Samstag, 2. September 2017

Satire verboten: Die schönen Wahlplakate der kapitalistischen Mafia


Über Wahlplakate in dieser korrupten, kapitalistischen, pseudodemokratischen, geradezu irrsinnigen Welt ist schon sehr viel gesagt worden – zuletzt unter anderem von den Kollegen Epikur und Flatter. Dennoch hatte ich mir schon vor Wochen vorgenommen, einige dieser Bild und Schrift gewordenen Gehirnme­ta­s­ta­sen unserer kapitalistischen Radikalkriminellen von der CDU, CSU, SPD, den Grünen, der AfD und FDP mittels einer Grafiksoftware auf einen realistischen Stand zu bringen. Leider hat mich die Lektüre der "Nutzungsbedingungen" der CDU für diese Bilder von dieser Idee abgehalten, denn dort heißt es in einer sehr langen Liste unter vielem anderen in strengem Die-Misere-Duktus:

Die Dateien dürfen nicht für satirische oder diffamierende Zwecke verwendet werden. Missachtung wird zur Anzeige gebracht.

Das "Urheberrecht" am stumpfsinnigen Bullshit (hier findet man die Beispiele von der CDU – die übrigen Blockparteien stehen jenem intellektfeindlichen Quatsch aber wahrlich in nichts nach) ist hier offenkundig wichtiger als die Freiheit der Satire, die in einer Demokratie zwingend notwendige Kritik oder einfach der Spaß an der sichtlichen Dämlichkeit und grotesken Verlogenheit der ganzen Reklameveranstaltung.

Schade – ich hatte mich schon lange auf die grafische Arbeit gefreut und mir hunderte von hoffentlich witzigen Slogans zu dämlichen, retuschierten Fotos von dem Merkelmonster, dem Schulzzombie, dem hässlichen Aktenkofferträger Lindner, den "alternativen" Hakenkreuzanbetern und der olivgrünen Kirchenschranze mit Maschinengewehr Göring-Eichmann ausgedacht. Daraus wird nun leider nichts. Die bereits erstellten Grafiken "darf" ich hier nicht posten. Wenn es eines gibt, auf das ich momentan am wenigsten Lust habe, ist es eine lächerliche Urheberrechtsklage von Seiten der korrupten Mafiabande.

Ich habe nun stattdessen ein eigenes Werk erstellt, welches das Thema platt und direkt, aber – wie ich finde – einigermaßen treffend auf den Punkt bringt. Die widerlichen Visagen von Merkel, Schulz & Co. kann man sich leicht dazudenken:



Leider fallen all die absurden Plakate der übrigen Blockparteien der Kapitalistischen Einheitsfront damit unter den Tisch. Allerdings sprechen die meisten ohnehin für sich selbst – die Wahnsinnigen merken in ihrem abgeschotteten Paralleluniversum gar nicht mehr, dass sie hier kübelweise schenkelklopfende Realsatire in die Welt koten.

Bewirken wird das freilich alles nichts. Die Bekloppten in diesem Land wählen weiter die korrupte Bande oder stellen – wem soll's man verdenken – diese Tätigkeit sowieso gänzlich ein, und die kriminelle Bande macht einfach weiter wie bisher. Wieso sollte sie damit auch aufhören, wenn ihr niemand Einhalt gebietet?

Donnerstag, 31. August 2017

Song des Tages: Waiting For You To Die




(Lord of the Lost: "Waiting For You To Die", aus dem Album "Swan Songs II", 2017)



Anmerkung: Wer das Video nicht bis zum Schluss ansieht, verpasst den satirischen, sehr kapitalistischen Höhepunkt. So geht das abstruse Spiel, so ging es und so wird es auch weitergehen. – Es ist sicher nur ein Zufall, dass das Cover dieses Albums von schwarzen, roten und uringelben Farben dominiert wird.

Mittwoch, 30. August 2017

Der Gutachter


Medizinische Begutachtung im Rentenantragsverfahren

Ein Gastbeitrag des Altautonomen, basierend auf einem selbst miterlebten Gutachtertermin als Begleitperson

Nachdem mich das "Jobcenter" mittels Sanktionsandrohungen gezwungen hatte, einen Antrag auf Bewilligung der Erwerbsminderungsrente zu stellen, auf dass ich auch als sogenannter "Aufstocker" aus der offiziellen, gänzlich frisierten Statistik verschwinde und statt aus dem staatlichen Topf A zukünftig aus dem staatlichen Topf B meine dreißig Cent ausgezahlt bekomme, kam ich der Aufforderung, die eher einem militärischen Gestellungsbefehl glich, nach und bekam einige Zeit später die ebenfalls sanktionsbewehrte Vorladung der "Deutschen Rentenversicherung" zur "medizinischen Begutachtung".

Zur Erklärung: Die teilweise Erwerbsminderung wird festgestellt, wenn aufgrund von Behinderung oder Krankheit eine maximale Erwerbsfähigkeit ab drei und unter sechs Stunden pro Tag möglich ist und zwar nicht nur im erlernten Beruf, sondern in allen vorstellbaren Tätigkeiten. Sollten die drei Stunden Erwerbsfähigkeit pro Tag nicht mehr erreicht werden können, liegt die volle Erwerbsminderung vor.

Ich sollte mich also an einem Montagmorgen um 7:30 Uhr in einer über 40 km entfernten Arztpraxis zur gesundheitlichen Begutachtung vorstellen. Außer einem sauberen Schlübber brauchte ich nur meinen Personalausweis mitzubringen, den vor Ort allerdings niemand sehen wollte. Ich stellte mir mit gemischten Gefühlen also den Wecker auf 6:00 Uhr, duschte und machte mich wie gewünscht "nüchtern" auf den langen Weg zum Termin. Einem Menschen ohne Auto wäre die Wahrnehmung dieses Termins gar nicht möglich gewesen – aber das nur am Rande.

Draußen auf dem Gehweg vor der Praxis warteten noch andere Patienten, ein Mann und eine Frau, die, wie sich im anschließenden Gespräch herausstellte, ebenfalls von jenem Arzt zur Begutachtung einbestellt worden waren. Seltsamerweise hatten beide ebenfalls als Zeitpunkt 7:30 Uhr genannt bekommen. Eine bodenlose Unverschämtheit, wie wir übereinstimmend feststellten.

Gegen 7:30 Uhr habe ich dann wiederholt den Klingelknopf gedrückt und im Flur an die Eingangstür der Praxis geklopft. Keine Reaktion. Es war noch niemand da. Um 7:45 Uhr dann erschien eine junge, freundliche Sprechstundenhilfe, die uns ins Wartezimmer bat und das bevorstehende Prozedere erklärte. Und das läuft dort nach ihrer Aussage stets wie folgt ab: Der Arzt, der gar nicht zu jener Praxis gehört, sondern dort nur für solche Termine "ein Zimmer hat", kommt stets erst um 8:30 Uhr. Vorher werde den Delinquenten von der Sprechstundenhilfe Blut abgenommen, ein EKG gemacht, eine Urinprobe eingesammelt und der Blutdruck gemessen. Wer als erster da war, wird dann um 8:30 Uhr auch als erster zum Gespräch mit dem Arzt gebeten, das ca. 30 Minuten (tatsächlich waren es fast 50 Minuten) einschließlich einer "allgemeinen körperlichen Untersuchung" dauere. Der letzte "Patient" von den dreien an diesem Tag war demnach erst um 9:30 bzw. 10:15 Uhr nach einer zwei- bis fast dreistündigen Wartezeit dran. Ein Hammer. Und dennoch erzählte die Sprechstundenhilfe nebenbei, dass dieser Arzt ebenso verfahre, wenn er fünf oder sechs Menschen an einem Vormittag zu "begutachten" habe und sie allesamt um 7:30 Uhr antanzen lasse, was wohl regelmäßig vorkommt – ich hatte also noch Glück, denn ich war an jenem Montag der Erste.

