So werde ich denn alt und älter. Gleich ist der Schritt vom Juniorsenior zum Greis getan. Und ich stehe stumm am Ufer und staune mit großen Augen die majestätischen Schiffe an, die durch die Welt gleiten. Sie tragen die Namen von Banken und Weltfirmen, einige auch, die mittleren und kleineren, von Erben, Milliardären und bizarren Stars. / Ihre Passagiere sind mir fremd und egal. Ihre Frachträume sind gefüllt mit Geld, Schuldscheinen, Besitzverträgen und ähnlichem. Manchmal fällt etwas von Bord, und das Meer trägt es ans Land. Dann stürzen wir uns drauf, weil auch wir gut leben wollen. Und um von den Resten der Abspeisung das meiste zu kriegen, fahren wir die Ellenbogen aus und wollen unserer Beute Schmied sein und trampeln den Nachbarn in den Sand (...).
(Eckhard Mieder [*1953], in: Das Blättchen, 14. Jahrgang, Nummer 21 vom 17. Oktober 2011)
"Jede Wirtschaft beruht auf dem Kreditsystem, das heißt auf der irrtümlichen Annahme, der andere werde gepumptes Geld zurückzahlen."
(Kurt Tucholsky)
(...) Das Weltfinanzsystem ist ja seit den 90er Jahren so massiv überschuldet, dass an eine Rückzahlung der Ausstände nicht mehr zu denken ist. (...) Um die Schulden alle zu bezahlen, müssten die Steuerzahler dieser Welt Jahrzehnte Sklavenarbeit leisten. Daran ist nicht zu denken. Irgendwann werden die Schulden abgeschrieben werden müssen.
Nun aber zur Frage, wann die Ärzte den Stecker ziehen könnten. Zuerst müssen wir uns klar sein, dass diese "Ärzte" ein undurchschaubares System von globalen Banken, Rating-Agenturen, Medienkonzernen samt Hinter-, Mittel- und Strohmännern [sind], die alle irgendwie unabhängig wirken und doch dasselbe bewirken: den Glauben an unser Geld hoch halten, die wahre Natur des Geldes verschweigen und Alternativen verhindern. (...)
Heute erkennt die Welt langsam, dass diese Verträge nicht mehr erfüllt werden können. Wie so oft in der Geschichte, kommt diese Erkenntnis, die man ärgerlicherweise schon sehr lange hätte haben können, zu spät. Denn: Wenn mit jedem Kredit die Geldmenge um den entsprechenden Betrag erhöht wird, er aber mit Zins und Zinseszins zurückbezahlt werden muss, woher kommt dann das Geld für diese zusätzlichen Kosten? – Richtig: Von neuen Kreditnehmern, die ihrerseits die Geldmenge erhöhen und mit Zinskosten zusätzlich unter Wachstumsdruck setzen. Ein klassisches Schneeballsystem. (...)
Es ist klar: Die Tage unseres Geldsystems sind gezählt – und damit möchte ich die Metapher verlassen und konkreter werden. Weil wir aber auf Gedeih und Verderben von einem funktionierenden Geld abhängig sind (...), wird wohl in absehbarer Zeit ein neues globales Geld auf den Markt gebracht werden. Dieses neue Geld wird wie alle Währungsreformen eine umfassende Neubewertung der Ansprüche mit sich bringen. Zwei Beispiele: Die Ansprüche der Bürger an die Altersvorsorge in alter Währung dürften gestrichen werden, während sie über ihre Steuern die alten Staatsschulden in neuer Währung bedienen müssen, wahrscheinlich mit einigen Abstrichen. Mieten für Häuser, die mit dem alten kaputten Geld gebaut wurden, müssen nun in neuer Währung bezahlt werden, während Besitzer von abbezahlten Häusern neu eine Schuld in neuer Währung tragen müssen, wie bei der deutschen Währungsreform von 1948 geschehen.
