Dienstag, 5. Juni 2012

Song des Tages: Anaemia




(Novembre: "Anaemia", aus dem Album "The Blue", 2007)

A certain feeling assails
Visions form to wonder why
It still keeps fading
Away to the stars

The sanitarium is the night of the mind
Hidden where no-one wants to know
As nightside keeps saving your life
With its silver-painted dawn

The sanitarium holds the keys of the night
In a place no-one wants to know
And dance, dance for staying alive tonight
And you're not alone

On and on the rains with their anaemic crystals wash the pitch away
And I will follow you through centuries of famine and there will still be horror

Nightly blood anaemia
Night and blood, anaemia

As black sprites keep draining your life
When at night you're all alone
And dance, dance to remain alive
As this night beholds no dawn



Anmerkung: Den Song und das Video dieser italienischen Band aus dem Jahr 2007 kann man heute getrost mit dem abgedroschenen Wort "prophetisch" belegen. Musikalisch werden hier keine neuen Pfade geebnet, aber der vorhersehbare Abstieg in die Finsternis ist hier klar und ohne Hintertürchen umgesetzt - Politik und Wirklichkeit sind dem vorgezeichneten Weg seitdem konsequent gefolgt und tun dies auch weiterhin. Besonders beflügelnd finde ich persönlich das Fazit der Band: "As this night beholds no dawn". Wenn schon Endzeit, dann auch richtig - und ich kann diesem dunklen Absolutismus noch nicht einmal ein kleines Hoffnungsblümchen in den Weg pflanzen. Die "finstern Zeiten", die auch Bertolt Brecht seinerzeit ausmachte, stehen offenkundig einmal mehr vor unseren Türen.

Montag, 4. Juni 2012

Gezielte Volksverdummung: Zur Diffamierung der Jugend

Umfrage unter Jugendlichen / Handy ist wichtiger als Sex

Was ist wichtiger – Handy, Fernsehen oder Sex? Für Jugendliche scheint die Entscheidung ganz eindeutig zu sein. Sie verzichten lieber eine Woche auf Sex oder Fernsehen als auf ihr geliebtes Mobiltelefon. Vor allem Mädchen kommen offensichtlich kaum ohne ihr Handy aus. Das ergibt eine Umfrage des Forschungsinstituts Forsa.

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Anmerkung: Was soll man dazu noch sagen - der Artikel ist eine Farce, die in Rede stehende Umfrage ist eine Farce, ergo sind auch die Ergebnisse eine Farce. Was um alles in der Welt soll man - egal ob Jugendliche/r oder nicht - auf eine dermaßen saublöde Frage auch antworten, wenn als Antwortalternative nicht "Geh mir fort" oder "Ham'se dir in'n Kopp geschissen?" angeboten wird?

Für einen solchen Schmarrn führt Forsa eine repräsentative Umfrage durch und n-tv (und andere Medien) machen schnell komsumierbare Zwischendurch-Artikel daraus, denen der geneigte Normalleser offenbar entnehmen soll, wie unsäglich "dumm" und "oberflächlich" die gesamte "heutige Jugend" doch sei. Das Muster ist dabei nur allzu bekannt aus früheren Zeiten - schon dem altgriechischen Philosophen Aristoteles [384-322 v.Chr.] wird ja der folgende Ausspruch nachgesagt: "Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen." Solches Gewäsch findet sich wiederkehrend quer durch alle Jahrhunderte.

Wir dürfen also mindestens zwei Schlüsse aus diesen Erkenntnissen ziehen:

  • Die Panikmache und die Diffamierung der Jugend sind so alt wie die "zivilisierte" Menschheit.

  • Die Kritik war zu jeder Zeit - also auch heute - völlig berechtigt, denn keiner Jugend ist es bisher gelungen, den ewigen Kreislauf der kapitalistischen Tragödie tatsächlich zu durchbrechen und einen Evolutionssprung zu initiieren.

  • Es spricht auch heute nichts dafür, dass sich das ändert. Dafür ist allerdings - damals wie heute - weniger die Jugend als "dumm" und "oberflächlich" zu brandmarken, sondern natürlich die Generationen, die diese Jugend erst hervorgebracht, unterrichtet und geprägt haben. So funktioniert der ewige Kreislauf des kapitalistischen Verderbens. Mit dem Feindbild der ewig verkommenen Jugend verschleiert man das meist bis zum Lebensende andauernde umfassende Versagen der eigenen Generation. Und dieses Versagen der Alten wird wiederum von den nachfolgenden Generationen instrumentalisiert, um das gleichfalls eigene, womöglich zukünftige Versagen zu "erklären" oder zu relativieren.

    Der "Herr der Welt" - der menschenfressende Kapitalismus - blieb und bleibt derweil stets derselbe vernichtende Fluch.

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    Der Herr der Welt


    "Der rüstet nicht ab!"

    (Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 26 vom 22.09.1924)

    Samstag, 2. Juni 2012

    Spanien: Suppenküchen für den Mittelstand

    (...) Was früher die Armen betraf, erreicht längst den Mittelstand. Ende 2011 war die spanische Arbeitslosenquote von 23 Prozent die höchste in der Europäischen Union. Sechs Jahre zuvor lag Spanien beim europäischen Durchschnitt von neun Prozent. Was seitdem geschehen ist, gleicht der Chronik eines angekündigten Todes. (...) Seit 2007 verlieren die Menschen ihre Jobs, ihre Wohnungen, ihren Status. Den Nachkommen bleibt kaum etwas außer miserablen Aussichten. (...)

    Fast sechshunderttausend Haushalte haben keine Einkünfte mehr, nicht einmal Arbeitslosenunterstützung oder Sozialhilfe. Soziale Ungleichheit ist messbar; in Spanien ist sie dreimal so groß wie in Deutschland.

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    Anmerkung: Man darf hier nicht zu viel erwarten - schließlich handelt es sich um einen FAZ-Artikel, so dass man eine recht dramatische Beschreibung der Symptome zu lesen bekommt - während die Benennung der kapitalistischen Ursachen und Verursacher konsequent unterbleibt. Dennoch taugt der Artikel leidlich für eine weitergehende Information über die katastrophale Situation so vieler Menschen in Spanien - vor allem dann, wenn man bereit ist, zwischen den Zeilen zu lesen und sich vor Augen zu führen, wie es 600.000 (und zunehmend weiteren) Haushalten ergehen mag, die überhaupt kein finanzielles Einkommen mehr haben und bereits obdachlos sind oder es in Kürze werden.

