Montag, 18. Mai 2015

Staatlich verordnete Verdummung: Der nächste Schritt


Mit Hochdruck arbeitet die neoliberale Bande bekanntlich daran, die verbliebenen Reste des ohnehin äußerst dürftigen Bildungssystemes in Deutschland weiter zu zerstören, um künftig noch schneller an möglichst dummgehaltene, systemkonforme und unkritische "Arbeitsmarkt"-Sklaven zu kommen als dies ohnehin schon der Fall ist. Gestern hat sich zum Teilbereich der Hochschulen wieder einmal der Gärtner vom Deck der Titanic zu Wort gemeldet und im vorläufigen Zwischenergebnis zur Zerstörungsorgie nunmehr die neue deutsche "Kinderuni" ausgemacht:

"Though this be madness, yet there is method in 't." (Shakespeare, 1603) / Dass wir da ideell längst sind und aus der autonomen Hochschule für (potenziell) autonome Jungerwachsene das geworden ist, was Industrie und Stifterverbände wollen, nämlich das genaue Gegenteil, beweist uns dann die Zeit, die für ihren Studienführer neuerdings folgende Reklame macht: "Gemeinsam das passende Studium finden. Unterstützen Sie Ihr Kind bei der Wahl des richtigen Studiums." Und Papa, dessen (und sei's freundlicher) Fuchtel zu entkommen immer ein schöner Hauptgrund fürs Studium war, sitzt aufmerksam neben seinem 16jährigen, damit der bloß nicht auf die Idee komme, den eigenen Entschluss zu fassen, für den er nach G8 und allem ja auch zu jung ist. Studium als Angelegenheit von (außerakademischen) Autoritäten, als eines, bei dem die, die sich bilden sollen, im Grunde nichts mehr zu melden / zu wollen / zu entscheiden haben: wenn das, bei allem Gegacker vom "freiesten Deutschland aller Zeiten", nicht ganz und gar autoritär ist, dann weiß ich auch nicht. / Heute nennt man's freilich marktkonform.

Dieser Text sei jedem ans Herz gelegt - er lohnt sich sehr. Der Bildungsabbau betrifft allerdings nicht bloß die Hochschulen. Ein illustres Beispiel dafür ist das so genannte Turbo-Abitur, über das ich mich schon mehrfach - zuletzt im November 2014 - ausgelassen habe. Damals ging es darum, dass die radikale, völlig irrsinnige Verstümmelung der gymnasialen Oberstufe um satte 33 Prozent (von einstmals drei auf nur noch zwei Jahre) selbstredend massive negative Effekte auf eine Vielzahl von SchülerInnen hatte. Die korrupte Bande hatte daraufhin wegen der lauter werdenden Proteste gegen diesen offenkundigen Affenzirkus der puren Idiotie ihre "völlig unabhängigen" Super-Spezial-Experten losgeschickt, um nach "Lösungen" zu suchen.

Die Super-Spezial-Experten haben damals - oh welch Wunder! - das erwünschte Ergebnis geliefert: "'Weniger Bildung!' ist hier die Losung, und es sollte angesichts der Bologna-Zerstörungen des Hochschulwesens niemanden überraschen, dass diese Katastrophenstrategie nun konsequent nach und nach auch auf die Schulen angewendet wird", schrieb ich damals dazu. Heute habe ich nun einen kleinen, gut versteckten und natürlich sehr wohlwollend-manipulativen Hinweis darauf gefunden, dass die Bande diese Untergangsstrategie in NRW tatsächlich konsequent durchgezogen und die weitere Beschneidung der Curricula nunmehr - in trauter rot-grün-neoliberaler Eintracht (freilich wohlwollend-begeistert begleitet von den schwarzen Schergen der CDU) - beschlossen hat:

Schüler in NRW können aufatmen. Der Schulausschuss im Landtag hat dafür gestimmt, G8-Schüler deutlich zu entlasten. Die neuen Regeln zum Turbo-Abi treten zum nächsten Schuljahr in Kraft. Die Einzelheiten. In NRW stöhnen viele unter dem Druck durch das Turbo-Abi. Viel Lernstress - wenig freie Zeit. Durch die Entlastungen wird es ein bisschen entspannter, das Abi in acht statt in neun Jahren zu machen.

"Aufatmen" können hier jedoch nur die "elitären" Arschlöcher in ihren Prunkvillen - allen anderen sollte der zitternde Angstschweiß auf der Stirne stehen, allen voran der bildungshungrigen Jugend. - Ich hätte fast geschrieben: "Mission accomplished!" - aber selbstverständlich ist auch dies lediglich ein Etappenziel auf dem kapitalistischen Weg zur totalen Verblödung der Menschen, der noch lange nicht sein von "elitärer" Seite ersehntes Ziel erreicht hat. Nach dumpfer kapitalistisch-faschistoider Unlogik ist selbst eine blökende Schafherde noch immer zu gefährlich, zu intelligent, zu unberechenbar für die hohe Herrschaft. Sie werden keine Ruhe geben, solange es die heiß ersehnten Massen der versklavten, stumpfsinnigen Roboterzombies aus der dystopischen SF-Literatur noch nicht ganzheitlich gibt.

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(Restaurierte Fassung des Films "Metropolis" von Fritz Lang aus den Jahren 1925/27)

Samstag, 16. Mai 2015

"Deutschland geht es gut": Ein Realitätsabgleich


Unsere geliebte Bundesregierung - die momentan, was manch einer gerne vergisst bzw. verdrängt, von CDU und SPD in trauter neoliberaler Eintracht gestellt wird - wird nicht müde, den dummgehaltenen, willenlos dahinvegetierenden Untertanen immer wieder in ewiger Wiederholung den propagandistischen, infantilen Sermon vorzutragen, dass "es Deutschland gut" gehe. Da ist es zwischendurch recht hilfreich, ebenfalls immer wieder ein wenig genauer hinzuschauen. Der WDR hat aktuell ein schönes Beispiel dafür im Programm, wie oberflächliche, systemkonforme Symptomberichterstattung bei gleichzeitiger rigoroser Ausklammerung der Ursachenforschung und konsequenter Auslagerung der Schuldfrage (und damit auch der Lösung) aussieht:

Zuwanderer, Flüchtlinge, aber auch immer mehr Deutsche: 10.000 Menschen in Duisburg haben keine Krankenversicherung. Darunter viele Kinder. (...) / Die Probleme im Gesundheitssystem sind bei der Stadt bekannt. Der Leiter des Gesundheitsamtes, Dr. Dieter Weber, will nichts beschönigen. Er hat sich auch schon selbst bei Pater Oliver [sic!] ein Bild gemacht. Und auch er findet die Zustände in Duisburg skandalös und denkt über eine Clearing-Stelle [sic!!] nach, die in solchen Fällen helfen kann. Aber das alleine werde nicht reichen: Ein europäischer Hilfsfonds [sic!!!] müsste her, sagt er, damit die Probleme gelöst werden.

Ihr müsst Euch den Quatsch beim WDR nicht durchlesen - das kleine Zitat dürfte ausreichen, um den Informationswert dieses lächerlichen Textes beurteilen zu können. Allein der "BLÖD"-Titel "Gesundheitsskandal" illustriert das Niveau schon vortrefflich.

