Samstag, 4. August 2012

NRW: SPD und Grüne wollen staatliche Schadsoftware


SPD und Grüne wollen dem Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen die Quellen-TKÜ erlauben

(...) Dass das Vorhaben von SPD und Grünen, dem nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz eine Rechtsgrundlage für Quellen-TKÜ zu zimmern, nicht schon bei der Vorstellung des Vertrages mehr Aufsehen erregte, könnte unter anderem daran liegen, dass es keine eigene Überschrift bekam, sondern im Punkt "Kampf gegen Rechtsextremismus" versteckt wurde.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Wer sich selbst ein Bild machen möchte, kann den Koalitionsvertrag hier (pdf) abrufen und wird ab Zeile 7058 fündig. Der Überwachungswahn nimmt immer groteskere Ausmaße an - und parallel arbeiten die westlichen Staaten und ihre Militärs emsig an künftig zu führenden "Cyber-Kriegen": "Während [das] militärische Supervirus 'Flame' analysiert wird, drohen USA und NATO nun ganz offen mit Cyberangriffen. Sogar die deutsche Bundeswehr entwickelt offiziell Angriffskapazitäten." (Quelle: ORF)

Da werden geplante Totalüberwachungspläne gegen die gesamte Bevölkerung kurzerhand im "Kampf gegen Rechtsextremismus" versteckt und auf der anderen Seite wird ganz offen über staatliche "Cyber-Angriffe" schwadroniert. Im verlinkten Beitrag des ORF heißt es weiter: "Am 5. Juni kam die deutsche Bundeswehr, die sich in Sachen Cyberwar bis dahin extrem bedeckt gehalten hatte, mit der überraschenden Mitteilung heraus, dass nun auch Deutschland über 'Anfangskapazitäten' für diese Art von offensiver Kriegsführung verfüge." - Beide Vorgänge - die zudem mit Sicherheit nur die kleine Spitze eines immensen Eisberges darstellen dürften - fanden und finden in deutschen Propagandamedien nahezu nicht statt.

Es wird wohl Zeit, dass wir uns (wieder) an den Gedanken gewöhnen, dass das Finanzamt, das "Jobcenter", das Ordnungsamt oder die Gestapo Zugriff auf unsere ganz persönlichen Daten haben. Wenn sowohl staatliche Behörden, als auch das Militär über Schadsoftware verfügen, die sie gegen Bürger bzw. "Feinde" (beide Begriffe sind ja offenbar austauschbar) einsetzen können, ist das schrille Zeitalter der Scheindemokratie auch hochoffiziell beendet.

Das elitäre Gesindel macht einmal mehr ernst.

---


"Scheußlich, diese Demokratie! Man muss sich von Leuten wählen lassen, die man nicht mal als Stallknecht in seinem Hause dulden würde."

(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 7 vom 14.05.1928)

Ach, wie überraschend: Der Profit ist das Ziel


Industrie verwirrt Verbraucher / Krumme Gewichtsangaben, aufgehübschte Packungen: Seit 2009 dürfen Lebensmittel in allen möglichen Größen verkauft werden. Eine neue Studie zeigt: Den Herstellern geht es nicht um die Kunden, sondern um ihre Gewinne.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Endlich ist auch bis in die Redaktionsräume der Süddeutschen die bahnbrechende Erkenntnis vorgedrungen, dass wir bis zum Hals im Kapitalismus stecken - es ist kaum zu fassen! Bloß gut, dass es Studien gibt, die den einen oder anderen Journalisten darüber aufklären, worum es Unternehmen und Konzernen im Kapitalismus geht - von allein wären sie vermutlich nicht darauf gekommen.

Wer verwirrt "den Verbraucher" hier mehr - die Industrie oder doch eher die Zeitung? Manchmal grenzt das Zeitunglesen in unserer debilen, sich auflösenden Zeit nur noch an Ironie - oder das Gefühl eines heftigen Kampfes mit dem bleiernen Schlaf ...

---

Der flammende Leitartikel



(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 47 vom 16.02.1925)

Montag, 30. Juli 2012

Sensation: Die Wahrheit über den "NSU" - das "Narrenschiff" deckt auf


Nach eingehender Recherche steht nunmehr fest, dass die Wurzeln des so genannten "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) weitaus tiefer in die Vergangenheit ragen als bisher vermutet. Jüngst aufgetauchte Beweise belegen, dass der NSU bereits in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts mehr oder minder verschlüsselte Anzeigen in der Presse geschaltet hat.