    Dieser kurze Bericht über Zwangsräumungen in Spanien bietet noch einige ergänzende Informationen - auch wenn er selbstredend dieselben Mängel aufweist die der FAZ-Text:



    Die Parallelen zur Situation in Griechenland sind unverkennbar - und auch in Deutschland nimmt die Zwangsverarmung der Menschen immer bedrohlichere Züge an, wie am Beispiel der "Haushalte ohne Strom" deutlich wird:

    "Im Hartz IV-Regelsatz von 374 Euro sind die Stromkosten mit enthalten. In immer mehr Haushalten reicht das Geld aber für die Energieversorgung nicht mehr aus. Allein im vergangenen Jahr wurde deshalb rund 200.000 Hartz-IV-Empfängern der Strom abgedreht." (Quelle)

    Es mag sich einjeder selbst ausmalen, was es bedeutet, ein Leben ohne Strom in diesem Land fristen zu müssen - also ein Leben ohne Kühlschrank, ohne Gefrierfach, ohne Herd, ohne warmes Wasser, ohne Computer, ohne Internet, ohne Telefon, ohne Handy, ohne elektrisches Licht, ohne Musik ... und wieviel schlimmer es noch sein muss, wenn einer Familie nicht nur der Strom abgestellt wird, sondern sie gleich das Dach über dem Kopf verliert. Und das in Ländern, in denen andere Menschen gleichzeitig in überquellendem Reichtum und sinnlosem Luxus leben.

    Der Mensch beweist mit jedem Zyklus des explodierenden Kapitalismus aufs Neue, dass er lernresistent und offensichtlich eine evolutionäre Fehlentwicklung ist - anders sind diese ewigen Wiederholungen der immer gleichen Katastrophen meines Erachtens nicht mehr erklärbar. Degenerierte, skrupellose, egoistische "Eliten" auf der einen und ebenso degenerierte, ahnungslose, willfährige Massen auf der anderen Seite, die nichts lieber tun als auf Teufel-komm-raus den "Eliten" nachzueifern, um ähnliche Privilegien nur für sich selbst zu erlangen ... da gehen mir allmählich die Schimpfworte aus.

    Das große Leid so extrem vieler Menschen weltweit lindert das natürlich nicht. Das geht einfach immer weiter - unaufhörlich. Wenn Du diesen Text zuende gelesen hast, sind statistisch gesehen ca. zehn Kinder verhungert oder verdurstet, seit Du angefangen hast zu lesen ... wenn Du danach innehälst und kurz nachdenkst, sind es bereits 40 oder 50. Man mag das nicht zuende denken - muss es aber.

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    Folgen der Teuerung


    "Ich kann mir keine Zeitung mehr leisten. Ich lese jeden Tag ein Kapitel aus dem Buche Hiob ... da habe ich dasselbe."

    (Zeichnung von Wilhelm Schulz [1865–1952], in "Simplicissimus", Heft 5 vom 27.04.1921)

    Donnerstag, 31. Mai 2012

    Song des Tages: Slow Dance






    (Anthony Phillips: "Slow Dance", 1990)

    Anmerkung: Für dieses knapp einstündige Werk des ehemaligen Genesis-Gitarristen muss man sich Zeit und Ruhe nehmen, wird dafür aber mit sinnlichen Genüssen belohnt, die es in der schnellen, hektischen Welt unseres heutigen Erlebens nur noch selten gibt. Man kann diesem Musikstück auch entnehmen, welches Potential mit der zunehmenden Kommerzialisierung der Band Genesis verschenkt wurde - Anthony Phillips ist (neben Steve Hackett und Peter Gabriel) ja nur eine von drei musikalischen Größen, die im Laufe der Jahre aus der ursprünglich progressiven Band ausgeschieden sind (bzw. "ausgeschieden wurden"), bis zum Schluss nur noch das jämmerliche Phil-Collins-Fragment wie eine groteske Ruine des ehemaligen Prachtbaus übrig blieb.

    Genesis ist ein Paradebeispiel für den durch den Kapitalismus beflügelten Niedergang der Kultur - Geldgier hat aus ehemals verwegener Kunst billigen Schlager gemacht. Es ist tröstlich, dass manche ehemalige Mitstreiter wie Herr Phillips sich auch heute noch der individuellen Kunst - und nicht dem Kommerz - verpflichtet fühlen. Eine aussterbende Spezies scheinen solche Menschen aber allemal zu sein.

    Es empfiehlt sich, das Stück in Dunkelheit und über Kopfhörer in ausreichender Lautstärke zu genießen, um das Ideal der Langsamkeit vollends zu erfahren.


    Welch eine Überraschung: Industrie lässt Bewertungen fälschen

    Kommentare in Online-Shops gefälscht / Auf Bewertungen ist kein Verlass

    Sie dienen vielen als wichtige Orientierung beim Einkauf: Nutzerkommentare und Ratings in Online-Shops und Bewertungsportalen. Doch ob bei Restaurants, Versicherungen oder Handys – viele der Angaben sind gefälscht. Für die Nutzer ist das kaum zu erkennen.

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    Anmerkung: Nun, das ist wirklich total überraschend und lässt uns entsetzt und mit offenem Mund staunend innehalten - die integeren Damen und Herren, die uns ständig ihren überteuerten, meist sinnlosen Dreck andrehen wollen, lassen Bewertungen und Nutzerkommentare fälschen?! Nein!! So etwas kann es einfach nicht geben in der schönen kapitalistischen Glitzwerwelt - das muss ein Hoax sein!