Anmerkung: Dieses Thema wurde schon öfter in diesem Blog behandelt (beispielsweise hier oder hier) - verändert hat sich an der Situation aber natürlich nur die Verschärfung der Lage durch die aktuelle Finanz- und Bankenkrise. Interessant ist der verlinkte Text vor allem deshalb, weil der Autor in recht deutlichen Worten ein Szenario malt, das nach meinem Dafürhalten ziemlich wahrscheinlich genau so von der neoliberalen Bande geplant sein dürfte. Sie hat ja bereits Erfahrung darin.
Korrekturen dieses völlig inhumanen, unbrauchbaren und ausbeuterischen Schuldgeldsystems - oder gar Alternativen dazu - wird es auch dieses Mal mit Sicherheit nicht geben, wenn es nach dem Willen der neoliberalen Bande geht. Der Autor beschreibt sehr anschaulich, wie man die neue Währung sehr schnell einführen und wild darüber lamentieren wird, dass keine Zeit zu verlieren sei und man schnell handeln müsse ... dabei liegen die Pläne doch schon lange in den Schubladen, damit eben keine öffentliche Diskussion über mögliche Alternativen aufkommt. Und so wird der Kapitalismus einmal mehr vor die Wand gefahren, um wieder bei Null zu beginnen und das gleiche Spielchen der Ausbeutung, Unterdrückung und Verarmung der Menschen einmal mehr neu zu starten.
In den Mainstreammedien kommt das gesamte Thema schlicht nicht vor - die dortige Berichterstattung liest sich statt dessen wie ein hilf- und sinnloser Erklärungsversuch einer absurden esoterischen Sektenideologie. Da wird weiter vom "Schuldenabbau" schwadroniert, was das Zeug hält - und die Tatsache, dass kein Staat der Welt seit 1945 auch nur einen einzigen Cent seiner Schulden abgebaut hat und dies auch zukünftig nicht tun kann, soll und wird, fällt einfach unter den Tisch. Da wird das System der Geldentstehung nicht thematisiert, das grotesker und skandalöser ja kaum sein könnte - und die Liste ließe sich noch um ein Vielfaches verlängern.
Derweil reiben sich die Superreichen erneut hämisch grinsend die fetten Hände, denn sie wissen: Auch nach der nächsten Implosion des Geldsystems und der Installation einer "neuen Währung" wird alles beim Alten bleiben - ihre erbeuteten Besitz- und Reichtümer werden ihnen bleiben, sie werden die Menschen weiter ausbeuten und sie in einem neuen Spiel erst langsam, dann immer schneller verarmen können - während die Menschen irrtümlich glauben, sie könnten durch ihre Arbeit wohlhabend werden oder den Wohlstand aller mehren.
Dieses kapitalistische System ist irrsinniger als jede dystopische Horrorvision, die sich ein Autor je hätte ausdenken können.
Die neoliberale Einheitspolitik lässt Wahlen sinnlos erscheinen. (...)
Sozialdemokratische Parteien werden zumeist, und kaum zu Unrecht, als Teil des neoliberalen Problems, nicht als Teil seiner Lösung betrachtet. Tony Blair und Gerhard Schröder haben ganze Arbeit geleistet. Zuletzt erhebt Spaniens angeblich linke Regierung im Überrumpelungsverfahren eine "Schuldenbremse" in Verfassungsrang. Und die griechischen Sozialdemokraten, eigentlich mit einem "Social Justice"-Programm an die Macht gekommen, verfolgen heute unter dem Druck der EU-Troika eine lupenrein neoliberale Politik, die das Land in den endgültigen Ruin führen wird. Sie alle haben die Rede von der vorgeblichen Alternativlosigkeit solcher Politik zutiefst verinnerlicht. Margaret Thatchers berüchtigter Spruch "There is no alternative" ist zum Mantra der Sozialdemokratie geworden.
