Ich erinnere mich noch gut (und äußerst ungern) an die Zeit, als eine gute Freundin Anfang der 90er Jahre in den Fängen der Osho-Sekte (vormals Bhagwan) feststeckte und ich verzweifelt darum bemüht war, sie aus diesem esoterischen, furchtbaren und zerstörerischen Sumpf wieder hinauszubegleiten. Damals begegnete mir zuerst die auch heute in solchen Kreisen übliche Geisteshaltung, die u.a. in einem Sinnspruch wie diesem zum Ausdruck kommt: "Wenn jeder nur an sich selber denkt, ist doch an alle gedacht!"
Diese zutiefst egoistische Weltsicht ist heute allerdings auch jenseits ominöser Sektenkreise weit verbreitet und muss sogar als kapitalistischer Gesellschaftskonsens angesehen werden, der – gerade auch von den Massenmedien – stetig befeuert und proklamiert wird. Eine perfide Reklamebotschaft wie "Unterm Strich zähl' ich" ist symptomatisch für diesen krankhaften Zustand.
So verwundert es nicht weiter, dass inzwischen selbst mit diesem ekelhaften Prinzip Geschäfte gemacht werden. Offensichtlich gehört das menschenfeindliche Prinzip "Jeder ist sich selbst der Nächste" längst auch zur grausigen "deutschen Leitkultur", wie sie nicht nur Thomas "die Misere" in die Welt erbricht.
Vor kurzem war auf Zeit Online ein Text zu lesen, der dies auf erschreckende Weise illustriert. Unter dem Titel "Eine Tupperparty für Apokalyptiker" berichtet die Autorin Friederike Oertel dort:
Benjamin fährt mit einem Fluchtrucksack U-Bahn, hortet zu Hause Wasserkanister und ein Notradio. Er trainiert für Katastrophen und verdient damit sogar Geld. Warum? / (...) Es ist eine Tupperparty für Apokalyptiker: Viel Theorie, keine Praxis, Teilnahmegebühr 60 Euro und die Gadgets können direkt im Anschluss bei ihm bestellt werden. Fünfzehn Leute sind gekommen: Eine Anwältin ist im Internet auf den Kurs gestoßen. Sie hat den Thriller Blackout gelesen, in dem der österreichische Schriftsteller Marc Elsberg die Folgen eines europaweiten Stromausfalls beschreibt. Nun will sie wissen, was zu tun ist, wenn das Ende naht. Ein Teilnehmer Mitte 30 sucht die extreme Naturerfahrung, ein Pärchen spürt eine diffuse Bedrohung, fühlt sich vom Staat im Stich gelassen und will die Vorsorge nun selbst in die Hand nehmen. Eine ältere Dame in rosa Tweedblazer mustert ein Pulver, aus dem man Omelett zubereiten kann und erkundigt sich nach dem Preis. Eine Monatsration mit getrocknetem Gemüse, Pumpernickel und Vollmilchpulver kostet 279 Euro. Die Rettung in postapokalyptischen Zeiten hat ihren Preis.
Die Lektüre lohnt sich. Anhand dieses Beispiels wird deutlich, welchen Stellenwert der pure Egoismus – im Zweifel stets auch auf Kosten anderer, möglicherweise völlig unbeteiligter Personen – im Weltbild des "modernen Menschen", der im Kapitalismus leben muss, inzwischen einnimmt. Das kommt in Sätzen wie diesen zum Ausdruck: "Auch ein Fluchtrucksack ist gepackt. Darin: robuste Kleidung, Seile, Messer, eine Machete – die braucht er, falls er sich den Weg freikämpfen muss." – Hier wird nicht einmal mehr ansatzweise die Möglichkeit angedacht, dass Menschen im Falle einer tatsächlichen Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes vielleicht doch besser überleben können, wenn sie gemeinschaftlich handeln und sich gegenseitig helfen, anstatt auf einzelkämpferischen Egoismus zu setzen. Die Filmindustrie der vergangenen Jahrzehnte hat hier freilich ebenso fleißig an der rückhaltlosen Auflösung jedweder Solidarität mitgestrickt wie die Politik und die politischen Medien.
Jemand wie der im Text vorgestellte Benjamin mag in diesem Szenario vielleicht nur eine "Geschäftsidee" sehen, mit deren Hilfe er auf relativ einfache Weise persönlichen Profit generieren kann – die beteiligten Firmen tun das jedoch in jedem Fall. Dennoch ist hier eine Tendenz klar erkennbar, die das kapitalistische Prinzip des "The winner takes it all" (das logischerweise impliziert, dass die überwiegende Mehrheit der "loser" nichts bekommt und somit – in diesem Szenario – schlicht krepiert) zu einem perversen "Gesetz" erhöht, welches noch weit hinter die Steinzeit zurückfällt.
Benjamin hat allerdings auch nichts dagegen, wenn die Katastrophe ausbleibt: Im Anschluss an seinen Kurs können sich die Teilnehmer für ein Survival-Training im Wald anmelden. Auf dem Programm stehen Feuer machen, Wasser filtern, Nahrungssuche, das Schlachten eines Kaninchens – Pfadfinden für Erwachsene. Solange die Apokalypse ausbleibt, ist Preppen für ihn vor allem ein gutes Geschäft.
Ein Sinnbild für diese gruselige Geisteshaltung ist der zum Sterben zurückgelassene, bis zur Nacktheit ausgeplünderte, frierende und weinende alte Mann im Ausnahmefilm "The Road", an dem auch die beiden "Helden" dieser Geschichte achtlos und unsolidarisch vorübergehen und ihn damit dem sicheren Tod überlassen. Dieser großartige Film, den ich trotz mancher Widersprüchlichkeiten nur wiederholt empfehlen kann, weil er nicht irgendeinen Idealzustand, sondern das heute wahrscheinlichste Szenario des kapitalistischen, egoistisch motivierten Unterganges auf die Leinwand bringt, in dem es selbstredend kein hollywoodtypisches Happy End gibt, zeigt das Dilemma sehr gut auf. – Ich höre schon die Einwände: Wenn es doch so wahrscheinlich ist, dass kapitalistisch (a-)sozialisierte Menschen sich im Fall der Fälle so schrecklich verhalten, wieso soll dann die Vorbereitung darauf falsch sein?
Dem halte ich entgegen: Wer sich menschenfeindlich verhält, wird stets auch nur Menschenfeindlichkeit erfahren. Es ist dringend an der Zeit, die Solidarität neu zu entdecken und dem kapitalistischen Terror des Eigennutzes endlich wieder den Stinkefinger zu zeigen. Und das müssten insbesondere junge Menschen, die anders ticken als Benjamin, tun. Nur – wo sind sie?
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(Lithographie von Honoré Daumier [1808-1879] aus dem Jahr 1844, aus der Serie "Les philantropes du jour"; unbekannter Verbleib)