    Oder spiegeln sich hier vielleicht doch schlicht die Grundfesten der kapitalistischen Unordnung wider? Die Fassadenwelt der Schlips-Borg hält erschüttert inne und betet inbrünstig, dass der geneigte n-tv-Leser keine solchen Rückschlüsse ziehen möge. Da muss sich indes niemand Sorgen machen, denn die naheliegende Schlussfolgerung, dass Geldgier, Ausbeutung und schamloser Betrug zusammengehören wie Bahnhof und Schienen, kommt dem kapitalistisch sozialisierten Normalbürger nicht einmal im Traum in den Sinn. Das sind alles bedauerliche Einzelfälle. Außerdem muss das dringend dereguliert werden - es kann ja nicht angehen, dass gefälschte Bewertungen nun auch noch skandalisiert werden, gelle.

    Selbstverständlich gibt es auch schon Geschäftsideen dazu - wer also Bewertungen, Backlinks, Kommentare etc. käuflich erwerben möchte, kann beispielsweise hier klicken. Es existiert keine Perversion im Kapitalismus, die nicht genutzt wird, wenn sich damit Geld verdienen lässt.

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    Ein Kardinalfehler


    "Ihr Sohn ist nicht zu brauchen für ein Kaufmannsgeschäft, der hat ja Sittennote eins im Zeugnis!"

    (Zeichnung von Ladislaus Kmoch [1897-1971], in "Simplicissimus", Heft 34 vom 17.11.1920)

    Dienstag, 29. Mai 2012

    Zitat des Tages: Die [irrsinnige] Lösung

    Wenn was nicht klappt, wenn was nicht klappt,
    dann wird vor allem mal nicht berappt.
    Wir setzen frisch und munter
    die Löhne, die Löhne herunter –
    immer runter!

    Wir haben bis über die Ohren
    bei unsern Geschäften verloren ...
    Unser Geld ist in allen Welten:
    Kapital und Zinsen und Zubehör.
    So lassen wir denn unser großes Malheur
    nur einen, nur einen entgelten:
    Den, der sich nicht mehr wehren kann,
    Den Angestellten, den Arbeitsmann;
    den Hund, den Moskau verhetzte,
    dem nehmen wir nun das Letzte.
    Arbeiterblut muss man keltern.
    Wir sparen an den Gehältern –
    immer runter!

    Unsre Inserate sind nur noch ein Hohn.
    Was braucht denn auch die deutsche Nation
    sich Hemden und Stiefel zu kaufen?
    Soll sie doch barfuß laufen!
    Wir haben im Schädel nur ein Wort:
    Export! Export!

    Was braucht ihr eignen Hausstand?
    Unsre Kunden wohnen im Ausland!
    Für euch gibts keine Waren.
    Für euch heißts: sparen! sparen!
    Nicht wahr, ein richtiger Kapitalist
    hat verdient, als es gut gegangen ist.
    Er hat einen guten Magen,
    Wir mussten das Risiko tragen ...
    Wir geben das Risiko traurig und schlapp
    inzwischen in der Garderobe ab.

    Was macht man mit Arbeitermassen?
    Entlassen! Entlassen! Entlassen!
    Wir haben die Lösung gefunden:
    Krieg den eignen Kunden!
    Dieweil der deutsche Kapitalist
    Gemüt hat und Exportkaufmann ist.
    Wussten Sie das nicht schon früher –?
    Gott segne die Wirtschaftsverführer!

    (Theobald Tiger alias Kurt Tucholsky [1890-1935], in "Die Weltbühne", Nr. 34 vom 25.08.1931)

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    Handelsfriede auf Erden!


    "Endlich sind sich alle Völker darüber einig, dass sie nur exportieren, aber nichts importieren wollen!"

    (Zeichnung von Olaf Gulbransson [1873-1958], in "Simplicissimus", Heft 38 vom 21.12.1931)

    Anmerkung: So wunderbar treffend diese zeichnerische Darstellung der langen Schlange von Nationen auch ist, die fröhlich in der logischer Weise menschenleeren Wüste ihre Waren dem Nichts feilbieten, so wichtig ist es auch, erneut darauf hinzuweisen, dass auch der Zeichner Gulbransson zu den überaus verachtenswerten Opportunisten gehörte, die ab Februar 1933 einen scharfen Rechtsschwenk vollzogen und sich dem Nazi-Diktat nur allzu willig unterworfen haben. Dies ist im Falle Gulbranssons noch von größerer Brisanz, da er als norwegischer, weiterhin in Deutschland lebender Staatsbürger miterlebt hat, wie auch sein Heimatland von den deutschen Terrorbanden überfallen und besetzt wurde. Wir haben an anderen Stellen hier im Blog ja bereits über diese Problematik diskutiert.

    Das ändert jedoch nichts an der grotesken Aktualität sowohl des (politisch unverdächtigen) Gedichts, als auch der Zeichnung.

    Freitag, 25. Mai 2012

    Irrsinn 3.0: Die "Konkurrenz" der Krankenkassen, nächstes Level

    Norbert Klusen will eine radikale Reform: Der Vorsitzende der Techniker Krankenkasse fordert das Ende des Zwei-Klassen-Systems. Dafür sollen die gesetzlichen Versicherungen zum Beispiel in Aktiengesellschaften umgewandelt werden.

    (Weiterlesen)

    Anmerkung: Der Irrsinn nimmt unaufhaltsam seinen Lauf. Was dieser fürstlich bezahlte, bestens abgesicherte Vorsitzende der gesetzlichen [sic!] Techniker Krankenkasse da fordert, ist in letzter Konsequenz nichts anderes als die völlige Privatisierung des gesamten Systems - und das mit nicht weniger als dem hochalbernen, scheinheiligen Argument, dass die Zwei-Klassen-Medizin "aufgehoben" werden müsse. Aha. Wir schaffen die Mehr-Klassen-Medizin also ab, indem wir einfach alles privatisieren und so einen "Markt" schaffen, auf dem alle, die es sich leisten können, dieselbe schöne Gesundheitsversorgung in Anspruch nehmen können ... und alle, die es sich nicht leisten können, bekommen dann eben nichts oder nur noch die "Grundversorgung".

