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Für einen gebrauchten Holzschreibtisch, an dem ihre mittlerweile neunjährige Tochter Johanna ihre Hausaufgaben machen kann, hat Christina M. aus Berlin-Schöneberg vier Jahre gekämpft, schreibt die B.Z. Die "Hartz IV"-Bezieherin beantragte bei Johannas Einschulung vom Jobcenter einen Schreibtisch. Der Antrag wurde abgelehnt. "Ich hätte es nicht beantragt, wenn ich nicht bedürftig wäre. ›Hartz IV‹ reicht für einen Schreibtisch nicht aus", zitiert die Zeitung M. Rund 40 Briefe wurden zwischen M.s Anwalt und dem Jobcenter ausgetauscht, mit negativem Ergebnis. Zwischenzeitlich lieh sich die Frau Geld, um ihrer Tochter einen gebrauchten Tisch zu kaufen. Erst ein Urteil des Sozialgerichts zwang das Jobcenter nach vier Jahren, der Klägerin das Geld für einen Second-Hand-Tisch zu überweisen. Der Tisch hat 70 Euro gekostet.
(Weiterlesen)
Anmerkung: Dies ist nur ein einziger grotesker Fall von zehntausenden - die Reihe "Sozialabbau" beim Ossietzky listet seit geraumer Zeit immer wieder einige davon auf. Es ist intellektuell und menschlich nicht mehr nachvollziehbar, dass auf der einen Seite in kürzester Zeit Milliarden von Steuergeldern an private, selbstverschuldet und aus reiner Habgier in Finanznot geratene Banken geschoben werden, während über lächerliche 70 Euro für das Kind (!) eines Hartz-Terror-Opfers geschlagene vier Jahre gestritten werden und die Gerichtsbarkeit bemüht werden muss. Die Absurdität dieser grotesken Albernheit sticht dermaßen grell und schrill ins Gehirn, dass es wahrlich schmerzt und man es einfach nicht fassen kann, dass ein solcher bitterböser Zynismus tatsächlich den Alltag in Deutschland darstellt.
Der Fall zeigt außerdem exemplarisch überaus deutlich, dass es der neoliberalen Bande mit ihrem Sozialabbau gar nicht um finanzielle "Einsparungen" geht - das Prozedere hat schließlich ein Vielfaches der ursprünglichen 70 Euro verschlungen. Es handelt sich auch nicht um einen Einzelfall, sondern um die gängige Praxis der Behörden. Ich würde nur zu gerne einmal wissen, wieviel des staatlichen Sozialbudgets seit den Hartz-Terror-Deformationen allein für Gerichts- und Anwaltskosten verpulvert worden sind. Ich bin aber fast sicher, dass solche Zahlen von der Bande nicht erhoben oder zumindest nicht publiziert werden. Wozu auch - denn es ist ja klar erkennbar, dass es nicht um "Einsparungen" geht, sondern um gezielte und bewusste Schikane, die Einschüchterung und Drangsalierung von Bürgern - und natürlich um die Vorbereitung auf noch weitaus schlimmere Grausamkeiten.
Und das alles - wie immer - nur zum Wohle der Banken bzw. der degenerierten Bande von Superreichen, denen diese Banken "gehören". Genauso wie vor 90 Jahren:
Bankbetrieb

(Zeichnung von Wilhelm Schulz [1865–1952], in "Simplicissimus", Heft 34 vom 19.11.1923)
(Die Ärzte: "Junge", aus dem Album "Jazz ist anders", 2007)
Junge, warum hast du nichts gelernt
Guck dir den Dieter an
der hat sogar ein Auto.
Warum gehst du nicht
zu Onkel Werner in die Werkstatt
der gibt dir ne Festanstellung
wenn du ihn darum bittest.
Junge, und wie du wieder aussiehst,
Löcher in der Hose und ständig dieser Lärm.
(Was solln die Nachbarn sagen?)
Und dann noch deine Haare,
da fehlen mir die Worte,
musst du die denn färben?
(Was solln die Nachbarn sagen?)
Nie kommst du nach Hause,
wir wissen nicht mehr weiter.
Junge, brich deiner Mutter nicht das Herz.
Es ist noch nicht zu spät,
dich an der Uni einzuschreiben.
Du hast dich doch früher
so für Tiere interessiert,
wäre das nichts für dich?
Eine eigene Praxis ...
Junge, und wie du wieder aussiehst,
Löcher in der Nase und ständig dieser Lärm.
(Was solln die Nachbarn sagen?)
Elektrische Gitarren
und immer diese Texte,
das will doch keiner hören!
(Was solln die Nachbarn sagen?)
Nie kommst du nach Hause
So viel schlechter Umgang,
wir werden dich enterben!
(Was soll das Finanzamt sagen?)
Wo soll das alles enden?
Wir machen uns doch Sorgen!
Und du warst so ein süßes Kind!
Und du warst so ein süßes Kind!
Und du warst so ein süßes Kind!
Du warst so süß ...
Und immer deine Freunde,
Ihr nehmt doch alle Drogen,
und ständig dieser Lärm!
(Was solln die Nachbarn sagen?)
Denk an deine Zukunft,
denk an deine Eltern,
willst du, dass wir sterben?