Das Interieur der Praxis hatte bereits den Charme einer Nebenstelle von Lambarene. Das sollte aber nichts bedeuten, wenn der Arzt ein guter ist. War er aber nicht.

Ein ca. 80jähriger, pensionierter Silberrücken, dessen Glatze mit langen grauen Haaren an den Seiten, die er kunstvoll über die nackte Kopfhaut drapiert hatte, an seiner Eitelkeit zu nagen schien, bat mich in sein Sprechzimmer. Keine Entschuldigung für die lange Wartezeit, keine Erläuterung der Fragen nach banalen Dingen wie der Todesursache meiner Mutter, den Krankheiten der Eltern, der Zahl der Geschwister, meiner Schul- und Berufsausbildung und den Abschlüssen. Mit Fragen nach meinen Ess-, Trink- und Schlafgewohnheiten, meinen Gewichtsveränderungen, der Anzahl der Zigaretten, die ich täglich rauche, dem Alkoholkonsum und der Konsistenz meines Stuhlganges näherte er sich – so hoffte ich zumindest – dem eigentlichen Subjekt der Begutachtung: Meiner Person.

Dabei machte er auf einem weißen DIN-A4-Blatt stichwortartige Notizen. Zwischendurch blätterte er ständig und sichtlich desorientiert immer wieder mal minutenlang in meiner Akte, die jedoch nach seinem Suchergebnis nicht vollständig zu sein schien, weil sich z.B. die letzten MRT-Befunde über meine Wirbelsäule und andere Arztberichte nicht darin befanden – oder er war schlicht zu blöd, sie zu finden, denn er suchte nicht sinnvoll, sondern blätterte konzeptlos und wild hin und her, so als hoffte er auf einen Zufallsfund. Dieses ständige Herumblättern in der Akte bewies mir deutlich, dass er sich vorher weder die Unterlagen angesehen, noch mit meiner Krankengeschichte in irgendeiner Form vertraut gemacht hatte.

Seine Frage nach Herzbeschwerden beantwortete ich laienhaft mit "gelegentlichem Herzklopfen". Dieser Aussage würde ein sorgfältiger medizinischer Gutacher nachforschen, sofern das Herzklopfen nicht auf eine Liasion mit einer jungen Dame zurückzuführen wäre. Herzklopfen kann schließlich pathologische Ursachen – z.B. in Vorhofflimmern, einer Bradikardie, einer Tachykardie oder spontanen Extrasystolen – haben. So oberflächlich wie seine Fragen war dann auch die anschließende körperliche Untersuchung auf einer Liege. Was er da alles mit dem Stethoskop und dem kleinen Hammer, mit dem er meine Sehnenreflexe testete, an mir verifizierte, erinnerte mich eher an meine Einschulungsuntersuchung in der Grundschule oder einen Besuch beim örtlichen Amtsarzt, als an ein fachärztliches Diagnoseverfahren, von dem meine unmittelbare Zukunft abhängt.

Das war's dann auch schon. Gegen 9:15 Uhr entließ mich der Greis und rief dann sein nächstes, bereits seit fast zwei Stunden wartendes Opfer herein.

Fazit: Ein derartiges Verhalten kann nicht mit Zeitnot, Fahrlässigkeit oder mangelnder Koordinationsfähigkeit entschuldigt werden. Das war Absicht, Demütigung, Herstellung der hierarchischen Ordnung, soziale Kontrolle und Menschenverachtung – und es war zudem aus medizinischer Sicht derart inkompetent und grotesk, dass mir die Spucke fehlt, um das angemessen zu kommentieren. Alles im Auftrag der Rentenversicherung, von meinen Beiträgen finanziert. Ich sage: DANKE!

Demnächst werden sie mir wohl das "Gutachten" zur Stellungnahme zuschicken. Inwiefern sich dieser pensionierte Mediziner anhand der durchgeführten, lächerlichen Befragung und infantilen "Untersuchungen" ein Bild über meine tatsächliche gesundheitliche Situation machen kann, wird wohl sein streng gehütetes, dafür aber sicher recht gut bezahltes und die eigene Rente aufbesserndes Geheimnis bleiben.

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Strenge Diät


"Sind Se man vorsichtig mit'm Essen, lieber Freund!" – "Det trifft sich jut, Herr Doktor – seit jestern bin ick arbeitslos."

(Zeichnung von Franz Reinhardt [1904-1965], in "Simplicissimus", Heft 42 vom 16.01.1928)

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Anmerkung von Charlie: Ich danke dem Altautonomen sehr für seine Begleitung und die textliche Aufarbeitung dieses grotesken, geradezu surrealen Termins. Wenn ich den Text selber geschrieben hätte, wäre er jus­ti­zi­a­bel ausgefallen. ;-) Danke!

Montag, 28. August 2017

Der globale Adorilla: Make Fascism Great Again


Es ist ja keine Neuigkeit, dass der Faschismus keineswegs ein spezifisch deutsches Problem ist – auch wenn er hierzulande seinerzeit bis aufs Blut gewütet hat und bis heute trotz alledem ums Verrecken nicht auszurotten ist. All die faschistischen Idioten samt den begleitenden "Biedermännern und Brandstiftern" (Max Frisch), die keineswegs nur im ultrarechten Lager einschließlich NPD, Pegida und AfD zu finden sind, sondern bis weit in die sogenannte "Mitte" und deren politische und journalistische "Elite" hinein reichen, sprechen eine unmissverständliche, zutiefst menschenfeindliche Sprache.

Dennoch ist diese – kapitalistisch begründbare – Degeneration jedweder Menschlichkeit überall zu finden, wo der Kapitalismus seine zerstörerischen, ausbeuterischen Katastrophenorgien feiert. Es verwundert also nicht weiter, dass auch in den USA, deren Bevölkerung ja ohnehin höchst anfällig für plumpe Demagogie, stumpfe Propaganda und hirntötenden Nationalismus ist, stark zunehmende braune Strömungen festzustellen sind. Bei Zeit Online war kürzlich ein recht interessanter Text dazu zu lesen:

Amerika erlebt derzeit eine Welle von immer aggressiveren rechtsextremen und neofaschistischen Bewegungen. Der Faschismus wird häufig als eine der amerikanischen Gesellschaft fremde Ideologie angesehen. Er ist jedoch tiefer in der amerikanischen Geschichte verwurzelt, als viele von uns wahrhaben wollen.

Wie der Autor David Motadel – ein noch recht jugendlich wirkender "Professor für internationale Geschichte an der London School of Economics and Political Science" – auf die absonderliche Idee kommt, ausgerechnet die USA würden "von vielen" als irgendwie "immun" gegen faschistische Strömungen angesehen, wird wohl sein gehütetes Geheimnis bleiben – für mich jedenfalls ist diese erschreckende Entwicklung, zu der auch ein Irrer wie Trump gehört, wenig überraschend. Gerade die historische Betrachtung, die Motadel anstellt, ist aber lehrreich und informativ.