    Es ist sonnenklar, dass für solche Schlips-Borg nur "Konkurrenz" und "Wettbewerb" eine Lösung aus dem selbstproduzierten "Dilemma" der Mehr-Klassen-Medizin sein können - und nicht etwa eine gute Krankenversicherung für alle Menschen, ganz egal, wieviel sie verdienen oder besitzen. Das elitäre Gesindel wünscht sich statt dessen eine Einteilung in Menschen mit und in Menschen ohne Krankenversicherung - und schon gibt es im neoliberalen Irrenhaus kein Mehr-Klassen-System mehr. Sehr logisch. Spock stirbt qualvolle, multiple Tode. Welche Drogen nehmen diese Typen, um so etwas nicht nur zu denken, sondern es auch öffentlich in die Welt zu posaunen?

    Auch die "Idee" von den Aktiengesellschaften ist gerade in Zeiten der Finanz- und Bankenkrise eine wahrlich seriöse und sichere Angelegenheit, die ganz bestimmt nur dem Wohl der Menschen dienen soll. Ganz ehrlich: Diesem Herrn Klusen möchte ich seine "radikale Reform" in den gierigen, neoliberalen Schlund stopfen und ihn in irgendeinen ekelhaften Slum schicken, wo er die Auswirkungen seiner "Ideen" mal am eigenen Leib ausgiebig austesten kann.

    Gesetzliche Krankenkassen als Aktiengesellschaften, vorgeschlagen vom Chef einer der größten gesetzlichen Krankenkassen inmitten der größten Finanzkrise seit 100 Jahren ... manchmal ist der reale Irrsinn weitaus größer als alles, was sich das Hirn in schlimmen Albträumen vorzustellen getraut.

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    "Vom streng wissenschaftlichen Standpunkte aus muss der Historiker konstatieren: In einer Blüteperiode zu leben ist genussreicher, in einer Verfallsperiode zu leben lehrreicher."

    (Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 8 vom 24.05.1922)

    Donnerstag, 24. Mai 2012

    Song des Tages: The Last Judgement




    (The Enid: "The Last Judgement", aus dem Album "In The Region Of The Summer Stars", 1976)

    Anmerkung: Nach dem Borchert-Text im letzten Posting konnte nur ein apokalyptisches Lied zum "Song des Tages" werden, so dass meine Wahl fast zwangsläufig auf diesen epischen Klassiker der Progressivrock-Szene fallen musste. Im Clip ist eine Live-Version des Songs aus dem Jahr 1979 zu sehen. Bemerkenswert ist daran vor allem die Virtuosität, mit der das mittelalterliche musikalische Thema des "Dies Irae" (des "Tags des Zorns", also des "Jüngsten Gerichts") in die Rockmusik eingebunden wird. The Enid folgt damit einer sehr, sehr alten musikalischen Tradition dieser Melodie aus dem 13. Jahrhundert:



    Es ist müßig zu erwähnen, dass ich als Atheist an kein solches "Gericht" glaube - die Endzeit aber, die nehme ich durchaus sehr deutlich wahr. Allerdings ist sie - wie schon immer - menschengemacht. Aus der Historie lernen wir also wieder einmal: Es gab schon viele Endzeiten, und sie werden wohl auch immer wiederkehren, solange die Menschheit immer und immer wieder dieselben fatalen Fehler macht. Bis irgendwann kein Neubeginn mehr möglich ist ...

    Mittwoch, 23. Mai 2012

    Spanien: Francos Rückkehr, oder: Es ist Zeit, Nein zu sagen

    Aufruf zu Protesten im Internet soll als Bildung einer kriminellen Vereinigung bestraft werden / Spaniens rechte Regierung rüstet gegen Proteste auf und will mit drastischen Verschärfungen des Strafgesetzes für Ruhe sorgen, selbst passiver Widerstand soll als Angriff auf die Staatsgewalt geahndet werden

    In der spanischen Regierung scheint die Angst umzugehen. Die rechte PP, die ihre Verbindung zur Franco-Zeit noch nicht aufgelöst hat, setzt harte Sparmaßnahmen um, die wie so oft besonders die Mittelschicht und die sozial Schwächeren belasten. Der Unmut mit der Regierung, die erst ein paar Monate im Amt ist, wächst, was auch die letzten Wahlen in Andalusien und Asturien gezeigt haben ("Vereinte Linke verhindert rechten Durchmarsch in Spanien"). (...)

    In Kommentaren wird die Regierung bezichtigt, damit in die Zeiten der Franco-Diktatur zurückzugehen oder eine neue Diktatur, einen Polizeistaat einzurichten. Die Aufregung ist hoch. Man fragt sich, was die Regierung machen will, wenn wieder Zehntausende auf die Straßen gehen.

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    Anmerkung: Quod erat demonstrandum - was zu beweisen war. Ich bin es so leid, immer und immer wieder denselben Sermon abzusondern ... es ist doch offensichtlich, dass der neoliberale Irrsinn auf exakt diese Entwicklung hinauslaufen muss und damit dem eigentlichen Konzept - der altbekannten Agenda des zusammenbrechenden Kapitalismus - folgt, wie schon unzählige Male zuvor. Es ist heute wie schon zur Weimarer Zeit völlig unerheblich, in welche Region der kapitalistischen Welt wir blicken: Die Entwicklungen und Tendenzen sind wieder überall dieselben - lediglich in der Dosierung der einzelnen Zutaten unterscheiden sie sich noch.

    Während in Deutschland weiterhin versucht wird, die ständig verschärfte staatliche Überwachung und Repression hinter Schimären wie dem "Schutz der Urheberrechte", dem "Kampf gegen Kinderpornografie" oder einer Bekämpfung der herbeifantasierten "sozialen Hängematte" mehr schlecht als recht zu verstecken, werden in Ungarn, Griechenland, Portugal oder Spanien die erwarteten und dort bereits real stattfindenden Bürgerproteste direkt zum Anlass genommen, die Bürgerrechte massiv einzuschränken und die Bürger zu kriminalisieren.

    Wie offensichtlich muss dieser furchtbare Rechtsruck denn noch werden, bis die Menschen mehrheitlich auf die Barrikaden gehen und endlich ihre Rechte beim elitären Gesindel einfordern, das derweil weiter in ihren überquellenden Geldspeichern rauschende Feste feiert und immer reicher wird? Müssen wirklich erst wieder Lager und andere staatliche Terrorinstitutionen entstehen, bis auch der letzte Depp seine BLÖD-"Zeitung" in die Gosse wirft und laut Nein sagt? Dann ist es nämlich schon wieder zu spät und das "Nein" hätte sofortigen Staatsterror zur Folge.

