Donnerstag, 26. Oktober 2017

Pre-Crime: Wenn Science Fiction Realität wird


Vor zwei Wochen war bei spektrum.de ein interessanter Bericht zu lesen, in dem es um die staatliche Totalüberwachung und vor allem die Bereitschaft der hiesigen Bevölkerung ging, sich diesem grausigen Instrument freiwillig und willfährig auszuliefern. Unter dem Titel "Überwachung wird cool" heißt es dort:

GPS, Smartphones und Fitness-Tracker sind genuine Militärtechnologien. Warum haben Menschen trotzdem Spaß daran, sich mit smarten Geräten zu überwachen?

Ich empfehle dringend die komplette Lektüre dieses kleinen Textes, in dem auch der Soziologe und Kriminologe Nils Zurawski zitiert wird: "Die Überwachung ist so unmerklich in unseren digitalen Alltag eingebettet, dass wir die Mittel als Konsumartikel wahrnehmen und sie uns nur dort erscheinen, dass der Prozess der Überwachung, der Normierung, der Steuerung entweder nicht auffällt oder die dahinterstehenden Herrschaftsverhältnisse egal werden." – Diesen Satz sollte man dreimal, fünfmal lesen, um die Ungeheuerlichkeit zu erfassen.

Um den Datenschutz oder die Privatsphäre ist es in der heutigen Zeit ohnehin nicht gut bestellt – inzwischen ist es quasi eine Selbstverständlichkeit, ein Dumpf-Phone zu "besitzen" und es – ganz wichtig – auch niemals auszuschalten. Dies ist jedoch nur die eine Seite der schwarzbraunen Medaille, denn längst hat der Überwachungswahn ganz andere Dimensionen erreicht, die weit über die Wanzen, die sich die Bekloppten auch noch selber kaufen, hinausgeht. Darüber hat Matthias Heeder eine Dokumentation erstellt, die momentan in (sehr wenigen ausgewählten) Kinos zu sehen ist:



Das abstruse Konzept, das "Pre-Crime" genannt wird, geht davon aus, dass ein Computer anhand irgendwelcher intransparenter Algorithmen zuverlässig vorhersagen könne, wer zukünftig straffällig oder ein Opfer einer Straftat werden könne. Diese Technologie, die – zumindest heute – viel mehr mit Kaffeesatzleserei als mit Wissenschaft zu tun hat, kommt inzwischen dennoch zur Anwendung und hat entsprechend kafkaeske Auswirkungen, die im Film exemplarisch beleuchtet werden. Beim WDR ist zudem ein (leider gewohnt schlechtes) Interview mit dem Regisseur nachzulesen, in dem Heeder unter anderem sagt:

Robert McDaniel, mit dem wir in diesem Film gearbeitet haben, war auch auf dieser Liste gelandet. Er wurde in den letzten drei bis fünf Jahren zusammen mit einem Freund immer wieder mal wegen kleinerer Vergehen verhaftet. Das passiert in den USA sehr schnell – vor allem wenn man schwarz ist. Zum Beispiel wegen Würfelspielens oder Trinkens in der Öffentlichkeit – Marihuana rauchen, also diese Art von Vergehen. Und dann wurde sein Freund im Zusammenhang mit einer Gang-Auseinandersetzung ermordet. Robert rutschte dadurch automatisch auf die Punktzahl von 215 und bekam einige Tage später Besuch von der Polizei. Das ist die Realität, in der sich Menschen bewegen, die auf diesen Listen auftauchen. Heute sind es glaube ich inzwischen 4.500 Namen, die auf dieser Liste [die sich einzig auf die Stadt Chicago bezieht, Anm.d.Kap.] sind.

Es ist noch nicht so lange her, da war ein solches Szenario noch pure Science Fiction ("Minority Report"). Obwohl alle Beteiligten wissen, dass sie mit dieser Art der "Verbrechensbekämpfung" nichts erreichen, sondern stattdessen viele unbescholtene BürgerInnen "prä-kriminalisieren" und damit fälschlicherweise beschuldigen, wird der Unfug unbeirrt eingesetzt und durchgezogen. Auch in Deutschland, übrigens.

Mir kommt es immer mehr so vor, als nutzten die kapitalistischen "Eliten" gezielt die dystopischen Szenarien aus der Science Fiction ganz konsequent als Blaupause, um ihren Herrschaftsanspruch zu festigen – was aber natürlich nur eine wirre Verschwörungstheorie sein kann, denn letzten Endes wollen diese Herrschaften ja alle nur das Beste für die Menschheit. [*Gelächter vom Band*]

Ich möchte wirklich, wirklich nicht wissen, wie diese Welt in zwanzig Jahren aussieht. Wenn die Kapitalisten sie nicht in einem atomaren "Endkrieg" in die Steinzeit gebombt oder die Faschisten sie in ein globales Konzentrationslager verwandelt haben, werden wir uns dann wohl in einem kapitalistischen Überwachungsstaat befinden, gegen den Orwells Gruselwelt ein lustiges Disneyland der pinkfarbenen Luftballons und klammheimlichen Sehnsüchte nächtlicher Geheimträume seltener Dissidenten sein dürfte: Game over.


Dienstag, 24. Oktober 2017

Zitat des Tages: An die Soldaten


Sauft, Soldaten!
Dass das Blut
heißer durch die Adern rinnt.
Saufen macht zum Sterben Mut.
Sauft! Die Zeit der Heldentaten
fordert saftige Teufelsbraten.
Sauft! Der heilige Krieg beginnt.

Sauft und betet!
Gott erhört
liebevoll der Gläub'gen Ruf.
Wünscht, dass er den Feind zerstört!
Wenn ihr über Leichen tretet,
dankt dem Herrn, zu dem ihr flehtet,
dass er euch zu Mördern schuf.

Feindeskissen
bettet weich.
Wo des Feindes Witwe weint,
ist des Siegers Himmelreich.
Fremde Weiber – Leckerbissen –
Schnaps, Gebet und kein Gewissen.
Krieg ist Krieg, und Feind ist Feind!

Tapf'rer Krieger,
der vergisst,
dass ein Herz im Leibe schlägt,
dass er Mensch gewesen ist,
eh er Kämpfer war und Sieger.
Edler Held, der gleich dem Tiger
blutige Beute heimwärts trägt!

Heldenscharen
kehrt ihr heim,
fielt ihr nicht von Feindeshand.
In der Brust den Todeskeim,
Krüppel mit gebleichten Haaren,
sucht, wo eure Stätten waren
im zerwühlten Vaterland.

Qual und Lasten
sind der Dank.
Weib und Kind in bittrer Not.
Euer Heldentum versank.
Darben lernt ihr nun und Fasten.
Bettelnd mit dem Leierkasten
winselt ihr ums Gnadenbrot.

(Erich Mühsam [1878-1934]: "An die Soldaten", in: "Wüste – Krater – Wolken. Die Gedichte", 1914; Erstdruck 1912)




Montag, 23. Oktober 2017

Der linke Konservative


Eine Glosse am Rande des glucksenden Wahnsinns

Eigentlich hatte ich ja vor, mich inhaltlich nicht mehr mit den Auswürfen meines geschätzten Freundes Roland Faulfuß, die er – sofern er denn gelegentlich mal einen selbst verfassten Text veröffentlicht – in seine esoterische, wirre Filterblase entlässt, die er merkwürdiger Weise für "das Internet" oder gar "die Welt" hält, zu befassen. Heute muss ich mit diesem Grundsatz leider brechen (und ich sehe schon die genervt rollenden Augen einiger MitleserInnen, denen mein ganzes, aufrichtiges Mitgefühl gilt), denn der Mann hat wieder einmal so viel geballten Blödsinn aus seinem hypersensiblen Hirn gesaugt und in pseudointellektuelle Worthülsen gezwängt, dass mir gar keine andere Wahl bleibt. Es nützt ja schließlich nichts, sich bloß in den eigenen vier Wänden oder im kleinen Kreis aufzuregen – das ist nicht gut für den Blutdruck und die gehaltvolle Verdauung.

