skip to main |
skip to sidebar
Ich weiß nicht mehr wo meinen Kopf hinlegen
Ach mög er auf die Erde rollen
Ein abgenutzter Gummiball
Mein Lächeln bröckelt ab
Wie die antike Tünche
Auf den Mauern des Mondes
Der Nordwind trocknet in mir
Alle Tränen
Die eine Morgenröte weinen sollte
Im Käfig meines Skeletts
Hat sich mein Herz erhängt
Zwischen der siebten und achten Rippe
(Yvan Goll [1891-1951], in: Claire und Yvan Goll: "Die Antirose". Gedichte. Geschrieben 1925-1927)

Seltsam genug oder auch nicht: nach meinem Eindruck wird an Gedenktagen viel über den Faschismus gesprochen, über dessen Folgen und Erscheinungsformen; selten aber über die Ursachen des Faschismus und dessen Entstehungsbedingungen. Dabei sollte doch für jeden auf der Hand liegen: gegen die Symptome des Faschismus kämpfen zu wollen, heißt, gegen die Ursachen des Faschismus kämpfen zu müssen. Welches waren also die Ursachen des Faschismus? Welches die Bedingungen für seinen Aufstieg und Sieg? Oder ein wenig anders gefragt: Wer oder was brachte Adolf Hitler an die Macht?
(Weiterlesen)
Anmerkung: Hier will ich einmal mehr meine unbedingte Leseempfehlung aussprechen, denn dieser Text fasst die wesentlichsten Punkte für den Aufstieg und politischen Triumph des Faschismus zum Ende der Weimarer Republik gut lesbar und in nicht allzu komplexer Form zusammen und führt die von der Politik und den Medien bis heute kolportierte "Machtergreifung Hitlers" - die nichts weiter als eine Propagandafloskel der Nazis selbst ist - ad absurdum.
Nach der Lektüre fällt es nicht mehr sonderlich schwer, die augenscheinlichen Parallelen zwischen der heutigen und der damaligen Zeit deutlich zu erkennen und zu verstehen, weshalb das Märchen von der "Machtergreifung" von jenen Kreisen bis heute immer und immer wieder erzählt wird. Einzig den Schlussfolgerungen des Autors kann ich nicht folgen, da er als Ausweg lediglich eine "neue SPD", die "zu ihren Wurzeln" zurückkehren müsse, anbietet und gleichzeitig feststellt: "Zugegeben: ich sehe diese SPD nicht." - um sodann in einer Art religiöser Hoffnung auf Erlösung zu enden. Vielleicht ist das sein persönlicher Versuch, der totalen Resignation zu entkommen, vielleicht hegt er diese paradoxe Hoffnung, obwohl er sie in seinem Text zuvor bereits schlüssig demontiert hat, tatsächlich - ich weiß es nicht. Was ich aber weiß: Nicht einmal in meinen rosigsten Träumen kann ich mir ein Szenario ausdenken, in dem die SPD zu einer solchen - quasi revolutionären - Partei mutiert, die im Verbund mit anderen linken Gruppierungen ein antikapitalistisches, menschenfreundliches und gemeinwohlorientiertes System etablieren könnte, das die jetzige selbsternannte "Elite" endlich entmachtet und enteignet. Dieser Gedanke ist utopischer als jede existierende Science-Fiction-Geschichte, und sei sie noch so exotisch.
Dies hat aber vor allem nichts mit einer herbeifabulierten "Spaltung der Linken" zu tun - die SPD ist schlicht nicht links und war es seit mindestens 1998 auch nie. Gerade diese hochalberne Behauptung, die SPD sei eine "linke Partei", ist ja ein wesentlicher Teil der kapitalistischen Dauerpropaganda, um das Theater der "verschiedenen Parteien", die alle "völlig unterschiedliche Ziele verfolgen", aufrecht zu erhalten. In den USA ist dieses Propagandatheater bis zur Perfektion gereift - dort "streiten" regelmäßig zwei identische Parteien um die Macht. In Deutschland sind es vier bzw. fünf, wenn man die bayerischen Rechtsradikalen namens CSU mit berücksichtigt.
Ich weiß, dass es unbefriedigend ist, zu diesem existenziellen Thema überhaupt keine Lösung anbieten zu können - da ist sogar eine nebulöse Hoffnung auf ein weltfremdes Utopia, das es mit höchster Wahrscheinlichkeit niemals - jedenfalls nicht in den nächsten Jahrzehnten - geben wird, besser und leichter anzunehmen. Sinnvoller oder zielführender wird es dadurch jedoch nicht. Für den heutigen Zeitpunkt in der Geschichte muss ich feststellen: Der Faschismus ist auf dem besten Wege, erneut die Macht zu übernehmen bzw. hat dies teilweise bereits getan, und es existieren keine relevanten größeren gesellschaftlichen oder politischen Gruppierungen oder Strukturen, die seinem erneuten Triumph etwas entgegenzusetzen hätten. Diese gilt es erst zu schaffen und zu organisieren - und die SPD kann dabei gewiss keine Rolle spielen, wenn Geschichte sich nicht einfach wiederholen soll.
---
Not bricht Grundsätze
[oder: Die SPD einst und jetzt]

"SPD einst: 'Nieder mit Kapital, Thron und Altar!'"
"SPD jetzt: 'Hilfe, unser Kapital und die Kirche sind in Gefahr!'"
(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 23 vom 07.09.1931)
(This Mortal Coil feat. Lisa Gerrard: "Waves Become Wings", aus dem Album "It'll End In Tears", 1984)
Please stay, stay
Please stay, stay
Stay a while
Mystery lights keep the dark inside
Evading glances when the light's applied
Stay and run unto me
Sail to me
Come to me
Anmerkung: Auch nach all den Jahren ist dieser Song, der aus Gerrards eigener Feder stammt, ein wundervoller Gegenpart zu dem bekannteren, ebenfalls auf diesem Album befindlichen "Song To The Siren". Jetzt allerdings hören wir keine Klage oder Hommage an die Sirenen, sondern die Antwort einer der Sirenen höchstpersönlich ... - Hat man jemals wundervollere Klänge, die die Hörenden in den "süßen Tod" rufen, vernommen?
Leider fehlt in diesem Clip das eigentliche Ende des Stücks - nach dem Verklingen der letzten musikalischen Töne ist auf dem Album noch eine ganze Weile das monotone Rollen der Wellen zu hören, das wiederum einen wichtigen Part in dieser Komposition ausfüllt - man lauscht immer wieder in die Pausen nach den einzelnen Wellen hinein auf eine Wiederkehr der "Sirene" oder zumindest einen Widerhall, bevor sich dann nahtlos das nächste Lied anschließt.
Selbstverständlich ist dies kein "Aufruf zum Suizid" - auch kein indirekter. Das Lied ist, wie alle Veröffentlichungen dieses außergewöhnlichen Musikprojektes, im Kontext des zugrunde liegenden Konzeptalbums zu betrachten. Das schmälert den musikalischen Genuss aus meiner Sicht nicht, sondern steigert ihn noch einmal gewaltig. Ich empfehle für dieses Werk totale Finsternis mit maximal einer weiter entfernt aufgestellten Kerze sowie einen gefestigten Gemütszustand, der Reisen in die Fantasie und die Dunkelheit erlaubt, ohne dass negative Folgen zu befürchten sind.