    In Deutschland ist es noch nicht wieder ganz so weit - noch kann ich hier laut Nein sagen, ohne dass morgen die Gestapo vor meiner Tür steht. In Ungarn ist das nicht mehr der Fall, in Spanien wohl bald auch nicht mehr, in Griechenland nützt das Nein-Sagen schon gar nichts mehr, weil das Land längst unter externer Elite-Kontrolle steht. Ich schrieb das schon öfter: Die Zeit drängt, und zwar sehr stark. Merkel hat es doch öffentlich angedroht: "Deutschland hat keinen Rechtsanspruch auf Demokratie und soziale Marktwirtschaft für alle Ewigkeit ...“, sagte sie in einer Rede am 16.06.2005 zur 60-Jahr-Feier der CDU [sic!]. Das ist zwar Unsinn, denn das Grundgesetz garantiert etwas anderes - aber die Drohung sollte man durchaus ernst nehmen. Es ist europaweit zu besichtigen, wie der Endzeitkapitalismus die Demokratie und sämtliche soziale Errungenschaften seit 1945 konsequent und nachhaltig zerstört.

    Es ist an der Zeit, Nein zu sagen - und es muss ein donnerndes, ein knallhartes Nein sein. Und es muss rechtzeitig kommen - und nicht zehn oder mehr Jahre zu spät wie Wolfgang Borcherts aufrüttelnder, wohlbekannter Text "Dann gibt es nur eins":

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    Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen - sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins:
    Sag NEIN!

    Du. Mädchen hinterm Ladentisch und Mädchen im Büro. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Granaten füllen und Zielfernrohre für Scharfschützengewehre montieren, dann gibt es nur eins:
    Sag NEIN!

    Du. Besitzer der Fabrik. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst statt Puder und Kakao Schießpulver verkaufen, dann gibt es nur eins:
    Sag NEIN!

    Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins:
    Sag NEIN!

    Du. Dichter in deiner Stube. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Liebeslieder, du sollst Hasslieder singen, dann gibt es nur eins:
    Sag NEIN!

    Du. Arzt am Krankenbett. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst die Männer kriegstauglich schreiben, dann gibt es nur eins:
    Sag NEIN!

    Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins:
    Sag NEIN!

    Du. Kapitän auf dem Dampfer. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keinen Weizen mehr fahren - sondern Kanonen und Panzer, dann gibt es nur eins:
    Sag NEIN!

    Du. Pilot auf dem Flugfeld. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Bomben und Phosphor über die Städte tragen, dann gibt es nur eins:
    Sag NEIN!

    Du. Schneider auf deinem Brett. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Uniformen zuschneiden, dann gibt es nur eins:
    Sag NEIN!

    Du. Richter im Talar. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst zum Kriegsgericht gehen, dann gibt es nur eins:
    Sag NEIN!

    Du. Mann auf dem Bahnhof. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst das Signal zur Abfahrt geben für den Munitionszug und für den Truppentransporter, dann gibt es nur eins:
    Sag NEIN!

    Du. Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen kommen und dir den Gestellungsbefehl bringen, dann gibt es nur eins:
    Sag NEIN!

    Du. Mutter in der Normandie und Mutter in der Ukraine, du, Mutter in Frisko und London, du, am Hoangho und am Mississippi, du, Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und Oslo - Mütter in allen Erdteilen, Mütter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt Kinder gebären, Krankenschwestern für Kriegslazarette und neue Soldaten für neue Schlachten, Mütter in der Welt, dann gibt es nur eins:
    Sagt NEIN! Mütter, sagt NEIN!

    Denn wenn ihr nicht NEIN sagt, wenn IHR nicht nein sagt, Mütter, dann ...

    Dann:

    In den lärmenden dampfdunstigen Hafenstädten werden die großen Schiffe stöhnend verstummen und wie titanische Mammutkadaver wasserleichig träge gegen die toten vereinsamten Kaimauern schwanken, algen-, tang- und muschelüberwest, den früher so schimmernden dröhnenden Leib, friedhöflich fischfaulig duftend, mürbe, siech, gestorben - die Straßenbahnen werden wie sinnlose glanzlose glasäugige Käfige blöde verbeult und abgeblättert neben den verwirrten Stahlskeletten der Drähte und Gleise liegen, hinter morschen dachdurchlöcherten Schuppen, in verlorenen kraterzerrissenen Straßen -

    Eine schlammgraue dickbreiige bleierne Stille wird sich heranwälzen, gefräßig, wachsend, wird anwachsen in den Schulen und Universitäten und Schauspielhäusern, auf Sport- und Kinderspielplätzen, grausig und gierig, unaufhaltsam -

    Der sonnige saftige Wein wird an den verfallenen Hängen verfaulen, der Reis wird in der verdorrten Erde vertrocknen, die Kartoffel wird auf den brachliegenden Äckern erfrieren und die Kühe werden ihre totsteifen Beine wie umgekippte Melkschemel in den Himmel strecken -

    In den Instituten werden die genialen Erfindungen der großen Ärzte sauer werden, verrotten, pilzig verschimmeln -

    In den Küchen, Kammern und Kellern, in den Kühlhäusern und Speichern werden die letzten Säcke Mehl, die letzten Gläser Erdbeeren, Kürbis und Kirschsaft verkommen - das Brot unter den umgestürzten Tischen und auf zersplitterten Tellern wird grün werden und die ausgelaufene Butter wird stinken wie Schmierseife, das Korn auf den Feldern wird neben verrosteten Pflügen hingesunken sein wie ein erschlagenes Heer und die qualmenden Ziegelschornsteine, die Essen und die Schlote der stampfenden Fabriken werden, vom ewigen Gras zugedeckt, zerbröckeln - zerbröckeln - zerbröckeln -

    Dann wird der letzte Mensch, mit zerfetzten Gedärmen und verpesteter Lunge, antwortlos und einsam unter der giftig glühenden Sonne und unter wankenden Gestirnen umherirren, einsam zwischen den unübersehbaren Massengräbern und den kalten Götzen der gigantischen betonklotzigen verödeten Städte, der letzte Mensch, dürr, wahnsinnig, lästernd, klagend - und seine furchtbare Klage: WARUM? wird ungehört in der Steppe verrinnen, durch die geborstenen Ruinen wehen, versickern im Schutt der Kirchen, gegen Hochbunker klatschen, in Blutlachen fallen, ungehört, antwortlos, letzter Tierschrei des letzten Tieres Mensch -

    All dieses wird eintreffen, morgen, morgen vielleicht, vielleicht heute nacht schon, vielleicht heute nacht, wenn -- wenn -- wenn ihr nicht NEIN sagt.