Die Probleme sind der Stadt / dem Land / dem Bund selbstverständlich bekannt (wie sollte es auch anders sein!), die Ursachen aber werden konsequent verschwiegen - in der Politik ebenso wie in den Systemmedien. Der Staat, der ja laut Grundgesetz ein Sozialstaat sein sollte, versagt auch hier auf ganzer Linie - und das nicht etwa zufällig, sondern von langer Hand geplant und gewollt. Das wird beim WDR natürlich nicht thematisiert - dafür muss wieder einmal ein "privates Hilfsprojekt" herhalten, das die ureigentlichen Aufgaben des Sozialstaates inzwischen übernimmt. Auch diesmal ist es ausgerechnet wieder ein kirchliches Projekt - dabei dürfte sich heuer doch hoffentlich sogar bis in die von der Realität offenbar abgeschotteten WDR-Büros herumgesprochen haben, dass die christlichen Kirchen sowie deren "Projekte" in Deutschland längst nicht nur aus Kirchensteuern - also durch die Beiträge der Kirchenmitglieder - finanziert werden, sondern eben großteils auch aus dem - *Trommelwirbel* - Staatshaushalt. Wir sehen glitzernde Nebelkerzen, wohin wir auch schauen.

Dahinter steckt die perfide, jetzt hoffentlich hinlänglich bekannte neoliberale Strategie: "Private" oder kirchliche Leistungen sind nicht einklagbar, sondern können erbracht, genauso aber auch willkürlich von jetzt auf gleich entzogen werden, ohne dass ein Betroffener dagegen irgendeine Handhabe besäße. Die perversen "Tafeln" waren hier wohl die Blaupause für weitere geplante Aushöhlungen des Sozialstaates.

Den Vogel schießen der WDR, unser selbstloser "Pater Oliver" und der geschätzte Herr Dr. Weber vom "Gesundheitsamt" aber ab, indem sie in (laut WDR) friedlicher Dreifaltigkeit angesichts dieses "Skandals" - *erneuter Trommelwirbel* - nach einem "europäischen Hilfsfonds" brüllen: In einem der reichsten Länder der Welt, dessen schon arg neoliberal gestutztes und keineswegs zur Nachahmung empfohlenes Mehr-Klassen-Gesundheitssystem trotzdem noch immer von hunderten von Krankenkassen, deren Konten nach wie vor überquellen und absurde Profite sowohl für die "Managerebene" dieser Kassen, als auch für die Eigner sowie die Pharma- und "Gesundheits"-Industrie bereithält, bevölkert wird, ist das der nicht mehr zu überbietende Gipfel der Perversion. Hier ruft kein Ertrinkender, kein Insasse eines Rettungsbootes, noch nicht einmal der Kapitän eines herbeieilenden Schiffes um Hilfe, sondern ein stumpfer Bürokrat in seinem sicheren Furzsessel fernab jeden Meeres.

Wir brauchen in dieser Hinsicht keine kirchlichen, staatlich bezahlten "Pater" und auch keinen "europäischen Hilfsfonds" oder sonstige vergleichbare Albernheiten - wir brauchen eine einzige, für alle Menschen in diesem Land zuständige Krankenkasse, die ihnen kompetent und zuverlässig hilft, wenn Hilfe notwendig ist. Alles andere ist kapitalistischer Irrsinn, der nicht den Menschen, sondern einzig den profitgierigen Vollidioten der sogenannten Elite nützt.

Also - und das überrascht hoffentlich niemanden - wird von unserer geliebten Bundesregierung selbstredend "alles andere" getan - dafür haben sie sich schließlich bezahlen lassen. Zuwanderer, Flüchtlinge oder arme Deutsche und deren Wohlergehen interessieren diese Bande nicht. Rechnen wir kurz hoch: Wenn es allein in Duisburg, einer Ruhrgebietsstadt mit knapp 500.000 "regulären" EinwohnerInnen, mindestens 10.000 Menschen ohne Krankenversicherung gibt - wieviele mögen es wohl bundesweit sein? Na, wer kann rechnen, ohne dass ihm übel wird?

Ich schaffe das nicht, ohne grüne Galle speien zu müssen.

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Entfettung


"Hier haben Sie eine Mark - und nun verraten Sie mir aber auch, wie Sie es angefangen haben, so schlank zu werden!"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 21 vom 24.08.1925)

Donnerstag, 14. Mai 2015

Song des Tages: Und wir tanzten




(ASP: "Und wir tanzten (Ungeschickte Liebesbriefe)", aus dem Album "Hast du mich vermisst? (Der schwarze Schmetterling I)", 2000)

Und wir tanzten im Schnee vergangenes Jahr.
Der Mond funkelte sanft in deinem Haar.
Und es tut auch kaum mehr weh,
wenn ich alles vor mir seh,
als ob's letzte Nacht gewesen, sternenklar.

Deine Haut und Stolz bleibt mir schon lang nicht mehr.
Ich gäbe alles für ein Zaubermittel her.
Eins, das dich mich lieben macht
Länger als nur eine Nacht,
Doch meine Arme und die Nächte bleiben leer.

Nur dieses eine Mal noch schenk mir Kraft für einen neuen Tag.
Ich stehe nackt und hilflos vor dem Morgen, nie war ich so stark.
Nur einen Tag noch Kraft und ich reiß alle Mauern um mich ein:
Nur wer sich öffnet für den Schmerz lässt auch die Liebe mit hinein.

Und wir tanzten im Schnee vergangenes Jahr.
Der Mond funkelte sanft in deinem Haar.
Und es tut auch kaum mehr weh,
Wenn ich alles vor mir seh,
Als ob's gestern war und nicht vergangenes Jahr.

Will ich es greifen, ist es schon nicht mehr da.
Niemand war mir jemals ferner und so nah.
Nicht mal Stille sagt, wie tief -
Wie ein ungeschickter Brief -
Was zerbrach, als ich in deine Augen sah.

Auch dieser Brief bleibt ungeschickt von mir.
Das schönste Lied schrieb ich nicht auf Papier.
Ich schrieb es in dein Gesicht,
mit den Fingern - siehst du nicht,
was mein Mund dir hinterließ?
Schau auf deine Haut und lies,
Such, wo meine Zunge war,
Such mein Lied in deinem Haar!
Willst du mein Gefühl verstehn,
Musst du dich in dir ansehn -
Schließ die Augen und du siehst: Ich bin in dir.

Ich breite meine Arme aus, empfange dich, komm an mein Herz,
Ich heile dich, lass einfach los und gib mir deinen ganzen Schmerz.
Renn einfach weg, lauf vor mir fort, lebe dein Leben ohne mich -
Wo immer du auch hingehst, wartet meine Liebe schon auf dich.

Und wir tanzten im Schnee vergangenes Jahr.
Der Mond funkelte sanft in deinem Haar.
Und es tut auch kaum mehr weh,
Wenn ich alles vor mir seh,
Als ob's gestern war und nicht vergangenes Jahr.

Und wir tanzten im Schnee vergangenes Jahr.
Der Mond schien so sanft in deinem Haar.
Wenn du mich nicht siehst, bin ich
Einfach nicht mehr wesentlich -
Löse mich auf wie Schnee vom vergangenen Jahr.


Mittwoch, 13. Mai 2015

Zitat des Tages: Bei der Verbrennung meiner Bücher, oder: Der Charakter der Deutschen


Mein erstes Buch, der Gedichtband "Herz auf Taille", erschien Ende 1927. Und im Jahre 1933 [am 10. Mai] wurden meine Bücher in Berlin, auf dem großen Platz neben der Staatsoper, von einem gewissen Herrn Goebbels mit düster feierlichem Pomp verbrannt. Vierundzwanzig deutsche Schriftsteller, die symbolisch für immer ausgetilgt werden sollten, rief er triumphierend bei Namen. Ich war der einzige der vierundzwanzig, der persönlich erschienen war, um dieser theatralischen Frechheit beizuwohnen.

Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt. Der Kopf einer zerschlagenen Büste Magnus Hirschfelds stak auf einer langen Stange, die, hoch über der stummen Menschenmenge, hin und her schwankte. Es war widerlich.

Plötzlich rief eine schrille Frauenstimme: "Dort steht ja Kästner!" Eine junge Kabarettistin, die sich mit einem Kollegen durch die Menge zwängte, hatte mich stehen sehen und ihrer Verblüffung übertrieben laut Ausdruck verliehen. Mir wurde unbehaglich zumute. Doch es geschah nichts. (Obwohl in diesen Tagen gerade sehr viel zu "geschehen" pflegte.) Die Bücher flogen weiter ins Feuer. Die Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners ertönten weiterhin. Und die Gesichter der braunen Studentengarde blickten, den Sturmriemen unterm Kinn, unverändert geradeaus, hinüber zu dem Flammenstoß und zu dem psalmodierenden, gestikulierenden Teufelchen.

In dem folgenden Jahrdutzend sah ich Bücher von mir nur die wenigen Male, die ich im Ausland war. In Kopenhagen, in Zürich, in London. – Es ist ein merkwürdiges Gefühl, ein verbotener Schriftsteller zu sein und seine Bücher nie mehr in den Regalen und Schaufenstern der Buchläden zu sehen. In keiner Stadt des Vaterlands. Nicht einmal in der Heimatstadt. Nicht einmal zu Weihnachten, wenn die Deutschen durch die verschneiten Straßen eilen, um Geschenke zu besorgen. Zwölf Weihnachten lang! Man ist ein lebender Leichnam.

Es hat zwölf lange Jahre gedauert, bis das Dritte Reich am Ende war. Zwölf kurze Jahre haben genügt, Deutschland zugrunde zu richten. Und man war kein Prophet, wenn man, in satirischen Strophen, diese und ähnliche Ereignisse voraussagte. Dass keine Irrtümer vorkommen konnten, lag am Gegenstand: am Charakter der Deutschen. Den Gegenstand seiner Kritik muss der Satiriker natürlich kennen. Ich kenne ihn.

(Erich Kästner [1899-1974], in: "Kästner für Erwachsene", vier Bände, Atrium 1966; ursprünglich aus dem Vorwort zu seinem ersten nach 1933 auch wieder in Deutschland erschienenen Gedichtband "Bei Durchsicht meiner Bücher", Atrium 1946)




(Dokumentation: "Der Tag, an dem die Bücher brannten" von Henning Burk, 2003 - Leider fehlen die letzten Minuten in dieser Version.)

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Denkmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung


(Das Denkmal befindet sich am Berliner Bebelplatz (Opernplatz), stellt einen unterirdischen Raum mit leeren Bücherregalen dar und wurde geschaffen von Micha Ullman, 1994/95.)

Montag, 11. Mai 2015

Esoterik und Faschismus: Alte Männer verklären die Geschichte


Die inzwischen offenbar senilen Eso-Jünger Konstantin Wecker und Holdger Platta haben anlässlich des historischen Befreiungstages am 8. Mai einen Text ins Internet gestellt, während in China gerade ein Sack Reis umfiel. Hier könnte dieser Blogeintrag enden - allerdings enthält jener Text eine Passage, die man sich genüsslich auf der Zunge zergehen lassen sollte, bevor man sich wild die Haare rauft und den beiden dementen Greisen die Pest an den Hals oder eine kompetente Betreuung durch einen Pflegedienst wünscht:

Es ist von ungeheuer großer Bedeutung, dass dieses Nazi-Regime nicht von einer Bevölkerungsmehrheit an die Macht gewählt worden ist, sondern an die Macht intrigiert wurde, und zwar von sogenannten "Eliten" des ostelbischen Adels, der Schwerindustrie an Rhein und Ruhr, und von dienstwilligen Finanzleuten und ultrakonservativen Politikern um den Reichspräsidenten Hindenburg herum.

Peng. Das sitzt. Wie kommen die beiden Clowns wohl auf die Idee, dass ein wiederholter Wahlsieg der Faschisten nicht auf den erklärten Willen einer Bevölkerungsmehrheit zurückzuführen sei? Eine "einfache" Mehrheit ist in wecker-plattaschem Sinne offenbar gar keine "echte" Mehrheit - da muss schon eine "absolute" Mehrheit als Bezug herhalten. Wie grotesk eine solche Sichtweise ist, muss ich hoffentlich niemandem erklären.

Selbstverständlich ist es wichtig zu betonen, dass eine Figur wie Hitler nur möglich war, weil interessierte, "elitäre" Kreise in Faschismus und Krieg die "bessere" Alternative sahen, ihre Pfründe weiterhin zu sichern und zu mehren - weshalb dieser Fakt aber von den beiden Hampelmännern mit der haltlosen Behauptung verknüpft wird, die NSDAP sei nicht von einer Bevölkerungsmehrheit gewählt worden, erschließt sich wohl nur einem strammen, bornierten Geschichtsrevisionisten. Diese haarsträubende Behauptung der Herren Wecker und Platta ist genauso hanebüchen und falsch wie die allseits beliebte Formulierung von der "Machtergreifung".

Kritik an dieser Erklärung ist bei den sektiererischen Brüdern natürlich nicht erwünscht: Platta begibt sich in seiner Replik auf den einzigen veröffentlichten (sic!) kritischen Kommentar gar direkt auf die Ebene der persönlichen Diffamierung und rät dem Kommentator zynisch, doch besser "nach drüben zu gehen", wenn es ihm hier nicht gefalle. Das passt ins eindimensionale Kinderbild dieser kruden Gestalten - ebenso wie die offenbar wissentlich und bewusst benutzte Missinterpretation des jahrhundertealten Topos' des "Narrenschiffes".

Hitler ist nicht "vom Himmel gefallen" wie eine göttliche Seuche, er wurde aber auch nicht von einer "Elite" aus dem Hut gezaubert und der verdutzten Bevölkerung alternativlos vor die Nase gesetzt. Die faschistische Ideologie, die Hitler damals repräsentierte, war in der gesamten Bevölkerung längst weit verbreitet - und damals wie heute war das ein Ergebnis der zuvor erfolgten Propaganda durch die Medien. Auch in diesem Punkt irren die beiden Verwirrten also, denn heute ist die Situation in gewisser Hinsicht durchaus vergleichbar mit damals: Die rechtsradikale Propaganda ist schon lange wieder in den Medien und damit auch in vielen Köpfen sowie natürlich in der Politik angekommen.

Auch der heutigen Bevölkerung - und das betrifft gewiss nicht nur Deutschland - ist es zuzutrauen, wieder einmal den eigenen Schlächter mit Begeisterung mehrheitlich zu wählen und dies nicht einmal dann zu bemerken, wenn das Blutmeer schon bis zur Hüfte reicht. Dazu benötigt man heute nicht einmal einen "neuen Hitler" - den Job erledigen CDU, SPD, FDP und Grüne auch ganz ohne GröFaZ vorzüglich.

Wenn es noch eines Beleges bedurfte, dass die schmierige Eso-Clique um den platten Wecker, den verschlafenen Platta und den verfaulten Fuß nicht nur redundantes, sondern auch gefährliches Zeug absondert, ist er hiermit erbracht.

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Wotan


"Das würde alles ganz anders blühen, wenn wir keine Juden in Deutschland hätten."