Faulfuß hat sich nun – wenn auch über Bande und mit dem obligatorischen Fragezeichen versehen, auf das sich Leute seines windigen Schlages stets herausreden können, wenn es "hart auf hart" kommt – als "linker Konservativer" geoutet. Da schmerzt sogar das schmerzunfähige Stammhirn und die Fußnägel rollen sich beherzt auf, dass es eine wahre Wonne ist. Für den Eso gehört nun also "Computer- und Kommunikationsspielzeug" zu irgendwelchen "vielen skurrilen Interessengebieten, denen man frönen, denen man sich aber auch entziehen" könne. Das ist mal eine Aussage, die so dämlich ist, dass auch die weiteren Ausführungen daran nichts mehr ändern, denn offenbar versteht der "linke Konservative" darunter lediglich oder zumindest vornehmlich die Dumpf-Phone-Besessenheit der hiesigen (keineswegs nur jungen) Bevölkerung.

Dass er selbst dem "Computer- und Kommunikationsspielzeug" frönt, indem er seit Jahren an einem obskuren Blog mitarbeitet, fällt ihm nicht auf – und so merkwürdige, lächerliche Menschen wie beispielsweise ich fallen ganz durch sein monokausales Raster: Ich boykottiere Dumpf-Phones seit vielen Jahren und lasse es mir dennoch nicht nehmen, mich ausgiebig mit dem Computer, mit diverser Software und gelegentlich sogar mit (*Jesses hilf!*) Computerspielen zu beschäftigen. Damit bin ich in des Faulfußes kleiner Biene-Maja-Welt schon ein Sektierer, ein Menschenfeind, ein Aussätziger.

Das war aber bloß der Prolog. Was der Mann danach vom Stapel lässt, offenbart das ganze Ausmaß der intellektuellen Einöde, in der er sich befindet bzw. befinden muss. Es sprengte den Rahmen, jede einzelne Äußerung des Wahn- und Irrwitzes hier zu kommentieren, so dass ich mich auf eine Auswahl im Nano-Bereich beschränke. Faulfuß schreibt beispielsweise:

Ich selbst will den Status Quo nicht "einfrieren". Entwicklung ist unvermeidlich und oft auch gut. Aber das Tempo der Veränderung muss sich den Menschen und ihren Bedürfnissen anpassen, nicht umgekehrt. Heute haben wir es geradezu mit einem Innovationsterror zu tun.

Abgesehen davon, dass diese Passage – wie auch der gesamte Text – mit keiner Silbe darauf eingeht, weshalb diese Forderung im kapitalistischen System vollkommen blödsinnig ist, da dem Kapitalismus "der Mensch und seine Bedürfnisse" schlichtweg scheißegal sind – hier geht es einzig um möglichst viel Profit für die "Elite" –, ist auch der letzte Satz hanebüchener Unsinn. Die technische Innovation – egal, wie man diese nun im einzelnen bewerten möchte – ist seit mehr als hundert Jahren in einem wahnwitzigen Tempo auf ihrem dampfenden Weg. Das kein neues Phänomen. Die technischen "Quantensprünge" beispielsweise der Elektrizität, der Dampfmaschine und damit der Eisenbahn oder der Verbrennungsmotoren haben in der Vergangenheit für ähnlich dramatische Veränderungen und natürlich auch Verwerfungen gesorgt. Faulfuß plappert hier schlicht esoterischen Bockmist nach, für den er sogar einen "Zeugen" (Harari) benennt und den er als "Bestseller-Autor" vorstellt, so als seien die Verkaufszahlen eines Printwerkes ein Indiz für die Relevanz oder Qualität desselben. Einige der üblichen Propagandatechniken der korrupten Bande beherrscht der Hochsensible bereits. Er zitiert Harari:

Obwohl sich Geschichtswissenschaftler mit fast jedem erdenklichen Thema beschäftigen – von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft über Geschlechter und Sexualität bis zu Krankheiten, Essen und Kleidung –, haben sie sich nie gefragt, welchen Einfluss das alles auf das Glück der Menschen hat. Das ist die größte Lücke in der Geschichtsschreibung.

Auch diese Aussage, die sich Fauli zu eigen macht, ist falsch. Einerseits ist es ja nicht die primäre Aufgabe der Geschichtswissenschaft, dem "Glück der Menschen" nachzuforschen – und es ist damit auch keine "Lücke"; andererseits sollte der Verfasser einfach mal einen Blick in die langen Buchregalreihen dieser Wissenschaft riskieren, um festzustellen, dass es trotzdem sehr wohl Veröffentlichungen, die zu diesem Themenkomplex zählen, gibt. Arbeiten aus anderen Wissenschaftsbereichen oder gar fachübergreifende Forschung will ich hier gar nicht erst erwähnen. Die Behauptung ist stumpfsinniger Mumpitz.

Es folgt ein Highlight der Faulfuß'schen Blümchenwelt:

Leider gelten zufriedene Menschen aber heute als Feinde einer florierenden Wirtschaft. Sie weigern sich, den Herstellern von technischem Schnickschnack als Zielgruppe zur Verfügung zu stehen.

Beim ersten Lesen war ich froh, dass ich gerade keinen Kaffee trank, der sich sonst unweigerlich über meinen technikfreundlichen, scharf zu verdammenden Monitor ergossen hätte. "Heute" sind also Menschen, die sich dem Konsum verweigern, "Feinde der Wirtschaft"? Ah ja? Was waren solche Menschen denn vor 20, vor 40 oder vor 100 Jahren? Des Kapitalisten liebste Freunde? Oder gab es die vormals gar nicht? Und wieso betrifft das heute nur "zufriedene" Menschen? Können nicht auch gänzlich Unzufriedene die viel "besseren" – weil schlagkräftigeren – Feinde des Kapitals sein? Man weiß so wenig, wenn die Sprachkunst des Autors sich auf einem derartig befremdlichen, semi-religiösen Niveau bewegt.

Selbstverständlich führt Faulfuß diese an sich schon absurden Gedanken noch weiter fort und kommt zu dem Schluss, den ich zur Illustration seiner Absurdität in die Sprache der vergleichbaren Menschen von vor hundert Jahren übersetzen möchte: "Heute ist der Eisenbahner dieses prägende Leitbild unserer Kultur. Ob wir wollen/können oder nicht – wir müssen, um im modernen Alltag überleben zu können, zumindest partiell so werden wir 'die'. Eine Zwangsbekehrung zur Religion der Dampfmaschinen-Enthusiasten findet derzeit statt. In der Folge verbrauchen wir viel Zeit und Energie, um mit Hilfe von Technologien Probleme zu lösen, die ohne sie gar nicht entstanden wären."

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Auch das Eisenbahnzeitalter hat seinerzeit extrem viel Leid, Elend und Not verursacht und massenhaft Menschen in Abhängigkeiten, Armut und finstere Ausbeutung gestürzt, während wie gewohnt nur eine kleine Minderheit davon profitiert hat und steinreich auf Kosten der übrigen Menschen geworden ist – aber trotzdem war diese Technologie ein Meilenstein der wenig ruhmreichen Menschheitsgeschichte. Die Pervertierung bezieht sich ja nicht auf die Technologie, sondern auf deren "leitende" Anwender und deren Ziele. Dasselbe trifft heute auf Computer und auch das Internet zu. Die kapitalistischen Auswüchse bzw. "normalen" Ausformungen der Ausbeutung, Armut und imperialistischen Widerlichkeiten, die zu einem technologischen Sprung im Kapitalismus eben immer dazugehören, gilt es heute ebenso scharf zu bekämpfen wie damals. Solch einfache Schlussfolgerungen aus der Primarstufe zieht Faulfuß jedoch natürlich nicht.

Letztlich kommt auch in diesem Text wieder das altbekannte, zum wiederholten Kotzen bemühte "Naturverständnis" dieser verblendeten Eso-Heinis zutage, das auch gerne mit dem abergläubischen Begriff "Schöpfung" belegt wird. Ich frage mich jedesmal, wenn ich so einen Kappes lese, ob der Urheber tatsächlich in derselben Welt lebt wie ich: Schließlich handelt es sich bei "der Natur" um ein System, das essenziell und primär auf dem völlig perversen Prinzip des "Fressens und Gefressen-Werdens" beruht. Wenn Faulfuß sich also in seinem "Biotop", das er in seinem wirren Beitrag visuell angedeutet hat, befindet, ist er sich offensichtlich nicht bewusst, dass um ihn herum zu jeder Sekunde tausende von Lebewesen andere Lebewesen töten und auffressen, um sich selbst am Leben erhalten zu können. Eine andere Wahl haben sie nicht. Das ist "Natur". Wer so etwas auch noch einem "Gott" als "Schöpfung" in die Schuhe schieben will, hat offensichtlich noch größere psychische und intellektuelle Probleme als die AfD oder die CDU. – Merke (es folgt eine steile, aber nicht von der Hand zu weisende These): Wer "die Natur" als "gutes Beispiel" bemüht, muss zweifellos ein übler Faschist sein.

