Freitag, 5. Mai 2017

Das Ende der Solidarität: "Unterm Strich zähl' ICH"


Ich erinnere mich noch gut (und äußerst ungern) an die Zeit, als eine gute Freundin Anfang der 90er Jahre in den Fängen der Osho-Sekte (vormals Bhagwan) feststeckte und ich verzweifelt darum bemüht war, sie aus diesem esoterischen, furchtbaren und zerstörerischen Sumpf wieder hinauszubegleiten. Damals begegnete mir zuerst die auch heute in solchen Kreisen übliche Geisteshaltung, die u.a. in einem Sinnspruch wie diesem zum Ausdruck kommt: "Wenn jeder nur an sich selber denkt, ist doch an alle gedacht!"

Diese zutiefst egoistische Weltsicht ist heute allerdings auch jenseits ominöser Sektenkreise weit verbreitet und muss sogar als kapitalistischer Gesellschaftskonsens angesehen werden, der – gerade auch von den Massenmedien – stetig befeuert und proklamiert wird. Eine perfide Reklamebotschaft wie "Unterm Strich zähl' ich" ist symptomatisch für diesen krankhaften Zustand.

So verwundert es nicht weiter, dass inzwischen selbst mit diesem ekelhaften Prinzip Geschäfte gemacht werden. Offensichtlich gehört das menschenfeindliche Prinzip "Jeder ist sich selbst der Nächste" längst auch zur grausigen "deutschen Leitkultur", wie sie nicht nur Thomas "die Misere" in die Welt erbricht.

Vor kurzem war auf Zeit Online ein Text zu lesen, der dies auf erschreckende Weise illustriert. Unter dem Titel "Eine Tupperparty für Apokalyptiker" berichtet die Autorin Friederike Oertel dort:

Benjamin fährt mit einem Fluchtrucksack U-Bahn, hortet zu Hause Wasserkanister und ein Notradio. Er trainiert für Katastrophen und verdient damit sogar Geld. Warum? / (...) Es ist eine Tupperparty für Apokalyptiker: Viel Theorie, keine Praxis, Teilnahmegebühr 60 Euro und die Gadgets können direkt im Anschluss bei ihm bestellt werden. Fünfzehn Leute sind gekommen: Eine Anwältin ist im Internet auf den Kurs gestoßen. Sie hat den Thriller Blackout gelesen, in dem der österreichische Schriftsteller Marc Elsberg die Folgen eines europaweiten Stromausfalls beschreibt. Nun will sie wissen, was zu tun ist, wenn das Ende naht. Ein Teilnehmer Mitte 30 sucht die extreme Naturerfahrung, ein Pärchen spürt eine diffuse Bedrohung, fühlt sich vom Staat im Stich gelassen und will die Vorsorge nun selbst in die Hand nehmen. Eine ältere Dame in rosa Tweedblazer mustert ein Pulver, aus dem man Omelett zubereiten kann und erkundigt sich nach dem Preis. Eine Monatsration mit getrocknetem Gemüse, Pumpernickel und Vollmilchpulver kostet 279 Euro. Die Rettung in postapokalyptischen Zeiten hat ihren Preis.

Die Lektüre lohnt sich. Anhand dieses Beispiels wird deutlich, welchen Stellenwert der pure Egoismus – im Zweifel stets auch auf Kosten anderer, möglicherweise völlig unbeteiligter Personen – im Weltbild des "modernen Menschen", der im Kapitalismus leben muss, inzwischen einnimmt. Das kommt in Sätzen wie diesen zum Ausdruck: "Auch ein Fluchtrucksack ist gepackt. Darin: robuste Kleidung, Seile, Messer, eine Machete – die braucht er, falls er sich den Weg freikämpfen muss." – Hier wird nicht einmal mehr ansatzweise die Möglichkeit angedacht, dass Menschen im Falle einer tatsächlichen Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes vielleicht doch besser überleben können, wenn sie gemeinschaftlich handeln und sich gegenseitig helfen, anstatt auf einzelkämpferischen Egoismus zu setzen. Die Filmindustrie der vergangenen Jahrzehnte hat hier freilich ebenso fleißig an der rückhaltlosen Auflösung jedweder Solidarität mitgestrickt wie die Politik und die politischen Medien.

Jemand wie der im Text vorgestellte Benjamin mag in diesem Szenario vielleicht nur eine "Geschäftsidee" sehen, mit deren Hilfe er auf relativ einfache Weise persönlichen Profit generieren kann – die beteiligten Firmen tun das jedoch in jedem Fall. Dennoch ist hier eine Tendenz klar erkennbar, die das kapitalistische Prinzip des "The winner takes it all" (das logischerweise impliziert, dass die überwiegende Mehrheit der "loser" nichts bekommt und somit – in diesem Szenario – schlicht krepiert) zu einem perversen "Gesetz" erhöht, welches noch weit hinter die Steinzeit zurückfällt.

Benjamin hat allerdings auch nichts dagegen, wenn die Katastrophe ausbleibt: Im Anschluss an seinen Kurs können sich die Teilnehmer für ein Survival-Training im Wald anmelden. Auf dem Programm stehen Feuer machen, Wasser filtern, Nahrungssuche, das Schlachten eines Kaninchens – Pfadfinden für Erwachsene. Solange die Apokalypse ausbleibt, ist Preppen für ihn vor allem ein gutes Geschäft.

Ein Sinnbild für diese gruselige Geisteshaltung ist der zum Sterben zurückgelassene, bis zur Nacktheit ausgeplünderte, frierende und weinende alte Mann im Ausnahmefilm "The Road", an dem auch die beiden "Helden" dieser Geschichte achtlos und unsolidarisch vorübergehen und ihn damit dem sicheren Tod überlassen. Dieser großartige Film, den ich trotz mancher Widersprüchlichkeiten nur wiederholt empfehlen kann, weil er nicht irgendeinen Idealzustand, sondern das heute wahrscheinlichste Szenario des kapitalistischen, egoistisch motivierten Unterganges auf die Leinwand bringt, in dem es selbstredend kein hollywoodtypisches Happy End gibt, zeigt das Dilemma sehr gut auf. – Ich höre schon die Einwände: Wenn es doch so wahrscheinlich ist, dass kapitalistisch (a-)sozialisierte Menschen sich im Fall der Fälle so schrecklich verhalten, wieso soll dann die Vorbereitung darauf falsch sein?

