skip to main |
skip to sidebar
Sterben, sagte Marianne, ist furchtbar.
Ich war neun Jahre alt, da schreckte uns mitten in der Nacht das Telefon auf. Vater ging hinunter, und als er zurück kam, zu Mutter ins Zimmer trat, wusste ich: Großvater ist gestorben. Sechzehn war ich, als Großmutter ihm folgte.
Seit drei Jahren konnte sie das Haus nicht mehr verlassen. Immer mehr näherte sich damals ihre gekrümmte Gestalt dem Erdboden und damit ihm. Sie saß im Sessel. Da kam ein Schatten. In ihrem Gesicht schlug er sich nieder. Er huschte vom Kinn gelb über die Nase. Als er ihren Haaransatz über der bleichen Stirn erreichte, starb sie.
Der Schatten wich.
Immer lautlos kommt er. Ein Hauch, der verweht, wenn er in die Haare gelangt, sich selbst verlebt, sobald es vorbei ist. Meine Mutter flüsterte, als er in ihr Zimmer kam, der Wand nachschlich und zuerst ihre Hände überhuschte: Nun atme ich nur noch aus. Er stand schon in ihrem Gesicht, und mit einem Lächeln spielte sie ihn sich selbst ins graue Haar. Er konnte gehen. Diese Geschichten, meinte Marianne, schmerzen.
Aber man muss auch sie erzählen.
Du kannst die Fenster schließen. Du kannst das Licht ausmachen. Aber lautlos wird er kommen.
Sie soll dich nicht erschrecken, auch wenn sie traurig ist, diese Schattengeschichte.
(Silvio Blatter [*1946]; aus: "Brände kommen unerwartet", Zürich 1968)
---
Anmerkung: Wer einmal miterleben musste, wie ein Mensch - ein geliebter zumal - seinen letzten Atemzug tut, der weiß, wie unsäglich betäubend sie ist - diese grausame, eiserne, leere, unerbittliche Stille danach. Dieses Geräusch des letzten Ein- und Ausatmens werde ich niemals vergessen, bis auch meine Lungen sich zum letzten Mal mit Luft füllen.
Dazu ein kleiner, sehr persönlicher Auszug aus einem langen Tagebucheintrag, den ich ca. sechs Monate nach dem qualvollen Tod meiner Mutter geschrieben habe:
"Dann brach die letzte Nacht an. Mein Vater und ich waren am Mittwoch daheim. Da er aber seit mehreren Tagen nicht mehr geschlafen hatte, habe ich ihn gegen 4:00 Uhr morgens eindringlich gebeten, sich hinzulegen, was er auch getan hat. Meine Mutter lag unbeweglich in ihrem Bett, mit Sauerstoffschläuchen in ihrer Nase. Sie atmete sehr schwer; es war so laut, dass man es im ganzen Haus hörte. Dieses qualvolle, heftige, laute Atmen, das die ganze Zeit über die Luft erfüllte, werde ich niemals vergessen. Gegen 5:00 Uhr fing die Atmung plötzlich an, unregelmäßiger zu werden. Ab und zu setzte sie aus, und ich dachte einige Male, dass es nun soweit sei … aber immer fing sie erneut an zu atmen, heftiger und lauter noch als zuvor. Doch um 7:00 Uhr veränderte sich etwas. Die Atmung wurde flacher, setzte immer öfter aus. Das Herz schlug unregelmäßig, begann zu 'flimmern'. Und dann, nach einer langen Atempause von fast einer Minute, setzte sie noch einmal zu einem tiefen Atemzug an, den sie dann in einem unsäglich langen, tiefen Seufzer aus ihrer lädierten Lunge entließ – und fast zeitgleich setzte das Herz aus. An diesem Tag um 7:15 Uhr in der Frühe ist meine Mutter gestorben. (...)
Ich hielt ihre Hand und war fassungslos. Es war wie ein Film, den ich erlebte, und der mit der Realität nichts zu tun hatte, wie mir schien. Ich sehe mich noch immer an diesem Sterbebett stehen, die Hand meiner Mutter in meiner eigenen, als sei ich ein dritter Beobachter dieser Szene. Und ich sehe ihr Gesicht, den geöffneten Mund, die geschlossenen Augen, und die unbeschreiblichen Veränderungen, die an diesem Körper vonstatten gingen, sobald das Leben aus ihm gewichen war. Ich habe sie kaum wiedererkannt. – Ohne dass ich ihn gerufen hätte, erschien zu diesem Zeitpunkt plötzlich mein Vater im Zimmer und sah sofort, was geschehen war. Er ging zu der Uhr, die im Wohnzimmer an der Wand hängt und die meine Mutter so gemocht hatte, und hielt das Pendel an. Sie steht noch heute auf 7:16 Uhr. (...)
Und dann war es die STILLE, die plötzlich im Haus herrschte, die mich umwarf. Das laute, regelmäßige, heftige Atmen, das so viele Tage ununterbrochen durch die Zimmer gezogen war, Tag und Nacht, es war verstummt. Diese Stille des Todes, die sich wie ein Leichentuch über das Haus stülpte und die mich meinen eigenen Herzschlag am Hals ganz deutlich hören und spüren ließ. Ich zitterte am ganzen Körper und blickte dem Tod ins Gesicht. Und es war auch der Tod meiner Vergangenheit, meiner Kindheit und Jugend. Auch ein Stück meines eigenen Lebens war gestorben."
---
Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.
