Mittwoch, 28. Oktober 2015

Song des Tages: Graveyard Train




(Beasts of Bourbon: "Graveyard Train", aus dem Album "The Axeman's Jazz", 1984; Original von Creedence Clearwater Revival, aus dem Album "Bayou Country", 1969)

On the highway, thirty people lost their lives
On the highway, thirty people lost their lives
Well, I had some words to holler, and my Rosie took a ride

In the moonlight, see the greyhound rollin' on
In the moonlight, see the greyhound rollin' on
Flyin' through the crossroads, Rosie ran into the hound

For the graveyard, thirty boxes made of bone
For the graveyard, thirty boxes made of bone
Mister undertaker, take this coffin from my home

In the midnight, hear me cryin' out her name
In the midnight, hear me cryin' out her name
I'm standin' on the railroad, waitin' for the graveyard train

On the highway, thirty people turned to stone
On the highway, thirty people turned to stone
Oh, take me to the station, 'cause I'm number thirty-one


Dienstag, 27. Oktober 2015

Zitat des Tages: Lied vom Jüngsten Tag


(in memoriam Thomas Müntzer)

Es wird der Spatz den Adler reißen,
der Hering schlucken Hecht und Hai.
Bespringen wird der Bock die Wölfin:
Es liegt der Knecht der Herrin bei.

Die Bettler teilen sich den Braten.
Der Henker legt sich unters Beil.
Die großen Herren sind verraten:
Was sie zerschlugen, das wird heil.

Die Felsen steigen aus der Tiefe,
wo sie begraben lagen tausend Jahr:
Es wachsen Bäume in den Himmel,
der uns von dir verheißen war.

(Volker von Törne [1934-1980], in: Born / Delius / von Törne: "Rezepte für Friedenszeiten. Gedichte", Aufbau 1973; geschrieben 1967)




Montag, 26. Oktober 2015

Willy-Brandt-Arena: Absurde Schaukämpfe und feist lachende Kapitalisten


Die Entscheidung Wolfgang Liebs, die Nachdenkseiten zu verlassen, scheint ja hohe Wellen zu schlagen - was ich nicht nachvollziehen kann. Ich habe meine Gedanken dazu bereits beim Kollegen von den Fliegenden Brettern hinterlassen und möchte dazu, um Wiederholungen zu vermeiden, nur ergänzen:

Es ist bestürzend, wenn in "linken Kreisen" nun schon der eine Kapitalist gegen den anderen ausgespielt wird, um den Kampf gegen den Kapitalismus "voranzubringen". Der Irrsinn schreit hier gellend und unüberhörbar in wahnwitzigen Tönen! Müller und Lieb sind beide alte "Sozialdemokraten", die den "goldenen" Zeiten eines Willy Brandt nachhängen, am kapitalistischen System an sich aber keine grundsätzliche Kritik üben. Wie tief muss eine tatsächliche Opposition denn noch sinken, bis sie sich selbst offenkundig überflüssig macht?

Die Nachdenkseiten - ob nun mit oder ohne Lieb - sind und waren kein Teil der antikapitalistischen Bestrebungen - und werden es auch in Zukunft mit Figuren wie Müller, Berger, Jebsen oder Elsässer nicht sein. Es ist Herrn Lieb zwar hoch anzurechnen, dass er sich den offensichtlichen Anbiederungsversuchen Müllers in Richtung diffuser "Friedenswächter", die gerne im nationalistischen, antisemitischen Brei fischen, hiermit widersetzt - zu einem antikapitalistischen "Kämpfer" macht ihn das aber noch lange nicht.

Es ist alles beim Alten im Lande Kapitalistan - kein Mafioso muss fürchten, dass er auch nur um seine ergaunerte Portokasse im Foyer für Dienstboten gebracht wird, solange die Linke sich auf diesen absurden Nebenschauplätzen mit albernen Nebelkerzen bewirft und diese Farce dabei nicht einmal bemerkt. Dazu ein etwas modifizierter Satz aus einem Schulbuch für die vierte Klasse, Stand 1988:

"Merke: Du kannst den Kapitalismus nicht mithilfe von Kapitalisten bekämpfen." - Meine zehnjährige Tochter versteht ihn auf Anhieb - die schwadronierende Linke hat derzeit offensichtlich aber wieder einmal arge Verständnisprobleme.

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"Ich erkläre hiermit meinen Austritt aus der sozialdemokratischen Partei. Wir hatten unseren Weihnachtsbaum tip-top elektrisch eingerichtet. Am heiligen Abend streikten die Arbeiter des Elektrizitätswerkes und brachten uns um unsere Festfreude."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 38 vom 20.12.1922)

Samstag, 24. Oktober 2015

Der "Neue Mensch": Esoterik trifft Faschismus


Unsere esoterischen Freunde geben einfach keine Ruhe - kaum glaubt man, dass sie sich mit dem letzten Schlag ins matschige Gehirn endlich eine Pause vom Irrsinn redlich verdient haben und das malträtierte Organ ohnehin irreparabel beschädigt ist, legen sie schon wieder nach. Ich verlinke den Müll, den ich dazu gelesen habe, hier nicht, will aber auf einen Aspekt eingehen, der viele dieser Eso-Spinner - heute wie damals - eint: Nämlich das Streben nach einem "Evolutionssprung" bzw. einem "neuen Menschen".