(Zeichnung von Wilhelm Schulz [1865-1952], in "Simplicissimus", Heft 9 vom 30.05.1927)

Musik des Tages: Sinfonie Nr. 5 in cis-moll




  1. Trauermarsch. In gemessenem Schritt. Streng. Wie ein Kondukt
  2. Stürmisch bewegt. Mit größter Vehemenz
  3. Scherzo. Kräftig, nicht zu schnell
  4. Adagietto. Sehr langsam
  5. Rondo-Finale. Allegro - Allegro giocoso

(Gustav Mahler [1860-1911]: "Sinfonie Nr. 5 in cis-moll" aus den Jahren 1901 bis 1904. World Orchestra for Peace, Leitung: Waleri Gergijew, 2010)

Anmerkung: Gustav Mahler war sich bewusst, dass er mit dieser Komposition im Begriff war, die bis dahin seit Jahrhunderten gültigen Begrenzungen des tonalen Raumes endgültig zu verlassen - eine Entwicklung, die ihn in massive Selbstzweifel und Ängste gestürzt hat, wie sie sich beispielsweise in einem Brief an seine Frau Alma wiederfinden, den er nach der Generalprobe zur Uraufführung in Köln 1904 schrieb:

Es ist alles passabel gegangen. Aber das Publikum - o Himmel - was soll es zu diesem Chaos, zu diesen Urweltsklängen, zu diesem sausenden, brüllenden, tosenden Meer für ein Gesicht machen? Was hat eine Schafherde zu einem "Brudersphären-Weltgesang" anderes zu sagen, als blöken!? O, könnt' ich meine Symphonien fünfzig Jahre nach meinem Tode uraufführen! Jetzt gehe ich an den Rhein, - der einzige Kölner, der nach der Premiere ruhig weiter seinen Weg nehmen wird, ohne mich für ein Monstrum zu erklären!

Dieser Einschätzung des Komponisten, die seinerzeit zunächst erwartbar der furchtbaren, biederen deutschen Realität entsprach, will ich 110 Jahre später nur eine einzige Empfehlung hinzufügen: Man lösche die Lichter, drehe die Musikanlage bis zum gerade noch vertretbaren Anschlag auf und tauche ein in diese fantastische - damals geradezu anarchistische - Klangwelt. Es versteht sich von selbst, dass die barbarische Nazi-Bande Mahlers Musik - nicht allein wegen der jüdischen Herkunft des Komponisten - ab 1933 als "undeutsch" klassifizierte und sie verbot.

Ich habe - ebenso wie Mahler - lange geglaubt bzw. gehofft, dass eine Spezies, die imstande ist, solch grandiose Werke hervorzubringen, auch irgendwann den Weg in eine gute Zukunft finden wird. Heute habe ich diese Hoffnung längst verloren. Die blökende Schafherde ist auch 110 Jahre und viele unsägliche Katastrophen später noch genauso dämlich wie sie es seinerzeit gewesen ist - und dasselbe trifft auf die Verkommenheit, kriminelle Energie und pure Lernresistenz der damals wie heute bis zum an Schwachsinn grenzenden Egoismus degenerierten Finanz- und Macht-"Eliten" dieses gruseligen Planeten zu.

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Der Volkswirt



"Über eine Milliarde Mark wird täglich fürs Essen hinausgeworfen. Wie nützlich könnte man dieses Geld verwenden!"

(Lithografie von Paul Schondorff [1880-?], in "Simplicissimus", Heft 3 vom 20.04.1925)

Freitag, 8. Mai 2015

Zitat des Tages: Ein Tag wie ein anderer Tag


Die Bäume wachsen wo sie gepflanzt wurden
die Wälder singen und wandern in die Bibliotheken
die Bibliotheken schweigen
wie die Fotos von Massakern schweigen
und ich schreie auf im Schlaf
wie du Entfernter im Wachen schreist

Jeder weiß genau dass er in Bewegung bleiben muss
stehenbleiben bedeutet den Tod
auf der anderen Seite von 1984 ist die Ruhe
sie ist voll von schöner Unruhe
die wir wegen der Krümmung dieser Jahre
noch nicht sehen

(Nicolas Born [1937-1979], in: "Gedichte", Wallstein 2004)



Donnerstag, 7. Mai 2015

Rassismus: Die Polizei, dein Feind und Schläger


Der WDR berichtet aktuell über einen erneuten Fall willkürlicher Polizeigewalt gegen einen Bürger, der sich, wenn man zwischen den Zeilen zu lesen vermag, wie ein böses Dokument aus der vergangenen Hölle des "Dritten Reiches" liest:

Medienberichten zufolge ist in dem Video zu sehen, wie Hüseyin E. aus seinem Auto aussteigt und sich dagegen lehnt. Er zeige seine Papiere und beteilige sich dann an einem Alkoholtest - alles offenbar vollkommen passiv. Dann, so die Beschreibung weiter, drehe der Polizist dem Mann urplötzlich einen Arm auf den Rücken, schlage mit der Faust auf ihn ein und trete mit dem Knie in Richtung seiner Genitalien.

Es versteht sich von selbst, dass der WDR mit keinem Wort darauf eingeht, dass es sich auch bei diesem Opfer polizeilicher Gewalt wiederum um einen Menschen mit "Migrationshintergrund" handelt - der geneigte Leser muss angesichts des Namens ("Hüseyin E.") eigene Schlüsse ziehen. Ein möglicher rechtsradikaler Hintergrund dieser amtlichen Gewalttat wird nicht thematisiert, stattdessen wird sehr eifrig darauf hingewiesen, dass nun alles seinen "rechtsstaatlichen" Weg gehe und der beschuldigte Schläger in Uniform "derzeit nicht im Streifendienst eingesetzt" werde. Toll. Dazu sollte man diesen Artikel und die folgende Ergänzung aufmerksam lesen.

Wir dürfen sicher sein, dass wir auch von diesem Fall aus den Untiefen der braundeutschen Sumpfprovinz nichts mehr hören bzw. lesen werden - und ganz besonders gilt das natürlich für die "weiteren Beamten", die dem Vorfall beigewohnt und vor Gericht - wie üblich - dreist gelogen und ihren Schlägerkollegen gedeckt haben. Ich fresse jedenfalls nicht nur einen, sondern gleich zehn Besen, wenn ausgerechnet im verschlafenen Provinznest Herford der braune Saustall in den Polizeirevieren endlich einmal - wenn auch nur exemplarisch - ausgemistet würde.

Hier noch einige Beispiele aus Bayern, wo seinerzeit bekanntlich die "Hauptstadt der Bewegung" (A. Hitler) verortet wurde:



Es stellt sich nun die Frage, wieso einige Beamte sich manchmal wie faschistische Schlägertrupps verhalten. Werden sie dazu explizit angehalten oder tun sie das aus eigener Motivation heraus, weil die Befugnisse, mit denen sie ausgestattet sind, allzu verlockend sind? Und welche Rolle spielt die Ausbildung dieser Polizisten, die man angesichts der mit diesem Beruf einhergehenden Machtfülle eigentlich nur prekär - oder auch schlicht lächerlich - nennen kann? Ich möchte diese Frage ums Verrecken nicht beantworten - das kann jeder mitlesende Mensch selber tun.

Dieser verkommene Staat hat das Ende des Märchens von der Weimarer Republik "freiheitlich-demokratischen Grundordnung" einmal mehr beinahe erreicht - es fehlt wahrlich nicht mehr viel.


(Neonazi-Aufkleber in einem Fahrzeug der bayerischen Polizei in Fürth, 2014: "Good night, left side")

Mittwoch, 6. Mai 2015

Song des Tages: Porcelain Heart




(Opeth: "Porcelain Heart", aus dem Album "Watershed", 2008)

I lost all I had (that April day),
I turned to my friends (nothing to say),
I wrote down a name (and read it twice),
I wallowed in shame.