(Rainer Maria Rilke)

(The Church: "Under The Milky Way" (Acoustic Version), aus dem Album "Starfish", 1988)
Sometimes when this place gets kind of empty
Sound of their breath fades with the light
I think about the loveless fascination
Under the milky way tonight
Wish I knew what you were looking for
Might have known what you would find
And it's something quite peculiar
Something that's shimmering and white
Leads you here despite your destination
Under the milky way tonight
Wish I knew what you were looking for
Might have known what you would find
Wish I knew what you were looking for
Might have known what you would find
Lower the curtain down in Memphis
Lower the curtain down alright
I got no time for private consultation
Under the milky way tonight
Wish I knew what you were looking for
Might have known what you would find
Under the milky way tonight

Anmerkung: Die Arschlöcher der Galaxie (Menschen) sind im äußeren Randgebiet, auf dem Bild rechts unten (wo auch sonst) zu finden. Andere Spezies sollten diese Region tunlichst meiden - hier hat die Evolution auf ganzer Linie versagt und ein temporäres Krebsgeschwür erschaffen, das sich selbst samt seiner Umwelt gnadenlos auffrisst. Ansteckungsgefahr besteht für intelligente Wesen zwar nicht, aber das Schauspiel ist dennoch dermaßen unappetitlich, dass vor Reisen in diese Region der Galaxie schon aus ethischen und Gründen der psychologischen Gesundheit gewarnt wird.
86-jährige Schwarzfahrerin muss ins Gefängnis
Eine 86-jährige obdachlose Frau ist wegen wiederholten Schwarzfahrens ins Gefängnis gebracht worden. Keinem der beteiligten Beamten sei dies leicht gefallen, sagte ein Sprecher der Bundespolizei am Donnerstag. / Die mittellose Frau hatte die Strafe von 400 Euro plus 74 Euro Gebühren nicht bezahlen können und muss nun 40 Tage in Gelsenkirchen in Haft.
(Quelle)
Anmerkung: Das ist eine dieser obszönen "Nebenbei-Meldungen" der Systemmedien, die wunderbar illustrieren, an welchem schwindelerregenden Punkt auf der Skala der Menschenverachtung dieser Staat und mit ihm seine Propagandamedien inzwischen angekommen sind. Ich kann das kaum weiter kommentieren, mir fehlen angesichts solcher Untaten schlicht die angemessenen Worte. In einem Land, in dem so etwas ohne einen entsprechenden (Medien-)Aufschrei passiert, will kein Mensch mit einem einigermaßen funktionierenden Gehirn leben.
Da haben sich wirklich alle Beteiligten wie Extremarschlöcher verhalten - die Verkehrsbetriebe ebenso wie die beteiligten Polizei- und Justizbeamten, die Richter ebenso wie die Schleimbeutel in den Redaktionen. Einzig die in Rede stehende Frau kann und darf man nicht verurteilen - wie um alles in der Welt soll eine mittellose, uralte Frau ohne öffentliche Verkehrsmittel denn bitte von A (beispielsweise von ihrem "Zuhause" unter der Brücke) nach B (beispielsweise zum Arzt oder zur Armenspeisung) kommen, ohne "schwarzzufahren"? Ich höre die Kapitalgläubigen förmlich schwadronieren: "Ja, wenn die Oma sich den Bus nicht leisten kann, soll sie eben joggen, unter der Brücke verschimmeln oder ein Taxi nehmen ..." - Es ist dieser widerlichen Bande noch nicht genug, eine alte Frau auf der Straße leben zu lassen - nein, damit ist sie noch lange nicht genug bestraft für ihre Armut. Immer feste druff, wir leben schließlich in Deutschland.
Die stecken eine mittel- und obdachlose Greisin wegen "Schwarzfahrens" in den Knast und drücken auch noch scheinheilig ihr "Bedauern" aus ... einmal mehr fasse ich es nicht. Außerdem lernen wir: Ein Tag "Freiheit" in Deutschland ist nach amtlichen Maßstäben exakt 11,85 € wert. - Es fehlt nicht mehr viel, dann verschwinde ich - nicht ohne endlose Kotzorgien - endgültig aus diesem Horrorstaat.
---
Der Tod und die [deutsche] Hausfrau

"Allmächtiger Gott! Er hat meine Wäscheleine zerschnitten!"
(Zeichnung von Anton Hansen [1891-1960], in "Simplicissimus", Heft 28 vom 06.10.1924)
Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich. Diesseits waren die Fußspitzen, jenseits die Hände eingebohrt, in bröckelndem Lehm habe ich mich festgebissen. Die Schöße meines Rockes wehten zu meinen Seiten. In der Tiefe lärmte der eisige Forellenbach. Kein Tourist verirrte sich zu dieser unwegsamen Höhe, die Brücke war in den Karten noch nicht eingezeichnet. – So lag ich und wartete; ich musste warten. Ohne einzustürzen kann keine einmal errichtete Brücke aufhören, Brücke zu sein.
Einmal gegen Abend war es – war es der erste, war es der tausendste, ich weiß nicht, – meine Gedanken gingen immer in einem Wirrwarr und immer in der Runde. Gegen Abend im Sommer, dunkler rauschte der Bach, da hörte ich einen Mannesschritt! Zu mir, zu mir. – Strecke dich, Brücke, setze dich in Stand, geländerloser Balken, halte den dir Anvertrauten. Die Unsicherheit seines Schrittes gleiche unmerklich aus, schwankt er aber, dann gib dich zu erkennen und wie ein Berggott schleudere ihn ans Land.