    (Wolfgang Borchert [1921-1947]: "Dann gibt es nur eins!", 1947)

    Da schlottert der Peter: Karl-Kraus-Preis 2012 für Sloterdijk

    Den Karl-Kraus-Preis 2012 erhält Peter Sloterdijk. Damit würdigt die Redaktion Werk und Wirken des Philosophen, Kulturwissenschaftlers, Essayisten und Fernsehmoderators. (...)

    Mit seinem Vorschlag, Steuern durch eine freiwillige Gabe zu ersetzen, hat Sloterdijk einen Angriff auf die Grundfesten unseres Sozialstaates unternommen und eine Geisteshaltung offenbart, die eher dem Denken der herrschenden Klasse einer antiken Sklavenhalter-Gesellschaft entspricht als dem Grundkonsens einer demokratischen Gesellschaft im 21. Jahrhundert.

    Bei seinem Aufruf zum "Steuerstreik" übersieht Sloterdijk, dass er selbst jahrzehntelang auf seinen diversen Professorenposten von unseren Steuermitteln großzügig alimentiert worden ist. Seine Honorare als Fernsehmoderator stammen aus Gebührengeldern des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Der Seichtschwätzer Precht, der unlängst einen Zwangsarbeitsdienst für Rentner gefordert hat, wird ein würdiger Nachfolger seiner TV-Sendung sein. (...)

    Als Philosoph eines verrohten Bürgertums und einer heruntergekommenen Bourgeoisie ist Sloterdijk ein würdiger Träger des Karl-Kraus-Preises 2012. (...)

    Mit der Annahme des Karl-Kraus-Preises verpflichtet sich der Preisträger, nie wieder eine Zeile zu schreiben.

    (Weiterlesen)

    Anmerkung: Wir erinnern uns: Sloterdijk vertritt - wie Sarrazin - offen sozialdarwinistische, faschistoide "Thesen", die an Menschenverachtung kaum mehr zu überbieten sind. Er ist wahrlich ein würdiger Preisträger - der große Karl Kraus hätte seine diebische Freude an dieser Preisverleihung gehabt. Leider hat Sloterdijk den Preis nicht angenommen, so dass wir auch weiterhin mit rechtspopulistischem, gefährlichem Unsinn aus seiner Feder rechnen müssen. Da greifen wir doch lieber auf Kraus selbst zurück:

    "Es gibt eine Idee, die einst den wahren Weltkrieg in Bewegung setzen wird: Dass Gott den Menschen nicht als Konsumenten und Produzenten erschaffen hat. Dass das Lebensmittel nicht Lebenszweck sei. Dass der Magen dem Kopf nicht über den Kopf wachse. Dass das Leben nicht in der Ausschließlichkeit der Erwerbsinteressen begründet sei. Dass der Mensch in die Zeit gesetzt sei, um Zeit zu haben und nicht mit den Beinen irgendwo eher anzulangen als mit dem Herzen." (Karl Kraus: "Aphorismen", 1915)

    Online sind eine ganze Reihe der Schriften von Karl Kraus im Rahmen des "Projektes Gutenberg" verfügbar - die Lektüre lohnt sich sehr.


    (Karl Kraus, gezeichnet von Oskar Kokoschka, 1909)

    Montag, 21. Mai 2012

    Volksverdummung: Kapitalismus

    Die Energiesparlampe: Eigentlich heißt sie Kompaktleuchtstofflampe, aber Energie und Sparen klingt besser. Leider hält sie keines ihrer Versprechen. Nicht nur, dass Energiesparlampen Experten zufolge keine Energie sparen, sondern das Gesundheitsrisiko der von EU, Industrie und Greenpeace als Energie-Revolution angekündigten Leuchte ist wesentlich höher als gedacht. Zerbricht eine Lampe, tritt hochgiftiger Dampf aus. Die wenigsten Verbraucher wissen um die Gefahr. Ein trauriges Beispiel dafür, wie erfolgreiche Lobbyarbeit und politische Blindheit zum Risiko für den Einzelnen werden.

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    Anmerkung: Ach ja, das Thema hatten wir ja schon öfter, und die Glühbirne ist nur ein kleines Nischenprodukt unter so vielen anderen. Es ist doch heute fast vollkommen egal, welches “Produkt” wir uns ansehen – sie sind nahezu alle so konstruiert, dass sie nach einer gewissen Zeit den Geist aufgeben, zu Müll werden und durch neue – natürlich “bessere” – ersetzt werden sollen. Wer den Kapitalismus kurz durchdenkt, kommt eigentlich sofort zu dem Schluss, dass dies im Rahmen dieses Systems (und nur dort) auch vollkommen logisch sein muss.

    Welches “Produkt”, das wir heute benutzen, ist denn eigentlich noch “nachhaltig”? Mir fällt keines ein – auch wenn ich vielleicht ein schlechtes kapitalistisches Beispiel bin, weil ich schon seit 20 Jahren dieselben Möbel benutze und diese auch noch mag, weil sie noch viel, viel älter sind als ich. Aber sonst? Was bleibt da? Die kapitalistische Zerstörung hat ganze Arbeit geleistet – es wundert heutzutage doch kaum jemanden mehr, wenn ein Drucker, ein Fernseher, eine Lampe, eine Uhr, ein Telefon, ein Toaster oder was auch immer nach ein paar wenigen Jahren den Geist aufgibt und – oh Wunder – “wirtschaftlich” nicht mehr repariert werden kann.

