Samstag, 13. April 2013

Panama: Wo deutsche Oligarchen ihre schmutzige Beute waschen


Verschwiegene Steueroase: Vertreter einiger der reichsten deutschen Familien sollen nach SZ-Informationen Firmen in Panama halten. (...)

Mehrere prominente deutscher Unternehmer und Privatleute, darunter etliche mit Vermögen im Milliardenbereich, sind nach Informationen der Süddeutschen Zeitung als Direktoren oder Besitzer in Firmen in der Steueroase Panama verwickelt. Nach einem Bericht in der Mittwochsausgabe der Süddeutschen Zeitung sind darunter auch Vertreter einiger der reichsten deutschen Familien, zum Beispiel der Familien Porsche, Piëch und Quandt, außerdem der Verleger Hubert Burda, die Kaffee-Dynastie Jacobs und die Bankiersfamilie von Finck.

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Anmerkung: Nun wissen wir auch endlich, wieso Herr Schäuble das "Geschäftsmodell" der Steueroasen, das er in Bezug auf Zypern seit Neustem angeblich so verwerflich findet, nachdem er es jahrelang wie eine Monstranz vor sich her getragen hat, nicht generell verurteilt - er träfe mit einer solchen Scheinkritik ja schließlich seine Brötchen- und Auftraggeber. Selbstverständlich wird diese Information - auch wenn sie es tatsächlich bis in die Süddeutsche geschafft hat, keinerlei Konsequenzen haben - weder für die versammelten Gauner, die ihre geraubten Milliarden in dunklen Kanälen zu verstecken suchen, noch für die Politik, die einem solchen üblen Spiel tatenlos oder sogar viele Jahre lang massiv unterstützend zugesehen hat. Die Bande zuckt mit den Achseln, ärgert sich vielleicht kurz darüber, dass das in der Zeitung zu lesen war, und macht einfach weiter wie zuvor.

Genau diese Leute, die mit ihren schmierigen Griffeln auch im Panama-Sumpf herumstochern, sind es, die zusammen mit den übrigen Superreichen dieser Welt allen Menschen auf diesem vom Irrsinn befallenen Planeten von heute auf morgen ein sorgenfreies, von materiellen Nöten unbehelligtes Leben ermöglichen könnten, wenn sie ihren absurden Reichtum bloß auf ein "gesundes" Maß beschneiden würden, das ihnen noch immer ein luxuriöses, fürstliches Leben ohne Arbeit sowie ihr albernes Elitegehabe ermöglichen würde. Derartige Gedanken kommen solchen Menschen aber grundsätzlich nie - die Gier nach weiteren Millionen und Milliarden, egal auf wessen Kosten und zu welchem gesellschaftlichen Preis, lässt jeden rudimentären Ansatz von Intelligenz in solchen Hirnen zur bloßen Makulatur verkommen.

Ich möchte so gern einmal für ein paar Minuten die empathische Fähigkeit besitzen, mich in das Hirn eines solchen Superreichen einloggen zu können, um den Denkstrukturen nachzuforschen, die diesem irrationalen, irrsinnigen Verhalten zugrundeliegen. Anders werde ich mir wohl nie erklären können, wieso diese Leute so handeln, wie sie es tun.

Panama ist selbstredend nur die Spitze des Eisberges, das ist wohl jedem klar - das dunkle Netz der gierigen Bande ist global gespannt, und selbst wenn einzelne "Oasen" wie zuletzt Zypern plötzlich zur Wüstenei werden, droht dem elitären Gesindel kein Unheil. Dafür sorgt es mithilfe seines politischen Personals, das sich zumindest hierzulande noch euphemistisch "demokratisch gewählte Volksvertreter" nennen lässt. Das ist derselbe Irrsinn, der deutsche Politiker und Medien dazu bringt, China oder Nordkorea als "kommunistische" Staaten zu bezeichnen - diese beiden Staaten haben mit wirklichem Kommunismus genauso viel zu tun wie Deutschland mit wirklicher Demokratie. In allen drei Staaten gibt es auf der einen Seite eine kleine "Elite", die in Eselsmilch badet, alle Macht innehat und nach immer mehr Reichtum trachtet, und auf der anderen Seite eine große Mehrheit, die in die Röhre guckt und stetig verarmt (wird). Der große Unterschied: In Deutschland wählt die gegängelte, manipulierte, verdummte Bevölkerung diese Bande, die sie ausnimmt, auch noch. Welches ist also das "perfektere", perversere, "effizientere" System?

Die degenerierten Damen und Herren, die in Panama und anderswo ihr ergaunertes Vermögen verschanzen, wissen die Antwort - die Mehrheit hingegen ist empört, wenn ich Deutschland mit Nordkorea und China vergleiche.

Q.e.d.

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Die Nutznießer


"Janz recht hat er, der amerikanische Koofmich - das Pack soll sparen. Wir Staatserhaltenden kommen ja ooch immer zu kurz!"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 35 vom 28.11.1927)

Donnerstag, 11. April 2013

Song des Tages: Children of War




(Lake: "Children of War", aus dem Album "So What", 1986)

You gotta catch them early
Just before they can talk
Those frightened eyes of sadness
They're still afraid of the dark

They give them guns to play with
--- ("The propaganda machine ...")
But the guns are for real
--- ("... is teaching them their ABC's ...")
Their minds are filled with hatred
--- ("... they take them from their homes ...")
And someone's twisted ideals
--- ("... put them in uniforms ...")
Well, can it be real?
--- ("... and they are prepared for the war!")

Give me your hand - I'll be your friend ...

Türkei: Der inszenierte Grenzzwischenfall


Eine Kurzmeldung in der Zeitschrift "Der Soldat", die als Sprachrohr des österreichischen Verteidigungsministeriums gilt, lässt im wahrsten Sinn des Wortes eine Bombe platzen: NATO-Staaten bzw. die mit ihnen im syrischen Bürgerkrieg verbündeten Kräfte haben offensichtlich selbst jenen mörderischen Feuerüberfall im Oktober 2012 inszeniert, der als Begründung für die Stationierung von deutschen, US-amerikanischen und holländischen Patriot-Raketen in der Türkei an der Grenze zu Syrien diente.

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Anmerkung: Es ist ja nicht so, dass mich das in irgendeiner Weise überrascht - weder die Tatsache der Inszenierung eines "Zwischenfalls" und der willkürlichen Ermordung unbeteiligter Menschen für propagandistische Kriegszwecke, noch das vollkommene Desinteresse des Kuh-Journalismus in Deutschland und anderswo stellt mehr eine Besonderheit in dieser grotesken Welt dar. Und trotzdem brodelt es in mir, wenn ich wieder einmal über eine solche Meldung stolpere, die anhand der offiziellen Quellen auch nicht mit dem üblichen Totschlag-"Argument" "Verschwörungstheorie" abgetan werden kann. Die Bande hat (auch) im Nahen Osten noch so einiges vor, das ist ja schon seit Längerem offensichtlich.