Er kam, mit der Eisenspitze seines Stockes beklopfte er mich, dann hob er mit ihr meine Rockschöße und ordnete sie auf mir. In mein buschiges Haar fuhr er mit der Spitze und ließ sie, wahrscheinlich wild umherblickend, lange drin liegen. Dann aber – gerade träumte ich ihm nach über Berg und Tal – sprang er mit beiden Füßen mir mitten auf den Leib. Ich erschauerte in wildem Schmerz, gänzlich unwissend. Wer war es? Ein Kind? Ein Traum? Ein Wegelagerer? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter? Und ich drehte mich um, ihn zu sehen. – Brücke dreht sich um! – Ich war noch nicht umgedreht, da stürzte ich schon, ich stürzte, und schon war ich zerrissen und aufgespießt von den zugespitzten Kieseln, die mich immer so friedlich aus dem rasenden Wasser angestarrt hatten.
(Franz Kafka [1883-1924]: "Die Brücke", entstanden 1916/17, erst posthum veröffentlicht, in "Nachgelassene Schriften und Fragmente 1", hg. von Malcolm Pasley, 1993)

Anmerkung: Es gibt nur wenige Texte, die unsere furchtbare Zeit so gut beschreiben wie dieses kleine Juwel von Kafka. Ich lese seit geraumer Zeit immer wieder in irgendwelchen abstrusen Interviews oder anderen Berichten, das Werk Kafkas sei "unzugänglich", "sperrig" oder gar "schlecht zu verstehen" - und kann mit solchen leichtfertigen Urteilen so gar nichts anfangen. Was soll beispielsweise an diesem Text so "unzugänglich" sein? Da kann ich immer wieder nur ermuntern: Leute, werft doch Euer Gehirn an - es ist zu wesentlich mehr fähig als nur zur schnöden Reproduktion, Geldbeschaffung, verdummenden Unterhaltung und zum Konsum - auch wenn der Kapitalismus gar nicht mehr von Euch verlangt bzw. Euch gar nicht mehr zubilligt als diese elementaren Basisfunktionen.
Man kann lange Aufsätze über diesen kleinen Text schreiben, und sie sind alle "erlaubt" - denn es gibt keine "richtige" oder "einzig gültige" Interpretation von Texten, zumal aus der Feder Kafkas; es gilt wie immer in der Kunst: Das Ergebnis entsteht erst beim Rezipienten und nicht schon im Hirn des Künstlers. Der kann zwar eine bestimmte Intention verfolgen und tut das zumeist auch, aber ob das auch genauso bei anderen Menschen ankommt, ist eine völlig andere Frage. Das ist wirkliche Kreativität: Bemühe Deine eigenen Gedanken, wenn Du etwas liest, ansiehst oder anhörst - und scher Dich erst einmal nicht darum, was der Urheber damit vielleicht gemeint haben könnte. Mit diesem Ansatz liest sich auch jeder Text von Kafka völlig flüssig und ist weit entfernt von irgendeiner herbeifabulierten "Sperrigkeit".
Wenn man tiefer einsteigen und den Künstler - den Menschen - vielleicht besser kennen und verstehen lernen will, kann man sich immer noch näher mit seiner Biografie, seinem Leben und Werk beschäftigen. Ob die Interpretationen dann stets an Qualität gewinnen, will ich aber generell in Frage stellen. Letztlich ist es doch immer bedeutender, was ein Kunstwerk konkret auslöst oder bewirkt - und nicht das, was der Urheber möglicherweise ursprünglich im Sinn hatte.
Ich möchte nicht in der bedauernswerten Lage sein, in der heutigen gruseligen Zeit beispielsweise eine Abi-Klausur über Kafka schreiben zu müssen - da wird sicherlich nach strengsten neoliberalen Maßstäben und Kategorien beurteilt, welche Interpretationen "richtig" und welche "falsch" sind. Jene Maßstäbe dürften - ebenso wie das neoliberale, kapitalistische System an sich - dermaßen abstrus und absurd sein, dass ein wacher, eigenständiger Geist gar nicht anders kann als daran komplett zu verzweifeln und sich in eine wirklich kafkaeske Alptraumwelt gestoßen zu sehen.
Was ja auch der Realität entspricht.
(Edguy: "Wasted Time", aus dem Album "Rocket Ride", 2006)
The dream is over, no-one's to take the blame
We believed in roses but only thorns remain
When I look into the rearview mirror
We create and we destroy
Put our blood into a street with a dead end
Walk up that stairway to jump off into the black
Here we go!
We go all the way - do we need the pain?
Waking up in a black tomorrow!
I've been there before - was it all wasted again?
We go all the way - do we need the pain?
Waking up in a black tomorrow!
I've been there before - was it all just wasted time?
Maybe I am different, maybe I'm a fool
And I wonder if it's worth it
Trying to find another you
And I look into the rearview mirror
Just to see how fucked I look
While I drive along that street with a dead end
Like a moth to the flame, it's gonna suck me into pain
Still we go!
We go all the way - do we need the pain?
Waking up in a black tomorrow!
I've been there before - was it all wasted again?
We go all the way - do we need the pain?
Waking up in a black tomorrow!
I've been there before - was it all just wasted time?
What are we heading for, why do I dare again?
Once bitten, twice shy and still we never learn
So here I'm lying - a leisure-poet in pain
Involuntary loner, I know that life is just a game
Where nobody gets out alive - a sedative shot for me
No happy man gets out alive - neither of us, you will see
Here we go!