Es fand der geizige Bauer Kniep
Im Grabe keine Ruhe.
Die Sehnsucht nach dem Gelde trieb
Ihn wieder zu seiner Truhe.
Die Erben wollten diesen Gast
Im Haus durchaus nicht haben,
Weil ihnen der Verkehr verhasst
Mit einem, der schon begraben.
Sie dachten, vor Drudenfuß und Kreuz
Ergebenst verschwinden sollt er.
Er aber vollführte seinerseits
Nur um so mehr Gepolter.
Zum Glück kam gerade zugereist
Ein Meister, der vieles erkundet.
Der hat gar schlau den bösen Geist
In einem Fass verspundet.
Man fuhr es bequem, als wär es leer,
Bis an ein fließend Gewässer.
Da plötzlich machte sich Kniep so schwer
Wie zehn gefüllte Fässer.
Gottlieb, der Kutscher, wundert sich.
Nach rückwärts blickt er schnelle.
Wumm, knallt der Spund. Der Geist entwich
Und spukt an der alten Stelle.
Wie sonst besucht er jede Nacht
Die eisenbeschlagene Kiste
Und rumpelt, hustet, niest und lacht,
Als ob er von nichts was wüsste.
Kein Mittel erwies sich als probat.
Der Geist ward nur erboster.
Man trug, es blieb kein andrer Rat,
Den Kasten zum nächsten Kloster.
Der Pförtner sprach: Willkommen im Stift
Und herzlich guten Morgen!
Was Geld und böse Geister betrifft,
Das wollen wir schon besorgen.
(Wilhelm Busch [1832-1908]: Zu guter Letzt, 1904)

(...) Und weil mindestens jeder dritte ausgegebene Euro ein Zinstribut ist, lohnt sich das ganze Zinswesen in Wahrheit bloß für die reichsten zehn Prozent der Geldbesitzer.
Nur deren persönliche Zinserträge übersteigen stets die Zinsbelastung ihrer Ausgaben, im Durchschnitt um 54 Prozent. Alle übrigen zahlen drauf. Was laufend zur Umschichtung führt. Die Einkommen der grundsätzlich von ihrer Arbeit lebenden Mehrheit wandern zur vorwiegend von Geldbesitz lebenden Minderheit. Wir können folglich gar nicht anders, als dabei mitzutun, dass die vielzitierte Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht. An der Spitze der Geldpyramide wird das überdeutlich. Werden doch bei einer auch nur fünfprozentigen Verzinsung ihres Kapitals die 31 aktuellen Milliardärsfamilien in unserem Land täglich um 585.000 Euro reicher. Nicht etwa gemeinsam, sondern jeder Clan für sich.
(Weiterlesen)
Anmerkung: Dieser kleine Text eignet sich hervorragend zur Einführung in das für den schlimmen Zustand der Welt maßgebliche Thema des Geldsystems, über das ich mich schon früher einige Male ausgelassen habe. Dem habe ich nichts hinzuzufügen - ich hoffe weiterhin, dass einer zunehmenden Anzahl von Menschen der völlige Wahnsinn endlich bewusst wird, der diesem System zugrunde liegt.
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Das allmächtige Gold