Noch vor einigen Jahrzehnten haben solche Meldungen zumindest noch für gelegentliche Irritationen und politische Dementis gesorgt - heute sind wir schon so weit, dass sie von Presse und Politik einfach komplett ignoriert werden. Angesichts einer solchen Dreistigkeit steigt der Adrenalinspiegel in meinem Blut auf sehr ungesunde Werte und der Zorn nagt hungrig an meinem Pazifismus.

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Der Friede marschiert


"Gentlemen - und wenn es sein muss, dann gegen Mexiko mit Gott für Wallstreet und Petroleum!"

(Zeichnung von Wilhelm Schulz [1865–1952], in "Simplicissimus", Heft 48 vom 28.02.1927)

Dienstag, 9. April 2013

Zitat des Tages: Das Gebäude


Die blaue Sonne war unter den Horizont gesunken, die rote Sonne stieg reich empor. Ein ungeheuer violetter Bogen wölbte sich dazwischen wie ein Dach.

Fontain marschierte unten in der Kolonne. Von allen Seiten kamen sie, flexible graue Rechtecke, die sich gegen einen Punkt nach Westen bewegten: zur Brücke, die die Stadt mit der Insel verband. Polizeiroboter regelten den Verkehr.

Fontain war ein Maurer. Das heißt, er durfte die Steine übereinander schichten, die ihm die Träger aus den Feldern herbeischleppten. Mit einer Kelle schlug er den Plastikmörtel auf die offen liegenden Flächen, dann setzte er den nächsten Stein darauf.

Sie sprachen nicht während der Arbeit. Inspektionsroboter strichen unablässig hinter den Reihen der Schaffenden vorbei. Erst in ihrer Freizeit, in den wenigen Stunden der blauen Nacht, die ihnen vor dem Schlafen blieben, unterhielten sie sich darüber - über das Gebäude, das sie errichteten, wie sie darin leben würden, wenn es erst fertig wäre, wie angenehm sie es dann hätten. Jetzt reichte der Wohnraum gerade, jeder besaß eine Einheitswohnfläche - ihre Arbeit verhieß ihnen Platz im Überfluss.

Das Gebäude erstreckte sich weit nach allen Richtungen; noch keiner hatte die ganze Insel gesehen, und obwohl jeder täglich einen anderen Arbeitsplatz zugewiesen bekam, ahnte keiner, wie auch nur der Grundriss des Gebäudes aussah. Dazu waren ja die Roboter da.

Generationen hatten an dem Gebäude gearbeitet, und nun würde es bald fertig sein. In zehn Jahren - in zwanzig Jahren? Fontain hatte einmal einen Inspektionsroboter gefragt. Das hatte ihm drei Nächte Kältearrest eingebracht.

Er stand auf dem Gerüst und schichtete Stein auf Stein. Er hatte einen weiten Ausblick, doch sah er nur graue Mauern, bald höher, bald niedriger. Überall auf den Gerüsten waren Arbeiter am Werk. Und unten eilten die Träger mit ihren großen Körben hin und her.

Seit er sich erinnern konnte, war er täglich hier gewesen. Nie hatte er viel darüber nachgedacht. Aber jetzt, als er sich insgeheim umdrehte und über die endlosen Mauern blickte, kam ihm das Gebäude plötzlich wie etwas Übles vor, und einen Moment schoss ihm ein frevlerischer Gedanke durch den Kopf: Diese Fundamente einreißen, diese Mauern der Erde gleichmachen - und ein sorgloses Leben in der alten Stadt führen! Das ging aber rasch vorüber. Schuldbewusst wandte sich Fontain seinen Steinen zu und arbeitete mit doppeltem Eifer weiter.

+ + +

Das violette Leuchten über der Stadt zeigte den Morgen an - die letzten roten Strahlen verblassten, das Blau des Tages breitete sich aus. Die Einwohner befanden sich auf ihrem Marsch nach Osten - zur Brücke, zur Insel, zur Stätte ihrer Arbeit. Was jenseits der Insel lag, wussten sie nicht. Dafür interessierte sich niemand. Sie hätten auch keine Zeit dafür. Wenn sie abends von der Arbeit heimkamen, waren sie todmüde. Sie nahmen die Speisen aus den Robotküchen zu sich und fielen in ihre Betten.

Hassan war Arbeiter. Das heißt, er meißelte Steine von den Mauern herunter. Das war ein mühsames Geschäft, denn sie waren mit einer glasharten Substanz verklebt. Es war immer noch besser als das der Träger, die das schwere Material tagaus, tagein hinaus auf die Schuttplätze transportieren mussten.

Hassan hatte das angenehme Gefühl, eine wichtige Arbeit zu leisten. Er hätte die Robotpolizei nicht nötig gehabt, die alle Arbeiter ständig kontrollierte. Wo sie ihn auch eingesetzt hatten, er hatte seine Arbeit getan, er hatte sein Soll erfüllt. Er hockte auf seinem Gerüst und schlug mit dem Hammer auf den Meißel los, dass es hell aufklang. In seinem Kopf war ein dumpfes Träumen, ein Hoffen auf schöne Zeiten, in denen der Platz freigelegt sein würde und sie die hydroponischen Gärten anlegen würden. Jetzt reichte die Nahrung genau für die genormten Rationen - später würden sie essen und trinken, ohne Einschränkung, aus dem Überfluss heraus.

Mit einem Aufbäumen seines ganzen Körpers hatte Hassan wieder einen Stein weggebrochen. Der baumelte nun im Auffangnetz. Schon packte ihn ein Träger in seinen Korb.

Hassan strich sich den Schweiß aus der Stirn und sah über seine Mauern hinweg auf die ausgezackten Ränder der anderen, an denen seine Kameraden tätig waren. Wie hoch war das Gebäude einst gewesen? Ein Impuls zuckte durch sein Hirn, eine absurde Idee, eine Vision, aber erschreckend deutlich:

Diese Mauern weiterbauen, immer höher, zu einem riesenhaften, mächtigen, alles beherrschenden Bauwerk vereinigen, von dessen Zinnen man die ganze Insel überblicken könnte! Doch schon wurde ihm das Unsinnige dieses Einfalls klar, und Hassan setzte wieder den Meißel an, noch ein wenig verwirrt, aber ohne Zögern - mit der Sicherheit dessen, für den andere denken.

