophe des Songs sowie einen Refrain wie selbstverständlich in polnischer Sprache singt. Möglicherweise ist die Menschheit doch noch nicht dem unvermeidlichen Untergang geweiht.
Es gibt zahlreiche Beispiele für die These, dass nicht wenige anerkannte Wissenschaften, die selbstverständlich an Universitäten und Fachhochschulen gelehrt werden und in denen reichlich Forschungsarbeit betrieben wird, tatsächlich eher semireligiöse Glaubenslehren sind. Als Beispiele sind – aus im Rahmen dieses Blogs wohlfeilen Gründen – die Ökonomie (BWL/VWL) zu nennen oder auch die Astronomie (Kosmologie). Letztere fußt zwar auf physikalischen Erkenntnissen, die im von Menschen erlebbaren Raum durchaus als gesichert gelten können, besteht aber dennoch zu weiten Teilen aus bloßen Spekulationen – wie beispielsweise der in dieser Disziplin generell gehegten Vermutung, "Leben" auf anderen Planeten könne nur in einem ganz besonders engen – natürlich "erdähnlichen" – Rahmen entstehen, der u.a. ein fest definiertes Temperaturspektrum, das Vorhandensein von flüssigem Wasser und diverse weitere gemauerte "Säulen" umfasst. Die Liste der Beispiele allein aus dem Fachbereich der Kosmologie, der mich persönlich sehr interessiert, ist schier endlos – dazu weiter unten noch mehr.
Ein anderer Wissenschaftszweig, der auf ähnlich tönernen Füßen zu stehen scheint, ist die Ernährungswissenschaft. In einer Rezension zu dem Buch "Ernährungswahn" von Uwe Knop aus dem Jahr 2016 las ich kürzlich bei "Wissenschaft aktuell":
Die Liste der möglichen Ernährungsphilosophien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten scheint nahezu endlos. Nicht selten kommt es einem heutzutage so vor, als sei die Nahrungsaufnahme beinahe schon zur Ersatzreligion avanciert. Um die richtige und falsche, gesunde und ungesunde Ernährung ranken sich mehr Mythen, Ideologien, Ratschläge und Dogmen denn je.
In einem Radio-Interview beim WDR legte der Autor, der selbst Ernährungswissenschaftler ist, vor einigen Tagen nach:
Das sind Studien, die keine Kausalitäten liefern können, also Ursache-Wirkungsbeziehungen. Sie liefern nur ganz schwache, vage Korrelationen im Ernährungsbereich. Das sind statistische Zusammenhänge. (...) / Dafür gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis, dass Obst und Gemüse irgendeinen Effekt auf die Gesundheit haben. Das wird immer gerne aus dem Bereich der Ernährungsfunktionäre und Ernährungsinstitutionen propagiert. Aber sie haben keinen Beweis dafür. Auch dafür, dass man fünfmal am Tag Obst und Gemüse essen soll, wie eine Kampagne sagt, gibt es keine Beweise.
Das ist ein weiteres, sehr anschauliches Beispiel für die große, giftige Nebelwolke, die heute mehr denn je um die hehre, seriöse Wissenschaftlichkeit wabert. Weder in den Medien, noch in gewissen Teilen der wissenschaftlichen Fakultäten wird beispielsweise mehr ein erkennbarer Unterschied zwischen Evidenz (logischer, nachvollziehbarer Beweis) und einer vermuteten Korrelation, die anhand irgendwelcher Studien "nachgewiesen" werden soll, benannt. Die Beispiele, die Knop im Interview nennt, veranschaulichen das sehr gut: Obwohl dieses Interview vom WDR ausgestrahlt und ins Netz gestellt wurde, sind die meisten anderen Beiträge dieses Senders, die sich dem Thema Ernährung widmen (und das sind verdammt viele!), durchsetzt mit nebulösen, teils obskuren Ratschlägen, Tipps und sogar Diätanleitungen, die allesamt auf irgendwelchen Glaubensgrundsätzen beruhen, mit Wissenschaftlichkeit aber soviel zu haben wie die CDU oder SPD mit Seriosität.
Es bleibt also festzuhalten, dass stets dann eine große Skepsis angesagt ist, wenn sich irgendwer vornehmlich oder gar einzig auf "Studien" beruft – die sind nämlich oft genauso aussagekräftig wie die Bibel oder der Koran. Insbesondere muss dann nachgeprüft werden, wer besagte "Studien" in Auftrag gegeben und/oder finanziert hat, und wie sie "angelegt" sind: Mit der "richtigen" Fragestellung und Konstruktion der "Untersuchung" lassen sich bekanntermaßen nahezu beliebige, schon vorher festgelegte Ergebnisse erreichen. Ich gehe jede Wette ein, dass ich mit einer entsprechenden Studie mühelos "nachweisen" könnte, dass LeserInnen dieses Blogs mit einer 30prozentig erhöhten Wahrscheinlichkeit an einer verschluckten Erdbeere ersticken als LeserInnen der Springer-Presse. Die Wissenschaft und die Medien folgerten sodann daraus: "Narrenschiff böse, Springer gut".
Welche bizarren Stilblüten die Wissenschaft sonst noch so hervorbringt, lässt sich beispielsweise auch in dem unten genannten Buch des Physikers Frank Tipler nachlesen, in dem der Mann allen Ernstes den "physikalischen Beweis der Existenz Gottes" zu führen versucht. Im Klappentext heißt es:
Die Auferstehung der Toten, die Existenz von Himmel und Hölle und Gott sind physikalisch belegbar – das ist die These des international renommierten Physikers Frank J. Tipler. Mit der analytischen Schärfe eines Naturwissenschaftlers und mit physikalischen Argumenten rekonstruiert er fundamentale Glaubenssätze der Religion und beweist, dass Gott existiert und dass das ewige Leben des Menschen nicht Glaubens-, sondern Tatsache ist. Ein Manifest zur Versöhnung von Wissenschaft und Religion, von Verstand und Gefühl.
(Frank Tipler: "Die Physik der Unsterblichkeit. Moderne Kosmologie, Gott und die Auferstehung der Toten", Piper [sic!] 1994 sowie dtv [sic!] 1995)
Das sehr umfangreiche, schwer lesbare Buch hat einen knapp 130seitigen "Wissenschaftlichen Anhang", der aus für den Laien unverständlichen mathematischen Formeln und "erklärenden Texten" besteht, die eben diesen "Beweis" nachvollziehbar machen sollen. – Und der Osterhase grinst schelmisch aus einer dunklen Ecke und trägt inzwischen einen quietschgelben Doktorhut, während er weiterhin nach der Unsterblichkeits-Formel sucht.
(Scan aus dem "Wissenschaftlichen Anhang" des "Gottesbeweises")
NSU, NSA, Snowden, Ramstein und Drohnen sowie die Armutsberichte der Bundesregierung sind nur einige wenige Beispiele, die genügend Stoff liefern, um "offiziellen" Darstellungen von Regierungen grundsätzlich und mit gutem Grund skeptisch gegenüber zu treten. Daraus speist sich letztlich die Notwendigkeit und Bedeutung von kritischen und alternativen Medien und Medienformaten wie u.a. Makronom, Wirtschaft und Gesellschaft oder Tilo Jung. Zu diesem Kreis zählen für viele auch die Nachdenkseiten (NDS).