Auf ze.tt ist parallel dazu ein kurzer Kommentar zu dem seit einiger Zeit auch durch diverse deutsche Blogs geisternden Beitrag über die Rechtsradikalen von Charlottesville von Vice erschienen, in dem einige der Äußerungen der amerikanischen FaschistInnen dokumentiert wurden. Ich zitiere (und korrigiere die teils nicht ganz korrekte deutsche Übersetzung, wo es nötig ist):

  • "Juden werden uns nicht ersetzen!"
  • "Die Stadt wird von jüdischen Kommunisten und kriminellen Niggern regiert."
  • Wir haben nicht angegriffen. Wir haben nicht damit angefangen, Gewalt gegen jemanden anzuwenden. Wir sind nicht gewalttätig. Wir werden diese scheiß Menschen umbringen, wenn wir es müssen."
  • Der Anschlag eines Rechtsextremen auf eine Gruppe GegendemonstrantInnen, der die 32-jährige Heather Heyer tötete, sei "mehr als gerechtfertigt" gewesen. "Ich finde, dass die Zurückhaltung unserer Leute hervorragend war."
  • "Ich glaube, dass eine Menge mehr Menschen sterben werden, bevor wir hier fertig sind. […] Menschen sterben ständig aufgrund von Gewalt. Das ist mit ein Grund dafür, dass wir einen Ethno-Staat wollen. Die Schwarzen killen sich gegenseitig, indem sie sich von Küste zu Küste abstechen. Wir wollen nicht länger ein Teil davon sein."



Freilich bleibt, wie immer, auch in den beiden verlinkten (sowie allen weiteren mir bekannten Texten zu diesem Thema aus den Mainstreammedien) der logische und offen auf der Hand liegende Schluss aus, dass diese fatale, vorhersehbare Entwicklung selbstverständlich ursächlich mit dem Kapitalismus zusammenhängt. Ohne diese gedankliche Logikkette und die Nennung der seit so langer Zeit immer gleichen Ursache ist es indes unmöglich, zu irgendeiner sinnvollen Lösungsmöglichkeit zu gelangen. Auch dem jugendlichen Herrn Professor aus London fällt das selbstredend nicht auf – und so stehen die intellektuellen Damen und Herren, die den Kapitalismus "an und für sich" toll finden, heute einmal mehr völlig rat- und orientierungslos vor den erwartbaren, beängstigenden Auswirkungen.

Man sollte den Herr- und Frauschaften, die journalistische Texte zu diesem Thema verfassen, dringend die Lektüre beispielsweise von Max Frisch (siehe Link zum kompletten Text ganz oben) nahelegen. Der Lerneffekt könnte wahrlich bahnbrechend sein:

Eine dritte Flasche, die du schon zwischen den Knien hast, lehnen sie ab. Da du sie trotzdem öffnest, wirst du sie allein trinken müssen. Nur beim Abschied, als du gewisse Hoffnungen ausdrückst, dass die Menschen einander näher kommen und einander helfen, bitten sie dich nochmals um Streichhölzer. Ohne Zigaretten. Du sagst dir mit Recht, dass ein Brandstifter, ein wirklicher, besser ausgerüstet wäre, und gibst auch das, ein Heftlein mit gelben Streichhölzern, und am andern Morgen, siehe da, bist du verkohlt und kannst dich nicht einmal über deine Geschichte wundern.

(aus: Max Frisch [1911-1991]: "Biedermann und die Brandstifter. Eine Burleske", in: "Tagebuch 1946-1949")

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Nazi-Vision


"... es tut sich was im argentinischen Urwald."

(Zeichnung von Max Radler [1904-1971], in: "Der Simpl", Nr. 4 vom Mai 1946)

Samstag, 26. August 2017

Kapitalismus: Urbane Propaganda


Man kennt und hasst es inzwischen bis zum Erbrechen: Im Kapitalismus muss es zu allem und jedem ein "Ranking" geben, denn schließlich ist der "Wettbewerb" das höchste aller vorstellbaren, allerdings allein dem Pöbel vorbehaltenen Güter in diesem menschenfeindlichen System. So war kürzlich auch bei n-tv wieder einmal ein solcher "Bericht" zu finden, in dem – fein säuberlich in einer "Bildstrecke" auf satte 28 Seiten aufgebläht – das lächerliche Märchen von den "lebenswertesten Städten" des gesamten Planeten erzählt wurde.

Es versteht sich von selbst, dass dieses "Ranking" hanebüchener, geradezu hirnverneinender Unsinn ist und nicht im Entferntesten essenzielle Grundlagen berücksichtigt, die in diesem Zusammenhang bedeutsam wären. Im fragmentarischen Text wird – freilich nur exemplarisch – sogar kurz darauf hingewiesen:

Der "Economist" hat für seine Rangliste unter anderem eingeschätzt, wie es in Sachen Gesundheitswesen, Kultur, Umwelt, Bildung und Infrastruktur steht. Einbezogen wurde auch, wie groß die Gefahr von Terroranschlägen ist. Ausgenommen sind dagegen die Wohn- und Mietkosten der 140 untersuchten Städte.

Man muss gar nicht erst fragen, was denn hier mit "Terroranschlägen" gemeint ist – die asoziale, faschistoide Agenda-Politik der kapitalistischen "Elite", die inzwischen weltweit ekelige Triumphe feiert, ist es gewiss nicht. Auch in Sachen "Gesundheitswesen" finden wir hier ein überaus groteskes Bild, denn im Text heißt es allen Ernstes:

Auckland, die größte Stadt Neuseelands. Im Bereich Bildung erreicht Auckland wie alle anderen Städte Ozeaniens den Maximalwert. Dafür gibt es im Gesundheitswesen Abstriche: Neuseeland hat ausschließlich eine staatliche Krankenversicherung.

Ja, das muss man sich einmal vorstellen: In Auckland gibt es tatsächlich (noch) keine private Krankenversicherung! Das kann natürlich nur negativ gewertet werden, denn wir wissen ja seit Jahrzehnten – und die Propagandapresse wird nicht müde, das immer wieder in lauten, ständig wiederholten goldenen Fanfaren in die verkommene Welt zu posaunen: "Privat ist gut, Staat ist schlecht!" – Was dahintersteckt, wird in der Regel gar nicht thematisiert – schließlich muss der Profit für Konzerne und Superreiche sprudeln, alles andere einschließlich der Gesundheitsversorgung der Menschen ist lästige Nebensache und überhaupt viel zu teuer und daher abzulehnen.

Auf jenen 28 Seiten werden indes nicht nur die "Spitzenplätze", sondern auch die "Verlierer" dieses perversen "Wettbewerbes" genannt. Es überrascht wohl nur AfD-Wähler, CDU-Minister, Esoteriker oder ähnlich geistig Umnachtete, dass es sich dabei vornehmlich um Städte handelt, die in heutigen vom Westen bombardierten Kriegsgebieten und/oder in der völlig verarmten, vom Westen gnadenlos und bis aufs Blut ausgebeuteten sogenannten "Dritten Welt" liegen. Irgendein Zusammenhang mit dem postulierten Wohlstand (der, wohlgemerkt, auch in den "Wohlfühlzonen" nur für einige Menschen, und keineswegs für alle gilt) in den "guten" Städten wird freilich nicht hergestellt – den darf es ja laut kapitalistischer Ideologie und menschenfeindlicher Unlogik auch gar nicht geben. Es verwundert ein wenig, dass die USA auf den negativen Spitzenplätzen nicht vertreten sind – aber auch das ist gewiss nur ein ungesteuerter, alternativloser Zufall.