Dem halte ich entgegen: Wer sich menschenfeindlich verhält, wird stets auch nur Menschenfeindlichkeit erfahren. Es ist dringend an der Zeit, die Solidarität neu zu entdecken und dem kapitalistischen Terror des Eigennutzes endlich wieder den Stinkefinger zu zeigen. Und das müssten insbesondere junge Menschen, die anders ticken als Benjamin, tun. Nur – wo sind sie?

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"Bedaure, ich bin im Verein gegen Bettelei!"

(Lithographie von Honoré Daumier [1808-1879] aus dem Jahr 1844, aus der Serie "Les philantropes du jour"; unbekannter Verbleib)

Mittwoch, 3. Mai 2017

Zynismus 4.0: Tolle Tipps für Zwangsverarmte


Die Systempresse wird nicht müde, den kapitalistischen Terror schönzureden. Gelegentlich kommen dabei auch wahre Stilblüten heraus, wie beispielsweise dieser Text aus der Redaktion von n-tv, in dem RentnerInnen, die im kapitalistischen Glitzerparadies aus unerfindlichen, aber selbstverständlich stets eigenverantwortlichen Gründen in bitterer Armut vor sich hin vegetieren, "nützliche Tipps" präsentiert werden, wie sie trotz der mageren Rente dennoch ein gut funktionierendes Rädchen im Konsumterror bleiben können:

Nicht selten müssen ältere Menschen jeden Cent zweimal umdrehen. Vielen ist das unangenehm und sie ziehen sich zurück. Dabei kann es helfen, offen mit dem Thema umzugehen. Zum Beispiel gibt es auf Nachfrage oft Rabatte für Senioren.

Das muss man sich, wie so oft in dieser Zeit, auf der Zunge zergehen lassen: Hier wird einmal mehr nicht mehr nach den Ursachen für Altersarmut gefragt – diese wird einfach als gleichsam gottgegeben vorausgesetzt – und erst recht wird dieser grausige Zustand nicht mehr kritisiert oder gar skandalisiert. Die Armut ist einfach da, und anstatt etwas dagegen zu tun, empfiehlt man den Betroffenen lieber (ich fasse das mal zusammen):

  1. Man solle lernen, über die eigene Armut zu sprechen und selbstbewusst damit umzugehen. – Das tut so weh, dass ich mir ganz selbstbewusst einen Schraubenzieher ins Knie stechen will.
  2. Man solle ein Haushaltsbuch führen – denn bekanntermaßen können Arme mit Geld nicht umgehen (sonst wären sie nach kapitalistischer Unlogik ja nicht arm) und müssen daher schriftlich festhalten, dass sie zu wenig zum Leben haben.
  3. Man solle Geschenke für die buckelige Verwandtschaft und Freunde lieber "selber machen", anstatt sie zu kaufen. So lasse sich eine Menge Geld einsparen. – Mein Schädel ist spätestens an dieser Stelle geplatzt wie ein prall mit Wasser gefüllter Luftballon, den jemand vom Eiffelturm heruntergeworfen hat.
  4. Man solle sich Bücher leihen, anstatt sie zu kaufen. – Ich frage mich, welche Bücher hier wohl gemeint sind – denn philosophische, politische, literarisch hochwertige und vor allem aktuelle Werke können damit nicht abgedeckt sein, denn die gibt es in den immer weniger werdenden öffentlichen Bibliotheken, die zudem nur BewohnerInnen größerer Städte noch zugänglich sind, kaum noch. Wer Utta Danella lesen möchte, kann diesem Ratschlag freilich folgen.
  5. Es gibt "Rabatte" für Senioren, wenn es um die Freizeitgestaltung – Schwimmbäder, Zoo, Theater etc. – geht. Die nimmt freilich kein Rentner in Anspruch, egal ob er arm ist oder nicht, sondern er muss erst von der Propagandapresse darauf hingewiesen werden, sonst merkt es niemand. Die "Bildungsrepublik" lässt grüßen.
  6. Man solle seinen Hausrat durchsuchen und alles, was nicht mehr "benötigt" wird, auf Flohmärkten verkaufen. Das ist der vielleicht kreativste und perverseste Vorschlag von allen, denn wer braucht schon das dumme Gemälde an der Wand, das man einst von den lieben Eltern geerbt hat oder den antiken Tisch aus besseren Zeiten, der mindestens 100 Euro im Verkauf bringt? Schließlich kann man sich auch die BLÖD-"Zeitung" an die Wand hängen und an einem Sperrmüllbrett, das auf leeren Sprudelkästen liegt, ebenso komfortabel sitzen und das kärgliche Mahl einnehmen.

Ich weiß nicht, was ich widerlicher finde: Die kritikfreie Selbstverständlichkeit, mit der heute über Altersarmut mitten im "besten aller möglichen Systeme" gesprochen wird, oder doch eher die Impertinenz und tiefschwarzpädagogische Art und Weise, in der hier nutzlose und zynische Tipps zum Besten gegeben werden. Wer von der so genannten "Grundsicherung" leben muss – egal ob als Rentner oder als junger Mensch – kann sich weder ein aktuelles Buch, noch einen Theater-, Opern- oder Konzertbesuch leisten; gesellschaftliche, kulturelle und soziale Teilhabe findet schlichtweg nicht mehr statt. Die existenziellen Fragen dieser Millionen von Menschen in Deutschland drehen sich darum, was es nächste Woche zu essen gibt, wie die nächste Stromrechnung bezahlt werden soll, woher eine warme Winterjacke bezogen werden kann oder was um alles in der Welt geschehen soll, wenn die Brille, die man so dringend benötigt, zerbricht – um nur wenige Beispiele von so vielen zu nennen.