(Herbert W. Franke [*1927]: "Das Gebäude". In: "Der grüne Komet". Kurzprosa, 1960)


Anmerkung: Eine prägnantere Beschreibung unserer pervertierten (Arbeits-)Welt habe ich selten gelesen. Das literarische Werk Frankes, das zum größten Teil inzwischen im Suhrkamp-Verlag neu erschienen ist, verdient eine weitaus höhere Aufmerksamkeit als ihm bislang zuteil geworden ist. Das - in literaturwissenschaftlichen Kreisen allzu oft fälschlicher Weise als Schmähung verstandene - Etikett der "fantastischen" oder "Science Fiction"-Literatur hat vielen grandiosen literarischen Werken den unverdienten Abstieg in die Vergessenheit beschert, obwohl sie eigentlich in einem Zuge mit den Werken anderer AutorInnen zu nennen wären, die gemeinhin als "literarisch wertvoll" gelten.

Dieser Text ist ein eindrucksvoller Beleg dafür. Behalten wir stets im Hinterkopf: "Science Fiction [in ihrer nicht rein auf kommerzielle Interessen ausgerichteten Form, Anm.d.Kap.] entwirft keineswegs Zukunft, sondern Alternative; sie springt in die andere Wirklichkeit und meint nicht die Zukunft, sondern die Gegenwart." (Dieter Wuckel: Science Fiction. Eine illustrierte Literaturgeschichte, 1986)

Montag, 8. April 2013

Die Gaga-Politik der Großen Koalition - und die Gaga-Lösungen der Kapitalismusromantiker


[Wahlkampfredenklamauk der Heinis und Trullas von SPD/CDU/FDP/Grünen]

Der Wähler sollte sich allerdings durch diese absurden Scharmützel nicht in die Irre führen lassen. Ihm muss klar sein, dass Union, FDP, SPD und Grüne trotz des öffentlich vorgetragenen Theaters in den wichtigen Fragen natürlich einer Meinung sind. Dazu gehört auch, das absurde deutsche Wirtschaftsmodell weiter zu verteidigen.

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Anmerkung: Eine schöne und knappe Zusammenfassung des lächerlichen Wahlkampftheaters der NED. Einzig die Schlussfolgerung des Kollegen Tautenhahn scheint mir persönlich nicht minder "gaga" zu sein - auch dieser Mensch hängt offenbar dem irrsinnigen Wahnglauben an, das System des Kapitalismus ließe sich durch eine entsprechende Politik in "soziale" oder gar "Wohlstand für alle" verheißende Bahnen umlenken bzw. "regulieren". Auch er kann oder will Ursachen und Symptome nicht korrekt voneinander unterscheiden, wenn er beispielsweise schreibt: "Wenn die Kanzlerin daran tatsächlich etwas ändern wollte, müsste sie eine Politik verfolgen, die den Abbau der Ungleichgewichte zum Ziel hat." - als ob jene zweifelsfrei vorhandenen Ungleichgewichte (siehe Grafik im Artikel) eine der Ursachen für die stattfindende Katastrophe sei und nicht nur eines der Symptome. Eine Symptombekämpfung ist jedoch - nicht nur im Kapitalismus - stets von vorn herein zum Scheitern verurteilt, weil eben die Ursachen nicht angetastet werden und der Windmühlenkampf selbst bei einem temporären Erfolg lediglich neue, meist noch verheerendere Symptome zur Folge hat.

Es ist frappierend und erschreckend, wieviele Menschen mit wachem Verstand trotz aller Offensichtlichkeiten aus ihrem altkapitalistischen Rahmendenken einfach nicht herausfinden. Das stelle ich immer wieder ernüchtert fest, wenn ich in kritischen Blogs wie beispielsweise den Nachdenkseiten lese - die Mainstreamjournaille erwähne ich in diesem Zusammenhang besser gar nicht erst. An dem verlinkten Beispiel ist es mir besonders aufgefallen, weil der Autor mit starken Worten nicht spart ("Gaga-Politik"), die Symptome klar erkennt - und dennoch nur eine idiotische Vision von der "Jugendzeit des Kapitalismus", als dieser noch "gebändigt" erschien, obwohl er es für Millionen von Menschen auch damals nicht im Entferntesten war, anbietet.

Auch nach über 200 Jahren des ständigen Scheiterns, der permanenten Kriege und Massenmorde, der andauernden und ausufernden Ausbeutung, der massivsten und zunehmenden weltweiten Not und Armut, eines sich immer stärker in einem kleinen elitären Kreis konzentrierenden Superreichtums, der stetig schlimmer werdenden ökologischen Katastrophen (diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen) steht am Ende der geistigen Auseinandersetzung mit dem Irrsinn der heutigen Wirtschaft und Politik bei so vielen Menschen wieder nur in leicht abgewandelter Form der üble Kapitalismus. Es ist zum Verzweifeln und gleicht einem Mediziner, der die eindeutige Ursache für eine leicht vermeidbare tödliche Krankheit klar vor Augen hat und diese Ursache dennoch - in leicht abgeschwächter Form - als einzige Medizin empfiehlt.

Es gibt keinen "guten Kapitalismus" - Kapitalismus enteignet, verarmt, beutet aus, zerstört und tötet - und er mästet eine winzige, abgehobene "Elite". Immer. Wenn er das nicht (mehr) tut, funktioniert er nicht und kollabiert zwangsläufig - mit den allzu bekannten katastrophalen Folgen.

Ist es vielleicht doch so, dass die meisten Menschen - einschließlich vieler kritischer Geister - sich selbst am nächsten stehen und ein trügerisches Idyll in heimischen Gefilden, in dem es scheinbar allen oder den meisten oder vielen oder zumindest ihnen selbst gut geht, als "positiv" und "richtig" zu akzeptieren bereit sind, auch wenn dafür beispielsweise auf der anderen Seite des Planeten Millionen von Menschen in bitterster Not vor sich hin vegetieren und sterben müssen? Dieser böse Eindruck wird immer deutlicher für mich, und ich hoffe inständig, dass er trotzdem falsch ist.

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"Unterm Strich zähl' ich!"