    Die “geplante Obsoleszenz” war ja auch hier im Blog und anderswo schon mal Thema – verändert hat das aber natürlich nichts. Die große Mehrheit der Menschen weiß nach wie vor nichts davon (oder will es nicht wissen), und daher kann das einfach immer so weitergehen. Solange die Menschen auch in Deutschland diesem Irrsinn noch folgen (und das auch finanziell können, was ja für immer mehr Menschen unmöglich wird), wird sich daran nichts ändern. Es ist doch auch ein kapitalistisches Paradies, was da real geworden ist: Da gehen die “Produkte” einfach nach einer recht kurzen Zeit auf wundersame Weise kaputt oder sind plötzlich “veraltet” – und die ehemaligen Kunden werden schnurstracks wieder zu neuen Kunden.

    Ich weiß langsam nicht mehr, ob ich die Käufer dieser neuen “Produkte” perverser finden soll oder die Hersteller, die sich doch Tag für Tag angesichts der massiven Blödheit der Menschen vor Wonne ins Hemd machen müssen. Und beide Seiten bemerken noch immer nicht, dass sie am selben Ast sägen, auf dem sie scheinbar sicher sitzen. Ein Tollhaus, beleuchtet von Millionen von Glühbirnen und “Energiesparlampen” – vergleichbar nur noch mit der Musikkapelle auf der Titanic, die auch im Moment der allergrößten Not nicht die Reißleine gezogen hat.

    Wir sind umgeben von Irren - und wir sind irre.

    Nachtrag 22.05.12: Ich möchte noch auf diese Website ("Murks? Nein, danke") hinweisen sowie auf dieses Interview mit dem Betreiber. Außerdem ist die Dokumentation "Kaufen für die Müllhalde" sehr erhellend - auch wenn dort ebenfalls kein zwingender, direkter Bezug zwischen Kapitalismus und dem irrsinnigen Verfallswahn bei Industrieprodukten hergestellt wird:

    Song des Tages: A Portage To The Unknown




    (Turisas: "A Portage To The Unknown", aus dem Album "The Varangian Way", 2007)

    We've sailed across the sea
    Rowed for miles and miles upstream
    Passed by Aldeigjuborg
    Seen Lake Ilmen gleam
    Ingvar took the lead
    After Holmgard as agreed
    What the end of Lovat meant
    Was soon to be seen

    Dripping with sweat a new day dawn on
    The ropes cut flesh, as they've done in times foregone
    I see my breath, my hands are going numb
    Far from home we have come

    An endless trail in front my eyes
    A swift take off, had no time for goodbyes
    What will we find and what was left behind
    There's no return, get it off your mind

    The water's changed to sand
    Lakes and rivers turned to land
    Plough up the rocky seas
    Ride felled down trees
    Foot by foot we edge
    Once a ship, now a sled

    Six regular edges and six vertices
    Six equilateral triangles
    Six square faces in another direction
    Plato's earth transparent

    Give me all you have!
    Pull as hard as you can
    Plough up the rocky seas
    Ride felled down trees
    The water's changed to sand
    Lakes and rivers turned to land

    The rug has been pulled from under my feet
    All my life made of lies and deceit
    All I have left is a symbol on my chest
    My only lead on my desperate quest

    Branded at birth with the sign of Perun
    East of the sun and West of the moon
    The road now continues, Northwind be my guide
    Wherever I'm going, the Gods are on my side.



    Anmerkung: Und schon wieder ein "Seemannslied", ein ambivalentes zumal, dem ich meine Empfehlung beifügen möchte, zum Anhören den Verstärker an die Schmerzgrenze zu bringen, sich mit geschlossenen Augen im Dunklen zwischen die hämmernden Boxen zu legen (oder - bei empfindlichen Nachbarn oder Mitbewohnern - Kopfhörer zu benutzen), den tiefen Griff in die finnische Mythologie samt Gottheiten zu ignorieren und sich einfach hinwegspülen zu lassen ... ;-)

    Für mich ist "A Portage To The Unknown" keine Beschreibung der Fahrt irgendwelcher längst verwester Wikinger, sondern eine mögliche Art der Hörbarmachung unserer heutigen verfahrenen Situation - nicht nur in Finnland, sondern selbstredend auch im biederen, erzkonservativen und neoliberal verseuchten Deutschland (und anderswo). Lasst Euch auf das Experiment ein und spürt den Sog. - "Wer es fassen kann, der fasse es", so lautet ja das altbekannte Credo der Katholiken, und es gilt natürlich hier in diesem Höllenpfuhl erst recht. ;-)

    Freitag, 18. Mai 2012

    Zitat des Tages: Notwendiges Übel

    Regieren wäre gar nicht schwer,
    Wenn die Bevölkerung nicht wär',
    Die man indessen schlecht entbehrt
    Von wegen dem Besteuerungswert,
    Und dann von wegen der Ernähr-
    Ung und dem schönen Militär.

    Und dann kommt auch die Industrie
    Bisher noch schwer aus ohne sie,
    Denn leider, dass der Schornstein raucht,
    Wird sie noch ab und zu gebraucht.
    Fatal für Schlote und Barone,
    Denn sie regierten lieber ohne.

    (Ernst Klotz [1894-1970], in "Simplicissimus", Heft 27 vom 02.10.1932)

    Donnerstag, 17. Mai 2012

    Der Mythos der neoliberalen Ideologie

    Das gegenwärtige neoliberale Modell kann auf empirisch belastbare Grundlagen nicht verweisen. Es war immer schon eine Glaubenssache, ein Mythos, und später eine knallharte Ideologie eben, die uns als gottgegeben verkauft wurde.

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    Anmerkung: Dieser Kommentar von Konstantin Wecker ist durchaus empfehlenswert. Bezüglich Griechenland sollte man aber insbesondere bedenken, was Jens Berger auf den Nachdenkseiten geschrieben hat:

    “Über das Schicksal Griechenlands wird längst nicht mehr in Athen entschieden. Wie die griechische Tragödie enden wird, liegt in der Hand der Troika. Griechenland hängt am finanziellen Tropf seiner Geldgeber und nicht das griechische Volk oder die Politik, sondern sie [die Geldgeber] entscheiden über die Zukunft des Landes.”