Völlig außer acht gelassen wird hier die Frage, inwiefern es überhaupt wünschenswert ist, in einem grausigen Koloss von Großstadt zu leben. Die prognostizierte Konzentration von immer mehr Menschen weltweit, die vom Land in die "urbanen Zentren" übersiedeln, ist ja einzig dem kapitalistischen Wahn der Verfügbarkeit von "Humanressourcen" geschuldet und daher ohnehin in Frage zu stellen – ganz abgesehen von dem Elend, das diese Bevölkerungswanderung in vielen Teilen der Welt verursacht. Auch davon finden wir im launischen Wettbewerbs-Zirkus der "lebenswertesten Städte" jedoch kein Wort. Dafür gibt's – sofern man keinen Adblocker benutzt – reichlich hirntötende Reklame auf 28 Seiten zu bestaunen, auf dass die Zombies noch mehr stets überteuerten Bockmist kaufen.

Ich möchte in keiner der dort gepriesenen Städte wohnen müssen und bin heilfroh, dass nicht ein Einkaufszentrum, ein Bankturmviertel oder ein Fußballstadion, sondern bloß ein läppischer, meist menschenleerer Wald vor meiner Haustüre liegt.

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Wallstreet


"oder: Das steinerne Herz der Welt."

(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 25 vom 20.09.1922)

Freitag, 25. August 2017

Musik des Tages: Sinfonie in d-moll




  1. Lento – Allegro non troppo
  2. Allegretto
  3. Allegro non troppo

(César Franck [1822-1890]: "Sinfonie in d-moll" aus den Jahren 1886/88; Frankfurt Radio Symphony Orchestra, Leitung: Marc Minkowski, 2015)


Donnerstag, 24. August 2017

Der redundante Einwurf (8): Das Sommerwetter-Paradoxon


Alle Jahre wieder versorgt uns der Kuhjournalismus mit abstrusen Meldungen, die ich schon als Teenager nicht nachvollziehen konnte. Dazu gehört das peinliche Gedudel und Geseiere über das "schöne Wetter". Sicher ist das kein Thema, dem man große Beachtung schenken muss – aber trotzdem nervt es mich ungemein, wenn immer wieder behauptet wird, ein "heißer Sommer" mit möglichst nur Sonnenschein, mit Temperaturen um die 30 Grad und ohne Regen sei ein in welcher Form auch immer "schöner Sommer".

Exemplarisch hieß es dazu kürzlich bei n-tv:

Die Temperaturen sind aber überall recht mau. Häufig werden es Tageshöchstwerte um oder etwas unter 20 Grad. (...) Denn an den mageren Temperaturen ändert sich wenig bis nix. (...) Es wird dabei landesweit wieder wärmer, aber zunächst nur im Süden sommerlich mit bis zu 25 am Montag und bis zu 28 Grad am Dienstag, während es im Norden mit 20 bis 23 Grad eher mäßig warm weitergeht.

Abgesehen davon, dass für mich persönlich "schönes Wetter" erst dann gegeben ist, wenn es sich mindestens um einen bewölkten Tag bei höchstens 20 Grad handelt, kenne ich auch niemanden, der sich je darüber gefreut hat, wenn eine Bullenhitze (also mehr als 25 Grad) bei wolkenlosem Himmel länger als nur ein paar Stunden herrschte. Vielleicht kenne ich auch nur seltsame Menschen, das will ich gar nicht ausschließen – allerdings bezweifle ich sehr stark, dass es zumindest in den hiesigen Breiten sonderlich viele Menschen gibt, die ihren Alltag in tropischem Klima unter einer stets brennenden Sonne bewältigen möchten.

Das hält die Bekloppten in den Medienhäusern aber nicht davon ab, seit Jahrzehnten stets aufs Neue und bei jeder sich bietenden Gelegenheit wie stumpfsinnig den Blödsinn vom "tollen Sommerwetter" in die Welt zu blasen. Ob das damit zusammenhängt, dass diese Figuren meist in gut klimatisierten Räumlichkeiten arbeiten (und vermutlich in ebenso gut klimatisierten Karossen herumfahren) dürfen, weiß ich nicht. Ich jedenfalls hasse es wie die Pest, wenn ich bei tropischen Temperaturen arbeiten, Auto fahren oder auch nur irgendwelche Termine wahrnehmen muss – das ist kein "schönes", sondern völlig widerwärtiges Wetter.

Für mich ist ohnehin der Herbst die schönste Jahreszeit: Dann nämlich fangen die lärmenden Menschen endlich wieder damit an, ihre Aktivitäten in die Innenräume zu verlegen – es wird somit erheblich stiller in dieser lärmverseuchten Welt; außerdem wird es früher dunkel und ein Spaziergang im herbstlichen Wald – gerne auch bei Regen und Nebel – ist ein unvergleichliches Naturerlebnis. Wenn ich könnte wie ich wollte, lebte ich längst in der nördlichen Hälfte Finnlands, wo es kaum Lärm (und kaum Menschen) und sogar im Sommer nur selten tropische Temperaturen gibt, dafür aber endlose, kühle Wälder und tausende Seen. Dort kann die Seele ganz in Frieden gesunden.

Ich erinnere mich gut: Ich saß einmal abends vor der damals für einen Appel und ein Ei gemieteten einsamen Holzhütte an einem Seeufer mitten in den einsamen finnischen Wäldern, als ich plötzlich ein nie zuvor gehörtes, äußerst seltsames Geräusch in der Ferne vernahm: Es klang wie das Prasseln von kleinen Nägeln, die man aus einer großen Schale ins Wasser schüttet. Zuerst war es nur ein kaum wahrnehmbares Flüstern, das von den zirpenden Grillen in meiner Umgebung fast übertönt wurde, aber sehr langsam und kontinuierlich wurde es immer lauter, bis ich nach etwa 20 Minuten endlich begriff, was ich da hörte: Es war schlicht der sich allmählich nähernde, auf den Wald prasselnde Regen. – Ich habe niemals wieder schöneres, beeindruckenderes Sommerwetter erlebt.


(Abendlicher Blick von der Holzhütte über den See, während die Regenfront langsam nahte. Die nächste Stadt – mit etwa 1.000 Einwohnern – war weit über 100 km entfernt.)

Mittwoch, 23. August 2017

Zitat des Tages: Steht noch dahin


Ob wir davonkommen ohne gefoltert zu werden, ob wir eines natürlichen Todes sterben, ob wir nicht wieder hungern, die Abfalleimer nach Kartoffelschalen durchsuchen, ob wir getrieben werden in Rudeln, wir haben's gesehen. Ob wir nicht noch die Zellenklopfsprache lernen, den Nächsten belauern, vom Nächsten belauert werden, und bei dem Wort Freiheit weinen müssen. Ob wir uns fortstehlen rechtzeitig auf ein weißes Bett oder zugrundegehen am hundertfachen Atomblitz, ob wir es fertigbringen mit einer Hoffnung zu sterben, steht noch dahin, steht alles noch dahin.

(Marie Luise Kaschnitz [1901-1974]: "Steht noch dahin. Neue Prosa", Suhrkamp 1970)



Anmerkung: 47 Jahre nach der Erstveröffentlichung ist dieser Text – und nebenbei das gesamte, sehr empfehlenswerte Büchlein – so aktuell wie nie zuvor. Eine solche perverse Erfolgsgeschichte des kontinuierlichen, konsequenten Unterganges kann wohl nur der Kapitalismus schreiben.

Montag, 21. August 2017

Das Grauen dieser Zeit


Ein Gastbeitrag von Oppa Kowalski

Sie wissen es schon: Früher war alles besser. Die heutige Jugend ist eine Bande verweichlichter Warmduscher, die freiwillig Staatswanzen mit sich herumschleppen, brav von Konzernen vorgegebenen "Trends" und "Moden" nachlaufen, allesamt egozentrisch und empathielos sind und ohnehin nicht begreifen, wieso diese Welt so unsagbar scheiße ist. Das habe ich letztens bei n-tv bestätigt bekommen. Dort hieß es:

Das Auge wählt mit: Junge bevorzugen schlanke Kandidaten / Wer Jungwähler erreichen will, muss ihnen laut einer neuen Studie heutzutage mehr bieten als den richtigen Wahlslogan und genügend Erfahrung: Fitte und attraktive Spitzenkandidaten haben demnach bessere Chancen, gewählt zu werden.