Beispiel 1:


In dieser perfiden Botschaft vom 24.01.1927 ist bereits der angedeutete "Hitler-Gruß" zu sehen und es wird dezent auf die bevorstehenden Umwälzungen des Jahres '33 hingewiesen. Noch gibt man sich "volksnah" und beschwört harmlose Fahrräder.

Beispiel 2:


Diese Anzeige vom 21.03.1927 wird schon deutlicher - der rechte Arm wird nunmehr ungeniert in die Höhe gereckt, die "Fahrräder" sind zu "Motorrädern" mutiert und die dominierende Zahl ist die 50 - ein weiterer Schritt auf dem anvisierten Weg ins "tausendjährige Reich".

Beispiel 3:


Einen ersten Höhepunkt erlebte die Propaganda des NSU am 25.04.1927. Zu dem ausgestreckten rechten Arm hat sich der ebenfalls ausgestreckte Zeigefinger gesellt, der nach rechts in die Finsternis bzw. höllische Zukunft deutet; aus den "Motorrädern" sind nunmehr bereits "Automobile" geworden und der Text beschränkt sich auf reinen, dumpfen kapitalistischen Nationalismus: "Kaufe deutsche Wagen, kaufe N.S.U."

Angesichts dieser entwaffnenden - und keinesfalls vollständigen - Beweise scheint demnach festzustehen, dass die Gestapo, die sich seit 1945 euphemistisch "Verfassungsschutz" nennt, in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts lediglich alte, längst bestehende Strukturen bemüht oder wiederbelebt hat. Die Ähnlichkeit des Kürzels "NSU" mit "CSU" wird auf diese Weise auch schnell begreifbar.

Die Geschichte des "Gestapo-Verfassungsschutzes" und der "NSU-CSU" muss dringend neu geschrieben werden. Das "Narrenschiff" bewirbt sich daher für den diesjährigen Henri-Nannen-Preis, der durch die Verleihung an die Schmierfinken der BLÖD-"Zeitung" ja sowieso einer dringenden Neuaufwertung bedarf.

---

P.S.: Es handelt sich bei den Abbildungen um nicht manipulierte Original-Werbeanzeigen der Firma NSU Motorenwerke - Quellen wie angegeben bzw. verlinkt.

Donnerstag, 26. Juli 2012

Song des Tages: A Darkness Coming




(Katatonia: "A Darkness Coming", aus dem Album "Tonight's Decision", 1999)

So near
So close
Something bad is seen
But I
Seem to be
The only one that can see
There is a darkness coming

And they
The others
They don't know a thing what's next
But I'm not here to say
What should be done about this
I just lift my eyes to watch

I saw it coming - something bad
I saw it coming - something bad
I saw it coming - something bad
I saw it coming - to an end

So near
So close
Something bad is seen
But I
Seem to be
The only one that can see
There is a darkness coming


Die braune Geschichte der Superreichen




Anmerkung: Diese Dokumentation ("Das Schweigen der Quandts") ist nicht neu, meiner Ansicht nach aber viel zu wenig bekannt in Deutschland. Der Film wirft einen erhellenden Blick auf die "vermutlich reichste Familie Deutschlands" und ihre grausamen Aktivitäten in der finsteren Nazi-Zeit, für die jedoch niemand aus jener Familie zur Rechenschaft gezogen worden ist. Der heutige Superreichtum der Familie Quandt begründet sich laut den im Film präsentierten Dokumenten mindestens teilweise auf der schamlosen Ausbeutung von verschleppten KZ-Sklaven und deren mannigfachem, qualvollem Tod.

Es ist einfach nur entsetzlich, dass solche Leute auch heute zu den mächtigsten und einflussreichsten Personen in diesem Land gehören und ihren teilweise verbrecherisch angeeigneten Reichtum ständig leistungslos weiter vermehren können - wie immer im Kapitalismus natürlich auf Kosten aller anderen.

Genau hier - und bei einigen anderen Familien mit oft ähnlich schauriger Geschichte - ist all das Geld zu finden, das überall fehlt. Und schon wieder muss ich dazu Erich Kästner zitieren, der schon in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts geschrieben und als Adressaten sicherlich auch jene im Film vorgestellten Herren Quandt im Sinn gehabt hat:

Ansprache an Millionäre

Warum wollt ihr so lange warten,
bis sie euren geschminkten Frauen
und euch und den Marmorpuppen im Garten
eins über den Schädel hauen?