Exemplarisch zitiere ich dazu die Kommentatorin "Angela Ebert", die diese These bei "Jenseits der Realität" mithilfe ihrer bescheidenen sprachlichen Mittel versucht hat auszuformulieren:

Es ist der emphatische Mensch der die nächste Stufe des Mensch-SEINS erreichen will, der Gierige will das nicht, so scheint es zumindest. Es ist der Mensch ... / Wir müssen alle mitnehmen auf dem Wege die nächste Stufe zu erreichen, das geht nur über die Bewußt-Werdung jedes Einzelnen, vermutlich, oder?

Dieser radebrechende, hilflos anmutende Versuch ist beileibe kein Einzelfall, sondern typisch für sektiererisch beeinflusste Menschen, die dem Eso-Wahn verfallen sind. Dabei bemerken diese bedauernswerten GesellInnen vermutlich nicht einmal, dass sie exakt das anstreben, was die Ideologen des Nationalsozialismus vor 80 Jahren schon einmal zum Ziel erklärt hatten. Der Philosoph Ernst Bloch ordnet in seinem Essay "Zur Originalgeschichte des Dritten Reiches" (1937) diesen für den Nationalsozialismus zentralen Topos ein in die christlich-chiliastische Tradition: "Die Perspektive ist die der Utopie einer neuen Gesellschaft von neuen Menschen."

Wie man angesichts der bitteren Realität, in der genau das Gegenteil zu beobachten ist - nämlich ein stetig anwachsender brauner, hirnloser Mob, der alles mögliche, aber gewiss keinen "neuen Menschen" fordert - eine solche Meinung vertreten kann, bleibt das rosafarbene Geheimnis der religiös Erleuchteten bzw. esoterisch Gefickten.

Auch in der Esoterik bleibt das eigentliche Problem - nämlich der Kapitalismus samt all seinen Auswirkungen - völlig außen vor: Die gegenwärtige Katastrophe wird schlicht heruntergebrochen auf das "Individuelle" und damit allen Menschen als "eigene Schuld" auf die Schultern geladen - so als ob sich irgendwer jemals "frei" und bewusst für ein Leben im ausbeuterischen Sklavendasein für Superreiche "entschieden" habe und es gar keine politischen, gesellschaftlichen und medialen Mächte gäbe, die diesen Prozess aktiv betrieben haben.

"Damit unser Volk nicht in den Entartungserscheinungen der Gegenwart untergeht, müssen wir einen neuen Menschen erziehen", schrieb Hitler damals. Esoteriker unterschreiben diesen Satz heute einmal mehr - im trauten Verbund mit rechtsextremen Arschlöchern von Pegida, AfD, CSU und weiteren völkisch-nationalen Spinnern.

Im Rückblick auf die Neuzeit ist wohl keine andere Zeit derart von Utopien des "Neuen Menschen" geprägt wie das erste Drittel des 20. Jahrhunderts. Die "Urkatastrophe" des Ersten Weltkriegs steigerte die Dringlichkeit grundlegender Erneuerung. In allen drei großen Diktaturen, der sowjetischen, der italo-faschistischen und der nationalsozialistischen, ging es um Projekte, die zwar säkular auftraten und sich religiösen Vorstellungen widersetzten, tatsächlich aber von religiösen Mythen getragen waren; vielleicht steigerte dies das Programm des "Neuen Menschen" als Glücksbringer.

Der Text von Albrecht Betz, aus dem das obige Zitat stammt, sei jedem Interessierten dringlich ans Herz gelegt - auch wenn der gute Mann vor fünf Jahren offensichtlich noch nicht bemerkt hat, dass die schaurige Reise in diesem verkommenen Land einmal mehr schnurstracks zurück in die braune Jauchegrube geht und dass sowohl die herrschende Politik, als auch die Medien einen essenziellen Anteil daran haben.

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Es ist auch gewiss kein Zufall, dass die zunehmende Hollywood-Plage, welche die westliche Welt mit immer neuen, stets lächerlichen "Superhelden" und "Übermenschen" geradezu überschwemmt, gerade jetzt aufkommt ... aber das ist ein anderes Thema.

Freitag, 23. Oktober 2015

Song des Tages: Here Comes The Flood




(Peter Gabriel: "Here Comes The Flood", aus dem Album "Peter Gabriel [I]", 1977)

When the night shows
the signals grow on radios
All the strange things
they come and go, as early warnings
Stranded starfish have no place to hide
still waiting for the swollen Easter tide
There's no point in direction, we cannot
even choose a side.

I took the old track
the hollow shoulder, across the waters
On the tall cliffs
they were getting older, sons and daughters
The jaded underworld was riding high
Waves of steel hurled metal at the sky
and as the nail sunk in the cloud, the rain
was warm and soaked the crowd.

Lord, here comes the flood
We'll say goodbye to flesh and blood
If again the seas are silent
in any still alive
It'll be those who gave their island to survive
Drink up, dreamers, you're running dry.

When the flood calls
You have no home, you have no walls
In the thunder crash
You're a thousand minds, within a flash
Don't be afraid to cry at what you see
The actors gone, there's only you and me
And if we break before the dawn, they'll
use up what we used to be.

Lord, here comes the flood
We'll say goodbye to flesh and blood
If again the seas are silent
in any still alive
It'll be those who gave their island to survive
Drink up, dreamers, you're running dry.

Drink up, dreamers, you're running dry.