Nun reicht nicht mehr nur ein peppiger Reklameslogan aus, um "Jungwähler" zu ködern – nein, man muss als politischer Akteur gleich auch noch das zeitgeistige Image der "Fitness" und "Attraktivität" bedienen. Es sei denn, man heißt Merkel. Dann ist das nämlich egal, denn dieses Scheusal wird trotzdem gewählt: "Mütter müssen nicht schön sein, damit sie geliebt werden." – Was ist das bloß für eine Jugend, die einerseits einem hässlichen Katastrophenmonstrum, das einer Mutter so ähnlich ist wie ein dreiköpfiger Drache, die Erstwählerstimme gibt und andererseits einen aktenkoffertragenden, ebenso korrupten wie inkompetenten Schlips-Borg wie Lindner allen Ernstes attraktiv findet? Echt, den Lindner? Da sind doch sogar meine Hämorrhoiden um Längen attraktiver.

Auch in Österreich stehen ältere Menschen ebenso bass erstaunt vor demselben finsteren Höllenpfuhl:

"Strache hat abgebaut. Er wirkt leicht übergewichtig, blass und nicht vital. Er strahlt keine Dynamik mehr aus." Ganz im Gegensatz zu Kurz. Der konservative Politiker treffe auch mit seinen Slogans zum Beispiel über die "Schließung der Mittelmeerroute" einen Nerv bei den jungen Menschen.

Das sind doch alles Nazis. Wenn eine solche Forderung einen "Nerv bei jungen Menschen" trifft, dann können sie sich allesamt unverzüglich die Hakenkreuzarmbinde anlegen und stumpf nach dem Führer brüllen. Überhaupt scheint das Ariertum wieder voll im jugendlichen Trend zu liegen – dazu passt auch die Feststellung, dass der beliebte, "konservative" Herr Kurz ein "Meister der Dekomplizierung" sei. Ja, das können sie, die Nazis: Komplizierte Sachverhalte so umbiegen, umlügen und verunstalten, dass sie plötzlich ganz einfach erscheinen. Und auf solche billigen Hütchenspielertricks fällt die heutige Jugend einmal mehr herein! Pfui Deibel.

Das wäre uns damals nie passiert. Wir wussten noch, dass in der Ostzone der leibhaftige Teufel haust und dass wir nur durch harte Arbeit ein Wirtschaftswunder vollbracht haben, um das uns bis heute alle Welt beneidet. Wir haben Politiker wie Wehner und Brandt gewählt, die weder fit, noch attraktiv, noch reklamesloganfähig waren. Die haben unseren schönen Kapitalismus zur goldenen Blüte gebracht, so dass wir uns ein Auto auf Pump, einen jährlichen Urlaub in Italien und manchmal sogar ein kleines Häuschen leisten konnten, das wir bis zum heutigen Tage bei der Bank abbezahlen. Dass es nebenbei auch ein paar Multimillardäre gab, fiel da nicht ins Gewicht. Und was der gemeine Neger, der Zonenbewohner, der Schlitzäugige oder andere Untermenschen derweil erlitten haben, davon wussten wir nichts und wollten es auch gar nicht wissen, denn wir bekamen einen Kühlschrank, ein Fernsehgerät und später sogar ein eigenes Telefon. Ein Telefon! Mit einer damals vierstelligen Rufnummer, denn man war privilegiert – es gab noch nicht viele, die sich das leisten konnten.

Und heute ist die Jugend wieder so oberflächlich und nationalsozialistisch. Wie kann man nur so dumm sein, ich versteh das einfach nicht. Klar, die SPD kann man heute nicht mehr von den Schwarzen unterscheiden, aber Lafontaine oder Wagenknecht sagen doch immer wieder Gutes – z.B. dass wir hier in Deutschland nicht so viele Neger und andere Ali-Babas aufnehmen können und dass man endlich mal etwas für mehr Rente für echte Deutsche tun sollte. Wieso wählen die Jungen trotzdem lieber die schwarz-gelben Heuchler?

Ich glaube, ich wähle im September doch lieber die AfD. Da gibts keine Merkelmonster und Aktenkofferträger. Der Gauland gefällt mir sehr. Gauen und Gauleiter gab es früher sowieso häufiger. Diese Jugend kann mir mal den Buckel runterrutschen: Wenn die lieber wieder dasselbe haben wollen wie 1933, dann sollen sie es bekommen. Ich wasche meine Hände in Unschuld und knabbere dann sowieso längst von unten an den Radieschen!

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Anmerkung von Charlie: Dieser, äh, Text wurde dem "Narrenschiff" per Mail zugesandt; der Verfasser ist mir persönlich bekannt. Ich habe nach dem Genuss von drei Litern Hustensaft und mitten im Fieberwahn entschieden, ihn hier zu veröffentlichen. Danach entschwand ich für längere Zeit auf dem Klo, da mich der Brechdurchfall plagte – und ich meine mich zu erinnern, dass mir mein dortiges Spiegelbild über dem Waschbecken eine üble Persönlichkeitsspaltung attestiert hat. Aber das war sicher nur ein weiterer böser Traum.

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Habt Erbarmen mit den Sorgen eines armen alten Mannes



(Lithographie von Jean-Louis Théodore Géricault [1791-1824] aus dem Jahr 1821; unbekannter Verbleib)

Samstag, 19. August 2017

Freiheitlich-demokratischer Rechtsstaat: Der Ausreiseversuch


Oder: Willkommen in Dystopia

Seit Anfang August 2017 ist es nun "amtlich": In Deutschland gibt es ein Gesinnungsstrafrecht, das es erlaubt, Menschen "rechtskräftig" zu verurteilen und jahrelang einzusperren, die keine Straftat begangen haben, sondern denen lediglich "plausibel" unterstellt wird, derartig Schändliches in der Zukunft möglicherweise begehen zu wollen. n-tv berichtete:

In dem Fall ging es um einen Deutschen aus München, der zweimal vergeblich versucht hatte, ins syrische Bürgerkriegsgebiet zu reisen, um dort für einen islamischen Gottesstaat zu kämpfen. Im Oktober 2015 wurde er am Flughafen München festgenommen. Vom dortigen Landgericht wurde der damals 27-Jährige im Mai 2016 zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Dieses Urteil ist nun rechtskräftig.

Der Bundesgerichtshof [sic!] hat dieses Freisler'sche Urteil bestätigt. So intensiv ich auch nachdenke – mir fällt dazu kein sinnvoller Kommentar ein, den ich hier auch veröffentlichen könnte, ohne ausfällig zu werden. Ich stelle stattdessen einfach die Frage in den Raum, wie man gemeinhin (autoritäre) Staaten bezeichnet, welche die eigenen Staatsbürger aufgrund eines Ausreiseversuches – aus welchen Gründen der auch immer geplant gewesen sein mag – strafrechtlich verfolgen und in den Knast sperren? Ob das Urteil wohl ebenso ausgefallen wäre, wenn dem Mann nicht die Ausbildung in einem "Terror-Camp" in Syrien, sondern beispielsweise in einem "Terror-Wolkenkratzer" der menschenfeindlichen Bankmafia an der Wallstreet als Ziel unterstellt worden wäre – oder gar eine Teilnahme am Krieg auf Seiten der "gemäßigten Rebellen" [*lol*] in Nahost oder sonstwo? – Die Antwort liegt klar auf der Hand.