Politisch Verfolgte genießen Asyl – und können in Zukunft europaweit in Gefängnisse gesteckt werden. Das sieht eine Richtlinie der Europäischen Kommission vor, die noch in diesem Jahr beschlossen werden soll.
(Weiterlesen)
Anmerkung: Dazu passt auch wunderbar diese Meldung (via daMax):
"Die EU-Kommission hat ihre Pläne für ein Ein- und Ausreisesystem nach US-Vorbild und ein Vorzugsprogramm für Vielreisende konkretisiert. Der am Donnerstag von Innenkommissarin Cecilia Malmström in Brüssel vorgestellte Verordnungsentwurf "Smart Borders" sieht vor, dass Ausländer sich künftig mit allen zehn Fingerabdrücken bei der Einreise in die EU von der Grenzkontrolle registrieren lassen müssen. Außerdem sollen Zeitpunkt und Ort der Einreise und Ausreise von Drittstaatsangehörigen erfasst werden. (...) / Das neue elektronische System soll die zulässige Dauer eines Kurzaufenthalts automatisch berechnen und einen Warnhinweis an die nationalen Sicherheitsbehörden erzeugen, wenn der Betreffende bis zum Ablauf der Aufenthaltsdauer nicht ausgereist ist, insbesondere bei Kurzzeitvisa."
Wir steuern da mit Vollgas auf den totalen Überwachungs- und Abschottungsstaat zu, der Orwell'sche Maßstäbe sogar übersteigt. Konkret bedeuten diese Maßnahmen, dass nicht mehr "nur" Flüchtlinge auf dieselbe Stufe mit Kriminellen gestellt werden, sondern generell sämtliche Ausländer aus Nicht-EU-Staaten, die euphemistisch "Drittstaaten" genannt werden. Und dieses Pack faselt allen Ernstes etwas von "Reisefreiheit", während es an solchen "Richtlinien" bastelt! Da stehen mir sämtliche Haare zu Berge.
Die Schwarzgeld-Bande in Deutschland ist in dieser Hinsicht allerdings etwas gespalten: Einerseits gefällt diesen ElitehüterInnen der menschenverachtende Umgang mit Flüchtlingen und anderen "undeutschen" Personen sehr und sie versuchen ihn ständig zu verschlimmern - andererseits beschwören sie weiterhin den angeblichen "Fachkräftemangel" und wollen Sklaven, die zu Niedrigstlöhnen Schwerstarbeit verrichten, in weitaus größerem Umfang als bisher ins Land holen. Anders formuliert heißt das nichts anderes, als dass Menschen aus "Drittstaaten" jederzeit sehr gern nach Deutschland kommen dürfen - sofern sie ihre Menschenrechte samt der Würde an der Grenze abgeben, Sklavenarbeit für einen Appel und ein Ei verrichten und im Fall der Arbeitslosigkeit, Krankheit oder des Renteneintritts nicht die "üppigen Sozialsysteme" der Bankenrepublik Deutschland zum Schmarotzen benutzen, sondern gefälligst wieder verschwinden.
Dieses Land und diese EU bzw. deren neoliberalen Zerstörer werden mir allmählich so widerlich, dass mir die unflätigen Worte dafür ausgehen.
---
Weltangst

(Zeichnung von Alfred Kubin [1877-1959], in "Simplicissimus", Heft 4 vom 22.04.1934)
Eines Morgens kommt ein Mann, ein Unbekannter, und du kannst nicht umhin, du gibst ihm eine Suppe und ein Brot dazu. Denn das Unrecht, das er seiner Erzählung nach erfahren hat, ist unleugbar, und du möchtest nicht, dass es an dir gerächt werde. Und dass es eines Tages gerächt wird, daran gebe es keinen Zweifel, sagt der Mann. Jedenfalls kannst du ihn nicht wegschicken, du gibst ihm Suppe und Brot dazu, wie gesagt, und sogar mehr als das: Du gibst ihm recht. Zuerst nur durch dein Schweigen, später mit Nicken, schließlich mit Worten. Du bist einverstanden mit ihm, denn wärest du es nicht, müsstest du sozusagen zugeben, dass du selber Unrecht tust, und dann würdest du ihn vielleicht fürchten. Du willst auch nicht dein Unrecht ändern, denn das hätte zu viele Folgen. Du willst Ruhe und Frieden, und damit basta! Du willst das Gefühl, ein guter und anständiger Mensch zu sein, also kommst du nicht umhin, ihm auch ein Bett anzubieten, da er das seine, wie du eben vernommen, durch Unrecht verloren hat. Er will aber kein Bett, sagt er, kein Zimmer, nur ein Dach über dem Kopf; er würde sich, sagt er, auch mit deinem Estrich begnügen. Du lachst. Er liebe die Estriche, sagt er. Ein wenig, noch während du lachst, kommt es dir unheimlich vor, mindestens sonderbar, beunruhigend, man hat in letzter Zeit gar viel von Brandstiftung gelesen; aber du willst Ruhe, wie gesagt, und also bleibt dir nichts anderes übrig als keinen Verdacht aufkommen zu lassen in deiner Brust. Warum soll er, wenn er will, nicht auf dem Estrich schlafen? Du zeigst ihm den Weg, den Riegel, die Vorrichtung mit der Leiter und auch den Schalter, wo man Licht machen kann. Allein in deiner schönen Wohnung eine Zigarette rauchend, denkst du mehrere Male genau das gleiche: Man muss Vertrauen haben, man soll nicht immer gleich das Schlimmste annehmen, wenn man einen Menschen nicht kennt, und warum soll der gerade ein Brandstifter sein! Immerhin nimmst du dir vor, ihn morgen wieder auf den Weg zu schicken, freundlich, ohne dass ein Verdacht ihn kränken soll. Du nimmst dir nicht vor, kein Unrecht zu tun; das hätte, wie gesagt, zu viele Folgen. Du nimmst dir nur vor, freundlich zu sein und ihn auf freundliche Weise wegzuschicken. Du schläfst nicht immer in dieser Nacht; es ist schwül und die Geschichten von wirklichen Brandstiftern, die dir so beharrlich einfallen, sind zu läppisch, ein Schlafpulver gibt dir die verdiente Ruhe ... Und am anderen Morgen, siehe da, steht das Haus noch immer! - Deine Zuversicht, dein Glaube an den Menschen, selbst wenn er im Estrich wohnt, hat sich bewährt. Es drängt dich nicht wenig, edel zu sein, hilfreich und gut; beispielsweise mit einem Frühstück. Von Angesicht zu Angesicht, so während ihr den gemeinsamen Kaffee trinkt und jeder sein Ei löffelt, schämst du dich deines Verdachtes, kommst dir schäbig vor, und jedenfalls ist es unmöglich, ihn wegzuschicken. Wozu solltest du! Nach einer Woche, wie er noch immer in deinem Estrich wohnt, hast du vollends das Gefühl, jede Angst überwunden zu haben, und auch als er eines Tage seinen Freund bringt, der ebenfalls in deinem Estrich schlafen möchte, kannst du zwar zögern, aber nicht widersprechen. Zögern; denn es ist einer, der schon einmal, Gott weiß warum, im Gefängnis gesessen hat und eben erst entlassen worden ist. Ihn