Freitag, 5. Juli 2013

Zitat des Tages: Die Brücke


Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich. Diesseits waren die Fußspitzen, jenseits die Hände eingebohrt, in bröckelndem Lehm habe ich mich festgebissen. Die Schöße meines Rockes wehten zu meinen Seiten. In der Tiefe lärmte der eisige Forellenbach. Kein Tourist verirrte sich zu dieser unwegsamen Höhe, die Brücke war in den Karten noch nicht eingezeichnet. – So lag ich und wartete; ich musste warten. Ohne einzustürzen kann keine einmal errichtete Brücke aufhören, Brücke zu sein.

Einmal gegen Abend war es – war es der erste, war es der tausendste, ich weiß nicht, – meine Gedanken gingen immer in einem Wirrwarr und immer in der Runde. Gegen Abend im Sommer, dunkler rauschte der Bach, da hörte ich einen Mannesschritt! Zu mir, zu mir. – Strecke dich, Brücke, setze dich in Stand, geländerloser Balken, halte den dir Anvertrauten. Die Unsicherheit seines Schrittes gleiche unmerklich aus, schwankt er aber, dann gib dich zu erkennen und wie ein Berggott schleudere ihn ans Land.

Er kam, mit der Eisenspitze seines Stockes beklopfte er mich, dann hob er mit ihr meine Rockschöße und ordnete sie auf mir. In mein buschiges Haar fuhr er mit der Spitze und ließ sie, wahrscheinlich wild umherblickend, lange drin liegen. Dann aber – gerade träumte ich ihm nach über Berg und Tal – sprang er mit beiden Füßen mir mitten auf den Leib. Ich erschauerte in wildem Schmerz, gänzlich unwissend. Wer war es? Ein Kind? Ein Traum? Ein Wegelagerer? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter? Und ich drehte mich um, ihn zu sehen. – Brücke dreht sich um! – Ich war noch nicht umgedreht, da stürzte ich schon, ich stürzte, und schon war ich zerrissen und aufgespießt von den zugespitzten Kieseln, die mich immer so friedlich aus dem rasenden Wasser angestarrt hatten.

(Franz Kafka [1883-1924]: "Die Brücke", entstanden 1916/17, erst posthum veröffentlicht, in "Nachgelassene Schriften und Fragmente 1", hg. von Malcolm Pasley, 1993)


Anmerkung: Es gibt nur wenige Texte, die unsere furchtbare Zeit so gut beschreiben wie dieses kleine Juwel von Kafka. Ich lese seit geraumer Zeit immer wieder in irgendwelchen abstrusen Interviews oder anderen Berichten, das Werk Kafkas sei "unzugänglich", "sperrig" oder gar "schlecht zu verstehen" - und kann mit solchen leichtfertigen Urteilen so gar nichts anfangen. Was soll beispielsweise an diesem Text so "unzugänglich" sein? Da kann ich immer wieder nur ermuntern: Leute, werft doch Euer Gehirn an - es ist zu wesentlich mehr fähig als nur zur schnöden Reproduktion, Geldbeschaffung, verdummenden Unterhaltung und zum Konsum - auch wenn der Kapitalismus gar nicht mehr von Euch verlangt bzw. Euch gar nicht mehr zubilligt als diese elementaren Basisfunktionen.

Man kann lange Aufsätze über diesen kleinen Text schreiben, und sie sind alle "erlaubt" - denn es gibt keine "richtige" oder "einzig gültige" Interpretation von Texten, zumal aus der Feder Kafkas; es gilt wie immer in der Kunst: Das Ergebnis entsteht erst beim Rezipienten und nicht schon im Hirn des Künstlers. Der kann zwar eine bestimmte Intention verfolgen und tut das zumeist auch, aber ob das auch genauso bei anderen Menschen ankommt, ist eine völlig andere Frage. Das ist wirkliche Kreativität: Bemühe Deine eigenen Gedanken, wenn Du etwas liest, ansiehst oder anhörst - und scher Dich erst einmal nicht darum, was der Urheber damit vielleicht gemeint haben könnte. Mit diesem Ansatz liest sich auch jeder Text von Kafka völlig flüssig und ist weit entfernt von irgendeiner herbeifabulierten "Sperrigkeit".

Wenn man tiefer einsteigen und den Künstler - den Menschen - vielleicht besser kennen und verstehen lernen will, kann man sich immer noch näher mit seiner Biografie, seinem Leben und Werk beschäftigen. Ob die Interpretationen dann stets an Qualität gewinnen, will ich aber generell in Frage stellen. Letztlich ist es doch immer bedeutender, was ein Kunstwerk konkret auslöst oder bewirkt - und nicht das, was der Urheber möglicherweise ursprünglich im Sinn hatte.

Ich möchte nicht in der bedauernswerten Lage sein, in der heutigen gruseligen Zeit beispielsweise eine Abi-Klausur über Kafka schreiben zu müssen - da wird sicherlich nach strengsten neoliberalen Maßstäben und Kategorien beurteilt, welche Interpretationen "richtig" und welche "falsch" sind. Jene Maßstäbe dürften - ebenso wie das neoliberale, kapitalistische System an sich - dermaßen abstrus und absurd sein, dass ein wacher, eigenständiger Geist gar nicht anders kann als daran komplett zu verzweifeln und sich in eine wirklich kafkaeske Alptraumwelt gestoßen zu sehen.

Was ja auch der Realität entspricht.