Am 7. September 2016 wurde dort ein Beitrag zu 9/11 eingestellt, der an der "offiziellen" Darstellung des Anschlags auf das WTC zweifeln lässt. Nun will ich gerne zugestehen, dass das ein kontroverses Thema ist und es auch Gründe geben kann, gerade die offiziellen Darstellungen zu kritisieren. Aber wer den Beitrag auf den NDS las, der oder die musste sich verwundert die Augen reiben, da der Beitrag vom Niveau her locker aus der "Truther"-Bewegung (Wikipedia) stammen könnte. Die ewigen Besserwisser mögen nun mit Häme einwenden, dass der Qualitätsverlust der NDS doch schon länger greifbar gewesen sei. Spätestens mit dem Weggang von Wolfgang Lieb (23.10.2015) hätte ein nun für alle sichtbarer Grund vorgelegen, die NDS stärker zu hinterfragen. Dennoch hatte ich persönlich nicht mit einem solchen Tiefpunkt gerechnet. Ich war deshalb reichlich schockiert, dass die Leserinnen und Leser hier mit diesem Beitrag in den Sumpf esoterischer Verschwörungstheorien (VT) geführt werden sollten.
Einige Gründe, die den NDS-Beitrag als esoterisch und verschwörungstheoretisch einordnen lassen, finden sich auf endless.good.news. Vor diesem Hintergrund möchte ich auf einen Artikel von Kai Ruhsert verweisen, der im Januar 2017 auf dem "Blog der Republik" (BdR) publiziert wurde und sich kritisch mit einem Video-Vortrag über den Anschlag auf das WTC auseinandersetzt. Interessant ist Ruhserts Artikel deshalb, weil viele der dortigen Argumente auch auf den besagten NDS-Beitrag übertragen werden können. Aber noch interessanter wird dieser Artikel dadurch, dass Ruhsert selbst einmal bei den NDS tätig war und zu seiner Zeit der besagte NDS-Beitrag zu 9/11 sicher nicht publiziert worden wäre. Allerdings zeigt die Diskussion, die sich in den Kommentaren zu Ruhserts Kritik auf BdR entspann, ein sehr grundlegendes Problem im Umgang mit Esoterik und esoterischen VTs im Speziellen. Vom naturwissenschaftlichen Weltbild der "wahren Fakten" ausgehend mag es nämlich konsequent sein, "fakes", Halb- und Unwahrheiten sowie Manipulationsversuche durch Sachargumente, "Fakten" usw. zu entkräften. Doch droht die Diskussion dann in Fachdetails abzudriften und sich auf Nebenschauplätzen zu verlaufen. Wer als Laie ohne Fachwissen diese Debatten verfolgt, ist deshalb vor das Problem gestellt, ob und wem geglaubt werden kann.
Allerdings liefern oft bereits die Art der Argumente, ihr Kontext sowie die konkrete Struktur der Argumentation und (ggf.) Diskussion erste Anhaltspunkte dafür, was – auch ohne Fachdetails kennen zu müssen – von den jeweiligen Beiträgen und Aussagen zu halten ist. Zur Klarstellung will ich betonen, dass ich damit nicht das Gewicht einer "Fakten"-, Fach- und Detaildiskussion schmälern möchte. Aber wer über kein Fach- und Detailwissen verfügt, dem oder der hilft die Sensibilität für bestimmte Argumentationsstrategien oder -muster, um Fragen zu stellen, deren Antworten zumindest ein wenig Orientierung in der Einschätzung bestimmter Aussagen, Darstellungen usw. liefern.
Von Zirkelschlüssen bis Schopenhauer
Das fängt bei ganz allgemeinen Argumentationsmustern wie logischen Zirkeln bzw. Zirkelschlüssen an, wo eine Argumentationskette aufgebaut wird, an deren letzter Stelle der Verweis auf ein bereits erwähntes Argument erfolgt. Verfeinert werden kann diese Technik dadurch, dass die Argumentationskette über eine "lange Strecke" aufgebaut wird (d.h. verschiedene Absätze, Seiten, Kapitel usw.). Leserinnen und Lesern ist dann nicht immer sofort bewusst, dass es sich um logische Zirkel handelt. Etwas erscheint dann als "begründet", obwohl es nur die Wiedergabe eines bereits genannten Arguments ist.
Ein anderes Argumentationsmuster läuft auf Argumente hinaus, die nicht mehr hinterfragt werden oder hinterfragt werden sollen oder können. Gemeint ist damit der Verweis auf "Selbstevidenz", Selbstbegründung, "Selbsteinsicht", Intuition oder Erfahrung. Der Klassiker ist der Verweis auf den "gesunden Menschenverstand". Vorsicht ist deshalb angebracht, weil die Frage im Raum steht, wer festlegt, was "gesund" und "Menschenverstand" (also "vernünftig") ist. Sobald der Verweis auf den "Menschenverstand" erfolgt, kann jedenfalls mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass es hier nicht ums "Verstehen" eines Sachverhalts geht, sondern darum, dass eine Behauptung einfach "geglaubt" werden soll.
Aktiv bewirkt werden kann dieser Effekt zum Beispiel durch das Zeigen eines Fotos oder eines Videos, bei dem die entsprechende Interpretation gleich mitgeliefert wird: Die Kritik von Kai Ruhsert (BdR) hinsichtlich der Verwendung einer ganz bestimmten Videosequenz, die dem Publikum den Eindruck eines symmetrischen Einsturzes des WTC-7-Gebäudes vermittelt, läuft im Grunde auf diese Strategie hinaus. Das Publikum sieht dann in unmittelbarer Erfahrung, dass das WTC-7 symmetrisch eingestürzt ist und dann muss es wohl auch so gewesen sein. Der Trick ist, dass unmittelbar wohl auch niemand auf die Idee kommt, das zu hinterfragen. (Was auch am "Gruppeneffekt" liegen kann. Denn das, was gezeigt wurde, das ist eine "Gruppenerfahrung", und wer stellt sich gerne gegen die Gruppe?)
Darüber hinaus gibt es auch verschiedene Immunisierungsstrategien. Diese können darauf gerichtet sein, bestimmten Kritikpunkten präventiv – also im Vorfeld – bereits den Wind aus den Segeln zu nehmen, z.B. durch "Leerformeln" bzw. schwammige Begriffe oder Aussagen oder den eben erwähnten Verweis auf den "gesunden Menschenverstand". Aber auch über längere Argumentationssequenzen (Artikel- und Buchserien) und in konkreten Diskussionen können Immunisierungsstrategien beobachtet werden. Diese modifizieren den Gehalt oder die Ausrichtung der ursprünglichen Aussage. Das kann einerseits erneut durch die eben genannten Präventivstrategien erfolgen, aber andererseits auch durch die Ausweitung der ursprünglichen Aussage, die Verlagerung ursprünglich genannter Gründe oder durch andere rhetorische Finten, wie z.B. das bewusste Abdriften in Details, das Werfen von "Nebelkerzen" oder das Ausnutzen von Wissensdefiziten.
Der Fantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt, weshalb ich an dieser Stelle der Einfachheit halber auf Schopenhauers "Eristische Dialektik" (Wikipedia) verweisen möchte, die zahlreiche Argumentationsstrategien bereithält und auch für den Umgang mit Esoterik und VTs aktuell ist. Wegen des zum Teil recht illustrativen Wortlauts empfehle ich auf jeden Fall einen Blick ins Original (z.B. beim Projekt Gutenberg).
Da Immunisierungsstrategien nicht immer auf den ersten Blick erkennbar sind, kann es ratsam sein, sich bei Debatten und Artikeln, bei denen Esoterik vermutet wird, erst einmal zurückzunehmen und sie aus einer gewissen Distanz zu betrachten. Wenn die Kritik an bestimmten Aussagen, Darstellungen etc. dem Versuch gleicht, den bekannten Pudding an die Wand zu nageln, dann deutet das auf Immunisierungsversuche hin. Hilfreich kann es sein, nach dem "springenden Punkt" – also den zentralen Argumenten – zu fragen. Welche Argumente bilden das Fundament der Aussagen? Hilfreich wird es dann ebenso, bei den als "zentral" empfundenen Argumenten nachzuhaken, was denn eigentlich genau gemeint ist. Wenn darauf nur Leerformeln geliefert werden (also keine Kriterien, mit denen eine Aussage oder ein Argument auch abgelehnt werden kann), dann liegt ziemlich sicher ein Immunisierungsversuch vor. Ein wichtiger Prüfstein findet sich außerdem in der Frage, ob es sich hinsichtlich bestimmter Aussagen, Darstellungen etc. auch anders verhalten kann als es vorgegeben wird. Gibt es die Argumentation her, auch eine ganz andere Schlussfolgerung zuzulassen? Wenn nicht, dann sollte mensch große Skepsis walten lassen.