So sind sie eben, die "Konservativen" bzw. Kapitalisten bzw. Esoteriker bzw. Faschisten: Jenseits der Realität.

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Naturidyll


Der Löwe (der Konservative) und das Zebra (die Linke) chillen friedlich gemeinsam im Paradies der Natur.

Freitag, 20. Oktober 2017

WDR: Dem Kapitalismus ging es noch nie besser


Der WDR ist für seine schmerzbefreite, von der Realität weit entfernte Berichterstattung bzw. kapitalistische Propaganda inzwischen ja bekannt und berüchtigt wie ein bunter Hund. Vor einigen Tagen gab es dazu wieder einmal ein Beispiel, das den Genuss des kollektiven Fussnägelaufrollens in ganz neue Dimensionen erhebt.

Wir wissen nach hunderten, immer wiederholten Beiträgen inzwischen ja, dass es "uns" heute "so gut wie noch nie zuvor" geht – darauf musste nun auch der WDR mal wieder aufmerksam machen, weil es sonst ja niemand bemerken kann. Diesmal haben die Satiriker bzw. tiefschwarzen Zyniker des Staatssenders diese esoterische Heilsbotschaft aber – ich mochte es erst auch nicht glauben – tatsächlich in den Verkehrsmeldungen untergebracht. Dort hieß es am 10.10. allen Ernstes:

Der Verkehr auf den Autobahnen in NRW hat sich am Dienstagmorgen (10.10.2017) auf einer Länge von mehr als 500 Kilometern gestaut. (...) Konjunktur und herbstliches Wetter / Zudem seien viele Autos und Lastwagen wegen der guten Wirtschaftslage auf der Straße.

Ja. Ich verstehe. Die Wirtschaftslage ist so brüllend gut, dass sich nun schon die Autos und LKWs auf den Straßen stauen, um den ganzen bescheuerten Plunder ins Ausland zu transportieren, von dem im Inland aber niemand etwas hat – abgesehen von den Kapitaleignern natürlich. Die gewinnen nämlich immer. Diese Meldung ist so schrill, dass sie mir böse Schmerzen bereitet. – Am selben Tag war beim WDR aber auch zu lesen:

Jedes vierte Kind im Regierungsbezirk Düsseldorf ist arm oder von Armut bedroht / Vor zehn Jahren unterstützte die Kindertafel an drei Schulen rund 20 Kinder. Mittlerweile sind stadtweit 28 Schulen dabei, 1.800 Kinder bekommen diese Art der Hilfe in Düsseldorf. Tendenz steigend (...).

Die "gute Wirtschaftslage" scheint nun nicht für alle – noch nicht einmal für eine Mehrheit der Menschen – so überaus erstrebenswert zu sein. Sapperlot! Wie kann denn so etwas bloß sein? Solche Fragen stellt man sich beim WDR jedoch nicht, denn im Paradies fragt man nicht, wieso denn nur sehr wenige profitieren und im Geld versinken, während die breite Masse in die finstere Röhre guckt. Auch das perverse Konzept der "Tafeln", das in einem wirklichen Sozialstaat nicht nur überflüssig, sondern vehement abzulehnen wäre, wird hier nicht thematisiert oder gar in Frage gestellt. Zur staatlichen Willkür der Zwangsverarmung ("Jobcenter") gesellt sich hier wunderbar die "Charity"-Willkür der Reichen: Niemand hat mehr einen Rechtsanspruch auf ein Existenzminimum (dank der grundgesetzwidrigen Sanktionen), ausreichende Lebensmittel oder gar so etwas Abstruses wie soziale oder kulturelle Teilhabe. Das gibt's längst alles nicht mehr in Kapitalistan; der betroffene Bürger muss einfach darauf hoffen, dass er einen "netten" Sachbearbeiter" oder einen Restbestand der dem Müll geweihten Lebensmitteln bei den "Tafeln" erwischt. Das ist für Millionen von Menschen in diesem Land eine fast tägliche, existenzielle Lotterie, die nie endet, aber längst nicht immer zu ihren Gunsten ausgeht.

Einen Tag zuvor, am 09.10., war beim WDR bereits ein Beispiel für einige Gründe dieser Perversionen zu lesen – freilich auch diesmal ohne jeden Kontext oder irgendeine sinnvolle, journalistische Schlussfolgerung:

Riesenrenditen mit Mikro-Appartements für Studenten / 22 Quadratmeter für beinahe 500 Euro – auf dem Wohnungsmarkt in Studentenstädten sind solche Angebote nicht selten. Das verspricht hohe Renditen für Investoren. / (...) Die Klientel: Gut betuchte Studenten. Für den BAFöG-Bezieher sind solche Wohnungen nicht finanzierbar. Stattdessen zielen die Investoren auf zahlungskräftige und ausländische Studenten.

Ei der daus! Da tun nun kapitalistische "Investoren" genau das, was sie in diesem System eben immer und überall tun – und niemand außer einer "linksextremen" Minderheit findet das ekelerregend? Wie kann das denn bloß sein, lieber WDR? Na, kommt ihr noch darauf, oder dürft ihr das nicht? Die "gute Wirtschaftslage", die sowohl für Megastaus auf den Straßen, als auch für massiv zunehmende Armut und Verelendung im Land sorgt, hat damit gar nichts zu tun, gelle!?

Hauptsache, den Kapitaleignern geht es gut – es versteht sich doch von selbst, dass deren stetig zunehmender Reichtum von irgendwem finanziert werden muss! Und wer sollte das denn sonst sein, wenn nicht die Zwangsverarmten? Die bedauernswerten Milliardäre können sich die anschwellenden Goldsäcke ja schließlich nicht aus den fetten Rippen schneiden!

Hier sind Hopfen und Malz unwiederbringlich verloren – und ein "Intendant", der sich aus den gerne per Gerichtsvollzieher eingetriebenen Zwangsgebühren mit 400.000 Euro jährlich bezahlen lässt, weist den Weg. Qualität bzw. Propaganda haben eben ihren Preis. Und dem Kapitalismus ging es in der Tat noch nie besser als heute.

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Betrachtung


"Die Biester sind Gott sei Dank genau wie die Menschen. Wenn sie nichts zu fressen kriegen, sind sie zu schlapp zum Beißen, und wenn sie zu fressen haben, zu faul."

(Zeichnung von Marcel Frischmann [1900-1952], in "Simplicissimus", Heft 12 vom 16.06.1930)

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Popcorn: "Die Partei, die Partei, die hat immer ..."


Stehen Popcorn, Bier und Zigarren bereit? Es ist wieder einmal soweit: Die selbsternannte "Linke", die aus strammen Fanboys und -girls (wobei letztere da eher selten auftauchen) der Linkspartei besteht, lädt wieder ein zum großen Kino der Selbstzerfleischung. Es geht – natürlich – wieder einmal um die "Neulandsozialdemokraten" – diesmal allerdings nicht um den rechtsgewendeten, unsäglichen Lapuente oder den bedauernswerten Nostalgiker Wellbrock, sondern um das lustige Kommentariat, das aus größtenteils alten, sich "links" wähnenden Männern besteht, die dem Internet und der restlichen Welt eben jene Welt erklären wollen, während sie brav und bieder Parteifähnchen schwenken.

Der Anlass ist zu vernachlässigen – ich habe mir den Podcast, der als Auslöser für das Kinoerlebnis dient, nicht angehört. Irgendein Erkenntnisgewinn ist da ohnehin nicht zu erwarten. Stattdessen habe ich begierig die Kommentare dazu gelesen – und wurde natürlich nicht enttäuscht.

Da geben sich die Fähnchenschwenker die Klinke in die Hand: Während die eine Fraktion der Obergrenzen-Apologetin Wagenknecht nicht nur die Schuhe, sondern jedes erdenkliche Körperteil küsst, heult die andere ausschweifend herum, dass diese Opposition gegen die Machtansprüche von Kipping und Riexinger ja kontraproduktiv sei und letzten Endes nur den Nazis in die Hand spiele. Was soll man dazu noch sagen – ich habe mit offenem, freilich grinsendem Mund vor dem Monitor gesessen und wähnte mich auf einer Titanic-Seite.