Donnerstag, 4. Juli 2013

Song des Tages: Wasted Time




(Edguy: "Wasted Time", aus dem Album "Rocket Ride", 2006)

The dream is over, no-one's to take the blame
We believed in roses but only thorns remain

When I look into the rearview mirror
We create and we destroy
Put our blood into a street with a dead end
Walk up that stairway to jump off into the black

Here we go!
We go all the way - do we need the pain?
Waking up in a black tomorrow!
I've been there before - was it all wasted again?
We go all the way - do we need the pain?
Waking up in a black tomorrow!
I've been there before - was it all just wasted time?

Maybe I am different, maybe I'm a fool
And I wonder if it's worth it
Trying to find another you

And I look into the rearview mirror
Just to see how fucked I look
While I drive along that street with a dead end
Like a moth to the flame, it's gonna suck me into pain

Still we go!
We go all the way - do we need the pain?
Waking up in a black tomorrow!
I've been there before - was it all wasted again?
We go all the way - do we need the pain?
Waking up in a black tomorrow!
I've been there before - was it all just wasted time?

What are we heading for, why do I dare again?
Once bitten, twice shy and still we never learn

So here I'm lying - a leisure-poet in pain
Involuntary loner, I know that life is just a game
Where nobody gets out alive - a sedative shot for me
No happy man gets out alive - neither of us, you will see

Here we go!
We go all the way - do we need the pain?
Waking up in a black tomorrow!
I've been there before - was it all wasted again?
We go all the way - do we need the pain?
Waking up in a black tomorrow!
I've been there before - was it all just wasted time?


Anmerkung: Baby, schüttel' dein Haar für mich ... - Es gibt sie noch, die guten, alten Rocker, die noch wissen, dass eine Gitarre nicht bloß ein Begleit- und Rhythmusinstrument ist und die ihre Wurzeln bei Deep Purple, Rainbow, Uriah Heep oder den frühen Iron-Maiden-Werken in Ehren halten. Mir wird immer so nostalgisch zumute, wenn ich sowas höre. ;-) Und ganz nebenbei gibt der Text - wenn er auch auf eine gescheiterte Liebesbeziehung gemünzt sein dürfte - auch einen wunderbaren Abgesang auf unsere schöne, kapitalistische Glitzerwelt ab, von der die billigen Fassaden derzeit gleich zentnerweise abblättern und nur noch rauchende Ruinen offenbaren - "waking up in a black tomorrow".

Mittwoch, 3. Juli 2013

Die "Fälscherwerkstatt der Polizei" - Leben im Unrechtsstaat


Prozess gegen Jugendpfarrer König platzt / Mit Videos will die Dresdner Polizei vor Gericht beweisen: Jugendpfarrer König hat bei einer Demo in Dresden dazu aufgefordert, Beamte zu attackieren. Doch jetzt kommt heraus: Der Film ist zusammengeschnitten, die Originalaufnahmen lassen den Fall in neuem Licht erscheinen.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Wir sollten uns das einmal auf der Zunge zergehen lassen: In der polizeilichen und gerichtlichen Farce um Lothar König, der gegen Nazis demonstriert hatte, ist nun aufgeflogen, dass die Polizei jene "belastenden Beweise" dreist und noch dazu schlecht gefälscht hat, die der Staatsanwaltschaft als Anklagegründe dienten. Dieser Vorgang an sich ist schon so ungeheuerlich, dass der Mund sperrangelweit offen stehen bleibt. Die sich anschließenden Fragen - die von der Kuh-Presse bislang natürlich nicht gestellt wurden -, verursachen aber gleich noch schlimmere Bauschschmerzen: Was wusste die Staatsanwaltschaft davon? Und welche Motivation hat jene Polizisten zu ihren Fälschungstaten getrieben? Es ist doch wohl kaum davon auszugehen, dass da irgendwelche kleine Beamte von selbst auf die Idee gekommen sind, frei nach dem Motto: "Hey, dieser linken Sau zeigen wir's jetzt mal - wir fälschen Beweise, jubeln die der Staatsanwaltschaft unter und bringen den Penner einfach mal in den Knast!"

Auszuschließen ist ein solches Szenario zwar nicht, aber wahrscheinlicher wird es dadurch auch nicht. Für mich riecht das sehr stark nach Anweisungen von "weiter oben", die da ausgeführt worden sind - oder werden bei der Polizei inzwischen auch (wie bei den Hartz-Terror-Behörden üblich) "Prämien" für erteilte Sanktionen an beliebigen Mitbürgern an die beteiligten Beamten ausgezahlt? Überraschen würde mich selbst das nicht mehr.

In jedem Fall werden uns die Propagandamedien - falls das Thema überhaupt weiter behandelt wird - schon sehr bald das bewegende Märchen von dem "bedauerlichen Einzelfall" und den "wirren Einzeltätern" erzählen, während der Unrechtsstaat immer weiter furchtbare Gestalt annimmt. Erst gestern berichtete "Report Mainz" über Abschiebegefängnisse, in denen Menschen inhaftiert sind, denen erst gar nicht das Recht auf einen Asylantrag gewährt wurde, und über obligatorische (!!) Strafverfahren (!!!) gegen Flüchtlinge: "Es handelt sich um Schnellverfahren. Sehr oft sind [die Flüchtlinge] in weniger als 15 Minuten, ohne jeden Verteidiger [und ohne Dolmetscher - sie haben also keine Ahnung, worum es da eigentlich geht, Anm.d.Kap.], zu Haft- oder Geldstrafen verurteilt." In einem solchen verkommenen Unrechtsstaat kann es nicht weiter verwundern, dass Polizisten Beweise fälschen bzw. die Order dazu erhalten.

Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, wieso ausgerechnet ein Jugendpfarrer, der gegen Nazis auf die Straße geht, dieser korrupten Bande ein solcher Dorn im Auge ist, dass sie ihn unbedingt aus dem Weg räumen will. Gehen die Pläne dieser irrsinnigen und habgierigen Menschenfeinde am Ende doch wieder in eine faschistische Richtung, die ich mir nicht einmal in wildesten, finstersten Verschwörungsmomenten auszudenken vermag? Wieso ausgerechnet Lothar König? Oder war er nur ein willkürliches, zufälliges Opfer dieser widerlichen Maschinerie, an dem ein "Exempel" statuiert werden sollte?

Wie man es auch dreht und wendet, das Fazit bleibt dasselbe: In Sachen Korruption, staatlicher Willkür und Repression, Kapitalarschkriecherei, politisch-neoliberalem Einheitsbrei, Habgier, Unrecht und Faschismus kann es unsere heutige böse Zeit ganz locker mit den Weimarer Jahren aufnehmen. In Sachen Totalüberwachung der BürgerInnen bei gleichzeitiger Totalapathie der Massen angesichts der offenkundigen Schreckensszenarien sind wir dieser Zeit allerdings weit, sehr weit voraus. Da mag sich einjede/r selbst ausmalen, was wohl diesmal am Ende dieser Entwicklungen herauskommen wird. Ich gehe davon aus, dass "Fälscherwerkstätten der Polizei" dann eines der eher kleineren Übel sein werden, mit denen sich die Menschen herumplagen müssen.

Aber das kennen wir ja schon alles.

Montag, 1. Juli 2013

Gärtnerei der Woche - und ein kleines Plädoyer


Nein, ich verfalle nicht erneut in eine Lobpreisungshudelei, sondern lege Euch einfach energisch nahe, auch den aktuellen Gärtner-Text in der Titanic Online wieder aufmerksam zu lesen. Jeden weiteren Kommentar dazu spare ich mir - Gärtner sagt alles und das wie gewohnt sehr prägnant.

Ich will ein Kind von dem.

Außerdem konsumiere ich solche Abführmittel, Gehirnmassevernichter oder Depressionsverstärker wie "Wetten dass", "Phantom der Oper", "Fußball" oder "Pur" niemals oder nur über meine Leiche, so dass ich ohnehin wenig zum originären Thema beitragen könnte. Was ich aber am Rande noch anbringen möchte, ist ein kleines Plädoyer für den Roman "Das Phantom der Oper" von Gaston Leroux (erschienen erstmals 1909/10), der allen Kritiken zum Trotz weitaus besser ist als sein Ruf. Was Lloyd-Webber und vor und nach ihm andere Kassenklingler der Film- und Musik-Unterhaltungsindustrie daraus gemacht haben, wird dem Originaltext jedenfalls in keiner Weise gerecht. Wer E.T.A. Hoffmann, E.A. Poe oder auch Theodor Storms "Der Schimmelreiter" mag, wird den Roman von Leroux lieben. Wem hingegen Lloyd-Webbers Extremkitsch-Musical gefällt, braucht sich das Buch gar nicht erst ins Regal zu stellen.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf den Reclam-Band "Gespenstergeschichten", hg. von Dietrich Weber, 1989, hinweisen, der eine sehr ausgewogene und umfangreiche Auswahl an literarischen Stücken dieses Genres enthält. Motto: Wenn die Realität schon so gruselig und absurd ist, dass sie jede Fiktion mühelos überbietet, bleiben doch nur die fiktiven, fast schon heimeligen Gespensterwelten, um sich zumindest temporär zu flüchten und den Geist zur Ruhe kommen zu lassen.

Ob das nun eine großartig andere Qualität besitzt als die "Wetten dass"-Hirnvernichtung, höre ich schon manchen Kritiker murmeln - unbedingt, ja! Denn hier wird nicht Ablenkung und Abstumpfung propagiert und praktiziert, sondern eine gewollte und nachvollziehbare Stärkung eines "wachen Geistes". Eine Flucht ins Scheinidyll ist eben etwas grundsätzlich anderes als eine Flucht in die Dunkelheit.

Und das gilt - ebenfalls am Rande - nicht nur für Literatur und Musik, sondern für alle Bereiche des kreativen Schaffens und Genießens - inklusive der verpönten Welt der Computerspiele.

Zitat des Tages: Der Tantenmörder


Ich hab meine Tante geschlachtet,
Meine Tante war alt und schwach;
Ich hatte bei ihr übernachtet
Und grub in den Kisten-Kasten nach.

Da fand ich goldene Haufen,
Fand auch an Papieren gar viel
Und hörte die alte Tante schnaufen
Ohn Mitleid und Zartgefühl.

Was nutzt es, dass sie sich noch härme –
Nacht war es rings um mich her –
Ich stieß ihr den Dolch in die Därme,
Die Tante schnaufte nicht mehr.

Das Geld war schwer zu tragen,
Viel schwerer die Tante noch.
Ich fasste sie bebend am Kragen
Und stieß sie ins tiefe Kellerloch. –

Ich hab meine Tante geschlachtet,
Meine Tante war alt und schwach;
Ihr aber, o Richter, ihr trachtet
Meiner blühenden Jugend-Jugend nach.