Die wirkliche Alternativlosigkeit liegt anderswo, nämlich im Fehlen einer politischen Alternative zu diesem Mantra und seinen Vorbetern von rechts wie von links. Genauer: einer Alternative innerhalb des Systems repräsentativer Demokratie. Dass diese Alternative nicht in Sicht ist, hat natürlich mit dem Verlust des Vertrauens nicht nur in die traditionelle Linke, sondern auch in das repräsentative System selbst zu tun. Wenn eine Regierung, um beim griechischen Fall zu bleiben, das exakte Gegenteil dessen umsetzt, wofür sie gewählt wurde, stellt sich die Frage nach dem Sinn von Wahlen überhaupt. Wo nicht mehr zwischen erkennbaren Alternativen, sondern nur noch die Alternativlosigkeit selbst gewählt werden kann, steht Demokratie als solche infrage.
Anmerkung: Dieser Text ist eine lesenswerte Bestandsaufnahme der momentanen europäischen Einheitspolitik der neoliberalen Bande. Leider vergisst der Autor jedoch, auf spezifische Entwicklungen in verschiedenen europäischen Ländern hinzuweisen, wie beispielsweise die Besorgnis erregende Erstarkung der Rechtspopulisten (die im Allgemeinen jedoch im trüben neoliberalen Einheitsbrei mitfischen) und die tatsächlich vorhandenen politischen Alternativen - in Deutschland etwa die Piraten oder die Linke.
Anders als der Autor sehe ich die Demokratie durch diese nicht unterscheidbaren neoliberalen Einheitsparteien aber nicht nur in Frage gestellt, sondern de facto längst außer Kraft gesetzt. Was in Spanien, Griechenland und selbstredend auch in Deutschland und den anderen EU-Staaten geschieht, hat mit Demokratie nichts zu tun - es ist das pure Mästen und schamlose Bereichern von Superreichen auf Kosten der Bevölkerungen und der Sozialstaaten. Darüber wird von den Propagandamedien nur niemand informiert, denn diese Medien spielen allesamt das große Theaterstück mit, das uns allen vorgaukeln soll, es gebe signifikante Unterschiede zwischen der CDU, der SPD, der FDP und den Grünen. Es ist extrem seltsam, dass diesem absurden Schauspiel noch immer so viele Menschen auf den Leim gehen - schließlich können wir seit Jahrzehnten verfolgen, dass es vollkommen egal ist, wer gewählt wird, denn das politische Handeln bleibt stets dasselbe. Das trifft keineswegs nur auf Deutschland, sondern auf ganz Europa und natürlich auch auf die USA mit ihrem grotesken Zwei-Parteien-Einheitssystem zu.
Im Fazit bin ich wieder ganz bei Oliver Marchart, wenn er schreibt: "Das bedeutet, dass die sozialen Bewegungen in Europa schlecht beraten wären, wollten sie sich mit dem Ruf nach einer 'wahren' Demokratie begnügen. Man wird vielleicht nicht überall eine neue Partei gründen, wofür es zumindest in Israel Anzeichen gibt. Aber man darf der repräsentativen Demokratie auch nicht den Rücken kehren. Linke Politik wird das Dilemma nur überwinden können, wenn sie auch auf repräsentativer Ebene am Aufbau einer Alternative arbeitet." - Hinzuzufügen wäre da noch, dass jene Alternative nicht wieder so schnell und umfassend korrumpierbar sein darf, wie das in Deutschland mit der SPD und den Grünen geschehen ist. In diesem Zusammenhang ist es dringend geboten, generell wieder über die Bedeutung und Beschneidung von Macht und Privatbesitz nachzudenken. Es reicht nicht aus, eine "echte" linke Partei ins kapitalistische Wettbewerbsrennen zu schicken, solange es zeitgleich wenige Superreiche auf der einen und massenweise Armut, Abhängigkeit und Elend auf der anderen Seite gibt.