Von der Theorie zur Praxis
Neben Schopenhauers allgemeinen Argumentationsstrategien können weitere Argumentationsmuster benannt werden, die mir in esoterischen Beiträgen – zu denen auch Verschwörungstheorie-Beiträge zählen – geradezu archetypisch auffallen. Davon seien ein paar kursorisch genannt, die sich zum Teil auch im erwähnten NDS-Beitrag finden lassen.
Präventive Distanzierung und Umdeutung: Um dem negativen Ruf esoterischer Verschwörungstheorien entgegenzutreten, mag es hilfreich sein, den entsprechenden Vorwurf aktiv aufzugreifen und zu thematisieren. Dies kann z.B. durch eine Distanzierung von "esoterischen" Verschwörungstheorien erfolgen, wobei die eigene VT natürlich als "seriös" dargestellt wird. Diese Distanzierung ist auch im erwähnten NDS-Beitrag zu finden, wobei sich die Frage stellt, inwiefern die dort genannten esoterischen VTs nicht vielleicht sogar nur Strohpuppen oder "rosa Elefanten" sind (Distanzierung von VTs, gemäß der das WTC mit Atombomben gesprengt worden sei oder gar keine Flugzeuge existiert hätten). Begleitet ist diese Strategie von der präventiven Umdeutung. Das, was "esoterische" Verschwörung ist, wird dort auf eine so harmlose wie kritisch notwendige Infragestellung "offizieller" Darstellungen reduziert. Zusammen ergibt beides eine recht clevere Strategie, denn indem die Distanzierung von offensichtlich abstrusen esoterischen VTs erfolgt, wird auf der anderen Seite durch die Umdeutung genau diesen VTs die Türe geöffnet. Der besondere Trick liegt auch darin, das eigentliche Problem esoterischer VTs zu überspielen. Es ist nämlich nicht so, dass esoterische VTs abstrus sein müssen, sondern im Gegenteil, dass sie durch das Erheischen von "Glaubwürdigkeit" fragwürdige und einseitige Erklärungsmuster bieten und bestimmte Vorbehalte verstärken können (z.B. Antisemitismus, Antiamerikanismus, Anti-Islamismus etc.) oder schlicht darauf abzielen, uns das Geld aus der Tasche zu ziehen (z.B. über Buchverkäufe oder Klicks auf Youtube).
Das Prinzip gewandelter Verleugnung: Um eine esoterische VT glaubhaft zu machen, kann es eine Strategie sein, diese erst einmal zu verleugnen. Im Gegensatz zur eben erwähnten präventiven Distanzierung läuft diese Verleugnung aber darauf hinaus, sich vorgeblich – zum Teil widerwillig – von den "Fakten" der VT belehrt haben zu lassen. Mensch hat es nicht glauben wollen, aber die "Fakten" haben keine andere Schlussfolgerung zugelassen. Der rhetorische Effekt ist dabei, dass ich den Leser- und ZuhörerInnen meine (ursprüngliche) Fehlbarkeit zeige und dadurch Sympathien wecke, die mich seriös oder zumindest "glaubhaft" erscheinen lassen. Genau diese Strategie ist auch im erwähnten NDS-Beitrag zu erleben.
Ich weiß es auch nicht besser: Ein ähnlicher Trick ist es, wenn ich betone, es auch nicht genau zu wissen. Ich mache mich damit ebenfalls "verletzlich" und "fehlbar". Gerade bei Themen, bei denen Fachwissen gefragt ist, kann ich so aber auch eine emotionale Brücke zum Publikum bauen, das aller Wahrscheinlichkeit nach selbst nicht über das Fachwissen verfügt. Im Grunde lässt sich damit aus der Not eine Tugend machen, wenn ich als Fachfremder mir die notwendigen Fachkenntnisse aneignen musste. Die Botschaft dahinter: Seht her, mir ging’s auch nicht anders, ich wusste – wie Ihr – nichts, habe mich deshalb erstmal mit der Materie beschäftigen müssen und dann festgestellt, da stimmt doch was nicht.
Wissenschaftlichkeit und Quellen-Autorität: Um seriös zu wirken, arbeiten esoterische VTs oft mit wissenschaftlichen Fachbegriffen. Ein gutes Beispiel für das Einkleiden in wissenschaftliche Fachbegriffe und Argumente hatte ich selbst einmal vor langer Zeit hier im Blog angesprochen, als es um den Salzboom (Himalaya-Salz) ging, was natürlich umso besser funktioniert, wenn auf nicht vorhandenes Fachwissen gebaut werden kann. Bestimmte Bezeichnungen, wie z.B. Institut und Studie sind rechtlich gesehen frei verwendbar. Ähnlich wirkt das besondere Hervorheben wissenschaftlicher Attribute, wenn also im Text ganz besonders und/oder wiederholt betont wird, dass eine Person "Wissenschaftler(in)" ist (z.B. mehrmaliger Verweis darauf, längerer Verweis auf die Forschungsinstitution, Verweis auf Literaturliste, Forschungsgegenstand oder "eine neue Studie"). Das sollte erst einmal vorsichtig werden lassen und zu einer kurzen Recherche anhalten. In dem Sinne ist der Verweis auf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie wissenschaftliche Publikationen ein beliebtes Stilmittel. Der Knackpunkt ist hier, dass oft die entsprechende Einordnung fehlt, so dass Dritte nur zur Kenntnis nehmen können, dass da irgendwas mit "Wissenschaft" im Zusammenhang steht. Klarzustellen ist, dass es natürlich auch in der Wissenschaft Minderheitenpositionen gibt und es fatal wäre, diese allesamt als "unwissenschaftlich" darzustellen (selbst wenn das in den Wissenschaftskreisen gerne gemacht wird). Mein Punkt hier ist aber, dass sich diese marginalisierten WissenschaftlerInnen wohl auch selbst oft entsprechend verorten. Wenn ich z.B. im Diskurs um Wirtschaftspolitik einen Gewerkschaftsökonomen, einen Marxisten oder Keynesianer habe, dann werden die sich vielleicht selbst so bezeichnen. Zumindest sind sie im Diskurs zuordenbar. Gerade bei heiklen Themen, wie sie die esoterischen VTs immer behaupten aufzugreifen, ist diese Einordnung aber notwendig. In den esoterischen VTs unterbleibt aber oft diese Einordnung. Im übelsten Falle ist es dann also Vorsatz, um davon abzulenken, dass die Quelle und Position vielleicht doch nicht so seriös sind. Im "einfachsten" Falle mag es schlicht Faulheit sein, weil die Einordnung Arbeit macht und dann vielleicht doch mehr Einarbeitung in Fachdebatten erfordert, als zur Bestätigung der eigenen Meinung notwendig ist. Egal, was zutrifft, ein Schuss ins Knie der Glaubwürdigkeit ist es dennoch. Wenn also immer wieder WissenschaftlerInnen oder Studien zitiert werden, ohne dass eine Einordnung erfolgt, darf auch das Anlass zur Skepsis sein.