allein hättest du nie in deinen Estrich gelassen, das ist selbstverständlich. Er ist auch viel frecher als der erste, das macht vielleicht das Gefängnis, und ganz geheuer ist es dir nicht, zumal er, wie er ganz offen gesteht, wegen Brandstiftung gesessen hat. Aber gerade diese Offenheit, diese unverblümte, gibt dir das Vertrauen, das du gerne haben möchtest, um Ruhe und Frieden zu haben; am Abend, da du trotz ehrlichem Gähnen nicht schlafen kannst, liest du wieder einmal das Apostelspiel von Max Mell, jene Legende, die uns die Kraft des rechten Glaubens zeigt, ein Stück schöner Poesie; mit einer Befriedigung, die das Schlafpulver fast überflüssig macht, schläfst du ein ... Und am andern Morgen, siehe da, steht das Haus noch immer! - Deine Bekannten greifen sich an den Kopf, können dich nicht verstehen, fragen jedesmal, was die beiden Gesellen in deinem Estrich machen, und liegen dir auf den Nerven, so dass du immer seltener an den Stammtisch gehst; sie wollen dich einfach beunruhigen. Und ein wenig, unter uns gesagt, ist es ihnen auch gelungen; jedenfalls hast du den beiden Gesellen etwas aufgelauert und nicht ohne Erfolg; allein die Tatsache, dass sie kleine Fässlein auf deinen Estrich tragen, kann deinen Menschenglauben nicht erschüttern, zumal sie es in aller Offenheit machen und auf deine scherzhafte Frage, was sie denn mit diesen Fässlein wollten, sagen sie ganz natürlich, sie hätten Durst. In der Tat, es ist Sommer, und im Estrich, sagst du dir, muss es sehr heiß sein. Einmal, als du ihnen im Wege gestanden, ist ihnen ein Fässlein von der Leiter gefallen, und es stank plötzlich nach Benzin. Einen Atemzug lang, gib es zu, warst du erschrocken. Ob das Benzin sei? hast du gefragt. Die beiden, ohne ihre Arbeit einzustellen, leugneten es auch in keiner Weise, und auf deine eher scherzhafte Frage, ob sie Benzin trinken, antworteten sie mit einer so unglaublichen Geschichte, dass du, um nicht als Esel dazustehen, wirklich nur lachen konntest. Später jedoch, allein in deiner Wohnung, lauschend auf das Rollen der munteren Fässlein, die nach Benzin stinken, weißt du allen Ernstes nicht mehr, was du denken sollst. Ob sie deine edle Zuversicht wirklich missbrauchen? Eine Weile, dein Feuerzeug in der Hand, die feuerlose Zigarette zwischen den trockenen Lippen, bist du entschlossen, die beiden Gesellen hinauszuwerfen, einfach hinauszuwerfen. Und zwar noch heute! Oder spätestens morgen. Wenn sie nicht von selber gehen. Ganz einfach ist es nämlich nicht, im Gegenteil; wenn sie keine Brandstifter sind, tust du ihnen sehr unrecht, und das Unrecht macht sie zu bösen Menschen. Böse gegen dich. Das willst du nicht. Das auf keinen Fall. Alles. Nur kein schlechtes Gewissen. Und dann ist es immer so schwierig, die Zukunft vorauszusehen; wer keine Tatsachen sehen kann, ohne Schlüsse zu ziehen, und wer sich alles bewusst macht, was er im Grunde weiß, mag sein, dass er manches voraussieht, aber er wird keinen Augenblick Ruhe haben; ganz zu schweigen von den Ahnungen. Die Tatsache, dass sie Benzin in deinen Estrich tragen, was heißt das schon? Der eine, der Freund, hat nur gelacht und gesagt, sie wollen die ganze Stadt anzünden. Das kann ein Scherz sein oder eine Aufschneiderei. Wenn sie es ernst meinten, würden sie es niemals sagen. Dieser Gedanke, je öfter du ihn wiederholst, überzeugt dich vollkommen; das heißt, er beruhigt dich. Und der andere sagte sogar: Wir warten nur auf einen günstigen Wind! Es ist läppisch, sich von solchen Reden einschüchtern zu lassen; zu unwürdig. Einen Augenblick denkst du an Polizei. Aber wie du, um dich nicht durch falschen Alarm lächerlich zu machen, dein Ohr an die Zimmerdecke legst, was keine ganz einfache Veranstaltung gekostet hat, ist es vollkommen still. Du hörst sogar, wie einer schnarcht. Und überhaupt kommt die Polzei nicht in Frage; schon weil du selber strafbar wärest, dass du solche Leute in deinem Hause hast, wochenlang, ohne sie anzumelden.
Aber vor allem sind es natürlich die menschlichen Gründe, die dich von solchen Schritten abhalten. Warum sagst du den beiden Gesellen nicht einfach und offen, du möchtest kein Benzin in deinem Estrich haben? Offenheit ist immer das beste. Und dann, plötzlich, musst du selber lachen, dass dir dieser Einfall jetzt erst kommt: sie werden doch dein Haus nicht anzünden, wenn sie selber im Estrich sind! Immerhin kletterst du, schon im Pyjama, noch einmal auf den Sessel, auf die Kommode und den Schrank. Er schnarcht wirklich. Eine halbe Stunde später ruhest auch du ... Und am andern Morgen, siehe da, steht dein Haus noch immer! –
Die Sonne scheint, der Wind hat gedreht, die Wolken ziehen über die Dächer der Stadt, und gesetzt den Fall, es wären wirklich böse Gesellen, gerade dann ist es nicht einfach, sie einfach hinauszuwerfen; nicht ratsam; denn solange du ihr Freund bist, werden sie wenigstens dich verschonen. Freundschaft ist immer das beste! Und wenn du an diesem Morgen hinaufgehst und sie zum Frühstück bitten willst, so ist das nicht Tücke, nicht Berechnung, sondern eines jener herzlichen Bedürfnisse, die man plötzlich hat und die man, wie du mit Recht sagst, nicht immer unterdrücken soll. Die Leiter zum Estrich ist bereits gezogen, die Türe offen, du musst nicht einmal klopfen. Der Estrich, den du aus Rücksicht schon lange nicht mehr besucht hast, ist voll von kleinen Fässlein, und der eine, der Freund, der aus dem Gefängnis, steht eben an der Dachluke, hält den nassen Finger hinaus, um die Windrichtung festzustellen; der andere ist leider schon ausgegangen, komme aber wieder.
Mit deinem Frühstück ist es also nichts. Er komme aber bestimmt im Laufe des Tages, sobald er, wie der Freund in seiner immer etwas scherzhaften Art sagt, die erforderliche Holzwolle beisammen habe. Holzwolle? Es fehlte nur noch, dass er von einer Zündschnur redete. Einen Augenblick bist du wieder etwas verwirrt, etwas betreten, was du allerdings nicht zeigen willst. Im Grunde, das weißt du, kann kein Mensch so frech sein, wie dieser sich den Anschein gibt, nur weil er meint, du fürchtest ihn.