Anmerkung: Eine "altersberuhigte" Version dieses Songs aus dem Jahr 2003 - nur mit E-Piano-Begleitung - gibt's hier. Mir persönlich gefällt das "jugendliche" Original aber um Längen besser.

Donnerstag, 22. Oktober 2015

Zitat des Tages: TILT


Ich schrieb, als die Nachricht wie eine gesengte Sau um die Welt flog, noch immer dagegen an. Anna, die wilde Deutsche von nebenan, bis vor kurzem malte sie Bilder aus, mit und über ihr Menstruationsblut, jetzt war sie schwanger, überbrachte sie mir.

Rauchschwaden hingen im Zimmer. Die Schreibmaschine glühte. Ich hatte mein bestes gegeben, paarhundert Seiten, wie immer, dicht beschrieben mit meinem einzigen Satz, wie immer: BEI DER GEBURT IST ALLES SCHON ZU SPÄT. Ich zählte gerade zusammen, wie oft ich ihn diesmal geschrieben hatte, als sie plötzlich dastand im Nachthemd und mit einer Gurke im Maul sagte:

"Heh, Tripper, rat mal, was ich eben im Radio gehört habe ...?"

"13.479, 13.480, stör mich jetzt nicht", sagte ich, "13.481, 13.4..."

"Kommst du nie drauf, wetten ...?"

Sie schmatzte und führte meine Hand von der Schreibmaschine an ihren Bauch: "Bewegt sich schon ganz doll, nä?"

"... 486, 13.487, 13. ..."

"Übrigens, weshalb ich komm, der sunile Sack in den Vereinigten Anstalten hat den Knopf gefunden."

"Ach ja? 13.489 - der hat WASSS ...?"

"Ja, und Tommy lässt fragen, ob du nicht, ich meine ..." - Sie schluckte den Rest der Gurke hinunter, leckte sich die Fingerspitzen. Dann, ich starrte sie an wie vom Presslufthammer gefickt, bat sie lächelnd um etwas Zyankali.

"Für alle Fälle", sagte sie, "obwohl - bei dem sunilen Sack weiß man ja nie, vielleicht hat er vergessen wie man drückt ..."

Das Rattern im Hirn ließ irgendwie nach. "Ja", sagte ich, müde plötzlich. "Zyankali ... hier!" Und gab ihr, für alle Fälle, ein Foto der neuen Regierung. "Das ist schmerzloser", sagte ich. "Wenn du genau hinsiehst, trifft dich der Schlag!"

"Vielen Dank auch", sagte sie und: "Übrigens, wenn du rüberkommen willst, ich meine ..." - "Lass nur, schon gut!" - "Ja, dann ... halt die Ohren steif, Tripper!" - Sagte sie und war verschwunden.

Das Radio! Ich stürzte zum Knopf, drückte ...: Trauermusik. Tatsächlich! Mahler. Die Kindertotenlieder. Warten. Rauchen. Bei Mahlers Kindertotenliedern warten und rauchen. So hast du dir die Scheiße immer vorgestellt, Tripper! Mit Hermann Prey in die Versaftung!

"... unterbrechen wir unser Mitternachtsprogramm für eine wichtige Durchsage", drang die Stimme wie von weither in den Schädel: "Wie bereits gemeldet, hat der Präsident der Vereinigten Anstalten gestern abend, kurz vor Mitternacht, den Knopf gefunden. Wie aus diplomatischen Kreisen in Bonn verlautbart wurde, besteht für die Bevölkerung im Augenblick jedoch kein Anlass zur ..."

Ja, und dann war plötzlich der Ton weg. Das Licht aus. Nacht plötzlich, dunkel alles und Schreie überall. Ich zum Fenster, als die Sirenen losbrüllten. Blaulicht zuckte auf, Martinshörner tönten, die Kirchenglocken. Drunten Gewimmel wie in einem Ameisenhaufen.

"Wahnsinn, nä?" brüllte Anna mit einer Essiggurke im Maul. Tommy schrie auch etwas, aber die Lautsprecher übertönten ihn:

"... BEWAHREN SIE RUHE! BITTE ZUCKERN SIE SICH SORGFÄLTIG EIN! DIE VERSAFTUNG HAT SOEBEN BEGONNEN! BITTE BEWAHREN SIE RUHE! BITTE ZUCKERN SIE SICH ..."

So ging das bis halb fünf. Dann dämmerte es. Dann wurde es hell. Der Himmel hing wie eine zwischen Gelb und Rot zerplatzte Ampel über der Stadt. Drunten die Leute schienen zu schreien, Lautsprecher, Sirenen schienen zu brüllen.

Ich hörte es nicht. Ich war taub. Sah den Himmel, so rot, sah die Leute, sah Tommy am Fenster und Anna, ohne Essiggurke, und dachte dann plötzlich:

ES LEBE DER PRÄSIDENT DER VEREINIGTEN ANSTALTEN!

Und wusste plötzlich, Anna und Tommy und all die andern dachten in diesem Moment genau dasselbe wie ich:

ES LEBE DER PRÄSIDENT DER VEREINIGTEN ANSTALTEN!