Keiner (wirklich nicht ein einziger) dieser parteihörigen Schwerdenker – ob nun Wagenknecht- oder Kipping-Fan – kommt auf den naheliegenden Gedanken, dass die Linkspartei längst angekommen ist im politischen Einheitsbrei des Kapitalismus, obwohl das so offensichtlich ist, dass ich mich schon in Grund und Boden schäme, erneut darauf hinweisen zu müssen. Diese Gesellen nehmen das einfach nicht zur Kenntnis und bleiben weiterhin bei ihrer felsenfesten Überzeugung, dass einzig die Linkspartei in der einen oder anderen Form dem kapitalistischen Terror ein Ende bereiten könne. Das sind geballte esoterisch-religiöse Überzeugungen, wie sie kafkaesker gar nicht sein könnten – Wasser brennt eben lichterloh, wenn man nur daran glaubt, gelle?

Mich erinnert das an die Diskussion der Feuerwehrleute, die vor einem brennenden Haus stehen und beratschlagen, ob man die lodernden Flammen nun besser mit Benzin, Kerosin oder doch eher mit flüssigem Sauerstoff bekämpfen solle. Derweil schwenken die Deppen weiter rote Parteifähnchen und wundern sich, dass der Faschismus dennoch eine neue Blüte erlebt – an dem ihre geliebte Partei nicht ganz unschuldig ist, was man aber nicht sagen darf, denn das ist böse, "spaltende" Ketzerei. Deshalb darf ich das nur hier schreiben – im Land der Linkspartei-Fetischisten werde ich dafür ganz menschenfreundlich gehasst, ignoriert und sogar per Mail bedroht: Irgendein Mensch, der sich "Sahra-Team" nannte, hat mir kürzlich in einer Mail nahegelegt: "Wenn du einfach stirbst wird dir keiner eine Träne nachweinen!! Dein scheiss Kommunismus ist tod [sic]!" – Und das ist noch ein eher harmloses Beispiel von vielen.

Ich lege also jedem, der sich dem Humanismus verpflichtet fühlt, nahe, dieses Güllebecken bei den "Neulandsozialdemokraten" aufzusuchen, den Schmonzes dort zu lesen und sich danach möglichst nicht irre kreischend von der nächsten Klippe ins Meer zu stürzen. Ich habe das geschafft, also kann es auch jede/r andere.

Mein Popcorn ist alle.

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(Zeichnung von Jiří Georg Dokoupil [*1954] aus dem Jahr 1985, Tinte auf Papier, Groninger Museum, Niederlande)

Dienstag, 17. Oktober 2017

Musik des Tages: Violinkonzert Nr. 2




  1. Allegro moderato
  2. Romanze. Andante non troppo
  3. Finale. Allegro con fuoco - Allegro moderato, à la Zingara

(Henryk Wieniawski [1835-1880]: "Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 in d-moll", Op. 22, aus den Jahren 1856/62; Philharmonisches Orchester Posen, Violine: Bomsori Kim, Leitung: Marek Pijarowski, 2016)


Montag, 16. Oktober 2017

Braunsumpf: Beispiel Österreich


Nach dem Wahlerfolg der ÖVP im Nachbarland Österreich, der einmal mehr den immensen, immer bedrohlicher werdenden Rechtsruck überall in Kapitalistan illustriert, ist es mir ein Bedürfnis, auf einen sehr erhellenden Text von Bernhard Torsch hinzuweisen, der bereits am 12.10. in der Jungle World veröffentlicht wurde. Dort sammelt der Autor unter Anderem einige (längst nicht alle) der übelsten während des Wahlkrampfes geäußerten Meinungen und Ankündigungen des kleinen Schlips-Borg Sebastian Kurz, zu dem der Redaktion des Postillon nur die naheliegende Frage einfiel:

Falls er Österreichs Kanzler wird: Wer folgt Sebastian Kurz als Klassensprecher der 10b nach?

Ich liste einige der dort genannten Abstrusitäten, die dieser lächerliche Hampelmann, der wohl nur von geistig Umnachteten, die auch einen Lindner oder einen Höcke ernst nehmen können, von sich gegeben hat, der besseren Lesbarkeit wegen einmal komprimiert auf:

  • Im Windschatten der Kölner Silvesternacht 2015 bliesen die österreichischen Boulevardmedien jeden realen oder vermeintlichen Fall ­sexualisierter Gewalt von Asylsuchenden zur großen Story auf, Schwimm­bäder verhängten Hausverbote für Nichtösterreicher, an den Grenzen patrouillierte das Militär und der vom ­Integrationsstaatssekretär zum Außenminister aufgestiegene Sebastian Kurz ließ eine Studie über islamische Kindergärten so überarbeiten, dass aus einer weitgehend harmlos klingenden Zustandsbeschreibung eine grelle Warnung vor islamistischer Indoktrination wurde.
  • [Das Wahlprogramm der ÖVP, für das Kurz maßgeblich verantwortlich ist,] ist ein stramm rechtes Programm. Während es Steuererleichterungen in Milliardenhöhe für Unternehmer, Konzerne und Immobilieneigentümer geben soll, wird die Übernahme der deutschen Hartz-IV-Gesetzgebung gefordert.
  • Asylsuchende sollen zu "Putzdiensten" verpflichtet werden.
  • Drogendealer sollen in jedem Fall zu einer Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt werden.
  • Die gleichgeschlecht­liche Ehe wird strikt abgelehnt.
  • NGOs, die Gelder aus dem Ausland erhalten, stehen mit einem Bein im Knast.
  • Die ÖVP fordert auch die Ausweitung der Überwachung der Bevölkerung.
  • Menschen ohne österreichische Staats­bürgerschaft will [die ÖVP] bei Sozialleistungen benachteiligen, die im Übrigen flächendeckend gekürzt werden sollen.
  • Bei jedem Auftritt spricht Kurz fast ausschließlich über "Ausländer", "Migranten" und den Islam. Er ging sogar so weit, das Zurückfallen österreichischer Schulen bei der Pisa-Studie Flüchtlingen in die Schuhe zu schieben.
  • Selbst vor der offensichtlichen Lüge, Österreicher verließen Wien wegen der vielen Ausländer, schreckte der Hoffnungsträger der Konservativen nicht zurück.
  • In Fernsehdiskussionen mit politischen Konkurrenten gibt sich Kurz streng und schneidend und imitiert dabei den Tonfall und sogar die Gestik von Jörg Haider.
  • Für Juden könnte es aber ohnehin ungemütlicher werden: Sowohl Kurz als auch Pilz [ein Ex-Grüner] sagten in den letzten Tagen, in einem Österreich unter ihrer Führung hätten "die Silbersteins" nichts mehr verloren.


("Noch am Wahlabend hatte er in einer Elefantenrunde beklagt, im Wahlkampf wiederholt mit Adolf Hitler verglichen worden zu sein.", GMX; Bild: Titanic)

Man kann also getrost resümieren: Die Mehrheit der wahlberechtigten österreichischen Bevölkerung steht der grandiosen Dämlichkeit und Menschenfeindlichkeit ihrer (nicht nur deutschsprachigen) Nachbarn in nichts nach, die sie letztlich natürlich auch selber betreffen wird. Das lässt sich im Übrigen auch an der weitergehenden Beschreibung der Wahlkampfinhalte von SPÖ und FPÖ im verlinkten Text von Torsch ablesen, die dem Kurz'schen Braunsumpf in nichts nachstehen bzw. sogar teilweise weit darüber hinaus gehen. Wer hier Ähnlichkeiten mit Deutschland, Frankreich, Ungarn, den Niederlanden, Polen und sogar Dänemark und vielen, vielen anderen pervertierten Nationen findet, ist auf einem guten Erkenntnisweg.

Menschenfeindlichkeit, Rassismus, stumpfsinniger Nationalismus und Faschismus sind wieder mehrheitsfähig im "vereinten Europa (*glucks*)", während Korruption, strikter Eigennutz, Lügen und Betrug den maßgeblichen Ton der herrschenden "Eliten" angeben. Das passt so gut zusammen. Und die Bevölkerung merkt's wieder nicht und blökt erneut munter mit im Chor des kakophonischen Untergangs. – Ich habe die kapitalistische Menschheit ja schon immer für eine bescheuerte, grunzende, hirnlose Affenhorde gehalten – aber auf solch eindrucksvollen Belege für diese These hätte ich im letzten Drittel meiner knappen Lebenszeit auch herzlich gerne verzichten können.