(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 32 vom 05.11.1923)
Anmerkung: Auch diese öffentlich-rechtliche Dokumentation bleibt natürlich an der Oberfläche des Problems stecken und beleuchtet keine systemischen Hintergründe - insbesondere die bis heute andauernde mediale Propaganda (auch und gerade in öffentlich-rechtlichen Medien) für das neoliberale Zerstörungswerk wird selbstredend mit keinem Wort erwähnt. Dafür wird die SPD stellvertretend mit einigen halbherzigen Ohrfeigen versehen, weil diese deformierte Partei bis heute an der unsäglichen Privatisierung sozialer Versorgungssysteme festhält. Diese Kritik ist freilich korrekt - stellt aber dennoch nur einen Teil der Wahrheit dar.
Die Verantwortung der Grünen an dieser Zerstörung und die unverhohlene Freude von Schwarz-Gelb und deren Zementierung und Ausweitung (u.a. "Pflege-Bahr") der geschaffenen Verhältnisse kommen ebenfalls nicht vor. Auch die Zusammenhänge zwischen "kapitalgestützter Privatrente" und der eskalierenden Finanzkrise werden nicht hergestellt - das (zinsbasierte und daher zwangsläufig auf ein "ewiges exponentiales Wachstum" festgelegte) Finanz- und Geldsystem findet nicht einmal in einem Nebensatz Erwähnung. Die immensen Profite der Versicherungen, die völlig korrekt angeprangert werden, erscheinen so einmal mehr als rein "willkürliche Auswüchse" und somit auch als im Rahmen eines "regulierten, guten" Kapitalismus als "veränderbar". Das ist grotesk und hanebüchen.
Anschauen sollte man sich das Stück dennoch - auch dann, wenn es nur als Beispiel für systemkonformen "investigativen Scheinjournalismus" durchgeht. Einige Zahlen und Fakten sind durchaus interessant, und wer das "Geschäftemachen" nicht als seinen einzigen Sinn und Zweck des Daseins definiert, wird (müsste) auch aus sich selbst heraus aus dem Gezeigten die richtigen Schlüsse ziehen können.
Die Hoffnung auf den "gesunden Menschenverstand" bei einer Mehrheit der Menschen habe ich inzwischen allerdings fahren lassen. Nach dem Ansehen dieser Doku wird wohl auch weiterhin eine überwältigende Mehrheit der Menschen in diesem Land der Meinung sein, dass es "zu wenig Geld gibt" und dass es sich "der Staat nicht leisten" könne, allen seinen BürgerInnen ein gutes Leben zu ermöglichen. Und daran sind nicht allein die korrupten, marionettenhaften Schlips-Borg der Politik schuld, sondern ebenso die Medien - während die Nutznießer des Ganzen, nämlich das im Superreichtum versinkende elitäre Gesindel, wie immer ungesehen und unbehelligt im Hintergrund bleibt. Eines plagt die Superreichen aber gewiss nicht, auch wenn manch ein Künstler das schon so sehen wollte:
Alpdrücken

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 40 vom 01.01.1921)
Hier in Frankreich herrscht gegenwärtig die größte Ruhe. Ein abgematteter, schläfriger, gähnender Friede. Es ist alles still wie in einer verschneiten Winternacht, nur ein leiser, monotoner Tropfenfall. Das sind die Zinsen, die fortlaufend hinabträufeln in die Kapitalien, welche beständig anschwellen; man hört ordentlich, wie sie wachsen, die Reichtümer der Reichen. Dazwischen das leise Schluchzen der Armut. Manchmal klirrt etwas, wie ein Messer, das gewetzt wird.
(Heinrich Heine [1797-1856]: Lutetia. Essays über Frankreich, zweiter Teil, LII. Paris 1842)