Warum wollt ihr euch denn nicht bessern?
Bald werden sie über die Freitreppen drängen
und euch erstechen mit Küchenmessern
und an die Fenster hängen.

Sie werden euch in die Flüsse jagen.
Sinnlos werden dann Schrei und Gebet sein.
Sie werden euch die Köpfe abschlagen.
Dann wird es zu spät sein.

Dann wird sich der Strahl der Springbrunnen röten.
Dann stellen sie euch an die Gartenmauern.
Sie werden kommen und schweigen und töten.
Niemand wird über euch trauern.

Wie lange wollt ihr euch weiter bereichern?
Wie lange wollt ihr aus Gold und Papieren
Rollen und Bündel und Barren speichern?
Ihr werdet alles verlieren.

Ihr seid die Herrn von Maschinen und Ländern.
Ihr habt das Geld und die Macht genommen.
Warum wollt ihr die Welt nicht ändern,
bevor sie kommen?

Ihr sollt ja gar nicht aus Güte handeln!
Ihr seid nicht gut. Und auch sie sind's nicht.
Nicht euch, aber die Welt zu verwandeln,
ist eure Pflicht!

Der Mensch ist schlecht. Er bleibt es künftig.
Ihr sollt euch keine Flügel anheften.
Ihr sollt nicht gut sein, sondern vernünftig.
Wir sprechen von Geschäften.

Ihr helft, wenn ihr halft, nicht etwa nur ihnen.
Man kann sich, auch wenn man gibt, beschenken.
Die Welt verbessern und dran verdienen -
das lohnt, drüber nachzudenken.

Macht Steppen fruchtbar. Befehlt. Legt Gleise.
Organisiert den Umbau der Welt!
Ach, gäbe es nur ein Dutzend Weise
mit sehr viel Geld ...

Ihr seid nicht klug. Ihr wollt noch warten.
Uns tut es leid, ihr werdet's bereuen.
Schickt aus dem Himmel paar Ansichtskarten!
Es wird uns freuen.

(Erich Kästner: Gesang zwischen den Stühlen, Berlin 1932)

Montag, 23. Juli 2012

Zitat des Tages: Lied der Zeit


Hunderttausend Räder rasen hin und her,
Rattern über Schienen, stampfen durch das Meer,
Dröhnen in Fabriken, schrillen durch den Schacht,
Donnern über Brücken, brausen durch die Nacht.
Hunderttausend Drähte schwirren, zischen gell,
Geifern Hass und Lüge, heulen wild und grell.
Eine ungeheure Fratze brüllt und schreit:
"Zeit ist Geld. - Geld ist Zeit!
Arm ist nur die Ewigkeit!"

Millionen Arme hämmern Tag und Nacht,
Reißen auf die Erde, hacken tief im Schacht.
Millionen Hände raffen wild in Hast.
Millionen Rücken keuchen unter Last.
Hocken in Fabriken tot. Stumm, dumpf.
Krümmen sich und schuften stier, starr, stumpf.
Eine ungeheure Fratze brüllt und schreit:
"Zeit ist Geld. - Geld ist Zeit!
Arm ist nur die Ewigkeit!"

Fette Hände häufen Gold auf Gold.
Die Millionen wachsen, die Milliarde rollt.
Lippen kommandieren Heer gegen Heer,
Fäuste präsentieren blind das Gewehr.
Millionen Hirne sinnen: "Hass und Tod!"
Millionen Stimmen wimmern: "Brot! Brot! Brot!"
Eine ungeheure Fratze brüllt und schreit:
"Zeit ist Geld. - Geld ist Zeit!
Arm ist nur die Ewigkeit!"

(Siegfried von Vegesack [1888-1974], in "Simplicissimus", Heft 20 vom 17.08.1925)


Geld: Die "geheime Staatsreligion"


Die milliardenschweren Rettungspakete in Europa sind für Raimund Brichta nichts anderes als ein großer Bluff. Denn ganz gleich, ob damit Banken oder Staaten aus der Schuldenmisere geholfen werden soll - bezahlt werden die Hilfen mit neuen Schulden.