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Das rote Tuch



Der Stier, der lang auf rot dressiert,
wird noch vom alten Hass verführt.
Um ihn von andrem abzulenken,
genügt's, ein rotes Tuch zu schwenken.

"Das ist der Feind – der will dein Brot –
der schlachtet dich – den mach' schön tot!"
Er sticht – und steckt im Dreck so tief
und merkt zu spät: "Da ging was schief!"

Wer lächelt drob mit stillem Hohn?
Der Matador – die Reaktion!

(Zeichnung und Gedicht von Carl Sturtzkopf [1896-1973], in: "Der Simpl", Nr. 3 vom Februar 1947)

Freitag, 13. Oktober 2017

Die AfD und der Dietrich


Für all diejenigen, die vielleicht nicht wissen, um welche Person es hier geht – so etwas soll es ja leider geben –, sei angemerkt: Dietrich Bonhoeffer war "am deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt. (...) / Etwa ab 1938 schloss er sich dem Widerstand um Wilhelm Franz Canaris an. 1940 erhielt er Redeverbot und 1941 Schreibverbot. Am 5. April 1943 wurde er verhaftet und zwei Jahre später [nur wenige Tage vor dem Ende des Nazi-Terrors, Anm.d.Verf.] auf ausdrücklichen Befehl Adolf Hitlers als einer der letzten NS-Gegner, die mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 in Verbindung gebracht wurden, hingerichtet."

Kürzlich war nun beim WDR anlässlich einer eher informationsarmen Kurzmeldung ganz am Rande und daher von vielen wohl unbemerkt die folgende, unkommentierte Bemerkung zu lesen:

Am kommenden Wochenende veranstaltet die AfD ihren Landesparteitag in der Schulaula des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums in Wiehl [NRW].

Welch eine Ungeheuerlichkeit in einem solchen lapidaren Satz steckt, muss ich eigentlich nicht näher erläutern, tue es aber gleichwohl: Was zur kochenden Hölle hat ein Landesparteitag in der Schulaula eines Gymnasiums verloren? Und was denken sich die Verantwortlichen zu allem Überfluss der Idiotie dabei, ausgerechnet einer rechtsradikalen Partei Zugang zu einer Schule, die einen solchen Namen trägt, zu gewähren? Befinden sich in diesem Land inzwischen denn nur noch Irre in "führenden Entscheiderpositionen" – sogar auf Kreisebene in der Provinz?


(Zeichnung von Hauck & Bauer, in: Titanic Online vom 09.10.2017)

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Die Reichen und die Superreichen


Ein Gastbeitrag des Altautonomen

Wer am letzten Samstag, d. 07.10.2017, Lotto gespielt und sechs Richtige mit Superzahl hatte, konnte einen Gewinn in Höhe von 8,5 Millionen Euro einstreichen, sofern der Betrag nicht mit anderen Teilnehmern der Lotterie geteilt werden musste. Aus Jux habe ich früher mal mit meiner Freundin darüber spekuliert, was man mit so viel Geld anstellen könnte, denn die Verantwortung für eine so große Summe ist enorm.

Zwei Millionen Euro gingen sofort an eine Hilfsorganisation, die in Entwicklungsländern aktiv ist. Für meine Freundin wäre dies zudem die Möglichkeit, sofort mit der Erwerbsarbeit aufzuhören, die dann schlicht nicht mehr notwendig wäre. Ein schönes Haus kaufen (nicht bauen) und eventuell noch ein robustes Auto (kein SUV). Dann würde die Verwandschaft mit üppigen Beträgen ausgestattet. Das wäre es dann auch schon.

Fast doppelt so viel bekommen allerdings einige deutsche Profifußballer – und das nicht einmalig, sondern pro Jahr: Die Herren Thomas Müller, Robert Lewandowski und Manuel Neuer (alle Bayern München) erhalten für ihr Gekicke jeweils 15 Millionen Euro jährlich.

Nur mal so zur Veranschaulichung für Klein-Erna von den "Anonymen BWL-Abstinenzlern": Drei Millionen Euro hätten in 100-Euro-Scheinen ein Gewicht von 30 kg, 15 Millionen würden bereits 153 kg wiegen. Ohne SUV gibt es bei der Barauszahlung Probleme. Für 100 Millionen (0,1 Milliarden) bedarf es schon eines Tiefladers für das Gewicht von 1020 kg (1,02 t).

Zweifelsfrei zählen Menschen, die über mehrere Millionen Euro verfügen, zu den Reichen. Aber es gibt noch eine höhere Liga, nämlich die Superreichen. Das Manager Magazin (Sonderheft 10/2017, leider nicht online verfügbar) schreibt, dass sich die Zahl deutscher Milliardäre von 2009 bis heute von 99 auf 187 vergrößert hat. Selbstverständlich nur durch "harte Arbeit" (Schulz). Eine Milliarde, das sind 1.000 Millionen. In der Aufzählung werden auch diejenigen genannt, die ein beträchtliches Vermögen (inklusive Immobilien, Privatjets, Luxusjachten etc.) unterhalb der Milliardengrenze besitzen. An letzter Stelle – auf Platz 1.001 – liegt Thomas Gottschalk mit 90 Millionen Euro. [Anm.v.Charlie: Letzteres wird insbesondere all die Menschen sehr erfreuen, bei denen der "Gebührenservice" der öffentlich-rechtlichen Sender die Zwangsvollstreckung betreibt – und das werden immer mehr.]

Die Familie Quandt/Klatten (BMW) wurde mit 31,5 Milliarden auf Platz 2 verdrängt. Platz 3 belegt Dieter Schwarz (Lidl, Kaufland) mit 22 Milliarden. Die Familien der Gebrüder Albrecht (ALDI Nord und Süd) liegen auf den Rängen 5 und 6 mit 21,5 und 18 Milliarden Euro. Es folgt eine von mir willkürlich gelistete Auswahl:

  • Familie August von Fink (Mövenpick, Degussa): 5,4 Milliarden
  • Familie Günter Fielmann (Brillen): 4,5 Milliarden
  • Familie Heinrich Deichmann (Schuhe): 4,4 Milliarden
  • Familie Haub (Tengelmann-Gruppe): 4,2 Milliarden
  • Familien Werner und Lehmann (dm-Drogeriemärkte): 3,7 Milliarden
  • Familie Mohn (Bertelsmann): 3,2 Milliarden
  • Theo Müller (Müller-Milch): 3 Milliarden
  • Erich und Helga Kellerhals (Saturn, Media-Markt): 3 Milliarden
  • Bernard G. Brodermann (Asklepios-Kliniken): 2,5 Milliarden
  • Familie Mittelstein-Scheid (Vorwerk Staubsauger und Haushaltsgeräte): 2,5 Milliarden
  • Familie Schadeberg (Krombacher-Brauerei): 2,1 Milliarden
  • Michael und Reiner Schmidt-Ruthenbeck (Metro-Kette): 1,8 Milliarden
  • Clemens, Maximilian und Robert Tönnies (Fleischverarbeitung): zweimal 1,3 Milliarden
  • Florian Rehm, Christina Flügel, Andreas Kreuter (Jägermeister): 1,2 Milliarden

In der 2. Liga – also unterhalb der Milliardengrenze – lese ich dann Namen wie Dieter Bohlen, Phillip Lahm, Dirk Nowitzki, Sebastian Vettel, Michael Schumacher, Til Schweiger, Carsten Maschmeyer, Susanne Veltins (Bier), Familie Heinz Gries (de Beukelaer), Werner Brombach (Erdinger-Brauerei), Christian Rauffuss (Rügenwalder), Rubin Ritter (Zalando) und Steffi Graf, die allesamt jeweils ein Vermögen in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrages besitzen.

Auffällig ist, dass mit den Namen oftmals keine Verbindung zu den Produkt-Labels hergestellt werden kann – nur in wenigen Fällen ist der Familienname mit dem des Produkts identisch. Die Liste ist nebenbei auch ein Dokument dafür, dass viele dieser Herrschaften mit Genuss- und Lebensmitteln den ganz großen Reibach machen. [Anm.v.Charlie: Des weiteren ist die Häufung von Namen in jener "2. Liga" bemerkenswert, die aus dem Spocht- und flachesten Unterhaltungs-Segment stammen.]