Wir wissen spätestens seit Ausbruch der Weltfinanzkrise 2008, dass wir eine globale Finanzblase haben. Deren Ursachen liegen in der virtuellen Vermehrung von Geld, das realwirtschaftlich nicht existiert. Und in der Anhäufung von Vermögen bei einem kleinen Teil der Weltbevölkerung. Es gibt Kapital, das weder verbraucht noch investiert werden kann und das dennoch profitable Anlagemöglichkeiten sucht. Es ist egal, ob dies zahlungsunfähige US-Hausbesitzer, irische Banken oder der griechische Staat sind.
Die Bevölkerung in Griechenland wird also gezwungen, den Gürtel immer enger zu schnallen, damit Zahlen im Computer von einem Konto aufs andere wandern können - für Geldwerte, die niemals bei realen Menschen zur Befriedigung realer Bedürfnisse ankommen.
(...) Diese rohe Bürgerlichkeit wird befeuert durch den Klassenkampf von oben. (...) / Von Gruppen, die sich subjektiv in der Bürgerlichkeit verortet sehen, wird dies begierig aufgegriffen. Schließlich sind sie selbst von Abstiegsängsten geplagt, die spätestens seit der Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 existieren und seit September 2008 nach der Finanzkrise noch einmal verstärkt wurden. Der so von oben inszenierte Klassenkampf wird über die rohe Bürgerlichkeit nach unten weitergegeben. Die objektive finanzielle Spaltung zwischen Reich und Arm wird ideologisch durch die Abwertung und Diskriminierung von statusniedrigen Gruppen durch die rohe Bürgerlichkeit getragen. (...)
Die geringere Wahrnehmung der sozialen Spaltung durch die oberen Einkommensgruppen hat viele Folgen. Beispielsweise wird die Hilfe für Schwache und die Solidarität mit schwachen Gruppen eher aufgekündigt. Weniger Unterstützung wird vor allem gegenüber Langzeitarbeitslosen und Hartz-IV-Empfängern gefordert. Im Sinne des Kapitals wie im ökonomistischen Denken werden diese Menschen als nutzlos etikettiert. (...)
Die rohe Bürgerlichkeit zeichnet sich durch den Rückzug aus der Solidargemeinschaft aus – befeuert durch wirtschaftswissenschaftliche Eliten und die herrschende Politik.
In der rohen Bürgerlichkeit wird deutlich, dass der autoritäre Kapitalismus, dessen Zähmung in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik noch gelungen schien, außer Kontrolle geraten ist. Mit seiner spezifischen Gewalt des Desinteresses an sozialer Integration aus den Sphären von Wirtschaft und Politik ist er tief in die sich aufspaltende Gesellschaft eingedrungen. Die rohe Bürgerlichkeit wird zum Mittel der gesellschaftlichen Spaltung, die initiierenden Eliten bleiben unangreifbar oder anonym.
Anmerkung: Es ist frappierend, dass der Wissenschaftler Heitmeyer zu einem dermaßen alarmierenden Schluss kommt: "Die geballte Wucht rabiater Eliten und die Transmission sozialer Kälte durch eine rohe Bürgerlichkeit, die sich selbst in der Opferrolle wähnt und deshalb neue Abwertungen gegen schwache Gruppen in Szene setzt, zeigt nur eines: Die gewaltförmige Desintegration ist auch in dieser Gesellschaft nicht unwahrscheinlich."
Da kann man nur noch hoffen, dass die Zeit und damit auch dieser Artikel noch von genügend Menschen gelesen wird, die sich selbst im "bürgerlichen Lager" verorten. Möglicherweise setzt dann doch noch rechtzeitig eine (Selbst-)Erkenntniswelle ein, die eine neue Solidarität mit den Schwachen dieser Gesellschaft bewirkt und somit Schlimmeres verhindern könnte.