"Das ist ungefähr so, als würdest du in 'nem verrauchten Hinterzimmer in 'ner Kneipe in 'ner Pokerrunde sitzen, und du brauchst dringend Geld. Dann sagst du zum Zweiten: ‚Leih’ mir was!’ Dann sagt der zu dir: ‚Ich hab' selber nix. Aber die Schulden, die der Dritte bei mir hat, die kann ich dir geben.’ Dann sagst du: ‚Super. Und als Sicherheit bekommst du vom Vierten die Schulden, die ich bei dem hab'.’ ‚Spitze’, sagen dann alle und fangen an zu zocken. Frage: Wie viel Geld liegt jetzt gerade auf dem Tisch?" (HG. Butzko, Kabarettist)

(Weiterlesen)

Anmerkung: Raimund Brichta ist trotz seiner "seriösen Stellung" bei der Telebörse schon des öfteren mit markanten, aufklärerischen Beiträgen zum Wesen des Geldsystemes aufgefallen, und auch dieser kleine Text wirft ein erhellendes Licht auf die absurde Unsinnigkeit der milliardenschweren "Rettungsschirme" - bitte unbedingt lesen.

Noch etwas deutlicher wird das ganze in diesem kleinen 3-sat-Bericht ("Goodbye Bargeld"):



Wer sich noch umfassender informieren will und das Lesen ganzer Bücher scheut, dem sei einer der vielen Vorträge Prof. Franz Hörmanns ("Das Ende des Geldes") empfohlen. Auch wenn man vielleicht nicht allen seinen Schlussfolgerungen en detail folgen mag, ist diese Aufklärung über das "Wesen des Geldes" mehr als sinnvoll und wichtig. - Nebenbei werden auch andere wichtige Themen angeschnitten, wie beispielsweise die völlige Idiotie von Konkurrenz und Wettbewerb, die eine nötige Weiterentwicklung der Gesellschaft in Richtung Kooperation vollständig unterbinden.



Allen gemeinsam ist das Fazit des unvermeidlichen, nahenden Crashs des Systems - wie schon so viele Male zuvor. - Periodisch grüßt das Murmeltier, und die meisten Menschen grüßen wie von Sinnen stupide zurück ...

---

Es wird weiterberaten


"Die Welt brennt! Auf zur Löschkonferenz!"

(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 21 vom 18.08.1920)

Donnerstag, 19. Juli 2012

Der "Durchschnittsmilliardär" und seine Sorgen


(...) In Deutschland gibt es 800.000 Millionäre, das sind ziemlich genau 1 Prozent der Bevölkerung. Diese 800.000 Millionäre haben ein Vermögen von 2,2 Billionen Euro. Bei den Milliardären wird es übersichtlicher; 100 soll es in Deutschland geben, die ein Vermögen von 307 Milliarden Euro besitzen. (...)

Wenn man einmal einen deutschen Durchschnittsmilliardär (DSM) kreieren will, dann hat dieser ein Vermögen von 3 Milliarden Euro. Oder anders ausgedrückt: 3.000 Millionen Euro. (...) Wenn man mal ganz konservativ von einer Rendite von 5 Prozent pro Jahr ausgeht, dann "erwirtschaftet" unser DSM 150 Millionen Euro. Jedes Jahr. Ohne jeden Tag acht Stunden irgendwo hinzurennen. Um das täglich Brot, den Erhalt des Arbeitsplatzes, Kosten für den Sportverein oder all die anderen Probleme Otto Normalverbrauchers, die irgendwie mit Geld zusammenhängen, muss sich der DSM defintiv nicht kümmern. Geld ist für ihn immer ausreichend vorhanden.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Ein schönes Gedankenexperiment, das sicher Wasser auf die Mühlen so manchen Verschwörungstheoretikers sein dürfte. Dennoch bleibt die Frage interessant: Was täte ich, wenn ich zu diesem "erlauchten Kreis" der Milliardäre gehörte? Fiele ich ebenfalls der Gier nach immer mehr und dem Verfestigen der eigenen Privilegien auf Kosten der übrigen Menschheit zum Opfer? Oder bliebe ich meinen Überzeugungen treu und setzte das viele Geld und die Macht zum Wohle der Menschen ein - und gäbe letztlich sowohl den Superreichtum, als auch die damit verbundene Macht auf?