    Ansonsten freue ich mich über diese deutlichen Worte sehr und hoffe, dass sie noch von vielen Menschen gelesen werden. In Deutschland ist Aufklärung ja dringend nötig, wie die letzten Landtagswahlen wieder einmal eindrucksvoll gezeigt haben: Solange noch immer so viele Menschen die heutige SPD und die heutigen Grünen für eine (gar “linke”) Alternative zur schwarz-gelben Zerstörerbande halten (oder aus Frust gar nicht mehr wählen gehen), kann sich nichts am Katastrophenkurs verändern.

    Ein Wort noch zu den im Text erwähnten Opfern der neoliberalen Ideologie: Es gibt durchaus eine Stimme, die seit vielen Jahren nicht müde wird, immer und immer wieder die erschreckenden Fakten und Zahlen zu nennen, die der Kapitalismus zu verantworten hat – Jean Ziegler. Hier ein Beispiel von vielen:

    “Die Goldberge steigen im Westen und die Leichenberge im Süden. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren, 47.000 Menschen sterben jeden Tag an Hunger und mehr als eine Milliarde Menschen, fast ein Sechstel der Menschheit, ist permanent schwerst unterernährt.”

    Eindrucksvoller könnte ein System kaum belegen, dass es schlichtweg pervers ist und keinesfalls dem Wohl der Menschheit dient. Dennoch feiert es seit hunderten von Jahren Triumphe und ist heute einmal mehr auf dem allerbesten Wege, neben den üblichen “Kollateralschäden” in Afrika, Asien und Südamerika auch den reichen Westen in den Abgrund zu stoßen. Die Situation in Griechenland und anderen europäischen Staaten (Portugal, Spanien, Italien, Irland u.a.) erinnert fatal an das Ende der Weimarer Republik in Deutschland.

    Noch einmal Jean Ziegler:

    “Letztes Jahr haben die fünfhundert größten Privatkonzerne der Welt nach Weltbankstatistiken gemeinsam über 52 Prozent des Weltsozialproduktes beherrscht. Dieses Finanzkapital in den Händen einiger westlicher Oligarchen hat eine Macht, die nie zuvor in der Geschichte der Menschheit ein König, ein Kaiser oder ein Papst gehabt hat. Diese Finanzdiktatur wird von den südlichen Völkern als letzte Etappe der Ausbeutung und Unterdrückungsstrategie des Westens gesehen. Die Sklavenhalter sitzen heute in den Börsen, bestimmen die Rohstoffpreise durch Spekulation und sind – wenn auch der Allgemeinheit nicht sichtbar – verantwortlich für den Hunger hunderttausender Menschen. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter 10 Jahren. Dieses Jahr im April hat zum ersten Mal die Zahl der permanent unterernährten Menschen die Milliardengrenze überschritten. Und das auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt.”

    Dies alles wissen die Menschen, die heute den Kapitalismus wählen, indem sie bei der CDU, der FDP, der SPD oder den Grünen ihr Kreuz machen – sie müssten es zumindest wissen. Offensichtlich nehmen diese Menschen den verhängnisvollen Superreichtum einiger Weniger und das damit einhergehende Leid so vieler anderer aber in Kauf, solange sie selbst noch ein erträgliches Auskommen haben – auch wenn dies Not, Elend und Tod für Millionen andere zur Folge hat, die momentan noch in weit entfernten Regionen wohnen. Was soll man als halbwegs vernunftbegabtes Wesen dazu noch großartig sagen? Mir fallen da nur die Worte Erich Kästners ein, der in seinem Gedicht “Misanthropologie” 1929 resümierte:

    “Und man kommt, geschult durch das Erlebnis,
    wieder mal zu folgendem Ergebnis:
    Diese Menschheit ist nichts weiter als
    eine Hautkrankheit des Erdenballs.”

    ---

    [Die neoliberalen Erfolge]


    "Der Patient scheint gar nicht zu merken, dass unsere Wunderkur gelungen ist. Das Fieber steigt immer weiter!"

    (Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 18 vom 31.07.1932)

    Mittwoch, 16. Mai 2012

    Song des Tages: This Ship's Going Down




    (Voltaire: "This Ship's Going Down", aus dem Album "To the Bottom of the Sea", 2008)

    A gargantuan hole in the bow will the ocean to enter allow.
    Oh, but more a sin than letting it in, it's letting our good fortune out.
    The nest to the storm did succumb, while the crow hid his fear in the rum.
    And the mast, it broke and threw out the bloke and well now he's surely my chum.

    Love letters from under his bed, holds the cabin boy over his head
    A futile try to keep it dry what tears have already wet.
    They were penned by a girl in Merak, and the Javanese value their tact.
    She'll conclude he's horribly rude 'cause he's sure as hell not writing back.

    'Cause this ship's going down,
    All on account of the weather.
    Though we'll drown, there's no need to frown
    'Cause we're all going together.
    And I won't say: "Woe is me"
    As I disappear into the sea,
    'Cause I'm in good company
    As we're all going together.

    I've had women of every kind, but the only one truly was mine
    Is the one at home who'll be alone when I am full-up with brine.
    For my son I had always a plan, for to raise him as best as I can.
    Oh well, you can bet, my only regret is to not see him grow to a man.

    'Cause this ship's going down,
    All on account of the weather.
    Though we'll drown, there's no need to frown
    'Cause we're all going together.
    And I won't say: "Woe is me"
    As I disappear into the sea,
    'Cause I'm in good company
    As we're all going together.

    I was sinking down into the brine, when a curious sight caught my eye.
    Seaman Shaft had found him a raft and was makin' a speedy goodbye.
    At the risk of sounding absurd, I have always been good as my word.
    So a fishgig I lanced into his eye and I knocked his ass overboard.

    'Cause this ship's going down,
    All on account of the weather.
    Though we'll drown, there's no need to frown
    'Cause we're all going together.
    And I won't say: "Woe is me"
    As I disappear into the sea ...
    Oh hell!
    'Cause you've all been so good to me,
    So we're all going together.