Tarnkappen-Argumente: Beobachten lässt sich auch die Taktik, den eigentlichen "verschwörerischen" Tobak in "Nebensätze" zu schieben oder als "Nebenaspekt" zu tarnen. Im oben erwähnten Beitrag zu 9/11 auf den Nachdenkseiten wurde das mit der Behauptung gemacht, dass die Flugzeuge elektronisch ferngesteuert in die Wolkenkratzer flogen. Die dann weiter dahinter liegende – aber nicht ausbuchstabierte – Verschwörungsfrage hängt natürlich mit der Frage zusammen, wer (warum) die Flugzeuge (fern)gesteuert habe.
Wir-gegen-die-Konstruktion: Ein weiteres Merkmal von Verschwörungstheorien ist die Konstruktion von Gegensatzgruppen. Typischerweise sind das a) die "Verschwörer" und b) die, die die "Verschwörung" erkennen. Weil das aber zu offensichtlich ist, kann hinsichtlich a) auch verallgemeinert vom "Mainstream" gesprochen werden. Auch das ist im NDS-Beitrag zu finden – einmal direkt, aber auch indirekt darüber, wenn sich AutorInnen als "Märtyrer" darstellen. Streng genommen kann auch differenziert werden nach 1) denen, die die "Verschwörungsfakten" kennen, 2) denen, die bestimmte "Verschwörungsfakten" nicht anerkennen, "gehirngewaschen" oder schlicht (zu) "dumm" sind, und 3) denen, die zu den "Verschwörern" zählen. Wichtig ist, dass dabei oft auch eine gewisse Wertigkeit mitgeliefert wird, d.h. 3) ist klar abzulehnen, 2) wird bestenfalls bemitleidet und muss "aufgeklärt" werden und 1) sind ganz klar die "Guten".
Andeutungen: Esoterische Verschwörungstheoretiker sind nicht blöd und wissen, dass eine direkte Verschwörungszuweisung unseriös wirkt und wohl auch nicht oder nur sehr, sehr schwierig belegt werden kann. Es wundert daher nicht, dass die eigentliche "Verschwörung" oft nur angedeutet und im Subtext (zwischen den Zeilen) zu finden ist, sich gleichwohl aber zum Greifen nah befindet. Im erwähnten NDS-Beitrag wird z.B. nicht direkt gesagt, dass die US-Administration den Anschlag auf das WTC plante oder durchführte. Aber es wird von Manipulation der Deutungshoheit, von der vermutlichen Verstrickung des CIA, von ferngesteuerten Flugzeugen, Sprengung usw. gesprochen, die insgesamt auf genau diese Schlussfolgerung zulaufen. Ob das rhetorisches Kalkül ist, lässt sich schwer sagen. Der Effekt ist jedoch sicher nicht zum Nachteil der esoterischen VTlerInnen. Es wird nichts Genaues gesagt, also auch von keiner "Verschwörung" gesprochen. Wer den entsprechenden Personen eine esoterische Verschwörungstheorie vorwirft, der oder die kann sich nicht auf handfeste belastbare Aussagen berufen. Die Weste bleibt rein.
Zu diesen Strategien tritt z.B. das Ausblenden von Gegenmeinungen oder deren Verächtlichmachung (wer die "offizielle" Version glaubt, ist halt reichlich dumm).
Als weiteres Merkmal lässt sich beobachten, dass zu bestimmten Themen auf eine Quelle oder einen Autor immer und immer bevorzugt verwiesen wird und zwar sowohl innerhalb einzelner Beiträge, als auch über verschiedene Beiträge/Bücher hinweg oder sogar innerhalb der entsprechenden VT-Szene. Sarkastisch ließe sich dazu anmerken, dass dies wohl auch nicht anders sein kann, denn wenn in der Wissenschaft oder in den Medien insgesamt die Argumente einer "esoterischen" VT geteilt werden, würde es sich nicht mehr um eine "Verschwörung" handeln. Damit ließe sich auch nicht unbedingt die Aufmerksamkeit erreichen, die dann in bare Münze umgewandelt werden kann. Die VTler suchen sich folglich die Personen, Studien usw., die ihre Behauptungen stützen – und die liegen typischerweise in Randbereichen.
Das ist natürlich nichts, was nur in Kreisen von VT angetroffen werden kann. Selbst in der Wissenschaft und im Journalismus findet sich häufig das Phänomen, nur die "Fakten" und "Belege" wiederzugeben, die einer bestimmten (eigenen) Denkhaltung entsprechen. Natürlich gilt auch da, dass es auf den Kontext ankommt. Gleichwohl ist es auch in Wissenschaft und Journalismus nicht gerade ein Ausweis von Seriosität, sich im schlimmsten Falle nur auf eine Quelle oder eine äußerst überschaubare Zahl an Quellen oder Belegen zu berufen. Und ebenso wie ich dann die Qualität eines wissenschaftlichen Papiers bemängle, muss ich natürlich auch bei esoterischen VTs auf diesen Mangel verweisen. Wichtig ist mir an dieser Stelle, darauf aufmerksam zu machen, dass es zur Skepsis mahnen sollte, wenn immer wieder auf bestimmte Publikationen oder Personen verwiesen wird und diese Verweise eine gewisse Exklusivität aufweisen.
Schlussbemerkung
Die Liste an Argumentationsmustern und -strategien, die auf esoterische VTs hindeuten, kann sicherlich noch erweitert werden. Ich will es bei den obigen Ausführungen belassen und mir abschließend noch ein paar Klarstellungen erlauben.
Viele der Argumentationsmuster und -strategien im Esoterik-Bereich finden sich auch im Alltag, in der Wissenschaft, Politik und im Journalismus. Nicht immer handelt es sich um Esoterik oder eine esoterische VT, aber diese Muster sind aus naheliegenden Gründen besonders in den letzteren Bereichen anzutreffen. Die Existenz von esoterischen VT besagt ferner nicht, dass es nicht auch tatsächlich Verschwörungen gibt oder geben kann. Erinnert sei nur an das Hitler-Attentat aus den Kreisen der Nazi-Militärs, die Iran-Contra-Affäre / Irangate oder die Powerpointshow von Colin Powell. Die zentrale Frage ist hier aber, inwiefern eine seriöse Beschäftigung damit aussehen kann.
Tatsache ist aber auch, dass die unsaubere und zum Teil dogmatische Arbeitsweise in Wissenschaft, Politik und Journalismus selbst dafür sorgt, dass esoterische VTs auf fruchtbaren Boden fallen. Und das ist das eigentliche Problem an der Sache. Wir können uns über esoterische VTs aufregen, aber in Zeiten von "fake news" und neoliberaler Propaganda drohen wir zwischen unseren "Doppelstandards" aufgerieben zu werden. Und nur, weil wir Propaganda feststellen, heißt das nicht, dass die Gegenpositionen automatisch "besser", "wahr" usw. sind. Es kann sich auch schlicht um Gegenpropaganda handeln.
---
Dieser Text erschien zuerst im Blog "Krautism" und wird hier mit freundlicher Genehmigung des Verfassers wiedergegeben.
---
Anmerkung des Kapitäns: Ich halte dies für einen sehr bedenkenswerten, wenn auch kritikwürdigen Text, der insbesondere deutlich macht, weshalb es eine ganz schlechte Idee ist, die notwendige Kritik an so manchen "linken MeinungsbildnerInnen" wie beispielsweise den "Nachdenkseiten" dem rechten Troll-Pöbel zu überlassen. Was die aus dieser Vorlage machen, kann man ja lebhaft beim "Herrn Karl" (den ich hier gewiss nicht verlinke) und vielen anderen nachlesen.
Gewiss pflichte ich nicht jedem Punkt, den Arbo genannt hat, bei – in der Summe jedoch bin ich ganz nah bei ihm und danke ihm wärmstens für die Erlaubnis, den Text hier ebenfalls publik machen zu dürfen.