Dies sind die grandiosen Erfolge des kapitalistischen Terrors, der uns dennoch weiterhin brav und stur erzählt, "uns" gehe es so gut wie nie zuvor. Wer wählt doch gleich CDU, SPD, Grüne, FDP, AfD oder die Linkspartei? Ach, genau die Opfer dieser Politik? Ja, brat mir doch einer eine(n) Storch!

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Wiedergutmachung


"Alle durch die Nürnberger Gesetze Geschädigten erhalten 1 kg Erbsen. Papier ist mitzubringen."

(Zeichnung von K.H. Böcher [1902-19??], in: "Der Simpl", Nr. 9 vom August 1946)

Sonntag, 30. April 2017

Zitat zum "Tag der Arbeit"


Ich möchte [...] in vollem Ernst erklären, dass in der heutigen Welt sehr viel Unheil entsteht aus dem Glauben an den überragenden Wert der Arbeit an sich, und dass der Weg zu Glück und Wohlfahrt in einer organisierten Arbeitseinschränkung zu sehen ist. [...] Hätte man nach Kriegsende die wissenschaftliche Organisation, die geschaffen worden war, um die Menschen für die Front und die Rüstungsarbeiten freizustellen, beibehalten und die Arbeitszeit auf vier Stunden herabgesetzt, dann wäre alles gut und schön gewesen. Statt dessen wurde das alte Chaos wiederhergestellt; diejenigen, deren Leistungen gefragt waren, mussten viele Stunden arbeiten, und der Rest durfte unbeschäftigt bleiben und verhungern. Warum? [...]

Der Gedanke, dass die Unbemittelten [Besitzlosen, Anm.d.Kap.] eigentlich auch Freizeit und Muße haben sollten, hat die Reichen stets empört. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war ein fünfzehnstündiger Arbeitstag für den Mann das Normale; Kinder arbeiteten zuweilen ebenso lange und sehr häufig zwölf Stunden täglich. [...] Ich höre noch eine alte Herzogin sagen: "Was wollen denn die Habenichtse mit Freizeit anfangen? Arbeiten sollen sie!" So offen äußern sich die Leute heute nicht mehr, aber die Gesinnung ist noch die gleiche geblieben und hat weitgehend unsere chaotische Wirtschaftslage verschuldet. [...]

Guten Mutes zu sein, ist die sittliche Eigenschaft, deren die Welt vor allem und am meisten bedarf und Gutmütigkeit ist das Ergebnis von Wohlbehagen und Sicherheit, nicht von anstrengendem Lebenskampf. Mit den modernen Produktionsmethoden ist die Möglichkeit gegeben, dass alle Menschen behaglich und sicher leben können; wir haben es statt dessen vorgezogen, dass sich manche überanstrengen und die andern verhungern. Bisher sind wir noch immer so energiegeladen arbeitsam wie zur Zeit, da es noch keine Maschinen gab; das war sehr töricht von uns, aber sollten wir nicht auch irgendwann einmal gescheit werden?

(Auszüge aus: Bertrand Russell [1872-1970]: "Lob des Müßiggangs", London 1935)


Freitag, 28. April 2017

Song des Tages: Three Lives




(Octavision: "Three Lives", Single 2016)

Anmerkung: Ich habe selten zuvor ein Beispiel gehört, welches das progressive Rockmusikerbe der siebziger Jahre so konsequent, technisch erstklassig und musikalisch äußerst bewegend ins 21. Jahrhundert transferiert. Jeder einzelne Musiker in diesem Clip, der ein bald nachfolgendes Album ankündigt, ist ein Meister seines Instrumentes, während die Komposition – anders als so viele andere Beispiele aus diesem Genre – in sich schlüssig ist und an die großen Werke der siebziger Jahre (Yes, King Crimson, Gentle Giant u.v.a.) nahtlos anknüpft – und sie kreativ weiterentwickelt.

Das ist Rockmusik in ihrer artistisch reinsten Form – jenseits der großen Soundeskapaden oder anbiedernden Vereinfachungen: "Handgemachte" Musik, die jede Simplifizierung meidet wie ein intelligenter Mensch die Esoterik. Das ist ganz große Kunst und heute eine wahre Rarität!

Unachtsamkeit oder Absicht?


Vor einigen Tagen war beim WDR zu lesen:

Waldemar Becker konnte kaum glauben, was der junge Flüchtling aus dem Deutschkurs mitbrachte. Mit Sätzen wie diesem sollte der 25-Jährige aus Guinea die deutsche Sprache lernen: "Die Geiselnehmer ermordeten ihre Geiseln, ohne mit der Wimper zu zucken." (...) / [Bei der NRW-Regionaldirektion der Bundesarbeitsagentur] heißt es, der Träger des Deutschkurses – ein in Hennef beheimateter Verein – solle seine Lehrkräfte dazu anhalten, bei der Auswahl von Übungsmaterialien sensibler zu sein.

Nun ist es ja bekannt, dass viele Anbieter derartiger "Deutschkurse" oft unqualifizierte und zudem prekär (stundenweise) bezahlte Lehrkräfte einsetzen; dennoch will es mir partout nicht einleuchten, dass es tatsächlich lehrende Menschen geben soll, die solche Texte im Umgang mit Kriegsflüchtlingen bloß "versehentlich" benutzen. Sollte das dennoch der Fall sein, gehören solche Lehrkräfte allenfalls in eine Baumschule – und zwar als Setzling.

Was ist das bloß für eine verkommene, niederträchtige Zeit, in der wir leben.

Es ist ein Unglück, dass in der Welt mehr Dummheit ist, als die Schlechtigkeit braucht, und mehr Schlechtigkeit, als die Dummheit bewirkt.