Jemand lenkte mich zu meinem Schreibtisch. Jemand spannte ein Blatt Papier ein. Und streute Würfelzucker darauf. Dann blitzte es. Und mir wurde auf einmal von innen ganz heiß ---

LT + + + TILT + + + TILT + + + TILT + + + TILT + + + TILT + + + TILT + + + TILT + + + TI

---

(Dieter Klink, in: Wolfgang Fienhold / Harald Braem (Hg.): "Die letzten 48 Stunden. Science Fiction-Erzählungen vom Weltuntergang", Heyne 1983)


Mittwoch, 21. Oktober 2015

Der WDR und das faule Studentenpack


Der WDR glänzt wieder einmal durch maximale Realitätsferne. Pünktlich zum Beginn des Wintersemesters hat der Sender allen Ernstes eine Fotostrecke veröffentlicht, die insbesondere Studienanfängern eine Hilfestellung bieten soll. Dies allein wäre schon satirepreisverdächtig; allerdings setzt der Sender, wie gewohnt, dem Popanz noch die Plastikkrone auf und stellt das Konstrukt unter das absurde Motto:

Um nicht als Studienanfänger aufzufallen, gilt es einiges zu beachten.

Unabhängig von der absonderlichen Frage, wieso zum Teufel irgendein Studienanfänger sich darum bemühen sollte, nicht als solcher "aufzufallen", wird hier im weiteren Verlauf das gewohnte Klischee-Feuerwerk zum Thema Studium vom Stapel gelassen, das man sich seit Jahrzehnten an den Stammtischen dieses Landes erzählt. Kostproben dazu:

- Freitags sind die Hörsäle nur spärlich besetzt. Wer seine Vorlesungen clever plant, hat mehr feie Zeit und kann schon ab Donnerstag das Wochenende genießen.
- Acht Uhr Vorlesungsbeginn – auch das kann einen schon mal umhauen. Vor allem, wenn man die Nächte in der WG-Küche durchzecht oder sich ins Partyleben stürzt.
- Wer sich in die erste Reihe setzt und seinen Professor ständig mit Fragen bombadiert [sic!], gibt sich ebenfalls als Erstsemester und Streber [sic!] zu erkennen.

Und so geht das munter weiter - die BLÖD-"Zeitung" bekäme das nicht besser hin. Es ist müßig, auf den nicht vorhandenen Informationswert dieser "Fotostrecke" hinzuweisen, angesichts derer ich mich nicht entscheiden kann, ob nun die ausgewählten Symbolfotos oder die darunter platzierten Texte dümmer und inhaltsleerer sind. Dieser Blödsinn war schon vor den Bologna-Deformierungen des Hochschulwesens nichts als dummes Zeug - bezüglich der heutigen, kapitalistisch verseuchten und streng verschulten "Leistungs"-Hochschulen allerdings erreicht die Realitätsferne dieses WDR-Beitrages ein kaum zu übertreffendes Maximum, das nicht einmal mehr als Satire Bestand haben kann.

Ich vermute ja, dass der zuständige Praktikant in der Online-Redaktion des WDR hier aus "Effizienzgründen" einfach mal im Archiv oder im Internet gekramt hat, anstatt selbst etwas zu schreiben - anders kann ich mir dieses hirnfaulige Ergebnis nicht erklären. Ich kann jedem Studienanfänger nur raten: Bekämpft den neoliberalen "Effizienzwahn" nach Kräften, besucht die Seminare und Vorlesungen, die Euch besonders interessieren, setzt Euch dort möglichst in die erste Reihe und stellt um Himmels Willen stets Fragen - das ist nämlich der Sinn und Zweck eines wissenschaftlichen Diskurses, den Ihr schließlich an der Uni erlernen bzw. vertiefen sollt. - So jedenfalls lautete früher einmal der Tenor eines humanistisch orientierten Studiums ... bevor Unternehmensberatungen und deren aktenkoffertragenden Schlips-Borg das Hochschulwesen im kapitalistischen Auftrag mutwillig zerstört haben.

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Modernisiertes Hochschulwesen


Angesichts der Zunahme des Werkstudententums sieht sich die Professorenschaft genötigt, ihre Vorlesungen jeweils an der Arbeitsstelle ihrer Hörer abzuhalten.

(Zeichnung von Alfred Pichel [1896-1977], in "Simplicissimus", Heft 31 vom 02.11.1931)

Dienstag, 20. Oktober 2015

Auslaufmodell Mensch


Wenn Nanotechnologie und technologische Singularität eine Liaison eingehen und den Übergang von der biologischen zur technologischen Evolution einleiten

Ein Gastbeitrag des Altautonomen


Eine Frage vorab: Warum investieren die Reichen und Superreichen nicht im Interesse ihrer Nachkommen in die Verhinderung des Klimawandels, in die Beseitigung des Verkehrsinfarktes, in die Zuwachsbegrenzung der Weltbevölkerung - insbesondere auf der nördlichen Halbkugel -, in die Erhaltung klimatisch wichtiger Ökosysteme und in die Bekämpfung des Welthungers und den langfristig schonenden Umgang mit Ressourcen?

Eine der möglichen Antworten könnte in ihrer Hoffnung (Stichwort "Allmachtsfantasien") liegen, dass es in Zukunft technische Möglichkeiten geben werde, geistig unsterblich zu werden. Die Theorie, die hinter der Forschung über derartige Aussichten steckt, soll im Übergang von der biologischen zur technischen Evolution den "Zellhaufen Mensch" eines Tages überflüssig werden lassen, so wie es bereits der Gorilla als Vorstufe des Homo sapiens derzeit für die Menschheit als Gattung ist. Der Kapitalismus hat kein materielles Interesse an Eisbär, Panda, Gorilla & Co.