Ich wage es nicht, diese Frage schlussendlich zu beantworten, denn ich weiß, dass Geld und Macht - auch schon dann, wenn sie in weitaus geringerem Umfang vorliegen - korrumpieren. Daraus folgt aber auch, dass wir bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag darauf warten könnten, dass Impulse zur nachhaltigen Veränderung von der "Elite" ausgehen. Veränderungen müssten von außen kommen.

Darauf können wir allerdings ebenfalls bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag warten, fürchte ich. Die Menschheit ist wie blind in die Falle des Zinsgeldes und des Kapitalismus gelaufen und irrt seit Jahrhunderten ebenso blind in ihr herum.

Der großartige Erich Kästner schrieb dazu im Jahre 1930:

Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?

Und immer wieder schickt ihr mir Briefe,
in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt:
"Herr Kästner, wo bleibt das Positive?"
Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.

(...)

Ihr streut euch Zucker über die Schmerzen
und denkt, unter Zucker verschwänden sie.
Ihr baut schon wieder Balkons vor die Herzen
und nehmt die strampelnde Seele aufs Knie.

Die Spezies Mensch ging aus dem Leime
und mit ihr Haus und Staat und Welt.
Ihr wünscht, dass ich's hübsch zusammenreime,
und denkt, dass es dann zusammenhält?

Ich will nicht schwindeln. Ich werde nicht schwindeln.
Die Zeit ist schwarz, ich mach euch nichts weis.
Es gibt genug Lieferanten von Windeln.
Und manche liefern zum Selbstkostenpreis.

Habt Sonne in sämtlichen Körperteilen
und wickelt die Sorgen in Seidenpapier!
Doch tut es rasch. Ihr müsst euch beeilen.
Sonst werden die Sorgen größer als ihr.

Die Zeit liegt im Sterben. Bald wird sie begraben.
Im Osten zimmern sie schon den Sarg.
Ihr möchtet gern euren Spaß daran haben ...?
Ein Friedhof ist kein Lunapark.

(Erich Kästner [1899-1974]: "Das letzte Kapitel", Berlin 1930)

---

Rationalisierung


"Seht ihr, Kinder, früher hat mein Vater noch tausend deutsche Arbeiter gebraucht, um sich ein Kapital zu schaffen, und heute braucht er nur noch eine einzige Schweizer Bank, um keine Arbeiter mehr zu brauchen."

(Zeichnung von Eduard Thöny [1866-1955], in "Simplicissimus", Heft 19 vom 04.08.1930)

In eigener Sache: Verschwundene Kommentare


Aus bislang unbekannten Gründen sind sämtliche Kommentare, die zwischen dem 02. und 16. Juli in diesem Blog geschrieben wurden, verschwunden. Meine Nachfrage bei blogger.com ist bislang unbeantwortet geblieben. Ich weise aber explizit darauf hin, dass - mit Ausnahme von Spam und einigen wenigen rassistischen Einträgen - von mir keine Kommentare gelöscht wurden. Es handelt sich offenbar um ein technisches Problem, das inzwischen offenbar wieder behoben ist.

Dennoch ist die Sache extrem ärgerlich, da gerade in diesen zwei Wochen viele Beiträge dabei waren, die ich persönlich als sinnvoll und erklärend empfunden habe. Falls Ihr die Mühe nicht scheut, würde ich mich über den einen oder anderen Rekonstruktionsbeitrag sehr freuen.

Ein großes Sorry und vielen Dank an alle Beitragenden!

Montag, 16. Juli 2012

Song des Tages: When The Tigers Broke Free




(Roger Waters: "When The Tigers Broke Free", aus dem Film "Pink Floyd - The Wall" (1982) von Alan Parker)

It was just before dawn
One miserable morning in black '44
When the forward commander
Was told to sit tight
When he asked that his men be withdrawn.
And the Generals gave thanks
As the other ranks held back
The enemy tanks for a while.
And the Anzio bridgehead
Was held for the price
Of a few hundred ordinary lives.

And kind old King George
Sent mother a note
When he heard that father was gone.
It was, I recall,
In the form of a scroll,
With gold leaf and all.
And I found it one day
In a drawer of old photographs, hidden away.
And my eyes still grow damp to remember
His Majesty signed
With his own rubber stamp.

It was dark all around
There was frost in the ground
When the tigers broke free.
And no-one survived
From the Royal Fusiliers Company C.
They were all left behind,
Most of them dead,
The rest of them dying.
And that's how the High Command
Took my daddy from me.