We go all the way - do we need the pain?
Waking up in a black tomorrow!
I've been there before - was it all wasted again?
We go all the way - do we need the pain?
Waking up in a black tomorrow!
I've been there before - was it all just wasted time?

Anmerkung: Baby, schüttel' dein Haar für mich ... - Es gibt sie noch, die guten, alten Rocker, die noch wissen, dass eine Gitarre nicht bloß ein Begleit- und Rhythmusinstrument ist und die ihre Wurzeln bei Deep Purple, Rainbow, Uriah Heep oder den frühen Iron-Maiden-Werken in Ehren halten. Mir wird immer so nostalgisch zumute, wenn ich sowas höre. ;-) Und ganz nebenbei gibt der Text - wenn er auch auf eine gescheiterte Liebesbeziehung gemünzt sein dürfte - auch einen wunderbaren Abgesang auf unsere schöne, kapitalistische Glitzerwelt ab, von der die billigen Fassaden derzeit gleich zentnerweise abblättern und nur noch rauchende Ruinen offenbaren - "waking up in a black tomorrow".
Prozess gegen Jugendpfarrer König platzt / Mit Videos will die Dresdner Polizei vor Gericht beweisen: Jugendpfarrer König hat bei einer Demo in Dresden dazu aufgefordert, Beamte zu attackieren. Doch jetzt kommt heraus: Der Film ist zusammengeschnitten, die Originalaufnahmen lassen den Fall in neuem Licht erscheinen.
(Weiterlesen)
Anmerkung: Wir sollten uns das einmal auf der Zunge zergehen lassen: In der polizeilichen und gerichtlichen Farce um Lothar König, der gegen Nazis demonstriert hatte, ist nun aufgeflogen, dass die Polizei jene "belastenden Beweise" dreist und noch dazu schlecht gefälscht hat, die der Staatsanwaltschaft als Anklagegründe dienten. Dieser Vorgang an sich ist schon so ungeheuerlich, dass der Mund sperrangelweit offen stehen bleibt. Die sich anschließenden Fragen - die von der Kuh-Presse bislang natürlich nicht gestellt wurden -, verursachen aber gleich noch schlimmere Bauschschmerzen: Was wusste die Staatsanwaltschaft davon? Und welche Motivation hat jene Polizisten zu ihren Fälschungstaten getrieben? Es ist doch wohl kaum davon auszugehen, dass da irgendwelche kleine Beamte von selbst auf die Idee gekommen sind, frei nach dem Motto: "Hey, dieser linken Sau zeigen wir's jetzt mal - wir fälschen Beweise, jubeln die der Staatsanwaltschaft unter und bringen den Penner einfach mal in den Knast!"
Auszuschließen ist ein solches Szenario zwar nicht, aber wahrscheinlicher wird es dadurch auch nicht. Für mich riecht das sehr stark nach Anweisungen von "weiter oben", die da ausgeführt worden sind - oder werden bei der Polizei inzwischen auch (wie bei den Hartz-Terror-Behörden üblich) "Prämien" für erteilte Sanktionen an beliebigen Mitbürgern an die beteiligten Beamten ausgezahlt? Überraschen würde mich selbst das nicht mehr.
In jedem Fall werden uns die Propagandamedien - falls das Thema überhaupt weiter behandelt wird - schon sehr bald das bewegende Märchen von dem "bedauerlichen Einzelfall" und den "wirren Einzeltätern" erzählen, während der Unrechtsstaat immer weiter furchtbare Gestalt annimmt. Erst gestern berichtete "Report Mainz" über Abschiebegefängnisse, in denen Menschen inhaftiert sind, denen erst gar nicht das Recht auf einen Asylantrag gewährt wurde, und über obligatorische (!!) Strafverfahren (!!!) gegen Flüchtlinge: "Es handelt sich um Schnellverfahren. Sehr oft sind [die Flüchtlinge] in weniger als 15 Minuten, ohne jeden Verteidiger [und ohne Dolmetscher - sie haben also keine Ahnung, worum es da eigentlich geht, Anm.d.Kap.], zu Haft- oder Geldstrafen verurteilt." In einem solchen verkommenen Unrechtsstaat kann es nicht weiter verwundern, dass Polizisten Beweise fälschen bzw. die Order dazu erhalten.
Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, wieso ausgerechnet ein Jugendpfarrer, der gegen Nazis auf die Straße geht, dieser korrupten Bande ein solcher Dorn im Auge ist, dass sie ihn unbedingt aus dem Weg räumen will. Gehen die Pläne dieser irrsinnigen und habgierigen Menschenfeinde am Ende doch wieder in eine faschistische Richtung, die ich mir nicht einmal in wildesten, finstersten Verschwörungsmomenten auszudenken vermag? Wieso ausgerechnet Lothar König? Oder war er nur ein willkürliches, zufälliges Opfer dieser widerlichen Maschinerie, an dem ein "Exempel" statuiert werden sollte?
Wie man es auch dreht und wendet, das Fazit bleibt dasselbe: In Sachen Korruption, staatlicher Willkür und Repression, Kapitalarschkriecherei, politisch-neoliberalem Einheitsbrei, Habgier, Unrecht und Faschismus kann es unsere heutige böse Zeit ganz locker mit den Weimarer Jahren aufnehmen. In Sachen Totalüberwachung der BürgerInnen bei gleichzeitiger Totalapathie der Massen angesichts der offenkundigen Schreckensszenarien sind wir dieser Zeit allerdings weit, sehr weit voraus. Da mag sich einjede/r selbst ausmalen, was wohl diesmal am Ende dieser Entwicklungen herauskommen wird. Ich gehe davon aus, dass "Fälscherwerkstätten der Polizei" dann eines der eher kleineren Übel sein werden, mit denen sich die Menschen herumplagen müssen.