Der Begriff "Nanotechnologie" umfasst die entsprechende Forschung in der Cluster-, Halbleiter- und Oberflächenphysik, der Oberflächen- und anderen Gebieten der Chemie sowie in Teilbereichen auch des Maschinenbaus und der Lebensmitteltechnologie ("Nano-Food"). Unter "technologischer Singularität" werden verschiedene Theorien in der Zukunftsforschung zusammengefasst. Überwiegend wird darunter ein Zeitpunkt verstanden, bei dem sich Maschinen mittels künstlicher Intelligenz (KI) rasant selbst verbessern und damit den technischen Fortschritt derart beschleunigen, dass die Zukunft der Menschheit hinter diesem Ereignis nicht mehr vorhersehbar ist.

Konkret bedeutet dies, dass Computer immer weiter entwickelt werden, bis sie eines Tages selber ethisch unabhängige Entscheidungen treffen, die den Menschen überflüssig machen. Ob hierzu ein Bewusstsein über die eigene Identität erforderlich ist bzw. dann bereits existiert, kann ich als Laie nicht beurteilen. In der Tierwelt beispielsweise wurde lange Zeit ein Bewusstsein des Individuums verneint, bis Experimente mit Primaten diese Annahme widerlegten.

Während dieses Thema noch vor einigen Jahrzehnten in die Kategorie Science Fiction fiel (vgl. z.B. Hollywood-Streifen wie "Terminator" oder "A.I."), terminieren voreilige Wissenschaftler heute den Eintritt dieses Ereignisses auf die Mitte dieses Jahrhunderts. Treibende Kräfte sind z.B. Google, facebook und dahinter agierende mächtige Investoren. Im Weißen Haus in Washington gibt es wöchentlich Termine mit Vertretern aus dem Silicon-Valley.

Dort haben Apple, Intel, Google, AMD, Adobe, Symantec, Yahoo, eBay, Nvidia, Hewlett-Packard, Oracle, Cisco, Facebook, Tesla, Amazon und Dell ihren Sitz. Diese Forscher gehen davon aus, dass die künftigen Megamaschinen es nicht nötig haben werden, den Menschen gegenüber aggressiv zu sein, da sie um das "nahende Ende dieser Spezies" wissen.

Denkschmiede dieses Singularitätsgedankens ist die "Singularity University": "Die Menschheit auf den Wandel vorzubereiten, der immer schneller kommt" - so lautet das Motto dieser erst vor wenigen Monaten gegründeten kalifornischen Privat-Uni, die unter anderem von Google Startkapital kassierte und sich auf dem Gelände der NASA in Mountain View einquartiert hat.

Als Zwischenstufe wird es in der Arbeitswelt den "Cyborg" geben, der jedoch mangels Empathie und "KI" niemals die Funktion eines Pflegers oder Erziehers allein übernehmen, sondern lediglich der menschlichen Arbeitskraft assistieren kann, indem er beispielsweise Pflegebedürftige in den Rollstuhl oder ins Bett hebt bzw. andere "Service"-Arbeiten erledigt.

Den Impuls für diesen Beitrag gab mir ein Artikel aus der Jungen Welt vom 17.10.2015, in dem zu lesen ist:

Nick Bostrom ist Professor für Philosophie an der Oxford University. Er gilt als Experte in Sachen "existentieller Risiken". Was ist damit gemeint? Bostrom definiert existentielle Risiken als solche, bei denen das Überleben der gesamten Menschheit in Frage stünde. Einen Atomkrieg zählt er übrigens nicht dazu. Den könnte ja jemand überleben. Ein "existentielles Risiko" stelle dagegen ein zu Bewusstsein und eigenem Willen gekommener Computer mit intellektuellen Superkräften dar. Wenn dieser sich vornimmt, zum Terminator zu werden, wird es zappenduster.

Für einen tieferen Einstieg in das Thema empfehle ich eines der unter jenem Artikel verlinkten Videos.

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(Eine derartig "menschliche Maschine" wird der Kapitalismus zu verhindern wissen.)

Montag, 19. Oktober 2015

Musik des Tages: Totenfeier




(Gustav Mahler [1860-1911]: "Totenfeier", sinfonische Dichtung aus dem Jahr 1888; Frankfurt Radio Symphony Orchestra, Leitung: Eliahu Inbal, 2014)

Anmerkung: Mahler hat dieses Musikstück später zum ersten Satz seiner zweiten Sinfonie umgeschrieben, dabei aber in der Partitur vermerkt, dass nach dem Erklingen dieses ersten Satzes mindestens fünf Minuten Stille zu halten seien, bevor die später komponierten Folgesätze erklingen dürfen. Das aufwühlende Stück darf daher in dieser Fassung zu Recht als eigenständiges Werk im Schaffen dieses außerordentlichen Komponisten angesehen werden.

Samstag, 17. Oktober 2015

Zitat des Tages: Über das Altern


"So löse ich mich auf und komme mir abhanden."
(Michel de Montaigne)

Niemand will wissen, was ihm im Alter bevorsteht. Wir sehen es zwar aus nächster Nähe täglich, aber um uns selbst zu schonen, machen wir aus dem Altern ein Tabu: der Gezeichnete selber soll verschweigen, wie widerlich das Alter ist. Dieses Tabu, nur scheinbar im Interesse der Alternden, verhindert sein Eingeständnis vor sich selbst und verzögert den Freitod so lange, bis die Kraft auch dazu fehlt.