Anmerkung: Es ist müßig zu erwähnen, dass dieser Song von Roger Waters autobiografische Züge trägt und seinem Vater Eric Fletcher Waters (1913-1944) gewidmet ist. Halten wir uns einfach vor Augen, dass nach dem Zweiten Weltkrieg bis einschließlich heute und auch weiterhin in vielen weiteren furchtbaren Kriegen weltweit massenhaft Kinder zu Halb- oder Vollwaisen oder zu Krüppeln gemacht oder sie gleich mit ermordet wurden.

Krieg ist eine systemimmanente Konstante des Kapitalismus. Solange der Kapitalismus uns beherrscht und ausbeutet, solange wird es Kriege geben.

Ach, wie überraschend: Militär schadet der Charakterentwicklung


Unreife Rekruten / Schon neun Monate Bundeswehr schaden der Charakterentwicklung, sagen Forscher.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Dazu passt wunderbar Obamas neue "Kriegsstrategie": "To avoid counting civilian deaths, Obama re-defined 'militant' to mean 'all military-age males in a strike zone'" (via Fefe). Da hat die charakterliche Fehlentwicklung schon das Endstadium erreicht, will mir scheinen.

Im Artikel steht sinngemäß, dass Obama, um die zivilen Opfer der amerikanischen Angriffe nicht mehr zählen bzw. veröffentlichen lassen zu müssen, einfach verfügt hat, dass ab sofort alle männlichen Toten, die im passenden Soldaten-Alter im Angriffsgebiet aufgefunden werden, automatisch als "Militante" (also als nicht-zivile Opfer) gezählt werden.

Fefes Fazit habe ich nichts weiter hinzuzufügen: "Jetzt brauchen wir nur Streumunition, damit man am Ende Frauen und Männer nicht mehr gut auseinanderhalten kann. Und wir brauchen noch eine Idee, was wir mit den Kinderleichen tun sollen. Ich bin mir sicher, dass Obama auch dafür eine Lösung finden wird. Guter Mann, dieser Obama!"

Samstag, 14. Juli 2012

30 Millionen Kinder aus reichen Ländern leben in Armut


Rund 30 Millionen Kinder wachsen in den 35 reichsten Staaten der Welt in relativer Armut auf, fast 1,2 Millionen dieser Mädchen und Jungen leben in Deutschland. Ungefähr ebenso viele Kinder in Deutschland entbehren notwendige Dinge wie regelmäßige Mahlzeiten oder Bücher. Dies sind Ergebnisse der neuen UNICEF-Studie "Kinderarmut messen – Neue Ranglisten der Kinderarmut in den reichen Ländern der Welt".

(Weiterlesen)

Anmerkung: Dieses erschütternde Ergebnis des kapitalistischen Systems kann noch getoppt werden: Die Bundesregierung selbst nennt in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke eine noch besorgniserregendere Zahl - bezogen auf alle Altersgruppen und nur auf die EU: "2010 seien es rund 80,9 Millionen [armutsgefährdete Personen in der EU] gewesen." - Das ist mehr als die gesamte Einwohnerzahl Deutschlands.

Es wird mir immer unbegreiflicher, wieso ein System, das immer wieder solche katastrophalen Fehlentwicklungen zur Folge hat, nicht einmal ansatzweise in Frage gestellt wird. Die Bilanzen dürften sich in Kürze noch drastisch verschlimmern - erfasst sind bislang ja ohnehin nur Zahlen bis 2010. Die aktuellen Entwicklungen in Griechenland, Spanien und vielen anderen Ländern, in denen die Obdachlosigkeit genauso stark zunimmt wie die Selbstmordrate, werden ein noch grauenhafteres Bild von dieser kapitalistischen Welt zeichnen.

An die vielen, vielen Millionen Menschen, die in weniger privilegierten, noch stärker ausgebeuteten Teilen der Welt in bitterster Armut leben und sterben müssen, damit die wenigen Superreichen weiter ihre überquellenden Geldspeicher auffüllen können, muss ich in diesem Zusammenhang auch wieder erinnern. Sicherlich ist es ein bodenloser Skandal, dass Menschen in reichen Ländern massenweise zur Armut verdammt werden - das ändert aber nichts daran, dass das kapitalistische System weitaus mehr arme Länder produziert, in denen unsereiner kaum überleben könnte. Die Ursache für beide Phänomene ist dieselbe. Und sie ist seit langem bekannt - wird aber einfach nicht thematisiert.