Weshalb diese elitäre Blase des Klassenfeindes vermutlich jede Menge Lobbyisten am Start hat, um zu verhindern, dass die Erbschaftssteuer zu ihren Lasten reformiert oder eine Vermögenssteuer eingeführt wird, dürfte einleuchten.

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Preis Nebensache


"Kaufen wir! Mein Mann hat Daimler-Aktien – der wird das Kind schon schaukeln."

(Zeichnung von Otto Lendecke [1886-1918], in "Simplicissimus", Heft 01 vom 02.04.1918)

Montag, 9. Oktober 2017

Schlips-Borg-Nachrichten aus dem Paralleluniversum des sabbernden Irrsinns (6): Entwarnung


Am vergangenen Samstag war bei n-tv die hübsche Meldung zu lesen:

Auto fährt Fußgänger auf Bürgersteig an / Der Vorfall weckt böse Erinnerungen: In London erfasst ein Auto mehrere Fußgänger. Elf Menschen werden verletzt. Am Abend gibt die Polizei Entwarnung: Es war kein Terroranschlag.

Da atmen wir alle erleichtert auf: Es war nur ein herkömmlicher Unfall, wie er in der Welt alle paar Minuten irgendwo passiert, aber kein "Terroranschlag" – für die Verletzten ist das sicher ein feiner Trost. Merken diese Journalistendarsteller eigentlich selber noch, welchen Bockmist sie da in die Welt koten, oder ist ihnen der geschlossene Weltbildersatz dieser Bagage bereits in Leib und Blut übergegangen?

Bei aller Anteilnahme fällt mir angesichts solcher Meldungen nur noch lautes Gelächter ein, das den Sinn solcher "Nachrichten" noch weit überhöht. Wie man hier auf die völlig absurde Vokabel "Entwarnung" kommen kann, erschließt sich wohl nur einem fleißigen Jünger der Orwell'schen Zukunftsphilosopie (BWL-StudentIn und angrenzender Religionen). Welchen Unterschied macht es doch gleich aus, ob dieser Unfall von einem besoffenen Spießer, einem zurückgewiesenen Verliebten, einem Islamisten, einem AfD-Anhänger, einem bösen Zufall oder einem unfähigen Autofahrer verursacht wurde? Na?

Die Hauptsache für unsere "objektiven" Massenmedien scheint zu sein, dass es sich wohl nicht um einen "Islamisten" handelt. Dann ist nun alles gut und im grünen Bereich und es kann "Entwarnung" gegeben werden. Mein Gehirn schrumpft beim Lesen solcher Meldungen ganz von selbst und erklärt sich dazu: "Wenn ich gar nicht gebraucht werde, gehe ich doch lieber ins Exil zum Dummerich, während er Lapuentes kleinen Schrumpelsack krault und gewohnt dümmlich vor sich hin blubbert. Was soll ich hier?"

Wer zählt eigentlich die Menschen, die von ebenjener "freiheitlich-demokratischen" Bande kontinuierlich und zunehmend verletzt oder ermordet werden, beispielsweise in Griechenland oder in Afrika? Sind jene Polithuren, die dafür verantwortlich sind, denn nicht viel eher TerroristInnen?

Ich kann aber Entwarnung geben: Die Doofheit ist nicht auf dem Vormarsch in Kapitalistan – sie ist vielmehr seit jeher in Beton gegossene Grundvoraussetzung, damit ein solches System überhaupt Triumphe feiern kann, ohne auf der Stelle revolutionäre Zustände zu verursachen. Es ist also alles beim Alten in dieser verfallenden, einstmals schönen Welt. Ich wünsche einen fröhlichen, bunten Untergang.

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Rote Parabel



(Gemälde von Hans Hofmann [1880-1966] aus dem Jahr 1964, Öl auf Leinwand, Städel-Museum, Frankfurt a.M.)

Samstag, 7. Oktober 2017

Song des Tages: The Eagle Flies Alone




(Arch Enemy: "The Eagle Flies Alone", aus dem Album "Will To Power", 2017)

Anmerkung: Heute, im untergehenden Zeitalter der kapitalistischen Katastrophe, wird der Rockmusik gerne eine "unpolitische" Haltung unterstellt, was in weiten Teilen, insbesondere in Deutschland – konzerngesteuert – auch zutrifft. Dabei muss man einfach mal etwas genauer hinschauen und wird sodann schnell fündig. Der Text dieses Songs jedenfalls wäre für jede antikapitalistische Punkband eine goldene Auszeichnung. Ich hoffe, viele BesucherInnen lesen ihn, denn verstehen kann man ihn beim Anhören schwerlich.

Fragt nun wirklich noch jemand, warum die junge Frau sich lieber die "Seele" aus dem Leib kotzt, anstatt lieblich-harmonisch zu singen und an ihrer monetären "Karriere zu basteln"?

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When I was born the seed was sown
I will not obey, my life is my own
Battle rose, which do enslave me
Exposed lies that enrage me

I don't believe in heaven, I don't believe in hell
Never joined the herd, could not adjust well
Slave and master, it's not for me
I chose my own path, set myself free

I, I go my own way
I swim against the stream
Forever I will fight the powers that be
The eagle flies alone

Reject the system that dictates the norm
This world is full of lies and deceit
I ask my own betrayal, cut so deep
Suffered defeat only to rise again

I, I go my own way
I swim against the stream
Forever I will fight the powers that be
The eagle flies alone


Zitat des Tages: Alle Mütter


Alle Mütter waren einmal klein.
Kinder können das oft gar nicht fassen.
Wenn die Kinderschuhe nicht mehr passen,
Fällt es ihnen wohl zuweilen ein.
Große Kinder suchen fremde Gassen,
Mütter bleiben später oft allein.

Alle Kinder werden einmal groß.
Mütter können das oft nicht begreifen.
Kleines Mädchen mit den bunten Schleifen,
Spieltest gestern noch auf ihrem Schoß;
Kleiner Sohn, musst du die Welt durchstreifen?
Mütter haben oft das gleiche Los.

Alle Stuben werden einmal leer.
Kahl der Tisch, verwaist und stumm der Garten.
Diele knarrt. Und Mütter schweigen, warten ...
Manchmal kommt ein Brief von weitem her.
Stern verlischt. Und all die wohlverwahrten
Tränen tropfen ungeweint ins Meer.

(Mascha Kaléko [1907-1975], in: "Das lyrische Stenogrammheft. Kleines Lesebuch für Große", Rowohlt 1956; Erstausgabe in zwei Bänden: 1933 / 1935)




Freitag, 6. Oktober 2017

"Ein Fest der Freiheit"


Ein Gastbeitrag des Altautonomen anlässlich der Rede des Bundespräsidenten zum "Tag der deutschen Einheit"

Mit Spannung und hohen Erwartungen haben die Medien die Rede von Herrn Steinmeier aus dem Schloss Bellevue in Berlin am 03.10.2017 in Mainz vorab sekundiert. Was er dann in einer für Sozialdemokraten in vielen Rhetorikseminaren erworbenen, typischen Sprechweise mit gelegentlichen Blicken nach links und rechts in Richtung des ergriffen lauschenden Publikums – einer von Gerhard Schröder kopierten Körpersprache – zu sagen wagte, übertraf die schlimmsten meiner Befürchtungen. Ich möchte daher nur wenige, exemplarische Abschnitte aufgreifen und kurz kommentieren.

Liebe Jugendliche, Ihnen gehört die Zukunft dieses Landes!

Mehr als drei Millionen Kinder, die unmittelbar dem staatlich verordneten Zwangsverarmungsterror von "Hartz IV" ausgesetzt sind, sowie all jene von der immens hohen Jugendarbeitslosigkeit Betroffenen sind hier offensichtlich ausgenommen.

Meine Damen und Herren, unser Weg muss ein Weg in Frieden und Freundschaft mit den europäischen Nachbarn bleiben (...).

Spontan fällt mir zu dieser beschworenen friedlichen Freundschaft der Nachbar Griechenland ein, dessen Bevölkerung unter maßgeblicher Anleitung der deutschen Politik auf ein sogenanntes "Schwellenland"-Niveau "zurückgebombt" wurde.

Am 24. September haben deutlich mehr Menschen als in den beiden letzten Bundestagswahlen von diesem stolzen Recht [gemeint ist das Wahlrecht, Anm.d.Verf.] Gebrauch gemacht.