Ich bin 38 Jahre alt und Allgemeinarzt mit einer gut gehenden Hausarztpraxis in Neuötting, Oberbayern, geistig gesund und ein völlig normaler Bürger mit einer Lebensgefährtin und einem 15 Monate alten Sohn, bin seit 12 Jahren Gemeinderat und seit sechs Jahren Kreisrat der CSU, einer Partei, die sicherlich weit entfernt ist vom Ruf, linkspolitische und revolutionäre Gedanken zu pflegen. Es ist nicht meine Aufgabe, solche Texte zu schreiben und es gibt in Deutschland Tausende, die dies besser, packender und erheblich vollständiger schaffen und wenigstens einer von denen sollte das auch tun. Ich bin von tiefstem Herzen Demokrat und, wie mir in den letzten Tagen bewusst geworden ist, ein hoffnungsloser Idealist. (...)
Abschließend möchte ich noch einmal kurz zusammenfassen:
Krankenhäuser machen politisch gewollte Defizite, werden an Klinikketten verkauft.
Niedergelassene Ärzte verdienen politisch gewollt so wenig, dass der Nachwuchs ausbleibt. Sie werden durch MVZ [Medizinische Versorgungszentren, Anm.d.Kap.] ersetzt, die zu guter letzt ebenfalls den Klinikkonzernen gehören werden.
Die medizinische Versorgung unseres Landes liegt dann nicht mehr in der Verantwortung von Ärzten, sondern von Konzernen.
Monopolstrukturen und die Lenkung der Patientenströme garantieren bei einer überalterten Bevölkerung eine geradezu utopische Ertragssituation.
Ärztliche Standestraditionen werden dem reinen Streben nach Ertrag geopfert werden. Die gesundheitspolitische Landschaft wird sich von Grund auf radikal verändern und entsolidarisieren.
Die Ursache liegt nicht in dem Wunsch der Bevölkerung, sondern in der geschickten Manipulation der Regierung durch hochpotente Lobbyisten, die die Macht haben, über das Schicksal der Politiker zu verfügen.
(...) Momentan versuchen 5% unseres Landes, 95% zu betrügen. Die große Masse steht derzeit nur ratlos da und fragt sich, was "da oben" eigentlich los ist.
(Weiterlesen; auch der direkt anschließende zweite Teil des Textes ist sehr interessant)
Anmerkung: Sollte die "Basis" - gerade auch der CSU - tatsächlich allmählich aufwachen und sich die Bretter von den Stirnen reißen oder handelt es sich hier nur um einen einsamen Rufer auf weiter Flur? Ich befürchte ja noch immer das Letztere - und das, obwohl tatsächlich immer mehr Menschen auch am eigenen Leib erfahren, wie die Umverteilung von unten nach oben und die Zwangsverarmung der Menschenmassen zunehmend Fahrt aufnehmen.
Nur noch tragisch ist es allerdings zu nennen, dass auch dieser kritische Beitrag demselben hanebüchenen Phänomen erliegt wie die allermeisten kritischen Essays, Artikel und Bücher: Die Symptome werden oftmals sehr detailliert und korrekt analysiert und aufgezeigt - den kleinen geistigen Schritt, nach den tatsächlichen Ursachen für den Zerfall zu forschen und dabei nicht im kapitalistischen System hängen zu bleiben, vollzieht kaum jemand. Statt dessen scheint man sich nach der Chimäre eines "guten Kapitalismus'" zu sehnen. Wie kann das sein? Die ursächlichen Zusammenhänge liegen doch klar sichtbar und unverdeckt auf dem Tisch und werden zudem grell angestrahlt. Trotzdem sieht fast niemand, dass der Kaiser keine Kleider anhat. Es ist wahrlich zum Verzweifeln.
Auch ein zaghafter Beginn sei ein Anfang, höre ich oft. Ich habe da meine starken Zweifel - wieder einmal reicht ein Blick in die Geschichte aus, um zu bemerken: Nein, ein zaghafter Beginn ist bislang meistens im nahenden Sturm untergegangen wie eine Nussschale auf dem Atlantik. - Die Empörung muss selbst zum Sturm werden, sonst ist sie sinnlos.

"Sehen Sie, Kollege, den Dritte-Klasse-Patienten darf man wenigstens ganz offen gestehen: 'Das Leben des Menschen steht in Gottes Hand!'"
(Zeichnung von Marcel Frischmann [1900-1952], in "Simplicissimus", Heft 46 vom 16.02.1932)
Anmerkung: Ich finde diese Aktion durchaus bemerkenswert - auch wenn sie nur den berühmten Tropfen auf dem heißen Stein darstellt. Es lohnt sich, sich wirklich alle Begründungen anzuhören, mit denen die Ex-SoldatInnen ihre albernen Orden wegwerfen. Eine vergleichbare Aktion wäre in Deutschland wohl unvorstellbar - was schon viel über die Reflektions- und Lernfähigkeit deutscher Soldaten aussagt. Als leuchtendes Beispiel ist da noch immer Jürgen Rose zu nennen, dessen Publikationen an Deutlichkeit nichts vermissen lassen. Damit ist er indes allein auf weiter Flur und damit die berühmte Ausnahme, die die Regel bestätigt.
Dennoch ist das Zeichen der ehemaligen US-Soldaten im obigen Video sehr wichtig und sollte entsprechend gewürdigt werden - auch wenn ich als Pazifist und konsequenter Kriegsdienstverweigerer nicht einmal annähernd verstehen kann, weshalb sich jemand - aus welchen Gründen auch immer - jemals dazu hinreißen lassen kann, das Handwerk des Tötens und Gehorchens zu erlernen. Doch es ist nie zu spät um zu lernen.
Ich träume von dem Tag, an dem alle Soldaten dieser Welt diesem Beispiel folgen und dem elitären Gesindel ein deutliches "Nein" entgegen schleudern. Ich werde ihn nicht erleben, ich weiß.
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Zukunftsbild