Angesichts der trostlosen, menschenunwürdigen und grundgesetzwidrigen Verhältnisse des Zwangsverarmungs- und Disziplinierungssystems "Hartz IV" ist es ohnehin eine schamlose Frechheit, wenn vergleichsweise gut versorgte Menschen zuallererst sich selbst als Opfer sehen und die Schuld dafür ausgerechnet bei den Ärmsten und Schwächsten suchen. Ein solches Verhalten kann man nur noch als asozial bezeichnen. Und für die ständige Befeuerung und Verbreitung dieses asozialen Gedankenguts sind, wie Heitmeyer es klar benennt, die Superreichen und ihre rot-grün-schwarz-gelben Erfüllungsgehilfen aus der Politik verantwortlich. Man darf mit Fug und Recht also sagen: Die neoliberale Bande ist zugleich eine asoziale Bande.
Der katastrophale Zustand der Welt wird so auf der Stelle etwas verständlicher ...
Weltweit hungert eine Milliarde Menschen. Drei Millionen Kinder unter fünf Jahren sterben jährlich an Unterernährung. Und steigende Preise für Grundnahrungsmittel aufgrund von Spekulationen treffen meist die Ärmsten der Armen, stellt der Weltkatastrophenbericht fest. (...)
90 Prozent der durch Unterernährung ausgelösten Todesfälle seien die Folge von chronischem Hunger und nicht von Hungersnöten. Für jedes Kind, das an Unterernährung stirbt, stehen viele andere, die ihr Leben lang unter den Folgen der Mangelernährung leiden werden.
Anmerkung: Es verschlägt einem immer wieder den Atem, wenn man solche Zahlen liest und sich auch nur ansatzweise vorzustellen versucht, wie die Realität dieser Menschen - auch jetzt, in diesem Augenblick - wohl aussehen mag. Gleichzeitig wissen wir, dass jeder Vorstellungsversuch dem tatsächlichen Leid und Elend jener Menschen nicht einmal entfernt nahekommt. Das alles ficht unsere "Eliten" aber nicht an - in diesen Kreisen wird statt dessen weiter fleißig daran gearbeitet, ähnliche Zustände für immer mehr Menschen herbeizuführen. Wie sagt Jean Ziegler immer so treffend: Jedes Kind, das wegen Hungers stirbt, wird ermordet.
Der Kapitalismus - also die neoliberale Bande - sorgt nicht nur für die zunehmende Verarmung und gesellschaftliche Spaltung in unseren eigenen Regionen, sondern auch für Millionen hungernder und ermordeter Menschen weltweit. Ändern will die Bande daran jedoch nichts - jedenfalls nicht zum Besseren. Wie soll man solche Menschen also nennen?
Nur am Rande sei erwähnt, dass der verlinkte Bericht von n-tv stammt - und ein privates Medienunternehmen käme seinem Auftrag nicht nach, wenn es seinen Lesern nicht auch gleich erklären würde, weshalb der Hunger so vieler Menschen so verwerflich ist: "Der Hunger in früher Kindheit führe zu körperlichen und geistigen Entwicklungsdefiziten und verringere damit die Produktivität im Erwachsenenalter."
Angesichts solcher Aussagen kann man sich nur noch verzweifelt und wie irre die Haare raufen - und kommt dem Geheimnis der menschenverachtenden Kaltherzigkeit der neoliberalen Bande vielleicht ein Stückchen näher.
Nichts hat dann aber die Erinnerung an ferne Jahrhunderte so sehr heraufbeschworen wie die Verfolgung der Juden, zuerst die lodernden Synagogen und der Pogrom des Novembers 1938 und dann die infame Verordnung, welche die Juden zwang, sich in der Öffentlichkeit kenntlich zu machen. Das war die Neubelebung jenes Beschlusses des 4. Laterankonzils, einberufen von Papst Innozenz III., aus dem Jahre 1215, in dem es geheißen hatte: "Juden und Sarazenen beiderlei Geschlechts in jeder christlichen Provinz und zu allen Zeiten sollen in den Augen der Öffentlichkeit durch die Art ihrer Kleidung von anderen Völkern unterschieden sein." (...)