Aber das kennen wir ja schon alles.

Nein, ich verfalle nicht erneut in eine Lobpreisungshudelei, sondern lege Euch einfach energisch nahe, auch den aktuellen Gärtner-Text in der Titanic Online wieder aufmerksam zu lesen. Jeden weiteren Kommentar dazu spare ich mir - Gärtner sagt alles und das wie gewohnt sehr prägnant.
Ich will ein Kind von dem.
Außerdem konsumiere ich solche Abführmittel, Gehirnmassevernichter oder Depressionsverstärker wie "Wetten dass", "Phantom der Oper", "Fußball" oder "Pur" niemals oder nur über meine Leiche, so dass ich ohnehin wenig zum originären Thema beitragen könnte. Was ich aber am Rande noch anbringen möchte, ist ein kleines Plädoyer für den Roman "Das Phantom der Oper" von Gaston Leroux (erschienen erstmals 1909/10), der allen Kritiken zum Trotz weitaus besser ist als sein Ruf. Was Lloyd-Webber und vor und nach ihm andere Kassenklingler der Film- und Musik-Unterhaltungsindustrie daraus gemacht haben, wird dem Originaltext jedenfalls in keiner Weise gerecht. Wer E.T.A. Hoffmann, E.A. Poe oder auch Theodor Storms "Der Schimmelreiter" mag, wird den Roman von Leroux lieben. Wem hingegen Lloyd-Webbers Extremkitsch-Musical gefällt, braucht sich das Buch gar nicht erst ins Regal zu stellen.
In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf den Reclam-Band "Gespenstergeschichten", hg. von Dietrich Weber, 1989, hinweisen, der eine sehr ausgewogene und umfangreiche Auswahl an literarischen Stücken dieses Genres enthält. Motto: Wenn die Realität schon so gruselig und absurd ist, dass sie jede Fiktion mühelos überbietet, bleiben doch nur die fiktiven, fast schon heimeligen Gespensterwelten, um sich zumindest temporär zu flüchten und den Geist zur Ruhe kommen zu lassen.
Ob das nun eine großartig andere Qualität besitzt als die "Wetten dass"-Hirnvernichtung, höre ich schon manchen Kritiker murmeln - unbedingt, ja! Denn hier wird nicht Ablenkung und Abstumpfung propagiert und praktiziert, sondern eine gewollte und nachvollziehbare Stärkung eines "wachen Geistes". Eine Flucht ins Scheinidyll ist eben etwas grundsätzlich anderes als eine Flucht in die Dunkelheit.
Und das gilt - ebenfalls am Rande - nicht nur für Literatur und Musik, sondern für alle Bereiche des kreativen Schaffens und Genießens - inklusive der verpönten Welt der Computerspiele.

Ich hab meine Tante geschlachtet,
Meine Tante war alt und schwach;
Ich hatte bei ihr übernachtet
Und grub in den Kisten-Kasten nach.
Da fand ich goldene Haufen,
Fand auch an Papieren gar viel
Und hörte die alte Tante schnaufen
Ohn Mitleid und Zartgefühl.
Was nutzt es, dass sie sich noch härme –
Nacht war es rings um mich her –
Ich stieß ihr den Dolch in die Därme,
Die Tante schnaufte nicht mehr.
Das Geld war schwer zu tragen,
Viel schwerer die Tante noch.
Ich fasste sie bebend am Kragen
Und stieß sie ins tiefe Kellerloch. –
Ich hab meine Tante geschlachtet,
Meine Tante war alt und schwach;
Ihr aber, o Richter, ihr trachtet
Meiner blühenden Jugend-Jugend nach.
(Frank Wedekind [1864-1918]: "Die vier Jahreszeiten: Winter", Gedichte, 1905; zuerst als kabarettistische Moritat, 1902)
Anmerkung: Die "Logik" des Kapitalismus' konsequent zuende gedacht (und vielfach vertont). Staaten und Konzerne, gelegentlich auch einzelne Grüppchen oder Personen, handelten stets nach dieser eisigen Maxime - bis einschließlich heute -, ohne dass sich irgendwelche Richter dafür interessierten. Die kamen und kommen erst dann ins absurde Spiel, wenn der so genannte "kleine Mensch" die schändlichen Taten der Mächtigen und Superreichen zwecks der eigenen Bereicherung nachzuahmen versucht.
---
Der Volkswirt

"Über eine Milliarde Mark wird täglich fürs Essen hinausgeworfen. Wie nützlich könnte man dieses Geld verwenden!"
(Lithografie von Paul Schondorff [1880-?], in "Simplicissimus", Heft 3 vom 20.04.1925)
(Goethes Erben: "Keine Lösung", aus dem Album "Das Sterben ist ästhetisch bunt", 1992/1998)
Es gibt keine Lösung, keinen Ausweg, keinen Sinn.
Wo liegt die Hoffnung?
Warum geboren - noch nicht tot?
Sieh das Korn! Es fällt.
Wo ist die Antwort auf die Frage?
Von wem gestellt?
Was folgt auf den Morgen?
Spiegelsplitter.
Niemand ist anwesend.
Die Einsamkeit hat sich verbissen.
Es gibt keine ... aber das kennen wir ja schon.