I said that I loved (eternal schemes),
I cling to my past (like childish dreams),
I promised to stay (and held my breath),
I went far away.

Icy roads beneath my feet
Lead me through wastelands of deceit.
Rest your head now, don't you cry,
Don't ever ask the reason why.

Kept inside our idle race,
Ghost of an idol's false embrace.
Rest your head now, don't you cry,
Don't ever ask the reason why.



Anmerkung: Gern hätte ich hier das offizielle Video zu diesem bemerkenswerten musikalischen Werk der schwedischen Prog-Rocker eingestellt - der übliche Copyright-Bullshit der Musikindustrie hat das jedoch erfolgreich verhindert. Wer sich das durchaus sehenswerte, leider mit nervtötenden Werbeeinblendungen versehene Video trotzdem anschauen möchte, kann das beispielsweise hier tun.

Glücklicherweise habe ich aber den oben eingebetteten Clip gefunden, für den ein kreativer und offensichtlich versierter Mensch Szenen aus dem grandiosen Film "The Shining" von Stanley Kubrick über die Musik gelegt hat - und das sowohl inhaltlich, als auch rhythmisch-atmosphärisch absolut passgenau. Ich ziehe meinen Hut vor dieser durchdachten, guten Videoarbeit, die dem wunderbaren Song noch eine zusätzliche Dimension verleiht und die getrost als eine anschauliche Illustration des kapitalistischen Terrors aufgefasst werden kann.

Wäre ich ein "Blog-Pädagoge", hätte ich hier nur allzu gern die Aufgabe gestellt, den Song anhand dieses Videos (oder vielleicht auch umgekehrt?) ausführlich zu interpretieren. Wer Lust dazu hat, möge sich im Kommentarbereich oder per E-Mail darüber auslassen - und falls irgendwer Interesse an meinen eigenen Gedanken zu diesem Thema hat, reicht eine kleine Anfrage mit entsprechender Begründung.

Dieses Video in Verbindung mit diesem musikalischen Werk ist ganz große - wenn auch extrem bedrückende - Kunst.

Dienstag, 5. Mai 2015

Realitätsflucht (20): Arcania


Wohl kein anderes Spiel des Rollenspiel-Genres ist so verrissen und geschmäht worden wie mein heutiges Fluchtziel "Arcania" aus dem Jahr 2010. Zur Erklärung muss ich kurz ausholen: Es gab von 2001 bis 2008 die äußerst erfolgreiche und ungewöhnliche "Gothic"-Reihe (Teile 1 bis 3) aus dem Hause Piranha Bytes, die von der Firma JoWooD vertrieben wurde. Nachdem man sich 2009 getrennt hatte, verblieben die "Rechte" an der Reihe aus mir unbekannten Gründen zunächst bei der Vertriebsfirma JoWooD, so dass die ursprünglichen Entwickler keine Fortsetzung schaffen durften (ein herzlicher Gruß vom kapitalistischen Bullshit-Bingo der "Verwertungs"-Rechte) und dafür die eng an die "Gothic"-Welt anschließende und wiederum erfolgreiche "Risen"-Reihe in Angriff nahmen. Parallel dazu beauftragte JoWooD ein völlig neues Entwicklerstudio, nämlich Spellbound Entertainment, mit der Fortsetzung der "Gothic"-Reihe: So entstand das Spiel "Arcania", das den unpassenden und für den kompletten Misserfolg wohl hauptverantwortlichen Untertitel "Gothic 4" trägt.

Soviel zur verworrenen Entstehungsgeschichte dieses Spieles, das mit "Gothic" allerdings nichts zu tun hat, da es sich um ein völlig anderes Konzept handelt: "Arcania" ist ein Action-Rollenspiel, das streng linear aufgebaut ist und daher eher Spielen wie "Divinity 2", "Venetica" oder "The Witcher 2" ähnelt. Wer auch immer auf die absurde Idee gekommen ist, dieses Spiel "Gothic 4" zu nennen, kann nicht ganz bei Trost gewesen sein oder hat den erwartbaren Misserfolg minutiös geplant.

Dabei ist das Spiel - wenn man es eben nicht mit "Gothic" vergleicht - keineswegs schlecht, sondern ein sehr solider Vertreter seines Genres. Es ist zwar - selbst im höchsten der vier wählbaren Schwierigkeitsgrade - leider zu leicht und man merkt ihm an, dass es einerseits "neue Märkte" erschließen sollte (jeder auch noch so unerfahrene Anfänger sollte es problemlos durchspielen können) und andererseits den Sprung vom reinen PC- zum Konsolenspiel (also der Plattform für Kinder sowie erwachsene Dumpfbacken) bieten sollte. Ein solches Konzept tut keinem Spiel gut. Trotzdem macht es Spaß, wenn man reine Ablenkung ohne große Herausforderungen in einer zeitgemäßen, sehr hübsch gestalteten Fantasywelt sucht.

Zur Geschichte will ich hier nicht viel schreiben - wer sich dafür interessiert, kann diese beispielsweise im oben verlinkten Wikipedia-Text nachlesen. Selbstverständlich geht es auch hier darum, dass der (namenlose) Held das Land Argaan vor dem drohenden Untergang retten muss und auf seinem Weg unzählige Quests zu erledigen hat, die einerseits die Handlung vorantreiben und den Helden andererseits immer stärker werden lassen. Wie gewohnt gibt es Lernpunkte, die man einfach im Menü auf verschiedene Fähig- und Fertigkeiten verteilen kann, und ebenfalls wie gewohnt kann man seine Spielfigur zu einem Schwert- oder Axtkämpfer, zu einem Fernkämpfer mit Bogen oder Armbrust oder zu einem Magier entwickeln - oder auch zu einer wilden Mixtur daraus. Es gibt im Spiel jede Menge besonderer Ausrüstungsgegenstände wie Ringe, Amulette, Waffen oder Zaubersprüche, die man finden kann, wenn man die Welt genau durchsucht. Lediglich in Sachen Rüstungen knausert das Spiel ungemein.

Auch das Alchemiesystem ist aus anderen Spielen wohlbekannt: Man sammelt auf seinem Weg Unmengen von Kräutern und anderen Zutaten und kann diese zu nützlichen Tränken verarbeiten, sofern man die entsprechenden Rezepte besitzt. Genauso funktioniert hier das Schmiedesystem: Man benötigt eine Bauanleitung sowie die entsprechenden Zutaten - und schon lassen sich Tränke bzw. Waffen ganz einfach im Inventarmenü herstellen. Einen Alchemietisch oder eine Schmiede muss man dafür nicht aufsuchen. Ich persönlich bedaure das, zumal es offenbar ursprünglich anders konzipiert war, denn es gibt Alchemietische und Schmieden im Spiel, die sich auch benutzen lassen - allerdings kann man dort nichts tun. Genauso verhält es sich mit vielen anderen Gegenständen wie beispielsweise den Wasserfässern (an denen der Held sich in "Gothic" heilen konnte) oder Betten (in denen man, welch Zufall, schlafen und damit die Tageszeit beeinflussen und sich regenerieren konnte). Das ganze wirkt auf mich so, als sei da viel mehr geplant gewesen, was dann aber zugunsten der "Konsolenfreundlichkeit" wieder über Bord geworfen werden musste, damit auch der letzte Depp aus Oberbayern, Brandenburg, dem Emsland oder einem der Berliner Problembezirke weiß, was er tun soll.