Kritik ist nicht nur erlaubt, sondern erwünscht! Ich persönlich glaube den Mumpitz von den islamistischen Verschwörern, die am 11. September 2001 "Amerika angegriffen haben", ebensowenig wie den Gegenentwurf des nicht weniger "verschwörerisch" auftretenden Daniele Ganser, der im Text zwar nicht namentlich erwähnt wird, aber offensichtlich gemeint ist. Es ist sicherlich kein Zufall, dass dieser populäre Wissenschaftler, der völlig unwissenschaftlich agiert und argumentiert, inzwischen im (finanziell wohl sehr lohnenden) Compact- und KenFM-Sumpf angekommen ist, in dem sich dumme, verblendete und rechtsextreme Menschenfeinde die braune Klinke in die Hand geben.
Ja, Verschwörungen gab es stets und gibt es ganz gewiss auch heute – aber wer diesem Fiasko auf Nachdenkseiten-, KenFM- oder Ganser-Art beikommen möchte, springt mit voller Absicht in die Jauchegrube und suhlt sich darin wie ein hirntoter Esoteriker, der zu lange dem Faulfuß'schem Stumpfsinn von "Jenseits der Realität" ausgesetzt war.
Zur Rolle der Gewerkschaften im kapitalistischen System dürfte inzwischen wohl kaum mehr Informationsbedarf bestehen – es sollte hinreichend bekannt sein, dass diese Organisationen, die auch zu früheren Zeiten schon nichts anderes waren als schnöde Mitbewahrer des kapitalistischen Ausbeutungssystems, heute weitestgehend korrumpiert sind und nichts weiter darstellen als einen weiteren Stein in der Mauer, die Lohnsklaven von der in utopischer Ferne liegenden antikapitalistischen Befreiung trennt.
Trotzdem ist es doch immer wieder hilfreich, einzelne besonders widerwärtige Figuren aus diesem institutionalisierten Sumpf exemplarisch herauszugreifen, um auch dem letzten ausgebeuteten Dummdödel in Kapitalistan begreiflich zu machen, dass Gewerkschaften nicht seine Interessen vertreten, sondern die Interessen der Funktionäre und damit des Kapitals. Der folgende ist kein Einzelfall, sondern ein typisches Beispiel, auch wenn der Text bei Zeit Online dies geflissentlich verschweigt, wo ich vor einigen Tagen las:
Wahrscheinlich ist Horst Neumann einer der reichsten Gewerkschafter im Ruhestand. Fast 50 Millionen Euro verdiente Neumann zwischen 2005 und 2015 als Personalvorstand von Volkswagen. Außerdem zahlt das Unternehmen dem 67-Jährigen in den kommenden Jahren eine Pension aus, deren Wert aus heutiger Sicht insgesamt etwa 23,7 Millionen Euro beträgt. / Konzernbosse haben es schon schwer genug, vor ihre Beschäftigten zu treten, um ihre Vergütung zu rechtfertigen. Wie aber erklärt der langjährige IG-Metall-Mitarbeiter Horst Neumann einem Malocher vom Band, dass er gerecht entlohnt wird? / Die Antwort: gar nicht.
Neumann hat eine beispielhaft systemkonforme Gewerkschaftsbiografie aufzuweisen, die ihn letztlich an die Fleischtröge geführt hat. Allerdings sollte bei der Betrachtung nicht vergessen werden, dass auch die Millionen, die diesem Herrn für wohlfeiles Verhalten aufs Konto überwiesen wurden, im herrschenden System nichts weiter als Peanuts aus der Portokasse sind. Auch Neumann ist nur ein Lakai – wenn auch ein sehr nützlicher und besonders treuer. Damit ist er allerdings ein glühendes Vorbild für all die nachrückenden Gewerkschafts- sowie Parteifunktionäre aus dem "linken Spektrum", die auch gerne Millionäre wären und mehr als bereit und willig sind, jede Menge Schwänze zu lutschen und Kotwürste zu inhalieren, um es – dem Thema angemessen – vulgär zu formulieren. Die Herren Schröder, Schulz oder Steinmeier grüßen stramm und brav schluckend.
Es bedarf keiner gesonderten Erwähnung, dass der Autor dieses Zeit-Artikels nirgends irgendwelche systemischen Zusammenhänge thematisiert oder auch nur andeutet. Für ihn ist Herr Neumann einfach ein (womöglich bewundernswertes?) Arschloch und ein "bedauerlicher Einzelfall" – andernfalls wäre der Text in dieser Form wohl auch nicht publiziert worden. Auf der anderen Seite ist dieser Text ein vortreffliches Beispiel dafür, wie auch noch die letzten Reste der womöglich vorhandenen Gegenwehr und Solidarität erfolgreich ausgemerzt werden.
Das Thema ist indes so alt wie der westliche Kapitalismus seit 1945: Ohne kaptitalfreundliche Geschwerkschaftsfunktionäre wäre der furchtbare soziale Kahlschlag der "sozialdemokratischen Agenda 2010" nicht so ohne weiteres umsetzbar gewesen, und schon in den 80er Jahren war es in diesen verhurten Kreisen opportun, die Interessen der angeblichen Klientel munter zu verraten. Ich erinnere nur an den kürzlich hier geposteten Song der Dead Kennedys aus dem Jahr 1985, in dem es heißt ("unions" bedeutet "Gewerkschaften"):
The unions agree: "Sacrifices must be made!
Computers never go on strike!
To save the working man
You've got to put him out to pasture!"
Die Frage, weshalb irgendwelche Hanswürste, die zufällig – meist aufgrund einer feudalen Erbschaft – Kapitaleigner sind, laufend satte Profite kassieren, obwohl sie nichts tun, während die überwältigende Mehrheit der Menschen sich den Rücken krumm schuftet und dafür mit lächerlichen Almosen abgespeist wird, wird weder in der Zeit, noch in den Gewerkschaften gestellt. Das perverse System brummt und die Sklaven bleiben ruhig – und die Gebildeteren können sich nun schön über Herrn Neumann aufregen und dabei stets im Hinterkopf behalten, dass sie es ja genauso täten, wenn sie denn nur die Chance dazu bekämen, ebenfalls ein paar Millionen zu ergaunern.
Am Rande sei noch erwähnt: Wenn mir jemand eine Million oder auch nur einen Bruchteil davon anböte, damit ich mit meinem Geseiere hier endlich aufhöre und das kapitalistische System nicht weiter störe – ja, dann nähme ich das unverzüglich an und hielte ab sofort mein Maul! Soviel Ehrlichkeit muss schon sein angesichts der widerwärtigen Armut, in die SPD und Grüne unter tatkräftiger Mithilfe auch der Gewerkschaften mich gestürzt haben und die mich und Millionen andere jeden Tag aufs neue vor die Frage stellt, wie die nächsten Wochen ohne Stromsperre, ohne Telefon und Internet oder ohne den unfreundlichen Besuch des Gerichtsvollziehers zu überstehen sein sollen. Im Kapitalismus wird man sehr schnell zur liderlichen Hure – je ärmer jemand ist, desto schneller und billiger geschieht das.
Ich hätte wohl rechtzeitig in eine Gewerkschaft – oder in die SPD – eintreten müssen, um das zu vermeiden ... ;-)
---
Die neue Notverordnung
[oder: Der sozialdemokratisch-grüne Hartz-Terror zur Sicherung der kapitalistischen Profite]
"Der Reichs-Hund soll nicht verhungern, wir haben ihm noch mal ein Stück vom Schwanz abgeschnitten und füttern ihn damit!"
Wann ist eigentlich die schauderhafte Zeit angebrochen, in der aus der einstmals friedlichen, besinnlichen, geradezu heilsamen Gartenarbeit ein lärmendes, unerträgliches Baustellen-Fiasko geworden ist? Seit nunmehr vier Stunden behelligen mich meine lieben Nachbarn mit multiplen Motorengeräuschen, die so laut sind, dass die jeweiligen Maschinenführer (es sind derer drei an der Zahl) den Lärm ohne Gehörschutz nicht zu ertragen vermögen – an die Nachbarn hat man dieses hilfreiche Schutzmittel jedoch nicht verteilt.