(Frank Wedekind [1864-1918]: "Die vier Jahreszeiten: Winter", Gedichte, 1905; zuerst als kabarettistische Moritat, 1902)

Anmerkung: Die "Logik" des Kapitalismus' konsequent zuende gedacht (und vielfach vertont). Staaten und Konzerne, gelegentlich auch einzelne Grüppchen oder Personen, handelten stets nach dieser eisigen Maxime - bis einschließlich heute -, ohne dass sich irgendwelche Richter dafür interessierten. Die kamen und kommen erst dann ins absurde Spiel, wenn der so genannte "kleine Mensch" die schändlichen Taten der Mächtigen und Superreichen zwecks der eigenen Bereicherung nachzuahmen versucht.

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Der Volkswirt


"Über eine Milliarde Mark wird täglich fürs Essen hinausgeworfen. Wie nützlich könnte man dieses Geld verwenden!"

(Lithografie von Paul Schondorff [1880-?], in "Simplicissimus", Heft 3 vom 20.04.1925)

Donnerstag, 27. Juni 2013

Song des Tages: Keine Lösung




(Goethes Erben: "Keine Lösung", aus dem Album "Das Sterben ist ästhetisch bunt", 1992/1998)

Es gibt keine Lösung, keinen Ausweg, keinen Sinn.
Wo liegt die Hoffnung?
Warum geboren - noch nicht tot?
Sieh das Korn! Es fällt.
Wo ist die Antwort auf die Frage?
Von wem gestellt?
Was folgt auf den Morgen?
Spiegelsplitter.
Niemand ist anwesend.
Die Einsamkeit hat sich verbissen.
Es gibt keine ... aber das kennen wir ja schon.
Der Mangel blutet.

ES GIBT KEINE LÖSUNG, KEINEN AUSWEG, KEINEN SINN.


Eine ausufernde Anmerkung spare ich mir angesichts dieser sich selbst erklärenden Musik wohl besser. Es gibt Momente in meinem Leben, in denen ich dem Sprecher Herrn Henke nichts zu entgegnen habe, sondern nur resignativ zu nicken vermag. Diese Momente dauern glücklicherweise aber nie allzu lange an. Bislang jedenfalls.

Ein wunderbarer Kontrapunkt zur konzerngesteuerten und scheinheiligen Retorten- und Wohlfühlmusik der Massenmedien ist diese Kunst aber allemal - außerdem stellt sie ein atmosphärisches Glanzlicht auf meinem persönlichen musikalischen Sampler für das "Narrenschiff" dar, wobei ich noch unschlüssig bin, ob es das erste oder doch eher das letzte Stück sein sollte: ein Spiegelbild des ewigen Kampfes zwischen der Hoffnung und der Resignation.

Tucholskys "Gruß nach vorn" und eine Antwort


Lieber Leser [in der fernen Zukunft] – !

Durch irgendeinen Zufall kramst du in der Bibliothek, findest die "Mona Lisa", stutzt und liest. Guten Tag. / Ich bin sehr befangen: du hast einen Anzug an, dessen Mode von meinem damaligen sehr absticht, auch dein Gehirn trägst du ganz anders ... Ich setze dreimal an: jedesmal mit einem andern Thema, man muss doch in Berührung kommen ... Jedesmal muss ich es wieder aufgeben – wir verstehen einander gar nicht. Ich bin wohl zu klein; meine Zeit steht mir bis zum Halse, kaum gucke ich mit dem Kopf ein bisschen über den Zeitpegel ... da, ich wusste es: du lächelst mich aus.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Wer den kleinen Text "Gruß nach vorn" von Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1926 noch nicht kennt oder ihn schon länger nicht mehr gelesen hat, sollte ihn sich vor der Antwort (noch) einmal zu Gemüte führen. Dazu scrollt Ihr die verlinkte Blättchen-Seite einfach nach unten - Tucholskys Original-Text ist unter der Antwort im Wortlaut wiedergegeben - oder klickt alternativ hier.

Ich finde diesen Antwort-Text ganz charmant - auch wenn es freilich nicht die erste Antwort ist, die jemand im Laufe der Jahrzehnte zu dem Text geschrieben hat. Einzig das gewollt schnodderige "Berlinerisch" geht mir ein wenig auf die Nerven, da es - obwohl Tucholsky selbst es gelegentlich auch benutzt hat - gerade zu diesem Text nicht so recht passen will. Aber darüber kann man hinweglesen.

Das ist kein "großer Wurf", aber ein nettes Stück politische Literatur - und außerdem ein willkommener Anlass, sich wieder einmal dem bemerkenswerten Tucholsky zuzuwenden. Sämtliche Werke dieses Schriftstellers und Journalisten sind heute gemeinfrei und im Netz kostenlos verfügbar.

Montag, 24. Juni 2013

Rückwärts immer, vorwärts nimmer


(Sofort alles lesen)

Anmerkung: Ich kann nicht umhin, auch heute wieder auf den Knien herumzurutschen und dem Gärtner für seinen sonntäglichen Text - diesmal zum Thema "Flutkatastrophe" bzw. der "Berichterstattung" der deutschen "Qualitätsmedien" darüber - quasi religiös zu danken. Ich sollte das in Zukunft einfach nicht mehr lesen, weil alles, was ich tue, mir dann stets irgendwie redundant erscheint. Das mag aus gewissen Sichtweisen sowieso zutreffend sein, aber ich kann mich bisher doch immer wieder getreu dem Element-of-Crime-Motto in trockene Tücher retten: "Doch alles kommt ins Reine mit etwas Selbstbetrug."