Das Gebot, das Alter zu ehren, stammt aus Epochen, als hohes Alter eine Ausnahme darstellte (...). Wird heute ein alter Mensch gepriesen, so immer durch Attest, dass er verhältnismäßig noch jung sei, geradezu noch jugendlich. Unser Respekt beruht immer auf einem NOCH ("noch unermüdlich", "noch heute eine Erscheinung", "durchaus noch beweglich in seinem Geist", "noch immer imstande" usw.). Unser Respekt gilt in Wahrheit nie dem Alter, sondern ausdrücklich dem Gegenteil: dass jemand trotz seiner Jahre noch nicht senil sei. (...)

Weil Altern in unsrer Gesellschaft ein Tabu ist, daher als innere Erfahrung kaum zur Sprache kommt, hingegen mit allen körperlichen Indizien öffentlich in Erscheinung tritt, neigen wir dazu, in erster Linie die körperlichen Indizien zu fürchten - die bekannten Alterserscheinungen: Ausfall der Zähne, Glatze, Säcke unter den Augen, Runzeln, Gebrechen usw., eben was der Umwelt sichtbar wird trotz Tabu. Lassen diese sich durch Medizin oder Kosmetik beheben, so erliegt der Gezeichnete gern der Täuschung, dass Jugend zu verlängern sei. (...)

Eine Zeitlang ist Selbsttäuschung möglich. Merken die andern nach und nach den Zerfall einer Person, so zeigen sie es der Person meistens nicht, im Gegenteil: sie ermuntern zur Selbsttäuschung auf alle Arten (Reden zum Geburtstag, Wahl zum Ehrenpräsidenten usw.), teils aus Mitleid, teils weil der Umgang mit einem Gezeichneten bequemer ist, solange er seine Vergreisung zu verhehlen genötigt ist. Kommt er eines Tages nicht mehr um das Geständnis herum, dass er ein alter Mann werde - was er schon seit Jahren ist -, so wird er entdecken, dass sein Geständnis niemanden überrascht; es berührt nur peinlich.

(Max Frisch [1911-1991], in: "Tagebuch 1966-71", Suhrkamp 1972)


Freitag, 16. Oktober 2015

Herbstwind


Ein literarischer Einwurf

Endlich saß er. Er hatte lange gebraucht, um den langen Weg von seiner Wohnung in einem Außenbezirk der Stadt, in den es ihn aufgrund der kargen Rente verschlagen hatte, bis zu diesem Tempel des körperlichen Wohlbefindens zurückzulegen, und er war stolz darauf, diesen Marathon ohne fremde Hilfe bewältigt zu haben.

Während er es sich auf der Liege in der Wellness-Oase bequem machte, dachte er über seinen bevorstehenden 78. Geburtstag nach und überflog im Geiste noch einmal die Liste seiner Lieben, die er für diesen Tag in seine unansehnliche Zwei-Raum-Wohnung eingeladen hatte. Viele waren nicht mehr übrig - der Tod hatte seine Auswahl längst getroffen und machte keine Anstalten, damit wieder aufzuhören. Vier waren es noch, die ihm geblieben waren - und zum Glück waren seine beiden besten Freunde darunter, die zwar beide ihre Ehepartner jüngst verloren hatten und ihm in Gesprächen danach sehr verwirrt und deprimiert vorgekommen waren, aber dennoch zugesagt hatten.

Er kannte das nur zu gut. Als seine Frau gestorben war, damals vor zehn Jahren, war auch er in ein dunkles Loch gefallen, aus dem er nur mit allergrößter Mühe und der Hilfe von Freunden wieder herausgefunden hatte. Bei diesem Gedanken huschte ihm ein dunkles Lächeln über das Gesicht, denn unwillkürlich erinnerte er sich an die lange zurückliegende Zeit, als er Julia kennengelernt hatte. Er war damals ein regelrechter Frauenheld gewesen und hatte wild und ausschweifend gelebt - erst Julia hatte es vermocht, diesem zwar aufregenden, aber oberflächlichen Leben ein Ende zu setzen und etwas ganz Neues zu beginnen. Die tiefe Liebe, die ihn mit dieser Frau verbunden hatte, prägte ihn bis heute - auch noch zehn Jahre nach ihrem Tod.

Inzwischen hatte er aber zurückgefunden ins Leben und genoss seinen Ruhestand, soweit es ihm die zunehmenden körperlichen und materiellen Einschränkungen erlaubten. Er war abgestürzt, gewiss - vom einstigen Wohlstand, dem eigenen Häuschen und dem einst großen Freundeskreis war nicht viel geblieben - aber er hatte sich in seiner stetig kleiner werdenden Welt arrangiert. An seinem Geburtstag wollte er seine Freunde - wie er es früher so oft getan hatte - mit kulinarischen, selbst zubereiteten Köstlichkeiten überraschen. Schon seit vielen Monaten sparte er fleißig für dieses Ziel.

So kreisten seine Gedanken, während er sich wohlig auf der Liege in der Oase räkelte, und noch machte er sich keine Gedanken um den beschwerlichen Rückweg zu seiner Wohnung, der in einigen Stunden vor ihm lag. Stattdessen fischte er in der Tasche neben der Liege mühsam nach dem Laptop, das ihm seine Tochter, die so weit entfernt wohnte, vor einem Jahr geschenkt hatte und mit dem er inzwischen richtig gut zurecht kam - und las entsetzt den Text "Geisterbahn olé" von einem Autor namens Kiezneurotiker.