(Bild: Charlie; freie Abwandlung der Titelseite der Zeitschrift "Focus Money" vom Februar 2013, Text nicht verändert)

Samstag, 6. April 2013

Song des Tages: Angels Crossing




(Passionworks: "Angels Crossing", aus dem Album "Blue Play", 2007)

Knowing it isn't safe but I can't walk
I'm just waiting for me
I'm watching but I can't see this world and life
how it's lived
My inmost feelings fusing in me
and without a shell they're running out somewhere
making my soul bare

Don't watch, don't speak, I'm learning to live
I see I'm incomplete
Like a newborn I'm preening, my feathers still wet
outside it feels so frightening
And in my ear a cruising breeze
it sounds unsafe maybe it takes me there
blowing me over

(When) I am here and you are near
on the darkest road along this stream
I have to go this time
I know you were the angel crossing

Here without my shelter I'm nothing at all
but still I'm trying to take it
I'm watching as the others go on living their lives
I wonder how they make it
And if it rains I know I will break
And if someone says a word I can't take
I will fall into pieces

When I am near and you are here
Through the darkest I borrow you near
And after all the time has gone
We were the angels crossing

Just as I was to dare I stumble and fall
But I'm trying to walk through the fear in me
feeling the angels crossing

(When) I am here and you are near
on the darkest road along this stream
I have to go this time
I know we were the angels crossing

When I am near and you are here
Through the darkest I borrow you near
And after all the time has gone
we'll be the angels crossing


Die "Erfolge" der Agenda 2010 - ein offener Brief an Jürgen Borchert


Lieber Sozialrichter Jürgen Borchert,

laut einem Interview, abgedruckt in der Süddeutschen Zeitung, stellten Sie kürzlich verwundert fest: "Warum in diesen Tagen die Agenda 2010 als Erfolg begriffen wird, ist mir ein Rätsel." Das wiederum verwundert mich doch sehr, denn es dürfte auch Ihnen ja nicht unbekannt sein, dass die "offiziellen Ziele" der Hartz-Deformierungen nicht mit den tatsächlichen Zielen, von denen Sie einige im besagten Interview ja sogar selbst benennen, übereinstimmen. Sie befinden sogar: "Bei einer Straftat wie einer mittelschweren Körperverletzung darf die fällige Geldstrafe das pfändungsfreie Einkommen, also das Existenzminium, nicht antasten. Wenn Sie aber zu spät zum Laubharken antreten oder Pflichtbewerbungen nicht erledigen, dann bekommen Sie Sanktionen aufgebrummt, die auch auf das Existenzminimum zugreifen. Mit solchen Pflichtwidrigkeiten ist man also als einfacher Arbeitsloser unter Umständen übler dran als ein Straftäter." In der Tat - und genau das war eines der "inoffiziellen" Ziele der Katastrophen-Agenda. Oder glauben Sie allen Ernstes, ein solcher Fauxpas, der die Belange von Millionen von Menschen in diesem Land betrifft, könne den größtenteils studierten Damen und Herren in Berlin versehentlich unterlaufen?

Es ist also kein Wunder, dass die neoliberale Bande inklusive der angeschlossenen Presse in den vergangenen Wochen geradezu Jubelarien auf die "Erfolge der Agenda 2010" gesungen hat, denn nahezu alles, was tatsächlich beabsichtigt war, ist auch erfüllt worden: Der herbeigesehnte "Niedrigstlohnsektor" ist geschaffen worden - Deutschland ist heute europaweiter Meister darin, Millionen von Menschen auch bei einer Vollzeittätigkeit einen so niedrigen Lohn zu zahlen, dass nicht einmal das so genannte und bei weitem nicht ausreichende Existenzminimum erreicht wird. Davon haben Schröder und Co. (sowie die Trittbrettfahrer von Schwarz-Geld und natürlich die Strippenzieher im Hintergrund) geträumt - wie in unzähligen Reden aus den Amtszeiten der rot-grün-schwarz-gelben Bande nachzuhören ist. Arbeitslose sind heute einem Zwangssystem ausgesetzt, das beispiellos in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands ist: Sie sind nicht nur übler dran als Straftäter, wie Sie zu Recht feststellen, sie werden auch konsequent zwangsverarmt, schikaniert, gegängelt, überwacht und mit jedem einzelnen Schreiben vom Amt in einer so massiven Form in der gesamten Existenz bedroht (obligatorische Androhung der unverzüglichen kompletten Einstellung aller Zahlungen inkl. Miete und Krankenkassenbeiträgen), die ich nur noch als kriminell bezeichnen kann. Auch dies ist kein "zufälliges Nebenprodukt" der Agenda 2010, sondern selbstredend ein zentrales Kernelement, das in dieser Form durchaus auch nach 1933 hätte ersonnen werden können.

Ich könnte noch viele weitere Punkte herausgreifen, die allesamt in dieselbe Richtung führen - ich denke aber, dass auch Ihnen, lieber Herr Borchert, schon jetzt klarer geworden sein sollte, wieso die menschenfeindliche Kapitalistenbande die Agenda 2010 nach wie vor so bejubelt. Es empfiehlt sich auch, im Zusammenhang mit den Gesetzestexten des Hartz-Terrors die Begriffe "Kunden" oder "Arbeitslose" testhalber durch einen anderen Begriff, wie beispielsweise "Juden", zu ersetzen - auch dann wird schnell deutlich, wes' Geistes Kind dieses üble Machwerk ist. Das klingt dann beispielsweise so:

"§66 SGB I:
(1) Kommt [der Jude] seinen Mitwirkungspflichten nicht nach und wird hierdurch die Aufklärung des Sachverhalts erheblich erschwert, kann der Leistungsträger [sic!] ohne weitere Ermittlungen die Leistung [...] ganz oder teilweise versagen oder einziehen [...]. [Hervorhebung von mir, Anm.d.Kap.]"

In eine solche marode, mit Dornen, Salzsäure und jederzeit willkürlich zerschneidbaren Halteseilen ausgestattete "soziale Hängematte" über dem Abgrund legt sich sicherlich jeder Mensch sehr gerne. Lieber Herr Borchert, Sie erkennen die asoziale Kälte dieser Deformierungen ja sehr genau und benennen sie auch immer wieder - daher ist es mir ein Rätsel, wieso auch Sie offenbar noch immer der öffentlichen Mär anhängen, diese seien "Fehlentwicklungen" bzw. "nicht beabsichtigte Nebenwirkungen" der Agenda, wenn doch klar erkennbar ist, dass eben diese asoziale Kälte der eigentliche Sinn und Zweck der Hartz-Zerstörungen war und ist.

Herzlichst, Ihr
Charlie.