Gärtner formuliert hier exakt das, was ich während der zurückliegenden Wochen immer wieder - mal diffus, mal ganz klar - gedacht und gefühlt habe, wenn ich über die zumeist albernen Berichte oder gar Fernsehsendungen zu diesem Thema gestolpert bin. Eine solche Überschwemmung erfüllt offenbar genau denselben widerwärtigen medial-propagandistischen Zweck, der ansonsten irgendwelchen Sport- oder Schlagerveranstaltungen vorbehalten ist. Hauptsache, das "nationale Einheitsgefühl", das es de facto (und glücklicherweise) gar nicht gibt - wird gefüttert - so absurd das Szenario auch sein mag. Und niemand bringt das so treffend und anbetungswürdig auf den Punkt wie der Gärtner.

Einzig den Schlussatz hätte ich mir doch etwas schärfer gewünscht - das klingt fast so, als wäre da etwas, was ursprünglich wesentlich drastischer formuliert war, auf die Schnelle entschärft worden. Für mich ist die BRD des Jahres 2013 jedenfalls längst eine totalitäre, kapitalistische Quasi-Diktatur auf dem strammen Weg in den Faschismus, die mithilfe umfassender medialer und pseudowissenschaftlicher Propaganda das scheindemokratische Zerrbild einer "freiheitlich-demokratischen Grundordnung" eher schlecht als recht versucht aufrecht zu erhalten. Tatsächlich geschieht hier nichts Demokratisches, und über das Wort "Freiheit" können wir nicht erst seit Gauck, PRISM, Friedrich und den ungezählten Ungereimtheiten und Skandalen in Verbindung mit staatlichen Stellen wie der Polizei, den Geheimdiensten, der Justiz, den Nazis und selbstredend der Politik nur noch röchelnd lachen. Auch für jedes Hartz-Terror-Opfer, das sich unablässig mit den staatlichen Schergen der "Jobcenter" um das Existenzminimum, also um die Lebensberechtigung (sic!) in diesem furchtbaren Land, streiten darf, ist das Wort "Freiheit" längst zu einer absurden Farce mutiert, die nicht nur entfernt an finsterste braune Zeiten in diesem Land erinnert.

Und weil der Gärtner einer der ganz wenigen ist, der solcherlei Dinge immer wieder anspricht und den Finger in die nässende Wunde legt, vermache ich ihm die folgende Hymne von Herzen. Möge er Papst werden. Amen.


Samstag, 22. Juni 2013

Bild des Tages: Dönüşüm - die Verwandlung



(Bild: imgur.com; zum Vergrößern draufklicken)

Anmerkung: Im Rahmen des Protestes in Istanbul in den vergangen Tagen ist auch dieses Foto entstanden, das eine Frau zeigt, die mit verhüllten Augen die Erzählung "Die Verwandlung" von Franz Kafka aus dem Jahre 1912 zu lesen scheint bzw. daran offensichtlich durch die Augenbinde gehindert wird. Für mich ist das eine ganz außerordentlich starke, aussagekräftige Form des Protestes, die ich sehr bewundere.

Ich kann und will an dieser Stelle keine Analyse des Kafka-Textes anbieten - zu diesem Thema sind unzählige Bücher geschrieben worden und es herrscht bis heute kein Konsens in der Literaturwissenschaft. Dennoch möchte ich auf den Interpretationsansatz von Peter-André Alt zumindest hinweisen, den dieser in seiner Kafka-Biographie aus dem Jahr 2005 ("Franz Kafka: Der ewige Sohn. Eine Biographie") formuliert hat: Danach ist "die Gestalt des Ungeziefers ein drastischer Ausdruck der von Deprivation geprägten Existenz Gregor Samsas [des Protagonisten]. Reduziert auf die Erfüllung seiner beruflichen Pflichten, ängstlich um sein Fortkommen bemüht, gepeinigt von der Angst vor geschäftlichen Fehlern, ist er die Kreatur eines funktionalistischen Erwerbslebens."

Es war schon ein genialer Einfall dieser Frau aus Istanbul, ausgerechnet dieses Buch für ihren ungewöhnlichen, stummen Protest auszuwählen.

Das gesamte Werk Kafkas ist übrigens inzwischen gemeinfrei (d.h. endlich befreit von sämtlichen Urheberschutzgelderpressungen habgieriger "Rechteverwerter") und legal im Internet abrufbar. "Die Verwandlung" findet Ihr beispielsweise hier. Es gibt meines Erachtens nur wenige Erzählungen, deren Beginn bereits eine so extreme Lust zum Weiterlesen erzeugt:

"Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen."

Donnerstag, 20. Juni 2013

Song des Tages: So Did We




(Isis: "So Did We", aus dem Album "Panopticon", 2004)

Our skin worn thin
Our bones exposed
Life reduced to ticks

From forest caves and azure skies
We crashed upon this earth
The years they passed, and so did we
Yet resistance would be formed


Anmerkung: Lasst Euch nicht von den ersten Takten dieses Songs abschrecken - diese Band hat weitaus mehr zu bieten als wilde Gitarren und dumpfes Gegröle. Das ist Musik für Gewitternächte mit Donnern, Blitzen, Regengüssen, Pausen, Stille, ausufernder Melancholie und Untergangsgedanken - was angesichts des Albumtitels auch nicht weiter verwundert. Heute ist die Assoziation, zu einem Wort wie "Panopticon" - also zu einem "perfekten Überwachungsgefängnis" - das Luftbild einer gewöhnlichen Kleinstadt zu zeigen, ja nicht mehr so ungewöhnlich - 2004 war das aber noch regelrecht prophetisch-dystopisch.