Es ist nicht allzu weit hergeholt, dass demnächst auch wieder Schwerstkriminelle wie ich vor Gericht gestellt und weggesperrt werden, denn ich träume ja – wenn auch ohne jede Hoffnung – nach wie vor von einer sozialistischen Revolution, die dieses furchtbare kapitalistische System endlich, endlich in die finstere Kanalisation der Geschichte spült, wo es schon so lange hingehört – und das sogar öffentlich und ganz und gar nicht "verdeckt". Wie lange mag es noch dauern, bis wieder einmal nicht mehr "erst" der Ausreiseversuch "geahndet" wird, sondern die Männer in den schwarzen Mänteln schon lange vorher hämmernd vor der Türe stehen? – Cogito ergo criminalis sum?

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Wer läutet draußen an der Tür?

Wer läutet draußen an der Tür,
kaum dass es sich erhellt?
Ich geh schon, Schatz. Der Bub hat nur
die Semmeln hingestellt.

Wer läutet draußen an der Tür?
Bleib nur; ich geh, mein Kind.
Es war ein Mann, der fragte an
beim Nachbarn, wer wir sind.

Wer läutet draußen an der Tür?
Lass ruhig die Wanne voll.
Die Post war da; der Brief ist nicht
dabei, der kommen soll.

Wer läutet draußen an der Tür?
Leg du die Betten aus.
Der Hausbesorger wars; wir solln
am Ersten aus dem Haus.

Wer läutet draußen an der Tür?
Die Fuchsien blühn so nah.
Pack, Liebste, mir mein Waschzeug ein
und wein nicht: sie sind da.

(Theodor Kramer [1897-1958], geschrieben am 18. Juni 1938, in: "Gesammelte Gedichte Bd. 1-3", 1989)

Montag, 14. August 2017

Song des Tages: Dark Side of the Sun




(End of Green: "Dark Side of the Sun", aus dem Album "Void Estate", 2017)


Samstag, 12. August 2017

Fragmente: Gedanken aus den Fieberträumen


Nach einigen Tagen des persönlichen Totalausfalles aus gesundheitlichen Gründen reiche ich heute ein paar kommentierte Meldungen der letzten Wochen nach, die ich eigentlich viel ausführlicher im Blog behandeln wollte. Ich bitte um Nachsicht, dass dies nun nur fragmentarisch geschieht und ich nur wenige meiner Gedanken dazu hier unterbringen kann.

1. Mythos Elektroauto

In der Zeit war vor einigen Wochen zu lesen:

Ab 2040 dürfen in Großbritannien keine Dieselfahrzeuge oder Benziner mehr verkauft werden. Ähnliche Pläne werden nun auch in Deutschland diskutiert.

Gerade dies ist ein Thema, zu dem ich mich eigentlich sehr ausführlich äußern wollte, denn ich halte diesen Elektro-Hype und die zugrundeliegende, aufgrund eines "plötzlichen Skandals" in Bewegung gesetzte Verteufelung des Verbrennungsmotors (aktuell muss der Diesel dafür herhalten, aber dabei wird es gewiss nicht bleiben) nicht nur für einen wahnwitzigen Irrweg, sondern für gezielt verdummende, kapitalistische Propaganda, die einzig dazu dient, der Automobilindustrie zu noch mehr Neuwagenverkäufen zu verhelfen, um den Profit weiter zu steigern.

Die Indizien dafür sind so reichhaltig wie der Sand im Watt von Ostfriesland. Es ist beispielsweise jedem, der ein halbwegs funktionsfähiges Gehirn besitzt, bekannt, dass jede automobile "Dreckschleuder" im Vergleich mit einem Neuwagen um Längen "ökologischer" ist, je älter sie ist. Soviel Dreck kann eine alte Karre auch in hundert Jahren nicht ausstoßen, wie die Produktion eines Neuwagens – egal welcher Art – an ökologischen Schäden und Ressourcenverschwendung verursacht.

Die Fragen nach der Herkunft und der Speicherung des benötigten Stroms sind ebenso ungeklärt wie die alltagstauglichen Lademöglichkeiten für Millionen von Fahrzeugen. Von den benötigten Rohstoffen allein für die heute verwendeten Batterien, die erforderlich wären, wenn dieser Irrweg weiter verfolgt wird, will ich gar nicht erst reden.

Die Gründe liegen indes auch klar und offen auf dem Tisch: Im Kapitalismus muss stetig neuer Schrott produziert und verkauft und "Altes" entsorgt werden, sonst funktioniert dieses absurde, zerstörerische System nicht einmal scheinbar. Dennoch sieht diese Gründe niemand und die Propagandapresse brüllt weiterhin im Chor mit den Irren aus der Politik und Wirtschaft das alte, böse, so unsäglich dämliche Lied: "Wachstum, Fortschritt, Wachstum, Fortschritt! Krebs bis zur Unendlichkeit!"

2. Flächendeckende Gesichtserkennung im deutschen Orwell-Staat

Jörg Schieb hat zum entsprechenden "Pilotprojekt" in Berlin Stellung bezogen. Dort werden am "Ostkreuz" seit dem 01.08. "probehalber" Kamerasysteme eingesetzt, die in Echtzeit Gesichter erkennen und mit staatlichen Datenbanken abgleichen können. Es versteht sich von selbst, dass niemand weiß, wie diese ominösen Datenbanken zustandekommen, wer die Kriterien festlegt, nach denen ein Mensch dort geführt wird oder von wem das ganze eigentlich kontrolliert wird. Das interessiert in Kapitalistan aber auch niemanden – Hauptsache, die Bevölkerung wird flächendeckend überwacht und zukünftig auch sofort "erkannt".

Schieb, der in seiner Eigenschaft als öffentlich-rechtlicher Redakteur nun wahrlich nicht dem Verdacht ausgesetzt ist, irgendwelchen Verschwörungstheorien anzuhängen, kommt zu dem Resümee:

Dem Überwachungsstaat ist damit Tür und Tor geöffnet. Harmlose Menschen verhüllen sich nicht – und werden zuverlässig erkannt. Der Schwarzfahrer. Der Sprayer. Vor allem Du und ich. Es setzt schon eine Menge Vertrauen voraus, davon auszugehen, dass solche Technologien nicht missbraucht werden – jetzt nicht und auch in Zukunft nicht. Dieses Vertrauen habe ich nicht. (Hervorhebung von mir, Anm.d.Kap.) / Lässt sich zusammenfassen: Die echten Straftäter haben nichts zu befürchten. Alle anderen schon. Klingt nach keinem guten Deal.

Das ist zwar arg harmlos formuliert, enthält aber trotzdem wesentliche Elemente der allzu nötigen und dennoch ignorierten Kritik – wenngleich, wie immer, die kapitalistischen Ursachen konsequent ausgeblendet werden.

3. Die unsäglichen Freuden des Kapitalismus

Diese Meldung muss ich eigentlich nicht weiter kommentieren, denn sie spricht für sich. n-tv meldete vor zehn Tagen:

9.500 Euro erhalten Bundestagsabgeordnete seit dem 1. Juli monatlich als Diät. Doch jeder vierte Parlamentarier verdient nebenbei dazu – in der Summe mindestens 26,5 Millionen Euro. Vor allem Abgeordnete von CDU und CSU bessern ihren Verdienst auf.