Der Mangel blutet.
ES GIBT KEINE LÖSUNG, KEINEN AUSWEG, KEINEN SINN.

Eine ausufernde Anmerkung spare ich mir angesichts dieser sich selbst erklärenden Musik wohl besser. Es gibt Momente in meinem Leben, in denen ich dem Sprecher Herrn Henke nichts zu entgegnen habe, sondern nur resignativ zu nicken vermag. Diese Momente dauern glücklicherweise aber nie allzu lange an. Bislang jedenfalls.
Ein wunderbarer Kontrapunkt zur konzerngesteuerten und scheinheiligen Retorten- und Wohlfühlmusik der Massenmedien ist diese Kunst aber allemal - außerdem stellt sie ein atmosphärisches Glanzlicht auf meinem persönlichen musikalischen Sampler für das "Narrenschiff" dar, wobei ich noch unschlüssig bin, ob es das erste oder doch eher das letzte Stück sein sollte: ein Spiegelbild des ewigen Kampfes zwischen der Hoffnung und der Resignation.
Lieber Leser [in der fernen Zukunft] – !
Durch irgendeinen Zufall kramst du in der Bibliothek, findest die "Mona Lisa", stutzt und liest. Guten Tag. / Ich bin sehr befangen: du hast einen Anzug an, dessen Mode von meinem damaligen sehr absticht, auch dein Gehirn trägst du ganz anders ... Ich setze dreimal an: jedesmal mit einem andern Thema, man muss doch in Berührung kommen ... Jedesmal muss ich es wieder aufgeben – wir verstehen einander gar nicht. Ich bin wohl zu klein; meine Zeit steht mir bis zum Halse, kaum gucke ich mit dem Kopf ein bisschen über den Zeitpegel ... da, ich wusste es: du lächelst mich aus.
(Weiterlesen)
Anmerkung: Wer den kleinen Text "Gruß nach vorn" von Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1926 noch nicht kennt oder ihn schon länger nicht mehr gelesen hat, sollte ihn sich vor der Antwort (noch) einmal zu Gemüte führen. Dazu scrollt Ihr die verlinkte Blättchen-Seite einfach nach unten - Tucholskys Original-Text ist unter der Antwort im Wortlaut wiedergegeben - oder klickt alternativ hier.
Ich finde diesen Antwort-Text ganz charmant - auch wenn es freilich nicht die erste Antwort ist, die jemand im Laufe der Jahrzehnte zu dem Text geschrieben hat. Einzig das gewollt schnodderige "Berlinerisch" geht mir ein wenig auf die Nerven, da es - obwohl Tucholsky selbst es gelegentlich auch benutzt hat - gerade zu diesem Text nicht so recht passen will. Aber darüber kann man hinweglesen.
Das ist kein "großer Wurf", aber ein nettes Stück politische Literatur - und außerdem ein willkommener Anlass, sich wieder einmal dem bemerkenswerten Tucholsky zuzuwenden. Sämtliche Werke dieses Schriftstellers und Journalisten sind heute gemeinfrei und im Netz kostenlos verfügbar.

(Sofort alles lesen)
Anmerkung: Ich kann nicht umhin, auch heute wieder auf den Knien herumzurutschen und dem Gärtner für seinen sonntäglichen Text - diesmal zum Thema "Flutkatastrophe" bzw. der "Berichterstattung" der deutschen "Qualitätsmedien" darüber - quasi religiös zu danken. Ich sollte das in Zukunft einfach nicht mehr lesen, weil alles, was ich tue, mir dann stets irgendwie redundant erscheint. Das mag aus gewissen Sichtweisen sowieso zutreffend sein, aber ich kann mich bisher doch immer wieder getreu dem Element-of-Crime-Motto in trockene Tücher retten: "Doch alles kommt ins Reine mit etwas Selbstbetrug."
Gärtner formuliert hier exakt das, was ich während der zurückliegenden Wochen immer wieder - mal diffus, mal ganz klar - gedacht und gefühlt habe, wenn ich über die zumeist albernen Berichte oder gar Fernsehsendungen zu diesem Thema gestolpert bin. Eine solche Überschwemmung erfüllt offenbar genau denselben widerwärtigen medial-propagandistischen Zweck, der ansonsten irgendwelchen Sport- oder Schlagerveranstaltungen vorbehalten ist. Hauptsache, das "nationale Einheitsgefühl", das es de facto (und glücklicherweise) gar nicht gibt - wird gefüttert - so absurd das Szenario auch sein mag. Und niemand bringt das so treffend und anbetungswürdig auf den Punkt wie der Gärtner.
Einzig den Schlussatz hätte ich mir doch etwas schärfer gewünscht - das klingt fast so, als wäre da etwas, was ursprünglich wesentlich drastischer formuliert war, auf die Schnelle entschärft worden. Für mich ist die BRD des Jahres 2013 jedenfalls längst eine totalitäre, kapitalistische Quasi-Diktatur auf dem strammen Weg in den Faschismus, die mithilfe umfassender medialer und pseudowissenschaftlicher Propaganda das scheindemokratische Zerrbild einer "freiheitlich-demokratischen Grundordnung" eher schlecht als recht versucht aufrecht zu erhalten. Tatsächlich geschieht hier nichts Demokratisches, und über das Wort "Freiheit" können wir nicht erst seit Gauck, PRISM, Friedrich und den ungezählten Ungereimtheiten und Skandalen in Verbindung mit staatlichen Stellen wie der Polizei, den Geheimdiensten, der Justiz, den Nazis und selbstredend der Politik nur noch röchelnd lachen. Auch für jedes Hartz-Terror-Opfer, das sich unablässig mit den staatlichen Schergen der "Jobcenter" um das Existenzminimum, also um die Lebensberechtigung (sic!) in diesem furchtbaren Land, streiten darf, ist das Wort "Freiheit" längst zu einer absurden Farce mutiert, die nicht nur entfernt an finsterste braune Zeiten in diesem Land erinnert.