"Die letzten Menschen haben einander umgebracht. Jetzt heißt es, wieder von vorn anfangen."
(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 23 vom 06.09.1922)
Und die Stadt wurde groß. Bis ans Meer wuchs sie aus.
Wütend gesteinigt ward jeder Fleck Erde verdammt.
Und zuletzt wurde riesenhaft Haus auf Haus
in ekstatischem Wahnsinn tief in den Himmel gerammt.
Und der Himmel, einst wundersam hoch, er war
nun ein Gefangener hinter Gittern und Draht.
Und die Sonne: es war wohl schon tausend Jahr,
dass sie nicht mehr die Schluchten der Straßen betrat.
Aber vom Flachland der Dächer aus war sie zu sehn,
rund und bedeutsam und groß wie ein roter Rubin,
und sie war noch immer wie einst im Anfange schön,
glühend, herrlich und jung - jedoch niemand sah hin.
Und sie ging im vergitterten Himmel - ein Tier,
dem man die Heimat verwehrt - erregt auf und ab,
und sie suchte verlangend im ganzen Revier
Bäume und Vögel, die es schon längst nicht mehr gab.
Und es wohnte ein Mensch in der großen Stadt. Dem kam,
dunkel, aus dem Rest alten Blutes, ein Traum.
Er verschwieg ihn. Doch er wuchs in ihm an und ward Gram -
er hatte Wälder geträumt. Wälder, Baum neben Baum.
Und die Erde war grün unterm Laub, grün und licht;
Vögel ertönten; es raunte und rauschte der Wind;
blau blühten Nächte empor, und mit stillem Gesicht
durchwandelten Tiere den Wald, sanft, schön und gelind.
Und der Mensch siechte hin. Und er schrie
viele Stunden hindurch nach dem grünenden Wald.
Aber die um ihn standen, begriffen ihn nie.
Und er starb. Und es starb die Sage vom Wald.
(Emil Barth [1900-1958], in "Simplicissimus", Heft 51 vom 16.03.1925)

(Novembre: "Anaemia", aus dem Album "The Blue", 2007)
A certain feeling assails
Visions form to wonder why
It still keeps fading
Away to the stars
The sanitarium is the night of the mind
Hidden where no-one wants to know
As nightside keeps saving your life
With its silver-painted dawn
The sanitarium holds the keys of the night
In a place no-one wants to know
And dance, dance for staying alive tonight
And you're not alone
On and on the rains with their anaemic crystals wash the pitch away
And I will follow you through centuries of famine and there will still be horror
Nightly blood anaemia
Night and blood, anaemia
As black sprites keep draining your life
When at night you're all alone
And dance, dance to remain alive
As this night beholds no dawn