(Karl Kraus, in: "Sprüche und Widersprüche", 1909)

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Lazy


(moonbeard.com)

Dienstag, 25. April 2017

... und die korrupte Bande ist entzückt


Das alberne Volkstheater der Wahlen, diesmal in Frankreich, hat zwei potenzielle "Gewinner" hervorgebracht und damit genau das Ergebnis erzielt, das allseits erwartet bzw. herbeigeschrieben wurde. Die Mehrheit der WählerInnen hat nun also zwei Kandidaten ins Rennen um die Präsidentschaft geschickt, die alle beide Konzepte verfolgen, die erstens nicht weit auseinander liegen und zweitens nicht das geringste mit dem Wohlergehen der Bevölkerung zu tun haben.

Die rechtsextreme Le Pen und ihren AfD-ähnlichen Verein von braunen Wirrköpfen muss ich wohl nicht näher beleuchten – den "parteilosen" Macron dafür umso mehr. Zur Einordnung hilft dabei ein Blick in die hiesige Systempresse, die fast einhellig von diesem Schlips-Borg schwärmt, als sei er der neue Europamessias (ich verzichte auf Verlinkungen – das haben sicherlich alle BesucherInnen dieses Blogs sowieso gelesen). Im Grunde reicht es schon, nur einen einzigen Artikel zu diesem Thema zu lesen, nämlich die Zusammenfassung bei n-tv unter dem bezeichnenden Titel "Macrons Erfolg entzückt deutsche Politik". Spätestens jetzt sollte der rote Alarm ausgelöst werden; und wenn man dann noch lesen darf, was Norbert Röttgen (CDU) über Macron gesagt hat, weiß man, dass der Menschenfeind Gerhard Schröder mindestens einen französischen Klon ausgebrütet hat:

Ich meine, dass es für Deutschland und Europa nicht besser geht: Emmanuel Macron ist wirtschaftsreformorientiert (...).

Ähnlich hat sich die komplette Bagage der deutschen Politbande und selbstverständlich auch die angeschlossene Propagandapresse geäußert. Und niemand – tatsächlich: niemand! – erwähnt auch nur am Rande, dass Macrons Ziele weder "liberal", noch "erneuernd" oder gar "progressiv" sind, sondern – ganz im Gegenteil – nichts anderes als eine Betonierung der kapitalistischen Deformierungen darstellen, die von jener Bande unbekümmert, unverhohlen und natürlich falsch "Reformen" genannt werden. Macron ist das französische Äquivalent zur deutschen kapitalistischen Einheitsfront von FDP, CDU, SPD, AfD und den Grünen. Wen wundert's, dass quer durch alle Parteien – natürlich darf auch die Linkspartei nicht fehlen – der verhaltene Jubel losbricht?

Stets dasselbe Spiel

Was genau unterscheidet die beiden Rechtsradikalen Le Pen und Macron? Es ist exakt dasselbe Spielchen, dass überall zu beobachten ist, selbstverständlich gerade auch in Deutschland: Während die "Bösen" (Front National, AfD) sich auf die "Nation" und das "Völkische" berufen, ohne den Kapitalismus in Frage zu stellen, huldigen die "Guten" (Macron, CDUSPD & Co.) lieber der Kapital-"Elite" und erklären den grenzenlosen Kapitalismus zur einzig wahren Religion. Braun und menschenfeindlich – und gewiss alles andere als "neu" oder gar ein "Aufbruch" – ist beides gleichermaßen.

Ich empfinde es als besonders verstörend, dass ausgerechnet in Frankreich nun dasselbe widerwärtige Spiel vonstatten geht, das auch den Rest des verkommenen Europas längst heimgesucht hat. Wenn ich irgendwem eine wirksame Gegenwehr und vielleicht sogar einen Anstoß zur Beendigung des kapitalistischen Terrors zugetraut habe, dann waren es "die Franzosen". Diese Illusion ist nun ruinierte Geschichte.

In Claus Klebers kapitalistischem Propagandajournal im ZDF habe ich am Montagabend im Vorbeigehen die kuhjournalistische Feststellung aufgeschnappt, dass es in Frankreich beispielsweise noch immer so altertümliche, hemmende Dinge wie die 35-Stunden-Woche und ein "frühes" Renteneintrittsalter gebe, was Macron endlich "reformieren" (abschaffen) will. Die Vorleserin überschlug sich dabei in dem Bemühen, dieses zerstörerische Grauen als grandiose Neuerung und "Reform" zu preisen. – Gibt es eigentlich noch Menschen, die ihren Kopf nicht nur für dumpfen Nationalismus, menschenfeindlichen Kapitalismus oder zum Hütetragen mit sich herumschleppen? Ich bin da eher skeptisch.

Es gibt keinen signifikanten Unterschied zwischen "Wirtschaftsliberalen" – also Kapitalisten – und Rechtsradikalen. Die braune Suppe feiert und blubbert Triumphe – und der Humanismus stirbt seinen letzten Tod.


Der redundante Einwurf (3): "Zeichen und Wunder" im Eso-La-La-Land


Ohne Worte – und darauf einen Schnaps:


(Screenshot von "Jenseits der Realität")

Montag, 24. April 2017

WDR: Flachverarscherei, oder: Der Sack Reis in China


Manchmal kann ich mich nicht entscheiden, ob manche Redakteure der Systemmedien einfach nur zugekokst sind und ständig schlechte Aprilscherze absondern, oder ob sie aus reinem Zynismus, purer Dummheit oder doch in gezielter Verdummungsabsicht handeln. So habe ich beim öffentlich-rechtlichen WDR, der bekanntermaßen durch im Zweifel auch zwangsvollstreckte Zwangsgebühren finanziert wird, vor einigen Tagen gelesen:

Dickes Portemonnaie? Aus dick mach flach! / Skinny Jeans und fette Portemonnaies – das passt einfach nicht. Oft steckt ein ganz schöner Klotz in der Gesäßtasche. Es gibt aber jede Menge Tricks, um den Po flach wirken zu lassen. Karten, die nicht oft gebraucht werden, können zum Beispiel mit dem Handy abfotografiert werden.