Mittwoch, 19. Juni 2013

Zur ewigen Gebetsmühle der "politischen Fehlentscheidungen"


Die Welt befindet sich im Krieg, im Finanzkrieg. Davon ist Wolfgang Hetzer überzeugt. Er war bis 2011 beim europäischen Amt für Korruptionsbekämpfung OLAF tätig. Was er dort erlebt hat, lässt für den Juristen nur einen Schluss zu: Der Kapitalismus ist eine Kriegserklärung an die bürgerliche Welt. In seinem ersten Buch "Finanzmafia" schreibt Hetzer über die "Korruption als Leitkultur". Die derzeitige Wirtschaftskrise ist demnach ein Produkt aus politischen Fehlentscheidungen, wirtschaftlicher Inkompetenz und krimineller Energie.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Lest Euch dieses Interview sorgfältig durch. Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie unter dem umgehängten Mäntelchen der Scheinkritik am Kapitalismus letztlich wieder nur die alten Floskeln und Gebetsmühlen heruntergeleiert werden. Selbstverständlich ist auch diesem Herrn Hetzer klar, dass der katastrophale Zustand dieser Welt nichts mit "politischen Fehlentscheidungen", die auf "wirtschaftlicher Inkompetenz" beruhen, zu tun hat - wenn er das tatsächlich glaubte, wäre er ebenso dumm wie jeder dumpfe CDU- oder FDP-Wähler aus Hinterfurzingen.

Reagan, Thatcher und ihre NachfolgerInnen samt den Strippenziehern im Hintergrund wussten und wissen selbstredend, was sie da anrichten - das waren keine "Versehen" oder "Fehlentscheidungen", sondern es war das konsequente Abarbeiten einer zuvor erstellten "Agenda", die eben diese zunehmenden katastrophalen Zustände, die wir seit einigen Jahrzehnten beobachten müssen, bewusst in Kauf genommen hat, um den Superreichtum und die Macht einer kleiner Minderheit zu mehren und zu betonieren. Man kann das alles nachlesen, wenn man sich die Mühe machen will - auf Deutschland bezogen reicht ein Blick in das so genannte "Lambsdorff-Papier" aus den 80er Jahren, das als Grundlage für das "Schröder-Blair-Papier" 1999 und die nachfolgende "Agenda 2010" diente. Da ist nichts "versehentlich" passiert - es war alles ausformuliert und vorgedacht und die Halunken haben es schlicht böswillig in die Tat umgesetzt. Das einzige Versehen, das ich dieser Bande zugestehen mag, ist die Tatsache, dass es in Deutschland trotz dieser Zerstörungen noch immer manchen Menschen wirtschaftlich einigermaßen gut geht. Das war so sicher nicht vorgesehen - und es wird sich in Bälde zunehmend ändern.

Derweil wollen uns Propaganda-Experten mit Texten wie dem verlinkten Standard-Interview beruhigen, indem sie nach alarmistischen Phrasen beruhigend resümieren, dass alles doch gar nicht so schlimm und die Umkehr im Übrigen schon eingeleitet sei. Sicher, Solarzellen auf den Dächern der Behausungen von Besserverdienern oder Car-Sharing werden die kapitalistische Katastrophe gewiss aufhalten. So naiv kann dieser Mann gar nicht sein, dass er einen solchen Stumpfsinn allen Ernstes glaubt. Vielleicht ist es kein Zufall, dass er "Hetzer" heißt.

Den oben zitierten Eingangstext zum Interview möchte ich abschließend so korrigieren: "Der Kapitalismus ist eine Kriegserklärung an die Menschheit und die Natur. (...) Die derzeitige Wirtschaftskrise ist ein Produkt aus bewusst getroffenen politischen Entscheidungen, Korruption, Habgier, Menschenfeindlichkeit, Verlogenheit, gewollter Verarmung der Massen zugunsten einer kleinen Minderheit - mithin ein glasklares Spiegelbild der üblichen kriminellen Energie der politischen 'Elite' in einem derart verkommenen System wie dem Kapitalismus." - Solche Binsenweisheiten werden wir indes in den Propagandamedien niemals zu lesen bekommen.

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Kabinett und Volk


"Alle Macht geht vom Volke aus!"
"Durch den Mund des Reichstags kommen seine Wünsche an das Ohr der Regierung."
"Aber - wichtige Dinge bleiben nach wie vor der geheimen Kabinettsberatung vorbehalten."
"Die allerwichtigsten Entscheidungen freilich behält sich der Ressortminister vor."
"Dafür darf das ganze Volk zahlen."

(Zeichnungen von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 33 vom 14.11.1927)

Montag, 17. Juni 2013

Zitat des Tages: Die Idiotie des Stadtlebens [im kapitalistischen Untergangszeitalter]


Während die Reichen, Schönen und sonstwie Doofen ihre Metropolen für sich haben und sie in aller Seelenruhe (sofern "Seele" da nicht das falsche Wort ist) zu eben dem "Hochpreis-Slum" machen können, das der New Yorker SZ-Korrespondent am Hudson bereits ausgemacht hat, gehen wir nach wasweißich Lüneburg, ziehen die Kinder groß und machen es uns gemütlich. Sollen sie doch unter sich bleiben und sich in ihren scheiß Kreativ-Eliteschulen die Ellbogen ins Gesicht drücken, im Café für den Cappuccino sechs Euro bezahlen und für einen Trendkinderwagen 1000, das geht dann voll in Ordnung und uns nichts mehr an.