---

Der Volkswirt


"Über eine Milliarde Mark wird täglich fürs Essen hinausgeworfen. Wie nützlich könnte man dieses Geld verwenden!"

(Lithografie von Paul Schondorff [1880-?], in "Simplicissimus", Heft 3 vom 20.04.1925)

Donnerstag, 12. Juli 2012

Zitat des Tages: Weltuntergang


Verhangene Türme geistern durch die Nacht.
Die Berge zittern. Inseln frisst das Meer.
Die Wolken dröhnen, schreckhaft hohl und leer,
Und übers Land zieht eine Furienjagd.

Die Menschen rotten sich zuhauf.
Ins Irre schießt ein rasender Komet.
- Eh sich der Globus einmal dreht,
Sind Mensch und Tier - Glut, Flamme, Staub.

(Herbert Schildknecht [1892-1970], in "Simplicissimus", Heft 4 vom 27.04.1925)

"Deutschland geht es gut": Prost Armut!


Deutschland ist europäischer Spitzenreiter bei der Ausbreitung von Armut. Im Zeitraum zwischen 2004 und 2009 sind in keinem anderen EU-Staat die existentiellen Nöte bei Erwerbstätigen und Arbeitslosen rascher gewachsen als hierzulande. So lautet das Ergebnis einer Untersuchung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, über die in der aktuellen Ausgabe der Verbandszeitschrift Impuls berichtet wird. Für den Sozialwissenschaftler Eric Seils ist die Entwicklung ursächlich verbunden mit der Einführung der Hartz-IV-Gesetzgebung, die seinerzeit im Rahmen der "Agenda 2010" von der rot-grünen Regierung unter Gerhard Schröder (SPD) ins Werk gesetzt wurde. Seither hat sich vor allem die Lage der Erwerbslosen drastisch verschlechtert: Von ihnen lebten vor drei Jahren fast drei Viertel unterhalb der Armutsgrenze.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Angesichts solcher Meldungen - die selbstverständlich in den etablierten Propagandamedien keine Beachtung finden - möchte man der Merkel ihr "Deutschland geht es gut"-Märchen links und rechts schallend um die Ohren hauen. Sie verarmen das ganze Land und sind dabei sogar noch "europäischer Spitzenreiter", während eine kleine Minderheit weiterhin obszönen Superreichtum anhäuft, dessen Ausmaße man inzwischen nur noch als vollkommen grotesk bezeichnen kann. Wolfgang Schreyer Hat es erst kürzlich im Ossietzky ausgerechnet: Jeder einzelne Clan dieser schmierigen "Elite" wird kontinuierlich jeden Tag um 585.000 Euro reicher. Jeden einzelnen Tag.

Inzwischen kommen sogar schon kapitalistische, erzkonservative Kreise auf die naheliegende Idee, diesen Superreichtum ein wenig zugunsten der Allgemeinheit umzuverteilen: "Reiche sollen zahlen". meint das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Aber unsere Genies in Berlin kontern sogleich: "Bei Wirtschaftspolitikern von Union und FDP stieß der DIW-Vorschlag auf Ablehnung. Das DIW habe 'ganz tief in die rote Mottenkiste gegriffen', kritisierte FDP-Fraktionsvize Volker Wissing. Der Sprecher des CSU-Wirtschaftsflügels, Hans Michelbach, sagte zu Handelsblatt Online, 'Hauptleidtragende' dieses Schuldenmodells [sei] die Mittelschicht. Er nannte die DIW-Idee einen 'Sommerlochwiedergänger'."

Was soll man dazu noch sagen? Sie zerstören seit über einem Jahrzehnt die viel beschworene Mittelschicht und beschwören sie einfach munter weiter, wenn Superreiche - und nicht etwa besagte Mittelschicht - endlich zur Kasse gebeten werden sollen. Das ist kein "Sommerlochwiedergänger" - das ist der "Großangriff der Zombies"!

Und selbstverständlich folgen auch die aktuelle deutsche Politik und die strippenziehende "Elite" in der stets wiederkehrenden Endzeit des Kapitalismus allzu bekannten ausgetretenen Pfaden.