Anmerkung: Den Song und das Video dieser italienischen Band aus dem Jahr 2007 kann man heute getrost mit dem abgedroschenen Wort "prophetisch" belegen. Musikalisch werden hier keine neuen Pfade geebnet, aber der vorhersehbare Abstieg in die Finsternis ist hier klar und ohne Hintertürchen umgesetzt - Politik und Wirklichkeit sind dem vorgezeichneten Weg seitdem konsequent gefolgt und tun dies auch weiterhin. Besonders beflügelnd finde ich persönlich das Fazit der Band: "As this night beholds no dawn". Wenn schon Endzeit, dann auch richtig - und ich kann diesem dunklen Absolutismus noch nicht einmal ein kleines Hoffnungsblümchen in den Weg pflanzen. Die "finstern Zeiten", die auch Bertolt Brecht seinerzeit ausmachte, stehen offenkundig einmal mehr vor unseren Türen.
Umfrage unter Jugendlichen / Handy ist wichtiger als Sex
Was ist wichtiger – Handy, Fernsehen oder Sex? Für Jugendliche scheint die Entscheidung ganz eindeutig zu sein. Sie verzichten lieber eine Woche auf Sex oder Fernsehen als auf ihr geliebtes Mobiltelefon. Vor allem Mädchen kommen offensichtlich kaum ohne ihr Handy aus. Das ergibt eine Umfrage des Forschungsinstituts Forsa.
(Weiterlesen)
Anmerkung: Was soll man dazu noch sagen - der Artikel ist eine Farce, die in Rede stehende Umfrage ist eine Farce, ergo sind auch die Ergebnisse eine Farce. Was um alles in der Welt soll man - egal ob Jugendliche/r oder nicht - auf eine dermaßen saublöde Frage auch antworten, wenn als Antwortalternative nicht "Geh mir fort" oder "Ham'se dir in'n Kopp geschissen?" angeboten wird?
Für einen solchen Schmarrn führt Forsa eine repräsentative Umfrage durch und n-tv (und andere Medien) machen schnell komsumierbare Zwischendurch-Artikel daraus, denen der geneigte Normalleser offenbar entnehmen soll, wie unsäglich "dumm" und "oberflächlich" die gesamte "heutige Jugend" doch sei. Das Muster ist dabei nur allzu bekannt aus früheren Zeiten - schon dem altgriechischen Philosophen Aristoteles [384-322 v.Chr.] wird ja der folgende Ausspruch nachgesagt: "Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen." Solches Gewäsch findet sich wiederkehrend quer durch alle Jahrhunderte.
Wir dürfen also mindestens zwei Schlüsse aus diesen Erkenntnissen ziehen:
Die Panikmache und die Diffamierung der Jugend sind so alt wie die "zivilisierte" Menschheit.
Die Kritik war zu jeder Zeit - also auch heute - völlig berechtigt, denn keiner Jugend ist es bisher gelungen, den ewigen Kreislauf der kapitalistischen Tragödie tatsächlich zu durchbrechen und einen Evolutionssprung zu initiieren.
Es spricht auch heute nichts dafür, dass sich das ändert. Dafür ist allerdings - damals wie heute - weniger die Jugend als "dumm" und "oberflächlich" zu brandmarken, sondern natürlich die Generationen, die diese Jugend erst hervorgebracht, unterrichtet und geprägt haben. So funktioniert der ewige Kreislauf des kapitalistischen Verderbens. Mit dem Feindbild der ewig verkommenen Jugend verschleiert man das meist bis zum Lebensende andauernde umfassende Versagen der eigenen Generation. Und dieses Versagen der Alten wird wiederum von den nachfolgenden Generationen instrumentalisiert, um das gleichfalls eigene, womöglich zukünftige Versagen zu "erklären" oder zu relativieren.
Der "Herr der Welt" - der menschenfressende Kapitalismus - blieb und bleibt derweil stets derselbe vernichtende Fluch.
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Der Herr der Welt

"Der rüstet nicht ab!"
(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 26 vom 22.09.1924)
(...) Was früher die Armen betraf, erreicht längst den Mittelstand. Ende 2011 war die spanische Arbeitslosenquote von 23 Prozent die höchste in der Europäischen Union. Sechs Jahre zuvor lag Spanien beim europäischen Durchschnitt von neun Prozent. Was seitdem geschehen ist, gleicht der Chronik eines angekündigten Todes. (...) Seit 2007 verlieren die Menschen ihre Jobs, ihre Wohnungen, ihren Status. Den Nachkommen bleibt kaum etwas außer miserablen Aussichten. (...)
Fast sechshunderttausend Haushalte haben keine Einkünfte mehr, nicht einmal Arbeitslosenunterstützung oder Sozialhilfe. Soziale Ungleichheit ist messbar; in Spanien ist sie dreimal so groß wie in Deutschland.
(Weiterlesen)
Anmerkung: Man darf hier nicht zu viel erwarten - schließlich handelt es sich um einen FAZ-Artikel, so dass man eine recht dramatische Beschreibung der Symptome zu lesen bekommt - während die Benennung der kapitalistischen Ursachen und Verursacher konsequent unterbleibt. Dennoch taugt der Artikel leidlich für eine weitergehende Information über die katastrophale Situation so vieler Menschen in Spanien - vor allem dann, wenn man bereit ist, zwischen den Zeilen zu lesen und sich vor Augen zu führen, wie es 600.000 (und zunehmend weiteren) Haushalten ergehen mag, die überhaupt kein finanzielles Einkommen mehr haben und bereits obdachlos sind oder es in Kürze werden.
Dieser kurze Bericht über Zwangsräumungen in Spanien bietet noch einige ergänzende Informationen - auch wenn er selbstredend dieselben Mängel aufweist die der FAZ-Text:
Die Parallelen zur Situation in Griechenland sind unverkennbar - und auch in Deutschland nimmt die Zwangsverarmung der Menschen immer bedrohlichere Züge an, wie am Beispiel der "Haushalte ohne Strom" deutlich wird:
"Im Hartz IV-Regelsatz von 374 Euro sind die Stromkosten mit enthalten. In immer mehr Haushalten reicht das Geld aber für die Energieversorgung nicht mehr aus. Allein im vergangenen Jahr wurde deshalb rund 200.000 Hartz-IV-Empfängern der Strom abgedreht." (Quelle)
Es mag sich einjeder selbst ausmalen, was es bedeutet, ein Leben ohne Strom in diesem Land fristen zu müssen - also ein Leben ohne Kühlschrank, ohne Gefrierfach, ohne Herd, ohne warmes Wasser, ohne Computer, ohne Internet, ohne Telefon, ohne Handy, ohne elektrisches Licht, ohne Musik ... und wieviel schlimmer es noch sein muss, wenn einer Familie nicht nur der Strom abgestellt wird, sondern sie gleich das Dach über dem Kopf verliert. Und das in Ländern, in denen andere Menschen gleichzeitig in überquellendem Reichtum und sinnlosem Luxus leben.
Der Mensch beweist mit jedem Zyklus des explodierenden Kapitalismus aufs Neue, dass er lernresistent und offensichtlich eine evolutionäre Fehlentwicklung ist - anders sind diese ewigen Wiederholungen der immer gleichen Katastrophen meines Erachtens nicht mehr erklärbar. Degenerierte, skrupellose, egoistische "Eliten" auf der einen und ebenso degenerierte, ahnungslose, willfährige Massen auf der anderen Seite, die nichts lieber tun als auf Teufel-komm-raus den "Eliten" nachzueifern, um ähnliche Privilegien nur für sich selbst zu erlangen ... da gehen mir allmählich die Schimpfworte aus.
Das große Leid so extrem vieler Menschen weltweit lindert das natürlich nicht. Das geht einfach immer weiter - unaufhörlich. Wenn Du diesen Text zuende gelesen hast, sind statistisch gesehen ca. zehn Kinder verhungert oder verdurstet, seit Du angefangen hast zu lesen ... wenn Du danach innehälst und kurz nachdenkst, sind es bereits 40 oder 50. Man mag das nicht zuende denken - muss es aber.
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Folgen der Teuerung