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Damals Satire, heute Hartz-Terror-Paralleluniversumsrealität: Erwerbslose unterstehen der so genannten "Residenzpflicht" - was nichts anderes bedeutet, als dass sie sich ohne Erlaubnis der Behörde nicht für länger als einen Tag vom Wohnort entfernen dürfen, mit der hochalbernen Begründung, dass der Erwerbslose für das Amt schließlich ständig erreichbar sein müsse, da sich jederzeit ein "kurzfristiges Arbeitsangebot" ergeben könne. Der wirkliche Grund ist natürlich auch hier ein anderer - es geht um die lückenlose Überwachung der Menschen und wie immer um Schikane, um die Inanspruchnahme von "Sozialleistungen" so unattraktiv wie nur irgend möglich zu machen - so als gebe es massenhaft Menschen, die eine Wahl hätten.

Optimismus


"Kinners, wenn's schon keene Arbeit gibt, gehen wir doch mal rasch eenen heben." - "Na, und wenn nu gerade während der Zeit der wirtschaftliche Uffschwung eintritt?"

(Zeichnung von Marcel Frischmann [1900-1952], in "Simplicissimus", Heft 43 vom 25.01.1932)


Donnerstag, 4. April 2013

Island: Bürgerrettung statt Bankenrettung


Es geht auch anders: In Island beschirmt der Staat seine Bürger und nicht die Banken. Damit hat sich die Insel, die bankrott war, wieder hochgerappelt. Die "Kochtopf-Revolution" spielte dabei eine entscheidende Rolle. Eine Ortsbegehung.

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Anmerkung: Auch diesen Bericht aus Island möchte ich sehr zur Lektüre empfehlen - zeigt er doch anschaulich, wie eine alternative Krisenpolitik in der heutigen Zeit aussehen kann, die das Wohl aller BürgerInnen eines Landes - und nicht nur das einer kleinen, selbsternannten "Elite" - in den Mittelpunkt ihres Handelns stellt. Das ist freilich immer noch Kapitalismus und daher systemisch ungerecht und sicherlich kein "Endziel" - aber gemessen an den Katastrophenkonzepten von Merkel & Co. ist es schon so etwas wie eine kommunistische Revolution.

Lest Euch das aufmerksam durch und staunt: Nicht einmal ein kleines Bisschen dieses solidarischen Geistes ist im Deutschland des Jahres 2013 denkbar. Hier ist die menschenfeindliche neoliberale Doktrin unantastbares Gesetz in allen (!) etablierten Parteien, und Lobbyismus und Korruption verhindern jede auch nur kleinste Korrektur dieses absurden Irrweges. In Island war das offenbar zunächst nicht anders - der Weg in die Katastrophe war ja kein zufälliges Ereignis, und eine Randnotiz im Artikel bestätigt das: "Er habe, sagt [Präsident] Grimsson, der die sozialdemokratische Partei verlassen und eine linksradikale gegründet hat, die Finanzkrise nicht nur als Wirtschaftskrise betrachtet, sondern als fundamentale Krise des politischen Systems [Hervorhebung von mir, Anm.d.Kap.]." Stellen wir uns für einen kurzen Moment vor, dieser Ausspruch stamme aus dem Munde eines deutschen "Sozialdemokraten", und es wird sofort überdeutlich, wie weit entfernt die heutige SPD von jeder auch nur verhalten alternativen Politik steht.

Anhand dieses Beispieles aus Island müsste eigentlich jedem Menschen in diesem unserem Lande klar werden, wessen Interessen die neoliberale Bande in Berlin vertritt - die der BürgerInnen sind es ja erkennbar nicht. Es ist nicht verwunderlich, dass in den deutschen Massenmedien über Island nichts derartiges berichtet wurde und wird. Das Verschweigen oder Verfälschen der Alternativen - selbst dann, wenn sie anderswo erfolgreich praktiziert wurden/werden - gehört zum Konzept des "alternativlosen" Kaptalismus. Und deshalb gilt in Deutschland auch weiterhin: Gebt den wenigen Superreichen alles und prügelt dem großen Rest der Bevölkerung auch die letzten Reserven aus dem Leib, während sie ständig gegeneinander aufgehetzt wird - nur so kann die "Elite" ihr abgehobenes Luxusdasein auf Kosten aller anderen ungestört weiterführen.

Island bleibt mein Fluchtziel Nummer 1, wenn es zum faschistisch-kapitalistischen Showdown in Europa kommt. Und der rückt immer näher. Hoffentlich sind die Isländer Asylanten gegenüber freundlicher und toleranter als es der gemeine Deutsche/Europäer ist.

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Deutsche im Ausland


"Sieh mal, ein Film vom Rhein! Da gehen wir heute abend hin. Das ist eine schöne Erinnerung an unsere Orientreise."

(Zeichnung von Wilhelm Schulz [1865–1952], in "Simplicissimus", Heft 7 vom 18.05.1925)

Dienstag, 2. April 2013

Zitat des Tages: "The Labour party has failed us"


The Labour party has failed us. We need a new party of the left

(...) We need policies that reject Tory cuts, regenerate the economy and improve the lives of ordinary people. We are not getting this from Labour. There is no doubt that some of Labour's past achievements have been remarkable (...). But such achievements are in the past. Now Labour embraces cuts and privatisation and is dismantling its own great work. Labour has failed us. Nothing shows the contrast more clearly than [the film] "The Spirit of '45".

Labour is not alone in its shift rightwards and its embrace of neoliberal economic policies. Its sister parties across Europe have taken the same path over the past two decades. Yet elsewhere in Europe, new parties and coalitions – such as Syriza in Greece or Die Linke in Germany – have begun to fill the left space, offering an alternative political, social and economic vision. The anomaly which leaves Britain without a left political alternative – one defending the welfare state, investing for jobs, homes and education, transforming our economy – has to end. For this reason we are calling on people to join the discussion on forming a new party of the left (...). The working class cannot remain without political representation, without defence, when all its victories and advances are being destroyed.

(Ken Loach, Kate Hudson und Gilbert Achcar, in "The Guardian" v. 25.03.2013)

Anmerkung: Egal, wohin wir auch blicken: Die Verräterpartei ist überall denselben schmierigen Weg gegangen, der direkt, ohne Umwege in den übelriechenden Anus des Kapitals führt. Wenn nun in England schon ein Massenmedium wie der Guardian einen bitteren Aufruf zur Gründung einer neuen linken Partei veröffentlicht, der schon fast flehentlich klingt, ist das Kind im Brunnen nicht nur schon lange ertrunken, sondern bereits umfassend in Verwesung begriffen.