Die deutsche Sprachausgabe ist professionell umgesetzt, die Musik ist passend, die Grafik ist zeitgemäß und auch heute (in der höchsten Auflösung) noch immer ansprechend. Es gibt sogar wunderbare Ironie im Spiel - beispielsweise wenn der Held auf seinem Weg in ein neues Gebiet einen Wachposten passiert und sich mit ihm unterhält: "Ich würde hier nur mit einer kleinen Armee weitergehen!" sagt der Wachmann warnend, und unser Held antwortet lapidar: "Ich bin eine kleine Armee." Überhaupt lebt auch dieses Spiel von den vielfältigen Dialogen - man sollte mit jedem NPC, der einem über den Weg läuft und der einen Namen trägt, unbedingt reden. - Heldenzitat aus dem Spiel, Platz 1:

"Ich glaube, ich haue dir jetzt erstmal eins aufs Maul!"

So let's go: Ich persönlich denke ja immer böse grinsend an die korrupte Bande der schmierigen Merkels, Gabriels und Konsorten, wenn ich wie hier fiese Monster, Banditen, Skelette oder Zombies niedermetzeln muss - das steigert den Spielspaß noch einmal erheblich.

Meine größte Kritik gilt in "Arcania" aber dem Finale, auf das man wirklich lange Zeit vorbereitet wird: Da gilt es im letzten Kapitel unzählige Quests zu erledigen, Gegner zu beseitigen, Höhlen und Ruinen zu erforschen und Gebiete zu erkunden. Das nimmt viele, viele Stunden in Anspruch, die eine Menge Spaß machen - und entsprechend hoch sind sodann die Erwartungen, wenn es endlich zur finalen Begegnung kommt. Die fällt dann aber eher wie ein lauer Furz vorm Schlafengehen aus und ist in wenigen Minuten vorbei - und, ehe man noch Luft holen kann, läuft schon der Abspann und das Abenteuer ist vorbei. Auch dies wirkt auf mich so, als sei viel mehr konzipiert gewesen - vielleicht aber ist das auch nur wieder die albekannte Abzockermasche, wesentliche Inhalte eines Spieles erst später als "Add-on" zu verkaufen und erneut dafür zu kassieren (es gibt ein solches "Add-on" zu diesem Spiel, das ich aber nicht kenne).

Trotzdem bleibt das Spiel für mich kurzweilige, entspannende Unterhaltung - besser als jeder flache Hollywood-Schinken es mit seinen lächerlichen 90 oder 120 Minuten je sein könnte. Ich habe es auf einem Win7/64-System ohne einen einzigen Absturz gespielt - aufgefallen sind mir lediglich ein paar wenige Grafik-Bugs, die aber der Rede nicht wert sind.


Samstag, 2. Mai 2015

Die späte Rache der Religioten: Ein Epilog?


Unser allseits geliebter Häuptling Verfaulender Fuß hat - freilich mit großer Verzögerung - inzwischen in dem vom ihm betreuten Eso-Blog Jenseits der Realität eine gleich zweiteilige Replik auf die Kritik an seinen esoterischen Wahnvorstellungen, die er selbstredend als böse, gar persönliche Anfeindungen aufgefasst hat, veröffentlicht. Wer sich das größtenteils redundante Zeug durchlesen will: Hier geht's zum ersten und hier zum zweiten Teil.

Inhaltlich kann und will ich dazu nicht weiter Stellung nehmen - alles aus meiner Sicht Relevante habe ich bereits geschrieben. Da der "Hochsensible" es in seinem Pamphlet aber tunlichst vermeidet, auf die zitierten Quellen - und dazu gehöre sowohl ich selber als auch beispielsweise der Altautonome - zu verlinken, hole ich das hier im Rahmen meiner Möglichkeiten nach:

  1. Wenn "hochsensible" Esos die Hosen herunterlassen: Ein Realitätsabgleich vom 25.03.14
  2. Der Eselshut vom 11.04.14
  3. Wecker braucht Geld vom 15.11.14
  4. Die Esos und das "Ur-Weibliche": Der Irrsinn bildet böse Metastasen vom 12.02.15
  5. Religiöse Irre unter sich vom 02.03.15

Ich bin allerdings zu faul, mich auch noch durch das Archiv der Eso-Seite zu klicken, um die entsprechenden Fundstellen der zitierten, aus dem jeweiligen Zusammenhang gerissenen Kommentarfragmente dort auch noch aufzufinden. Der Häuptling wird schon wissen, wieso er weder aufs Narrenschiff, noch auf die eigenen Textergüsse samt Kommentaren verlinkt - es ist schließlich bloß hinderlich, wenn LeserInnen sich selbst ein vollständiges Bild machen können. Ebenfalls ist es ihm keine Erwähnung wert, dass ich mich dort drüben gar nicht mehr äußern kann, selbst wenn ich das wollte, da die Herrschaften mich seit geraumer Zeit schlicht mitteilungslos ausgesperrt haben.

Nichts Neues also im magischen Voodooland des rottenfußschen Religiotismus: Er wirft mir und anderen Menschen Anfeindungen vor, feindet seine Kritker dabei an und hat - offensichtlich - noch nicht einmal den allzu feinen Übergang bemerkt, an dem ich von einem noch halbwegs ernstgemeinten, intellektuellen Auseinandersetzungsversuch mangels Resonanz zu bloßem Sarkasmus und lachender, manchmal auch herb-brüllender Ironie wechseln musste.

Wenn Herr Faulfuß an einer tatsächlichen Diskussion über die in Rede stehenden Themen interessiert gewesen wäre, hätte er auf die Kritik reagieren müssen, anstatt zunächst einen missliebigen Kritiker zu sperren und dann - in gebührendem zeitlichen Abstand - einen solchen hanebüchenen, das Thema weitgehend verfehlenden Text online zu stellen. Das grenzt schon an die üblichen Machenschaften von CDU und CSU, was der Mann da betreibt. ;-) Aber so kennen wir unsere Pappenheimer ja.

Und, lieber Roland, eine persönliche Bemerkung zum Schluss: Nein, ein aufgeweckter (sprich: aufgeklärter) Geist kann um einen solchen geistigen Dünnschiss (aktuell ist drüben bei Euch wieder ein himmelschreiender Blödsinn unter dem Titel "Himmlischer Handel. Über mönchische Kapitalismuskritik" zu finden) wahrlich nicht einfach "herumlesen", ihn "tolerieren" und stattdessen nur die übrigen "linken Texte" selektiv wahrnehmen. Es gilt - heute mehr denn je! -, klar Stellung zu beziehen und das, was man als Teil des Problems ausgemacht zu haben glaubt, auch als solchen zu benennen. Der Kollege von den Fliegenden Brettern hat kürzlich zu diesem Thema einen recht ansprechenden Text geschrieben, den Du dir in einer ruhigen Stunde einmal aufmerksam durchlesen solltest: "Wo alles gleich gültig ist, da ist alles gleichgültig."

Zu guter Letzt sei hier einmal mehr die Lektüre der Texte von Heinrich Heine empfohlen, von dem auch der folgende Aphorismus stammt, dem ich nichts weiter hinzuzufügen habe:

Kampf der Philosophen gegen die Religion: [Sie] zerstören die heidnische, aber eine neue, die christliche, steigt hervor, auch diese ist bald abgefertigt, doch es kommt gewiss eine neue, und die Philosophen werden wieder eine neue Arbeit bekommen, jedoch wieder vergeblich: die Welt ist ein großer Viehstall, der nicht so leicht wie der des Augias gereinigt werden kann, weil, während gefegt wird, die Ochsen drinbleiben und immer neuen Mist anhäufen.