"Ich kann mir keine Zeitung mehr leisten. Ich lese jeden Tag ein Kapitel aus dem Buche Hiob ... da habe ich dasselbe."
(Zeichnung von Wilhelm Schulz [1865–1952], in "Simplicissimus", Heft 5 vom 27.04.1921)
(Anthony Phillips: "Slow Dance", 1990)
Anmerkung: Für dieses knapp einstündige Werk des ehemaligen Genesis-Gitarristen muss man sich Zeit und Ruhe nehmen, wird dafür aber mit sinnlichen Genüssen belohnt, die es in der schnellen, hektischen Welt unseres heutigen Erlebens nur noch selten gibt. Man kann diesem Musikstück auch entnehmen, welches Potential mit der zunehmenden Kommerzialisierung der Band Genesis verschenkt wurde - Anthony Phillips ist (neben Steve Hackett und Peter Gabriel) ja nur eine von drei musikalischen Größen, die im Laufe der Jahre aus der ursprünglich progressiven Band ausgeschieden sind (bzw. "ausgeschieden wurden"), bis zum Schluss nur noch das jämmerliche Phil-Collins-Fragment wie eine groteske Ruine des ehemaligen Prachtbaus übrig blieb.
Genesis ist ein Paradebeispiel für den durch den Kapitalismus beflügelten Niedergang der Kultur - Geldgier hat aus ehemals verwegener Kunst billigen Schlager gemacht. Es ist tröstlich, dass manche ehemalige Mitstreiter wie Herr Phillips sich auch heute noch der individuellen Kunst - und nicht dem Kommerz - verpflichtet fühlen. Eine aussterbende Spezies scheinen solche Menschen aber allemal zu sein.
Es empfiehlt sich, das Stück in Dunkelheit und über Kopfhörer in ausreichender Lautstärke zu genießen, um das Ideal der Langsamkeit vollends zu erfahren.