Ein für allemal entschlossen, dich nicht zu fürchten, entschlossen, deine Ruhe und deinen Frieden zu erhalten, tust du, als hättest du nichts gehört, und im übrigen, was das Frühstück betrifft, kann das ja auch ein andermal sein. Deine freundschaftliche Geste ist schon als solche nicht wertlos. Vielleicht zum Abendbrot. Mit Vergnügen, sagt der Kauz, sofern sie Zeit hätten und nicht arbeiten müssten; das hänge vom Wind ab. Er ist wirklich ein Kauz. Und natürlich bist du nun nicht wenig neugierig, ob sie tatsächlich zum Abendessen kommen, ob sie deine Freundschaft überhaupt wollen. Vielleicht hättest du deine Freundschaft schon früher bekunden sollen. Aber lieber jetzt, sagst du, als zu spät! Mit Recht vermeidest du ein allzu besonderes, ein auffälliges Abendessen; immerhin holst du einen Wein aus dem Keller, um ihn für alle Fälle kühl zu stellen. Leider kann man am Abend, als sie gegen neun Uhr endlich kommen, nicht mehr auf der Terrasse sitzen; es ist zu windig.
Ob er Holzwolle gefunden habe? fragst du, um dem Gespräch bald eine persönliche Note zu geben. Holzwolle? sagt er und schaut den Freund an, wie man einen Verräter anschaut. Dann, Gott weiß warum, musst du selber lachen, und schließlich lachen sie auch. Holzwolle, nein, Holzwolle habe er nicht gefunden, aber etwas anderes, Putzfäden aus einer Garage. Gefunden: dass das nichts anderes heißt als gestohlen, daran kannst du nicht zweifeln. Überhaupt haben sie sehr eigene Ansichten betreffend Recht und Unrecht.
Nach der ersten Flasche, du hast den Wein nicht umsonst gekühlt, erzählst du, dass du auch schon Unrecht begangen hast. Da sie schweigen, erzählst du mehr und mehr, indem du, ihre Freundschaft ist es dir wert, die zweite Flasche entkorkst. Offensichtlich fühlen sie sich wie zu Hause; der Freund, der Frechere, dreht deinen Rundfunk an, um den Wetterbericht zu hören.
Dann wünschen sie nur noch eines: Streichhölzer. Nichts wäre verfehlter, als wenn du jetzt wieder zusammenzucktest; auf Verdacht ist keine Freundschaft aufzubauen. Wozu Streichhölzer? Es gelingt dir, jedes beleidigende Zittern zu vermeiden und Zigaretten anzubieten, als ginge dir nichts durch den Kopf, und dann, das ist kein schlechter Einfall, bietest du Feuer mit deinem eigenen Feuerzeug, das du nachher wieder in die Tasche steckst. Das Gespräch geht weiter, das heißt, sie hören zu, sehen dich an und trinken Wein. Dein ehrliches Geständnis, wieviel Unrecht du begangen hast, rührt sie nicht mehr, als es die Höflichkeit verlangt; überhaupt wirken sie sehr geistesabwesend.
Eine dritte Flasche, die du schon zwischen den Knien hast, lehnen sie ab. Da du sie trotzdem öffnest, wirst du sie allein trinken müssen. Nur beim Abschied, als du gewisse Hoffnungen ausdrückst, dass die Menschen einander näher kommen und einander helfen, bitten sie dich nochmals um Streichhölzer. Ohne Zigaretten. Du sagst dir mit Recht, dass ein Brandstifter, ein wirklicher, besser ausgerüstet wäre, und gibst auch das, ein Heftlein mit gelben Streichhölzern, und am andern Morgen, siehe da, bist du verkohlt und kannst dich nicht einmal über deine Geschichte wundern.
(Max Frisch [1911-1991]: Biedermann und die Brandstifter. Eine Burleske. In: "Tagebuch 1946-1949")

Anmerkung: Ich spare mir an dieser Stelle jeden Interpretationsansatz dieses von Frisch mehrfach verarbeiteten Stoffs (ein Hörspiel und ein Drama folgten dieser ersten Prosaversion später), da ich finde, dass der Text für sich selber spricht. Für Interessierte gibt es aber im Netz einige verfügbare Beispiele - in einer gut sortierten Bibliothek allerdings noch wesentlich mehr.
Die Gesellschaft ist nicht ausreichend sensibilisiert, was die Diskriminierung von Sinti und Roma angeht. Das zeigt Hans-Peter Friedrichs Versuch, Roma im Eilverfahren aus dem zu Land jagen. Anmerkungen zum Holocaust-Gedenktag. (...)
[Die negativen Stereotype über den Juden oder den "Zigeuner"] sind der Schatten von jenen Eigenschaften, die die Mehrheit an sich selbst nicht wahrhaben möchte. Für Hitler verkörperten Sinti und Roma ein "Gegenbild zur Herrenrasse". Die Vorurteile haben überlebt – auch wenn sie heute subtiler in Erscheinung treten. Im Gegensatz zum Bürgerlichen stehen "Zigeuner" für das Vorzivilisatorische und Wilde, also das Arbeitsscheue und Sittenlose.
(Weiterlesen)
Anmerkung: In die Riege der "alltäglichen Rassisten", die sich quer durch die gesamte neoliberale Einheitspartei zieht, hat sich auf Seiten der "Sozialdemokratie" zu Thilo Sarrazin ein weiterer bemerkenswerter Lokalpolitiker, diesmal aus Bremen, gesellt, der mit erfrischenden Formulierungen wie diesen aufgefallen ist: "Es muss erstaunen, dass eine so hoch entwickelte Stadt wie Bremen ihre Liebe zu Roma und Sinti entdeckt, die, sozial und intellektuell, noch im Mittelalter leben, in einer uralten patriarchalischen Gesellschaft. (...) Es ist ein Patriarchat, dessen Männer keine Hemmungen haben, die Kinder zum Anschaffen statt zur Schule zu schicken, ihren Frauen die Zähne auszuschlagen und sich selber Stahlzähne zu gönnen. Viele der jungen Männer schmelzen sich mit Klebstoffdünsten das Gehirn weg."
Zu solchen Ergüssen, die in rechtsradikalen Kreisen sicherlich mit stehenden Ovationen und hochgereckten rechten Armen gefeiert würden, fällt mir - abgesehen vom Griff zur Kotztüte - nicht mehr viel ein. Ich bin aber davon überzeugt, dass nicht wenige Menschen ganz ähnlich denken willkürliche Vorurteile hegen und pflegen, sich das Aussprechen aber (noch) nicht so recht getrauen. Auch der Innenminister H.P. Friedrich gehört zur illustren Runde dieser selbsternannten "Herrenmenschen": "Mit Eilverfahren an der Grenze will Friedrich die Roma wieder aus dem Land jagen, die zuvor aus erbärmlichen Verhältnissen fliehen mussten", berichtet die Frankfurter Rundschau. Da wächst zusammen, was zusammen in den Abfall gehört - egal ob SPD oder CSU. Inwiefern dieser Antiziganismus heute allerdings "subtiler" sein soll als vor 90 Jahren, wie die FR meint, erschließt sich mir nicht. Oder ist nach der Meinung des Autors alles "subtiler", was nicht direkt zu Konzentrationslagern und Vernichtung führt?
Ich darf an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, dass es derartige negative Stereotype natürlich auch in Bezug auf viele andere menschliche Gruppen gibt - die alltägliche Hetze gegen Muslime, Türken, Schwarze, Erwerbslose und viele andere zeigt das ja deutlich. Es bereitet mir große Sorge, dass es inzwischen fast schon selbstverständlich auch innerhalb der Politik wieder solche Spinner gibt, die ihren rechtsradikalen gedanklichen Unrat ungefiltert in die Welt posaunen. Der Schritt von der verbalen zur "handfesten" Diskriminierung samt aller böser Folgen ist ein verdammt kleiner.