Erschrocken und beschämt sah er sich um - und erhob sich mühsam, aber möglichst schnell, um seinen vom Alter gezeichneten Körper den ästhetischen Adlerblicken seiner streng starrenden, jüngeren Mitmenschen zu entziehen. Als er Stunden später endlich zuhause angekommen war, zitterte er am ganzen Körper und schob es auf den kalten, wie mit Messern schneidenden Herbstwind, dass seine Augen beim Einschlafen unablässig tränten.

Donnerstag, 15. Oktober 2015

Momentaufnahme - und eine Leseempfehlung


Heute gibt's nur eine Leseempfehlung - verbunden mit der Bitte, sich an einer Diskussion beim Kollegen vom Dudentity-Blog zu beteiligen.

Mein Hirn ist angesichts der jüngsten Texte von Wellbrock und (um Längen schlimmer) Faulfuß derzeit leider nur eine breiige, faulig riechende Masse, die nach Killerspielen, Schnitzel und absonderlichem Sex schreit.


(Selfie von Charlie nach dem Lesen des Faulfuß-Textes am 14.10. im Jahre 2015 des Grundgütigen)

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Song des Tages: Hollow Head




(Blaze Bayley: "Hollow Head", aus dem Album "Blood & Belief", 2004)

If that phone call is for me
Please tell them that I don't exist
I don't think I'll be missed
That call could signal danger
That I might still be alive
I thought that I had died
Do you think the doctor lied?

The doctor said it's not my fault
I've been told I'm not to blame
There is just an empty space
Where there should be a brain
I'm an interesting case
Just like one that he once saw
About a man who doesn't know
He is really just a thought

The doctor said I've got a hollow head ... hollow head

The doctor said I should go home
And try to find my own safe place
That's not something I can face
Where all my feelings are my own
And everything is just ok
That's not for me
I'm really ill you see

The world is spinning round too fast
The sky is pushing down too hard
Everybody's feeling scared
That they won't get the part
The extraordinary thing
Is that we are all the same
When we think we're all alone
We all feel so ashamed

The doctor said I've got a hollow head ... hollow head



Anmerkung: Allein für dieses herrliche Video und den wunderbar sarkastischen Text gehören dem Mann die Füße geküsst. Kann man einen Großteil unserer lieben Mitmenschen noch auf eine bessere Art karikieren? ;-)

Montag, 12. Oktober 2015

Von der Sinnlosigkeit einer gemeinschaftlichen "linken" Gegenwehr


Der Kommentator Fluchtwagenfahrer hat mich zu einer kleinen Stellungnahme inspiriert. Diese spiegelt selbstredend meine persönliche Meinung wider und ist daher nicht "belehrend" zu verstehen (dies nur als warnender Hinweis für besonders dumme BesucherInnen).

Ich sehe derzeit keine erfolgversprechende Möglichkeit für eine breite, mediale Gegenoffensive gegen den kapitalistisch-faschistischen Wahnsinn, so bitter und fatal das auch klingen (und vor allem sein) mag. Dazu muss man sich ja nur einmal anschauen, was heutzutage so alles unter den Begriffen "links", "oppositionell" oder gar "antikapitalistisch" firmiert:

Fangen wir gleich mit der SPD und den Grünen an, die alle beide in Regierungsverantwortung waren bzw. sind und den brutalen Zerstörungsprozess in dieser Funktion massiv beflügelt haben und dies auch weiterhin tun. Diese Gruppierungen muss man getrost abhaken, denn aus dieser Richtung ist erkennbar keine Gegenwehr zu erwarten. Damit fallen gleich reihenweise weitere "kritische" Stimmen - wie beispielsweise die Nachdenkseiten oder andere SPD-treue Blogs wie Ad sinistram oder der Spiegelfechter - weg, da auch dort wie von Sinnen am reformistischen Absurdum festgehalten wird, das mantraartig und beleglos besagt, der Kapitalismus könne "gebändigt" werden und so doch noch zu paradiesischen Zuständen für alle Menschen auf diesem Planeten führen. Wie absurd das ist, muss ich wohl nicht näher erläutern - zumal ein nicht propagandistisch eingefärbter Blick in die Geschichtsbücher bereits ausreicht, um Klarheit zu erlangen.

Von der Linkspartei will ich in diesem Zusammenhang lieber gar nicht erst reden - wer die wenigen Beispiele verfolgt hat, in denen diese Partei auf Länderebene in Regierungsverantwortung war oder ist, weiß ein bitteres Klagelied zu singen, das dem Grabgesang der SPD und Grünen zum Verwechseln ähnelt.

Dann sind da noch all die alten und neuen Rechten, die auch gerne ins vermeintlich kritische Horn stoßen, wie beispielsweise Elsässer, Jebsen, Ulfkotte & Co., dabei aber im hässlichen Antiamerikanismus und Antisemitismus stecken bleiben und sich zum Thema Kapitalismus allenfalls noch zu einer Kritik des Geld- und Zinssystems (für das selbstverständlich Amerikaner und Juden verantwortlich seien) durchringen können. Von den oftmals unsäglichen nationalistischen Anwandlungen dieser Personen und Gruppierungen, die sich trotz alledem oftmals "modern" oder gar "weltoffen" geben, schweige ich lieber. Diese lächerliche "Kritik" ist vergleichbar mit dem Mediziner, der zur Behandlung der Masern einen Schminkstift verordnet, mit dem die roten Punkte auf der Haut übermalt werden sollen. Auch mit solchen hirnfreien Leuten ist selbstverständlich keine nachhaltige Gegenwehr möglich.