---

Entfettung


"Hier haben Sie eine Mark - und nun verraten Sie mir aber auch, wie Sie es angefangen haben, so schlank zu werden!"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 21 vom 24.08.1925)

Montag, 9. Juli 2012

"Song" des Tages: Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei


In Ermanglung einer anderen Quelle könnt Ihr Euch diese großartige Vertonung eines Textes von Jean Paul auf dieser Seite anhören (auf das orangefarbene Abspielsymbol klicken) und/oder herunterladen (auf "Download" darüber klicken).

(Oskar Sala: "Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei", aus dem Album "My Fascinating Instrument", 1990 - Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1986.)



Ich lag einmal an einem Sommerabende vor der Sonne auf einem Berge und entschlief. Da träumte mir, ich erwachte auf einem Gottesacker. Die abrollenden Räder der Turmuhr hatten mich erweckt. Alle Gräber waren aufgetan, und die eisernen Türen des Gebeinhauses gingen unter unsichtbaren Händen auf und zu. An den Mauern flogen Schatten, die niemand warf, und andere Schatten gingen aufrecht in der bloßen Luft. Am Himmel hing ein grauer schwüler Nebel, den ein Riesenschatten immer näher, enger und heißer herein zog. Über mir hörte ich den fernen Fall der Lawinen, unter mir den ersten Tritt eines unermesslichen Erdbebens. Die Kirche schwankte auf und nieder. Zuweilen hüpfte an ihren Fenstern ein grauer Schimmer hinan, und unter dem Schimmer lief das Blei und Eisen zerschmolzen nieder. Ich ging durch unbekannte Schatten, denen alte Jahrhunderte aufgedrückt waren. - Alle Schatten standen um den Altar. Oben am Kirchengewölbe stand das Zifferblatt der Ewigkeit, auf dem keine Zahl erschien; nur ein schwarzer Finger zeigte darauf, und die Toten wollten die Zeit darauf sehen.

Jetzo sank eine hohe edle Gestalt mit einem unvergänglichen Schmerz auf den Altar hernieder, und alle Toten riefen: "Christus! ist kein Gott?"

"Es ist keiner."

"Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, soweit das Sein seine Schatten wirft, und schaute in den Abgrund und rief: 'Vater, wo bist du?' - Schreiet fort, Misstöne; denn Er ist nicht!"

"Starres, stummes Nichts! Kalte, ewige Notwendigkeit! Wahnsinniger Zufall! Wann zerschlagt ihr das Gebäude und mich? - Wie ist jeder so allein in der weiten Leichengruft des Alls! - Ist das neben mir noch ein Mensch? Du Armer! Euer kleines Leben ist der Seufzer der Natur oder nur sein Echo - ein Hohlspiegel wirft seine Strahlen in die Staubwolken aus Totenasche auf eure Erde hinab, und dann entsteht ihr - bewölkte, schwankende Bilder. - Schaue hinunter in den Abgrund, über welchen Aschenwolken ziehen - erkennst du deine Erde?"

"Ihr Glücklichen, ihr glaubt Ihn noch. Ihr fallet unter Blüten, Glanz und Tränen auf die Knie und rufet zum Himmel hinauf: 'Auch mich kennst du, Unendlicher!' ... Ihr Unglücklichen. Wenn der Jammervolle sich mit wundem Rücken in die Erde legt, so erwacht er im stürmischen Chaos, in der ewigen Mitternacht! - Sterblicher neben mir, wenn du noch lebest, so bete Ihn an: sonst hast du Ihn auf ewig verloren."

Meine Seele weinte vor Freude, als ich erwachte. Und als ich aufstand, glimmte die Sonne tief hinter den vollen purpurnen Kornähren und warf friedlich den Widerschein ihres Abendrotes dem kleinen Monde zu; und zwischen dem Himmel und der Erde streckte eine frohe vergängliche Welt ihre kurzen Flügel aus.

(Text aus: Jean Paul: "Siebenkäs. Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel", Roman, 1796–97. - Den kompletten Textauszug gibt's hier.)

Anmerkung: Dieser Text wurde von Jean Paul ursprünglich zur Befürwortung der Gottesgläubigkeit konzipiert - so jedenfalls wird er häufig (insbesondere von Theologen) interpretiert. Oskar Sala hat ihn durch gezielte Verkürzungen und seine geniale Vertonung in das genaue Gegenteil verkehrt. Selten zuvor hat ein "sakrales" Musikstück eine größere emotionale Reaktion bei mir verursacht wie dieses - schon vor über 20 Jahren.