Man muss also "stolz" sein, das deutsche Wahlrecht benutzen zu können oder zu dürfen? Wer schreibt dem Mann bloß so etwas in eine Rede?

Die große Mauer quer durch unser Land ist weg. Aber am 24. September wurde deutlich: Es sind andere Mauern entstanden, weniger sichtbare, ohne Stacheldraht und Todesstreifen – aber Mauern, die unserem gemeinsamen "Wir" im Wege stehen.

"Wir" gegen "die". Das hatten wir schon im Wahlkampf 2013 als SPD-Parole: "Auf das WIR kommt es an". Der Mann schämt sich für nichts mehr.

Natürlich, das erfordert Kontroverse. Differenzen gehören zu uns. Wir sind ein vielfältiges Land. Aber worauf es ankommt: Aus unseren Differenzen dürfen keine Feindschaften werden – aus Unterschied nicht Unversöhnlichkeit.

Da ist er, der ganz große Kübel mit Harmoniesauce, den er in seiner Amtsbürde über das "vielfältige" Land ausschüttet. Von Interessengegensätzen, Klassenunterschieden, Macht und Ohnmacht, Reichen und Armen hat er sichtlich nie etwas gehört.

Die Debatten werden rauer, die politische Kultur wird sich verändern.

Frau "in die Fresse hauen"-Nahles saß auch im Saal.

Doch wir werden den politisch Verfolgten nur dann auch in Zukunft gerecht werden können, wenn wir die Unterscheidung darüber zurückgewinnen, wer politisch verfolgt oder wer auf der Flucht vor Armut ist.

Dieser rhetorische (reinrassige), von der Leine gelassene Kettenhund transportiert Steinmeiers dumpfe Beschreibung der "Flüchtlingsfrage": Es geht ihm um eine strikte Unterscheidung der wenigen Geflohenen einerseits, die nach der faktischen Abschaffung des Asylrechts (Schengen etc.) überhaupt noch als Asylberechtigte in Deutschland anerkannt werden (können), von den sogenannten "Wirtschaftsflüchtlingen" andererseits.

Ehrlich machen müssen wir uns auch in der Frage, welche und wie viel Zuwanderung wir wollen, vielleicht sogar brauchen.

Hier finden wir Steinmeiers Votum für eine Obergrenze und die Bindung des Aufenthaltsstatus an die Nützlichkeit der Menschen für das deutsche Kapital in einem Satz. Volltreffer.

Nach den G20-Protesten habe ich Ladenbesitzer aus der Hamburger Schanze getroffen, die sagten: "Wir mussten mit ansehen, wie aus ganz normalen Passanten Gaffer und Plünderer geworden sind."

Richtig wäre gewesen: "Wir mussten erleben, wie unsere vermummten Freunde und Helfer in panzersicheren Uniformen wie Roboter bzw. tollwütige Kampfhunde blind auf harmlose Passanten einprügelten."

In einer längeren Passage widmet sich der Präsident dann dem Begriff "Heimat", die zu einer nicht enden wollenden Tirade, die in Freud'scher Manier subtil an das "Nationalbewusstsein der Deutschen" appelliert, gerät. Der "Heimatbegriff" dürfe nicht den Nationalisten überlassen werden:

Ich bin überzeugt, wer sich nach Heimat sehnt, der ist nicht von gestern. Im Gegenteil: je schneller die Welt sich um uns dreht, desto größer wird die Sehnsucht nach Heimat. Dorthin, wo ich mich auskenne, wo ich Orientierung habe und mich auf mein eigenes Urteil verlassen kann.

Das sagt einer, dessen momentaner Beruf hauptsächlich darin besteht, auf Kosten der Steuerzahler durch die Welt zu jetten. Neben den Themen Sehnsucht, Sicherheit, Orientierung, Zukunft und wieder dem ominösen "WIR" fehlte eigentlich nur noch der Übergang zur Kuschelnische der klassischen Klein-Familie.

Das Fest der Freiheit


("Es wird ein Fest der Freiheit!", Malu Dreyer, Bundesratspräsidentin, SPD)

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Anmerkung von Charlie: Ich gebe zu, dass ich mit diesem Text meines altautonomen Freundes einige Tage gehadert habe, da ich persönlich die Rede und die dahinter stehenden Haltungen Steinmeiers um viele, viele, sehr viele Längen kritischer sehe. Andererseits wäre es in ein wahrlich aufwändiges, kaum einlösbares Unternehmen ausgeartet, die wohlfeilen, teils regelrecht bösen Worte des asozial-antidemokratischen Heuchlers einer wirklich tiefgehenden Aufarbeitung zu unterziehen, wozu weder ich, noch der Altautonome die Zeit und die Lust haben.

Allein dem ollen, hustend-verstaubten "Heimat"-Begriff, den Steinmeier hier bemüht, könnte ich ganze Pamphlete widmen, die mir den letzten Nerv raubten, weil ich noch vor 20 Jahren nicht im Traum daran gedacht habe, dass derartig nationalistischer, offensichtlich dämlicher Schmutz mich noch einmal während meiner Lebenszeit belästigen könnte. Ich mache es mir nun einfach und zitiere dazu schlicht den – heute leider auch längst disqualifizierten und im System angekommenen – Udo Lindenberg, der um 1990 noch krächzend die "Bunte Republik Deutschland" beschwor:

Wo ich meinen Hut hinhäng', da bin ich zuhause.

Wer nach Gauck noch hoffte, dass es schlimmer vielleicht nicht mehr kommen könne, den hat Steinmeier nun eines Schlechteren belehrt. Und nur einen taubstummen Blinden kann das überraschen.

Ich danke dem Altautonomen für seinen beherzten Versuch, einer solchen Ungeheuerlichkeit etwas entgegenzusetzen!

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Zum Tag der deutschen Rassisten


Rassismus ist eine Form der absoluten menschlichen Niedertracht, mit der sich insbesondere Deutschland traditionell ganz besonders gut auskennt. Heute, im sich allmählich dem Ende zuneigenden Jahr 2017, ist er von den Stammtischen, aus den Hinterzimmern und den verdeckten politischen Phrasen der Nachkriegsjahrzehnte keck herausgetreten und wieder salonfähig geworden, woran nicht zuletzt auch die als "Wiedervereinigung" postulierte Annexion der DDR durch die damalige BRD und die politisch-mediale Begleitung dieses Ereignisses einen großen Anteil haben. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich 1989 in nächtlichen Aktionen große Plakatklebeaktionen, die den Slogan "Wider Vereinigung ohne demokratische Abstimmung" trugen, in mehreren westdeutschen Großstädten unterstützt habe, die aber bekanntlich dem aufsteigenden schwarz-rot-uringelben Sog der patriotischen Kakophonie und dem wirren Gefasel der Kohls und Genschers von den "blühenden Landschaften" und der "neuen Freiheit" leider nichts mehr entgegenzusetzen hatten.

Dazu passt auch gut eine Szene aus Volker Schlöndorffs Film "Die Stille nach dem Schuss" (2000), in dem die (fiktive) Ex-RAF-Terroristin und Protagonistin des Films, die in jener Geschichte inzwischen unter einem neuen Namen in der DDR lebt und den Umbruch dort miterlebt, ihren verständnislos dreinblickenden MitbürgerInnen sinngemäß und verzweifelt zuruft: "Wisst ihr denn eigentlich, was ihr hier habt?" – Sie wussten es offensichtlich nicht.

Nun zeigt der Kapitalismus wieder sein wirkliches, monströses Gesicht, das weder etwas mit "Freiheit" oder "blühenden Landschaften", dafür aber ausschließlich mit Ausbeutung, Abhängigkeit, Staatsterror, Überwachung, Armut, Menschenfeindlichkeit, Rassismus und Faschismus zu tun hat – und das alles wegen der Profitgier einer kleinen, "elitären" Minderheit. Früher nannte man das Feudalismus.