In Deutschland erleben wir dieses finstere Schauspiel bereits zum wiederholten Male. Schon in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts stellte Kurt Tucholsky nüchtern-zynisch fest: "Es ist ein Unglück, dass die SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands heißt. Hieße sie seit dem August 1914 Reformistische Partei oder Partei des kleineren Übels oder Hier können Familien Kaffee kochen oder so etwas -: vielen Arbeitern hätte der neue Name die Augen geöffnet, und sie wären dahin gegangen, wo sie hingehören: zu einer Arbeiterpartei. So aber macht der Laden seine schlechten Geschäfte unter einem ehemals guten Namen." - Wie damals bemerkt aber auch heute kaum jemand den erneuten Verrat - oder will ihn einmal mehr schlicht nicht zur Kenntnis nehmen.

Aber zurück zu den Briten: Ein Systemmedium des Kapitalismus ruft händerringend nach einer "echten, wirklich linken" Partei - dieser Vorgang wäre in seiner grotesken Surrealität eine wirkliche Brüllnummer, wenn die Lage nicht so ernst wäre. Da müssen in gewissen elitären Kreisen ganz gehörig die Knie schlottern, wenn man offenkundig befürchtet, dass das bisherige Demokratieschauspiel mit den vorhandenen "unterschiedlichen" Akteuren bald vielleicht nicht mehr ausreichen könnte, um die "ordinary people" auch weiterhin im Zaum halten und weiter auspressen zu können. Wir leben in wahrlich "spannenden" Zeiten.


(Bild: www.kopperschlaeger.net)

Montag, 1. April 2013

Der Rückfall in finsterste Steinzeiten. Die Mittelklasse meldet: "Faschismus reloaded!"


Eure Armut kotzt uns an! / Die öffentliche Stimmung richtet sich immer öfter nicht gegen die Armut - sondern gegen die Armen.

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Anmerkung: Diesen Telepolis-Artikel möchte ich zur allgemeinen Lesepflicht erheben - ich müsste ihn nahezu komplett zitieren, wenn ich mich auf die relevanten Passagen beschränken wollte. Lest das und führt Euch die Konsequenzen dieser unheilvollen Entwicklung - die natürlich, auch wenn das im Text nicht so deutlich benannt wird, eine politisch gewollte und gesteuerte Entwicklung ist - vor Augen: Hier wird wieder einmal jede notwendige Solidarisierung der teilweise noch wohlhabenden Mittelschicht mit den vielen Opfern des Kapitalismus, die in stetig zunehmendem Maße auch vor der eigenen Haustür zu finden sind, unterbunden. Beispiele für die Steuerung dieser Perversion gibt es im Text zuhauf - sie sind aber auch allein durch logisches Denken schon auffindbar, denn es liegt doch auf der Hand, dass eine solche forcierte Entwicklung zu einer faschistischen Klassengesellschaft nicht einfach zum Stillstand kommen wird, wenn die "unteren Schichten" gänzlich verarmt und einer versklavenden Bürokratie ausgeliefert sind. Eine Ausschau nach Griechenland, Zypern oder Spanien reicht aus, um einen Blick in die Zukunft auch der deutschen Mittelschicht zu erhaschen - ein Auge auf die Jahre nach 1933 wäre ebenso erhellend.

Da die kapitalistische Ideologie viele Menschen aber nunmal zur Dummheit und zum puren Egoismus führt, findet auch diesmal wieder das altbekannte Spielchen statt, in dem die Ärmsten und Unschuldigsten zu Tätern und Sündenböcken stilisiert werden, anstatt die wirklich auf Kosten aller anderen Profitierenden zu beschuldigen. Der Artikel benennt auch dazu viele erschreckende Beispiele. Es ist ebenfalls kein neues Phänomen, dass sich an dieser Hetze nahezu sämtliche Systemmedien wacker beteiligen - von den Politmarionetten der Superreichen in der NED, die unverdrossen die Tragikkomödie "Demokratie" aufführen und dabei dasselbe ekelhafte Spiel betreiben, schweige ich an dieser Stelle lieber.

Wir erleben gerade hautnah mit, wie die Welt einmal mehr "aus den Fugen gerät" (Zitat des Geschichtsfälschers Guido Knopp), obwohl sie niemals in den vergangenen 200 Jahren wirklich in irgendwelchen gesunden Fugen war. Aber die Skala in Richtung des Niederträchtigen, Schrecklichen und Finsteren ist noch lange nicht ausgereizt. In hoch technisierten und überwachten Zeiten wie heute ist selbst so etwas Endgültiges und an Horror kaum zu Überbietendes wie der Holocaust theoretisch übertrumpfbar. Das sollten wir niemals vergessen, wenn wir über den Wiederaufstieg des Faschismus nachdenken. Die Faschisten von heute haben weitaus mehr Möglichkeiten zur Verfügung als die damaligen - und mit jeder Dekade werden es mehr.

Aus dieser Lage gibt es nach meiner Wahrnehmung keine "gute Lösung" mehr. Alle Weichen und Signale sind auf "Untergang" gestellt, das zum Handeln bevollmächtigte Personal tut seinen diesbezüglichen Untergangs-Dienst, und nichts, aber auch gar nichts gibt einen Anlass für die Hoffnung, dass das Ruder doch noch einmal herumgerissen werden könne. Ich gefalle mir ganz und gar nicht in einer solchen pessimistischen Rolle - aber was soll ich tun, wenn die Situation nichts anderes erlaubt? Wer sieht es anders, wer hat Hoffnung, und wieso? Ich erwarte glühend und freudig jeden kritischen, hoffnungsfrohen Kommentar! Lasst mich nicht allein in diesem Elend, sondern sagt mir, dass ich Bullshit denke.

Update 10.04.13: Oha: Null Kommentare - das ist wirklich furchteinflößend.

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Das neue Proletariat


"Ein armer geistiger Arbeiter bittet um einen warmen Löffel."

(Zeichnung von Eduard Thöny [1866-1950], in "Simplicissimus", Heft 7 vom 12.05.1920)

Samstag, 30. März 2013

Zeit zur Einkehr: Der Ex-Papscht und sein Sexualtrieb


Da satanistische und andere entartete Musik auch für heute obrigkeitlich strengstens verboten ist, will ich heute mal einen Link zu einer etwas anderen Audio-Datei posten: Quasi als stille Einkehr in dieser Zeit der Grabesruhe sei dieses wundervolle Telefonat empfohlen, in dem eine - vermutlich glaubens- und kirchentreue - Christin aus dem schönen Stuttgart samt im Hintergrund keifender dezent agierender Unterstützung die Redaktion der Titanic mit ihrer Kritik an der Märzausgabe der Zeitschrift (nur Titelbild) beehrt.