---
"Der Mensch ist ein politisches Geschöpf, das am liebsten zu Klumpen geballt sein Leben verbringt. Jeder Klumpen hasst die andern Klumpen, weil sie die andern sind, und hasst die eignen, weil sie die eignen sind. Den letzteren Hass nennt man Patriotismus."
(Kurt Tucholsky: Der Mensch. In: "Die Weltbühne", Nr. 24 vom 16. Juni 1931)
(TSOL [True Sound of Liberty]: "Nothing For You", aus dem Soundtrack-Album zu dem Film "The Return of the Living Dead", 1985)
I got nothin' for you, well, you can look under my rug
I got no smack for you, you're entranced from that drug
I got no tears for you, I got nothin' to worry about
I got no fear for you no, no, no, my guns it just lay around
Well, my body is achin' inside out and my nose is always cold
Am I still twenty-four or am I starting to grow old? Am I growin' old?
Suicide is just a state of mind, not for me, I've got places to hide
And day to day, nights are wicked, stealin' is my way of life
I got to pay my bills today, where'd I leave my knife
Say no, no, no, no
I've got nothin' for you
I've got nothin' for you
I've got nothin' for you
Anmerkung: Wer die genialen ersten drei Teile dieses Filmwerks (die späteren Teile sind leider nur noch Trash-Kino) noch nicht kennt, sollte sie sich unbedingt anschauen - möglichst in der unzensierten Fassung aus Österreich. Das sind nicht nur Meilensteine des Zombie-Films, sondern auch Garanten für entspannendste Unterhaltung mit vielen derben Sprüchen und Szenen, die allesamt auch zum Kapitalismus passen, der bekannter Maßen ja ähnliche Auswirkungen hat wie eine Zombie-Apokalypse. Ich werde nie den Auftritt des ersten Zombies im ersten Teil vergessen, der mich damals im wahrsten Sinne des Wortes unter den Tisch gebracht hat - wohlgemerkt: vor Lachen.

Vier exzellente Ermittler, die am Finanzplatz Frankfurt die Banken das Fürchten lehrten, werden vom Staat für paranoid erklärt. Jetzt klagen sie gegen das Land Hessen. Gutachten, die Capital exklusiv vorliegen, belegen: Die Diagnose ist nicht haltbar. Report einer staatlich inszenierten Zwangspsychiatrisierung.
(Weiterlesen)
Anmerkung: Diese Horrorgeschichte aus dem Hessen des Widerlings Roland Koch dürfte den meisten bereits bekannt sein - hier ist sie aber in einer prägnanten und wunderbaren Form zusammengefasst, wie ich sie andernorts noch nicht gefunden habe - inklusive der Gegengutachten. Es liegt aus meiner Sicht nahe, dass Kochs völlig überraschende und überhastete Flucht im Jahr 2010 aus allen politischen Ämtern unter anderem mit dieser zum Himmel stinkenden Geschichte zu tun hatte. Dennoch muss sich der Mann keine Sorgen machen: In der Bananenrepublik Deutschland wird kein Politiker, der zugunsten der Superreichen gehandelt hat, jemals bestraft - ganz egal, welche Betrügereien, Lügen oder kriminellen Handlungen da auch stattgefunden haben mögen.
In Deutschland wandern beispielsweise verarmte "Schwarzfahrer" in den Knast, weil sie ihre Strafe nicht bezahlen können, oder auch Menschen, die möglicherweise per Megaphon andere dazu aufgerufen haben, sich gegen Nazis zu stellen - aber in diesem korrupten System werden wir es niemals erleben, dass Lügner und Betrüger wie Koch oder Mappus und viele, viele andere angeklagt oder gar verurteilt werden.
Zudem ist die gängige Praxis der Zwangspsychiatrisierung in Deutschland generell ein Feld, auf dem die pure Willkür herrscht und das sich glänzend dafür eignet, missliebige Personen dauerhaft entfernen zu lassen bzw. mundtot zu machen. Inzwischen ist das sogar - wie immer ohne ein wesentliches mediales Echo - vom Bundestag in ein Gesetz gegossen worden.
Was unterscheidet einen Staat, der Kritiker oder einfach nur Beamte (sic!), die ihren Job ernst nehmen und superreichen Steuerhinterziehern nachspüren, kurzerhand mithilfe von gekauften und gefälschten "psychiatrischen Gutachten" entsorgt, doch gleich von einem Horror- und Unrechtsstaat? Was ist das bloß für ein Gesindel, das sich in dieser politischen Klasse herumtreibt! Solchen Figuren würde niemand, der bei halbwegs wachem Verstand ist, einen gebrauchten Wasserkocher abkaufen - und dennoch sitzen sie in höchsten Ämtern und "Würden" direkt an den Schalthebeln der Macht. Und wenn das Pflaster doch einmal zu heiß wird wie im Falle Kochs, wechselt man eben schnell auf die Seite der zuvor begünstigten Konzerne, die für solche Gesellen stets eine offene Tür und ein lukratives Pöstchen haben. So funktioniert das perfide Spiel der politischen Korruption schon seit weit über hundert Jahren. Und nichts, wirklich gar nichts deutet darauf hin, dass sich das in absehbarer Zeit ändern könnte.
---

"Aus der Partei habe ich rausgemusst wegen meiner dicken Taschen, und zu meiner Haustür komm ich nicht mehr rein."
(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 49 vom 02.03.1925)
Du bekommst einen Brief, der dich maßlos erbittert? Beantworte ihn sofort. In der ersten Wut. Und das lass drei Tage liegen. Und dann schreib deine Antwort noch mal.
(Peter Panter alias Kurt Tucholsky [1890-1935]: Schnipsel, in: "Die Weltbühne", Nr. 21 vom 24.05.1932)

Die bayrische Arbeits- und Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) fordert härtere Sanktionen bei Hartz IV. / Nach ihrer Ansicht gebe es bei Hartz IV noch "zu wenig Leidensdruck" für die betroffenen Menschen. (...)
Haderthauer verlangt nun von der Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), den Katalog von Strafen deutlich zu erweitern. Zudem müssten die derzeitigen Arbeitsmarktinstrumente erweitert werden, um "Langzeitarbeitslose zurück in die Arbeit" zu bringen. Neben der Jobsuche sollen Jobcenter-Mitarbeiter auch eine Art "Lebenskompetenz" beibringen, wie beispielsweise den "Umgang mit Haushaltsgeld".
(Weiterlesen)
Anmerkung: Allmählich fällt mir zu den immer absurder und menschenfeindlicher werdenden Attacken gegen Hartz-Terror-Opfer - momentan meistens aus der Union oder FDP - nichts mehr ein. Sobald der Wahlk(r)ampf vorüber ist, werden wir derlei Misstöne natürlich auch wieder von der SPD und den Grünen zu hören bekommen - selbstverständlich ist keine dieser neoliberalen Blockparteien daran interessiert, dem immer größer werdenden Heer der Zwangsverarmten tatsächlich zu helfen. Ganz im Gegenteil - die Zwangsverarmung, Schikanierung und Drangsalierung weiter Bevölkerungsteile ist ja ein Teil des neoliberalen "Konzepts" zur Mästung der Superreichen. Die asoziale "Sozialministerin" aus dem schwarz-braunen Süden benutzt ja sogar das entlarvende Wort "Leidensdruck" - die Bande versteckt sich nicht einmal mehr hinter irgendwelchen verschleiernden Fassaden, sondern sagt frank und frei, was christlich-unionistische Sache ist: Wer seinen Job verliert, hat gefälligst zu leiden - und zwar so stark, dass er oder sie jeden auch noch so üblen Drecksjob freudig jauchzend annimmt, um eben diesem Leiden schnellstmöglich wieder entfliehen zu können. Und auch wenn Familienangehörige, Kinder, Kranke, Alte, Behinderte dabei mitleiden müssen, ist das trotzdem eine richtig gute Sache aus neoliberaler Sicht.