Nein, das stammt nicht vom Postillon oder aus der Titanic-Redaktion, sondern tatsächlich vom WDR, nämlich von einem Horrorclown namens Philip Seitz – und es wurde auch nicht am 1. April veröffentlicht. Ich warne jeden nachdrücklich davor, den kompletten Text zu lesen, da es nicht auszuschließen ist, dass ein halbwegs gesundes Gehirn während der Lektüre jenes Irrsinns spontan beschließt, Selbstmord zu begehen, weil es offensichtlich kein intelligentes Leben auf diesem Planeten mehr gibt.

Gleichwohl habe auch ich einige Vorschläge für entsprechend Gepeinigte, wie man den "Po flach wirken" lassen kann:

  1. Fasten Sie. Der Arschspeck verschwindet dann irgendwann von selbst. Der Hartz-Terror eignet sich gut dafür.
  2. Machen Sie es wie ich und Millionen andere Zwangsverarmte und schmeißen Sie Ihre vielen EC- und Kreditkarten einfach in das nächste Lagerfeuer. Besonders schön und grell leuchtend brennt übrigens die "Goldene". Und vergessen Sie nicht, die staatliche Überwachungswanze ("Handy") gleich hinterherzuwerfen.
  3. Nehmen Sie die dicken Geldbündel aus Ihrer Börse und verschenken Sie sie an Obdachlose.
  4. Misten Sie Ihre Geldbörse hin und wieder aus, wenn sich zu viele Cent-Münzen angesammelt haben, die Sie sowieso nie wieder irgendwo loswerden. Ich habe bereits einen dicken Beutel angesammelt, den ich allerdings nirgends eintauschen kann, da ich bloß über ein reines Online-Konto verfüge.
  5. Gehen Sie zu einem Schönheitschirurgen und lassen Sie sich eine Delle in die Pobacke schneiden – dann kann Ihre Börse so dick sein wie sie will, ohne dass es jemand sieht, wenn Sie Ihre hautenge, sexy Wurstpelle mit den hübsch überquellenden Rändern tragen.
  6. Sie könnten auch – ganz "gentlemanlike" – einfach zur altbewährten Brieftasche greifen, aber derlei unmodernes Zeug benutzt ja heute niemand mehr, der sich für "hip" hält – selbst dann, wenn es sinnvoll wäre.
  7. Gehen Sie in eine geschlossene Psychiatrie, bitten Sie dort um unbefristetes Asyl und weisen Sie darauf hin, dass der WDR die Kosten übernimmt.
  8. Freilich können Sie auf den ganzen Schmonzes auch gepflegt scheißen und sich nicht darum scheren, ob Ihr "Po flach wirkt". Es soll tatsächlich vereinzelt noch Menschen geben, denen das in der Tat so egal ist wie der berühmte Sack Reis in China – auch wenn das in Kapitalistan kaum jemand glauben mag.

Ich persönlich fände ja sowieso die Frage weitaus interessanter, wie man es bewerkstelligen könnte, dass endlich weniger Menschen mit einer flachen Stirn und einem allzu leeren oder gar völlig fehlenden Gehirn stumpfsinnig durch die Welt stapfen wie gruselige Zombies – aber diese unmoderne Frage wird beim WDR ganz sicher nicht erörtert werden, denn zombieesker Stumpfsinn gehört dort selbstverständlich zum Markenkern.

Zu dieser Flachverarscherei passt übrigens vorzüglich der gerade zuendegegangene Parteitag der "Analplugs für Dummdödel" (AfD), bei dem sich – fast wie beim WDR – die Ärsche und die flachen Stirnen inniglich säuselnd "Gute Nacht" gesagt haben. Oliver Kalkofe hat das schon vor einiger Zeit so treffend kommentiert, dass ich dazu nichts weiter sagen muss:


Samstag, 22. April 2017

Zitat des Tages: Die Brücke


Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich. Diesseits waren die Fußspitzen, jenseits die Hände eingebohrt, in bröckelndem Lehm habe ich mich festgebissen. Die Schöße meines Rockes wehten zu meinen Seiten. In der Tiefe lärmte der eisige Forellenbach. Kein Tourist verirrte sich zu dieser unwegsamen Höhe, die Brücke war in den Karten noch nicht eingezeichnet. – So lag ich und wartete; ich musste warten. Ohne einzustürzen kann keine einmal errichtete Brücke aufhören, Brücke zu sein.

Einmal gegen Abend war es – war es der erste, war es der tausendste, ich weiß nicht –, meine Gedanken gingen immer in einem Wirrwarr und immer in der Runde. Gegen Abend im Sommer, dunkler rauschte der Bach, da hörte ich einen Mannesschritt! Zu mir, zu mir. – Strecke dich, Brücke, setze dich in Stand, geländerloser Balken, halte den dir Anvertrauten. Die Unsicherheit seines Schrittes gleiche unmerklich aus, schwankt er aber, dann gib dich zu erkennen und wie ein Berggott schleudere ihn ans Land.

Er kam, mit der Eisenspitze seines Stockes beklopfte er mich, dann hob er mit ihr meine Rockschöße und ordnete sie auf mir. In mein buschiges Haar fuhr er mit der Spitze und ließ sie, wahrscheinlich wild umherblickend, lange drin liegen. Dann aber – gerade träumte ich ihm nach über Berg und Tal – sprang er mit beiden Füßen mir mitten auf den Leib. Ich erschauerte in wildem Schmerz, gänzlich unwissend. Wer war es? Ein Kind? Ein Traum? Ein Wegelagerer? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter? Und ich drehte mich um, ihn zu sehen. – Brücke dreht sich um! Ich war noch nicht umgedreht, da stürzte ich schon, ich stürzte, und schon war ich zerrissen und aufgespießt von den zugespitzten Kieseln, die mich immer so friedlich aus dem rasenden Wasser angestarrt hatten.