Das sind übrigens dieselben schmierigen Gestalten, die – inzwischen sogar unter Strafandrohung – Millionen von zwangsverarmten Menschen strikt verbieten, auch nur läppische 50 Euro hinzuzuverdienen. Das wird dann nämlich auf die Diät "Transferleistung" angerechnet. Wundert sich ernsthaft jemand darüber, dass solche Figuren den Kapitalismus toll finden, obwohl auch sie nur zu den Schuhputzern der Reichen gehören?

4. SPD: "Dinner for One"

Im Verlauf des bekannten Kindergartenspieles "Bäumchen, wechsle dich" innerhalb der kapitalistischen Einheitspartei hat es natürlich die SPD mal wieder zu Höchstleistungen des absurden Rinderwahnsinns gebracht. Nachdem die olle Eiter-Elke in Niedersachsen von der rechts-olivgrünbraunen auf die rechts-olivschwarzbraune – im Propagandasprech der alarmistischen Medien natürlich "völlig konträre" – Seite gewechselt war, meinte der rechts-olivrotbraune Thomas Oppermann voller Entrüstung (das Wort darf bitte nicht ernstgenommen werden, denn "Rüstung" ist schließlich ein wesentliches Kernthema des Kapitalismus):

Der ganze Vorgang verstößt gegen den politischen Anstand und ist ein beispielloser Verfall der politischen Moral.

Ich verschluckte mich heftig, als ich das las, und riss mir danach – wahrscheinlich irre lachend und hasenhaft umherhüpfend – büschelweise die Haare aus dem Schädel, um den Schmerz zu bändigen, den dieser Ausspruch ausgelöst hatte: "Politischer Anstand" und "politische Moral"!!! Mir blieb am Ende die Luft weg, ich lief blau an und schämte mich deswegen, weil ich um alles in der Welt nicht mit den Rechtsradikalen der AfD in Verbindung gebracht werden wollte. Der Oppermann muss einfach ein U-Boot der Titanic-Redaktion sein! Er muss! Er muss! Er muss! – Ich wiederholte diese Aussage solange, bis mein Kopf, den ich bei jedem dieser Worte mit sozialdemokratischer, schrödianischer Wucht auf die Tischplatte geknallt hatte, endlich dem blutigen Brei der CDU-Hirne glich, die in diesem lächerlichen Propagandatheater nicht minder hirnzersetzende Äußerungen in die Welt gefurzt und gekackt hatten.

Ich weise explizit darauf hin, dass ich der CDU hier immerhin etwas Blut, also ein Mindestmaß an Sauerstoffversorgung in der Hirnregion, unterstellt habe. Oh ja, ich weiß, ich bin völlig irre.

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Vielleicht bleibe ich doch lieber weiter krank und beschäftige mich nicht mehr mit diesem hirnverbrannten, menschenfeindlichen, abgrundtief dämlichen Bockmist, über den man so herzlich lachen könnte, wenn er nicht so unsagbar fürchterliche Auswirkungen auf die Menschen und diesen verzweifelt um Gnade winselnden Planeten hätte. Realitätsfluchten sind doch so viel schöner.

Komm, Fieber, oh komm schnell zurück.

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Wald draußen



(Gemälde von Renate Sautermeister [1937-2012] aus dem Jahr 1982, Acryl auf Leinwand, unbekannter Verbleib)

Dienstag, 8. August 2017

Das Jägerschnitzel


Ich gehe bzw. ging ja sehr gerne essen. Aus bekannten, finanziellen Gründen kann ich mir das heute aber so gut wie nie leisten, so dass es ein kulinarisches Highlight war, dass ich am vergangenen Sonntag endlich wieder in diesen Genuss kam. Ich hatte mich mit einem alten Freund verabredet und wollte – hungrig, wie ich war – eines dieser wundervollen Jägerschnitzel zu mir nehmen, das ich Wochen zuvor in jenem Etablissement am Nachbartisch gerochen und gesehen hatte.

Natürlich hatte ich extra nicht gefrühstückt – einen solchen kulinarischen Höhepunkt gilt es schließlich zu feiern. So saßen wir also entspannt quasselnd in diesem Bistro, mit einem Tässchen Kaffee und einem weitläufigen Blick über den geruhsam in der Sonntagssonne dahinplätschernden Fluss, als mein Blick irgendwann auf die Karte fiel: Das Jägerschnitzel war durchgestrichen.

Mir stockte das Herz. Da hatte ich nun wochenlang gespart, um endlich mal wieder mein Leibgericht zu mir nehmen zu können – um vom Kellner sodann zu erfahren, dass dieses Gericht, das als "Snack" auf der Karte aufgeführt ist, in den kommenden drei Wochen nicht mehr verfügbar sei. Der Grund ist natürlich ein kapitalistischer: Da der Inhaber des Bistros mehrere Geschäftsstätten betreibt und die "Mutter" gerade Betriebsferien habe, könne das Essen nun auch in diesem "Tochterunternehmen" zeitweise nicht angeboten werden. Ich glotzte wohl wie eine Dampflok oder sedierte Kuh, während der junge Mann mir das offenbarte.

Ähnlich erging es anderen Gästen dieses Bistros – ich schnappte Gesprächsfetzen auf wie "Aber wir sind doch gerade wegen der Schnitzel hier!" – Mein Freund und ich beschlossen also, den Kaffee schnell auszutrinken und eine andere Futterstelle aufzusuchen. Nach einigem Herumirren – am Sonntagmittag ist es in dörflichen Gefilden sogar mitten im Ruhrgebiet nicht so einfach, eine geöffnete Küche jenseits des üblichen Fast-Food-Mists zu finden – nahmen wir also Platz in einem anderen Bistro. An den Nachbartischen saßen schon die besagten Herr- und Frauschaften, die wir schon vom Schnitzel-Gate-Bistro kannten.

Inzwischen war mein Hunger auf die Stufe "Ich esse jetzt alles, Hauptsache es macht satt" angeschwollen. Der Kellner pries mir das Tagesgericht an: Ein Schweinebraten mit köstlicher Soße an Salzkartoffeln mit Rotkohl. Ich bestellte es begierig. Kurze Zeit später kam der Mann wieder an unseren Tisch und sagte: "Tut mir leid – es handelt sich um einen Rinder- und nicht um einen Schweinebraten." Ich winkte ab und sagte: "Egal, ich habe Hunger!" Zehn Minuten später bekam ich endlich mein Essen: Zwei dünne Scheiben Rindfleisch, die so zäh waren wie meine Schuhsohlen, garniert mit sechs maschinell geschälten Kartoffeln (vermutlich aus dem Glas) und einem Haufen Rotkohl, der ebenfalls aus dem Glas stammte. Dazu gab es eine leckere Tüten-Soße. Das ganze war offenbar in der Mikrowelle – ohne Abdeckung – erhitzt worden, so dass sowohl das Fleisch, als auch die Kartoffeln eine trockene Haut aufwiesen, die dem Messer tapfer widerstand.

Ich aß nicht einmal ein Viertel dieser Speise, bezahlte dennoch 8,90 Euro und ging hungrig nach Hause. Mein Freund meinte beim Abschied nur lachend: "Loriot war ein Realist."


(Wovon ich träumte)

Montag, 7. August 2017

Wir haben die Wahl ... ?


Gestern ist der hochgeschätzte Stefan Gärtner in seinem sonntäglichen Frühstückskommentar zu gar wunderlichen Schlüssen gelangt: Neben vielen nachvollziehbaren Schlussfolgerungen kommt er dort unter anderem auch zu dieser:

Die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands, nebenbei, kann ich leider nicht wählen, denn neben durchgehend Richtigem will sie "Freiheit für Palästina", und ich muss im Leben nicht mehr viel werden, und linker Antisemit schon gar nicht.

