Ein Gastbeitrag von Altautonomer.
Zum ersten Mal hörte ich von den Fitnessarmbändern, auch "Wearables" oder "Lifetracker" genannt, vor ca. einem halben Jahr. Ein Sportmediziner meinte damals, dass diese Dinger in den USA bereits wie frische Semmel ihren Massenabsatz gefunden hätten und dieser Trend in den nächsten Monaten auch nach Deutschland schwappen werde. Diese Information habe ich seinerzeit noch mit einer Handbewegung abgetan, weil ich dachte, das sei sowieso nur etwas für ambitionierte Freizeit- oder Hobbyleistungssportler und Triathleten.
Der Preis von rund 60 Euro ist für diejenigen, die ohne Smartphone heute nicht mehr leben können und mit ihrem Hüftgold nicht mehr leben wollen, durchaus akzeptabel. Das bekannteste Produkt darunter ist die "AppleWatch". Allein im ersten Halbjahr 2014 soll dieser Markt um 684 Prozent gewachsen sein.
Nun lese ich in der letzten Ausgabe des Magazins meiner gesetzlichen Krankenversicherung auf drei Seiten einen Jubelartikel (also schlichte Reklame) über derartige Armbänder. Mit der Teilnahme an einem Gewinnspiel kann man sogar eine "AppleWatch" erwerben. Dazu betätigt sich dort ein prominenter Professor einer renommierten Sporthochschule als wohlfeiles PR-Mietmaul und empfiehlt den Tracker für Anfänger.
Diese kleinen Geräte sind mit einer Menge winziger Chips und Sensoren ausgestattet, die neben der Pulsfrequenz (es gibt inzwischen einige Hersteller, deren Geräte dies auch ohne Brustgurt ermitteln können - der Puls wird direkt am Handgelenk durch optoelektrische Sensoren gemessen) und der Körpertemperatur auch das Schlafverhalten (Summton bei ausreichender Dauer), die täglich zu Fuß zurückgelegte Strecke einschließlich Schrittzähler, den Kalorienverbrauch und den Sauerstoffgehalt des Blutes messen und speichern. Der Nutzer wird bei entsprechender Aktivierung dieser Funktion aufgefordert, täglich einen bestimmten Umfang an körperlichen Aktivitäten zu absolvieren und bei Verspätungen oder Nichterreichen der gesteckten Ziele durch ein akustisches Signal - bis hin zu einem leichten Elektroschock - daran erinnert. Viele dieser Geräte sind mit einer GPS-Funktion ausgestattet, die Geschwindigkeiten und Streckenverläufe aufzeichnet: Sozusagen der Personaltrainer am Handgelenk. Die gesammelten Daten sendet das Gerät via Bluetooth an ein Smartphone und eine spezielle App wertet die Informationen aus. Google hat dafür sogar ein eigenes Betriebssystem entwickelt, das sogenannte "Android Wear".
Dabei liegt es auf der Hand, dass derart sensible Daten die Gier anderer Institutionen und Datenverwerter wecken. Der Romanautor Marc Elsberg hat in seinem 2014 erschienenen Thriller "ZERO" ("Sie wissen, wer du bist, wo du bist und was du als nächstes tun wirst") die Gefahren der freiwilligen Preisgabe von sehr persönlichen Daten zum Zwecke der Selbstoptimierung durch professionelle Vermarktungsunternehmen zum Gegenstand seiner Erzählung gemacht. Es sind nicht nur facebook, Twitter, NSA und BND, die einerseits auf freiwilliger Basis, andererseits heimlich unsere Daten absaugen und verwerten. Es sind auch die User selbst, die entweder ahnungslos, naiv oder egozentrisch und leistungsorientiert auch diesen "trendigen" Unsinn mitmachen. Nur am Rande sei erwähnt, dass die IT-Experten von Kaspersky-Lab davor warnen, dass die Geräte zudem leicht zu hacken seien.
Mit der elektronischen Gesundheitskarte wurden alle Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen zwangsweise zu gläsernen Patienten. Nun steht ein "Trend" auf der Matte, der viele Menschen nach dem alten, unsäglich dummen Motto "Ich habe doch nichts zu verbergen" dazu verleiten soll, freiwillig weitere intime Daten an Fremde weiterzugeben. In den USA haben einige Krankenkassen längst ein "Bonusprogramm" für Mitglieder entworfen, die sich dieser permanenten Überwachung freiwillig unterwerfen.
Die Barmer GEK und die AOK Nord sind mit mobilen Apps auf der Jagd nach den Fitness-Daten ihrer Mitglieder. Die Analyse der Fitness-Tracker spart diesen Konzernen langfristig Geld: Je mehr Versicherte ihre Daten preisgeben, desto präziser wird die Risikoanalyse der Krankenkassen. Auch die Schwenninger Krankenkasse ist an den Gesundheitsdaten ihrer Mitglieder sehr interessiert. Während die AOK Nordost einen "health score" ermittelt und keine Belohnungen anbietet, ist die "FIT2GO"-App der Barmer GEK mit dem eigenen Bonusprogramm verknüpft.
Für Arbeitgeber wäre es sicher interessant, ein Mitarbeiterranking nach Fitness-Status in Kombination mit der Krankenstatistik zu führen - selbstverständlich alles ganz freiheitlich-demokratisch nur auf der Basis der Freiwilligkeit. Niemand wird dazu gezwungen. Aber diejenigen, die sich womöglich weigern mitzumachen, machen sich doch sehr verdächtig ... der Begriff der "Freiwilligkeit" wird hier ganz bewusst ad absurdum geführt.
Die bisherige Krönung in der Produktpalette ist der "SexFit", der Fitnessmesser für den Schniepel:
"SexFit" wird mit einer kostenlosen Smartphone-App synchronisiert und bietet Informationen über den Kalorienverbrauch beim Knattern und die Stöße pro Minute. So wie andere Fitness-Gadgets erlaubt es auch "SexFit", die Daten in den sozialen Medien mit der ganzen Welt zu teilen. Im Extremfall könnte der Chef am nächsten Morgen auf seinem PC-Bildschirm sehen, wer am Vorabend nach der Betriebsfeier mit wem noch geschnackselt - oder es zumindest versucht - hat.