(Franz Kafka [1883-1924]: "Die Brücke", Erzählung aus dem Nachlass, u.a. in: "Erzählungen", hg.v. Michael Müller, Reclam 1996)


Freitag, 21. April 2017

Song des Tages: Magic Forest




(Amberian Dawn: "Magic Forest", aus dem gleichnamigen Album, 2014)

Just moments before the dawn
It's their time to go
One look and they entered the magic forest
They're left alone

A strange weight surrounded them
It felt like burned ice
All branches, like fingers they reach to catch them
Leaving their marks

"Hey you little songbirds
Come here little songbirds
We see you little songbirds
And we'll keep you"

Run for your life – she's getting closer
Run for your life – you hear her breathing
Run for your life – her army's marching
Run for your life – you feel her seeking
Reaching you, hunting you, hunting all of you

They ran deeper into the woods
They wished they could fly
In the moonlight they saw those lurking soldiers
Creeping by

Her hunters were whispering
And humming an old tune
Like rolling they passed those little seekers
Leaving them alone

"Hey you little songbirds
Come here little songbirds
Where are you little songbirds
Come we'll keep you"

Run for your life ...

"Oh dear children
Who has brought you here?
Do come in and stay with me
No harm shall happen to you!"

Run for your life ...


Mittwoch, 19. April 2017

Randnotiz zu "Fernsehkritik-TV"


Holger Kreymeier von "fernsehkritik.tv" hat beschlossen, sich nunmehr gänzlich hinter einer "Paywall" zu verschanzen, damit er von zahlungsunwilligen oder -unfähigen BesucherInnen künftig verschont bleibt. Ich muss seine (inzwischen ersetzte) Seite daher aus meiner Blogliste entfernen, denn Reklame für kostenpflichtige Inhalte ist hier nicht erwünscht.

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass ausgerechnet Kreymeier nun dem Beispiel der "Premium"-Anbieter im Netz folgt und sich damit gleichsam überflüssig macht. Es ist anzunehmen, dass sein Geschäftsinteresse den verschiedenen, nur gegen Bares abrufbaren Formaten seiner Firma "Massengeschmack" gilt, zumal er laut eigener Aussage aus der "Jubiläumsfolge" ohnehin keine Lust mehr auf das Magazin und die damit verbundene Arbeit hat. Gibt es wohl ein noch gruseligeres Beispiel für die illustre Verwerflichkeit des Kapitalismus? Mir fällt ad hoc keines ein.

Requiescat in pace, "fernsehkritik.tv".


Die schöne, bunte Horrorwelt des Kapitalismus


Die Journaille hat mich jüngst wieder einmal überrascht. Da wurde doch tatsächlich aufgedeckt, dass Konzerne rein profitorientiert handeln und zudem alles dafür tun, möglichst geringe oder gar keine Steuern zu zahlen. Nein, welch eine Offenbarung! Ich habe Stunden – ach was, Tage! – gebraucht, um diese unfassbare, zuvor nie gehörte Erkenntnis zu verdauen. Wie kann es denn bloß sein, dass Konzerne kein Interesse am "Gemeinwohl" haben?

Aber der Reihe nach. Bei n-tv hat der investigative Qualitätsjournalist Hannes Vogel vor einigen Tagen einen Beitrag veröffentlicht, in dem es heißt:

Die 50 größten US-Unternehmen verschieben jährlich mehr als 1,5 Billionen [Euro] in Steueroasen – ganz legal. Und Konzernen wie Netflix, Facebook und General Electric schenkt der Fiskus sogar noch Geld.

"Ei der daus!" dachte ich beim Lesen unwillkürlich und kratzte mir hilflos den Schädel. Dürfen die das denn? Und wieso tun die das bloß – schließlich soll es doch allen Menschen halbwegs gut gehen auf dieser wunderschönen Erde! Das sagt doch sogar die Kanzlerin?!? Herr Vogel klärte mich aber auf, indem er feststellte: "Die Steuertricks sind völlig legal: Gesetzeslücken ermöglichten es den Konzernen, sich um ihren fairen Beitrag zum Gemeinwohl zu drücken". – Ah, dann ist es also nur ein politisches, gesetzgeberisches Versehen, das – quasi absichtslos – diese unerwünschten Auswirkungen hat! Ich verstehe.

Da haben die PolitikerInnen allerorten aber mal so richtig geschlampt, indem sie den Konzernen versehentlich solche "Schlupflöcher" angeboten haben; und die Konzerne konnten ja gar nicht anders, als unversehens hindurchzuhuschen und die Geldsäcke in Sicherheit zu bringen. Ich bin gut informiert.

Setzen wir den Aluhut der Propagandapresse nun ab

Dieser Artikel ist ein beredtes Beispiel für das infantile, ausnehmend schrille Weltbild, das Propagandamedien wild verbreiten (sollen, möchten oder müssen). Die verharmlosend als "Steuertricks" bezeichneten Praktiken sind nichts anderes als mafiöse Handlungen; die ebenso hirnentkernt als "Steueroasen" bezeichneten schwarzen Geldspeicher, die sich jedem staatlichen Zugriff entziehen, sind nicht "versehentlich", sondern ganz bewusst und gewollt geschaffen worden und bleiben ebenso bewusst und gewollt weiterhin bestehen; und das "Gemeinwohl" interessiert im Kapitalismus ohnehin niemanden, der sich auch nur zu den Schuhputzern der "Elite" zählt wie beispielsweise ein Martin Schulz (SPD).

Des weiteren betrifft diese kriminelle Struktur keineswegs nur US-Konzerne, wie es im Titel und Teaser des verlinkten Beitrages behauptet wird. Der Autor erwähnt das beiläufig im Text, indem er einen "Oxfam-Experten" [sic!] zitiert: "Bei internationalen Konzernen ist Steuervermeidung mittlerweile Volkssport." – Ja, wie sollte es denn auch anders sein in diesem System, in dem es einzig um Profitmaximierung geht? Der "faire Beitrag zum Gemeinwohl" ist Konzernen selbstverständlich so wichtig wie ein Furunkel am Anus. Das darf oder will die Propagandapresse natürlich nicht so schreiben, weshalb sie in schöner Regelmäßigkeit das Kindergartenmärchen von den "Schlupflöchern" erzählt, das selbstverständlich nur die "schwarzen Schafe" benutzen. Dass es sich dabei vielmehr um einen logischen, systemischen Akt der kapitalistischen Habgier handelt, wird nicht einmal angedacht.