Ich mag mir gar nicht in allen Farben ausmalen, welch ein widerwärtiges Menschenbild hinter einer solchen Denkweise steckt - mit "christlich" oder "sozial" hat es aber in jedem Falle genauso viel zu tun wie eine stinkende Senkgrube. Dazu gehört auch die allzu zynische Bemerkung bezüglich des "Umgangs mit Haushaltsgeld" - nach dem Motto: "Wir geben dir viel zu wenig Geld zum Überleben und zeigen dir dann, wie du das am besten rationieren kannst, damit du vielleicht doch nicht verhungerst, während wir selber zunehmend in Saus und Braus leben". Allein dafür könnte ich diese Frau und ihre SpießgesellInnen - mit Verlaub - stundenlang immer wieder ohrfeigen.
Wohin mag das führen? Während rezessionsbedingt weiterhin stetig tausende Arbeitsstellen vernichtet werden, wird die Bande den Druck auf die so in den Hartz-Terror gezwängten Menschen immer weiter erhöhen: Man muss kein Pessimist sein, um hier das gewaltige Potenzial für einen neuen Faschismus zu erkennen. Die Saat ist gesät, sie wird fleißig gedüngt und gegossen, und sie beginnt zu keimen ...
So züchtet sich diese Verbrecherbande, die ich nur noch unter Prusten und debilem Sabbern als "Volksvertreter" bezeichnen kann, gemeinsam mit der schmierigen "Elite" wie vor 90 Jahren genau die menschenfeindliche Bevölkerung heran, die ihrem eigenen perversen Menschenbild entspricht.
---
Sparmaßnahmen

"Wir müssen unsere Lebenshaltung jetzt auf eine schmalere Basis stellen!"
(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 41 vom 07.01.1924)
Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos redete die Kanzlerin endlich einmal Klartext und stellte die Grundzüge ihrer Agenda für Europa vor. Die Kanzlerin hat nichts, aber auch gar nichts verstanden und will nun die Gunst der Stunde nutzen, um Europa bereits in diesem Jahr von Grund auf umzukrempeln. Durch die Blume gab sie dabei auch zu, dass ihr die Eurokrise keineswegs ungelegen kommt, um ganz Europa einer neoliberalen Agenda zu unterwerfen. Wer sich die Mühe macht, Merkels Rede durchzulesen, kommt selbst als abgeklärter Kritiker neoliberaler Politik aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Versuch einer Analyse.
(Weiterlesen)
Anmerkung: Dieser Text von Jens Berger beschreibt recht gut, was Merkel und ihre neoliberale Zerstörerbande mit Europa vorhaben - dem habe ich nicht viel hinzuzufügen. Ich muss dem Autor aber dennoch in einem Punkt widersprechen: Merkel hat sehr wohl verstanden; sie setzt ihre finsteren Pläne ja nicht zufällig oder versehentlich in die Tat um, sondern mit voller Absicht und mit dem Wissen um die furchtbaren Folgen für die Mehrheit der Menschen in Europa. Dass sie dabei einen fast uneingeschränkten, kritiklosen Rückhalt in den Massenmedien genießt, so dass sie mit keinerlei Gegenwind rechnen muss, ist keine Neuigkeit, mir aber nach wie vor unbegreiflich.
Wenn man sich vor Augen hält, dass diese Bande trotz der katastrophalen Zustände in Griechenland, Spanien und Portugal auch weiterhin ihrem zerstörerischen Kurs treu bleibt und die Dosis der Zerstörungen sogar weiter erhöhen und auf ganz Europa ausdehnen will, bleibt als Erklärung nur die schnöde Tatsache übrig, dass sie es mit voller Absicht und eiskalter Berechnung tut. Man muss es in einem "Wahljahr" deutlich sagen: Wer CDU, FDP, SPD oder Grüne wählt, der wählt die Zwangsverarmung weiter Bevölkerungsteile - und es ist albernes, infantiles Wunschdenken, darauf zu bauen, dass man selber mittel- bis langfristig davon verschont bliebe. Das wird aller Voraussicht nach die Mehrheit der Deutschen nicht davon abhalten, dennoch einmal mehr ihre eigenen Schlächter zu wählen.
In einem Land, in dem nach dem Rücktritt einer Ministerin die Kanzlerin höchstselbst ganz allein wie eine Monarchin darüber befindet, wer der Nachfolger oder die Nachfolgerin wird, während die Bevölkerungsmehrheit sich trotzdem weiterhin in einem "freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat" wähnt, in dem "alle Macht vom Volke ausgeht", darf man sich aber ohnehin über nichts mehr wundern. Und wenn Merkel im Herbst wider Erwarten doch abdanken muss, wird es die nächste neoliberale Hoheit gewiss nicht anders handhaben.
"Herzlich willkommen in der Sklaverei", hieß es im Kapitalismus ja schon immer. Der neue Gruß wird für die große Mehrheit der Menschen in Europa aber schon bald lauten: "Herzlich willkommen in der Sklaverei und in der bitteren süßen Armut!"
---
Der deutsche [europäische] Mittelstand

(Radierung von Kurt Meyer-Eberhardt [1895-1977], in "Simplicissimus", Heft 39 vom 27.12.1922)
(The Eric Burdon Band: "Don't Let Me Be Misunderstood", aus dem Album "Sun Secrets", 1974)
Baby, do you understand me now?
If sometimes you see that I get mad
Don't you know no-one alive can always be an angel
Everything's go wrong, you seem so bad
I'm just a soul whose intentions are good
Oh Lord, please don't let me be misunderstood
Baby, sometimes I get so carefree
With a joy that it's hard to hide
Then again it seems like, well, all I have to do is worry
You turn me round and see my other side
I'm just a soul whose intentions are good
Oh Lord, please don't let me be misunderstood
If I get edgy, I want you to know
That I never mean to take it out on only you
Life has its problems, I've got more than my share
And there's one thing I never mean to do
Because I love you ... don't you know.
I have never thoughts about any other one
Sometimes I find myself alone regretting
Some foolish thing, some simple thing I've done
I'm just a soul whose intentions are good
Oh Lord, please don't let me be misunderstood
If I get edgy, I just want you to know
That I never mean to take it out on only you
Life has its problems, I've got more than my share
And there's one thing I never mean to do
Because I love you ... don't you know.
I have never thoughts about any other one
Sometimes I find myself alone regretting
Some foolish thing, some simple thing I've done
I'm just a soul whose intentions are good
Oh Lord, please don't let me be misunderstood
[...]
I'm just a soul whose intentions are good
Oh Lord, please don't let me be misunderstood ...