Kommentare in Online-Shops gefälscht / Auf Bewertungen ist kein Verlass
Sie dienen vielen als wichtige Orientierung beim Einkauf: Nutzerkommentare und Ratings in Online-Shops und Bewertungsportalen. Doch ob bei Restaurants, Versicherungen oder Handys – viele der Angaben sind gefälscht. Für die Nutzer ist das kaum zu erkennen.
(Weiterlesen)
Anmerkung: Nun, das ist wirklich total überraschend und lässt uns entsetzt und mit offenem Mund staunend innehalten - die integeren Damen und Herren, die uns ständig ihren überteuerten, meist sinnlosen Dreck andrehen wollen, lassen Bewertungen und Nutzerkommentare fälschen?! Nein!! So etwas kann es einfach nicht geben in der schönen kapitalistischen Glitzwerwelt - das muss ein Hoax sein!
Oder spiegeln sich hier vielleicht doch schlicht die Grundfesten der kapitalistischen Unordnung wider? Die Fassadenwelt der Schlips-Borg hält erschüttert inne und betet inbrünstig, dass der geneigte n-tv-Leser keine solchen Rückschlüsse ziehen möge. Da muss sich indes niemand Sorgen machen, denn die naheliegende Schlussfolgerung, dass Geldgier, Ausbeutung und schamloser Betrug zusammengehören wie Bahnhof und Schienen, kommt dem kapitalistisch sozialisierten Normalbürger nicht einmal im Traum in den Sinn. Das sind alles bedauerliche Einzelfälle. Außerdem muss das dringend dereguliert werden - es kann ja nicht angehen, dass gefälschte Bewertungen nun auch noch skandalisiert werden, gelle.
Selbstverständlich gibt es auch schon Geschäftsideen dazu - wer also Bewertungen, Backlinks, Kommentare etc. käuflich erwerben möchte, kann beispielsweise hier klicken. Es existiert keine Perversion im Kapitalismus, die nicht genutzt wird, wenn sich damit Geld verdienen lässt.
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Ein Kardinalfehler

"Ihr Sohn ist nicht zu brauchen für ein Kaufmannsgeschäft, der hat ja Sittennote eins im Zeugnis!"
(Zeichnung von Ladislaus Kmoch [1897-1971], in "Simplicissimus", Heft 34 vom 17.11.1920)
Wenn was nicht klappt, wenn was nicht klappt,
dann wird vor allem mal nicht berappt.
Wir setzen frisch und munter
die Löhne, die Löhne herunter –
immer runter!
Wir haben bis über die Ohren
bei unsern Geschäften verloren ...
Unser Geld ist in allen Welten:
Kapital und Zinsen und Zubehör.
So lassen wir denn unser großes Malheur
nur einen, nur einen entgelten:
Den, der sich nicht mehr wehren kann,
Den Angestellten, den Arbeitsmann;
den Hund, den Moskau verhetzte,
dem nehmen wir nun das Letzte.
Arbeiterblut muss man keltern.
Wir sparen an den Gehältern –
immer runter!
Unsre Inserate sind nur noch ein Hohn.
Was braucht denn auch die deutsche Nation
sich Hemden und Stiefel zu kaufen?
Soll sie doch barfuß laufen!
Wir haben im Schädel nur ein Wort:
Export! Export!
Was braucht ihr eignen Hausstand?
Unsre Kunden wohnen im Ausland!
Für euch gibts keine Waren.
Für euch heißts: sparen! sparen!
Nicht wahr, ein richtiger Kapitalist
hat verdient, als es gut gegangen ist.
Er hat einen guten Magen,
Wir mussten das Risiko tragen ...
Wir geben das Risiko traurig und schlapp
inzwischen in der Garderobe ab.
Was macht man mit Arbeitermassen?
Entlassen! Entlassen! Entlassen!
Wir haben die Lösung gefunden:
Krieg den eignen Kunden!
Dieweil der deutsche Kapitalist
Gemüt hat und Exportkaufmann ist.
Wussten Sie das nicht schon früher –?
Gott segne die Wirtschaftsverführer!
(Theobald Tiger alias Kurt Tucholsky [1890-1935], in "Die Weltbühne", Nr. 34 vom 25.08.1931)
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Handelsfriede auf Erden!

"Endlich sind sich alle Völker darüber einig, dass sie nur exportieren, aber nichts importieren wollen!"
(Zeichnung von Olaf Gulbransson [1873-1958], in "Simplicissimus", Heft 38 vom 21.12.1931)
Anmerkung: So wunderbar treffend diese zeichnerische Darstellung der langen Schlange von Nationen auch ist, die fröhlich in der logischer Weise menschenleeren Wüste ihre Waren dem Nichts feilbieten, so wichtig ist es auch, erneut darauf hinzuweisen, dass auch der Zeichner Gulbransson zu den überaus verachtenswerten Opportunisten gehörte, die ab Februar 1933 einen scharfen Rechtsschwenk vollzogen und sich dem Nazi-Diktat nur allzu willig unterworfen haben. Dies ist im Falle Gulbranssons noch von größerer Brisanz, da er als norwegischer, weiterhin in Deutschland lebender Staatsbürger miterlebt hat, wie auch sein Heimatland von den deutschen Terrorbanden überfallen und besetzt wurde. Wir haben an anderen Stellen hier im Blog ja bereits über diese Problematik diskutiert.
Das ändert jedoch nichts an der grotesken Aktualität sowohl des (politisch unverdächtigen) Gedichts, als auch der Zeichnung.