(Stefan Gärtner in seiner Kolumne "Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück" im Titanic-Magazin Online vom 09.06.2013)

Anmerkung: Der gesamte Text ist wieder einmal ein Highlight, das mir in der letzten Woche den tristen Sonntag erheblich versüßt hat. Wenn es den Gärtner nicht gäbe, müsste man ihn erfinden. Seine Texte gehören allerdings nicht nur in die Titanic, sondern sollten an prominenter Stelle in der Süddeutschen, in der FAZ oder in der Zeit stehen. Dort könnte er zumindest das schaurige Publikum erreichen, das sich diese Texte - um es pädagogisch auszudrücken: "erkenntnisgewinnend" - wiederholt zu Gemüte führen sollte.

Es ist schon bezeichnend für den erbärmlichen "Zustand dieser Zeit" (Kästner), wenn es ausgerechnet und fast ausschließlich Satiriker wie eben Gärtner, Schramm und andere sind, die den Nagel auf den Kopf treffen und ihn somit tief ins blutige, vermodernde Holz jagen. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, in denen beispielsweise ein völlig humorlos agierender Klaus Bednarz - also ein Journalist - diese Rolle innig und vollblütig wahrgenommen hat. Das ist heute gänzlich undenkbar.

Nehmen wir Gärtner beim Wort: Auf in die Provinz, auf in ein neues Leben ohne Konkurrenz, Wettbewerb, Konsumismus, Konzerne, Kapitalismus und Ich-will-das-Beste-für-mein-Kind-auch-wenn-andere-Kinder-darunter-elendig-leiden-mir-doch-egal - es muss ja nicht unbedingt Lüneburg oder Hessen sein. ;-) - Ja, ich weiß, ich bin ein hoffnungsloser Utopist oder wahlweise ein übles Schandmaul. Was aber bleibt sonst übrig?


(Klaus Bednarz: Seriös, humorlos, Demokrat mit dezenter modischer Sehhilfe)

Samstag, 15. Juni 2013

Paranoia oder berechtigtes Misstrauen? - Über "verpflichtende Ortungstechnik" in PKWs


Die EU-Kommission will, dass neue Autos ab 2015 verpflichtend mit dem sogenannten "eCall"-System ausgestattet werden. Es verbindet die Insassen bei einem Unfall automatisch mit Notfalldiensten und übermittelt den Standort an die Retter.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Als ich diesen kurzen, wenig aussagekräftigen Bericht des Boulevardsenders WDR gelesen hatte, begannen sofort sämtliche Alarmglocken in meinem Hirn laut zu schrillen und ich sah ein übles Szenario von noch mehr staatlicher Überwachung vor mir, dem man nicht mehr so einfach wie noch heute - nämlich indem man, wie ich, konsequent auf dämliche Handys, "Navis" und ähnlichen Tand verzichtet - entkommen kann.

Wieder einmal wird hier ein weiterer Meilenstein der zunehmenden Überwachung in ein hübsches, humanitäres Mäntelchen gehüllt, denn wer könnte schon etwas dagegen haben, dass Unfallopfern in Zukunft schneller Hilfe zuteil wird? Ich weiß nicht, wie oft es wohl geschieht, dass Menschen bei Verkehrsunfällen zu Schaden kommen, nur weil die medizinische Hilfe zu spät am Unfallort erscheint. Ich habe auch keine Zahlen darüber, wieviele solcher Personenschäden durch das tolle "eCall"-System wohl vermieden werden könnten. Allerdings sehe ich, dass hier einmal mehr eine kleine Minderheit instrumentalisiert wird, um der überwältigenden Mehrheit etwas aufs Auge zu drücken, was diese ansonsten niemals widerstandslos akzeptieren würde.

Da kann die Bande drei- oder auch dreißigmal beteuern, dass dieses Ortungssystem einzig im "Falle eines Unfalls" ("wenn Airbags auslösen") aktiv werden und dann selbstverständlich auch nur "Rettern" die Position des Fahrzeugs verraten soll. Auf solche Beteuerungen - mit Verlaub - scheiße ich inzwischen im Übermaß. Es ist ja altbekannte Tradition der neoliberalen Bande, dass Überwachungsstrukturen, die zunächst zur angeblichen "Verfolgung schwerster Straftaten" geschaffen wurden, bereits nach kurzer Zeit auch für Bagatelldelikte, die man oft sogar im Vorfeld ausdrücklich ausgeschlossen hatte, eifrig genutzt werden. Dieser Bande ist schlicht nicht zu trauen.

Im Rahmen dieses kriminellen, menschenfeindlichen Systems ist jede Art der Überwachung fatal für die Bevölkerung - ganz egal, aus welchen vorgeschobenen "humanitären" oder anderen Gründen sie auch beworben wird.

Nein - ich will keinen staatlich vorgeschriebenen Sender in meinem Auto haben, über dessen Aktivitäten ich keinerlei Kontrolle habe, ebensowenig wie ich zum Beispiel einen Chip implantiert bekommen möchte, der mich in eine Orwell'sche Alptraumwelt führt. Und wenn ich beim WDR dann noch Sätze wie den folgenden lese, habe ich den Kaffee endgültig auf und weiß, in welche finstere Hölle die Reise der Habgierigen gehen soll, wenn dieses kapitalistische Regime nicht endlich gestoppt wird: "Allerdings schließt die EU-Kommission nicht aus, dass es zusätzliche kostenpflichtige Dienste geben könnte: Suche nach gestohlenen Fahrzeugen oder Einsatz für Versicherungen und Mautgebühren." Da ist plötzlich von "auslösenden Airbags" und "Rettern" keine Rede mehr - ein Paranoiker, wer Böses dabei denkt.