Anmerkung: Diese wunderbar lange Version des altbekannten Bluessongs ist für mich persönlich die beste, die ich kenne - die Schlagzeugarbeit ist anbetungswürdig und das elendig lange, quälende Gitarrensolo, das sich am Ende fast unentwirrbar mit dem Geschrei des Ausnahmesängers Burdon mischt, geht tief ins Knochenmark, wenn man sich darauf einlässt. Aus der nebeligen Erinnerung heraus weiß ich, dass dieser Song mit alkoholischen oder pflanzlichen Stoffen im Blut bei brüllender Lautstärke noch intensiver wirkt, aber auch ganz ohne geistige Vernebelungen bleibt er für mich ein Glanzlicht der Rockgeschichte. Viel Spaß und ein schönes Wochenende! :-)
(...) Das "Dschungelcamp" ist deshalb so erfolgreich, weil es bestimmte Bedürfnisse bei einem immer breiter werdenden Publikum befriedigt, die zuvor in solch einer Intensität nicht präsent waren. Es ist gewissermaßen ein Produkt der "Mitte", in der sich immer stärker die Wünsche regen, andere Menschen erniedrigt, gequält, unterworfen und ausgebeutet zu sehen. Der Erfolg des Dschungelcamps verweist somit auf ein sich immer stärker aufstauendes autoritäres Potenzial in der Bevölkerung. (...)
Dabei stellt dieses Fernsehformat keine vollständige Innovation dar. Die historischen Vorläufer der heutigen Demütigungs-Shows finden sich in den 20er und 30er Jahren, als sogenannte "Tanzmarathons" in Mode kamen, bei denen die Teilnehmer mitunter wochenlang bis zur totalen Erschöpfung um ein Preisgeld gegeneinander tanzen mussten. Und es sind gerade solche Manifestationen kaum gezügelten Sadismus, die einen zuverlässigen Indikator für die Zunahme autoritärer und reaktionärer Einstellungen in der Gesellschaft, wie etwa der späten Weimarer Republik, liefern.
Angefacht von der Weltwirtschaftskrise der frühen 30er Jahre, machten sich in der Weimarer Zeit lange vor der Machtergreifung [sic!] der Nazis autoritäre und reaktionäre Anschauungen breit, die oftmals gänzlich "unpolitisch" wirkten, aber beim genaueren Hinsehen einen Ausblick in den Abgrund erlaubten, auf den das Land zusteuerte. Der Faschismus kam somit nicht aus heiterem Himmel über Deutschland. Eine scharfsinnige und immer noch beeindruckende Auseinandersetzung mit dem deutschen Präfaschismus, der genau dieses Kunststück gelang, ist die 1932 von Ernst Bloch verfasste, 1935 in Zürich publizierte Schrift "Erbschaft dieser Zeit", in der an ein Tabu der damaligen linken Faschismusdebatte gerührt wurde: Der Verfasser benennt nicht nur die Finanziers und Unterstützer der NSDAP in Kapitalkreisen, Militär und Staatsapparat, er legt auch die autoritären Dispositionen bei großen Teilen der Bevölkerung offen, die in der Linken immer noch allzu oft als einfaches "Volk" idealisiert wird. (...)
Da dem autoritären Charakter ein Aufbegehren gegen die Verhältnisse, die ihn in den Irrsinn treiben, unmöglich scheint, bricht sich die so angestaute Wut gegen Schwächere Bahn. Menschen, die von der kriselnden Kapitalverwertung zu Objekten gemacht und ausgepresst werden, ergötzen sich daran, andere zu Objekten degradiert zu sehen. Der angestaute Druck muss weitergeleitet werden, weswegen das Publikum es liebe, "arme Hunde so zu hetzen, wie es die Reichen mit einem selber tun" (Bloch).
(Weiterlesen)
Anmerkung: Diesen Beitrag von Thomasz Konicz möchte ich zur allgemeinen Pflichtlektüre erheben - es ist sehr erhellend, den peinlichen Medienzirkus unserer Zeit einmal in einen etwas größeren Kontext eingeordnet zu sehen - auch wenn kleine Ausfälle wie die "Machtergreifung der Nazis" vorkommen. Ich muss zugeben, dass ich im Vorfeld weder das "Dschungelcamp", noch eine jener albernen Casting-Shows kannte - nach der Lektüre dieses Textes habe ich mir aber einige im Netz verfügbare Ausschnitte daraus angesehen. Mein Entsetzen war ... erheblich.
Auch dem Fazit des Autors kann ich mich nur warnend anschließen: "Der heutige Faschist bezeichnet sich nicht selten als moderner Demokrat, der unbequeme Wahrheiten mutig ausspreche. Aus reinen Kostenerwägungen heraus wolle er gegen 'Kostenfaktoren' der deutschen Leistungsgemeinschaft vorgehen, die erst wieder am Stammtisch als 'Schmarotzer' und 'Parasiten' bezeichnet werden (Die extremistische Gesellschaft)." In diesem Zusammenhang habe ich auch hier im Blog schon mehrfach über aktuelle Studien zur von Heitmeyer so bezeichneten "verrohenden Mitte" und andere Arbeiten berichtet, die Anlass zu großer Sorge geben. Der hier verlinkte Text von Konicz reiht sich nahtlos in diese Abfolge von berichteten Scheußlichkeiten ein.
Wir sollten dieses Mal die Warnungen ernst nehmen. Ernst Bloch schrieb in dem erwähnten Werk "Erbschaft dieser Zeit" (1932/1935): "Hier wird breit gesehen. Die Zeit fault und kreißt zugleich. Der Zustand ist elend oder niederträchtig, der Weg heraus krumm. Kein Zweifel aber, sein Ende wird nicht bürgerlich sein."

Es gibt keinen Weihnachtsmann.
Es gibt keinen Osterhasen.
Es gibt keinen Gott.
Der Klapperstorch bringt auch keine Kinder
und Maria hat gefickt,
sonst wäre sie nicht dick geworden.
Jesus Christus ist nicht auferstanden von den Toten
und all euer christliches Zeugnis ist eitel.
Gott ist nur eine Maske, die der Teufel trägt.
Den Teufel aber gibt es wirklich,
denn der Teufel, der bist Du!
Der Teufel,
das ist die Erbschaft des Neandertalers
in uns allen.
Der liebte seinen Nächsten
in guter Butter gebraten zum Frühstück.
Religion ist Reklame für den Tod,
Religion ist die raffinierteste Mordmethode,
mit der Menschen sich gegenseitig umbringen.
Die Jäger reden ihr Jägerlatein,
die Seeleute spinnen ihr Seemannsgarn,
und die Pfaffen predigen ihren Glauben.
Dass es keinen Gott gibt, wird schon dadurch bewiesen,
dass nicht jeder Pfaffe vom Blitz erschlagen ist.
"Pastor" heißt "Hirte".
Jeder Hirte hat zwei Gründe,
gut für seine Schäfchen zu sorgen:
erstens, er will sie scheren,
zweitens, er will sie fressen.
(Theodor Lessing [1872-1933], in: Gerd Haffmans (Hg.): Kleiner Atheismus-Katechismus, 1993; ursprüngliche Quelle und Entstehungszeit nicht genannt)

(Bild: Uni Oldenburg)
Acht Jahre ohne Strom / Manche Hartz-IV-Empfänger zahlen fast die Hälfte ihres Regelsatzes für Strom. Und wenn die Kosten steigen, muss anderswo gekürzt werden, notfalls beim Essen. In Kiel helfen Energieberater armen Haushalten beim Stromsparen.