Ich weiß, dass ich mich hiermit in die altbekannte Kategorie "Und Oppa erzählt vom Kriech" begebe und mich gleichzeitig als dummer Spießer oute – aber trotzdem lief die Gartenarbeit zu meiner Zeit, als ich dazu von liebenden Eltern noch streng und unerbittlich gezwungen wurde und sie (die Gartenarbeit ebenso wie die Eltern) dafür hasste, weitestgehend geräuschlos ab und belästigte außer mir selber, der ich lieber Klavier spielen, lesen, schlafen oder Sex haben wollte, niemanden sonst. Heute ist selbst bei geschlossenen Türen und Fenstern (trotz Doppelverglasung) nicht einmal ein Telefonat im gartenabgewandten Teil der Wohnung möglich, weil man aufgrund des penetranten Lärms sein eigenes Wort nicht versteht.
So hat der Dichter und bekennende Gartenliebhaber Hermann Hesse diese Zeit beschrieben:
"Morgens so gegen die sieben" verlässt ein alter Mann seine Stube und tritt, wie er es schildert, "erst auf die lichte Terrasse". Er nimmt sich den "runden Korb für das Unkraut ..., Hacke und Spaten" und der "Gießkannen zwei, gefüllt mit sonnegewärmtem Wasser". Er ist zufrieden, denn: "schön in geraden Reihen ... stehn meine Tomaten, saftig und strotzend im Laub". Das Geheimnis: "Jegliche Wurzel umgab ich mit feuchtem, lockerem Torfmull, dem ich ein Gran Kunstdünger beimischte." Auch das Pfirsichbäumchen gedeiht prächtig: "Ich pflanzte es selber." / Der alte Mann wendet sich nun einer Weißdornhecke zu, hockt sich nieder, sitzt "kauernd wie ein Chinese, den Strohhut tief über den Augen". Er frohlockt: "Unter mir gehen die Leute." Sie "wähnen allein sich und ohne Zeugen, denn niemand vermöchte mich zu erspähn ... Vieles (von dem, was sie sagen) vernehm ich genau." Dann kommt "durch die Dschungel des Gartens ... unser Kater, mein Freund, mein Brüderchen" heran. Zärtlich miaut er", und der phantasievolle alte Mann muss an Löwen und Tiger denken.
Nichts könnte den Niedergang unserer Zeit besser illustrieren als diese offenkundige Diskrepanz zwischen dem "Gartenidyll" eines Hermann Hesse und der grausigen Baustellenrealität der Gegenwart. Es macht längst keinen Unterschied mehr, ob der Nachbar Betonfundamente aus seinem Garten mit dem Presslufthammer entfernt oder ob er die Rosen oder die Hecke schneidet oder schlicht den Rasen mäht. Das Ergebnis ist stets dasselbe: Es bringt einen Pazifisten wie mich dazu, mir in allen Details blumig auszumalen, wie ich ein Maschinengewehr auf dem Balkon aufbaue und die Lärmenden nacheinander (oder auch gleichzeitig, wenn sie günstig stehen) mit Blei vollpumpe.
Inzwischen sind fünf Stunden voller Lärm vergangenen und ein Ende des Kettensägentrios (oder welche Lärmwerkzeuge da auch immer benutzt werden) ist nicht abzusehen. Dies ist einer dieser Tage, an denen ich mir sehnlich eine Zeitmaschine herbeiwünsche, um dieses grauenhafte Jahrhundert – gesichtspalmierend und irre grüßend – für immer zu verlassen. So finster die Vergangenheit auch sein mag: Sie erscheint wie ein Paradies angesichts der drohenden, pechschwarzen Zukunft.
Alles in dieser Stadt ist gegen das Schöpferische, und wird auch das Gegenteil immer mehr und mit immer größerer Vehemenz behauptet, die Heuchelei ist ihr Fundament, und ihre größte Leidenschaft ist die Geistlosigkeit, und wo sich in ihr Phantasie auch nur zeigt, wird sie ausgerottet. Salzburg ist eine perfide Fassade, auf welche die Welt ununterbrochen ihre Verlogenheit malt und hinter der das (oder der) Schöpferische verkümmern und verkommen und absterben muss.
Meine Heimatstadt ist in Wirklichkeit eine Todeskrankheit, in welche ihre Bewohner hineingeboren und hineingezogen werden, und gehen sie nicht im entscheidenden Zeitpunkt weg, machen sie direkt oder indirekt früher oder später unter allen diesen entsetzlichen Umständen entweder urplötzlich Selbstmord oder gehen direkt oder indirekt langsam und elendig auf diesem im Grunde durch und durch menschenfeindlichen architektonisch-erzbischöflich-stumpfsinnig-nationalsozialistisch-katholischen Todesboden zugrunde.
Wahrscheinlich ist in Internaten und vornehmlich in solchen unter den extremsten menschensadistischen und naturklimatischen Bedingungen wie in der Schrannengasse das Hauptthema unter den Lernenden und Studierenden, unter den Zöglingen kein anderes als das Selbstmordthema, alles andere also als ein wissenschaftlicher Gegenstand, ein solcher Gegenstand nicht aus der Studienmasse heraus, sondern aus dem ersten, alle gemeinsam am intensivsten beschäftigenden Gedanken heraus, und der Selbstmord und der Selbstmordgedanke ist immer der wissenschaftlichste Gegenstand, aber das ist der Lügengesellschaft unverständlich.
Die Lern- und Studierzeit ist vornehmlich eine Selbstmordgedankenzeit, wer das leugnet, hat alles vergessen. Wie oft, und zwar hunderte Male, bin ich durch die Stadt gegangen, nur an Selbstmord, nur an Auslöschung meiner Existenz denkend und wo und wie ich den Selbstmord (allein oder in Gemeinschaft) machen werden, aber diese durch alles in dieser Stadt hervorgerufenen Gedanken und Versuche haben immer wieder zurück in das Internat, in den Internatskerker geführt. Ein Geistlicher hat in einer solchen, dem Stumpfsinn des Katholizismus vollkommen ausgelieferten und von diesem katholischen Stumpfsinn vollkommen beherrschten Stadt, die dazu in dieser Zeit auch noch eine durch und durch nazistische Stadt gewesen ist, bei einem Selbstmörderbegräbnis nichts zu suchen.
Der ausgehende Herbst und das in Fäulnis und Fieber eingetretene Frühjahr haben immer ihre Opfer gefordert, hier mehr als anderswo in der Welt, und die für den Selbstmord Anfälligsten sind die jungen, die von ihren Erzeugern und anderen Erziehern alleingelassenen jungen Menschen, die lernenden und studierenden und tatsächlich immer nur in Selbstauslöschung und Selbstvernichtung meditierenden, für welche einfach noch alles die Wahrheit und die Wirklichkeit ist und die in dieser Wahrheit und Wirklichkeit als einer einzigen Fürchterlichkeit scheitern.
Meine lieben Freunde von der CSU, die das "C" in ihrem Parteinamen wohl nur deshalb führen, weil das viel naheliegendere "N" zur Zeit der Parteigründung (1945/46) selbst in Bayern noch ein wenig "verpönt" war, machen ihrer braunen Gesinnung wieder mal alle Ehre und zimmern fleißig am Gerüst des dystopischen Terrorstaates. Aktuell geht es wieder einmal um die Zementierung des faschistoiden "Pre-Crime"-Prinzips, wie bei Zeit Onlinenachzulesen ist:
Die [bayrische] Staatsregierung hat einen Gesetzentwurf erarbeitet, der erstmals vorsieht, Gefährder zeitlich unbegrenzt präventiv in Haft zu nehmen. Das wäre deutschlandweit einmalig – und ein Tabubruch, wie Experten glauben.