In ihren Tagebuchaufzeichnungen hielt die Antifaschistin Ruth Andreas-Friedrich die Situation so fest: "Es ist soweit. Die Juden sind vogelfrei. Als Ausgestoßene gekennzeichnet durch den gelben Davidstern, den jeder von ihnen auf der linken Brustseite tragen muss. Wir möchten laut um Hilfe schreien. Doch was fruchtet unser Geschrei? Die, die uns helfen können, hören uns nicht. Oder wollen uns vielleicht nicht hören. ›Jude‹ steht in hebräischen Schriftzeichen mitten auf dem gelben Davidstern." Victor Klemperer hat in seinen Notizen mehrfach seine, seiner Frau und der Mitbewohner des Judenhauses in Dresden Stimmung beim Eintreffen der Nachricht beschrieben. "Das bedeutet für uns Umwälzung und Katastrophe." (8. September) Tränen, Herzanfälle der Frauen im Hause und sein eigener – später aufgegebener – Entschluss, er werde "das Haus nur bei Dunkelheit auf ein paar Minuten verlassen". (15. September)
Anmerkung: Man kann an dieses finstere Kapitel der deutschen Geschichte gar nicht oft genug erinnern - gerade angesichts des heute überall in Europa und den USA wieder aufkeimenden Rechtspopulismus' scheint das dringend geboten. Pätzolds Essay ist aufwühlend und informativ und sollte gerade von jüngeren Menschen, deren Kenntnisse bezüglich des Nazi-Terrors über Schul- oder Fernsehwissen noch nicht hinausgehen, gelesen werden.
Ergänzend dazu möchte ich auf die folgende Dokumentation "Auschwitz - Bilder aus der Hölle" hinweisen.
Ohne Nägel und Holz kann man kein Haus bauen. Will man den Bau eines Hauses verhindern, beseitige man die Nägel und das Holz. Will man verhindern, dass es politische Unzufriedenheit gibt, sorge man dafür, dass der Mensch nicht beide Seiten einer Frage kennen lernt, nur die eine. Oder noch besser, gar keine. Er soll vergessen, dass es etwas wie Krieg gibt. Ist die Obrigkeit unfähig, aufgebläht, steuersüchtig, ist es besser, die Leute machen sich darüber keine Gedanken.
(...) David Cameron ist offenbar entschlossen, [den britischen Wohlfahrtsstaat] endgültig zu fällen. Nach den "Blackberry-Krawallen" Anfang August, den Brandschatzungen und Plünderungen in den heruntergekommenen Stadteilen von London, Manchester, Liverpool und Birmingham, stellte er noch einmal klar, dass er an den Einsparbeschlüssen festhalten werde und die Zeiten "des Wohlfahrtsstaates, der Nichtstun belohnt", vorbei seien. Die Kommunen rief er dazu auf, verurteilten Randalierern umgehend die Sozialwohnung zu kündigen. Von den heftigen Kürzungen des Polizei-Etats – einschließlich des Stellenabbaus um zwölf Prozent – will der Regierungschef nicht abrücken. Bei weiteren Krawallen könne man ja die Armee oder (wie einst in Nordirland) Wasserwerfer und Gummigeschosse einsetzen.
Anmerkung: Der Bürgerkrieg scheint in greifbare Nähe zu rücken - die neoliberale Bande zeigt nicht den Hauch einer Einsicht. Auf der Insel werden Arme und Abgehängte eiskalt in die Knäste oder die Obdachlosigkeit geschickt, in der EU werden weiterhin privaten Banken permanent Milliarden Steuergelder in die unersättlichen Rachen gestopft, während die Bevölkerungen weiter verarmt und ausgeblutet werden - allen voran auch dort natürlich die Ärmsten.
Merkt von diesen Schlips-Borg denn tatsächlich niemand, dass sie da permanent an den Lunten eines riesigen europäischen Pulverfasses zündeln - oder meinen sie allen Ernstes, die Polizeien und Armeen würden das Problem schon richten, wenn es explodiert?