Ich fasse das mal zusammen:

  1. Hortungseinrichtungen für Hehler ("Steueroasen") gibt es – auch mitten in Europa – nicht zufällig oder versehentlich.
  2. Ebensowenig ist es auf politisches Versagen oder Unvermögen zurückzuführen, dass diese mafiösen Strukturen auch weiterhin bestehen bleiben.
  3. Konzerne haben kein Interesse am "Gemeinwohl" oder gar an Menschen, sondern einzig am Profit.
  4. Das kapitalistische System erfordert die oben genannten kriminellen Strukturen zwingend, um nicht frühzeitig zu kollabieren.
  5. Habgier ist das heilige, unumstößliche Credo der kapitalistischen Religion.
  6. Die Systempresse dient der religiösen Kapitalpropaganda sehr devot, selbst wenn sie sich gelegentlich "investigativ" gibt.
  7. Die schwarz-rot-grün-gelb-blaue neoliberale Einheitspartei (NED) ist ein korrupter Haufen von meist schlips- oder knopfleistentragenden Arschlöchern, wie sie wohl nur der Kapitalismus hervorbringt. Man darf solchen GesellInnen nicht einmal einen gebrauchten Toaster für drei Euro abkaufen, weil der vermutlich defekt ist.
  8. Die Verarmung, Ausbeutung und Verelendung breiter Bevölkerungsteile ist ebenso ein essenzieller Teil der kapitalistischen Agenda wie die absurde Mästung einiger weniger Superreicher. Ohne bittere Armut kann es keinen Superreichtum geben.

Es wird mir stets ein bizarres Rätsel bleiben, weshalb eine Mehrheit der Geknechteten, Ausgebeuteten, Verfolgten, Verarmten, Kontrollierten und Aussortierten dennoch weiterhin an diesem abgrundtief perversen System festhält, anstatt endlich, endlich aufzubegehren und die Arschlöcher – gerne auch geteert und gefedert – in Schimpf und Schande vom Platz zu jagen, ohne dabei in nationalistisches Gebrüll zu verfallen.

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A Box of my Tears


(www.moonbeard.com)

Montag, 17. April 2017

Feudale Strukturen und ihre propagandistische Aufbereitung in den Medien


Dem WDR ist wieder einmal ein besonderes Stück klassischer Propaganda und Desinformation gelungen. Unter dem Titel "Wem gehören Wald und Land in NRW?" referiert die Autorin Anja Booth, die auch für die drüben verlinkte gleichnamige "Dokumentation" verantwortlich zeichnet, über feudale Strukturen in Sachen Landbesitz, ohne diese jedoch klar zu benennen oder gar zu kritisieren. Einem Hofberichterstatter steht Königskritik freilich nicht zu. Ein kleiner Auszug:

Nordrhein-Westfalen ist das Privatwaldland! 64,8 Prozent Wald sind in privatem Eigentum. Kein anderes Bundesland hat mehr Wald in privater Hand. (...) / Die Familie Sayn-Wittgenstein auf Schloss Berleburg ist mit über 13 Hektar Wald der größte Privatwaldbesitzer Nordrhein-Westfalens. Seit über achthundert Jahren ist der Wald im Besitz der Familie und gleichzeitig die Haupteinnahmequelle der Sayn-Wittgensteins. Wald ist wertvoll: Pro gefällter Fichte bekommt die Familie etwa 160 bis 170 Euro.

In diesem Stil geht das munter weiter – selbstverständlich wird nirgends auch nur zaghaft die Frage angedeutet, wie dieses gruselige Adelsgeschmeiß vor über achthundert Jahren in den "Besitz" dieser Landflächen gekommen ist und weshalb um Himmels Willen jenes Land dem Erbenpack heute noch immer "gehört". Solche eliteschädigenden Fragen verwirrten einen WDR-Leser, wie die Obrigkeit ihn sich wünscht, wohl nur, weshalb sie im öffentlich-rechtlichen Weltbild gar nicht erst vorkommen.

Davon abgesehen ist der Text derartig schlecht geschrieben, dass mir beim Lesen die Augäpfel aus dem Schädel gefallen sind und ich mein Gehirn nur mithilfe einiger Papiertaschentücher, die ich hastig in die entstandenen Öffnungen stopfte, daran hindern konnte, auf die Tastatur zu tropfen. So erfährt der wissbegierige WDR-Konsument beispielsweise, dass es "Naturwaldzellen" gibt, "in denen man beobachten kann, was passiert, wenn man den Wald sich selbst überlässt." Im nächsten Satz steht allerdings: "Naturwaldzellen darf man nicht betreten." – Aha. Wer ist denn hier "man" und wer beobachtet diese "Zellen", wenn "man" sie doch gar nicht betreten darf? Der gemeine Pöbel ist wohl lediglich mit dem zweiten "man" gemeint.

Des weiteren habe ich durch diesen Text gelernt, dass jemand, der "mehr als 75 Hektar Wald besitzt, (...) übrigens auch das Jagdrecht" innehat. Hm. Haben wir nicht weiter oben gelesen, dass der größte Privatwaldbesitzer gerade mal 13 Hektar besitzt? Wer hat denn nun das "Jagdrecht", wenn es die Privatbesitzer offensichtlich nicht sein können, und welchen Sinn erfüllt diese hanebüchene Nonsens-Information? Und wer hat diese Regelung wann und warum festgelegt? Wieso darf ein Normalbürger nicht auf die Pirsch in "seinem" Wald vor der Haustür gehen und beispielsweise einen kleinen, leckeren Osterhasenbraten im Wald erlegen? – Fragen über Fragen ...

So ließe sich der komplette lieblos zusammengeschusterte Text auseinandernehmen. Ich verzichte darauf, da ich davon ausgehe, dass der Bockmist jedem kritischen Leser ohnehin brennend ins Auge fällt.