Nun muss man – anders als Zeit-Redakteure oder bayrische Landtags-"Oppositionelle" suggerieren – gewiss kein "Experte" sein, um in diesem Vorhaben nicht nur einen Tabubruch, sondern einen eindeutig verfassungsfeindlichen Angriff auf die inzwischen geradezu absurd anmutende Simulation des "freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates" zu entdecken. Wie im Text schon angedeutet, befindet sich dieses Land aber längst auf dem braunen Weg, denn schon jetzt ist es nach geltendem Recht legal, einen Menschen, der von irgendwem als "Gefährder" identifiziert wurde (im Zweifel beruht das stets auf ominösen, ungenannten und natürlich ungeprüften "Geheimdiensterkenntnissen"), bis in privateste Details hinein zu "observieren", zu gängeln und bis zu vierzehn Tagen zu inhaftieren.
Die CSU wäre aber nicht die stolze, stinkende Vorzeigekloake Deutschlands neben der AfD, wenn sie diese Praxis nicht mühelos unterbieten könnte. Eine "zeitlich unbefristete Inhaftierung von Gefährdern" gab es in Deutschland schon einmal und es ist bekannt, wohin das vor 80 Jahren geführt hat. Auch die Berichterstattung in den Kuhmedien erinnert mich stark an jene Zeit, kurz bevor der nationalsozialistische Maulkorb verhängt wurde: Der verlinkte Text bei Zeit Online liest sich, als ginge es darin um eine Diskussion über Schachstrategien am Kaffeetisch, nach der man brav zur Tagesordnung übergeht und sich nächste Woche wieder trifft, um die jüngsten Bundesligaergebnisse ebenso heiß zu diskutieren.
Allein der Begriff "Gefährder", der in den Medien und der Politik heute wie selbstverständlich – und stets ohne Anführungszeichen! – benutzt wird, ist schon so grotesk, dass er starke physische Schmerzen verursacht, wenn man versucht darüber nachzudenken. Sind umweltverschmutzende und global agierende ausbeuterische Industrien, Waffenfabrikanten, kriegslüsterne PolitikerInnen, elitäre Superreiche oder verfassungsfeindliche Gesetze nicht viel eher als "Gefährder" auszumachen? Auf diese zielt der nationalchristlich-soziale Vorstoß jedoch einmal mehr nicht.
Es gehört nicht sonderlich viel Fantasie dazu, die eigentliche Strategie der kapitalistischen Bande hinter diesem vorgeschobenen Terror-Bingo auszumachen. Selbstverständlich gehört das Fischen im rechtsextremen Wählerbecken auch dazu, wie im verlinkten Text erwähnt – aber das eigentliche Ziel wird auch dort nicht genannt. Auch das kennen wir zur Genüge aus der Vergangenheit: Die perfiden, menschenfeindlichen und terroristischen Absichten der Nazis waren zwar wohlbekannt, spielten in den Massenmedien der 30er Jahre aber kaum eine Rolle.
Da soll mir nochmal jemand den üblen Knopf ans Knie nageln, dass sich Geschichte nicht wiederhole. Nazis und Kapitalisten – was ja dasselbe ist – bleiben ebenso lernresistent wie die angeschlossene Presse.
---
Ob Nazi oder nicht, auch der letzte Wähler wird von der CSU herausgefischt
(Zeichnung von Max Radler [1904-1971], in: "Der Simpl", Nr. 8 vom April 1948)
Man stelle sich folgendes Szenario vor: Ein Mensch steht am Herd, legt seine rechte Hand flach auf eine Kochplatte und stellt den entsprechenden Regler sodann auf die maximale Stufe. Schon nach kurzer Zeit verspürt er eine zunächst wohlige Wärme, die sich allerdings flugs zur schmerzhaften Hitze steigert, so dass er sehr schnell vor der Wahl steht, die Hand entweder wegzuziehen oder sich schwere Verbrennungen zuzuziehen.
Das klingt arg nach Kindergarten und Sandkastenphilosophie, ich weiß – aber es ist dennoch exakt dasselbe Szenario, das von den Massenmedien der kapitalistischen Welt und deren Erklär-Experten tagaus, tagein als gleichsam unumstößliche "Wahrheit" verkündet wird wie eine religiöse Litanei, wobei der Teil bezüglich der Verbrennungen meist weggelassen oder beschönigt wird. Bei n-tv las ich vor einiger Zeit exemplarisch:
Laut von Oxfam zusammengestellten Daten besitzen die acht reichsten Menschen der Welt – allesamt Männer – gemeinsam ein ähnlich großes Vermögen wie die gesamte ärmere Hälfte der Menschheit. Das reichste Prozent der Menschheit besitzt demnach seit 2015 mehr als der gesamte Rest.
Ei der daus, denkt sich der geneigte, vielleicht sogar hoffnungsfrohe Leser, hat die Presse vielleicht endlich begriffen, dass das kapitalistische System wohl doch nicht der Weisheit letzter Schluss ist? – Aber nein, hier kann gleich wieder Entwarnung gegeben werden, denn wie gewohnt fehlt in diesen Berichten stets die Ursachenanalyse und erst recht das logische Fazit. Im zitierten Beispiel wird gar die "Entwicklungsorganisation Oxfam", von der die Daten stammen, vorgeschoben, um die "Gründe" für diesen katastrophalen Zustand zu benennen:
Die Organisation macht für die Ungleichheit politische und unternehmerische Fehlentwicklungen verantwortlich. Sie fordert, dass Staaten stärker kooperieren anstatt gegeneinander in einen Wettbewerb um die niedrigsten Unternehmenssteuern zu treten. Gleichzeitig sollen sie unternehmerisches Handeln fördern, das sich weniger auf Kapitalgeber und stärker auf Arbeiter und Umweltkosten konzentriert.
Da bleibt kein Auge trocken und kein Hirn intakt: Der Begriff "Fehlentwicklungen" sowie die Forderungen nach "weniger Wettbewerb" im selben Atemzug mit dem "unternehmerischen Handeln" wirken in diesem Zusammenhang wie ein robuster, laufender Sahnequirl, der den LeserInnen in den zuvor geöffneten Schädel gehalten wird. Merken die Figuren, die bei "Oxfam" solche Klopper heraushauen, sowie die Papageien in den Presseagenturen und Medienhäusern, die den Mist munter verbreiten, eigentlich nicht, was sie da tun? Lässt man ihnen keine Wahl? Oder tun sie es gar aus Überzeugung?
Anders gefragt: Gibt es auf diesem Höllenplaneten tatsächlich vereinzelt Menschen, die allen Ernstes glauben, dass die kapitalistische Katastrophe – die im Übrigen nicht nur aus der "ungleichen Verteilung" von Reichtum bzw. Privatbesitz besteht, sondern weitaus größere gesellschaftliche, soziale, ökologische und natürlich auch ökonomische Dimensionen umfasst – tatsächlich auf "politischen und unternehmerischen Fehlentwicklungen" beruht? Dies implizierte ja – um zum Eingangsbeispiel zurückzukehren –, dass es im "Normalfalle" gar nicht zur Verbrennung der Hand käme. – Die logischen Brüche in diesem irrwitzigen Kauderwelsch, das ich nur als dümmliche Propaganda werten kann, sind dermaßen offensichtlich, dass es mir ein völliges Rätsel ist, wieso diese ständig wiederkehrenden Litaneien nicht ein großes, schallendes Gelächter im Land verursachen.
Und morgen lesen Sie bei n-tv & Co., wie Sie es spielend leicht fertigbringen, ein wohliges Gefühl zu entwickeln, wenn Sie entspannt in der Badewanne sitzen und den auf Hochtouren laufenden Föhn beherzt ins duftende Wasser werfen.