Zumindest Herr Cameron scheint diese Meinung ja zu vertreten. Ich schließe mich allerdings dem Autor des verlinkten Textes an, der meint: "Wie lange wird es wohl dauern, bis die Mehrheit der britischen Gesellschaft die herrschende polit-ökonomische Klasse satt hat und ihr in einem Schnellverfahren die Freiheit nimmt, immer mehr (jungen) Menschen die Chance auf ein würdiges Leben in Freiheit zu rauben?"
(...) Marode Fenster und bröckelnde Wände, Schimmel und Algenbildung, zerstörte Bausubstanz. Das sind keine Bilder aus einer alten Militärkaserne irgendwo in Afrika, das sind Bilder aus Deutschland im Jahre 2011. Hier müssen Menschen leben, oft viele Jahre. Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, Asylbewerber. Viele wollen aus Angst vor Repressionen nicht erkannt werden. Aber sie wollen reden über die Zustände.
Anmerkung: Dieser viel zu kurze und daher zu oberflächliche Bericht gibt einen ersten Eindruck davon, wie Flüchtlinge in Deutschland oftmals leben müssen. Es ist unfassbar, dass diese Zustände bereits seit Jahren andauern, ohne dass sich etwas zum Positiven verändert hat - offenbar will die neoliberale Bande mit ihrem menschenverachtenden "Abschreckungsprinzip" einfach weitermachen wie zuvor. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Eines der reichsten Länder dieser Erde behandelt Menschen, die als Flüchtlinge hierher kommen, gezielt und bewusst schlecht und pfercht sie in Bauruinen auf engstem Raum zusammen, um so andere Menschen "abzuschrecken". Zu so viel gelebter christlicher Nächstenliebe fällt mir nichts Höfliches mehr ein.
Diese Gesellen, die so etwas diskutieren, beschließen, in die Tat umsetzen und offenbar auch weiterhin daran festhalten wollen, gehören unter Johlen und Pfeifen aus dem Land gejagt - und sei es nur um mal am eigenen Leib zu erfahren, wie das so ist als Flüchtling in einem fremden Land ... da hingen wohl so manche Schlipse und Knopfleisten in den schlotternden Kniekehlen.
Ich schäme mich in Grund und Boden für diese menschenverachtende, faschistoide neoliberale Politik.
Sonneborn: In 13 Jahren Titanic hatte ich durch zahlreiche Polit- und Telefonaktionen ja sehr viel Kontakt mit den Bürgern, da kann mich gar nichts mehr erschrecken. Ich fürchte, das, was wir an den Telefonen hatten ...
ZEIT CAMPUS: ... zum Beispiel "Bild"-Leser, die Sie aufgrund der WM-Bestechung beschimpft haben: "Im Rechtsstaat gehören Typen wie Sie ins KZ" oder "ausgewandert" ...
Sonneborn: ... das ist schon repräsentativ. Mündig sind wohl nur wenige Prozent der Bevölkerung.
Ein Musik- und Literaturwissenschaftler auf der heiteren Odyssee bzw. vergeblichen Suche nach dem Humanismus.
Ich verstehe dieses Blog weder als "links", noch als "linksliberal" - es versucht, schlicht der Logik zu folgen, sucht die oft verschleierte Wahrheit und landet daher fast zwangsweise immer wieder in sozialistischen Regionen, in die es nie wollte. Die Logik lässt sich nicht so leicht austricksen wie es der interessengeleitete menschliche Geist tut.
Dennoch gilt auch weiterhin Spocks weiser Spruch: "Logik ist nur der Beginn aller Weisheit - und nicht ihr Ende."
Der Blogbetreiber stellt sich vor - auf dass NSA, "Verfassungsschutz", BKA und so viele andere nicht mehr so ausufernd suchen müssen:
Facebookfreie Zone
Das gilt selbstredend auch für alle anderen Datenkraken und "sozialen Netzwerke".
Statt Facebook lieber Ghostery :-)
Dieses kleine, kostenlose Plugin gibt's für alle gängigen Browser - macht es den Werbefuzzis und Überwachungsfetischisten doch wenigstens ein bisschen schwerer, Euren Spuren im Netz zu folgen ...