Unterm Strich bleibt nur das im Kapitalismus ewig gleiche, widerwärtige Resümee. Auch die feudalen Strukturen des privaten Landbesitzes erfüllen in erster Linie eine einzige Funktion: Es geht – wie sollte es auch anders sein – um Profit, Bereicherung und schnöde Habgier. Die Menschheit ist im finstersten Mittelalter steckengeblieben und nichts deutet darauf hin, dass sich das in absehbarer Zeit ändern könnte.

Vielen Dank für die Desinformationen, lieber zwangsgebührenfinanzierter WDR.

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Hochfinanz



(Lithographie von George Grosz [1893-1959] aus dem Jahr 1922, in: "Ecce Homo", Malik 1923; Verbleib des Originals unbekannt)

Samstag, 15. April 2017

Die Geißel des bizarren Privateigentumes


Es ist immer wieder erfrischend, wenn man wieder einmal mitbekommt, welche perversen Auswüchse der groteske, kapitalistisch begründete Reichtum einiger weniger Menschen annimmt. Die lächerlichen Luxusautos, peinlichen Luxusvillen oder albernen Accessoires wie teure Uhren, "exklusive" Mode oder dicke Klunker sind ja allseits bekannt. Was zumindest mir bislang aber weniger bewusst war, konnte ich kürzlich bei n-tv nachlesen. In einem – selbstredend völlig unkritischen – Artikel im Ressort "Reise" [sic!] hieß es (man beachte den hirnschmelzenden Begriff "Upper Class" in der URL):

Wer das nötige Kleingeld hat, braucht gar nicht jeden Sommer einen neuen Ferienort zu suchen, sondern kauft sich gleich eine ganze Insel. Privatinseln sind gerade bei Prominenten beliebt. Vor allem die Karibik steht hoch im Kurs. / Eine eigene Insel – wer würde sich diesen Wunsch nicht gerne erfüllen? David Copperfield, Richard Branson, Leonardo DiCaprio und Mel Gibson sind reich. Bei der Suche nach einem angemessenen Urlaubsziel geben sie sich nicht mehr mit "normalen" Resorts zufrieden.

Die Antwort kann ich gleich geben: Ich hege einen solchen Wunsch nicht. – Inzwischen reicht den Bekloppten ein "eigenes Grundstück" schon nicht mehr aus, um sich vom gemeinen Pöbel ausreichend abzugrenzen – es muss gleich eine ganze Insel sein. Welcher Irre ist bloß auf die Idee gekommen, irgendein Teil dieses Planeten könne irgendwem "gehören"? Die "Privatinsel" ist die Vollendung dieser Perversion, die mich an der Intelligenz dieser Spezies einmal mehr stark zweifeln lässt.

Durch den Text habe ich nebenbei erfahren, dass sogar ein gruseliger, sal­ba­dernder Schleimbolzen wie Jörg Pilawa, der einzig durch – notfalls vom Gerichtsvollzieher eingetriebene – Zwangsgebühren zum Multimillionär geworden ist, ohne je etwas Sinnvolles dafür getan zu haben, zu den Besitzern einer "Privatinsel" gehört:

Hier, mitten in der rauen Wildnis Nova Scotias [in Kanada], fand auch Jörg Pilawa sein Glück. "Es gibt dort den Atlantik, Wale, Wälder, Wildnis – die ganzen Ws eben", erklärte der deutsche TV-Moderator 2009 seine Entscheidung, "Hunt Island" [für 250.000 €] zu kaufen.

Solche Menschen scheren sich nicht darum, dass sie zufällig (!) zu den sehr wenigen Profiteuren eines grotesken Systems gehören, das die überwältigende Mehrheit der Menschen ins tiefste Elend stürzt. Sie hocken lieber – vermutlich einige Ferienwochen oder -monate pro Jahr – auf ihrer "Privatinsel" und genießen das dekadente, semifeudale Leben in vollen Zügen, während anderswo zehntausendfach Menschen verhungern oder millionenfach in der Armut versinken. In der übrigen Zeit wird das Etablissement natürlich gewinnbringend vermietet. Arme haben selbstverständlich keinen Zutritt. – Mich widert das so an.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Der Irrsinn des Privatbesitzes (insbesondere von Land) gipfelt in der fast schon satirischen "Geschäftsidee", sogar Grundstücke auf dem Mond zu verhökern. Es soll tatsächlich Menschen geben, die dafür an irgendeinen Hampelmann Geld bezahlen und sodann allen Ernstes der Meinung sind, ihnen "gehöre" nunmehr ein Stück des Mondes. – Ich persönlich würde mich sehr gerne an der Finanzierung der riesigen Raketenflotte beteiligen, mit der sämtliche KapitalistInnen final zu eben jenem Mond geschossen werden, damit das Leben auf der Erde endlich, endlich halbwegs erträglich und friedlich wird.

Wie heißt es doch so treffend – mit gar lieblicher Stimme vorgetragen – am Schluss des jüngsten "Songs des Tages": "All is lost but hope". So ist es.

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Bevorzugte Klasse


"Unsereiner hat's eben doch gut: Man macht 'inneren Wiederaufbau' und braucht nicht zu schippen!"

(Zeichnung von Hannes König [1908-1989], in: "Der Simpl", Nr. 6 vom Juni 1946)

Freitag, 14. April 2017

Song zum Karfreitag: Our Wings Are Burning




(Virgin Black: "Our Wings Are Burning", aus dem Album "Elegant ... and Dying", 2003; Single version)

We fell in love, with dust in our lids
And the pain of a severed soul
We lowered our heads and lifted our face
Placed our bodies in celebration

On the lips of a mutilated man
I carry the bones of a deformed child
And my own polluted breath
I speak the old man's words

In a persuasive eloquence
Bless the dust that hides
This unlamented head
On the crest of fire

Our wings are burning
How glorious the pain
And the ways of God
Shriek out of tune

All is lost but hope
On the crest of fire
Our wings are burning
To the wind's anthem

All is lost but hope