Wenn der Dachstuhl brennt, nützt weder Beten noch den Fußboden Scheuern. Immerhin ist Beten praktischer.
Wer hier öfter mitliest, weiß vermutlich bereits, dass ich kein TV schaue und mich entsprechend auch nicht damit auskenne, welche Auswüchse die Boulevardisierung und Trashisierung des Fernsehens inzwischen angenommen hat. Ich bekomme so etwas immer nur fragmentarisch (beispielsweise durch fernsehkritik-tv, wo ich sporadisch mal reinschaue), durch Freunde und Bekannte oder aber durch Medienberichte mit. Durch Zufall bin ich kürzlich auf einen Beitrag bei Zeit Online gestoßen, in dem eine "neue Show" des öffentlich-rechtlichen, also durch Zwangsgebühren finanzierten Senders ZDFneo kritisiert wird, nämlich das Format "Bist Du 50.000,- wert?".
Allein der Titel lässt mich schon an finsterste RTL-Kloaken denken, aber hier handelt es sich eben nicht um werbefinanziertes, "privates" Trash-TV, sondern um "Bildungsfernsehen" aus dem "seriösen" Hause ZDF, das inzwischen nicht mehr davor zurückschreckt, Gerichtsvollzieher zur Zwangsvollstreckung loszuschicken (ohne gerichtlichen Beschluss, versteht sich, denn der "Beitragsservice" kann einfach so rechtskräftige, vollstreckbare "Bescheide" erlassen – Gerichte würden da nur stören).
Jedenfalls las ich dort, während ich mir, wahrscheinlich irre blickend, mit einer Motorsäge entsetzt den Kopf kratzte:
Der Ablauf in Kürze: In einem Studio sitzen fünf sogenannte Juroren, ihnen werden Filmchen von sechs Kandidaten vorgespielt, in denen diese immer mehr von sich preisgeben: Sorgen und Hoffnungen, Schicksalsschläge und die Routinen ihres Alltags. Sie müssen, anders als in den einschlägigen Talentshows, nicht mit einem Liedchen oder Tänzchen reüssieren, sondern "einfach nur sie selbst sein", wie es heißt. Nach jeder Runde wählt die Jury per einfacher Mehrheit einen Kandidaten raus beziehungsweise entscheidet, so der Moderator, "wer nicht 50.000,- wert ist". (...)
Wer es zugelassen hat, dass dieses wahnwitzige Potpourri aus Assessment-Center, Milgram-Experiment und Heidi Klums sadistischen Fantasien an die Öffentlichkeit gerät, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass meine Hoffnung, einer der Kandidaten würde sich die Maske vom Gesicht reißen und sich als Günter Wallraff offenbaren, der die miesen Methoden der Casting-Industrie anprangert, jäh zerbrochen ist. Auch um eine TV-Satire des wiederauferstandenen Wolfgang Menge handelt es sich leider nicht, dazu ist diese Sendung zu schlecht. Sie hat keine zweite Ebene. Sie ist genau das, was sie von ihren Kandidaten verlangt: einfach nur sie selbst. Sie ist ein Arschloch.
Der gesamte Text ist sehr zur Lektüre empfohlen. Wenn die Sendung auch nur ansatzweise so gruselig war, wie sie dort beschrieben ist – ich habe sie, wie gesagt, nicht gesehen und beabsichtige auch nicht, das via Internet nachzuholen –, ist im deutschen TV nun endgültig die Endzeit angebrochen und das Niveau nähert sich dem amerikanischen Original der allgemeinen Verblödung und wüsten Verrohung immer mehr an. Wie kann man auf die völlig absurde Idee kommen, ein solches Konzept zu entwickeln, auszuarbeiten, zu produzieren und auszustrahlen, ohne auf der Stelle aufgrund eines Gehirnschlags zum goldenen Kalb ins Jenseits zu reisen? Wenn jetzt schon zu "Unterhaltungszwecken" die faschistoide Frage gestellt wird, ob irgendwer einen bestimmten Geldbetrag "wert" sei und die Antwort, die in der Mehrheit schlicht "Nein!" lautet, gleich mitgeliefert wird, ist nicht nur eine letzte Grenze überschritten, sondern ein bedeutender Damm gebrochen, den man so ohne weiteres nicht wieder flicken kann. – Der Autor schreibt weiter:
In der Jury sitzen Zeitgenossen, deren kalte Lust, mit der sie die Kandidaten aussortieren, mich an unbehauste Kinder erinnert, die aus purer Langeweile auf dem Spielplatz Schwächere quälen. Ihr Versuch, diese Lust hinter militanter Servicefreundlichkeit zu verstecken ("Daaanke dir!" – "Tuuut mir leid!" – "Alles, alles Guuute!"), macht das Ganze noch unerträglicher. Der Moderator Jochen Schropp befindet sich offenbar in einem Dauerzustand trancehaften Aufsagens von schwachsinnigen Einzeilern, die ihm berufsmüde Redakteure auf die Karteikarten geschrieben haben, und kann deshalb gar nicht überreißen, wofür er sein hübsches Gesicht hergibt. Und der Diplom-Psychologin, die diesem "Show-Experiment" eine Anmutung von Wissenschaftlichkeit verleihen soll, traue ich jederzeit zu, dass sie mit ihrer Zunge ein Insekt fängt.
Es ist ein Bonmot am Rande, dass dieser Beitrag ausgerechnet im Zeit-Ressort "Kultur" erschienen ist. Ist diese Einordnung nun Satire – oder glaubt man in der Redaktion dieser Zeitung tatsächlich, dass das Fernsehen in der kapitalistischen Endzeit in irgendeiner Form etwas mit Kultur zu tun habe – vielleicht analog zu der irrwitzigen Annahme, die hiesige Presse sei eine "vierte Gewalt"? Man weiß so unglaublich wenig.
Ist dem Verfasser während der Arbeit an seinem Text vielleicht auch kurz die Frage durch den Kopf gegangen, ob die ZDF-Einkommensmillionäre Kleber, Gottschalk, Illner & Co. all die zwangseingetriebenen Gebühren auch "wert" sind – oder ist ein solch frevlerischer Gedanke in jenen Kreisen bereits demselben Gossenniveau geschuldet, aus dem dieses unsägliche "Show"-Format stammt?
Ich spreche dankbar siebzehn "Ave Diabolas", dass ich mir diesen grotesken TV-Schrott seit längerer Zeit nicht mehr zumute – auch wenn ich leider nach wie vor dafür zahlen muss.
Ein Musik- und Literaturwissenschaftler auf der heiteren Odyssee bzw. vergeblichen Suche nach dem Humanismus.
Ich verstehe dieses Blog weder als "links", noch als "linksliberal" - es versucht, schlicht der Logik zu folgen, sucht die oft verschleierte Wahrheit und landet daher fast zwangsweise immer wieder in sozialistischen Regionen, in die es nie wollte. Die Logik lässt sich nicht so leicht austricksen wie es der interessengeleitete menschliche Geist tut.
Dennoch gilt auch weiterhin Spocks weiser Spruch: "Logik ist nur der Beginn aller Weisheit - und nicht ihr Ende."
Der Blogbetreiber stellt sich vor - auf dass NSA, "Verfassungsschutz", BKA und so viele andere nicht mehr so ausufernd suchen müssen:
Facebookfreie Zone
Das gilt selbstredend auch für alle anderen Datenkraken und "sozialen Netzwerke".
Statt Facebook lieber Ghostery :-)
Dieses kleine, kostenlose Plugin gibt's für alle gängigen Browser - macht es den Werbefuzzis und Überwachungsfetischisten doch wenigstens ein bisschen schwerer, Euren Spuren im Netz zu folgen ...