Es stimmt mich gerade in dieser zuende gehenden Passions- und Fastenzeit sehr hoffnungsfroh, dass unser schönes Land von so aufmerksamen, hellwachen und entschlossen handelnden Menschen bevölkert ist! Und nun gehet hin und tuet Buße (und fastet gefälligst weiter), auf dass auch widerliches heidnisches Pack wie Ihr dereinst im Paradiese ... usw. usf., Ihr wisst schon. Alles wird gut.

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Passion 1932



(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 52 vom 27.03.1932)

Donnerstag, 28. März 2013

Song des Tages: Bonehead




(Naked City: "Bonehead", aus dem Album "Grand Guignol", 1992)

Rooaaaaaarr
yieeeahh
aaaaahhh
yoohhh
heeeaay
Roooooarrrr


Anmerkung: Dazu muss ich eigentlich keine weiteren Worte verlieren - eine perfekte Hörbarmachung unserer heutigen Welt, wie sie besser und treffender nicht sein könnte. John Zorn, der Komponist, trägt seinen Namen völlig zu Recht.

Auch das Cover dieses Albums ist ein wertvoller Teil dieses Gesamtkunstwerkes - wir sehen nicht weniger als die Ruine des Menschen, die heute vom ursprünglichen Lebewesen noch übrig ist: Den "Knochenkopf", der von vorn betrachtet noch relativ intakt aussehen mag, in Wahrheit aber schon halb zerstört ist und sich zudem, bereits getrennt vom Körper, auf einer Art "silbernen Tabletts" befindet. Da ist nirgends eine Chance auf Rückbesinnung, auf Wiederherstellung zu erkennen - das Szenario ist endgültig und nicht umkehrbar.

Hier löst sich wahrlich alles auf - deutlicher und sarkastischer kann man ein "Nein!" und die Entleertheit des heutigen Seins musikalisch und visuell nicht konzipieren.

Die Refeudalisierung der Welt


Ist der bürgerliche Kapitalismus am Ende? Die Finanzkrise macht deutlich, dass sich in der Gesellschaft wie in der Ökonomie Maßstäbe geändert und Gegebenheiten verschoben haben, und vieles erinnert dabei an die Zeit des Feudalismus. (...)

Dadurch wird deutlich, dass eine Trennung von Markt und Staat nicht vorhanden ist, was zu einer Verstaatlichung der Ökonomie und in der Folge zu einer Ökonomisierung des Staates führt. Zugespitzt könnte man bilanzieren: Eine ärmer werdende Gesellschaft blutet weiter aus, zugunsten einer reicher werdenden Managerklasse, die weder nach dem Leistungsprinzip operiert, noch für das Risiko ihres Handelns gerade stehen muss.

(Weiterlesen bzw. Sendung anhören)

Anmerkung: Es versteht sich von selbst, dass die WDR-Redaktion, die für diesen Beitrag verantwortlich ist, das Offensichtliche mehr als verhalten formuliert und dabei noch die allgemeine Mär erneuert, dass der Kapitalismus "früher ja auch wunderbar funktioniert" habe, nun aber "plötzlich und auf wundersame, nicht vorhersehbare Weise" - einer Naturkatastrophe gleich - aus dem Ruder laufe. Der WDR wäre kein Systemmedium, wenn er das nicht täte und nicht irrsinnigen Unfug wie den "bürgerlichen Kapitalismus" bemühte. Tatsächliche Hintergründe und Ursachenbenennungen darf man in diesem Beitrag also nicht erwarten - es verbleibt aber eine recht anschauliche Symptombeschreibung.

Aber selbst in diesem kleinen Rahmen gilt auch hier, was für alle Massenmedien gültig ist: Solche "philosophischen Ausrutscher" haben keinerlei Einfluss auf die übliche politische Scheinberichterstattung, die in gewohnter manipulierender, schönfärbender und verschweigender Art und Weise einfach fortgeführt wird - irgendwelche Gedanken über die Refeudalisierung der Welt werden in den alltäglichen Beiträgen nirgends auftauchen. In wenigen Wochen, wenn auch dieser Beitrag beim WDR wieder depubliziert worden ist, ist der Status Quo derselbe, als hätte es dieses Radio-Feature nie gegeben. Der Begriff "Feigenblatt" ist daher noch viel zu beschönigend.

Wer sich zum Thema etwas umfassender - also inklusive der Hintergründe und Ursachen - informieren möchte, dem seien die Ausführungen des "Dr. Wo" auf dessen Webseite zum "modernen Feudalismus", dem so genannten "Meudalismus", empfohlen - wobei ich mich von der dort beschworenen vergangenen "sozialen Marktwirtschaft" ebenso strikt distanziere wie vom heutigen Finanzkapitalismus. Die Begriffe "Marktwirtschaft" und "sozial" schließen sich nach meiner Meinung ebenso aus wie es die Begriffe "Alkoholismus" und "genussvoll" tun: Ganz zu Beginn mag man der Illusion noch auf den Leim gehen, aber mit zunehmender Dauer wird das Zerstörerische, Gewalttätige und Fremdbestimmte immer offensichtlicher und drängender. Die Alternative zur pervertierten, refeudalisierten Welt der Gegenwart kann nun wirklich nicht die "soziale Marktwirtschaft" der Vergangenheit sein, die letzten Endes ja der Ausgangspunkt für die heutige soziale, ökologische und wirtschaftliche Katastrophe war und zugleich auch in früheren Zeiten bereits massenweise Not, Elend, Armut und Tod in weiten, damals meist noch weiter entfernt liegenden Teilen der Welt verursacht hat.

Vorerst gilt es aber, den Rückfall in diese feudalistischen oder frühkapitalistischen Horrorzeiten, der in Europa und den anderen Regionen des "Westens" in vollem Gange ist, aufzuhalten. Je öfter wir überall darüber reden, desto besser stehen die Chancen. - Das sagt jedenfalls das süße kleine Engelchen auf meiner linken Schulter, über das sich der fiese Teufel auf der anderen Seite regelmäßig fast in den Erstickungstod lacht.

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Großbanken


"Die Herren Kleinspekulanten bitte durch den Eingang für Dienstboten!"

(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 39 vom 27.12.1922)

Montag, 25. März 2013

Lied des Tages: Über die Grenzen des All




(Alban Berg [1885-1935]: "Über die Grenzen des All", aus: "5 Orchesterlieder nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg", Op. 4, 1912)

Über die Grenzen des All blickest du sinnend hinaus:
Hattest nie Sorge um Hof und Haus!
Leben und Traum vom Leben ...
- Und plötzlich ist alles aus.