(Weiterlesen)
Anmerkung: Die in diesem taz-Artikel berichteten Fälle und Fakten sind in der Tat bestürzend - allerdings ist es dennoch ein Text, über den ich mich aufregen muss, da er nur so starrt vor lauter Klischees, ungenauen Informationen und unkommentierten Idiotien. Einige Beispiele will ich dafür anführen:
1. "Vor allem die Energiewende treibt den Strompreis", behauptet die Autorin kurz und knapp im Text und folgt damit der Propaganda der Energiekonzerne. Es ist inzwischen ja vielfach belegt, dass die kräftigen Energiepreiserhöhungen - neben den üppigen Profiten für die Konzerne - ganz andere Ursachen haben. So schreibt der BUND beispielsweise: "Nicht die Energiewende, sondern die vielen Ausnahmen zugunsten der Industrie und zu Lasten der Verbraucher treiben den Strompreis in die Höhe." Es ist rätselhaft, wieso die Autorin die Konzern-Mär in ihren Text eingebaut hat.
2. Es wird auch in diesem Text wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass es vollkommen "normal" und offenbar nicht in Frage zu stellen sei, dass in einem reichen Industrieland wie Deutschland, in dem Strom eine zentrale, nicht wegzudenkende Rolle im alltäglichen Leben spielt, einem Menschen der Strom abgestellt wird, wenn er - aus welchen Gründen auch immer - nicht zahlen kann. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob in dem betreffenden Haushalt Kinder, Alte, Kranke oder Behinderte leben. Diese Selbstverständlichkeit macht mich immer wieder fassungslos - und das betrifft nicht nur den Strom, sondern auch alle anderen "privatisierten" Güter und Dinge der Daseinsfürsorge wie beispielsweise die Krankenversicherung, die Wohnung oder zukünftig auch das Wasser. Ich schäme mich für ein Land, in dem Menschen der Strom oder künftig vielleicht das Wasser abgestellt wird, sie aus der Wohnung geworfen werden und ihnen ein Arztbesuch verweigert wird, weil sie - staatlich gewollt - verarmt worden sind. In der taz klingt das so, als sei diese Praxis nicht zu hinterfragen und im Grunde auch gar nicht so schlimm.
3. Die Aktion mit den "Energieberatern" für Arme ist ein bodenloser, stupider Witz - ich kann nicht nachvollziehen, weshalb diese Zeitung das zu einem ernsthaften, nicht kritisch betrachteten Thema macht. Als ob arme Haushalte irgendeine bedeutsame Rolle in Sachen Energieverschwendung spielten - das ist an Lächerlichkeit kaum zu überbieten! Wenn die Städte beispielsweise auf die Prunkbeleuchtungen der Innenstädte zur perversen Konsumweihnachtszeit verzichten würden, könnten sie unzählige arme Haushalte das ganze Jahr über mit Strom versorgen und hätten vermutlich noch ein Plus in der Bilanz. Aber statt dessen raten sie Hartz-Terror-Opfern allen Ernstes, Bücher in den Kühlschrank zu legen, damit dieser etwas weniger Strom verbraucht ... da zucken meine Augenlider wie bei einem Psychopathen auf Serienmördertour. Irgendein kritischer Kommentar zu diesem hochnotpeinlichen Unsinn findet sich in der taz nirgends.
4. Als "Energieberater" werden sebstverständlich keine Fachleute zu den Menschen geschickt, sondern wiederum Hartz-Terror-Opfer - Verarmte "beraten" sich selbst. Das allein wirft schon eine Menge Fragen auf, die allesamt im Text nicht gestellt werden. Zusätzlich vernebelt die Autorin das Bild weiter, indem sie feststellt: "Insgesamt gibt es dort sieben Sparberater, alle Langzeitarbeitslose. Für ihren Einsatz bekommen sie etwa 550 Euro Zuschuss zum Hartz-IV-Satz, finanziert als Bürgerarbeit von EU und Bund." Was mag damit gemeint sein? Gibt es die 550 Euro pro Monat? Das kann nicht sein, denn dann würde der Verdienst auf den Regelsatz angerechnet und es bliebe nur ein Selbstbehalt von 100 Euro übrig. Ist es also der Jahresverdienst? Dann wäre er allerdings so niedrig, dass es sich nur um wenige Arbeitsstunden pro Monat handeln kann, wenn der "Energieberater" nicht mit sittenwidrigen Hungerlöhnen abgespeist wird. Nichts Genaues weiß man nicht, der Text gibt nicht mehr her.
5. Es wird ein so klischeehaftes, natürlich negatives Menschenbild von "den" Hartz-Terror-Opfern im Artikel gezeichnet, dass man davonlaufen möchte. Da ist der Typ in Jogginghose, der den Termin verpennt hat, genauso vertreten wie die ekelhafte Selbstverständlichkeit, dass in "solchen" Familien selbstredend zuerst bei den Kindern gespart wird, wenn mal Geld fehlt. Diese Passage wird zwar einem der "Energieberater" als wörtliches Zitat in den Mund gelegt, aber auch nicht weiter kommentiert. Da kann sich der geneigte Mittelschichts-Grüne wieder wohlig-schauernd zurücklehnen und das asoziale Pack bemitleiden. Es hat sich offensichtlich in gewissen Kreisen noch immer nicht herumgesprochen, dass inzwischen jeder in Deutschland zum Opfer der Armut werden kann - obwohl sogar im Artikel das Beispiel des Architekten beschrieben wird, der zum Hartz-Terror-Opfer geworden ist. Ich kann mir dieses perverse Menschenbild nicht erklären. Wie kommen diese Leute bloß auf den irrsinnigen Gedanken, dass in armen Familien im Normalfall ausgerechnet zuerst bei den Kindern gespart wird?
6. Zu guter Letzt schießt eine Betroffene selber den Vogel ab: Eine Frau, die aufgrund von Stromschulden von sage und schreibe 150 Euro im Monat leben muss, sagt laut taz: "Doch Annett Marti klagt nicht. 'Ich muss die Ämter loben', sagt sie. 'Es muss ja keiner verhungern in Deutschland.'" - Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es Menschen gibt, die trotz bitterster Armut so einfältig denken und den krassen Widerspruch zum leistungslosen Luxus der "Elite" nicht sehen können - aber von einer Zeitung wie der taz erwarte ich da einen deutlichen Kommentar, der klar Stellung bezieht und diese devote, schmierige Ergebenheit gegenüber einem schikanösen, unfairen, ungerechtfertigten, grundgesetzwidrigen Unrechtssystem deutlich geißelt! Doch darauf wartet man vergeblich - mit diesen devoten, salbungsvollen Worten der fast schon religiösen Verklärung endet der Artikel.
Fazit: Ich kann mich nicht entscheiden, was schlimmer ist: Entweder dieser Text wurde bewusst so manipulativ und propagandistisch verfasst, um Stimmung zu machen, Feindbilder zu schüren und die stetig vorangetriebene "Privatisierung" zu begleiten - oder die Autorin denkt tatsächlich in diesen gruseligen Klischees und menschenfeindlichen Dimensionen. Beides wäre bzw. ist schlicht entsetzlich.
---

"Bei deiner großen Operation hast du eine Platinrippe eingesetzt bekommen. Du wirst wissen, was du jetzt deiner Familie schuldig bist."
(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 4 vom 21.04.1920)