Der Text sitzt wie gewohnt, und ich habe dem dennoch einiges hinzuzufügen. Denn ich fragte mich beim Lesen, ob es aus linker Sicht denn tatsächlich schon ausreicht, eine Partei, die ansonsten "durchgehend Richtiges" anstrebt, allein aufgrund dieser dummen, fast schon traditionellen Palästina-Groteske als "unwählbar" zu klassifizieren. Ich habe nicht einmal nachgeschaut, ob die MLPD diese dämliche Forderung tatsächlich in ihr Wahlprogramm geschrieben hat – ich vertraue darauf, dass der Herr Gärtner das stattdessen getan hat.

Freilich ist es dumm und kontraproduktiv, eine solche "palästinensische" Position einzunehmen, die weder etwas mit der Sozialpolitik, noch mit den gerade in Deutschland – dem großen "Vorreiter" des kapitalistischen Wahns – dringend notwendigen Korrekturen zu tun hat. Alberne Alibi-Parteien wie die korrumpierte "Linke" samt ihren Systemschranzen können und wollen dieses Vakuum nicht füllen, weshalb Alternativen zwingend nötig sind – und seien sie auch noch so marginal. Ich hätte dem Gärtner eine so überaus oberflächliche Behandlung dieses Themas jedenfalls nicht zugetraut. – Sicherlich ist die kapitalistische Politik-"Elite" in Israel ganz genauso scharf zu kritisieren wie in allen anderen kapitalistisch verseuchten Regionen dieser verkommenen Welt – weshalb der Mann aber ins propagandistische Gegenteil verfällt und dieser nötigen Kritik den Stempel "Antisemitismus" aufdrückt, weil sie gängigen pseudolinken Klischees widerspricht, erschließt sich mir nicht.

Es geht hier, daran sei noch einmal erinnert, um die "Wählbarkeit" einer linken Partei in Deutschland aus humanistischer Sicht. Wenn dem geschätzten Herrn Gärtner tatsächlich kein anderes Argument einfällt, um die MLPD als "unwählbar" zu diskreditieren, kann ich das nur als ideologisch verbohrten Blödsinn bezeichnen.

Ich wiederhole noch einmal: Ein Slogan wie "Freiheit für Palästina" ist so unsäglich dumm, dass das entsetzte Gebälk im Hirnbereich mit dem dumpfen Knarzen gar nicht mehr nachkommt; gleichzeitig ist aber die Aussage, dass eine Partei, die dies neben vielem anderen fordert, "unwählbar" sei, ebenso absurd. Die Fähigkeit zur Differenzierung hätte ich dem Gärtner dann doch noch zugetraut. Was wählt er stattdessen? Gar nichts? Die "Bibeltreuen Christen" oder die "Vegane Front"?

Ich jedenfalls werde diese kommunistische Splitterpartei im September wählen – und ich bin mir sehr bewusst, dass ich damit genauso viel erreiche wie mit meinen Bemühungen, die lästigen Fliegen vor meinem Computermonitor durch hektische Handbewegungen zu vertreiben. Durch alberne Wahlen ist der beschlossene kapitalistische Untergang ganz sicher nicht mehr aufzuhalten – dies ist lediglich ein letztes Zeichen meinerseits, das ich noch setzen kann, bevor das kapitalistische Grauen den letzten Rest der Hoffnung aufgefressen hat wie ein Zombie das kleine Kind.


Samstag, 5. August 2017

XXX EILMELDUNG XXX: Das politische Erdbeben


Ein exklusiver Bericht des Narrenschiff-Reporters Charlie Charlieson vom Ort des Grauens

Ich zittere noch am ganzen Körper. Gestern hat in der freiheitlich-demokratischen Bundesrepublik Deutschland ein "politisches Erdbeben" (NDR, Tagesschau) stattgefunden, das scheinbar alles aus den Angeln hebt, was zuvor noch religiös als ewige Gewissheit gepriesen wurde. Fassungslose Kuhjournalisten haben Eilmeldungen und Sondersendungen am Fließband produziert, während die Bande der Schlips-Borg wie gewohnt abzuwiegeln versuchte.

Welche unsägliche Katastrophe ist also über das glückselige Paradies Deutschland, in dem es "uns so gut geht wie nie zuvor" (BLÖD-"Zeitung" vom 04.08.17), hereingebrochen? Haben endlich die DKP und die MLPD die Regierungsgeschäfte übernommen? Sind Außerirdische in Hannover gelandet und haben den Kommunismus ausgerufen? Ist Hitler von der dunklen Seite des Mondes zurückgekehrt und hat mithilfe von Flugscheiben und finsteren Echsenmenschen die Macht an sich gerissen? – Ich habe knallhart recherchiert und decke hier auf:

Eine Hofschranze der Kapitalistischen Einheitspartei (KED) aus der norddeutschen Provinz, die jenseits der dortigen Kuhweiden niemand kennt, hat plötzlich herausgefunden, dass der olivgrüne Giftlack, mit dem sie sich zuvor angepinselt hatte, doch nicht so gut zu ihrem Teint und ihrer Geldbörse passt. Deshalb hat sie ihn abgelegt, um künftig lieber wieder den schwarzen Originalanstrich des Rautenmonstrums zu zeigen.

In der Tat: Das ist noch viel schlimmer als ein Erdbeben – man spürt förmlich, wie die verängstigte, panische Bevölkerung in Scharen aus den einsturzgefährdeten Häusern auf die Straßen strömt und um den Fortbestand des freiheitlich-demokratischen Paradieses bangt. In unserer geliebten, alternativlosen KED ist "irgendeine Olle" (Zitat aus Regierungskreisen) vom Bezirk KED-3 zu KED-1 gewechselt, und flugs ruft die Staatspropaganda den Notstand aus. Schließlich ändert sich dadurch nicht nur auf den norddeutschen Kuhweiden, sondern auch sonst alles! Wir haben es hier mit nicht weniger als einem Staatsstreich zu tun, der unser gelobtes Paradies in den Grundfesten erschüttert: In Niedersachsen gibt es ab sofort eine rot-grüne Minderheitsregierung und eventuell sogar Neuwahlen! Dagegen wäre ein Tsunami aus der Nord- und Ostsee, der die gesamte Provinz in Schutt und Asche legt, nur eine Randnotiz auf Seite 17 der örtlichen Kuhblätter. – "Man muss schon sehr genau wissen, was staatsgefährdend ist und was nicht", sagte Carsten Maschmeyer (CDU, vormals SPD) dazu, während er eine Flasche Bier mit einem gewissen Herrn Schröder (noch immer SPD) leerte.

Wie soll es nun bloß weitergehen? Die Ungewissheit treibt die Menschen in der Krisenregion zu maßlosen Hamsterkäufen. Auf den Autobahnen in Richtung Süden bilden sich gigantische SUV-Staus und niemand weiß, ob er die Nacht überleben wird. Die rechtsstaatlichen Strukturen sind zusammengebrochen und ein plündernder Mob zieht durch die ansonsten menschenleeren Straßen und Feldwege des einstmals blühenden Landes und melkt Kühe und Ziegen (zum Eigenbedarf). Und doch harre ich auch weiterhin aus und berichte vom Ort des Grauens, während Hannover in Flammen aufgeht. Morgen wird nichts mehr so sein, wie es einmal war.

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Und morgen lesen Sie an dieser Stelle: Skandal! Helene Fischer popelt in aller Öffentlichkeit!

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Tempo der Zeit



(Zeichnung von Hannes König [1908-1989], in: "Der Simpl", Nr. 10 vom August 1946)