Über die Grenzen des All blickst du noch sinnend hinaus ---

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Anmerkung: Auch 100 Jahre nach der Entstehung dieser ungewöhnlichen, beeindruckenden Musik ist sie noch immer nicht mehrheitsfähig - oder sogar noch weiter von diesem Zustand entfernt als sie es jemals war. Das ist mir sehr bewusst. Dennoch sollte jeder Kritiker einmal den Versuch unternehmen, sich Filmmusik ohne die zugehörigen Filmbilder anzuhören - vorzugsweise aus Psychothrillern oder Horrorfilmen in dramatischen Momenten - und jene Klänge sodann mit dieser Musik vergleichen. An diesem Vergleich wird sehr schnell deutlich, wie tief ins Mark unserer menschlichen Emotionen die revolutionären Komponisten der "Moderne" um die Jahrhundertwende eigentlich getroffen haben, ohne dass die Mehrheit das in den vergangenen 100 Jahren tatsächlich bemerkt hat.

Die allermeisten Musikstücke aus Filmen der vergangenen Jahrzehnte, die Spannung, Dramaturgik, Angst, Verfolgungen, Horror, Einsamkeit und viele andere Stimmungen mehr hörbar gemacht haben, sind nichts weiter als musikalische Kopien eben dieser kompositorischen Epoche oder zitieren sie zumindest ständig - kombiniert mit Versatzstücken aus der Zeit der Romantik.

Hier hören wir also den Ursprung dieser Klänge - den Neubeginn nach der Romantik, als das überstrapazierte Tongefüge der vorangegangenen Jahrhunderte, deren berühmteste Vertreter vielleicht Gustav Mahler und Richard Strauß waren, sich auflöste und einer völlig neuen Form der Musik, die bis dato niemand gehört hatte, Platz machte. Und es überrascht nicht weiter, dass dies eine Form des hörbar gemachten Untergangs, und gerade nicht des Neubeginns, war - wie neben der Musik an sich auch die Auswahl des Textes für dieses Orchesterlied belegt: Ansichtskartentexte, die vielleicht mit einem kommerziellen Pseudo-Kunstprojekt wie den "Edgar-Postkarten" von heute vergleichbar sind. Manchmal treffen aber auch solche Pseudo-Kunstwerke, die stets einzig kommerziellen Interessen dienen sollen, unfreiwillig des Pudels Kern:

Und plötzlich ist alles aus. Auch wenn es gar nicht so plötzlich kommt, während die perverse Glitzerwelt uns das Gegenteil stets glauben machen wollte.


(Bild: Edgar-Postkarte)

Der quadratische Kreis. Weshalb ich Sahra Wagenknecht sehr schätze und sie dennoch manchmal nicht verstehe


Sahra Wagenknecht, Literaturwissenschaftlerin, frisch promovierte Volkswirtschaftlerin, Talkshowvagabundin, Politikerin und Autorin, hat dem Blättchen ein etwas längeres Interview gegeben, das ich zur Lektüre sehr empfehlen möchte. Neben allerlei wunderbaren und erhellenden Passagen über Politik, Wirtschaft und Systemkritik ist mir beim Lesen aber ein Abschnitt besonders aufgefallen, den ich hier zitieren möchte:

"[Johann Wolfgang von Goethe] war zweifelsohne einer der frühesten und zugleich ein höchst differenzierter Kritiker des – damals erst heraufziehenden – Kapitalismus, der zugleich dessen gewaltige produktiven Potenziale nicht verkannte. Ein Blick in den 'Faust II' zeigt das deutlich. Der Titelheld ist progressiv, wo er als Großunternehmer gesellschaftlichen Reichtum schafft, indem er Eigentum erwirbt und produktiv einsetzt – nämlich zur Urbarmachung von Land mittels Dampfkraft und moderner Technologie. Zugleich wird er darüber zum Barbaren, der über Leichen geht – im Stück hat er unter anderem die Ermordung von Philemon und Baucis zu verantworten –, weil sein Trieb zur Reichtumsvermehrung keine Grenze mehr kennt. Kapitalismus, das hat Goethe vor Marx erkannt, ist eben nie nur Tausch, nur Marktwirtschaft, sondern immer auch Raub: 'Krieg, Handel und Piraterie' sind für Goethe 'dreieinig' und 'nicht zu trennen'. / Man geht meines Erachtens nicht zu weit, wenn man Goethe bescheinigt, dass er die existenzielle Bedrohung von Kultur, Zivilisation und Humanität, die mit einer durchkommerzialisierten Gesellschaft zwangsläufig einhergeht, geradezu prophetisch vorhergesehen hat. (...) Besonders aktuell an Goethe finde ich, dass er nicht in eine zynisch-pessimistische Weltsicht auswich, sondern an dem Anspruch und der Zuversicht festhielt, dass der Mensch nicht auf Dauer eine Gesellschaft akzeptieren wird, die seine wertvollsten Eigenschaften – Mitgefühl, soziale Verantwortung, Liebesfähigkeit und Sehnsucht nach Würde und Schönheit – verkümmern lässt und seine unsympathischsten – Habgier, Egoismus und soziale Ignoranz – an die Spitze des gesellschaftlichen Wertekanons setzt." [Hervorhebung von mir, Anm.d.Kap.]

Nun blickt Wagenknecht also nicht mehr 50, nicht mehr 100, nicht mehr 150 - sondern bereits 200 Jahre zurück, um einen Kapitalismuskritiker zu bemühen und ausgerechnet dessen "Optimismus" und "Glaube an das Gute im Menschen" herauszustellen, der sich ja bis einschließlich heute als reine Illusion und pures Wunschdenken herausgestellt hat. Beim Lesen habe ich mich unwillkürlich gefragt, wie weit ein solcher in die Zukunft gerichteter Optimismus denn heute wohl Bestand haben muss, damit er den ersehnten "Wandel zum Guten" tatsächlich erleben darf? 200 Jahre? 300? Und wann ist nach Wagenknecht'scher Wahrnehmung die Grenze erreicht, ab der vielleicht auch eine "zynisch-pessimistische Weltsicht" erlaubt oder zumindest nachvollziehbar ist? - Diese Frage beantwortet sie in diesem Gespräch leider nicht, da sie auch nicht gestellt wird.

Ich wiederhole aber, dass diese Kritik ein Jammern auf sehr hohem Niveau ist - das Interview und gewiss auch das in Rede stehende Buch "Freiheit statt Kapitalismus" (das ich noch nicht gelesen habe) sind sicherlich lesens- und bedenkenswert. Goethes "Faust" in Gänze ist es allemal - auch wenn ich persönlich das Werk weitaus weniger positivistisch interpretiere als die geschätzte Frau Wagenknecht.


(Bild: Faust und Mephisto)