(Heinrich Heine [1797-1856]: "Aphorismen und Fragmente", 1972; geschrieben vermutlich in den 1840er Jahren)

Donnerstag, 30. April 2015

Song des Tages: Einfach abhaun, einfach gehn




Wir sitzen in der Sonne nachmittags
Sekt in der Hand auf'm Balkon
Wir reden von Flucht, wollen weit weg
Sind in Gedanken schon auf und davon

Die Frauen machen sich wieder Gedanken
Der Sommer geht, der nächste ist weit
Sie friern solange ihr Lachen ein
Männer leben, als hätten sie keine Zeit

Die Kneipen sind voll von kleinen Spinnern
wo sich jeder in Sprüchen ergießt
Körper, die sich an Theken klammern
und keiner, der mir 'ne Rose schießt

Genies versuchen mit Schreibmaschinen
Die Katastrophen aufzuhalten
Und die alten Damen von Welt
Schminken ängstlich ihre Falten

Einfach abhaun, einfach gehn
Einfach weg, mal was andres sehn
Südsee vielleicht, oder so
Mit Palmen und Meer, da irgendwo

Man wird rebellisch und leicht verletzlich
Wacht launisch auf und nimmt alles schwer
Fängt an, sich in sich selbst zu verkriechen
Wär besser drauf, wenns wärmer wär

Wir sitzen in der Sonne nachmittags
Ziehn uns warme Träume rein
Sind in Gedanken schon auf und davon
Fliegen mit dem Wind, holen den Sommer ein

Einfach abhaun, einfach gehn
Einfach weg, mal was andres sehn
Südsee vielleicht, oder so
Mit Palmen und Meer, da irgendwo ...

(Ina Deter & Reinhard Mey: "Einfach abhaun, einfach gehn", Maxi-CD-Single 1999)


Anmerkung: Den visuellen Teil des Videos sollte man nicht beachten und stattdessen lieber den Text mitlesen, sinnierend aus dem Fenster schauen oder mit geschlossenen Augen eigenen Fantasien nachhängen - der Ersteller und Uploader dieses unschönen Machwerkes hat den kleinen Song offensichtlich nicht einmal in groben Ansätzen verstanden. Die "Bildungrepublik Deutschland" nach finsterer Merkel-Art lässt fein grüßen.

Für mich persönlich sind zwar weniger die Südsee oder Palmen das Ziel meiner Fluchtpläne, sondern eher die dunklen Wälder und menschenleeren Weiten des hohen Nordens, aber das ändert ja nichts an der Grundaussage dieses Liedchens, die mir aktuell wieder einmal unstillbar aus allen verfügbaren Poren quillt: In diesem furchtbaren Land will ich nicht mehr leben müssen ...

Wenn's denn mal so einfach wäre.

Zitat des Tages: Im Lande Vogelfrei


Ein Dichter bin ich und ich schreibe
mir die Dunkelheit vom Leibe,
damit ihr nicht, wie den von Kleist,
mich nackt in eine Grube schmeißt,
bevor aus deutscher Finsternis
ich mir ein Stückchen Leben riss.

Ich grüß, getrost auf Messers Schneide,
Herrn Walther von der Vogelweide,
der auch in diesem Vaterland
erst unterm Rasen Ruhe fand -
in Würzburg, wo ein Knecht hernach
des Riemenschneiders Hände brach.

Ja, Hochverrat und Hirngespinste
nennt dieses Volk die schönen Künste:
So zog in eines Feuers Rauch
von dannen Quirin Kuhlmann auch -
ach, endlos ist die Litanei
des Leids im Lande Vogelfrei.

Oh Land der Träumer und der Toten:
dem Tod sie ihre Stirne boten,
und mussten doch ins Dunkel fliehn
wie jener Friedrich Hölderlin,
der, dass er unter Deutsche kam,
sich doch zu sehr zu Herzen nahm.

Wie in Paris einst Heinrich Heine,
so lieg ich schlaflos nachts und weine.
Oh Volk, das sich bei Marschmusik
dreht um den Hals den eignen Strick:
Du hast die Freiheitsmelodien
den deutschen Dichtern nie verziehn.

Oh Volk der treuen Untertanen,
mit Hakenkreuz und Abgasfahnen,
im Land, das mir einst Heimat war,
mit Apfelbäumen, Mädchenhaar,
das meinen Mund mit Schweigen schlägt -
und das mir doch das Herz bewegt.

(Volker von Törne [1934-1980], in: "Im Lande Vogelfrei. Gesammelte Gedichte", Wagenbach 1981)




Mittwoch, 29. April 2015

CDU/SPD: "Hey, lasst uns den am Boden Liegenden doch endlich die Fressen blutig treten!"


Die Junge Welt (und meines Wissen einzig diese Zeitung) berichtet aktuell von den jüngsten Anschlagsplänen der neoliberalen Terrorbande auf die Schwachen dieser Gesellschaft:

Man will das Zweite Sozialgesetzbuch (SGB II) für die Verwaltung "vereinfachen", wird es aber, wie nach außen gedrungene Dokumente belegen, für "erwerbsfähige" Leistungsbezieher teils drastisch verschärfen. Nun wurde bekannt: Kranke, Behinderte und Rentner, die Grundsicherung nach dem Zwölften Sozialgesetzbuch (SGB XII) beziehen, müssen mit ähnlichen Einschnitten rechnen.

Das sollte sich jede/r aufmerksam durchlesen - ebenso wie den zugrundeliegenden "Arbeitsentwurf eines Gesetzes zur Änderung des Zwölften Buches Sozialgesetzbuch (Stand: 13.02.2015)" (pdf), den der Sozialrechtler Harald Thomé dankenswerter Weise ins Netz gestellt hat. Da bleiben keine Fragen hinsichtlich der Gesinnung dieser Bande mehr offen: Auf Alte, Kranke und Behinderte wird nunmehr ebenso hemmungslos eingedroschen wie auf Arbeitslose - je weniger sich ein Mensch noch wehren kann, desto härter wird ihm staatlicherseits brutal in die Fresse getreten.

Ich will auf einzelne Punkte aus diesem menschenfeindlichen Klopapier gar nicht näher eingehen, weil sie allesamt den braunen, faschistischen Geist einer längst vergangen geglaubten, widerwärtigen Zeit ausdünsten - wer des Lesens und Verstehens kundig ist, wird bei der Lektüre ebenso wie ich eine mehr als nur gruselige Gänsehaut am ganzen Körper nebst gewissen Gewaltfantasien verspüren.

Der Hartz-Terror war nicht das Ende, sondern lediglich der Beginn des erneuten kapitalistischen Feldzuges gegen "unnütze Esser" und "unwertes Leben". Wir dürfen uns auch hierzulande in Bälde auf amerikanische, griechische und letzten Endes äthiopische Verhältnisse freuen, wenn dieser Bande nicht endlich das perfide Handwerk gelegt wird. Es erfüllt mich mit vollkommener Fassungslosigkeit, dass diese verkommene Bagage angesichts der allseits bekannten (und gewollt herbeigeführten) dramatischen Entwicklungen in Sachen Armut auch in Deutschland trotzdem wie vom blanken Irrsinn getrieben weitermacht und die pure Bösartigkeit ihrer perversen Strategie sogar noch weiter verschärft.

Da geschieht nichts "versehentlich" - wenn diese Figuren nun auch den Alten, Kranken und Behinderten ihre Springerstiefel elitären, mit Rasiermesserklingen ausgestatteten Lackschuhe schamlos ins Gesicht treten, dann tun sie das bewusst und in voller Absicht. Das sind die "freiheitlich-demokratischen, westlichen Werte" des Jahres 2015 in Deutschland.