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(Element of Crime: "Finger weg von meiner Paranoia", aus dem Album "Mittelpunkt der Welt", 2005)

Donnerstag, 13. Juni 2013

"Schlanker Staat": Hungertod für unsere Demokratie


Der Sprach- und Medienkritiker Holdger Platta nimmt einen weiteren Kampfbegriff der Neoliberalen unter die Lupe. "Schlanker Staat" meint: Alles, was Bürger dieses Staates wirklich brauchen, ist überflüssiger Speck. Man sieht ja, wohin die abschmelzenden Pfunde wandern: Zu reichen Privatleuten.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Einmal mehr möchte ich einen Text von Holdger Platta empfehlen, der uns diesmal sehr anschaulich das neoliberale Monster des "schlanken Staates", gerne auch euphemistisch "Nachtwächterstaat" genannt, vorführt. Die Parallelen zur Reklame, die der Autor dabei zieht, treffen voll ins Schwarze - denn nichts anderes tun PolitikerInnen und Parteien heute: Sie verkaufen und verbreiten Werbebotschaften, die das beworbene "Produkt" unters Volk bringen sollen - und dabei werden bekanntlich alle verfügbaren Möglichkeiten ausgeschöpft: von der Ablenkung, Verzerrung und Beschönigung bis hin zur dreisten, schamlosen Lüge ist alles dabei. Was in derlei Reklamebotschaften allerdings niemals - unter keinen Umständen - vorkommt, das sind seriöse, gar wissenschaftlich fundierte Informationen.

Das wissen wir (hoffentlich) alle. Umso erstaunlicher ist es, dass es tatsächlich noch Menschen geben soll, die das haltlose Geblubber von PolitkerInnen - zumal in Wahlk(r)ampfzeiten! - in irgendeiner Form ernst nehmen. Genauso wie uns die Konzerne in ihren unerträglichen, abgrundtief dämlichen Werbeclips unentwegt die Hucke volllügen, tun dasselbe auch die werten Damen und Herren in politischen Ämtern bzw. solche, die jene Ämter ergattern wollen, wenn sie die in irgendwelchen Propaganda-"Think Tanks" ersonnenen Neusprech-Phrasen dreschen, die wir zur Genüge kennen. Der "schlanke Staat" ist dafür nur ein Beispiel von sehr vielen.

Dennoch ist es eine wirklich gute Sache, wenn wir beispielhaft einmal näher ausgeleuchtet bekommen, was sich hinter einem solchen Neusprech-Begriff tatsächlich verbergen kann. Wer weitere Beispiele nachlesen möchte, kann das u.a. im Neusprech-Blog tun - auch wenn ich persönlich nicht immer jeder Argumentation dort folgen kann.

Sprache ist ein mächtiges Werkzeug - in positiver, aber leider auch in negativer Hinsicht.

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Das Schlafmittel


Im Radio hört man jetzt nur noch Wahlreden.

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 33 vom 10.11.1924)

Dienstag, 11. Juni 2013

Song des Tages: In Places On The Run




(The Dream Academy: "In Places On The Run", aus dem Album "The Dream Academy", 1985)

All alone in bridge of silence
I suppose you shouldn't stay
All alone in dream's asylum
Don't you know we've come a long way

I suppose we were
Somewhere in the sun
We walked in colored fields
In places on the run

What a dream I had
Dressed in colored shawls
Though the night was so warm
And a nightingale
Sat on a castle wall
While the river ran on

Calling, hearing you call
The river ran on
Running
The river ran on

It felt as if we were
In places yet unknown
We walked through the bazaars
In places on the run

What a dream I had
Walking by the wall
Oh, the raiment and all
The stars flickered by
Soon to be replaced
If I asked them they'd fall

Calling, hearing you call
The river ran on
Running
The river ran on

What a dream I had
Dressed in colored shawls
Though the night was so warm
And in the darkness I
Tried to take your hand
But it was nothing at all

Nothing at all
The river ran on
Nothing at all
The river ran on

The river ran on
The river ran on



Anmerkung: Ich weiß nicht, wie andere Menschen das erleben - aber bei mir erzeugte dieser Song schon damals ungeheure Gänsehautgefühle, die bis heute nicht nachgelassen haben, sondern durch die inzwischen untrennbar mit diesen Klängen verknüpften Erinnerungen noch etwas intensiver geworden sind. Wenn ich das Lied höre, denke ich unweigerlich an eine bestimmte sternklare Nacht im Herzen des Burgund - ebenso wie an eine chaotische Irrfahrt durch die verregnete englische Provinz, die nicht enden wollte.

In jedem Fall ist das extrem atmosphärische Musik, die in den Charts, in die sich einige Songs der Band dennoch böse verirrt haben, nichts verloren hat. Der Komponist der Band, Nick Laird-Clowes, hat u.A. den grandiosen, ebenfalls atmosphärisch sehr dichten Soundtrack zu dem wundervollen melancholischen Film "The Invisible Circus" (2001) geschrieben, in dem Moritz Bleibtreu eine seiner ersten internationalen Rollen spielte.