Ebenfalls erwähnenswert sind die - wie immer in kapitalistischen Untergangszeiten - an Zulauf gewinnenden Esoteriker, die das Heil eher im "Inneren" suchen und wahlweise das einzelne Individuum oder irgendeine bescheuerte "Gottheit" (oder gar beides) als vermeintlichen Ausweg bemühen. Hauptvertreter dieser hanebüchenen Sparte sind die Weckers, Faulfüße und Plattas vom Eso-Blog "Jenseits der Realität". Zudem werden von VertreterInnen dieser sektiererischen Seite heute oftmals weitere absurde Zugeständnisse als Bedingung eingefordert (beispielsweise Veganismus, Gender-Irrsinn oder unkritische Toleranz gegenüber Voodoo-Zaubereien), um überhaupt in den erlauchten Kreis der "anerkannten WiderständlerInnen" aufgenommen zu werden.

Diese Liste ist endlos und daher natürlich unvollständig, während die Zahl der Interessierten an wirklich nachhaltigen Veränderungen zum Wohle aller Menschen leider sehr, sehr klein ist. Die allermeisten dieser angeblichen Oppositionellen verfolgen lediglich einen egoistischen Kurs, der ihnen und ihrer jeweiligen Klientel höchstselbst Positives verspricht - und das auch gerne auf Kosten anderer.

Dies ist übrigens ebenfalls eine Wiederholung - auch zur Weimarer Zeit gab es reichlich Gegenwehr gegen den aufkommenden braunen Terror (und dazu sogar noch politische Alternativen, die es heute nicht mehr gibt). Wie heute gab es aber auch damals nur eine viel zu kleine Anzahl von Menschen, die all den Rattenfängern, die am Rande der Szenerie lauerten, nicht auf den Leim gegangen sind. Heute sieht's indes noch weitaus düsterer aus als damals. Es gab seit 1945 eine Vielzahl von schlauen Menschen, die in penetranter Kontinuität nicht müde geworden sind, immer und immer wieder vor einer weiteren Wiederholung der immer gleichen kapitalistisch-faschistischen Entwicklung zu warnen - und heute müssen wir ernüchtert feststellen, dass all diese Bemühungen schlicht vergebens waren.

Der "kleinste gemeinsame Nenner" wäre dabei so einfach zu formulieren - und genau an diesem Punkt zeigt sich deutlich, weshalb es keine Gemeinsamkeiten zwischen all diesen Gruppierungen geben kann:

  1. Enteignung aller Superreichen (eine Vermögensobergrenze ist am Anfang durchaus diskutabel)
  2. Tatsächliche Gleichstellung aller Menschen unabhängig von Religion, Ethnie etc.
  3. Verhinderung von erneuter Machtkonzentration durch geeignete Maßnahmen wie Rotation, Räte etc.

Und nun versuchen wir dies mal den oben genannten kruden Gesellen oder auch nur dem freundlichen Nachbarn klarzumachen - ich höre schon jetzt die üblichen, gehirnlosen Aufschreie: "Die wollen mir mein tolles Auto/Haus/Handy ... wegnehmen!" oder "Jetzt soll der Neger also neben mir wohnen!" oder "Ich habe jahrelang malocht - wieso sollte jemand, der kein Geld verdient hat, jetzt dasselbe haben wie ich?" oder "Wenn jemand Tiere isst, ist er weniger wert als ich!" ... und so weiter und so fort. - Es ist sinnlos. Diese Menschheit will nicht gut leben - sie will im neoliberalen Konkurrenzkampf blutig vegetieren - auf dass der Einzelne seinen Nachbarn übertreffe und sich dadurch besser fühle: "Mein Haus, mein Auto, meine Jacht", während eine "elitäre" superreiche Minigruppe über dem bizarren Szenario thront und sich das absurde Treiben wohlwollend - weil systemerhaltend - anschaut.

Amöben haben ein weitaus entspannteres und vermutlich sinnvolleres Leben.

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Entfettung


"Hier haben Sie eine Mark - und nun verraten Sie mir aber auch, wie Sie es angefangen haben, so schlank zu werden!"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 21 vom 24.08.1925)

Zitat des Tages: Die Hochöfen des Schmerzes


In den Hochöfen des Schmerzes
Welches Erz wird da geschmolzen
Die Eiterknechte
Die Fieberschwestern
Wissen es nicht

Tagschicht
Nachtschicht allen Fleisches
Blühn die Wunden und die Feuer
Wild in den Salpetergärten
Und den heißen Rosenäckern

Asphodelen meiner Angst
An den Abhängen der Nacht

Ach was braut der Herr der Erze
In den Herzen? Den Schrei
Den Menschenschrei aus dunklem Leib
Der wie ein geweihter Dolch
Unsere Totensonne schlitzt

(Yvan Goll [1891-1950], in: "Traumkraut. Gedichte aus dem Nachlass", Limes 1951; geschrieben vermutlich 1944)