Und jetzt gehe ich kotzen, bis meine Galle glüht.

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Der Morgenweg zum Amt



(Kreidelithografie von Walter Gramatté [1897-1929] aus dem Jahr 1918, unbekannter Verbleib)

Dienstag, 28. April 2015

"Cold Calls": Neue Tricks der Werbefuzzis im rechtsfreien Raum


Ein Gastbeitrag von Altautonomer.

Mit Inkrafttreten des Gesetzes gegen unseriöse Geschäftspraktiken am 9. Oktober 2013 wurden die gesetzlichen Regelungen über nervende Werbeanrufe verschärft. Die mögliche Bußgeldhöhe wurde von 50.000 Euro auf 300.000 Euro angehoben. Auch sind seit der Gesetzesänderung Werbeanrufe, die mittels einer automatischen Anrufmaschine durchgeführt werden, bußgeldbewehrt. Dieses Gesetz ist aus Sicht der der Call-Center und insbesondere deren Betreiber jedoch ein rechtsfreier Raum, denn das Geschäft muss wohl dermaßen profitabel sein, dass sich die Personalkosten, die Investitionen in ein Großraumbüro und die einkalkulierten Bußgelder beim Erwischtwerden immer noch amortisieren. So gingen beispielsweise von Juli bis Dezember 2009 über 28.000 Beschwerden wegen unerlaubter Telefonwerbung bei der Bundesnetzagentur (BNA) ein, von denen nicht einmal 10% in ein Bußgeld mündeten.

Während kurz nach der Gesetzesnovelle einige Werbezentralen mit der verbotenen Rufnummerunterdrückung noch einige Monate eine Meldung des belästigten "Verbrauchers" bei der BNA verhindern konnten, haben sich die Trickser inzwischen eine neue Masche, die im Merkblatt der BNA noch gar keine Berücksichtigung bei der Verbraucheraufklärung findet, einfallen lassen, mit der sie das Verbot neuerdings - angeblich juristisch einwandfrei - umgehen.

Es folgt ein persönlicher Erfahrungsbericht - aber der Reihe nach:

Ich habe niemals an irgendwelchen Gewinnspielen, Preisrätseln oder Umfragen teilgenommen und auch niemanden um einen Anruf gebeten. Mein Festnetzanschluss ist in keinem Telefonbuch vermerkt, meine Rufnummer bei ausgehenden Anrufen unterdrückt. Und trotzdem wurde ich im März über mehrere Wochen regelmäßig von Werbeanrufen belästigt (Namen der Call-Center-Sklaven und der Betreiber wurden von mir im Folgenden geändert). Dabei waren die Akteure rhetorisch dermaßen plump und einfallslos, dass ich das System bereits beim zweiten Anruf durchschaut hatte.

Eines Tages klingelt das Telefon. Im Display eine mir unbekannte Nummer mit Hamburger Vorwahl. Ich hebe ab:

Ich: Ja, bitte?
Weibliche Stimme: Mein Name ist Janine Kempf, ich hätte gern mit Frau Karin Rothe gesprochen.
Ich: Da haben Sie sich wohl verwählt. Welche Nummer hat Frau Rothe denn?
(Sie nennt meine Festnetznummer und erklärt dazu, Frau Rothe habe per E-Mail um einen Rückruf gebeten.)
Ich: Da hat sich Frau Rothe wohl vertan.
Janine: Da ich Sie aber gerade in der Leitung habe, würde ich Ihnen gerne unsere Mobilfunk-Sondertarife der "funkfit" vorstellen, die sicher auch für Sie interessant sein könnten.
(Ich will reingrätschen und sagen, dass ich nicht interessiert bin, doch sie rasselt ohne Luft zu holen weiter.)
Janine: Wir könnten Ihnen z.B. zwei Prepaid-Karten zum Preis von einer anbieten.
(Mir reicht's. Ich schalte auf Angriff.)
Ich: Hören Sie mal, was Sie hier machen, ist verbotene Telefonwerbung. Ich habe Ihre Nummer notiert. Sie werden demnächst Post von der Bundesnetzagentur bekommen.
Janine: Wieso das denn, ich habe Sie doch gar nicht angerufen, sondern wollte Frau Rothe sprechen.
Ich: Ja, nee, is' klar. Und der Papst ist Moslem.

Danach habe ich aufgelegt. Beim nächsten Anruf ein paar Tage später, wieder mit Hamburger Vorwahl im Display, eine männliche Stimme: Frank Storchmann von der Firma "Callmobile", der ebenfalls Frau Rothe sprechen möchte und mich fragte, wie denn mein Name sei:

Ich: Ich bin der Sohn von Frau Rothe und hüte momentan ihr Haus, weil sie verreist ist. Wie kommen Sie überhaupt an diese Telefonnummer?
(Er geht gar nicht auf meine Frage ein.)
Frank: Herr Rothe, wie wäre es denn, wenn ich Ihnen bei dieser Gelegenheit einmal unsere Sonderkonditionen für Handytarife vorstelle?
Ich: Ich habe kein Handy und Sie rufen hier einfach ohne meine Zustimmung an, das kann teuer werden.
Frank: Ihre Frau Mutter hat an einem Gewinnspiel teilgenommen und ihre Telefonnummer für Werbezwecke freigegeben. Dass nun Sie sich melden, konnte ich nicht ahnen.
(Das stimmte natürlich nicht, wie sich später herausstellte - siehe weiter unten.)
Ich: Herr Stroh..., äh, Storchmann, ich nehme unser Gespräch ab jetzt auf Band auf, sind Sie damit einverstanden?
(Meine Basisstation hat wirklich diese Funktion. Frank legte jedoch einfach wortlos auf.)

Eine Weile machte ich mir einen Spaß daraus, die Anrufer auf eine immer wieder andere Art zu verarschen - bis es mir schließlich zu viel wurde, weil die Netzagentur trotz meiner wiederholten Beschwerden erst reagierte, nachdem ich mich beim Bundesministerium beschwert und beim letzten Mal nach dem Abheben des Telefonhörers (wieder Hamburger Vorwahl im Display, und es war ganz sicher nicht Thomas Ebermann oder Rainer Trampert dran) auch gleich mit den Worten "Fick dich ins Knie!" verabschiedet und aufgelegt hatte.

Das System ist folgendermaßen aufgebaut: Es wird in einem Ortsnetz eine x-beliebige Festnetznummer mit niedriger Endziffer ausgesucht. Name und Anschrift des Teilnehmers stehen ja meist im Telefonbuch. Dann wird mit einem IT-Programm automatisch diese Nummer angewählt, jedoch mit jeweils anderer Endziffer. So ist garantiert, dass unter der Vortäuschung des Verwählens neue potenzielle Kunden bzw. Werbeopfer kontaktiert werden können, ohne dass das Gegenteil bewiesen werden kann.

Frau Rothe (72) wohnt in meiner Heimatstadt, nicht weit von meiner Wohnung entfernt, und hat eine bis auf die letzte Ziffer identische fünfstellige Rufnummer wie ich. In der fraglichen Zeit habe ich mehrmals mit ihr telefoniert und sie auf dem Laufenden gehalten. Sie selber habe nie einen Werbeanruf erhalten, sagte sie mir. Sie versende auch keine E-Mails, nehme an keinen Gewinnspielen teil und habe auch niemals und niemanden um einen Anruf zu irgendeiner Produktinformation gebeten. Allerdings sei sie schon einmal von einem anderen Mann angerufen worden, der ihr dasselbe geschildert habe.

Fazit: Dieses Verbraucherschutzgesetz ist wieder einmal ein Placebo.