Und weil der Gärtner einer der ganz wenigen ist, der solcherlei Dinge immer wieder anspricht und den Finger in die nässende Wunde legt, vermache ich ihm die folgende Hymne von Herzen. Möge er Papst werden. Amen.


(Bild: imgur.com; zum Vergrößern draufklicken)
Anmerkung: Im Rahmen des Protestes in Istanbul in den vergangen Tagen ist auch dieses Foto entstanden, das eine Frau zeigt, die mit verhüllten Augen die Erzählung "Die Verwandlung" von Franz Kafka aus dem Jahre 1912 zu lesen scheint bzw. daran offensichtlich durch die Augenbinde gehindert wird. Für mich ist das eine ganz außerordentlich starke, aussagekräftige Form des Protestes, die ich sehr bewundere.
Ich kann und will an dieser Stelle keine Analyse des Kafka-Textes anbieten - zu diesem Thema sind unzählige Bücher geschrieben worden und es herrscht bis heute kein Konsens in der Literaturwissenschaft. Dennoch möchte ich auf den Interpretationsansatz von Peter-André Alt zumindest hinweisen, den dieser in seiner Kafka-Biographie aus dem Jahr 2005 ("Franz Kafka: Der ewige Sohn. Eine Biographie") formuliert hat: Danach ist "die Gestalt des Ungeziefers ein drastischer Ausdruck der von Deprivation geprägten Existenz Gregor Samsas [des Protagonisten]. Reduziert auf die Erfüllung seiner beruflichen Pflichten, ängstlich um sein Fortkommen bemüht, gepeinigt von der Angst vor geschäftlichen Fehlern, ist er die Kreatur eines funktionalistischen Erwerbslebens."
Es war schon ein genialer Einfall dieser Frau aus Istanbul, ausgerechnet dieses Buch für ihren ungewöhnlichen, stummen Protest auszuwählen.
Das gesamte Werk Kafkas ist übrigens inzwischen gemeinfrei (d.h. endlich befreit von sämtlichen Urheberschutzgelderpressungen habgieriger "Rechteverwerter") und legal im Internet abrufbar. "Die Verwandlung" findet Ihr beispielsweise hier. Es gibt meines Erachtens nur wenige Erzählungen, deren Beginn bereits eine so extreme Lust zum Weiterlesen erzeugt:
"Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen."
(Isis: "So Did We", aus dem Album "Panopticon", 2004)
Our skin worn thin
Our bones exposed
Life reduced to ticks
From forest caves and azure skies
We crashed upon this earth
The years they passed, and so did we
Yet resistance would be formed

Anmerkung: Lasst Euch nicht von den ersten Takten dieses Songs abschrecken - diese Band hat weitaus mehr zu bieten als wilde Gitarren und dumpfes Gegröle. Das ist Musik für Gewitternächte mit Donnern, Blitzen, Regengüssen, Pausen, Stille, ausufernder Melancholie und Untergangsgedanken - was angesichts des Albumtitels auch nicht weiter verwundert. Heute ist die Assoziation, zu einem Wort wie "Panopticon" - also zu einem "perfekten Überwachungsgefängnis" - das Luftbild einer gewöhnlichen Kleinstadt zu zeigen, ja nicht mehr so ungewöhnlich - 2004 war das aber noch regelrecht prophetisch-dystopisch.
Die Welt befindet sich im Krieg, im Finanzkrieg. Davon ist Wolfgang Hetzer überzeugt. Er war bis 2011 beim europäischen Amt für Korruptionsbekämpfung OLAF tätig. Was er dort erlebt hat, lässt für den Juristen nur einen Schluss zu: Der Kapitalismus ist eine Kriegserklärung an die bürgerliche Welt. In seinem ersten Buch "Finanzmafia" schreibt Hetzer über die "Korruption als Leitkultur". Die derzeitige Wirtschaftskrise ist demnach ein Produkt aus politischen Fehlentscheidungen, wirtschaftlicher Inkompetenz und krimineller Energie.
(Weiterlesen)
Anmerkung: Lest Euch dieses Interview sorgfältig durch. Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie unter dem umgehängten Mäntelchen der Scheinkritik am Kapitalismus letztlich wieder nur die alten Floskeln und Gebetsmühlen heruntergeleiert werden. Selbstverständlich ist auch diesem Herrn Hetzer klar, dass der katastrophale Zustand dieser Welt nichts mit "politischen Fehlentscheidungen", die auf "wirtschaftlicher Inkompetenz" beruhen, zu tun hat - wenn er das tatsächlich glaubte, wäre er ebenso dumm wie jeder dumpfe CDU- oder FDP-Wähler aus Hinterfurzingen.