Vor einigen Tagen habe ich dazu ein bezeichnendes Beispiel bei Zeit Online gelesen. Dort geht es zwar um Magdeburg – allerdings ist das Phänomen keineswegs auf Ostdeutschland beschränkt, auch wenn die Massenmedien das inzwischen gerne und oft so darzustellen versuchen. Ich zitiere sehr verkürzt aus dem Bericht und empfehle die komplette Lektüre:

In einem Magdeburger Stadtteil gibt es große Aufregung um neue Nachbarn aus Rumänien. Bürgermeister und Lokalzeitung sprechen von Ghetto, Sozialbetrug, Lärm und Müll. / (...) "Die Frage ist ja: Warum sind die Rumänen alle gerade hierher gekommen?", fragt Lutz Trümper [SPD, Oberbürgermeister]. "Sicher kann man das ja nicht sagen, aber: Ich glaube, das ist organisiert." / (...) Lutz Trümper sagt, wenn die Rumänen sich von Anfang an an "unsere Regeln und Normen" gehalten hätten, dann wäre man gar nicht aufmerksam geworden auf sie. Aber jetzt will er gegen den vermuteten Sozialbetrug vorgehen. / (...) Seit einigen Wochen patrouilliert jetzt der Ordnungsdienst täglich zwischen 6 und 20 Uhr durch die Neue Neustadt. Und auch die Polizei lässt sich häufiger mal blicken. Nicht, weil die Kriminalität gestiegen wäre: Laut der Kriminalstatistik, das sagt auch Lutz Trümper, hat es keinen Anstieg an Kriminalität in dem Viertel gegeben in den letzten Jahren.

Wer den Text aufmerksam liest, wird gleich an mehreren Stellen stutzig und erkennt die üblichen, rein rassistisch motivierten Ressentiments, in diesem Fall gegenüber den Sinti und Roma, die seit Jahrhunderten allzu bekannt sind. Politik, Medien und der "Wutbürger", den man einmal mehr besser "Dummbürger" nennen müsste, reichen sich die Klinke in die Hand und bestärken sich gegenseitig, wie man das aus solchen "Filterblasen" so kennt. Irgendwelche sinnvollen oder belastbaren Fakten, die zur strikten Ablehnung dieser Menschen taugen könnten, werden mangels Vorhandenseins nicht genannt – abgesehen vom Vorwurf des "Lärms". Auch der hat allerdings nichts mit der ethnischen Zugehörigkeit eines Menschen zu tun – davon kann ich in meinem dörflichen Umfeld, in dem fast ausschließlich Deutsche (Spießer) leben, ein langes, wirklich sehr langes Lied singen. Alles andere sind diffuse Wahnvorstellungen, haltlose Verdächtigungen und schnöde Diffamierungen, wie man sie aus der finstersten Zeit Deutschlands kennt.

Dazu reicht es aus, sich das Beispiel des "vermuteten Sozialbetruges" auf der Zunge zergehen zu lassen: "Was Lutz Trümper so ärgert, ist die Tatsache, dass EU-Ausländer, die in Deutschland arbeiten, ebenso wie auch Deutsche ihr Einkommen mit Hartz 4 aufstocken können, wenn es nicht zum Leben reicht." Eigentlich muss man zu diesem ekelhaften Irrsinn nichts mehr sagen, denn er spricht für sich selbst. Die faschistische Devise des SPD-Mannes lautet: Wenn es den "Deutschen" schon so schlecht geht (weshalb das so ist und was seine Partei oder gar der Kapitalismus damit zu tun haben, fragt er gar nicht), soll es zumindest anderen, nämlich "Nicht-Deutschen" noch schlechter gehen, damit der "sozialen Gerechtigkeit" Genüge getan ist. Wenn das Geld für jene "Untermenschen" nicht mehr zum Leben reicht, ist das aus seiner Sicht "sozial gerecht". Auf diesem unterirdischen, tiefbraunen Niveau bewegt sich inzwischen nicht nur wieder die Politik der neoliberalen Bande, sondern auch die begleitende Medienpropaganda (siehe u.a. die MDR-Zitate im Bericht). Mich macht das völlig fassungslos.

Ein weiteres Beispiel aus der rechtsdrehenden Politik hat der Kollege Arbo kürzlich gepostet. Er schrieb:

Nicht nur die CDU hat am rechten Rand gefischt. Sondern, wie an anderer Stelle behandelt, auch Teile der Linken taten und tun das. Nun, nach der Wahl, hat sich Herr [Lafontaine] dazu angehalten gesehen, seiner Partei und insbesondere der Parteiführung die Leviten zu lesen: Zu viel Zurückhaltung in der Flüchtlingsfrage, d.h. dass die Ängste der Bürger hätten ernster genommen werden sollen, denn es kann ja nicht jede(r) nach Deutschland kommen; die Interessen der Geflüchteten [seien] ernster genommen worden als die der Einheimischen [Quellenangaben im verlinkten Text]. Das klingt wie bei Tillich (CDU), also nach einem Einschwören auf einen Rechtskurs.

Es ließen sich noch dutzendweise ähnliche Äußerungen aus sämtlichen etablierten Parteien (natürlich einschließlich der Linkspartei) sowie den Massenmedien zitieren, die allesamt in dieselbe, gruselige Richtung tendieren. Einmal mehr wird hier nahezu flächendeckend ein unbeteiligter, schwacher Sündenbock bemüht und übelst geschlagen, der für die Misere gar nicht verantwortlich, sondern seinerseits ein noch viel schlimmer gestraftes Opfer desselben menschenfeindlichen Systems ist – und keiner will's bemerken, zur Kenntnis nehmen oder auch nur flüsternd aussprechen. Das ist nicht nur kafkaesk, sondern die Betonierung des Rassismus' im "freiheitlich-demokratischen" System Kapitalismus.

Den aus meiner Sicht treffendsten Kommentar zum Thema hat am vergangenen Sonntag wieder einmal Stefan Gärtner verfasst, dem ich, wie so oft, nichts weiter hinzuzufügen habe (auch hier empfehle ich dringlich die komplette Lektüre):

Der "den Linken nahestehende" Kultursoziologe fand gestern, es müsse darum gehen, "auch Dinge sagen zu können, wie einem der Schnabel gewachsen ist, ohne sich sogleich außerhalb des Kreises der zur Äußerung Zugelassenen wiederzufinden". / Also eine Protestwahl gegen das Verbot, "Neger" zu sagen, gegen Neger, die nach Deutschland wollen, und dagegen, im wunderbaren Wettbewerb immer bloß der Neger zu sein. Also eine genuin faschistische Wahl, wenn auch weniger aus Überzeugung denn aus Angst mal autoritärem Charakter. Dass die AfD dann auch noch wirtschaftsfreundlich ist, macht es dem Proseminar zum Thema Faschismus aber vielleicht ein bisschen sehr einfach.

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Die weiße Rose


(Spielfilm von Michael Verhoeven aus dem Jahr 1982)

Montag, 2. Oktober 2017

Hinweis zur Linkliste: Aussortierte Deppenblogs


In der rechten Spalte des "Narrenschiffes" gibt es nun eine neue Rubrik, in der ich "Aussortierte Deppenblogs" sammle. Jede/r, die/der also direkt nachlesen möchte, was Schwachköpfe, Schwerdenker und andere Honks aus Kleinbloggersdorf, die sich als "Linke" ausgeben oder sogar ernsthaft dafür halten, unablässig an unsäglichem Gedanken- und Wortmüll produzieren, kann das nun ohne Umschweife auch von hier aus anklicken und sich herzlich amüsieren.

Zwei besonders erquickliche Beispiele möchte ich aktuell empfehlen: Bei den Esos singt Faulfuß eine religiöse Lobeshymne auf die Linkspartei, und bei den Neulandsozen nutzt Lapuente ganz im Sinne der Weimarer Republik seinen leeren Kopf, steckt ihn in den Sand und entdeckt dort drunten den "Menschen im Rassisten". Ein morbider, sehr schwarzer Humor und ein starker Magen sind freilich stets Voraussetzung für derlei Besuche in solchen intellektuellen Grenzregionen.

Generell gilt aber: Wem der "Postillon" und die "Titanic" nicht reichen, rufe jene Seiten auf, um Realsatire in ihrer reinsten Form zu genießen. Ich habe schon so manche vergnügliche Stunde mit der Lektüre jener Offenbarungen geistiger Inkompetenz bzw. Inkontinenz - natürlich einschließlich des sich stets einstellenden, entsprechenden Kommentariats (sofern es nicht, wie bei den Esos, gewohnt inquisitorisch zensiert wird) - verbracht und so einen verregneten, sehr trüben Sonntag mit glockenhellem Lachen verbracht.

Dafür muss man den UrheberInnen auch einmal danken, was ich hiermit ausdrücklich tue.

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Es wird weiterberaten


"Die Welt brennt! Auf zur Löschkonferenz!"

(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 21 vom 18.08.1920)