Reagan, Thatcher und ihre NachfolgerInnen samt den Strippenziehern im Hintergrund wussten und wissen selbstredend, was sie da anrichten - das waren keine "Versehen" oder "Fehlentscheidungen", sondern es war das konsequente Abarbeiten einer zuvor erstellten "Agenda", die eben diese zunehmenden katastrophalen Zustände, die wir seit einigen Jahrzehnten beobachten müssen, bewusst in Kauf genommen hat, um den Superreichtum und die Macht einer kleiner Minderheit zu mehren und zu betonieren. Man kann das alles nachlesen, wenn man sich die Mühe machen will - auf Deutschland bezogen reicht ein Blick in das so genannte "Lambsdorff-Papier" aus den 80er Jahren, das als Grundlage für das "Schröder-Blair-Papier" 1999 und die nachfolgende "Agenda 2010" diente. Da ist nichts "versehentlich" passiert - es war alles ausformuliert und vorgedacht und die Halunken haben es schlicht böswillig in die Tat umgesetzt. Das einzige Versehen, das ich dieser Bande zugestehen mag, ist die Tatsache, dass es in Deutschland trotz dieser Zerstörungen noch immer manchen Menschen wirtschaftlich einigermaßen gut geht. Das war so sicher nicht vorgesehen - und es wird sich in Bälde zunehmend ändern.
Derweil wollen uns Propaganda-Experten mit Texten wie dem verlinkten Standard-Interview beruhigen, indem sie nach alarmistischen Phrasen beruhigend resümieren, dass alles doch gar nicht so schlimm und die Umkehr im Übrigen schon eingeleitet sei. Sicher, Solarzellen auf den Dächern der Behausungen von Besserverdienern oder Car-Sharing werden die kapitalistische Katastrophe gewiss aufhalten. So naiv kann dieser Mann gar nicht sein, dass er einen solchen Stumpfsinn allen Ernstes glaubt. Vielleicht ist es kein Zufall, dass er "Hetzer" heißt.
Den oben zitierten Eingangstext zum Interview möchte ich abschließend so korrigieren: "Der Kapitalismus ist eine Kriegserklärung an die Menschheit und die Natur. (...) Die derzeitige Wirtschaftskrise ist ein Produkt aus bewusst getroffenen politischen Entscheidungen, Korruption, Habgier, Menschenfeindlichkeit, Verlogenheit, gewollter Verarmung der Massen zugunsten einer kleinen Minderheit - mithin ein glasklares Spiegelbild der üblichen kriminellen Energie der politischen 'Elite' in einem derart verkommenen System wie dem Kapitalismus." - Solche Binsenweisheiten werden wir indes in den Propagandamedien niemals zu lesen bekommen.
---
Kabinett und Volk

"Alle Macht geht vom Volke aus!"
"Durch den Mund des Reichstags kommen seine Wünsche an das Ohr der Regierung."
"Aber - wichtige Dinge bleiben nach wie vor der geheimen Kabinettsberatung vorbehalten."
"Die allerwichtigsten Entscheidungen freilich behält sich der Ressortminister vor."
"Dafür darf das ganze Volk zahlen."
(Zeichnungen von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 33 vom 14.11.1927)
Während die Reichen, Schönen und sonstwie Doofen ihre Metropolen für sich haben und sie in aller Seelenruhe (sofern "Seele" da nicht das falsche Wort ist) zu eben dem "Hochpreis-Slum" machen können, das der New Yorker SZ-Korrespondent am Hudson bereits ausgemacht hat, gehen wir nach wasweißich Lüneburg, ziehen die Kinder groß und machen es uns gemütlich. Sollen sie doch unter sich bleiben und sich in ihren scheiß Kreativ-Eliteschulen die Ellbogen ins Gesicht drücken, im Café für den Cappuccino sechs Euro bezahlen und für einen Trendkinderwagen 1000, das geht dann voll in Ordnung und uns nichts mehr an.
(Stefan Gärtner in seiner Kolumne "Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück" im Titanic-Magazin Online vom 09.06.2013)
Anmerkung: Der gesamte Text ist wieder einmal ein Highlight, das mir in der letzten Woche den tristen Sonntag erheblich versüßt hat. Wenn es den Gärtner nicht gäbe, müsste man ihn erfinden. Seine Texte gehören allerdings nicht nur in die Titanic, sondern sollten an prominenter Stelle in der Süddeutschen, in der FAZ oder in der Zeit stehen. Dort könnte er zumindest das schaurige Publikum erreichen, das sich diese Texte - um es pädagogisch auszudrücken: "erkenntnisgewinnend" - wiederholt zu Gemüte führen sollte.
Es ist schon bezeichnend für den erbärmlichen "Zustand dieser Zeit" (Kästner), wenn es ausgerechnet und fast ausschließlich Satiriker wie eben Gärtner, Schramm und andere sind, die den Nagel auf den Kopf treffen und ihn somit tief ins blutige, vermodernde Holz jagen. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, in denen beispielsweise ein völlig humorlos agierender Klaus Bednarz - also ein Journalist - diese Rolle innig und vollblütig wahrgenommen hat. Das ist heute gänzlich undenkbar.
Nehmen wir Gärtner beim Wort: Auf in die Provinz, auf in ein neues Leben ohne Konkurrenz, Wettbewerb, Konsumismus, Konzerne, Kapitalismus und Ich-will-das-Beste-für-mein-Kind-auch-wenn-andere-Kinder-darunter-elendig-leiden-mir-doch-egal - es muss ja nicht unbedingt Lüneburg oder Hessen sein. ;-) - Ja, ich weiß, ich bin ein hoffnungsloser Utopist oder wahlweise ein übles Schandmaul. Was aber bleibt sonst übrig?

(Klaus Bednarz: Seriös, humorlos, Demokrat mit dezenter modischer Sehhilfe)